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Textdaten
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Autor: Fritz Wernick
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Titel: Bilder von der Ostseeküste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 301-302
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1888) b 293.jpg

Die Kirche von Schwarzort.

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Bilder von der Ostseeküste.
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Die nordöstliche Grenzmark des Deutschen Reiches wird noch viel zu selten von Vergnügungsreisenden aufgesucht. Masuren mit seinen blinkenden Seespiegeln, nicht mit Unrecht die ostpreußische Schweiz genannt, die tiefen, sumpfigen Wälder an dem majestätisch dahinrauschenden Memelstrome, in denen noch das Elenthier haust, entbehren keineswegs fesselnder, landschaftlicher Schönheiten. Und nähert man sich erst der Seeküste, da werden die Formen interessanter, malerischer, da buchtet das Meer sich zu herrlich geschwungenen Golfen; da springen Steilhöhen weit hinaus in die Fluth, da schieben Haffbildungen, Süßwasserbecken, welche ein schmaler Dünengrat von der offenen See scheidet, sich zwischen diese und das hohe, lebhaft gegliederte Land. Der baltische Küstensaum der altpreußischen Stammprovinz bietet landschaftliche Schönheiten in Fülle.

Die Weichselmündungen bei Danzig, umrandet von bewaldeten Bergzügen, die einen weiten, herrlich profilirten Golf bilden, gehören zu den erhabensten Naturscenerien Mitteleuropas. Kaum minder schön sind die Uferlandschaften Elbings. Weiter nordostwärts leuchtet ein Wasserspiegel in grüner Landschaft auf. Das ist das Kurische Haff, von einer gewaltigen Düne umschlossen. Ein Dampfer trägt uns hinüber nach derselben zu dem Stranddörfchen Schwarzort, unserem Ziel. Nordischer, ernster, aber weit gewaltiger wirkt hier die ganze Umgebung; die liebliche Anmuth, die uns an den Elbinger Ufergeländen des Frischen Haffs entzückt, weicht hier einer an diesen Küsten kaum erwarteten Großartigkeit. Keine Uferberge, kein malerischer Abschluß liegen vor unseren Blicken, wenn wir von dem Dünendorfe Schwarzort aus mit Hilfe eines Fernrohrs über den Spiegel des Haff zum festen Lande hinschauen, grüner Frucht- und Wiesenboden, mit Bäumen und Häusern freundlich staffirt, breitet sich dort aus bis zum flachen Horizonte hin.

Hier zeigt die Landschaft ihr freundliches Gesicht. Eine heitere Kolonie, liegt Schwarzort am Haffufer, gelehnt an kräftigen Hochwald mit prachtvollen Tannen, Fichten und dichtem Wachholdergebüsch. Ein gothisches Kirchlein in rothem Backsteinbau hebt sich schmuck hervor auf dem grünen Hintergrunde; Fischerwohnungen, Bauernhäuser gruppiren sich um die Kirche; weiter verstreut im Grünen, auf kleinen Hügelrücken, inmitten zierlicher Gärtchen liegen Landhäuser, Villen idealisirte Schweizerhäuser, und überall ziehen während der Sommermonate Gäste hier ein, die sich an der milden, würzigen Fichtennadelluft erfreuen oder Bäder nehmen wollen im nahen Meere, von dem uns ein nur viertelstündiger Weg über die Düne trennt. In der nicht kleinen Zahl derartiger preußischer Sommerkolonien längs des baltischen Gestades ist Schwarzort wohl eine der jüngsten; es gehört aber zu den in klimatischer Hinsicht äußerst günstig gelegenen, zu den interessantesten und eigenartigsten; seine Reize lassen sich nicht mit denen irgend einer anderen vergleichen. Erst der Wald und die Düne erschließen uns dieselben.

Anderswo kennen wir die Düne als einen fest hingelagerten Wall von Sandbergen, der vor langen Jahrhunderten von den noch im Kampfe befindlichen Elementen zu ihrer eigenen Wehr aufgeworfen ist. Hier aber lebt und wandelt die Düne noch, und wo sie sich zur Ruhe begeben, da zeugen noch deutliche Spuren von der Heftigkeit des kaum beendeten elementaren Kampfes. Seestürme jagen Wolken der kleinen scharfen krystallischen Quarzkörner, aus denen der Dünensand besteht, durch die Atmosphäre. Hier finden diese Sandwolken irgend ein Hinderniß, eine Ablenkung von ihrer Bahn; es brechen sich die Wirbel, tiefe Trichter entstehen mit hohen schroffen Wänden, die cirkusartig in fast gänzlich geschlossenem Rund emporsteigen, einen Wiesenplan, eine mit saftigen Laubbäumen, oder eine mit den üppigsten Farren bedeckte Oase bildend. Hier wächst noch das seltene Kind der nordischen Flora, die Linea borealis, deren Ranken aus unserer Anfangsvignette dargestellt sind.

Dann aber wieder jagt die wandernde Düne über das Land und begräbt, was ihr in den Weg kommt. Immer weitere Strecken verschwinden unter ihren gierigen Angriffen, und wenn auch durch Anpflanzungen und andere Schutzwehren dem Verderben Einhalt geboten wird, so läßt es sich doch nicht gänzlich bezwingen. Die scharfen feinen Quarzkörner, die der Sturm mit wüthender Gewalt daherbläst, nagen, reiben, fressen an dem Baumstamm, den sie gänzlich tödten und begraben. Uebrigens soll man nicht annehmen, daß die ganze Düne, der hohe Sandwall also vorrückt. Der Grund liegt fest und schwer, nur die obere Decke vermag den Stürmen nicht zu widerstehen und fliegt verheerend durch die Luft. Die Cirkusbildungen, die wir aufsuchen entstammen natürlich früherer Zeit.

Die Dünenbildung auf der Kurischen Nehrung, dem schmalen Landrücken, der das Haff von der See trennt, ist von erhabener Schönheit. Einige Kämme und Kuppen in der Nähe Schwarzorts sind durch bequeme Pfade der Besteigung zugänglich gemacht. Von hier oben erst überschaut man das Chaos der Dünenwelt vollständig, blickt tief hinein in die seltsamen Formationen, die hier Sandmassen, Stürme und plötzlich hereinbrechende Naturereignisse geschaffen haben. Abgründe und wasserlose Schluchten, jene erwähnten arenaförmigen Kesseltrichter, geben den eigenthümlichsten Vordergrund. Kahle bleiche Sandwände, tiefer grüner Wald, der sich um Schwarzort am Haff ausbreitet, bringen einen Wechsel in die Farbentöne der Landschaft, der nach vermehrt wird durch einzelne röthlich schimmernde Sandfelder, die von feinen Porphyrkörnchen gebildet werden, und durch die Ausblicke über das weite Meer, auf den ruhigen Spiegel des Haff, auf das saftig grüne feste Land, auf die in der Sonne leuchtenden Thürme von Memel. Dieses heitere Panorama bekommt durch den Vordergrund allein seinen ernsten, wilden Charakter. Denn aus den chaotisch durch einander geworfenen Bergen und Thälern, Schluchten und Trichtern ragen noch gespenstig einzelne Baumleichen hervor, die starren Aeste emporstreckend, manche halb umgesunken, manche noch im Tode aufrechtstehend, den abgezehrten, der Rinde beraubten Körper von Luft und Sonne gebleicht, fast schreckhaft anzuschauen. Dieser landschaftliche Vordergrund giebt uns ein Neues, Ungeahntes, ein Stück wildester Romantik, mit dem die schmucke, von Hochwald und Wasser umgebene Strandkolonie Schwarzort mit ihren einladenden Häuschen anmuthig kontrastirt.

Von der Höhe haben wir schon einen Blick auf eine andere Ansiedelung geworfen, welche eines der großartigsten und eigenthümlichsten Industriewerke in diese idyllische Einsamkeit stellt. Drüben jenseit des Haffs hat man vor länger als einem Vierteljahrhundert Bernstein gefunden, langgestreckte Schichten, die, wie Untersuchungen ergaben, sich unter dem Grunde des Haffbodens fortsetzten. Man hat damals durch Baggerungen versucht, die Reichhaltigkeit des Lagers wie die Qualität des fossilen Harzes festzustellen. Zuerst wurde wenig gefunden; bald aber war das Ergebniß der Baggerei so ergiebig, daß aus den Versuchen ein festes industrielles Unternehmen wurde. Nun belebten Bagger den Spiegel des Kurischen Haffs, deren Zahl bis auf neunzehn gestiegen ist,

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Dampfbaggerei in Schwarzort.

[302] alle für Dampfbetrieb konstruirt. Man sieht, wie die Reihe der Eimer sich in die Tiefe senkt, wie jeder den Haffgrund lossticht, an die Oberfläche befördert und sein Inhalt der Prüfung unterworfen wird. Immer tiefer stellt man die Eimerreihe, so daß der Boden bis zu zehn Metern Tiefe ausgehoben wird. Die dadurch entstehende Rinne wird im Laufe der Jahre wieder zugeschlämmt und auch der dadurch neu entstehende Grund führt wieder Bernstein. So sieht man die Schornsteine rauchen, die Eimerreihen sich in die Fluth senken vom Morgen bis zum Abend, ja Tag und Nacht mit einziger Ausnahme des Sonntags; nur der Winterfrost gebietet Ruhe. Dampfer vermitteln den Dienst zwischen dem Lande und den Baggerstellen.

Da schwimmen dann breite flache Prähme heran, legen sich an die Seite der Bagger und empfangen den Inhalt der Eimer, schlammige Sandmassen, die auf große Siebe gestürzt werden, welche Sand und Schlamm durchlassen, grobe Stoffe aber zurückbehalten. Aus diesen sucht man dann den Bernstein heraus, der fest verpackt und verschlossen ans Land gebracht wird, um allwöchentlich mittels Dampfer nach Königsberg an das Hauptkomptoir gesandt zu werden, von wo er in alle Welttheile geht, zumeist nach Asien, Afrika und Amerika. Für Persien, Armenien, die Türkei und Innerrußland bildet Moskau den Stapelplatz. Der Stoff ist gar kostbar, deshalb hält man die Arbeiter unter strenger Kontrolle, damit sie nicht einzelne Stücke in den Kleidern verbergen. Die starken Sandmassen, welche aus dem Haffgrunde gehoben werden, führt man an das Ufer von Schwarzort, hebt sie mittels Dampfpumpen ans Land und schafft hier neuen Boden, der, kultivirt, mit Bäumen und Nutzgewächsen bepflanzt, ein hübsches, täglich sich vergrößerndes Vorland bildet. Abends strahlt elektrisches Licht über die ganze Kolonie auf das Getriebe , das keine Nachtruhe kennt und bei dieser Beleuchtung sich ungemein malerisch ausnimmt. – Wenn man als Laie die allwöchentlichen Bernsteinsendungen nach Königsberg betrachtet, so scheint die Ausbeute der Schwarzorter Baggerei ungemein ergiebig. Verglichen mit dem bergmännischen Betriebe und seinen Ergebnissen bei Palmniken soll sie verschwindend klein sein. Zwei große Bernsteingebiete werden an der baltischen Küste industriell ausgebeutet, beide von der Königsberger Firma Stantin und Becker, der größten Bernsteinproduzentin der Welt. Hier in Schwarzort hebt man die Schätze, die sich in einem ausgedehnten Lager auf dem Grunde des Haffs finden, mittels Baggerung. An der samländischen Küste ziehen sich weit umfangreichere und ergiebigere Schichten von blauem Thon weit ins Innere des Landes, die dicht mit Bernstein und zwar in großen Stücken besetzt sind. Dort wird bergmännisch gearbeitet; Stollen und Schachte werden in den Boden getrieben, der ganz ungeheure Massen dieses duftenden fossilen Harzes herausgiebt.

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Ansicht der „Kolonie“ von Schwarzort.

Nun wenden wir uns noch einen Augenblick nach der „Kolonie“, die in den letzten Jahrzehnten wie aus dem Nichts entstanden ist! Sie steht fast ganz auf dem neuen, durch den Baggersand geschaffenen Boden, eine ganze Welt voll Betriebsamkeit, Arbeit und wohlorganisirter Geschäftigkeit. Da erheben sich eine Dampfkesselschmiede, eine Schmiede mit sechzehn Essen, Dampfhämmer, Walzwerk, dann Maschinenwerkstätten vollständig eingerichtet und mit Dampf betrieben, dazu Gelbgießerei, Eisengießerei, Stahlgießerei, Tischlerei, Reparaturwerkstätten, sowie die Anlagen für elektrische Beleuchtung, welche den Hafen erhellt, und für Gaserzeugung zur Erleuchtung aller Fabriken und Werkstätten. Ebenso muß für Unterbringung und Verpflegung der Arbeiter Sorge getragen werden, die in dem nahen Schwarzort schwerlich Unterkommen finden würden. Dazu sind drei Arbeiterhäuser, für 600 Menschen berechnet, erforderlich, eine ungeheure Arbeiterküche mit 12 Herden, jeder für 16 Arbeiter ausreichend, ein Speisesaal, in dem auch die durchnäßten Kleider getrocknet werden können. Dazu kommen noch verschiedene Beamtenhäuser, Komptoir und ein Wohnhaus, in dem 16 Familien Unterkommen finden können.

Diese Kolonie, in der Hunderte von Arbeitern, so und so viele Techniker und Beamte verkehren, in deren Hafen 230 schwimmende Fahrzeuge, Dampfer, Bagger, Prähme, Transportschiffe, Segel- und Revisionsboote aus- und eingehen, in der es kaum jemals Nacht wird, gehört zu den großartigsten und am vielseitigsten arbeitenden Industrieanlagen des gesammten baltischen Ostens; sie findet nicht ihresgleichen in der Eigenartigkeit ihrer Lage mitten auf dem einsamen Dünenstreifen und in der Weise ihres Betriebes.

Wenn die Winterstürme losbrechen, und das geschieht sehr zeitig hier im Norden, dann ruht die Arbeit, dann sucht man alles Rüstzeug schleunig vor ihrer Wuth zu bergen. Die Bagger wie die Schiffe der ganzen Flottille suchen eilig den Hafen, damit nicht durch Reißen der Ketten, Verlust der Anker, Forttreiben der Schiffe große Verluste erwachsen. Aber man feiert während des Winters nicht gänzlich in der Kolonie von Schwarzort. Die Essen glühen, die Hämmer poltern, die Maschinen rasseln; denn nun hat man Muße genug, alle Schäden auszubessern, neue Bagger, Dampfer, Prähme zu bauen, da Schwarzort alle seine Betriebsmittel selbst fertigstellt.

Ueberall regt sich hier neues Leben und doch deutet manches darauf hin, daß die Kultur auf der kurischen Nehrung eine uralte sein müsse. Unter den vom Grunde des Haff hervorgeholten Bernsteinstücken finden wir einzelne roh bearbeitete aus der fernen Steinzeit, und zwar kommen diese Funde hier in einer Mannigfaltigkeit der Formen und der Arbeit vor, wie fast nirgends. Darum zieht Schwarzort die Erforscher der vorgeschichtlichen Zeit ganz besonders an. Wie mag seit jener Periode der Boden sich hier verwandelt haben! Damals sind wahrscheinlich weder diese Berge, noch die Abgründe, Trichterbildungen, Steilwände vorhanden gewesen. Seit jener Zeit hat der werdende und vermehrte Dünensand alles umgeschaffen. Aber auch seiner wird man von Jahr zu Jahr mehr Herr. Gleichzeitig mit der Befestigung des waldigen Ufers durch die Andämmung der Baggererde wird auch der fliegende Dünensand mehr und mehr zum Stillstehen gezwungen. Die Forstverwaltung ist zuerst mit dem Ziehen von Strauchzäunen und der Anpflanzung bestimmter Gräser vorgegangen; darauf hat sie Kiefernschonungen angelegt; die Gemeinden der Dünenlandschaften gehen mit gleicher Energie vor, und so läßt sich sicher hoffen, daß innerhalb weniger Jahrzehnte wieder ausgedehnte Waldungen die bleichen Dünenberge um Schwarzort bedecken und den Sand fest an den Boden bannen werden.

Fritz Wernick.