Hauptmenü öffnen
Textdaten
>>>
Autor: Fritz Wernick
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bilder von der Ostseeküste. Danzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, 18, S. 296–299, 312–314
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[296]
Bilder von der Ostseeküste.
Danzig.
Von Fritz Wernick.0 Mit Originalzeichnungen von Robert Aßmus.
Die Gartenlaube (1886) b 296.jpg

Die „Beischläge“ in Danzig.

Ein langer, einförmiger Weg führt aus dem Herzen des Reiches nach dessen Nordostmark an die Gestade des baltischen Meeres. Noch von der Reichshauptstadt aus fahren wir einen vollen Tag durch ausgedehntes Weideland, über traurige Heiden zwischen Kieferwaldungen in ununterbrochenem Flachland dahin, ohne ein einziges Mal durch freundliche Landschaftsbilder oder interessante Städte angezogen zu werden. Wir wollen nach Danzig, der altberühmten Hansestadt, einer Warte deutscher Kultur auf slavischem Boden. Endlich hebt aus der grasigen Niederungsflur die thurmreiche Stadt sich am Horizonte hervor, ein erstes, ein einziges Bild, welches das Auge fesselt auf der ewig langen Bahnfahrt.

Als historische Stadt, gleich Nürnberg, Prag oder Köln, erscheint Danzig uns schon aus der Ferne. Diese gothischen Thürme, die einen niemals vollendet, die anderen in weit späterer Zeit mit zierlichen Aufsätzen behelmt, diese schlanken Giebel hat schon die gothische, die Zeit der deutschen Ordensritter gekannt, sie hat der Schwede, der vor länger als 200 Jahren die baltischen Provinzen mit Krieg überzogen, gesehen, sie sind heute noch unverändert; die äußere Physiognomie der ehrwürdigen Handelsstadt an der Ostsee wandelt und wechselt nicht in ihren charakteristischen Zügen, ob auch darinnen manches anders geworden im Laufe der Jahrhunderte, anders und besser. Zu den Thürmen gesellen sich bald noch bewimpelte Masten, Segel flattern auf, Dampfschornsteine bringen einen modernen Zug in das ehrwürdige Städtebild, das nun erst ein vollständiges wird, denn nur als Handelsplatz, als Seestadt darf Danzig sich dem Ankömmling zeigen, wenn er es wirklich und gut kennen lernen soll.

Eigentlich gehört auch noch der gelbe, slavische Weichselstrom in dieses Bild und der weite von Höhenzügen umrandete Spiegel der See. Wer an diesem günstigen Punkt des Gestades zuerst sich angesiedelt, ob Wikinger, Dänen, Gothen, ob slavische Völker, Altpreußen, das weiß man kaum genau. Wahrscheinlich

[297]
Die Gartenlaube (1886) b 297.jpg

An der „Langen Brücke“ in Danzig.
Originalzeichnung von Robert Aßmus.

[298] alle zusammen, Fischer und Schiffer, Handelsleute und Seefahrer, die mit einander um den Besitz der sicheren Ankergründe, der Fischerei und der Marktstätten gestritten haben; mischen sich doch alle diese Elemente selbst heute noch kenntlich in dem festen Stamm der deutschen Bevölkerung, welche sie sämmtlich aufgesogen und verarbeitet hat.

Schon mit den Heeren des deutschen Ordens ist die Gothik in das Land gekommen. Das Höchste, was sie hier geschaffen, zeigt uns die Marienburg, der großartige Einzelbau. Danzig aber ist damals als gothische Stadt erbaut worden, die einzige im alten Preußen, eine der wenigen im ganzen deutschen Reiche. Was vorher gewesen, ist zerstört, verschwunden, oder es ist von einer Kümmerlichkeit, welche auf den Ballcharakter der Stadt ohne Einfluß geblieben. Wohl mögen noch Häuser mit schweren Rundbogen derben Pfeilern, breiter Giebelung, wie das am Pfarrhof, zu finden sein, die dem früheren mittelalterlich romanischen Baustil angehören, doch mögen bei deren Erbauung wohl mehr Sonderzwecke oder Neigungen des Bauherrn bestimmend gewesen sein.

Die Gartenlaube (1886) b 298.jpg

Altes romanisches Haus am Pfarrhof in Danzig.

Aus vorgothischer Zeit ist also sehr wenig in Danzig erhalten geblieben. und doch hat schon Erzbischof Adalbert von Prag, als er um die Scheide des ersten Jahrtausends am Ausfluß der Weichsel das Kreuz aufpflanzte, eine slavische Burg, umgeben von einem Haufen Häuser, hier vorgefunden. Noch 300 Jahre aber mußten wohl vergehen, ehe der Deutschorden von Marienburg her hier neben der unregelmäßigen slawischen „alten“ die „rechte“ Stadt gegründet hat, jenes gothische Danzig, das wir heute noch um seiner imposanten Schönheit willen bewundern. Da entstanden regelmäßige Straßen mit hohen Giebelhäusern, spitzbogig gegliedert, schlank und schmal, hohe Fenster, knappe Pfeiler, da wuchsen die Monumentalbauten der baltischen Gothik aus dem Boden: Kirchen, Rathhäuser, Zunfthallen, Klöster. Ernst und massig war diese baltische Gothik, sie ermangelte, weil der gemeißelte natürliche Haustein ihr fehlte, der phantastischen Leichtigkeit und Grazie. Dafür war diese Rechtstadt wie aus einem Gusse, in kaum 50 Jahren vollendet. Das Deutschthum hatte sich hier einen festen Stützpunkt im eroberten Lande gegründet, ein bürgerliches Gemeinwesen erblühte schnell und kräftig. Alle Gaue des Ordenslandes wurden verwaltet und beherrscht von Gebietigern, Komturen, Landmeistern, die, von Marienburg entsendet, in eigenen Burgen oder Schlössern residirten. Die Rechtstadt Danzig besitzt bürgerliche Gemeindehallen, Kirchen, Klöster, die zu den erhabensten Schöpfungen der gothischen Zeit gehören, sie besitzt aber kein Schloß, keine Burg, die Vertreter des Ordensstaats residirten auf der Burg der ehemaligen slavischen Herzöge, die erst gründlich zerstört worden, als das Bürgerthum die Herrschaft der entarteten Deutschritter brach.

Wir würden aber wohl kaum an dieser ernsten gothischen Stadt so großes Gefallen finden, wenn nicht eine spätere Zeit hier umgestaltend und schmückend gewirkt hätte. Wieder ist da der Anstoß von Deutschland hergekommen. Fast drei Jahrhunderte hatte das gothische Danzig der Ordenszeit sich unverändert erhalten. In den engen, tiefen Häusern wohnten die Handelsherren nicht allein, dort war Raum vorhanden zu Waaren, Lagern und Handelsgütern. Ein enges Stübchen zur Seite des weiten durch mehrere Stockwerke gehenden Hausflurs, eine Hinterstube fürs Geschäft, im Zwischengeschoß, das sich wie eine Altane nach dem Flur öffnete, einige niedrige Räume, darüber die „Saaletage“ als Lokal für Festmahlzeitem Familientage, Gelage – das genügte den alten Patriciern der mächtigen Hansestadt an der Ostsee. Der weite Flur ward mit Waaren vollgestaut, die Braupfanne, die von einem der mit Braugerechtigkeit ausgestatteten Häuser zum andern wanderte, ward hier aufgestellt, wenn das Bier gesotten werden sollte, und in den Speicherkammern der höchsten Stockwerke lagerte der Kaufherr seine Waaren. Das änderte sich nun freilich nicht mit der neuen Zeit, wohl aber gewann da die Stadt ein freundlicheres Ansehen, manchen prachtvollen Schmuck.

Schnell hat die Lehre Luther’s Eingang gefunden in die altpreußischen Städte. Als dann Deutschland sich zu zerfleischen begann in blutigen Glaubenskämpfen, herrschte hier im äußersten Nordosten Ruhe und Frieden. Handel und Gewerbe, im Herzen des Reiches vernichtet, blühten damals hier kräftig, der Reichthum wuchs und damit die Prachtliebe der Patriciergeschlechter. Die düstere gothische Stadt wollte ihnen nicht mehr gefallen. Sie waren weit umhergekommen, ihre Schiffe hatten sie in die herrlich mit stolzen Architekturen, mit Festungswerken aller Art ausgestatteten holländischen Städte geführt, hatten in Genua, in Venedig gelandet, hatten wohl selbst die Erzeugnisse des Landes, den goldigen Bernstein bis nach Byzanz und in den Orient gebracht. Dort überall ward das Auge geblendet von märchenhafter Pracht, von einer Schönheit, die seltsam kontrastirte mit den bescheidenen Reizen der kalten Heimath. Das sollte anders werden, denn an Geld mangelte es ja nicht. Und es ward anders in Danzig. Ganz deutlich verrathen sich bei dieser am Ende des 16. Jahrhunderts begonnenen Umwandlung holländische, venetianische, selbst orientalische Einflüsse, die zusammenwirken zu malerischen Wirkungen, wie kaum eine andere alte Stadt sie bietet.

Ueberall ward heiterer Schein über die alte Spitzbogen-Architektur gebreitet. Auf den kräftigen Rathhausthurm setzte man eine zierlich durchbrochene Haube mit Glockenspiel, kleine Thürmchen, Statuen, Fähnchen. Die mit wundervollen gothischen Wölbungen geschmückte Gildenhalle, in welcher die Patricier ihre Verhandlungen hielten, ihre Gelage feierten, der „Artushof“, ward völlig überkleidet mit Friesen, Konsolen, Voluten Medaillons, schmückenden Gliedern, auf denen Imperatoren, Helden der Mythe und der Bibel, stark vergoldet standen; große Wandmalereien, Jagdscenen, Mythologisches, christliche Legenden bedeckten die Felder im Innern; eine Bühne für die Spielleute, ein ungeheurer Kachelofen kamen hinzu, um ein prächtiges Durcheinander von bezaubernd malerischer Wirkung zu schaffen. Glücklicherweise wußte man damals nichts von stilistischer Strenge und Korrektheit, überall trieb die neue, fromme und farbenfröhliche Zeit ihre schönsten [299] Blüthen. Die Rathsstuben der städtischen Regenten wurden mit Holzskulpturen an Decken, Thürbrüstungen, Fenstersturz, mit Malereien, Wandbekleidungen ausgestattet, die offenbar die Prachträume im venetianischen Dogenpalaste zum Abbild genommen hatten, und zu allen diesen Verschönerungen des Alten kam mancher stolze Neubau. Da waren die Motive fast ausschließlich den Rathspalästen, Gildenhäusern, Monumentalbauten der Holländer in Leyden, Harlem, Delft entlehnt. Das Zeughaus, einige Thore sind wundervolle Schöpfungen aus der Zeit der üppigsten Hochrenaissance.

Die Privathäuser haben aber nicht zurückbleiben wollen, vielleicht ist durch sie sogar die Umwandelung begonnen worden. Da sehen wir nun ein interessantes, völlig eigenartiges, ungemein reizvolles Bild entstehen. Der mittelalterliche Hauscharakter der Stadt bleibt unverändert, keinem der Bürger ist es eingefallen, sein Haus ähnlich dem venetianischen oder holländischen umzubauen. Ueber die spitzen Giebel, die schmalen Pfeiler, die enge Façade des dreifensterigen Hauses wird aber ein Gewand des kostbarsten Schmuckes gebracht. Blüthen schwellen in den Regentraufen hervor; Statuen, Reiter zu Pferde, Thiergestalten, Obelisken beleben den Giebel; die Fenster und Thüren werden mit Reliefs von Stein, mit Medaillons und Schnörkeln, Alles reich mit Gold durchblickt, umschlungen: unter Trophäen, Waffenbündeln, schmiedeeisernen Blumenranken kam die gothische Hausarchitektur kaum mehr zur Geltung. Einzelne der reichen Patricier ließen damals in Italien ein vollständiges Kleid aus gemeißeltem Stein mit antiken Heldengestalten, Rittern und allerlei Schnörkel, wie der Zeitgeschmack sie liebte, für ihr Haus nach Maß anfertigen, und dieses ist dann dem mittelalterlichen Bau vorgelegt worden. Damals wurden auch die „Beischläge“ mit in diese Umgestaltung hineingezogen. Von den etwas hoch gelegenen Hausthüren hatten in frühester Zeit offenbar Stege durch den Straßenkoth hinab auf den Fahrdamm geführt. Diese mögen später erweitert, befestigt, endlich eine altanartige Basis des Hauses geworden sein, auf der die Familie Blumen zog, Kaffee trank, frische Luft schöpfte, Ersatz fand für den gänzlichen Mangel an Hof oder Gärtchen hinter dem Hause.

Eine Treppe führte dann von der Plattform hinab auf die Straße. In der geschilderten Zeit nun sind diese Beischläge ebenfalls reich geschmückt worden. Mächtige Kugeln von Stein, Gitter von Schmiede-Eisen, Steinschranken ganz mit Reliefs bedeckt, Balustraden, Alles hübsch durch Vergoldung gehoben, ließ diese Beischläge als harmonischen Abschluß, eigentlich als breit ausladende Basis der Häuser erscheinen. Die malerischen Straßenperspektiven, welche so viele der alten Gassen Danzigs uns bieten, würden zerstört werden, wenn man diese Beischläge entfernen wollte. In einigen der Hauptstraßen hat dies leider aus Rücksicht auf den stark angewachsenen Verkehr geschehen müssen.

Danzig behält bei allen diesen Wandlungen immer den Charakter einer Seestadt, durchzogen von breiten Wasserstraßen, welche die Schiffe bis mitten ins Herz derselben tragen. Zwar berührt der Weichselstrom dieselbe nicht, er rollt sein gelbes Wasser eine Stunde ostwärts an ihr vorüber, aber ein stilles, fast stromloses Wasser, das alle Abflüsse des weiten Niederungslandes in sein Bett aufnimmt und sie weiter abwärts in den Hauptstrom trägt, dient als sichere und bequeme Kanalstraße. An seinen Ufern münden die Hauptstraßen der Rechtstadt aus, da erheben sich alterthümliche hochbethürmte Thore, da sehen wir noch runde Cylinderthürme, wohl Reste früherer Befestigungen. Da wachsen die Giebel steiler an, da drängt aber auch das Leben sich dichter zusammen. Auf dem Bollwerk, das dieser Wasserstraße entlang läuft und die „Lange Brücke“ heißt, finden die Schiffer und Seefahrer nicht nur Kneipen, in denen sie sich den fetten Aal, die geräucherte Flunder, den marinirten Hering munden lassen, Rum oder Wachholderschnaps trinken, da machen sie auch ihre Einkäufe an wollenen Hemden, blauen Jacken, rothen Leibbinden und Südwestern. Hier strömen ebenfalls die Lustfahrer zusammen, die im Dampfboot zum Ausfluge den nahen Badestrand aufsuchen, hier an der langen Brücke weilt auch der fremde Besucher gern, denn eine malerischere Straßenperspektive findet er kaum als den Blick auf das von Segeln, Dampfern, Booten und Kähnen belebte Wasser, umrahmt von alterthümlichen Häuserfronten. Das ist etwas, das nur allein Danzig zu bieten vermag.

[312]
Die Gartenlaube (1886) b 312.jpg

Rekognoscirender Schwede vor Danzig.

Die Wandlungen neuer Zeit sind an Danzig nicht spurlos vorübergegangen; aus Rücksichten der Gesundheitspflege und des Verkehrs ist vieles Schöne zerstört worden, Vieles der Nüchternheit vergangener Jahrzehnte zum Opfer gefallen. Andererseits sind würdige Baudenkmäler, die bisher in Schutt und Trümmern gelegen, in ursprünglicher Schönheit wieder hergestellt worden. Die prachtvollen Rathsstuben des alten Rathhauses, die gothischen Wölbungen einiger Gemächer stehen jetzt wieder in früherer Schönheit da, Thore sind freigelegt, Thürme von den angeklebten Schmarotzerbauten befreit, und auch das neu erstandene Landeshaus fesselt den Blick des Wanderers. Aber Danzig ist auch eine gesunde Stadt geworden. Unsere Altvordern haben sich wenig gekümmert um reine Luft, gutes Wasser, um die Hauptbedingungen eines gesunden Lebens. Aus versumpften Kanälen qualmten giftige Fieberdünste auf; das beste Trinkwasser der Stadt sickerte durch ein Leichenfeld, in den engen, tiefen Häusern herrschte dumpfe Kellerluft.

Diese Uebelstände sind durch die großartigen Reformen der letzten Jahrzehnte zwar beseitigt, von jener früheren Zeit aber hat sich die feste Gewohnheit erhalten, den Sommer draußen im Freien zu verleben. Von allen malerisch und architektonisch interessanten altdeutschen Städten ist keine andere von so herrlicher Landschaft umgeben wie Danzig, Ein Höhenzug, der den Lauf der Weichsel westlich begleitet, schmiegt sich weit hinaus an das [313] Gestade des Meeres, das er in herrlichen Linien einrandet. Ein grünes Vorland zwischen der See und jenen Waldbergen ist von den alten Danzigern mit Landhäusern und Strandkolonien besiedelt worden. Der Geschmack mag da gewechselt haben. Das beweisen zahlreiche Patricierschlößchen an den Abhängen jener Waldhöhen, an den Mündungen der zahlreichen Thalschluchten, welche diese Hügelzüge durchbrechen, das beweist der spätere Aufschwung der Seebadeorte, denen jetzt der Geschmack sich zuwendet. Strom, Meer, Waldberge und als großartige Staffage die alterthümliche thürmereiche Stadt, das vereint giebt den Landschaften der Umgebung von Danzig einen wunderbaren Reiz.

Die Gartenlaube (1886) b 313.jpg

Das Landeshaus in Danzig. Nach einer Photographie.

An der „Langen Brücke“ liegen stets kleine Lokaldampfer zur Abfahrt bereit. Aus der schmalen Wasserstraße des stromlosen Niederungsflusses, aus Häusergiebeln und hohen Thorpforten kommen wir bald hinaus in den breiten Strom. Dort liegen die Gebäudemassen der kaiserlichen Werft, da sehen wir einige der mächtigen Kolosse unserer Marine auf Stapel, da umklammert das eiserne Dock einen Schiffspatienten, der von seinen Rissen, Wunden oder Altersschwächen geheilt werden soll. Abends, wenn elektrisches Bogenlicht die kaiserliche Werft taghell erleuchtet, ist der Anblick noch großartiger. Je weiter wir hinauskommen, desto umfassender wird die Aussicht. Auf halbem Wege nach dem Hafen hält unser Dampfer in Legan, wo auch die Handelsschiffe Rast zu machen pflegen. Dort beginnt eine weite Rundsicht sich zu entfalten. Vorwärts gewendet, umfaßt der Blick den waldigen Höhenzug, der zum Strande hinausläuft, in weiter Bogenlinie das Meer umsäumt und in der steil zur Fluth hinausspringenden Klippe von Adlershorst endet. Zurück gewendet sehen wir die Stadt mit den Thürmen der großen Pfarrkirche und den hohen Glockenspielen St. Katharinens, mit den unzähligen Fialen, Giebeln und alten Thurmklötzen über den Vorgrund des breiten Stromspiegels aufsteigen von hieraus imposanter und wirksamer als von höheren Aussichtspunkten.

Wollen wir am jenseitigen Ufer die kurze Dampferfahrt unterbrechen, so werden wir zugleich eines der interessantesten Werke neuester Zeit auf kurzem Spaziergange besuchen. Alle Spül- und Sinkstoffe, welche früher den Grund und Boden der Stadt verpestet, die Gesundheit ihrer Bürger schwer gefährdet haben, sind durch das vor wenigen Jahrzehnten ausgeführte Kanalisationswerk in ein Netz von Schwemmkanälen geleitet, dann in ein großes Sammelbecken geführt worden, aus dem sie ein Pumpwerk emporhebt, so daß diese Schmutzwasser nun in natürlichem Gefalle innerhalb eines weiten Leitungsrohrs dem kahlen Strandlande zufließen. Dort ziehen sich öde Dünenstreifen hin, todter Sand, der bisher allen Bemühungen, ihm einen Ertrag abzugewinnen, Widerstand geleistet hatte. Nun wird von dieser starren Wüste ein Stück nach dem anderen umgeebnet, von Rinnen durchzogen und dann mit den städtischen Spülwassern überrieselt. Da bildet schnell sich eine Ackerkrume, der durchlassende Dünensand dient als beste natürliche Drainage, das Gefilde ist zur Aufnahme jeder Aussaat bereit. Nun sehen wir auf dem ehemals todten Boden üppige Erdbeerfelder mit Früchten groß wie Taubeneier, die anspruchsvolle Tabakspflanze gedeiht hier kräftig, Kohlköpfe nehmen ganz unglaublichen Umfang an, Halmfrüchte, Gemüse, Gräser liefern erstaunliche Ernten. So überblicken wir jetzt ein weites, prangendes Fruchtgefilde rings umgeben von bleicher, kahler Düne. Von Danzig aus hat sich die Anlage von Rieselfeldern weithin verbreitet.

Bald sind wir am Ziele unserer Dampferfahrt. Der Hafen Neufahrwasser, kaum eine Meile von der Stadt entfernt, liegt vor uns. Dort ankern die ungeheuren Schiffskörper, den mächtigen Leib vollgestaut mit Gütern aus allen Welttheilen, mit dem goldigen Weizen, der aus Polen und dem preußischen Hinterlande hier gestapelt und verladen wird. Dort schlendern wir hinaus zu einem Strandschlößchen mit vollem Ausblick auf das Meer und seine malerischen Uferberge, um uns zu erfrischen. Wir besteigen den Leuchtthurm, gehen auf die Molen, die kräftigen Steinwälle, die man in die See hinaus gebaut hat, um den anlangenden Schiffen eine sichere Einfahrt zu gewähren, wir nehmen ein Bad, und überall finden wir die Aussicht auf Meer und hohes Land, auf die gelben Dünenstreifen zur Rechten, die als natürliche Wälle die Ostsee von dem Süßwasserspiegel des Frischen Haff scheiden, gleich entzückend.

Ein anderer, vielleicht noch schönerer Weg führt uns im hohen Lande hin zu jenen Punkten, die der Danziger mit Stolz als die Perlen seiner Landschaft rühmt. Eine Eisenbahn führt dort auf dem grünen Vorlande zwischen dem Fuß der Hügelzüge und der See hin. zuerst halten wir da an einem Vororte, der in der Oeffnung eines grünen Waldthals liegt, von aussichtsreichen Höhen umschlossen. Hier und längs am Fuße der Waldberge [314] haben die Danziger ihre Sommerfrischen, ihre Landhäuser und „Höfe“ erbaut, aus deren Gärten man weit über die Meeresbucht blickt bis zu der Halbinsel Hela hinüber, die auf der äußersten Spitze einer schmalen Landzunge ein altgothisches Kirchlein und einen schlanken Leuchtthurm trägt. Weiter öffnen sich größere Thalgründe, in denen muntere Forellenbächlein durch Wald, Wiesen und Gärten abwärts rinnen zur nahen See.

Die Gartenlaube (1886) b 314.jpg

Danzig und Umgebung.

An der Mündung des größten dieser Thalgelände liegt Kloster Oliva, eine der ältesten Kulturstätten der baltischen Lande. Schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts haben Cisterciensermönche dieses Kloster gegründet, um unter dem Schutze der slavischen Herzöge, die in den Burgen des Landes saßen, für Ausbreitung des Christenthums zu wirken. Jene ältesten Landesfürsten haben Oliva mit ausgedehntem Landbesitze ausgestattet, aber erst unter der Herrschaft des deutschen Ordens gelangte Kloster Oliva zur Blüthe. Da entstanden denn um die Mitte des 14. Jahrhunderts eine prachtvolle Kirche, weite Klosterhallen mit Remter, Refektorium, Dormitorien, die in ihren Haupttheilen bis heute erhalten sind. Vieles ward seitdem zerstört, wieder aufgebaut, restaurirt; nun sieht man über dem alten Gemäuer spätere Ergänzungen aus den folgenden Jahrhunderten, denen auch Danzig seine Verschönerung dankt. An den Fuß der bewaldeten Hügelzüge geschmiegt, blicken die Thürme der Kirche, die langen Dächer der Klosterhallen aus dichtem Zaune hervor. Oliva ist ein sehr beliebtes Ziel kurzer sommerlicher Ausflüge. Hier lauscht man dem Spiele der mächtigen Orgel, einer der vorzüglichsten im Lande, läßt sich den Saal aufschließen, in welchem 1660 der Friede abgeschlossen wurde, in welchem die Souveränetät des Herzogthums Preußen anerkannt und damit der Grund zur späteren preußischen Monarchie gelegt worden ist. Lebendiger als an irgend einer anderen Stätte werden in uns hier die Erinnerungen wach an jene Zeiten, da vor Danzigs Thoren die feindlichen Heere standen, Schweden, Polen und Russen und zuletzt die Franzosen die Stadt stürmten – Erinnerungen, die unser Künstler in so charakteristischer Weise durch das Reiterbild in der Anfangsvignette dieses Artikels wiederzugeben wußte.

Das letzte Ziel unserer Fahrt bildet Zoppot. Alle Einzelheiten der herrlichen Strandlandschaft finden wir in anderer Anordnung wieder in diesem Bade-Orte. Da steht das Vorgebirge von Adlershorst am Abschlusse der Bucht, da schwingen die Uferlinien nach beiden Richtungen in schönen Bogen aus, und die bewaldeten Höhen treten bis nahe an das Gestade heran, zu aussichtsreichen Spaziergängen einladend. Aus dem bescheidenen Fischerdorfe ist Zoppot durch die Gunst der Lage und die bequeme Bahnverbindung zu einem stark besuchten Seebade herangewachsen, und lange Vergnügungszüge führen an jedem schönen Sommernachmittage endlose Scharen von Städtern hinaus, die hier ein Bad nehmen, Wanderungen in die Bergreviere machen oder sich in ruhigem Behagen der unmittelbaren Nähe der See mit ihren wechselnden Lichtreflexen, ihren zarten Farbenspielen freuen. Seine größte Anziehungskraft erhält Danzig erst durch die Fülle landschaftlicher Schönheiten, durch das Meer und die weitgedehnten Waldberge, aus deren Schoß die Spiegel kleiner Landseen hervor leuchten. Nur wer diese gesehen, kennt Danzig wirklich.