Textdaten
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Autor: J. Klein
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Titel: Gewitter und Blitzgefahr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 299-300
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Gewitter und Blitzgefahr.

Es ist eine nicht mehr zu bestreitende Thatsache, daß in Deutschland eine stetige Zunahme der Blitzschäden stattfindet und zwar eine Zunahme, die sehr erheblich, ja bedenklich groß ist. Aus den Untersuchungen von Bezold’s ergiebt sich für Bayern, daß, während im Laufe der dreißiger und Anfangs der vierziger Jahre von einer Million Gebäude im Durchschnitt jährlich 32 vom Blitze beschädigt wurden, zu Anfang der achtziger Jahre unter einer Million durchschnittlich 97 diesem Schicksale anheim fielen. Die Gefährdung der Gebäude durch den Blitz hat sich also innerhalb des angegebenen Zeitraums geradezu verdreifacht! Für das Königreich Sachsen ist die Zunahme der Blitzschläge ebenfalls konstatirt. In dem dreißigjährigen Zeiträume von 1841 bis 1870 fielen nach Freyberg in Sachsen 2140 Blitzschläge auf Hochbauwerke aller Art, so daß durchschnittlich 72 Blitzschläge in einem Jahre vorkamen. Für den zwölfjährigen Zeitraum von 1871 bis 1882 findet sich eine Gesammtzahl von 1826 Blitzschlägen, im Durchschnitt jährlich also 152, mithin auch hier eine enorme Zunahme. Ueberhaupt gehört Sachsen zu den am meisten durch den Blitz gefährdeten Theilen Deutschlands, wird jedoch noch von einigen westdeutschen Distrikten, z. B. Theilen der Provinz Westfalen, übertroffen. Wie für Bayern und Sachsen, so zeigt sich nach den Zusammenstellungen von Holtz überhaupt in West-, Nord- und Ostdeutschland eine Zunahme der Blitzgefahr für Gebäude, die wenigstens bis zum Jahre 1854 hinaufreicht. Diese Zunahme ist jedoch keineswegs für Stadt und Land gleich groß, vielmehr ergiebt sich, daß ländliche Gebäude zunehmend mehr vom Blitze bedroht werden, als städtische.

Merkwürdig ist, daß die Zunahme der Blitzgefahr sich auch bezüglich der Forstbäume zeigt. Herr Forstmeister Feye in Detmold hat in den fürstlich Lippe’schen Oberförstereien seit 1874 in umfassender Weise Beobachtungen an Waldbäumen anstellen lassen. Hiernach fanden in den drei Jahren 1874 bis 1876 im Ganzen 91 Blitzschläge gegen 110 Bäume statt, in den drei Jahren 1878 bis 1880 dagegen 106 Blitzschläge gegen 129 Bäume, außerdem traf ein Blitz das Hermannsdenkmal. Am meisten den Blitzschlägen ausgesetzt erwies sich die Eiche, etwa ein Drittel so häufig wurden sonstige Laubhölzer, noch seltener Nadelhölzer getroffen, am seltensten Buchen. „Der trockene Kalkboden,“ sagt Dr. Häpke, dem ich diese Thatsachen entnehme, „den die Buche am meisten bevorzugt, hat von den Bodenarten die geringste Anziehungsfähigkeit für den Blitz, weßhalb dieser Baum am seltensten getroffen wird. Thatsächlich liegt also doch der von Alters her bekannten Sage, die Buche sei vor dem Blitze gefeit, etwas Wahres zu Grunde. Die geringe Blitzgefahr für Gebäude etc. in Göttingen, Halle etc. läßt sich somit genügend aus dem in diesen Gegenden vorherrschenden Kalkboden erklären. Alle Bodenarten übertrifft an Anziehungsfähigkeit für den Blitz der Lehm, der besonders mit sandiger Beimengung der Eiche zusagt. Diese ist daher unter allen Bäumen am meisten dem Blitzstrahl ausgesetzt. Vielleicht liegt hierin auch der Grund, warum schon die alten Germanen die Eiche als Sitz des Donnergottes verehrten.“

Was die Ursache der zunehmenden Häufigkeit der Blitzschläge anbetrifft, so ist sie wesentlich in den durch die fortschreitende Kultur und Industrie geschaffenen Veränderungen zu suchen, weit weniger oder gar nicht in einer Zunahme der Häufigkeit und Heftigkeit der Gewitter an und für sich. Dr. Holtz, dem die Wissenschaft eine sehr eingehende Untersuchung über den in Rede stehenden Gegenstand verdankt, weist sehr richtig darauf hin, daß sich der Zug des Gewitters wesentlich nach dem Laufe von Flüssen und dem Bestande von Waldungen richtet. Nun liegen die bei weitem meisten Gebäude mehr in der Nähe von Flüssen als von Wäldern, und hieraus folgt, daß die Blitzgefahr für Gebäude sowohl von der Reichhaltigkeit der Flüsse, als von der Reichhaltigkeit der Wälder abhängig ist, und daß sie wachsen muß, wenn unter sonst gleichen Verhältnissen die Reichhaltigkeit der Wälder eine Abnahme erfährt. „Neben der Entwaldung,“ so betont [300] Dr. Holtz mit Recht, „bewirkten aber wohl noch andere Faktoren gleichzeitig, daß sich der Lauf der Gewitter mehr und mehr nach bewohnten Orten zog, nämlich die Vermehrung der Eisenbahnen, Telegraphen, vielleicht auch der Chausséen, sofern man sie mit hohen Bäumen bepflanzte. Es ist wahrscheinlich wenigstens, daß Gewitter theilweise, wie Flüssen und Wäldern, so auch diesen Anziehungspunkten folgen, und geschieht dies, so gelangen sie natürlich nach Orten, welche durchschnittlich bewohnter als andere Orte sind. Wurde auf solche Weise voraussichtlich die Gewitterwolke schon im Verlaufe der Zeit mehr und mehr nach Gebäuden hingelenkt, so trugen weitere Maßnahmen dazu bei, daß sie den Blitz mit immer größerer Sicherheit vorzugsweise auf Gebäude fallen ließ. Die erste der hierher gehörigen Maßnahmen bestand in der successiven Fortnahme der Bäume aus der Nachbarschaft der Gebäude. Sie datirt vorzugsweise jedenfalls aus neuerer Zeit, seit sich Grund und Boden besser verwerthen ließ, und seit man sorgfältiger auf trockene Räume hielt. Da Bäume aber in Ansehung ihrer Höhe und ihrer leitenden Beschaffenheit zu verhältnißmäßig guten Blitzableitern gehören, so entzog man den Gebäuden hiermit einen wesentlichen Schutz, ohne doch gleichzeitig die nöthige Ergänzung zu beschaffen. Die zweite jener Maßnahmen bestand in der Einführung der mannigfachsten metallischen Stücke in die innere oder äußere Einrichtung der Gebäude. Auch diese Maßnahme datirt vorzugsweise aus neuerer Zeit, seit die Fabriken in ihrem Aufblühen die betreffenden Stücke billiger liefern konnten. Man schuf solchergestalt gewissermaßen Zuleiter des Blitzes, ohne auch hier für ein entsprechendes Gegenmittel zu sorgen, man schuf sie vielmehr, während man den Gebäuden gleichzeitig durch erstere Maßnahme ihr einziges Schutzmittel nahm.“

Was läßt sich unter solchen Verhältnissen gegen die Blitzgefahr thun? Es giebt kein anderes Mittel, als die Vermehrung der Anlage von richtig konstruirten Blitzableitern. Allerdings werden diese sichersten Schutzmittel vor dem Wetterstrahle gegenwärtig häufiger gefunden, als in den früheren Jahrzehnten, allein wie viel in dieser Hinsicht noch zu wünschen übrig bleibt, mag die Thatsache lehren, daß, nach der Zählung von 1881 von 706 781 Gebäuden des Königreichs Sachsen nur 34 748 „vorschriftsmäßige“ Blitzableiter besaßen. Das ist noch nicht ein Zwanzigstel aller Gebäude. Aber noch mehr. Nach den Erfahrungen, die ich über die Konstruktion „vorschriftsmäßiger“ Blitzableiter habe machen können, sowie auf Grund der meisten experimentellen Untersuchungen, darf man dreist behaupten, daß von 3 Blitzableitern 2 sicher mehr oder minder mangelhaft oder doch wenigstens nicht so konstruirt sind, daß sie den möglich sichersten Schutz gewähren. Die Ansichten des Publikums und vieler Blitzableiterfabrikanten über Wirkung und Schutz der Ableiter sind nämlich oft genug völlig falsch. Man glaubt, es genüge, einfach eine oben zugespitzte Metallstange über dem Dache anzubringen, diese ununterbrochen fortlaufend bis an die Erde zu führen und im Boden entweder in Brunnenwasser oder feuchtem Grunde endigen zu lassen. Es ist wahr, eine derartige Vorrichtung hat man früher als hinreichend erachtet, um einem Gebäude Schutz vor Blitzschlägen zu verleihen, aber nach den neueren Erfahrungen und unter den gegenwärtigen Verhältnissen kann sie nicht als genügend angesehen werden.

Heute treffen wir in allen größeren und selbst vielen kleineren Städten ausgedehnte Netze von ober- und unterirdischen Telegraphenleitungen, von Gas- und Wasserröhren an, Einrichtungen, welche ebenso viele Zielpunkte für den Blitz sind und die in ungleich größerem Maße seine Bahn bestimmen, als ein kleiner Draht oder ein Eisenstab, den man in den ersten besten, gerade zur Hand befindlichen Brunnen steckt. Man muß daher auf diese veränderten Verhältnisse Rücksicht nehmen; was früher unter Umständen ausreichend war, ist es heute nicht mehr, ja es kann geradezu schädlich wirken. Man darf niemals aus dem Auge lassen, daß der Haupttheil eines Blitzableiters nicht eben die Spitze ist, die über das Dach hinaus in die Luft ragt, auch nicht einmal die oberirdische Leitung, vorausgesetzt, daß man Sorge trägt sie ohne Unterbrechung fortzuführen, sondern die unterirdische oder Bodenleitung. Diese ist es, welche den eigentlichen Schutz verleiht, indem sie den Blitz im Erdboden verschwinden läßt. Der elektrische Strahl, der aus den Wolken herniederzuckt, sucht stets und unter allen Umständen allein nur die im Erdinnern befindlichen Wasser zu erreichen und schlägt den Weg ein, der ihm zu diesem Ziele hin den geringsten Widerstand leistet.

Er wird also die beste Leitung nach dem Boden hin wählen, und die Haupteigenschaft des Blitzableiters soll eben diejenige sein, dem elektrischen Strahle die beste Straße zu den unterirdischen Wassermassen zu bieten, so daß er nur sie und keine andere einschlägt. Aus diesem Grunde läßt man den Blitzableiter im Boden sogleich in Wasser endigen, allein in vielen Fällen ist die Menge des letzteren nicht genügend, um einen ungehinderten Abfluß des Blitzes in die Erde zu gestatten. Keinesfalls ist es ausreichend, den Blitzableiter in eine kleine ausgemauerte, dichte Cisterne zu führen, denn die Wassermenge genügt in diesem Falle nicht, den Blitz zu neutralisiren. Die vorzüglichste Bodenleitung, welche überhaupt denkbar ist, bildet das Netz der Wasserleitungsröhren großer Städte, ihm am nächsten kommt die Gasleitung. Es hat lange gedauert, ehe sich die Techniker davon überzeugen konnten, daß es nicht allein nützlich, sondern geradezu geboten sei, die Blitzableiter mit den Verzweigungen der Wasserleitungen in leitende Verbindung zu bringen. Man befürchtete, es könnten dadurch bei Blitzschlägen Zerstörungen in den Wasserröhren, ja bei den Gasröhren sogar Explosionen verursacht werden. Dawider habe ich schon vor Jahren hervorgehoben, daß, wenn einmal, wie doch unbestreitbar, die unterirdischen Rohrnetze unserer Städte sehr gute Leiter des Blitzes bilden, letzterer ohnehin seinen Lauf auf dieselben zu richten wird, gleichgültig, ob sie an einen Blitzableiter angeschlossen sind oder nicht. Der Blitz wird in diesem Falle einfach den Ableiter verlassen und auf die Rohrleitungen überspringen, wobei es natürlich nicht ohne Zerstörungen abgehen kann. Diese meine Ansichten haben in den letzten Jahren immer mehr Boden gewonnen, und man kann wohl die Frage jetzt als durchaus entschieden betrachten.

Uebrigens scheint es Melsens gewesen zu sein, der zuerst, und zwar schon 1865 bei den großen Blitzableiteranlagen am Brüsseler Stadthause, die Erdleitung direkt mit dem ausgedehnten unterirdischen Rohrnetze der Stadt in Verbindung brachte. Daß dieses Verfahren bis jetzt noch so wenig Nachahmung fand, beweist, wie gedankenlos meistens bei Anlage von Blitzableitern verfahren wird, trotz der durch viele Beobachtungen konstatirten Thatsache, daß bei Blitzschlägen der elektrische Strahl vorzugsweise nach den Gas- und Wasserleitungen strebt. Die gewaltige Ausdehnung dieser letztern im feuchten Erdboden bietet dem Blitze eine so vorzügliche, ja unübertreffbare Straße zur Neutralisirung im Erdinnern, daß derselbe, einmal auf diesem Wege, keinerlei schädliche Einwirkung auf benachbarte Gegenstände äußert. Daß dieses thatsächlich beim Blitzschlag der Fall ist, habe ich Gelegenheit gehabt, an meinem eigenen Observatorium konstatiren zu können. Der Drehthurm, welcher das Hauptfernrohr umschließt, ist in Folge seiner Lage und der Metallmassen, die er enthält, dem Blitze sehr ausgesetzt. Ich ließ daher die Bodenleitung gleich bei der Anlage mit den Röhren der städtischen Wasserleitung in metallische Verbindung bringen. Diese Vorsicht erwies sich sehr am Platze, denn wenige Monate nach Vollendung der Anlage wurde dieselbe bei einem ungewöhnlich heftigen Gewitter vom Blitze getroffen. Der Schlag war so heftig, daß in einem engen Hofe westlich unter dem Thurme die Fensterscheiben sprangen, auch zeigte sich bei der Revision die Spitze des Ableiters gebogen; die Bodenleitung that dagegen völlig ihre Schuldigkeit, der Blitz folgte der Leitung auf einer Strecke von etwa 120 Fuß und ging ohne jede Beschädigung auf das unterirdische Rohrsystem über, um dort zu verschwinden.

Es kann überhaupt keinem Zweifel unterliegen, daß in Städten mit ausgedehnten Rohrsystemen für Gas- und Wasserleitung Blitzableiter unwirksam, ja geradezu gefährlich sind, welche nicht mit diesen Rohrnetzen in metallische Verbindung gebracht werden. Ist dies aber der Fall, so bedarf es gar keiner anderen Bodenleitung mehr, wodurch also die Anlage nicht allein sicher wirkend, sondern auch noch billiger wird. Die Höhe der Auffangstangen ist von geringer Bedeutung, doch ist hierbei zu beachten, daß es weit besser ist, mehrere niedrige Auffangstangen anzubringen, statt einer einzigen hohen. Ich kann Allen, welche ihre Gebäude mit Blitzableitern versehen ließen, nur dringend rathen, in Städten, welche Gas- und Wasserleitung besitzen, die Bodenleitung durch ein Seil von Kupferdraht mit dem Rohrnetze in Verbindung bringen zu lassen; nur wenn dieses der Fall ist, wird der Blitzableiter wirklichen Schutz gewähren, andernfalls kann er unter Umständen sogar gefährlich werden. Dr. J. Klein.