BLKÖ:Wenrich, Johann Georg

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 55 (1887), ab Seite: 4. (Quelle)
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Wenrich, Johann Georg (Orientalist, geb. zu Schäßburg in Siebenbürgen am 13. October 1787, gest. zu Wien 15. Mai 1847). Der Vater, seines Amtes Communitätsmitglied, war ein Deutscher von altem Schrot und Korn und pflegte den Ehrgeiz seiner Söhne durch den Wahlspruch zu beleben: „Zeige, daß du ein Wenrich bist“. Bei seinem Sohne Johann Georg bedurfte es dieses Zurufes kaum, denn der Knabe saß so eifrig über seinen Büchern, daß man ihn mit Gewalt von denselben wegziehen mußte Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt, auf welchem er seine große Vorliebe für alte Sprachen und Literatur an den Tag legte, besucht hatte, bezog er 1805 das Lyceum in Hermannstadt, um Philosophie und Theologie zu hören. Nach Beendigung des zweijährigen philosophischen Curses unterzog er sich vor dem Ober-Consistorium der sächsischen Nation einer strengen Prüfung mit solchem Erfolge, daß ihm sofort die Stelle eines Lehrers der Elemente der lateinischen Sprache übertragen wurde. Doch nur kurze Zeit versah er diese Stelle, da er an fremden Universitäten noch sein Wissen vervollständigen wollte. So verließ er denn 1809 seine Heimat, mußte aber der damaligen Kriegswirren wegen seinen Aufenthalt in Wien nehmen, wo er durch dritthalb Jahre unter der Anleitung Aryda’s, eines geborenen Syriers, mit allem Eifer dem Studium der semitischen Sprachen oblag. Nun folgte er 1812 einem Rufe als Professor der hebräischen, griechischen und lateinischen Sprache an das Lyceum von Hermannstadt. An demselben rückte er 1815 zum Conrector vor und vertauschte bei dieser Gelegenheit den Vortrag über Philologie mit dem über Philosophie und Mathematik. 1818 zum Rector der Anstalt gewählt, fügte er als solcher dem Vortrage der letzterwähnten Gegenstände noch den über verschiedene Disciplinen der Theologie und über Weltgeschichte hinzu. In dieser Stellung wirkte er, geliebt von seinen Schülern und geachtet von seinen Mitbürgern[WS 1], bis zum Jahre 1821, in welchem an ihn der ehrenvolle Ruf als Professor der biblischen Literatur an der zu jener Zeit errichteten protestantisch-theologischen Lehranstalt in Wien erging. Da an derselben noch nicht alle Fächer, welche gelehrt werden sollten, besetzt waren, so theilte er sich mit dem berufenen Professor der Geschichte Johann Genersich [Bd. V, S. 133] in den Vortrag der noch unbesetzten Lehrfächer insolange, bis diese durch die gewonnenen Lehrkräfte versehen werden konnten. Nun widmete er sich vornehmlich seinem Lehrfache, betrieb aber nebenbei mit großem Eifer das Studium der Sanskrit-Sprache und Literatur, über welche er auch in Wien öffentliche Vorlesungen hielt. Dabei war er überdies fortwährend schriftstellerisch thätig, setzte zwei verdienstvollen ihm befreundeten Männern biographische Denkmäler und beschäftigte [5] sich mit der Beantwortung zweier von der k. Societät der Wissenschaften in Göttingen und der Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften in Paris ausgeschriebenen in die orientalische Literatur einschlägigen Fragen, von welchen beiden Instituten ihm auch der Preis zuerkannt wurde. Die Titel seiner Werke folgen weiter unten. Durch diese Arbeiten wuchs sein Ruf als Orientalist in solchem Grade, daß berühmte Fachgenossen sich ihm näherten und er mit den ersten zeitgenössischen Orientalisten, so mit Renaud, Sacy und Anderen in literarischen Briefwechsel trat. Als dann 1846 die Londoner Bibelgesellschaft die Herausgabe einer hebräischen Bibel zur Vertheilung unter bedürftige Juden beschlossen hatte, betraute sie Wenrich mit der Aufsicht über den Druck des Werkes. Und als im Jahre 1847 mit ah. Patente vom 14. Mai die längst ersehnte Stiftung einer kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Oesterreich in Erfüllung ging, befand sich unter den ersten vierzig der in dieselbe Berufenen auch unser Orientalist. Aber diese ehrenvolle Ernennung traf ihn nicht mehr am Leben. Noch hatte er am 14. Mai seinen gewöhnlichen Abendspaziergang gemacht, war ganz wohl in den Kreis seiner Familie zurückgekehrt und dann zu Bette gegangen, aber um ein Uhr Nachts klagte er über Unwohlsein, starke Beklemmungen und nach kaum viertelstündigem Kampfe, ehe noch der sofort gerufene Arzt erschien, hauchte der sechzigjährige Gelehrte seine Seele aus. Die Titel der von Wenrich durch den Druck veröffentlichten Werke sind: „Commentatio historica, qua, quantum linguarum orientalium studia Austriae debeant, exponitur“ Pars I et II (Vindobonae 1822 et 1824, 20 und 19 S., 4°.) [Wiener literarischer Anzeiger 1822, Nr. 77 und 78]; – „Commentatio historico-critica de Rhapsodiis“ (Vindobonae 1824); dieses am 12. Februar 1824 als dem Geburtsfeste des Kaisers Franz I. vertheilte Programm über die Rhapsodien der Griechen ist wahrscheinlich Wenrich’s Schuldissertation, welche unter dem Titel: ΚΥΝΑΙΘΟΣ sive de Rhapsodiis Dissertatio...“ mit dem Horazischen Motto: Vos exempla in Graeca nocturna versate manu, versate diurna und der Zueignung: Divis manibus Tiberii Hemsterhusii etc.“ in Handschrift ausgegeben wurde; die Urschrift besaß seinerzeit der Hamersdorfer Pfarrer Michael Ackner [Bd. I, S. 4]; – „De adfinitate priscae Indorum linguae, quam Sanscritam dicunt, cum Persarum, Graecorum, Romanorum atque Germanorum sermone“ Pars I (Vindobonae 1827); – „Johann Wächter als Mensch, als Diener des Staates und der Kirche dargestellt...“ (Wien 1831, Heubner, kl. 8°., XXIV und 269 S.) [LII und 56 S.]; – „Jakob Glatz. Eine biographische Skizze. Mit dem Bildniss des Verewigten“ (Wien 1834, gr. 12°., VIII und 328 S.) [V und 207 S.]; – „De Auctorum Graecorum versionibus et commentariis Syriacis, Arabicis, Armeniacis, Persicisque commentatio...“ (Lipsiae 1842, Vogel, 8°., XXXVI und 306 S.); dieser Abhandlung wurde, lange bevor sie gedruckt worden, bereits 1832, von der Göttinger gelehrten Societät der Preis von 50 Ducaten zuerkannt – „De poeseos Hebraicae atque Arabicae origine, indole, mutuoque consensu atque discrimine commentatio...” (Lipsiae 1843, Vogel, VIII und 276 S., 8°.); die Pariser Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften erkannte diesem Werke im [6] Juli 1834 den Preis von 1500 Francs zu, ungeachtet dessen fand sich ein unberufener (Berufener) veranlaßt, in Schmidl’s „Oesterreichischen Blättern für Literatur“ u. s. w. 1845, Nr. 74, S. 577–580 gegen diese Preisschrift zu Felde zu ziehen; Wenrich jedoch fertigte den Ungenannten und ungenannt gebliebenen Ehrenmann in Nr. 80, S. 624 desselben Blattes in ruhiger, aber haarscharfer Abweisung der grundlosen und unwahren Einwände mit wenigen Zeilen ab; – „Rerum ab Arabibus in Italia, Insulisque adjacentibus, Sicilia maxime. Sardinia atque Corsica gestarum Commentarii“ (Lipsiae 1843, Vogel, gr. 8°., 22 Bogen). Außerdem war Wenrich bis an sein Lebensende Mitarbeiter der von 1818–1849 bei Gerold in Wien gedruckten „Jahrbücher der Literatur“ und besorgte die Durchsicht und Begutachtung der in Sachen der hebräischen Literatur für die von A. Schmidl redigirten „Oesterreichischen Blätter“ eingegangenen Artikel. In Handschrift hinterließ er „Grundlinien der Diplomatik mit besonderer Rücksicht auf die Urkundenschätze der Deutschen in Siebenbürgen“, wozu Daniel Joseph Leonhard’s handschriftliche Sammlung von Siegeln und Facsimilien der wichtigsten Originalurkunden im siebenbürgischen Nationalarchive, welche derselbe der juridischen Lehranstalt in Hermannstadt gewidmet hat, einen Anhang bildet. Bevor an unseren Orientalisten 1821 die Berufung als Professor an die protestantisch-theologische Lehranstalt in Wien ergangen war, hatte er sich mit mehreren siebenbürgischen Gelehrten zu eingehenden Arbeiten über vaterländische Geschichtsforschung verbunden, halte zu diesem Behufe Vieles vorgearbeitet, Manches zum Drucke bereitet, als nun Alles durch seine Berufung ins Stocken gerieth. Damit aber sollte es noch nicht sein Bewenden haben, es gerieth auch die Kiste, welche diese Schriften enthielt, auf dem Transporte nach Wien in Verlust und ist nicht mehr zum Vorschein gekommen. Sein ganzer reicher handschriftlicher Nachlaß, worunter sich eine Lebensbeschreibung des Confucius in deutscher Sprache befand, welche er wenige Monate vor seinem Tode begonnen, wurde von der Witwe des Verstorbenen der Akademie zum Geschenke gemacht, die den Präsidenten und einen zweiten Akademiker beauftragte, das zur Drucklegung Geeignete auszuwählen. Im Jahre 1873 fragte Zarncke’s „Literarisches Centralblatt“ (Sp. 893 und 1278) an, wo sich Wenrich’s Nachlaß befinde? Die Kronstädter „Blätter für Geist und Gemüth“ meldeten andererseits, daß Wenrich 1846 wieder eine Abhandlung zur Preisbewerbung – doch sei es unbekannt, an welche Akademie, und welches ihr Inhalt gewesen – abgeschickt habe. Der Secretär der Akademie, als er den üblichen Nachruf hielt, bemerkte zum Schlusse: „In Wenrich zeigen sich uns die Dornen des eigentlichen literarischen Lebens. Nur von Wenigen gekannt, von noch Wenigeren erkannt, entbehrte er der Verkünderin seines hohen Werthes; – die Akademie wäre es gewesen, und sie wird das Capital, das einzige, das er seiner Familie hinterließ, seinen Namen treu verwahren und dasselbe, so oft von Forschungen auf dem schwierigen Felde orientalischer Sprachenkunde in ihrer Mitte die Rede ist, auf die ehrenvollste Weise verzinsen.“ Wenrich hatte sich 1813 vermält mit Regina, der Tochter des evangelischen Pfarrers Johann Haupt in Kelling. Aus dieser Ehe überlebten [7] den Vater nur Töchter, deren eine, Karoline, seinem Andenken einen biographischen Nachruf widmete, der im Nécrologe universel du XIX siècle seine Aufnahme gefunden hat. Der Gelehrte wurde zu Wien auf dem Gottesacker vor der Mariahilfer Linie bestattet. Wittstock, der Wenrich’s Biographie geschrieben und ebenso dem Gelehrten wie dem Lehrer gerecht geworden, bemerkt doch am Schlusse: den Menschen in ihm zu zeichnen, fühle ich, obgleich willigen Herzens, meine Kräfte zu schwach, denn ein Leben läßt sich wohl, aber nicht ein Herz beschreiben.

Wenrich (Caroline v. Scheidlein-). J. G. Wenrich, professeur de la littérature biblique, professeur de langues et de littératures orientales etc. (Paris 1847, 8°.) [aus dem Nécrologe universel du XIX siècle]. – Die feierliche Eröffnungs-Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 2. Februar 1848 (Wien 1852, Staatsdruckerei, gr. 8°.) S. 29. – (Kronstädter) Blätter für Geist, Gemüth u. s. w., 1847, Nr. 26, S. 212 u. f. – Frankl (Ludw. Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) Jahrgang 1847, in der Beilage „Wiener Bote“ Nr. 21: „Einer der Vierzig“. – Oesterreichische Blätter für Literatur, Kunst, Geschichte, Geographie u. s. w. Redigirt von Doctor A. Adolf Schmidl (Wien, 4°.) IV. Jahrg., 10. Juni 1847, Nr. 138: „Nekrolog“. Verfaßt von Heinrich Wittstock. –Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1836, 8°.) Bd. VI, S. 71. – Pesther Tagblatt. Herausgegeben von Ed. Glatz (1847) Nr. 453. – Trausch (Joseph). Schriftsteller-Lexikon oder biographisch-literarische Denkblätter der Siebenbürger Deutschen (Kronstadt 1871, Joh. Gött und Sohn, gr. 8°.) Bd. III, S. 495.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Mitbügern.