BLKÖ:Tunner, Joseph Ernst

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tunner, Marie
Band: 48 (1883), ab Seite: 115. (Quelle)
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Tunner, Joseph Ernst (Historienmaler, geb. zu Obergraden bei Köflach in Steiermark am 24. September 1792, gest. zu Gratz am 10. October 1877). Joseph Tunner, welcher zu Obergraden ein Werk besaß, das noch heute den Namen Tunnerhammer führt, schickte seinen Sohn Joseph Ernst, den Nagler irrthümlich Karl tauft, auf das Gymnasium in Gratz, wo derselbe zu gleicher Zeit die Zeichenakademie besuchte. Sodann kam der Sohn nach Wien, wo er an der Hochschule die zwei philosophischen Jahrgänge hörte und zugleich seine Malerstudien an der Akademie der bildenden Künste fortsetzte. An letzterem Institute befreundete er sich bald mit Führich [Bd. V, S. 5], Kupelwieser [Bd. XIII, S. 392], W. A. Rieder [Bd. XXVI, S. 107] und anderen später zu Künstlerruhm gelangten Besuchern desselben. Und er fühlte sich zur Kunst in so hohem Maße hingezogen, daß es ihm unmöglich wurde, seinem ihm nach des Vaters Tode zum Vormund bestellten älteren Bruder Peter[WS 1] zu willfahren, welcher ihn für das Studium der Technik, die in Oesterreich ein sicheres und lohnendes Auskommen hoffen lasse, zu bestimmen gedachte. Als nach einem halbjährigen weiteren Verbleiben in Wien, wo er fleißig im Belvedere Gemälde der besten Meister copirte und auch theoretisch für die Künstlerlaufbahn sich vorbereitete, ihm vom Bruder aufs Neue [116] vorgestellt wurde, daß er als Künstler zeitlebens ein Hungerleider bleiben werde, erwiderte Joseph: „Jetzt lasse ich meinen Pinsel um eine Million nicht mehr. Laß Du mich nur für die Kunst sorgen, und die Kunst wird auch für mich sorgen“. Dabei war Tunner auf sich selbst angewiesen und bestritt die nicht unbedeutenden Auslagen für seine Ausbildung unter mannigfachen Entbehrungen ganz aus den kärglichen durch Bildnißmalen erworbenen Mitteln. Von Wien begab er sich zu einem kürzeren Aufenthalte nach Kärnthen, von da nach Triest, überall zahlreiche Porträte malend, dann nach Venedig, Florenz und Pisa, an den letzteren Orten einige Zeit, um Studien zu machen, verweilend, bis er endlich das Ziel seiner heißesten Wünsche: Rom erreichte. Dort konnte er, seinem mächtigen Kunstdrange folgend, sich ganz dem Studium der alten Meister mit aller Hingebung und der ihm eigenen Ausdauer widmen. Zwanzig Jahre währte sein ununterbrochener Aufenthalt in der ewigen Stadt, welche er auch später immer wieder und stets auf längere Zeit besuchte, so daß diese Zeiträume im Ganzen wieder fünf Jahre ausmachen. Leider sind wir über seinen Aufenthalt in Rom und sein Schaffen daselbst, wo er unbestritten die glänzendste Zeit seines Lebens sah, nur unvollkommen unterrichtet. Wir wissen nur, daß er sich dort mit den hervorragendsten Künstlern, als: Overbeck, Cornelius, Heinrich Heß, Schnorr, Steinle, Philipp Veit, mit Thorwaldsen und vielen anderen Malern innig befreundete und auch von ihnen als Künstler hochgehalten wurde; dann daß er Fresken und Historienbilder wie auch viele Bildnisse malte, und daß zahlreiche Aufträge, ebenso ehrenvoller als auch lohnender Art, von Frankreich, England, Rußland und Polen an ihn ergingen. Außer dieser Thatsache haben wir von seinen Arbeiten in Rom nur sehr lückenhafte Kunde. So z. B. wissen wir, daß der damalige österreichische Botschafter Graf von Lützow in Rom von des Künstlers Hand eine Madonna besaß, welche er als die Perle seiner Sammlung, erklärte. Seiner hervorragenden Leistungen wegen wurde Tunner in den von Papst Gregor XVI. zu Rom gegründeten Künstlerverein dei Virtuosi im Pantheon aufgenommen, und zwar zugleich mit dem Maler Ingres, dem damaligen Director der französischen Akademie in Rom. Die Aufnahme in diesen Verein, der es sich zur Aufgabe machte, die besten Kräfte der bildenden Kunst der katholischen Kirche zuzuführen, hatte ihre nicht geringen Schwierigkeiten. In der Kirche des Pantheon, an den Stufen des Altars, leistete Tunner den üblichen Eid, seine Kunst nur der Kirche zu widmen. Bildnisse waren selbstverständlich dabei nicht ausgeschlossen. Wir bemerken dies ausdrücklich, weit sich daraus die künstlerische Richtung Tunner’s, die ihm ein und das andere Mal von der Kritik vorgeworfen wurde, ganz einfach erklärt. Im Jahre 1838 vollendete er ein drei Klafter hohes Altarblatt für die Antoniuskirche in Triest. Es stellt den „Erlöser am Kreuze“, zu dessen Füßen Maria, Johannes und Magdalena, dar. Das Bild fand die rühmlichste Anerkennung. Eine ungemein günstige Besprechung desselben brachten die Zeitschrift „Adria“, Triest 12. September 1838, und die von Schickh-Witthauer redigirte „Wiener Zeitschrift für Kunst, Theater u. s. w.“. Die warme Kritik in letzterem Blatte soll aus der Feder des nachmals berühmten Gelehrten Karajan [Bd. X, S. 467] geflossen [117] sein, der sich dabei der Chiffre P. bedient hätte. Und dieses Lob blieb nicht ohne Einfluß auf Tunner’s spätere Lebensstellung. Es war nämlich um jene Zeit der Director der Bildergalerie und Zeichenakademie in Graz Joseph August Stark [Bd. XXXVII, S. 217] gestorben, und es galt, seinen Posten neu zu besetzen. Daß der Localpatriotismus des edlen steirischen Dichters Gottfried Ritter von Leitner [Bd. XIV, S. 344] bei dieser Gelegenheit erwachte und auf diese Stelle gern einen Steiermärker berufen gesehen hätte, begreift sich um so leichter, als dieser Poet Karajan’s Bericht über das Altargemälde in der Triester Antoniuskirche gelesen, welcher mit den Worten schließt: „daß die Verehrung dieses Werkes mit den Jahren steigen und mit Freuden namentlich der Steiermärker in späten Zeiten davor ausrufen wird: das hat mein Landsmann gemacht“. Obwohl nun Leitner von dem Künstler selbst nichts Näheres wußte, als daß derselbe ein Steiermärker sei und gewöhnlich in Rom lebe, so richtete er doch an denselben ein Schreiben, worin er ihm bekannt gab, daß die durch Todesfall erledigte Stelle zu besetzen sei, und zwar schrieb er, ohne sich zu nennen, um nicht in seiner Eigenschaft als ständischer Secretär in Tunner Hoffnungen zu erwecken, die sich am Ende vielleicht nicht erfüllen mochten, zu denen aber der Anlaß gegeben war, weit das Schreiben von dem Künstler als eine indirecte Aufforderung der Stände selbst hätte angesehen werden können. Tunner, der, um sich über die Verhältnisse genauer zu unterrichten, von Triest, wo er damals weilte, eigens nach Gratz reiste, zeigte, obwohl er sich mit dem Landeshauptmann Ignaz Grafen Attems, seinem einstigen Schulgenossen, mit dem ständischen Verordneten von Thinnfeld [Bd. XLIV, S. 234] und dem steiermärkischen Gouverneur Grafen Wickenburg über diese Angelegenheit berieth, doch nichts weniger als Lust, sich um den Posten zu bewerben. Erst als Graf Wickenburg bald danach, auf einer Reise begriffen, nach Rom kam und ihm das Versprechen gab, mit allen Kräften dahin zu trachten, daß der gänzliche Mangel an Kunstsinn in Steiermark nach und nach gehoben und so einem von edelstem Streben durchdrungenen Künstler der Boden behufs weiteren Wirkens möglichst geebnet werde, erst da entschloß er sich in Bewerbung zu treten. Seine Eingabe in Form eines Briefes, datirt von Rom 28. November 1835, gelangte mit einem k. k. Präsidialschreiben vom 18. December 1838 an die steirischen Stände. Er bewarb sich aber nicht einfach hin um den Posten, sondern stellte seine Bedingungen, und zwar verlangte er entsprechende Räumlichkeiten, eine vollständige Einrichtung der Akademie, mit allen für den Elementarunterricht wie für höhere Zeichenkunst nöthigen Vorlagen und einer hinreichenden Auswahl an guten und tüchtigen Originalen in der Blumen-, Landschafts- und Figurenzeichnung; ferner, da er für seine Person sich doch nur auf die höhere Ausbildung schon vorgeschrittener Zöglinge beschränken könne, die Anstellung eines eigenen Unterlehrers, über dessen Fähigkeit und Verwendung er sich die Entscheidung vorbehalten müsse; endlich, um mit den Fortschritten der Kunst auf gleicher Höhe zu bleiben, wozu sich ihm aber in Gratz bei den bestehenden Verhältnissen keine Aussicht darbiete, die Bewilligung und die Mittel zu Kunstreisen in den jährlichen Ferien. Dagegen verpflichtete er sich, die Anleitung der höheren Classe selbst zu [118] besorgen, die Oberaufsicht über die Elementarclasse gewissenhaft zu führen, von seinen Ferienreisen eine oder mehrere Zeichnungen als Originale für die Akademie mitzubringen, um die Sammlungen derselben zu vervollständigen und zu bereichern, für die Erhaltung der vorhandenen Gemälde Sorge zu tragen und die neu hinzukommenden und etwa beschädigten für die Aufstellung wieder in Stand zu setzen und alle seine eigenen Kunsterzeugnisse in der Akademie öffentlich auszustellen, und wenn sie ihm zur Verfügung stehen, seinem Vaterlands zunächst anzubieten. Diese Eingabe hatte Tunner dem außerordentlichen österreichischen Botschafter in Rom, dem Grafen von Lützow übergeben, welcher dieselbe unter Beilegung eines Schreibens der insigne congregazione de’ Virtuosi al Pantheon a di 29. Luglio 1838, worin des Malers hohe Verdienste um die Kunst ehrenvolle Würdigung fanden, mit folgenden Worten glossirte: „Ich halte es für meine Pflicht, Tunner das Zeugniß zu geben, daß er diese Stelle nicht nur als ein Steiermärker, sondern vielmehr noch in Anbetracht seiner erprobten Talente im hohen Grade würdig sei. Tunner erfreut sich in Rom, wo er während seines vieljährigen Aufenthaltes so manche treffliche Kunstleistungen zu Tage förderte, des ungetheilten Beifalls der hiesigen sowohl als fremden Künstler ersten Ranges. Sein Ruf ist übrigens zu sehr begründet, als daß ich es für nöthig halte, mich hierüber weitläufiger zu verbreiten. Dasselbe gilt von seinen übrigen ehrenwerthen Eigenschaften“. Indem nun Tunner’s Eingabe mit dieser Einbegleitung des kaiserlichen Botschafters den amtlichen Weg machte, war das Endergebniß die mit ah. Entschließung vom 31. März 1840 erfolgte Ernennung des Malers zum Director der städtischen Kunstakademie in Gratz, die Zusicherung eines jährlichen Reisepauschales von 300 fl. und die Schaffung einer Unterlehrerstelle mit dem Jahresgehalte von 400 fl. Noch in demselben Jahre trat er seinen Posten in Gratz an. Er ging sofort daran, die Akademie und die Galerie, welche er mangelhaft bestellt und theilweise in Unordnung vorfand, in allen Theilen möglichst zu vervollständigen und zu sichten. Die Kunstschule enthielt mitunter ganz fremdartige Gegenstände, welche ausgeschieden, dafür durch zweckentsprechende Kunstblätter ersetzt werden mußten. Aus der Galerie sollten alle schlechten Copien, Aquarellen und Kupferstiche entfernt und an deren Stelle gute Gemälde geschafft werden. Nun aber bestand die systemisirte Jahresdotation für beide Zweige der Anstalt in nur 200 fl., mit welcher Summe ein Ankauf werthvoller Bilder nimmer erzielt werden konnte. Aber Tunner brachte es durch seine persönlich freundschaftlichen Beziehungen zu dem Custos der kaiserlichen Galerie im Wiener Belvedere Peter Krafft [Bd. XIII, S. 106] dahin, daß der Gratzer ständischen Galerie die namhafte Anzahl von sechzig werthvollen Gemälden leihweise zum Gebrauche überlassen wurden. Eine andere nicht minder werthvolle Wohlthat kam der Akademie dadurch zu Statten, daß er derselben 26 Kisten, angefüllt mit höchst werthvollen, nach antiken Statuen angefertigten Gypsabdrücken, womit ihm sein Freund Prokesch-Osten [Band XXIII, S. 349] damals Gesandter in Athen, ein Geschenk machte, großmüthig überließ. Ebenso vermittelte er durch seine fortgesetzte eifrige Verwendung bei anderen ihm befreundeten Kunstgenossen der Anstalt im Laufe der Jahre viele Spenden [119] im Werthe von mehreren tausend Gulden, wodurch dieselbe allmälig in einen ihrem Zwecke und den Anforderungen der Kunst entsprechenden Zustand versetzt wurde. Schon im ersten Jahre seiner Thätigkeit an der Akademie, 1840, bewerkstelligte er am Ende des Studiencurses die dann alljährlich wiederholte öffentliche Ausstellung der Schülerarbeiten, wodurch er den Eifer der Zöglinge belebte und das Interesse des Publicums für die Akademie wesentlich steigerte. Einen anderen ungemein glücklichen Gedanken führte er ferner dadurch aus, daß er im Winter 1842 durch Errichtung eines besonderen Lesecabinetes auch die theoretische Ausbildung der seiner Leitung anvertrauten Kunstjünger auf dem Wege einer systematisch geleiteten Lecture zu fördern suchte. Der innerösterreichische Industrieverein bot diesem trefflichen Unternehmen seinerseits die Hand, indem er bereitwilligst alle, auch die kostspieligsten Werke über Kunst überhaupt und deren einzelne Zweige insbesondere herbeizuschaffen sich bemühte. Dieses Lesecabinet wurde von den Schülern zweimal in der Woche, Dienstag und Samstag Abends von 5 bis 7-Uhr besucht, wo Tunner nebst dem Lehrer der Elementarzeichnung ihnen die besten Zeichnungen vorzüglicher Kunstwerke erläuterte. In der Folge nahm er beim Neubau der ständischen Realschule Einfluß auf Vermehrung der Räumlichkeiten der Akademie um zwei Säle und zwei Corridore. Bald darauf führte er auch das vor ihm nicht gepflegte Zeichnen nach Gypsabgüssen ein, zu welchem Zwecke er bewirkte, daß ständischerseits kunstmäßige Statuen und Büsten angeschafft und dadurch die bereits vorhandene Sammlung ergänzt wurde. Zur höheren Ausbildung von Malern und Bildhauern erlangte er in späterer Zeit auch die Bewilligung eines jährlichen Geldbetrages zur Bezahlung von lebenden männlichen Modellen. Und so war es Tunner, der die ihm anvertraute Anstalt von der Zeichenschule, als welche er sie übernommen, erst zu einer Akademie der Künste umgeschaffen hat. Die Einrichtung dieses Institutes war in jeder Hinsicht eine so mustergiltige, daß Künstler aus Wien, Prag, Pesth derselben das vollste Lob spendeten. Aus Innsbruck wurden eigens zwei Professoren nach Gratz gesendet, um hier Erfahrungen zu sammeln und die Innsbrucker Akademie nach dem Muster der Gratzer einzurichten. Ueber die Aufgabe eines Galeriedirectors und dessen Amtspflichten gibt Tunner selbst in einem lesenswerthen, „Das Amt des landschaftlichen Galeriedirectors“ betitelten Aufsatze, welcher in der „Gratzer Tagespost“ vom 16. März 1870 erschien, wichtige und beherzigenswerthe Winke und Aufschlüsse. Dieser Aufsatz und noch ein zweiter: „Idealismus, Realismus und Materialismus in der Malerei“ [abgedruckt ebenda 17. und 24. April 1870, Nr. 102 und 107] sind die einzigen, welche aus seiner Feder geflossen und seinen Standpunkt in der Kunst kennzeichnen. Solche Bemühungen um das seiner Leitung anvertraute Kunstinstitut sollten auch nicht vergeblich sein. Durch die Bereicherung und musterhafte Ordnung der Galerie wurde die Theilnahme des Publicums geweckt, welche sich zunächst in dem gesteigerten Besuche derselben zeigte. Als auch Tunner die zweifelhaften Segnungen der Recensentengunst an sich erfahren hatte, verlangte er, bei Gelegenheit einer im Jahre 1868 geplanten Reorganisirung der Gratzer Bildergalerie und Zeichenakademie, daß eine competente [120] Commission die Einrichtungen der Akademie, sowie der Galerie vom Standpunkte des Unterrichtes und der Kunst prüfe. Demzufolge wurde der damalige Director der Wiener Akademie Christian Ruben [Bd. XXVII, S. 200] nach Gratz beordert; derselbe nahm in alle Theile der Anstalt genaue Einsicht und stellte dem Künstler das glänzendste Zeugniß über dessen Leitung aus. Wir haben bisher bei der Stellung des Künstlers als Director der Akademie verweilt, weil dieselbe bei der Umgestaltung, welche sie von dem Augenblicke an erfuhr, als er ihre Leitung übernahm, ein wesentliches Moment seiner Thätigkeit durch eine Reihe von vierthalb Jahrzehnten bildet. Kehren wir nun zu dem Künstler selbst zurück. Daß wir über seinen Aufenthalt in Rom nur höchst mangelhaft unterrichtet sind, haben wir bereits bemerkt. Daß er während der zwanzig Jahre, welche er daselbst ununterbrochen verweilte, von 1820–1840, viel beschäftigt war, wissen wir aus Berichten mehrerer seiner Kunstgenossen, welche mit ihm zugleich dort lebten. Leider existiren von seiner Hand über seine eigenen Arbeiten keine Aufzeichnungen. Es befinden sich in seinen Zeichenbüchern wohl unzählige Compositionen und Skizzen, doch ist nirgends angegeben, welche davon ausgeführt wurden und wohin sie bestimmt waren. Das Werthvollste, im Besitze seiner Witwe, möchte wohl eine Folge von fünfzehn Blättern [42 Centim. breit, 29 Centim. hoch] Originalzeichnungen der Sculpturen von Gruppen auf der Colonna Trajana in Rom sein. Er hatte diese Zeichnungen in den Dreißiger-Jahren nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten und Fährlichkeiten als der Erste von der Trajanssäule selbst abgenommen, und da diese Sculpturen schon sehr vom Zahne der Zeit zernagt sind, so ist ihre Copie, die Tunner in meisterhafter Weise ausgeführt, von nicht geringem Kunstwerthe. Glücklicher sind wir daran, wenn wir von den Arbeiten, die er während seines langjährigen Aufenthaltes in Steiermark vollendete, berichten sollen, denn über dieselben liegen uns zuverlässige Angaben vor. Des großen Triestiner Altarbildes haben wir schon gedacht. Dasselbe wurde dem Künstler mit 3000 fl. honorirt. In Gratz befinden sich von seiner Hand in der Domkirche: „Die fünf klugen Jungfrauen unter dem Schutze Mariens“ (2 Schuh hoch), ein Votivbild des Künstlers; – in der Grabenkirche am Hochaltar: „Johannes der Täufer als Bussprediger“ (2 Schuh hoch, 300 fl.); – in der Barmherzigenkirche: „Wunderbare Brodvermehrung durch Johann von Gott“ (300 fl.), – „Petrus auf dem Meere gehend“ – und eine „Schmerzhafte Mutter Gottes“, die beiden letzteren unentgeltlich gemalt; – in einer Capelle der Schulschwestern: „Eine h. Familie“; – bei den Franciscanern zwei Fahnenbilder: „Jesus segnet die Jungfrauen“ und „Die unbefleckte Empfängniss Mariä“; – in der Kirche zum guten Hirten vier Altarbilder: „Die heilige Anna“. – „Christus mit den Kindern“. – „Magdalena zu den Füssen des Erlösers“, – „Der gute Hirte“ (Preis für alle zusammen 400 fl.); – im Mutterhaus der barmherzigen Schwestern drei Transparentbilder als Kirchenfenster: „Mariä Geburt“, – „Mariä Opferung“.– „Englischer Gruss“. – ferner „Vincenz de Paula“ und „Der h. Joseph“ (zusammen 500 fl.); – auch hat Tunner die an der Domkirche zu Gratz befindlichen Fresken künstlerisch restaurirt; leider wurde der untere Theil derselben theils durch Mauerfraß, von dem die Steinwand durchdrungen ist, theils durch Hagel stark beschädigt; dagegen hat sich [121] ihre obere Hälfte, wohin der Mauerfraß nicht gedrungen ist, gut erhalten; – außerhalb Gratz sind von seinen Werken zu nennen: in Hausmannstätten bei Fernitz im Ganzen zweiundzwanzig Bilder, und zwar: bei fünf Altären je zwei, im Presbyterium vier Kirchenväter, auf der Kanzel die vier Evangelisten, am Plafond des Presbyteriums vier Fresken; für sämmtliche Bilder mit Einschluß der eigenen Auslagen des Künstlers für Blindrahmen, Leinwand, Farben u. s. w. 400 fl.; – im Stift Rein: „Ein h. Bernhard, die Madonna um Schutz für seinen Orden anflehend“; – in Marburg in der Aloisiuskirche das Hochaltarbild: „Der h. Aloisius als Beschützer der vier Facultäten“; in der bischöflichen Capelle: „Eine unbefleckte Empfängniss Mariä“; – zu St. Peter nächst Marburg: ein ganzer „Kreuzweg“, vierzehn Bilder; – außerdem: „Der gute Hirt“, – „Der h. Joseph“, – „Der h. Franciscus“, – „Madonna mit dem Kinde“, – „Das Herz Mariä“, – „Der h. Cyrill und Methodius“ (transparent); – zu Gabersdorf bei Leibnitz: „Ein sterbender h. Joseph“, – eine „Unbefleckte Empfängniss“, – „Rosenkranzbild“, – „Madonna mit dem Kinde“,– ein „Ecce homo“; – zu Lipsch am Vogau: „Ein sterbender h. Joseph“, – „Die hh. Jacobus und Johannes“, – „Die h. Theresia“, – „Grablegung Christi“, – „Ecce homo“; – zu St. Joseph bei Lanach: „Der h. Joseph als Fürbitter für die Gemeinde“, Hochaltarbild; – zu Storé bei Pettau: „Die h. Barbara“, – „Der h. Florian“. – „Rosenkranzmadonna mit Heiligen“; – in Maria-Neustift: „Der sterbende Franz von Assisi“; – zu St. Joseph bei Cilli: „Die h. Grablegung“; – zu Neuhaus: „Der englische Gruss“; – zu Gleichenberg in der von dem Grafen Wickenburg erbauten Kirche, in dessen Auftrag das Hochaltarbild: „Die h. Mutter Gottes mit dem Jesuskinde auf dem Schoose, umgeben von den Namenspatronen des Stifters und seiner Gemalin, dem h. Matthias und der h. Emma“; die Familie des Stifters ist auf diesem Gemälde in Porträtähnlichkeit betend dargestellt; das schone Bild wurde später lithographirt und in vielen Tausenden von Exemplaren verkauft; – im Refectorium der den Gottesdienst in dieser Kirche besorgenden Franciscaner befindet sich auch ein Wandgemälde Tunner’s: „Den h. Franciscus“ vorstellend; – zu Tuchern bei Cilli: „Der h. Stephan, Märtyrer“; – in St. Aegyden: „Der h. Aegydius“; – in Cellnitz: „Ein englischer Gruss“ (Fresco), – „Die h. Margaretha“, – „Der h. Stephan“; – in Vorau: ein vollständiger „Kreuzweg“, vierzehn Bilder; – zu Friedau: ein ebensolcher; zu St. Johann bei Herberstein: ein „Ecce homo“; – zu Köflach: „Jesus sendet auf die Fürbitte Maria die Engel zum Schutze der Menschen aus“; es ist dies Tunner’s letztes Bild, welches er 1870 vollendete, als er bereits 78 Jahre zählte. Außer diesen Gemälden sind von seiner Hand zahlreiche historische Compositionen und Bildnisse im Besitze von Privaten; dem Herausgeber dieses Lexikons sind bekannt: eine „h. Margaretha“, 1820 auf der Jahresausstellung bei St. Anna in Wien, wohl eines der ersten Bilder des zu jener Zeit achtzehnjährigen Künstlers; – ferner in den Monatsausstellungen des österreichischen Kunstvereines im Jänner 1852: „Die Poesie bei den Hirten“ (700 fl.), im Besitze des Barons von Mensi; – „Christus unter den Schriftgelehrten“; – „Bianca Capello als Herzogin von Florenz die Bürgerkrone von Venedig empfangend“, zwei Concursskizzen; – im März 1867: „Die Gerechtigkeit und die Weisheit“, Allegorie; Tunner entwarf dieses Bild für den Sitzungssaal des [122] steirischen Landtages, es kam aber nicht zur Ausführung dieser Skizze. Ferner schmückte er die Kirche zu Laukh am Rhein unweit Düsseldorf mit einem Bilde des „h. Stephan“. Aus dem Werke: „Christliches Kunststreben in der österreichischen Monarchie“ kennen wir eine 1839 von Faust Herr unter F. Leybold’s Leitung lithographirte „Mutter Gottes mit dem Kinde zwischen dem h. Matthäus und der h. Magdalena“ (in Qu.-Fol.), wovon das Original sich im Besitze der Gräfin von Lincker, geborenen von Árvay, befindet. Das von Eichens gestochene Bild: „Madonna mit dem Kinde, eine vornehme Familie in Verehrung desselben“ (gr. Fol.) möchten wir für das im Auftrage des Grafen Wickenburg für die Gleichenberger Kirche gemalte Altarbild halten. Im Besitze des Hofrathes Weiß von Weißenfels in Wien befindet sich: „Die Thätigkeit der barmherzigen Schwestern bei den Sträflingen“. Auch veröffentlichte Tunner 1865 ein Album von Maria-Zell, in welchem auf neun von ihm gezeichneten, von Emphinger, Schöninger und Reichart in reinem und kräftigem Tondrucke ausgeführten Blättern das Gnadenbild, die Säulenstatue, das Schatzkammerbild und die Stickereien auf dem Meßgewande des Königs Ludwig in trefflicher Nachbildung gegeben sind. Von seinen Bildnissen, deren sich zahlreiche im Besitze der steirischen Aristokratie und der Gratzer Bürgerschaft befinden, nennen wir nur jene des Grafen und der Gräfin Wickenburg, Letztere, wie sie ihr prachtvolles Haupthaar schlichtet, des Grafen Brandis, Moriz von Kaiserfeld’s, der Frau Anna Bayer, des Dichters Gottfried Leitner und der Gemalin desselben. Was nun die künstlerische Bedeutung Tunner’s betrifft, so ist dieselbe eine ungewöhnlich hohe, und wenn wir darüber in den Werken über Kunst und Künstler wenig oder gar keinen Aufschluß finden, so trifft die Schuld nicht den Maler, dessen Werke immer der vollsten Beachtung werth waren, sondern nur Diejenigen, die über Kunst schreiben und einen Meister solchen Ranges gar nicht kennen. Suchen wir doch in H. A. Müller’s „Biographischem Künstler-Lexikon der Gegenwart“ (Leipzig 1882, 8°.), [in der Suite der Meyer’schen Fach-Lexika] seinen Namen vergebens! Was Nagler über ihn schreibt, ist zu dürftig, aber charakterisirt, wenngleich mit wenigen Worten, den großen Künstler: „Tunner“, sagt er, „schloß sich mit tiefem Gefühle der religiösen Richtung der Historienmalerei an und wurde in Rom durch das Studium der älteren italienischen Meister nur noch mehr bestärkt, so daß er jetzt zu den vorzüglichsten Malern der religiösen Schule Deutschlands gehört. Seine Werke offenbaren einen schlichten frommen Sinn. Sein Streben geht auf Einfachheit und echte Frömmigkeit“. Tunner erstrebte stets, jede Effecthascherei vermeidend, treue Wiedergabe des Gegenstandes; jedes Bild mußte, und er selbst sprach dies oft aus, wahr sein und eben durch die Wahrheit allein den Beschauer zu fesseln vermögen. Dieses Streben, diese gewissenhafte Wiedergabe findet sich auf allen seinen Werken, selbst auf jenen aus seiner letzten Lebenszeit; mochten sie nun historische Darstellungen oder Porträte sein, er blieb der Wahrheit treu bis zum Ende seines künstlerischen Schaffens. Bezeichnend für Tunner ist es auch, daß er sich nie selbst copirte, sondern, wenn er denselben Gegenstand, z. B. einen Christus oder eine Madonna, mehrmals malen mußte, aus seinem Pinsel jedesmal ein in seinen Einzelheiten neues Bild hervorging. [123] Wie bedeutend der Künstler bereits in den Dreißiger-Jahren gewesen, erfahren wir aus einem uns vorliegenden Briefe des gefeierten Nestors der religiösen Kunst in Deutschland Eduard von Steinle, welcher anläßlich eines Bildes, das im Jahre 1835 sich im Besitze von Schikh in Wien befand, wörtlich schreibt: „Dieses Bild überraschte mich so sehr und sprach mein Inneres dermaßen an, daß es mir lange Zeit, nachdem ich es gesehen, immerwährend vorschwebte. Ich kann es nicht sagen, welchen Trost mir dieses Bild gewährte, indem ich in demselben so klar und deutlich jene Gediegenheit und Tiefe, die uns in den alten Meistern so ehrwürdig entgegentritt, wieder aufleben sah; und ich glaube ganz gewiß, daß dieses Bild zu den wenigen gehört, die dem so häufigen Plunder unserer leichtsinnigen Zeit gleichsam einen Todesstreich versetzen und über denselben ein fürchterliches Urtheil aussprechen. Gepriesen sei der Herr, der auch in der Kunst, die als ein Licht in seinem Hause zu leuchten bestimmt ist, Kräfte sich entwickeln läßt, die gleichsam dem Feinde auf den Nacken treten und seine Werke zu nichts machen. Zugleich aber freut es mich auch sehr, daß der Besitzer des Bildes den Werth desselben so sehr anerkennt und es so sehr liebt, daß er sich nicht getraute, es auf die heurige Ausstellung (1835) zu geben, in Furcht, es möchte bei Leuten Gefallen finden, denen er es seiner Stellung nach nicht ausschlagen könnte“. Wie bescheiden, wie in seinem Schaffen als Künstler und Lehrer und in seinem glücklichen Familienkreise alles Genügen findend Tunner war, beweist die Thatsache, daß die Brust des Mannes, der als Maler von solcher Bedeutung ist, kein Orden des Auslandes und der Heimat schmückte. Es könnte Leute geben, die sich von den niederen Preisen, welche der Künstler für seine Bilder erhielt, dürften verleiten lassen, auf seine künstlerische Bedeutung zu schließen. Das wäre in der That der falscheste Schluß! Nicht nur, daß ihm für seinen Antonius die respectable Summe von 3000 fl. bezahlt wurde, nicht nur dieser Umstand spricht für den Kunstwerth seiner Arbeit, man muß es auch besonders betonen, daß er nicht Nuditäten für reiche Mäcene, sondern meist Altar- und Heiligenbilder für arme Gemeinden malte, denen er nicht selten die Gemälde schenkte, oder doch nur so gering berechnete, daß Leinwand, Farbe, Blindrahmen und das Uebrige mit der verlangten Summe gedeckt war. Da Tunner todt ist und wir Wastler’s steirisches Künstlerlexikon genau kennen, so glauben wir nicht zu viel zu sagen, wenn wir Tunner den bedeutendsten Maler Steiermarks nennen, da uns aber dadurch doch sein hoher Werth nicht genügend bezeichnet ist, noch hinzufügen, daß er zu den bedeutendsten religiösen Malern unserer Zeit zählt. Schließlich noch ein Weniges über des Künstlers Familienverhältnisse. Tunner vermälte sich im Jahre 1842 mit Marie, der Tochter seines älteren Bruders Peter, eben desselben, der ihn vom Wege der Kunst auf jenen der Technik hinwies, und Schwester des berühmten Geologen und Bergmannes Peter Tunner, dessen Lebensskizze S. 127 mitgetheilt ist. Aus dieser Ehe entsprangen vier Töchter, deren zwei im zartesten Alter starben, über die beiden anderen, Marie und Sylvia, vergleiche den besonderen Artikel S. 124. Die Witwe mit ihrer Tochter Sylvia lebt in Gratz. Der Künstler, dessen Tod bei der hohen Achtung, welche er in allen Kreisen der Gratzer Bevölkerung [124] genoß, große Theilnahme erregte, liegt auf dem St. Petersfriedhofe in Gratz begraben.

Nagler ( G. K. Dr.). Neues allgemeines Künstler-Lexikon (München 1839, E. A. Fleischmann, 8°.) Bd. XIX, S. 150. – Frankl (Ludw. Aug.). Sonntagsblätter (Wien, 8°.) III. Jahrg. (1844), S. 549. – Wiener Zeitschrift für Kunst. Literatur, Theater und Mode (Wien, 8°.) 26. November 1833, Nr. 142: „Maler Tunner“. – Gratzer Montags-Zeitung vom 19. November 1877, Nr. 38, S. 302. – Die Künstler aller Zeiten und Völker u. s. w. Begonnen von Professor Fr. Müller, fortgesetzt und beendet durch Dr. Karl Klunzinger und A. Seubert (Stuttgart 1864, Ebner und Seubert, gr. 8°.) Bd. III, S. 715 [mit der famosen Quellenangabe 1836–1844, such, Aportel! such] – Schreiner (Gustav Dr..). Grätz (Gratz 1843, 8°.) 2. 463–468. – Das Vaterland (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 20: „Gallait in Gratz“. – Hermann (Heinrich). Handbuch der Geschichte des Herzogthums Kärnthen in Vereinigung mit den österreichischen Fürstenthümern (Klagenfurt, Leon, 8°.) Bd. III, 3. Heft: „Culturgeschichte Kärnthens vom Jahre 1790 bis 1857 (1859) oder der neuesten Zeit“, S. 254. – Wastler (Joseph). Steirisches Künstler-Lexikon (Gratz 1883, gr. 8°.) S. 170. [Ohne den Werth und die Verdienstlichkeit der Wastler’schen Arbeit schmälern zu wollen, so erscheint uns denn doch der Artikel Tunner, im Hinblicke auf die Bedeutenheit des Künstlers, zu ungenügend. Auch ist es uns nicht bekannt und halten wir die Angabe, daß Tunner in Prag unter Führich’s Leitung gemalt habe, für unrichtig.] – Handschriftliche Mittheilungen des Herrn Gottfried Ritter von Leitner, dem ich für seine unermüdliche Gefälligkeit, mit welcher er auf meine vielen Fragen freundlichsten Bescheid gab, hier meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
Porträt. Lichtbild, ein Jahr vor Tunner’s Tode (1876) aufgenommen im photographischen Atelier von J. B. Rottmayer und Zinsl, Gratz und Triest (Visitkartenformat).

Anmerkungen (Wikisource)