BLKÖ:Széll, Coloman von

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Szeli, Abraham
Band: 42 (1880), ab Seite: 42. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Kálmán Széll in der Wikipedia
Kálmán Széll in Wikidata
GND-Eintrag: 1084341417, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Széll, Coloman von|42|42|}}

Széll, Coloman von (Staatsmann, geb. zu Gosztony im Eisenburger Comitate Ungarns am 8. Juni 1843). Die Adelsfamilie, welcher Coloman Széll entstammt, heißt nach ihrem vollen Namen: Széll von Duka und Szent-Györgyvölgy. Sie führt ihre Stammregister bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück, in welchem sie sich noch Zel schrieb. Coloman, dessen Vater Joseph im Jahre 1848 als Vicegespan des Eisenburger Comitates fungirte, machte seine Gymnasialstudien zu Steinamanger und Eperies und hörte dann die Rechte zu Pesth. 1867 wurde er Stuhlrichter im Eisenburger Comitate, und schon im folgenden Jahre wählte ihn der St. Gottharder Wahlbezirk mit Acclamation zum Deputirten in den ungarischen Reichstag. Seitdem vertrat er stets diesen Wahlbezirk und war ständiger Referent der Finanzcommission des Abgeordnetenhauses. Im März 1875 ward Coloman Tisza vom Könige mit der Bildung eines Cabinets betraut; mit Perczel, Thomas Péchy und Ludwig Simonyi trat auch Széll in dasselbe, und zwar übernahm er das Portefeuille der Finanzen, welches vor ihm Ghyczy verwaltet hatte. In die bosnische Action willigte er nur ungern, aber schließlich doch ein, nachdem ihm die Versicherung ertheilt worden, daß dieselbe keine besonderen Opfer erheischen werde. Als es sich aber später zeigte, daß die bewilligten Summen nicht ausreichten und die Occupationskosten sogar zu ungeahnter Höhe anwuchsen, gab er die Erklärung: er wisse nicht, woher das Geld zu beschaffen. Das klang so wie eine Demission, ohne es noch zu sein: die Art und Weise aber, wie er im Conseil im weiteren Verlaufe der Berathungen, denen der König beiwohnte, auf seinem Standpunkte beharrte, hatte ohne seine eigene weitere Mitwirkung die Demission zur Folge, welche ihm auch ohne den üblichen Beisatz der Anerkennung seiner Wirksamkeit kurzweg ertheilt wurde. In die Zeit, da Széll das Finanzportefeuille verwaltete, fielen die Verhandlungen wegen des Bankausgleichs mit Ungarn. Es ist bekannt, wie der ehemalige ungarische Finanzminister Lónyay stets die Möglichkeit verfocht, eine eigene Nationalbank zu gründen. Dagegen wirkte Széll in richtiger Erkenntniß der Dinge, wie sie standen, auf die Gründung der dualistischen Bank zunächst dadurch hin, daß Ungarn in der Frage der Bankschuld nachgab, und dann durch den Nachweis, daß unter den gegebenen Verhältnissen dasselbe gar nicht in der Lage sei, eine eigene Zettelbank zu gründen. Er wieg dabei auf das Vorurtheil hin, welches das europäische Capital gegen Ungarn habe, und das genährt werde durch den Sonderstandpunkt, welchen das Land bei Beginn der Ausgleichsverhandlungen einzunehmen begann; überdies betonte er die Unmöglichkeit, daß Ungarn eine eigene Zettelbank gründe. Daß es sich zollpolitisch von Oesterreich trennen wollte, rief im Auslande keinen günstigen Eindruck hervor, und Széll machte auch gar kein Hehl daraus, daß [43] seiner Ueberzeugung nach der Credit Ungarns vollständig vernichtet worden wäre, wenn es sich nicht mit Oesterreich in irgend einer Weise ausgeglichen, sondern die Secession auf dem Gebiete des Bankwesens ausgesprochen, das gemeinsame Zollgebiet aufgelöst und sich so finanziell und volkswirthschaftlich abgesondert hätte. Nachdem er sein Portefeuille in die Hände des Grafen Julius Szapáry übergeben, hielt er sich, um im Reichstage nicht gegen ein Ministerium stimmen zu müssen, dem er einst selbst angehört, von den Parlamentsverhandlungen längere Zeit fern, wurde aber von der Oppositionspartei beständig umworben und aufgefordert, offen in ihre Reihen zu treten. Nun erklärte er, daß er im Herbste (1879) wieder im Reichstagssaale erscheinen und auch mit der Opposition in allen Cardinalfragen stimmen werde. Zum völligen Uebertritte zur Partei der vereinigten Opposition könne er sich aber schon darum nicht entschließen, weil diese Partei sich ja zunächst auf Grund ihrer Opposition gegen den Ausgleich constituirt habe, den er selbst in erster Linie verfochten. Sein Austritt aus dem Cabinet gab ihm einen gewissen Nimbus. Denn während Andere sich gebogen, war er fest geblieben; er hatte seine Ueberzeugung nicht geopfert, trotzdem er gut wissen mußte, daß er bei der herrschenden Stimmung in den maßgebenden Kreisen sich deren Ungnade zuziehen und, wie damals der „Pesther Lloyd“ schrieb, „ohne Auszeichnung aus dem Amte scheiden werde, trotzdem er der höchsten Auszeichnung werth gewesen“. Dieses Blatt erwähnt aber nicht, daß, wie damals allgemein die Rede ging, Széll’s Ausscheiden nicht wegen dessen Weigerung, die geforderten Mittel zu beschaffen. sondern vielmehr wegen der Form dieser Weigerung erfolgt sei. Später freilich kam die Stunde, in welcher er seinen Austritt aus dem Cabinete durch eine unverhüllte Darlegung der Thatsachen, natürlich von seinem Standpunkte aus, beleuchten und für sich sprechen lassen sollte. Es war in der Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses vom 24. Februar 1880, in welcher Széll, der sich bis dahin, seinem Vorhaben getreu, von der Debatte fern gehalten, offen der Opposition sich anschloß, indem er erklärte: er acceptire wohl das Budget, könne aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Regierung das Vertrauen nicht votiren. Und er, der vier Jahre die ungarischen Finanzen unter den schwierigsten Verhältnissen geleitet, konnte sein Votum vom finanziellen Standpunkte leicht motiviren, indem er nachwies, wie das Deficit, das er seit 1874, wo es 61 Millionen betrug, auf 27 Millionen im Jahre 1878 herabgebracht, wieder im Steigen begriffen sei, und wie es für 1880 mit ruhigem Gewissen auf mindestens 32 Millionen geschätzt werden könne, trotzdem die neuen noch nicht einmal votirten Steuern bereits in Rechnung gezogen, die Einnahmen oft über die maximale Größe der Wahrscheinlichkeit hinaufgeschraubt, die Ausgaben auf die minimale Grenze der Möglichkeit herabgesetzt worden seien. Széll, der ja wegen der bosnischen Occupation aus dem Cabinet geschieden, beleuchtete nun dieselbe in ihren finanziellen (warum nicht auch politischen?) Folgen. Als er daran gegangen war, mit großer Kraftanstrengung die vorhandenen Uebel zu saniren, seien ihm die Anforderungen, welche die bosnische Action an die ungarischen Finanzen stellte, in die Quere gekommen; [44] er sei nicht damit einverstanden gewesen, daß man die Kräfte des Landes, die dringend der Schonung bedurften, in dieser Richtung in Anspruch nehme, er sei darum aus dem Cabinet getreten. Bosnien koste Ungarn jährlich sechs Millionen und außerdem habe es einen Capitalsverlust bei der ersten Begebung der Goldrente verursacht, welchen er auf neunzehn Millionen berechne. Und so meint er denn, könne der Ruin nicht ausbleiben, wenn jährlich ein Deficit von dreißig Millionen im Wege der Anleihe bedeckt werden solle. Im Vorstehenden wurde der Kern der Rede Széll’s mitgetheilt. Von seinem Standpunkte aus mag er auch Recht haben. Was aber geschehen wäre, wenn Oesterreich Bosnien nicht occupirt hätte, das zu erörtern, hat Széll unterlassen, und er würde es viel lieber gesehen haben, daß Deutschosterreich allein die Kosten einer Angelegenheit bestritten hätte, die den Ungarn in erster Linie zu Statten kommt und wenn sie anders, d. h. ohne Oesterreich beigelegt worden wäre, denselben zunächst unbequem werden mußte. Nun freilich, die Riemen aus fremder Leute Leder schneiden, ist die billigste Politik.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1875, S. 973. – Dieselbe, 1875, Nr. 269, S. 4205: „Zur politischen und finanziellen Lage Ungarns“. – Dieselbe, 1875, Nr. 344, S. 5353: „Pesth, 7. December“. – Dieselbe, 1878, Nr. 278: „Aus Oesterreich. 3. October“. – Dieselbe, 1878, Nr. 279, S. 4113: „Pesth, 2. October“. – Dieselbe, 1879, Nr. 37; „Pesth, 2. Februar“. – Dieselbe, 1879, Nr. 229: „Pesth, 13. August“. – Neue Freie Presse, 17. September 1875, Nr. 3974: „Das Széll’sche Finanz-Exposé“. – Dieselbe, 24. September 1875, Nr. 3981: „Zum Finanz-Exposé Széll’s“. – Dieselbe, 28. September 1875, Nr. 3985, im Feuilleton: „Aus dem neuen Hause“. Von X. Y. Z. – Neue illustrirte Zeitung. Redigirt von Johannes Nordmann (Wien, Zamarski, kl. Fol.) 1875, Nr. 10.
Porträt. Im Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in der vorbenannten illustrirten Zeitung.
Chargen. l) Von C. von Stur im „Floh“, 26. September 1875, Nr. 39. – 2) Von Klič in den „Humoristischen Blättern“, 26. September 1875, Nr. 39. Die ungemein witzige Erläuterung zur Charge gibt die Rückseite unter der Aufschrift: „Herr Dr. Folgerichtig, Vertheidiger in Straf- und sonstigen Sachen“. – 3) In der „Bombe“ von Laci von F.(recsai) 6. October 1878, Nr. 40, S. 305. Ueberschrift: „Transleithanisches“. Unterschrift: „Während sich Coloman Széll unter dem Alp des Deficits in qualvollen Träumen windet, erhebt sich aus dem Dunkel der Staatscasse das Reactionsgespenst Sennyey’s mit drohender Geberde.