BLKÖ:Schwarzenberg, Friedrich Johann Nepomuk Fürst

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 33 (1877), ab Seite: 71. (Quelle)
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Schwarzenberg, Friedrich Johann Nepomuk Fürst (Cardinal-Erzbischof von Prag, geb. in Wien am 6. April 1809). Ein Sohn des Fürsten Joseph Johann, aus dessen Ehe mit Pauline geborenen Prinzessin Arenberg [s. d. S. 118]. Da seine Mutter bei Gelegenheit der Festlichkeiten zur Vermälungsfeier Napoleon’s mit der Erzherzogin Marie Louise, Tochter des Kaisers Franz I., bei dem im Ballsaale entstandenen Brande um’s Leben kam (im Jahre 1810), so trat an ihre Stelle als Mutter die Schwester seines Vaters, Fürstin Eleonore, nachmalige Canonissin von Essen, weßhalb ihr der Fürst Friedrich durch ihr ganzes Leben mit wahrhaft kindlicher Liebe zugethan war. Seine Erziehung genoß er theils in Wien, theils in Krumau, wo er auch als Knabe gut böhmisch lernte. Sein Erzieher war der nachmalige Ehrendomherr von Salzburg, Dr. Laurenz Greif (ein geborener Württemberger). Die Philosophie studirte er öffentlich an der Wiener Universität, wo er sich auch dem Rechtsstudium widmete, denn er beabsichtigte früher die juridische Laufbahn anzutreten. Allein ein Jahr später änderte er seine Absicht und wählte den Priesterstand; er ging sodann nach Salzburg und hörte dort die Studien an der theologischen Facultät. Hier wurde er auch in dem Salzburger Capitel Domicellar (im Jahre 1830). – Etwa 21 Jahre alt, sollte er nun in den praktischen 4. Jahrgang eintreten, in welchem vorzüglich die Uebung im geistlichen Leben, in den geistlichen Functionen und die Ausbildung zur eigentlichen Seelsorge die Hauptaufgabe bilden. Da rieth ihm sein eigener Erzbischof, dieses so wichtige Jahr im Wiener Alumnate zu vollenden, welches damals unter seinem frommen Director, Canonicus (nachmaligem Domcustos) Zenner, wegen seiner Disciplin im besten Rufe stand. Der Domicellar Fürst Schwarzenberg ersuchte sofort um gastliche Aufnahme im Wiener Priester-Seminar. Doch der Fürst fand Schwierigkeiten, gerade weil er Fürst war; denn freimüthig trat ihm der Director auf sein Ansuchen entgegen, beiläufig mit den Worten: „Ich bin nicht geneigt, in Ihren Wunsch zu willigen, um nicht beizutragen zu der großen Verantwortlichkeit, daß Sie, als Fürst, der Kirche sich aufdringen, etwa in der Hoffnung, durch Ihren fürstlichen Stand in der Kirche dereinst eine hohe Stelle zu erklimmen. Ich gestehe es offen,“ fügte er unumwunden hinzu, „daß die Hochadeligen der Kirche selten zu Ehre und Nutzen gewesen, sondern, daß diese ihr meistens die empfindlichsten Wunden geschlagen haben.“ Doch dieses ernste und freimüthige Wort des Alumnats-Directors – weit entfernt, den fürstlichen Jüngling zu verletzen und abzustoßen – nahm ihn noch mehr für den Mann ein, und noch dringender, als zuvor, bat er um Aufnahme in das geistliche Haus und um dessen unmittelbare strenge Führung. Sofort ward seine Bitte erfüllt und zu seinem geistigen Vortheil, da er sich bei all’ seiner zarten Frömmigkeit nun unter die strengste Führung gestellt sah. Niemand hatte auf weniger Nachsicht beim Director zu rechnen, als der Alumnus Fürst Schwarzenberg. Sohin diente er bald Allen zum freundlichsten Muster des Eifers in Beobachtung sowohl der Disciplinar-Vorschriften, wie der Demuth und Bescheidenheit, der liebreichen Freundlichkeit und besonders der Frömmigkeit. Jeder Alumnus fühlte sich freundlich angezogen von dem trefflichen Charakter des jungen Fürsten, und von den wohlthätigsten Folgen war seine beispielvolle Anwesenheit im [72] Alumnate. Hervorragend zeigte sich auch schon damals seine Wohlthätigkeit. Abgesehen davon, daß er bei gemeinsamen Spaziergängen gewöhnlich in den letzten Reihen ging, um desto ungestörter und unbemerkter die Armen betheilen zu können, so war überdieß seine Wohnung, besonders gegen Ende des Monats, fast immer umlagert von verschämten Hausarmen, Waisen, Witwen etc., um ihre monatlichen Unterstützungsbeitrage in Empfang zu nehmen. – Kaum 22 Jahre alt, war er mit den theologischen Studien fertig und hätte jetzt mit päpstlicher Dispens geweiht werden können. Für den Fürsten aber hatten sich nun in der fürstlichen Familie selbst Schwierigkeiten gegen seine Standeswahl erhoben. Bedenken für seine Jugend und Zweifel ob etwaiger Nachreue, so wie geöffnete freundliche Aussichten in der Welt traten abwehrend seinem Wunsche nach dem geistlichen Stande entgegen. Doch er wankte nicht, und beschloß geduldig noch die 2 Jahre bis zur erreichten Majorennität, mit der Priesterweihe zu warten. – Diese freie Zwischenzeit benützte der Fürst, um sich auf den theologischen Doctorgrad vorzubereiten. Am 25. Juli 1833 erhielt er durch die Hände des Linzer Bischofs Ziegler die Priesterweihe und feierte hierauf zu Krumau in Böhmen seine Primiz. Dr. Veit verherrlichte das Fest durch seine Predigt. Der Gegenstand der ersten geistlichen Function des Fürsten – war sein eigener fürstlicher Vater, welchem er – 8 Tage hierauf – die Sterbsacramente ertheilte. Nun widmete sich der fürstliche Domicellar der Seelsorge und zwar als Cooperator an der Dompfarre in Salzburg. Die Muße seines kirchlichen Berufes widmete er der Vorbereitung zum theologischen Doctorate. Da starb am 28. Juni 1835 der greise Erzbischof Augustin Gruber [V, Bd., S. 377] und das Salzburger Capitel schritt zur freien Wahl des neuen Oberhirten. Unter den vierzehn stimmberechtigten Wählern befand sich der Fürst selbst. Mit Ausnahme seiner Stimme, und der zweiten eines Abwesenden, fielen die übrigen zwölf Stimmen auf ihn. „Ich wage dem Willen Gottes nicht zu widerstehen“, war seine Antwort, als ihm die Wahl bekannt gegeben wurde. Am 1. Februar 1836 wurde er vom Papste Gregor XVI. confirmirt. Der Fürst – als Erzbischof von Salzburg, auch Primas von Deutschland – zählte damals 27 Jahre. Am 1. Mai 1836 fand im Beisein aller Seelsorger im Salzburger Dom durch den Fürst-Bischof von Trient J. Tschiderer seine Consecration und am folgenden Tage seine feierliche Inthronisation Statt. Vierzig Jahre sind seither verflossen, daß der Fürst die höchsten kirchlichen Würden im Kaiserstaate bekleidet, und in einer Zeit, in welcher Wirren aller Art, schwere Kriege denselben heimgesucht und der Kampf zwischen Kirche und Staat entbrannt ist. Im Folgenden geben wir eine objective Schilderung seiner Thätigkeit und seines Verhaltens gegenüber der schweren Zeitereignisse, welche in die Zeit seiner oberpriesterlichen Wirksamkeit fallen. In Salzburg weilte der Fürst bis zu seiner am 13. December 1849 erfolgten Ernennung zum Erzbischof von Prag. Er legte daselbst den Grund eines Knaben-Seminars zur Heranbildung künftiger Priester, berief, um Hilfsbedürftigen aller Art eine fernere christliche Pflege zu sichern, im Jahre 1844 die barmherzigen Schwestern des h. Vincenz in die Diöcese und gründete ihnen durch Ankauf des Missionshauses in Schwarzach und des Gutes Schönberg, die erste Niederlassung, aus der alsbald mehrere neue [73] hervorgingen. Im December 1841 unternahm er seine erste Reise nach Rom, um über die Verwaltung seines Amtes mündlichen Bericht zu erstatten. In Folge desselben ernannte ihn der damit äußerst zufrieden gestellte Papst im geheimen Consistorium vom 21. Jänner 1842 zum Cardinalpriester der römischen Kirche mit dem Titel vom h. Augustin. Zur Zeit der Bewegung im Jahre 1848, welche alle Stände erfaßte, und welcher gegenüber die schon hie und da von den wilden Gewalten bedrohte Kirche sich nicht länger unthätig verhalten konnte, berief der Cardinal im September genannten Jahres seine Suffraganbischöfe, um sich mit ihnen zu berathen, was noth thue, und das Ergebniß dieser Berathung war eine Adresse an den constituirenden Reichsrath; als bald darauf im October und November auch die Bischöfe Deutschlands zu ähnlichem Zwecke in Würzburg zusammentraten, eilte Cardinal Schwarzenberg als Primas von Deutschland in ihre Mitte. Als dann im folgenden Jahre die Bischöfe Oesterreichs in Wien sich versammelten – 30. April bis 17. Juni 1849 – um das Verhältniß zwischen Staat und Kirche in kirchenfreundlichem Sinne ordnen zu helfen, stand Cardinal Schwarzenberg an ihrer Spitze und leitete die Verhandlungen. Schon im Jahre 1838, nach dem Tode des Prager Erzbischofs Ankwicz [Bd. I, S. 44] war an den Fürsten der Ruf zur Annahme dieser Würde ergangen. Er lehnte damals ab. Die neue Berufung, die er im Anbeginne auch ablehnte, nahm er endlich in Folge der Aufforderung des Papstes Pius IX. an und so wurde der Fürst am 13. December 1849 als Nachfolger des Freiherrn von Schrenk [Bd. XXXI, S. 298] zum Erzbischof von Prag ernannt. Am 20. Mai 1850 erfolgte die päpstliche Confirmation, am 15. August dieses Jahres hielt er im Prager Dom seinen feierlichen Einzug. Durch das am 18. August 1855 von Seite Oesterreichs mit dem päpstlichen Stuhle abgeschlossene Concordat begann die neue kirchliche Freiheit allmälig ihre Blüthen zu treiben. In der Prager Erzdiöcese zeigten sie sich in den regelmäßig wiederkehrenden Priesterexercitien, in der festeren Gliederung der bereits im Jahre 1849 entstandenen Katholiken-Vereine, in den sich häufenden Volksmissionen, durch welche das römisch-katholische Bewußtsein der großen Menge in den Stadt- und Landgemeinden gehoben werden sollte; in der Ansiedelung neuer Ordensfamilien in der Hauptstadt und im Lande, so der Jesuiten, Redemtoristen, Schwestern vom h. Herzen Jesu, vom h. Kreuze, von Notre dame, vom heiligsten Erlöser, der Tertiarerinen vom Orden des h. Franciscus (grauen Schwestern) und der barmherzigen Schwestern vom h. Carolus Borromäus, welch’ letztere in Karolinenthal, Smichow, Řepi, Peček, Hayd, Joachimsthal u. a. O. neue Niederlassungen für Krankenpflege und Unterricht errichteten. Auch in der in den Jahren 1852 bis 1859 durchgeführten allgemeinen Reformation der bestehenden geistlichen Orden Oesterreichs wurde 1852 Cardinal Friedrich vom apostolischen Stuhle mit dieser Aufgabe betraut und führte sie mit seinen selbstgewählten Convisitatoren auch durch. Zugleich mit der Verkündigung des neuen Concordats, welche am 6. September 1855 in seiner Diöcese statt fand, errichtete der Cardinal ein neues fürsterzbischöfliches Studenten-Convict zur Erziehung künftiger Priester; am 8. October 1856 wurde das neue geistliche Ehegericht in’s Leben gerufen, bald darauf die bischöflichen Commissariate an allen Mittelschulen errichtet, mit [74] den Anordnungen vom 8. März 1858 die theologischen Studien neu eingerichtet, die Pastoral-Conferenzen – als Vorbereitung künftiger Synoden – eingeführt und am 1. Jänner 1859 die wirkliche Wiedereinführung der seit dritthalbhundert Jahren unterbrochenen kirchlichen Synoden verkündigt. Der schon 1844 genehmigte Prager Dombau-Verein constituirte sich am 22. Mai 1859 in der That. Der Verein stellte sich die große und ehrenwerthe Aufgabe auf Grund der von den Mitgliedern gespendeten Beiträge den uralten St. Veitsdom in seinen bestehenden Theilen zu restauriren und endlich auch vollkommen auszubauen. Die durch den Ausbruch des Krieges (1859) verzögerte Einberufung der Provinzialsynode fand endlich am 9. September 1860 Statt und berieth bis 24. September und am 31. August 1863 trat in Prag die erste Diöcesan-Synode zusammen. Obgleich der nach 1859 im Kaiserstaate eingetretene politische Umschwung hindernd dazwischen trat, die neue Kirchenvermögens-Verwaltung (1861) auch an dem Widerstande der Patrone scheiterte, so wurde doch das neue geistliche Gericht (in Disciplinarsachen) und die Häredität des h. Adalbert zur Unterstützung hilfsbedürftiger Priester 1862 in’s Leben gerufen. Fast um dieselbe Zeit entstanden der Bonifacius-Verein zur Unterstützung der Missionsstationen, die St. Michaels-Bruderschaft zur Unterstützung des in Italien von seinen eigenen Landsleuten bedrängten Papstes, die Procopi-Häredität zur Herausgabe katholischer wissenschaftlicher Werke in čechischer Sprache und der Verein der ewigen Anbetung des allerheiligsten Sacraments (zugleich Sacramenten-Verein). Auch betheiligte sich der Cardinal an der Denkschrift der 1862 in Rom versammelten Bischöfe zur Vertheidigung der päpstlichen Rechte und als der Kampf gegen das Christenthum selbst sich zu wenden schien, erließ er sein Collectivschreiben anläßlich des Buches „Das Leben Jesu“ von Renan, durch welches von Seite eines Juden das Christenthum mehr geschädigt worden, als je Christen versucht hatten, die Lehren des Judenthums zu schädigen. Zu neuer Spannkraft ermannte sich der Cardinal, als das Waffenunglück des Jahres 1866 ein neues Sichermannen der Monarchie hervorrief und zunächst der Kampf gegen das Concordat begann, das der freien Entwicklung des Reiches thatsächlich im Wege stand. Die neuen Staats-Grundgesetze ( 21. December 1867) verkündeten volle Glaubens- und Gewissensfreiheit aller Staatsbürger und ebenso die unbeschränkte Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre. Dann folgten – 29. Mai 1868 – das neue Ehegesetz, welches die Nothcivilehe gestattete, das neue Schulgesetz, das sogenannte interconfessionelle Gesetz, welches den bisher bei gemischten Ehen vorgeschriebenen Erziehungsreversen die rechtliche Geltung entzog. Aber alle Maßnahmen der sich bedroht wähnenden Kirche vermochten nicht das hereinbrechende Licht einer neuen Zeit hintanzuhalten. Der Cardinal selbst bewahrte durch seine weise Mäßigung in dieser für die Kirche schweren Zeit dieselbe vor manchen Uebergriffen der Heißsporne, wie sie anderwärts Statt hatten. Der einen Reise des Cardinals nach Rom – im Winter 1841 – wurde bereits gedacht, der Cardinal wiederholte dieselben bei besonderen Anlässen, so im Jahre 1854, um der feierlichen Dogmatisirung der unbefleckten Empfängniß Mariä beizuwohnen; im Jahre 1862 zur Feier der Heiligsprechung [75] der japanesischen Märtyrer, und endlich als Papst Pius IX. nach dreihundert Jahren wieder eine allgemeine Kirchenversammlung zusammenberief, deren Berathungen am 9. December 1869 im St. Petersdome in Rom eröffnet wurden. Als nun im Mai die Berathungen über die Constitutio de ecclesia, sich in raschester Eile folgten, da geschah es am 18. Mai, daß Cardinal Schwarzenberg, durch seine an diesem Tage gehaltene Rede die Aufmerksamkeit des ganzen gebildeten Europa’s auf sich lenkte und Worte sprach, welche zu dem Bedeutendsten gehörten, was bis dahin im Schooße dieser Versammlung vernommen wurde. Der Cardinal verwahrte sich gleich im Eingange seines anderthalbstündigen Vortrages gegen jede Unterbrechung, und bemerkte: „Papst Benedict XIII. trug einst seinem Cardinals-Collegium auf, ihm unter jeder Bedingung, selbst dann die Wahrheit zu sagen, wenn sie ihm unangenehm wäre. Auf die wohlbekannte Aeußerung dieses Vorgängers Seiner jetzt regierenden Heiligkeit gestützt, fühle ich mich ebenfalls verpflichtet, sowohl als Cardinal, wie als Bischof der katholischen Kirche, hier die volle Wahrheit und meine innigsten Ueberzeugungen ungescheut auszusprechen. Ich protestire daher im voraus gegen jede lärmende Mißbilligung meiner Rede von Seite Derjenigen, die nicht meiner Meinung sind, und ebenso gegen eine etwaige Entziehung des Wortes durch das hochwürdige Präsidium, welche ich nimmermehr zu dulden gesonnen wäre. Auf diese billigen Rücksichten glaube ich umsomehr Anspruch zu haben, als ich mich stets in den Grenzen jener anständigen Mäßigung bewegen werde, welche sowohl der Ernst des Gegenstandes als die Erhabenheit des Ortes, wo wir uns befinden, vor allem gebietet.“ Diese mit Nachdruck, aber zugleich mit seltener Ruhe vorgebrachte Einleitung machte auf die Mitglieder der päpstlichen Partei eine solche Wirkung, daß sie den Cardinal mit den scandalösen Scenen, die einige Tage zuvor Statt hatten, verschonten und bis zum Schlusse in tiefstem Stillschweigen anhörten. Nachdem der Redner im Allgemeinen das Schema beleuchtet und namentlich die unermeßliche Tragweite der einzelnen Bestimmungen desselben, als: De vi et ratione privatus, dann: de Infallibilitate Pontificis Romani, scharf betont hatte, rief er plötzlich aus: „In meinem Heimatslande glimmt der Hussitismus noch fortwährend unter der Asche fort. Auch bei anderen katholischen Nationen steht die große Frage einer gründlichen Läuterung der Kirche in capite et membris wie im fünfzehnten Jahrhundert noch immer auf der Tagesordnung, und bei der politischen Aufregung, die sich heutzutage aller Völker bemächtigte, wankt auch der religiöse Boden unter unseren Füßen. Und in diesem Augenblicke reißt ihr selbst die von unseren Vorfahren weise angelegten Schranken ein, schädigt die Autorität des Episcopats, leugnet die oberste Entscheidungsgewalt der ökumenischen Concile in kirchlichen Dingen, diesen uralten Grundsatz, und bringt ein längst verunglücktes, durch den gesunden Menschenverstand einstimmig verworfenes Project von der persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes wieder als neuestes Dogma auf das Tapet, welches die Welt, dessen seid ihr wohl selbst überzeugt, niemals als Gesetz annehmen wird! Aber, meine Herren, habt ihr denn die Lehren der Geschichte so wenig beherzigt, wie gefährlich es ist, solche ungerechtfertigte Neuerungen einzuführen? Habt ihr nicht jener übelberathenen Regierungen gedacht, welche, [76] indem sie die seit Jahrhunderten bestehenden Corporationen mit Außerachtlassung der ständischen Gerechtsame vernichteten, dadurch der Revolution Thür und Thor öffneten und in Folge dessen ihr früheres moralisches Ansehen größtentheils einbüßten, das sie in seiner Totalität künftighin kaum wieder zurückgewinnen werden?“ Noch ist folgende Stelle aus des Cardinals merkwürdiger Rede hervorzuheben: „Es wird“, rief der Cardinal, „zwar behauptet, daß ihr selbst fest daran glaubt, was ihr über dieses Schema als eure tiefste Ueberzeugung ausgebt; aber mir und meinen Gesinnungsgenossen wird man doch nicht zumuthen wollen, dasjenige als wahr und gut feierlich anzuerkennen, was uns als ein Absurdum erscheint. Geht es nach eurem Wunsche, darauf darf man sich verlassen, so werden schismatische Bewegungen und Abfälle von der römisch-katholischen nicht ausbleiben“. Und in der That, sie sind nicht ausgeblieben. Die Rede bildete lange Zeit das Ereigniß des Tages, auch berichteten später die Journale, der Cardinal habe wegen der gewünschten Infallibilitäts-Erklärung seine Cardinalswürde in die Hände des Papstes zurückgelegt, daß dieser aber das Schreiben nicht angenommen habe. Aber es waren nur wenige Monate in’s Land gegangen, als dieser Widerstand des Cardinals und sein Versuch der gesunden Vernunft im Concil zum Siege zu verhelfen, gebrochen ward. Auf welche Weise er terrorisirt worden, ist bisher nicht bekannt. Sine Bedrohung seines Lebens hätte einen Schwarzenberg [man vergleiche die Lebensskizze des Fürsten Adam Franz Karl v. Sch. [S. 1] nicht zum Schwanken gebracht, es mußten also Hebel anderer Art angewendet worden sein, um den Fürsten, der ja 61 Jahre alt war, als er diese unvergeßlichen Worte sprach, abwendig zu machen. Der einfachste Erklärungsgrund liegt wohl in der Obedienz, dieser gefährlichsten Waffe der Curie gegen den Episcopat. Als man dem Fürsten den Protest, den mit ihm zugleich mehrere Bischöfe gegen das Unfehlbarkeitsdogma aufzulegen beschlossen hatten, am 23. December 1870 zur Unterschrift vorlegte, zögerte er, verlangte Aufschub und zog endlich sich ganz zurück. Nach diesem von seinen Gesinnungsgenossen damals unbegriffenen Schritte, zog er sich einige Zeit in schwerer Niedergeschlagenheit in ein Kloster zurück. – Zur Vervollständigung der Lebensskizze des Fürst-Cardinals sei nur bemerkt, daß in die letzten zwei Jahrzehente seiner oberhirtlichen Regierung mehrere große kirchliche Jubiläen fielen, so im Jahre 1863 das tausendjährige Jubiläum der Bekehrung Mährens zum Christenthume und zugleich der Slavenapostel Cyrill und Methodius; im Jahre 1859 das 50jährige Priester-Jubiläum des Papstes Pius IX.; im Jahre 1871 das in der Geschichte der Päpste seit den Tagen des h. Petrus nicht dagewesene 25jährige Jubiläum der Thronbesteigung des Papstes Pius IX.; im Jahre 1873 das 900jährige Jubelfest der Errichtung des Prager Bisthums, und am 15. August 1875 feierte der Cardinal selbst das 25jährige Jubiläum seiner Prager erzbischöflichen Würde, anläßlich dessen er ein vom 14. August v. J. datirtes Handbillet Sr. Majestät erhielt, in welchem neben dem Glückwunsche auch eine Anerkennung der angestammten unwandelbaren Treue und Anhänglichkeit des Cardinals an das Kaiserhaus, und welchen Werth der Kaiser darauf lege, ausgedrückt war. Von Seite Sr. Heiligkeit des Papstes erhielt der Fürst bei dieser Gelegenheit eine in einen kostbaren Rahmen eingefügte, werthvolle Elfenbein-Schnitzerei, [77] welche die Kreuzabnahme darstellte. In Fachkreisen wird der Cardinal als Verfasser der Polemik gegen Schulte[WS 1] [Bd. XXXII, S. 167] und dessen confessionelle Artikel im Journal „Das Vaterland“ bezeichnet. Was die äußere Erscheinung des Fürsten und sein Verhalten als Mensch und Priester betrifft, so ist erstere von würdevoller Schönheit, wer sich dem Kirchenfürsten naht, wird von der fürstlichen Hoheit, gepaart mit liebenswürdiger Milde, gefesselt. Der Cardinal ist ein großer Wohlthäter der leidenden Menschheit und der Armen und thut Gutes, wo sich ihm Gelegenheit darbietet. Als bei Gelegenheit einer Schulvisitation auf dem Lande, der Cardinal der Prüfung der Kinder beiwohnte, konnte ein kleines Mädchen auf die Frage: „Weßhalb Adam und Eva aus dem Paradiese ausgewiesen worden“, sich mit der Antwort nicht zurecht finden. Als aber der Cardinal mit freundlicher Miene auf das nachsinnende Kind zutrat, mit den Worten: „Wie, mein Kind, kannst Du mir es nicht sagen?“, da faßte das Kind Muth und rief: „ja doch, sie werden wohl schuldig gewesen sein, sie konnten die Miethe nicht bezahlen“. Die Wirkung dieser Antwort blieb nicht aus. Der Cardinal erkundigte sich am Schlusse der Visitation nach der Ursache dieser Antwort und vernahm, daß die Eltern des Kindes, weil sie die Miethe nicht hatten bezahlen können, aus ihrer Wohnung ausgewiesen worden waren. Der Fürst schenkte sofort den Eltern eine nicht unbedeutende Summe, wodurch nicht nur ihrer augenblicklichen Noth abgeholfen, sondern auch einer neuerlichen Ausweisung bei künftiger Miethe vorgebeugt wurde. Mit seinem kirchlichen Ernst verbindet der Cardinal eine wohlthuende Heiterkeit, die ihn auch nicht verläßt, wenn diese in fast empfindlicher[WS 2]Weise auf die Probe gestellt wird, wie dieß bei einer anderen Schulvisitation in einem böhmischen Dorfe der Fall gewesen sein soll, wo der Cardinal den Lehrer aufforderte, ein wenig aus der Geschichte zu examiniren. Der Lehrer richtete demnach an einen Knaben die Frage: „Nepomuk, wer hat das Pulver erfunden?“ – „Das Pulver“, stotterte der Befragte ängstlich und antwortete, als ihm ein hilfreicher kleiner Nachbar den Namen „Schwarz“ zuflüsterte, rasch: „Fürst Schwarzenberg“. „Nein, nein, mein Söhnchen,“ fiel hier der Schullehrer ein, „freilich sind die Schwarzenberge ein hochberühmtes Geschlecht, aber das Pulver haben sie nicht erfunden!“ Da konnte der Fürst selbst des herzlichsten Lachens sich nicht erwehren und beruhigte den seines Mißgriffs sich bewußt gewordenen Lehrer, dem die Angsttropfen über die Stirne liefen, mit den Worten: „Beruhigen Sie sich, lieber Herr Lehrer, Sie hatten ganz Recht, die Schwarzenberge haben das Pulver wirklich nicht erfunden.“ So gemüthlich, ja heiter der Cardinal im Verkehre ist, so entschieden, ja ablehnend kann er werden, wenn er sich in seinem Fürstenblute verletzt fühlt. Als im Jahre 1860 anläßlich der Verfassungsfeier mehrere Bischöfe Böhmens sich passiv verhielten, und auch der Fürst wegen seines Verhaltens von Seite des Staatsministers in dieser Sache interpellirt worden war, erwiederte der Cardinal mit herbstem Ernste, daß er den Staatsminister auf die Traditionen des Hauses Schwarzenberg verweise, welche die Anhänglichkeit desselben an das ah. Kaiserhaus durchwegs nachweisen, und denen auch er immer getreu geblieben, weßhalb er jede Mahnung in dieser Angelegenheit für überflüssig halte. Mit anderen Tugenden seines erlauchten Geschlechtes [78] verbindet der Fürst auch große Liebe zur Kunst und ein Werk seiner Munificenz ist die im Jahre 1848 von ihm in Salzburg erbaute Karlskirche, ein einfacher, aber höchst geschmackvoller Bau nach dem Entwurfe des Malers Pezold im romanischen Style ausgeführt, der im Innern würdig mit schönen Altarbildern von Rudolph Müller [Bd. XIX, S. 401, Nr. 59] und Fresken von Rattensberger [Bd. XXV, S. 25] ausgeschmückt ist.

Frind (Anton). Die Geschichte der Bischöfe und Erzbischöfe von Prag (Prag 1873, Cöln, 8°.) S. 294. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1869, Nr. 301: „Kardinal Schwarzenberg und der böhmische Clerus“. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1871, Nr. 2515, in der „Kleinen Chronik“: „Ein Antwortschreiben des Papstes“ [auf die Einladung des Fürsten-Cardinals nach Böhmen zu kommen, falls der Papst genöthigt wäre, Rom zu verlassen]. – Dieselbe vom 14. April 1872, in der Rubrik Inland: „Fürst Cardinal Schwarzenberg“. – Ebenda vom 15., 16., 17., 18., und 20. August 1875: „Ueber das Jubiläum des Cardinals Schwarzenberg“. – Světozor (Prager illustr. Blatt) Jahrg. 1870, Nr. 28 und 1875, Nr. 34 [in der ersten Nummer die Lebensskizze, in der zweiten die 25jährige Jubelfeier des Cardinals]. – Kleines biographisches Lexikon, enthaltend Lebensskizzen hervorragender, um die Kirche verdienter Männer (Salzburg 1861, Endl und Ponker, 8°.) S. 110– 121. – Porträte. Keines der vorhandenen Bildnisse, wenn ihnen auch Aehnlichkeit nicht abzusprechen ist, gibt die Hoheit und Würde dieses ungemein edlen und wirklich priesterlichen Angesichts wieder. 1) Unterschrift: Friedrich Fürst zu Schwarzenberg | Kardinal, Fürsterzbischof zu Prag. A. Volkert sc. (32°.) [auch im gothaischen genealogischen Almanach]. – 2) Nach einer Photographie von Winter, auf Holz gezeichnet von Kriehuber’s Sohn, im Světozor 1870, Nr. 28, S. 207 [sehr ähnlich]. – 3) Lithographie von Fertig (Salzburg, Baldi, gr. 4°.). – 4) Lithographie bei Schön und Abel in Salzburg, Fol., auch im Farbendruck. – 5) Stich ohne Angabe des Stechers (Prag, Klar [Calwesche Buchhandlung], 8°.). – 6) Stahlstich von Mayer (Ulm, Ebner, kl. 4°.). – 7) Lithographie bei Keller in Frankfurt (4°.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche dazu den 1891 erschienen, von Schulte verfassten Artikel in der ADB über den Erzbischof, wo Schulte selbst diese Vermutung von sich weist und überhaupt deutliche Worte über den Prager Erzbischof Schwarzenberg, den er persönlich kannte, fällt.
  2. Vorlage: emfindlicher.