BLKÖ:Löwenstern, Isidor

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Löwenthal, J.
Band: 15 (1866), ab Seite: 447. (Quelle)
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Löwenstern, Isidor (Numismatiker, geb. zu Wien im Jahre 1810, gest. zu Constantinopel im Jahre 1858 oder 1859). Sein Vater, ein reicher Jude in Wien und Vorsteher der jüdischen Gemeinde daselbst, hieß Levy und hatte für seine Verdienste um das Armenwesen die große goldene Medaille erhalten. Auch war sein Haus der Sammelplatz aller bedeutenden Musiker, es kamen, durch seine schöne und geistvolle Frau angeregt, Hummel, Mayseder, Moscheles, Meyerbeer und andere berühmte Tonkünstler in dasselbe. Isidor selbst erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, tüchtigen Unterricht in Geschichte und in Sprachen, für die er ein außergewöhnliches Talent besaß. Nach des Vaters Tode erbte Isidor ein sehr bedeutendes Vermögen, trat zum Christenthum über und nahm den Namen Löwenstern an. Aus Neigung nahm er die Pflegetochter des Wiener Großhändlers Salmi, die vortreffliche [448] Clavierspielerin Josephine Eder, welche, die erste in Wien, Beethoven’sche Compositionen ohne Noten spielte, zur Frau und machte mit ihr eine Reise nach dem Orient. Später ließ er sich von ihr scheiden und Josephine heirathete zum zweiten Mal den berühmten Violinvirtuosen Vieuxtemps, den sie auch auf allen seinen Kunstreisen auf dem Continent und in Amerika begleitete und mit ihm zur Zeit in London lebt. In der Folge unternahm L. noch weitere Reisen nach den Vereinigten Staaten, nach der Havannah, nach Mexiko, welche er auch beschrieben und in mehreren Schriften veröffentlicht hat [siehe weiter unten]. Während seiner Abwesenheit verlor er durch die Treulosigkeit seines Erziehers, den er mittlerweile zum Geschäftsführer bestellt, einen beträchtlichen Theil seines Vermögens. Während eines längeren Aufenthaltes in Paris lernte L. eine Spanierin kennen, heirathete sie und lebte fortan in Paris. Allmälig verarmte er ganz und nahm, durch seine heruntergekommenen Verhältnisse gedrängt, einen Consularsposten – wenn Herausgeber nicht irrt – für Dänemark in Constantinopel an, wo er auch um das Jahr 1858 gestorben ist. Bedeutung für dieses Werk gewinnt er mehr als durch seine wechselvollen Schicksale, durch seinen Sammeleifer und seine antiquarischen Arbeiten. L. sammelte Münzen und vorzugsweise Thaler und Medaillen der neuen und neuesten Zeit, dabei berücksichtigte er ebenso das historische Interesse als Seltenheit, Echtheit und gute Erhaltung der Exemplare. Die polnischen, englischen und französischen Stücke waren zahlreich vertreten. Als Hilfsmittel seiner reichen Sammlung, für die er vornehmlich in den Jahren 1830 bis 1840 thätig gewesen, diente ihm eine gewählte und kostbare numismatische Büchersammlung. Die Aufstellung der Münzen und Medaillen beruhte auf seinem eigenen Systeme, dem eine synchronistische Gruppirung zu Grunde lag. Später erwarb L. in Gemeinschaft mit einem eifrigen Wiener Sammler die berühmte Appel’sche Münzensammlung. Auf seinen Reisen und vorzugsweise auf jenen in den Orient fesselten seine Aufmerksamkeit die merkwürdigen Ueberreste einer bedeutenden im Wandel der Jahrtausende untergegangenen Cultur, er vertiefte sich in archäologische Studien und vor allem zog die alte assyrische Keilschrift seine Aufmerksamkeit auf sich. Er suchte das System dieser Schrift zu bestimmen und die Sprache aus dem Semitischen und Koptischen zu erklären. Ueber seine in einem besonderen Werke entwickelten Ansichten entspann sich seiner Zeit in der Académie des inscriptions et belles lettres zu Paris eine heftige Debatte. Löwenstern’s durch den Druck veröffentlichte Schriften sind: „Les États-Unis et la Havane; souvenirs d’un voyageur“ (Paris 1842, Arthus-Bertrand, 8°.); – „La Mexique; souvenirs d’un voyageur“ (ebd. 1843, 8°.); – „Essai de déchiffrement de l’écriture assyrienne, pour servir a l’explication du monument de Khorsabad“ (Paris 1845, Franck, gr. 8°., mit Taf.); – „Exposé des éléments constitutifs du système de la troisième écriture cunéiforme de Persépolis“ (ebd. 1847, 8°.); – „Remarques sur la deuxième écriture cunéiforme (Elamite) de Persépolis“ (Paris 1850), eine gegen den englischen Major Rawlinson gerichtete, in der „Revue archéologique“ abgedruckte Abhandlung, gegen den er auch ein Schreiben ddo. Paris 25. Februar 1850, anläßlich eines von [449] Rawlinson in der königl. asiatischen Gesellschaft gehaltenen Vortrages veröffentlicht hat [siehe „Galignani’s Messenger Nr. 10936 Paris Thursday February 28, 1850“]. Löwenstern unterzeichnet sich in demselben Chevalier Isidore Loewenstern, welches Chevalier sich wohl auf den Besitz der Ritterorden, mit denen L. ausgezeichnet worden, oder aber auf den Umstand, daß L. in Jerusalem zum Ritter des heiligen Grabes geschlagen worden, beziehen mag, denn Ritter im Sinne eines österreichischen Adelsgrades war er nicht. Was den Werth seiner archäologischen Forschungen betrifft, so dürfte, da er denn doch nur Dilettant war, und ein solcher vor der eigentlichen Gelehrtenzunft nicht eben Gnade zu finden pflegt, das Urtheil Boller’s, eines anerkannten Sprachgelehrten, maßgebend sein. Es ist dasselbe der Skizze Bergmann’s über Löwenstern in seiner vierten Abtheilung: „Pflege der Numismatik in Oesterreich durch Private, vornehmlich in Wien bis zum Jahre 1862“, entnommen und lautet: „Die reichen Schätze, welche aus den Ruinen Ninive’s zu Tage gefördert wurden, erregten Löwenstern’s Aufmerksamkeit und sein reger Geist suchte nach dem Schlüssel, welcher dieselben für die Wissenschaft erschließen sollte. Eine glückliche Combinationsgabe ließ ihn den Charakter der Schrift erkennen und es wird sein bleibendes Verdienst um die Wissenschaft sein, den aramäischen Sprachtypus der Inschriften zuerst begründet zu haben“. Löwenstern war Mitglied der Central-Commission der Société de Géographie in Paris, der ethnologischen Gesellschaft ebendaselbst und correspondirendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Turin. Auch sind mehrere seiner Arbeiten in der Pariser „Revue archéologique“ und im „Bulletin de la société de géeographie“ abgedruckt. Was mit seiner numismatischen Sammlung geworden, ob er sie, von seinen mißlichen Verhältnissen gedrängt, einzeln oder im Ganzen selbst wieder veräußert, ist nicht bekannt.

Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wien, 8°.) Philosophisch-historische Classe, XLI. Band, S. 86. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) VI. Jahrg (1847), S. 228. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 483. – La littérature française contemporaine 1827–1849. Continuation de la „France littéraire“ (par J. M. Quérard). Par M. Felix Bourquelot et M. Alfred Maury (Paris, Delaroque, 8°.) Tome V, p. 196.