Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Günderode
Band: 6 (1860), ab Seite: 10. (Quelle)
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Günther, Anton (Philosoph. Schriftsteller, geb. zu Lindenau im Leitmeritzer Kreise Böhmens 17. Nov. 1783).[BN 1] Besuchte das Gymnasium zu Leitmeritz, hörte Philosophie und Rechte zu Prag und studirte, nachdem er einige Jahre als Erzieher in einem fürstlichen Hause verlebt, 1818 und 1819 die Theologie zu Raab in Ungarn. 1820 erhielt er die h. Weihen. Seitdem lebte er von seiner Pension als Erzieher in Wien der Literatur und Wissenschaft. Einige Jahre hindurch versah er unentgeltlich das Amt eines Vice-Directors der philosophischen Studien an der Wiener Hochschule. 1848 ehrte ihn die Prager Universität durch Verleihung des Diploms der philosophischen und theologischen Doctorswürde, letztere hatte er überdieß schon einige Jahre früher von der Münchener Universität erhalten. Obwohl G.’s philosophische Arbeiten die Denker seit einer [11] Reihe von Jahren beschäftigten, ja in wissenschaftlichen Kreisen Gegenstand der Discussion, welche ihm Anhänger und Gegner erwarb, bildeten (vergl. unten in den Quellen: II. und III.), die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich doch erst in den letzten Jahren auf dieselben, durch das Schicksal, das sie von Seite der Kirche traf. Die in Rom aufgestellte Congregatio indicis hatte G. s Schriften – in Folge eines Verbotes des Bischofs von Trier, Arnoldi, an seinem Seminar nach der G.’schen Philosophie vorzutragen – der Revision unterworfen und alle als „unkirchlich“ verworfen. Ein Decret des Santo Ufficio, datirt: Feria V, die 8. Januarii 1857 (veröffentlicht 17. Februar d. J.), belegt neun Schriften G.’s mit dem Bann. Am 20. Februar 1857 wurde dieses Decret an den Kirchthoren Roms angeheftet; in einer Nachschrift zum achten Werke, welches das Decret aufzählt, zur Lydia, steht aber: „Auctor datis litteris ad SS. D. N. Pium PP. IX. sub die 10. Februarii, ingenue, religiose ac laudabiliter se subjecit“. Mehr noch als in katholischen Staaten machte in protestantischen die Sache Aufsehen, und eine Stimme aus Preußen ließ sich vernehmen: „Die Sache konnte in der That, Rom gegenüber, für bedenklich erachtet werden, wenn man Grund hätte, auf Seite der Freunde und Schüler G.’s, dieser deutschen Phalanx für katholische Wissenschaft, die Neigung zum activen Widerstand vorauszusetzen. Es würde dann eine geistige Bewegung, mit katholischer Gesinnung und katholischer Denkmacht, entstehen, deren Tragweite auf dem kirchlichen Boden nicht so leicht abzusehen wäre, während Ronge nur ein Strohfeuer anzündete, welches im katholischen Lager bald erlosch“ (Allgem. Zeitung 1857, S. 532). Das geschah aber nicht und mit der Veröffentlichung des Decretes der Congregation und der Unterwerfung von Seite G.’s war die Sache abgethan. G.’s Schriften sind: „Vorschule zur speculativen Theologie des Christenthums“. In Briefen, 2. Aufl. (Wien 1828); – „Peregrin’s Gastmahl. Eine Idylle in eilf Octaven aus dem deutschen wissenschaftlichen Volksleben, mit Beiträgen zur Charakteristik europäischer Philosophie in älterer und neuerer Zeit“ (Wien 1830, Mech. Congr., gr. 8°., nebst Tit. Ausg. 1850, Braumüller); – „Süd- und Nordlichter am Horizonte spekulativer Theologie. Fragment eines evangelischen Briefwechsels“ (ebd. 1832, gr. 8°., nebst Tit. Ausg. 1850, ebd.); – mit J. H. Pabst[WS 1] zugleich: „Janusköpfe für Philosophie und Theologie“ (ebd. 1833, Wallishausser, gr. 8°.); – „Der letzte Symboliker. Eine durch die symbolischen Werke J. A. Möhler’s und F. C. Baur’s veranlasste Schrift, in Briefen“ (ebd. 1834, gr. 8°.); – „Thomas a Scrupulis. Zur Transfiguration der Persönlichkeits-Pantheismen neuester Zeit“ (ebd. 1835, gr. 8°.); – „Die Juste-Milieus in der deutschen Philosophie gegenwärtiger Zeit“ (Wien 1838, Beck, gr. 8°.); – mit J. E. Veith zusammen: „Lydia“, philosophisches Taschenbuch als Seitenstück zu A. Ruge’s „Akademie“. 3 Jahrgänge, 2 Jahrgänge in 2 Abthlgn. (Wien 1849 bis 1852, Braumüller, 8°.). Die vorgenannten Schriften wurden von den in den Quellen angeführten Männern der Kirche geprüft; das Ergebniß dieser Prüfung war die bereits erwähnte Verdammung. Die Münchener k. Akademie der Wissenschaften hat den tiefen Denker zu ihrem Mitgliede ernannt; früher schon hatte er einen Ruf an die Münchener Hochschule abgelehnt.

I. Zur Biographie. Brockhaus, Conversations-Lexikon. 10. Aufl. Bd. VII, S. 317 [nach diesem geb. 1785]. – Oesterr. National-Encyklopädie, herausg. von Gräffer u. Czikann (Wien 1835) Bd. II, S. 440.[BN 2]
[12] II. Literatur der Polemik und Verurtheilung der Günther’schen Philosophie. Allgem. (Augsburger) Zeitung 1854, Beilage zu Nr. 189: „Anton Günther und die Verhandlungen über seine Philosophie“. von einem katholischen Gottesgelehrten. – Dieselbe 1857, Beilage zu Nr. 42 und 43: „Der Ausgang der Günther’schen Angelegenheit“. – Dieselbe Nr. 59: Schreiben aus Rom vom 20. Februar. Wortlaut des päpstl. Dekrets vom 17. Februar 1857 [unterschrieben stehen: Hieronymus Kard. De Andrea, Fr. Angelus Vincentius Modena ord. Präd. Kundgemacht ward es von Aloisius Serafini und Philippus Ossani. Es werden darin alle Schriften G.’s aufgezählt; nach der achten: Lydia, steht folgender Satz: „Auctor datis litteris ad SS. D. N. Pium PP. IX sub die 10. Februarii, ingenue, religiose ac laudabiliter se subjecit“]. – Allgem. (Augsburger) Zeitung 1857, Nr. 55, S. 868 [Mittheilung. daß G. den Beschlüssen des römischen Officiums sich unterworfen habe]. – Dieselbe 1857, S. 532 [über die Stimmung, welche die Verurtheilung von G.’s Schriften im protestant. Deutschland hervorbrachte]. – Beilage zur Augsburger Postzeitung 1853, Nr. 193: „Zur G.’schen Philosophie. Worte des Friedens“. – Beilage zur Augsburger Postzeitung 1857, Nr. 95 u. f.: „Die Censur der Schriften Günther’s“. – Dieselbe, Nr. 52: „In Sachen Günther’s“. – Dieselbe, Nr. 253: „Ein päpstliches Breve in Sachen Günther’s, gerichtet an den hochw. Herrn Fürstbischof von Breslau“. – Abendblatt zur Neuen Münchener Zeitung 1857, Nr. 213 (7. Sept.): „Papst Pius IX. über Günther’s Schriften“. – Königl. privil. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen 1857, Nr. 62: „Die Verurtheilung der Günther’schen Philosophie“. – Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung (Berlin 1857, gr. Fol.) Beilage zu Nr. 57: „Die Verurtheilung der Günther’schen Philosophie“ [der Aufsatz ist – nach einer Redaktions-Anmerkung – von einem Katholiken. Uebrigens ist dieser Artikel anständig, im Gegensatze zu der traurigen Gewohnheit dieses Blattes, österreichische Autoren mit dem ganzen Geifer seiner gemeinen Gesinnung und Parteiunduldsamkeit zu besudeln]. – Salzburger Kirchenblatt 1853 (II. Jahrg.) Nr. 1: „Dr. Anton Günther und Dr. J. P. Oischinger. Von einem Ausländer“. – Katholische Blätter aus Linz 1857, S. 82: [Korrespondenz aus Rom, die Verurtheilung der G.’schen Philosophie betreffend]. – Oesterreichische Zeitung (Wien, Fol.) 1857, Nr. 99. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1856, Nr. 292 [führt die Namen der Geistlichen auf, welche G.’s Schriften und System zu prüfen und zu richten hatten. Es sind folgende: [Buttaoni (Magister Sacri Palatii), Tizzani, Bailles, de Courtius, Secchimurro, Theiner, Patscheider, de Ferrari, Arignano, Vercellone, Kleutgen, Gigli, Smith, Borelli, Perrone, Trullet und Flir. [In den bisher angeführten Zeitungsaufsätzen wird der Stand der G.’schen Frage im Allgemeinen beleuchtet; außerdem erschienen aber auch selbstständige Schriften für und wider G. und seine Ansicht.] – Für G. schrieben: Dr. J. B. Baltzer: „Neue theologische Briefe an Dr. Anton Günther. Ein Gericht für seine Ankläger“. I. Serie (Breslau 1853, Aderholz). Dr. Baltzer ist Professor der dogm. Theologie zu Breslau und hat sich gleichfalls unter das Dekret der Index-Kongregation, welches G.’s Schriften verdammt, unbedingt unterworfen [vergl. Verordnungen des fürstbischöflichen General-Vikariats-Amtes zu Breslau 1857, Nr. 90 II und 95]; – Dr. P. Knoodt: „Günther und Clemens. Offene Briefe. I.“ (Wien 1853, Braumüller). Vertheidigung Günther’s gegen die Angriffe des Dr. Clemens. – Gegen Günther: Pat. Ildefons Sorg: „Die Unhaltbarkeit des spekulativen Systems der Güntherianer, nachgewiesen vom kirchlich-dogmatischen Standpunkte aus“ (Grätz 1851, Damian und Sorge). – Dr. Joh. Nep. Paul Oischinger: „Die Günther’sche Philosophie. Mit Rücksicht auf die Geschichte und das System der Philosophie, sowie auf die christliche Religion dargestellt und gewürdigt“ (Schaffhausen 1852, Hurter). Oischinger zählt zu den entschiedensten Gegnern der G.’schen Ansichten. Wie er aber von katholischer Seite über die Art und Weise seines Verhaltens in dieser Frage zurückgewiesen wird, darüber vergl. „Salzburger Kirchenblatt“ 1853, Nr. 1 (6. Jänner): „Dr. Anton Günther und Dr. J. P. Oischinger. Von einem Ausländer“. – Dr. F. J. Clemens: „Die spekulative Theologie A. Günther’s und die katholische Kirchenlehre“ (Köln 1853, Bachem, 8°.). Während Oischinger versuchte, die Günther’sche Philosophie eben wieder durch die Philosophie, d. i. im Wege „philosophischer Prüfung“ zu widerlegen, schlägt Clemens einen andern Weg ein und stellt G.’s Ansichten einfach mit dem kirchlichen [13] Dogma zusammen. In der Philosophie gibt es bekanntlich außer der Vernunft keine entscheidende Autorität, daher eine triftige überzeugende Beweisführung gegen G. nicht zu erwarten sein wird. Ein anderes Resultat steht zu erwarten, wenn der von Clemens eingeschlagene Weg befolgt wird. Clemens verwirft an G., daß er von den Kirchenvätern und Scholastikern aussagt, sie seien in der Philosophie heidnisch, d. h. platonisch oder aristotelisch gewesen und es müsse eine christliche Philosophie an die Stelle ihrer Begriffe treten, denn mit dieser Verwerfung verwerfe er zugleich das kirchliche Dogma. Ferner wird geradezu als unkatholisch verworfen, wenn G. die Philosophie als selbstständig der Kirchenlehre nebenordnet, Glaube und Wissenschaft als zwei ebenbürtige Schwestern betrachtet; wenn er im Romanismus die „kirchliche Autorität ohne freie Wissenschaft“ ebenso einseitig findet, wie die protestantische „freie Wissenschaft ohne Auktorität“; wenn er gar überhaupt Protestantismus und Katholicismus als zwei gleich einseitige Extreme ansieht, die in einem höhern dritten sich zu einigen haben. Dann stellt Clemens die Bestimmungen der Kirche und die Hauptlehren G.’s einander gegenüber und weist auf die Abweichung der letzteren von ersterer hin. – Clemens ließ der obigen Schrift, nachdem Baltzer für G. eingestanden war, noch eine zweite folgen: „Die Abweichung der Günther’schen Spekulation von der katholischen Kirchenlehre, bewiesen durch den Herrn Domkapitular und Professor Dr. Baltzer in seiner Schrift: „Neue theologische Briefe an Dr. Anton Günther u. s. w.“ Eine Replik“ (Köln 1853, Bachem, 8°.).
III. Wesen und Geschichte der G.’schen Philosophie. Schon in II. wurde auf einige Momente der Günther’schen Philosophie hingewiesen, hier folgt nunmehr eine gedrängte Darstellung ihres wesentlichen Inhalts und ihrer geschichtlichen Entwickelung. Vor Allem suchte G. seine Speculation mit dem katholischen Dogma in Einklang zu bringen. Vor zwei Decennien machte in der katholischen Theologie eine ähnliche Angelegenheit viel von sich reden, nämlich der gleichfalls mit dem Bann belegte Hermesianismus. Im Gegensatze zu G. hatte Hermes den sogenannten supra-naturalistischen Rationalismus in der katholischen Theologie zu vertreten gesucht und „im Gegensatz des Auctoritäts-Glaubens, der nicht über den Zweifel zu erheben vermöge die Bewährung der katholischen Kirchenlehre in der absoluten Nöthigung der Vernunft durch Beweise gefunden“; er hatte auf den Grundlagen der speculativen Kritik Kant’s seine Wissenschaft der Dogmatik aufgebaut. Im Gegensatz zu dieser rationalistischen Richtung erscheint G. als Repräsentant des „speculativen Katholicismus“ und gehört in den Kreis der katholisch-theologischen Romantiker, deren Haupt Franz Baader ist. Wo Hermes auf Kant zurückgreift, liegt Günther’n Jacob Böhme nahe. G.’s Creationstheorie kann geradezu als Versuch angesehen werden, die Böhme’sche Weltanschauung auf die Form des Begriffes zurückzuführen. Ein Blick auf die (in der Biographie angeführten) Titel von G.’s Werken, als „Peregrin’s Gastmahl“, „Süd- und Nordlichter am Horizont der speculativen Theologie“, „Janusköpfe für Philosophie und Theologie“, rechtfertigen die Einreihung G.’s unter die speculativen Romantiker, zu denen neben Baader auch noch Saint Martin, Sengler, Staudenmayer, Windischmann, Görres, Troxler zählen und welche parallel, wie Hermes das Eindringen der Kantischen Philosophie in die katholische Wissenschaft[WS 2] dargestellt hat, ebenso entschieden die Berührung des Schelling’schen – ja auch Hegel’schen – Systems mit dem Katholicismus repräsentiren. Während die außerhalb der Kirche stehende Philosophie (Hillebrand) G.’n vorwirft: „die Folgerichtigkeit der philosophischen Gedankenentwickelung preisgegeben zu haben an die scholastische Tendenz, das katholische Dogma mit speculativen Ideen in Einklang zu bringen“, bricht die orthodoxe Kirche über diese speculative „Glaubensphilosophie“ unbedingt den Stab, und G. ist durch seine zwischen Philosophie und Theologie vermittelnde Stellung zwischen zwei Feuer gerathen. Was die Darstellung seines Systems betrifft, so hat G. dasselbe mehr in einzelnen Zügen gelegentlich seiner Polemik, als in methodisch geordneter und zusammenhängender Aufstellung entwickelt. Gegen den Hegel’schen Pantheismus ankämpfend knüpft es wieder an den Cartesianischen Dualismus an, den es aber in neuer Gestaltung hinstellt, und zwar in voller Berücksichtigung des ganzen Verlaufs der neuern Philosophie, sowie der Denkentwickelungen des Mittelalters und der ersten christlichen Zeit. Ein geistvoller Kritiker hat anläßlich einer eingehenden Prüfung der G.’schen Schriften ihn den „philosophischen Abraham von Santa Clara“ genannt, bei dem sich der Humor entwickele aus jenem Kampf zwischen den Schranken des mittelalterlichen Glaubens und der modernen Geistesfreiheit, und aus dem unbewußten [14] Gefühl, daß er auf dem Boden des Katholicismus ein ewig Unentschiedener bleiben werde. G.’s Philosophie – obwohl er selbst zu der kleinen Zahl der Vertreter der deutschen Philosophie in Oesterreich gehört – hat mehr außerhalb Oesterreich’s, namentlich in Preußen, Platz gegriffen. Interessant ist die geschichtliche Entwickelung der G.’schen Lehre, deren Ausgangspunkt einstweilen das Verdammungsurtheil der Index-Congregation, die hier mit der Machtvollkommenheit eines Concils auftrat, bildet. Als G. die Ergebnisse seines Denkens in seiner „Vorschule zur speculativen Theologie..“ niederlegte, wurde das Werk von den katholischen Theologen sehr günstig aufgenommen. Zwei Freunde, Dr. med. Joh. Heinr. Pabst und der berühmte Homilet Dr. Joh. Eman. Veith, förderten G.’s Bestrebungen. Ersterer stellte in seiner Schrift: „Der Mensch und seine Geschichte“, die G.’schen Grundsätze bündig und geordnet zusammen; führte in einer zweiten: „Adam und Christus. Zur Theorie der Ehe“ die G.’sche Naturlehre aus, und gab mit G. zugleich die „Janusköpfe“ heraus. Der Zweite, Dr. Veith, einer der ersten Kanzelredner unserer Zeit, brachte in seinen Predigten die G.’sche Speculation dem Verständniß seiner zahlreichen Zuhörer nahe und wirkte in noch weiteren Kreisen durch Herausgabe seiner Vorträge. Auch andere Freunde noch waren für die Verbreitung von G.’s Lehren thätig so z. B. Dr. Hock, nunmehriger Sectionschef im Finanzministerium. Was einerseits den Mangel einer wohlgeformten Darstellung in G.’s Schriften fühlbar machte, ward anderseits durch seinen humorvollen Vortrag, mit welchem er oft an Jean Paul erinnerte, ersetzt. Günther, auf dem betretenen Wege fortwandelnd, begann nun die herrschenden Philosopheme zu sichten. Gegen jene wissenschaftlichen Bestrebungen, die entweder das Christenthum als sträflichen Widerstand gegen den Verstand bekämpften, oder aber um dessen Ehre zu retten, neue Begriffe und Deutungen den Offenbarungen desselben unterschoben, waren seine Angriffe zunächst gerichtet. Mit Einigen der Betheiligten, wie z. B. mit I. H. Fichte, ließ sich G. in ernste offene Erörterungen ein; Andere, wie Rosenkranz, fertigten ihn als „Clerokraten und Philosophen der römischen Curie“ ab. Wie wenig er das letztere war, hat der Ausgang bewiesen. Dieß Alles ließ man geschehen. Als G. aber, in dem begonnenen Geiste fortfahrend als selbstverständlich nachwies, daß die Kirchenväter, unbeschadet ihres Ansehens für den Glauben nicht immer glücklich philosophirten, insoferne sie das Christenthum mittelst antikheidnischer Ideen zu begreifen suchten, da rief er die Opposition gegen sich auf. Die einfach Gläubigen fühlten sich durch den Angriff auf Autoritäten beirrt, auf welche sie unbedingt schwuren; die Gelehrten fühlten sich verletzt, indem ihnen plötzlich Jemand ihr Denken als nichtchristlich beweisen wollte und sogar bewies. Die frommen Epikuräer, die gottseligen Sensualisten, die modernen Liebhaber der Scholastik, alle standen sie mit einem Male gegen ihn auf den Beinen. Auch trug die Art und Weise, wie der in der Weisheit und Gedankenforschung ergraute Theolog junge Professoren und Dilettanten unbarmherzig meisterte, das ihrige bei, den Widerstand gegen ihn aufzurufen. Mattes, Oischinger, Volkmuth, Frings eröffneten gegen G. eine – erfolglose – Polemik; andererseits wieder wirkten junge Denker an den Hochschulen zu Tübingen, Bonn, Breslau und Prag und an andern im Geiste ihres Meisters. Da trat im Jahre 1852 ein Wendepunkt ein. Bischof Arnoldi in Trier hatte verboten, an seinem Seminar die G.’sche Philosophie vorzutragen. Zugleich wurde in Rom die Untersuchung der G.’schen Lehre eingeleitet. Nun erhoben sich G.’s Gegner. Professor Dieringer, Privatdocent Clemens in Bonn, Oischinger in München, Denzinger, Zögling des deutschen Collegs in Rom, nachmals Professor in Würzburg, bekämpften rüstig G.’s Lehren. Andere wieder traten zu Gunsten derselben auf: wie Professor Baltzer in Breslau, Professor Knoodt in Bonn, Abt Gangauf in Augsburg; von den Journalen standen „Sion“ und die „Wiener Kirchenzeitung“ für ihn ein. G. selbst – damals krank darniederliegend – betheiligte sich an dieser Zeloten-Intrigue nicht. Zugleich nahmen hohe Kirchenfürsten Partei für G. darunter der österreichische Nuntius Viale Prelà. Doch dieß Alles half nichts. Eine Erklärung, welche G. selbst an den heiligen Vater sandte, wurde in Rom „wunderbar schön“ befunden, aber G.’s Lehre wurde verdammt. Man gab sich einige Zeit der Hoffnung eines günstigen Erfolges hin. Domcapitular Baltzer und Abt Gangauf wurden nach Rom beschieden. G.’s Gegner, selbst Oischinger und Danzinger, geriethen untereinander in Fehde; aber in Frankreich und in Italien standen nun neue Gegner gegen G. auf; der „Univers“ brachte einen Artikel gegen ihn, und in Italien wurde G. förmlich für einen Atheisten erklärt. Vielleicht würde Alles dieß nicht vermocht haben, der Sache die Wendung zu geben, die [15] stattfand; aber die Gesellschaft Jesu trat mit Entschiedenheit gegen seine Lehre auf. Pater Kleutgen wies in einer Schrift zur Rechtfertigung der mittelalterlichen Philosophie die neue Forschung in indirecter Weise zurück. Die „Civilta Cattolica“ bezeichnete in einem Artikel: „Il Giobertianismo“, G.’s Bemühen, ein Verständniß der Mysterien des Christenthums zu gewinnen – ohne seinen Namen zu nennen – für verwegenen glaubensgefährlichen Rationalismus. In Deutschland selbst, namentlich in Baiern, faßte man den Protest gegen die neue Lehre ganz deutlich und klar in Worten, und der in Baiern eingeführte Katechismus des Pater de Harbe S. J. warnt vor dem Eindringen irrthümlicher, den Glaubensschatz gefährdender Philosopheme, als welches das G.’sche ausdrücklich bezeichnet wird. So weit waren die Sachen gediehen, als von Rom aus die ganze Angelegenheit mit der schon mitgetheilten Verdammung der G.’schen Philosophie geendigt ward und G. selbst durch rechtzeitige Unterwerfung unter dieses Urtheil allen weiteren Folgen desselben die Spitze abbrach. So steht im Augenblicke die Angelegenheit stille; ob sie aber geendet ist, wird doch erst die Zukunft lehren. – Die neueste deutsche Literaturgeschichte, die theils mit den literarischen Zuständen in Oesterreich wenig vertraut ist. theils sie vornehm ignorirt, hat G.’s Wirken denn doch nicht ganz übersehen. Rudolph Gottschall in seinem Werke: „Die deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts“ (Breslau 1853, Trewendt und Granier) Bd. II, S. 21, charakterisirt G.’n folgendermaßen: „Mit größerer Energie (als Troxler, Hermes, Sengler u. A.) tritt Weltpriester Günther in Wien als ein Selbstdenker des Katholicismus auf, indem er seine Gedanken oft in der humoristischen Weise eines Abraham a Santa Clara zu burlesken Sprüngen abrichtet. Dieser Humor geht aus dem unglücklichen Zwiespalte zwischen dem mittelalterlichen Glauben und dem modernen Gedanken hervor, aus dem Gefühle, daß er auf dem Boden des Katholicismus ewig unentschieden bleiben muß. Seine Angriffe auf die Zwingherrschaft des logischen Begriffs sind von großer Entschiedenheit und Keckheit. Das eigene System Günther’s ist vollkommen dualistisch: es stellt einen außerweltlichen Gott und eine außergöttliche Welt sich gegenüber. Die Unfaßbarkeit der Idee Gottes für das menschliche Denken ist die Voraussetzung dieser ganzen katholischen Glaubens-Philosophie deren frische, jeanpaulisirende Form indeß einen eigenthümlichen Reiz hat“.

Berichtigungen und Nachträge

  1. Günther, Anton, philosophischer Schriftsteller [s. d. Bd. VI, S. 10], gestorben zu Wien 24., nach Anderen 26. Februar 1863.
    Donau-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1863, Nr. 47. – Die Presse (Wiener polit. Journal) 1863, Nr. 63. [Dieser mit unverkennbarer Benützung der in meinem Lexikon enthaltenen Lebensskizze gearbeitete Artikel gedenkt auch nicht an einer Stelle der Quelle, die dem Verfasser übrigens nicht ganz unwillkommen gewesen zu sein schien. Der Umstand, daß in dem in der „Oesterreichischen Wochenschrift“ (Beilage der Wiener Zeitung) ebenfalls von demselben Autor verfaßten Nekrologe meiner als Quelle gedacht wird, verringert nicht im Geringsten die Unzukömmlichkeit des vorerwähnten Verfahrens. Die Presse hat 16.000 Pränumeranten und noch ungleich mehr Leser, die „Wochenschrift“ kommt über einen kleinen Kreis von Gelehrten, die mein Werk ohnedieß kennen, nicht hinaus. Ein solches Verfahren mag nun wohl klug, aber nichts weniger als billig genannt werden.] – Das Vaterland (Wiener politisches Blatt, gr. Fol.) 1863, Nr. 57 u. 58; – dasselbe 1863, Nr. 69: „Günther’s Anthropologie“. – Gratzer Zeitung 1863, Nr. 48. – Breslauer Zeitung 1863, Nr. 95. – Oesterreichische Wochenschrift für Literatur (Beilage der Wiener Zeitung) 1863, S. 302, Nr. 302. – Die feierliche Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 30. Mai 1863 (Wien, 8°.) S. 59. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta) 1863, Beilage Nr. 102–108. [Band 11, S. 423]
  2. E Günther, Anton [Bd. VI, S. 10; Bd. XI, S. 423].
    Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie (Wien, gr. Fol.) IV. Jahrg. (1863), Nr. 57 u. 58, im Feuilleton: „Dr. Anton Günther“. [Band 28, S. 344]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: J. H. Papst.
  2. Vorlage: Wissenscharft.