Aus meinem Leben/Nr. 2. Erinnerungen an Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Zeitgenossen

Textdaten
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Autor: Heinrich Dorn
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Titel: Aus meinem Leben/Nr. 2. Erinnerungen an Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Zeitgenossen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, 10, S. 137–142, 151–153
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[137]
Aus meinem Leben.
Von Capellmeister Dorn in Berlin.
Nr. 2. Erinnerungen an Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Zeitgenossen.

Zu Anfang des Octobers 1823 kam ich, ein neunzehnjähriger junger Mensch nach Berlin, um hier meine juristischen Studien fortzusetzen, welche ich im Schooße der Königsberger alma mater Albertina ein Halbjahr vorher begonnen hatte. Aber gleich der erste Winter machte mir klar, daß ich wohl mein akademisches Triennium absolviren, nie und nimmer jedoch ein Referendarien-Examen bestehen würde; denn allabendlich gab es für mich musikalische Beschäftigung, und die Collegienhefte nahm ich nur vor, um in’s Collegium zu gehen; in’s Collegium aber ging ich nur, um zu Ende des Semesters ein genügendes Testimonium über fleißigen Besuch an meinen gestrengen Herrn Vormund pregelwärts einsenden zu können. Für musikbedürftige Gesellschaften war ich nämlich à deux mains zu brauchen. Einen Clavierspieler und Accompagnateur wie mich hätte man wohl leicht ersetzt und vielleicht ebenso bald einen tactfesten Solosänger; aber beide in Einer Person, das gehörte schon zu den nicht alltäglichen Erscheinungen, die sich hübsch ausnutzen ließen. Und außer Gustav Reichardt (dem Componisten des „Deutschen Vaterlandes“) und dem sich nur selten in Berlin aufhaltenden Reissiger ist mir auch in unseren damaligen musikalischen Kreisen kein zweites Exemplar dieser hülfreichen Art vorgekommen. – So begann nun für mich eine Reihe musikalischer Privatgesellschaften, wie sie zu jener Zeit in voller Blüthe standen, jetzt aber in Berlin gar nicht mehr anzutreffen sind: kunstgeübte Damen und Herren, die am Fortepiano je nach Bedürfniß ganze Opern oder Oratorien ausführten; vorher gab es Thee, hinterdrein kalte Küche mit Quartettgesang.

An einem Freitage, dem jour fixe in dem Hause meines alten Landsmannes Abraham Friedländer, saß ich am Flügel und [138] sang mit der talentvollen Nichte des Privatconcertmeisters das bekannte Spohr’sche Duett zwischen Faust und Röschen, als während der Musik eine Unruhe im Nebenzimmer entstand, wie ich sie bei der sonst andächtigen Stille dieser Zuhörerschaft noch nicht kennen gelernt hatte. Eben war ich im schmelzenden „fort von hier auf schön’re Auen“ begriffen, als Röschen ihrem Dorn zuflüsterte: „Felix ist gekommen.“

Nach beendetem Zwiegesange wurde ich mit dem zwölfjährigen Knaben bekannt gemacht, dessen väterliche Wohnung (damals an der neuen Promenade) nur einige Schritte von Friedländer’s Haus entfernt lag. Er entschuldigte sich, durch seinen Eintritt vielleicht den Gesang gestört zu haben, und erbot sich dagegen, das Accompagnement für mich zu übernehmen; „oder wollen wir es abwechselnd thun?“ eine echt Mendelssohn’sche Wendung, die er zwanzig Jahre später einem Fremden gegenüber in gleicher Situation gerade ebenso gemacht haben wird. Obwohl ihn alle Welt damals noch „Du“ nannte, war es doch unverkennbar, welchen Werth selbst die näheren Bekannten auf sein Erscheinen legten. Man kann sich aber auch keine liebenswürdigere Persönlichkeit vorstellen, als Felix Mendelssohn-Bartholdy zu jener Zeit war. Er durfte dergleichen größere Gesellschaften nur selten besuchen; aber wenn er kam, so machte ihm das eifrige Musiciren wahre Freude, und er selbst gab immer mit vollen Händen. Johanna Zimmermann, Friedländer’s Nichte, die früh verwittwete Gattin eines jungen Malers, der beim Baden in Tirol sein Leben eingebüßt hatte, schwärmte förmlich um ihn herum, und der Aermste wußte sich vor ihren zärtlichen Fragen kaum zu retten. Schon damals begleitete er den Gesang in einer Weise, wie sie selbst bei älteren tüchtigen Musikern nur dann gefunden wird, wenn ein ganz specielles Talent für diese besondere Branche unserer Kunst vorhanden ist. Bis dahin hatte ich dergleichen nie gehört; denn die orchestrale Behandlung des Pianoforte schien eine für Königsberg unbekannte Sache, und in Berlin war mir auch noch keine Gelegenheit geworden, diese Fertigkeit an Jemandem zu bewundern. Wenn Einer das Gedruckte so recht con amore nötlich herunterspielte und dabei dem Sänger hin und wieder einhalf, dann war er schon ein respectabler Mann; etwas höher stand natürlich Derjenige, welcher die im Clavierauszug meist sehr dünne Begleitung ad libitum durch Octavenbässe und Vollgriffigkeit zu verdicken wußte.

Aber Leute, die bei allseitiger Bewältigung der technischen Schwierigkeiten ihre Partitur so im Kopfe haben, daß sie darnach die Veränderungen auf dem Pianoforte einzurichten wissen, sind von jeher und sind noch heutigen Tages sehr selten. Ein solcher Phönix war damals schon Felix; und in dem Duett zwischen Florestan und Leonore, welches an jenem Abend Frau Dr. Förster (†) mit dem nachmaligen Münzdirector Klipfel (†) sang, überraschte mich der geniale Orchesterspieler bei der Stelle „Du wieder nun in meinen Armen, o Gott! wie groß ist dein Erbarmen“ durch die in zwei Octaven auseinander gehaltene Baßfigur. Beim Umschlagen der Blätter verfolgte ich jedwede Note, und weil ich damals noch keine Idee davon haben konnte, weshalb er diese vom Clavierauszug abweichende und auffallende Lage gewählt hätte, so bat ich mir hinterher eine Erklärung aus, die denn auch freundlichst gegeben wurde.[1] Es war die erste Belehrung, die ich von Mendelssohn empfing. Wie viel tausendmal mag seit jener Zeit in Berlin das himmlische Duett am Pianoforte gesungen – aber wie selten von einem Clavierspieler in solcher Weise begleitet worden sein!

Durch wen ich eigentlich in das Mendelssohn’sche Haus eingeführt wurde, weiß ich jetzt nicht mehr zu sagen; aber im Winter 1824 bis 25 war ich dort bereits ganz heimisch, d. h. ich stellte mich sonntäglich Vormittags zu den musikalischen Unterhaltungen ein, und wurde außerdem für die Gesellschaftsabende als fester Sänger oder als fixer Tänzer eingeladen. Bei den Matinéen lernte ich nach und nach fast alle Berliner Musiker von Bedeutung persönlich kennen. Die Namen von Männern, wie Lauska (der frühere Clavierlehrer des talentvollen Geschwisterpaares, dessen schönere Hälfte, Schwester Fanni, damals brillanter spielte als ihr jüngerer Bruder Felix), Wollank (Justizrath und Componist vieler weitverbreiteter Lieder, von denen mitunter auch eines gelegentlich an den Sonntagen zu Gehör gebracht wurde) und Karl-Friedrich Zelter – diese drei Namen kennzeichnen beinahe vollständig jene matte Epoche in der Musikgeschichte Berlin’s, während welcher auch nicht ein bedeutendes schaffendes Talent hervortrat, bis fast gleichzeitig (neben dem von Paris herberufenen Spontini) durch drei in ganz verschiedenem Lebensalter stehende Künstler: Ludwig Berger, Bernhard Klein und Felix Mendelssohn, die Aufmerksamkeit der gesammten tonkünstlerischen Welt wieder auf die an der Spree heimischen Größen gerichtet wurde. Nur selten versäumte ich eine jener interessanten Zusammenkünfte an der neuen Promenade, in welchen, außer größeren Pianoforte- Compositionen, die nunmehr unter Berger’s Leitung einstudirt waren, regelmäßig die neuesten Arbeiten des Wunderknaben, zumeist Sinfoniesätze für Streichquintett mit Klavierbegleitung, von einem auserlesenen Häuflein königlicher Kammermusiker executirt wurden.

Professor Zelter, bei welchem Felix die contrapunktischen Studien durchmachte, war natürlich sein eifrigster Zuhörer, aber auch sein strengster Censor; denn ich habe es mehr als einmal erlebt, daß er nach solcher Aufführung irgend eine Variante für nöthig befand, die er ganz laut seinem Schüler andeutete, der dann muckstill die Partitur zusammenpackte, zum nächsten Sonntag umarbeitete und sie in verbesserter Ausgabe nochmals vorführte. – In diesen Räumen war es auch, wo (vor dem Umzug der Familie nach der Leipziger Straße) eine dreiactige komische Oper von Felix bei vertheilten Rollen mit vorgelesenem Dialog am Pianoforte aufgeführt wurde.

Den Text zu diesem „Onkel aus Boston“ hatte ein junger Arzt gedichtet, der später ein berühmter Mann wurde; denn der vor einigen Jahren verstorbene Geheimrath Caspar war bekanntlich eine Autorität in der gerichtlichen Medicin. Von seinem Witz wußte Jeder zu erzählen, der mit ihm in nähere Berührung kam, und ich entsinne mich noch, wie mir Holtei in Riga berichtete, mit welcher geistesfunken-sprühenden Abschiedsrede dieser Caspar den von Berlin nach Tilsit als Oberpostdirector versetzten Rath Nernst aus der literarischen Mittwochsgesellschaft entlassen habe; der Schluß des Sermons aber lautete: „zieh’ hin, und der Tilsiter Friede sei mit dir.“ Nichtsdestoweniger war der amerikanische Onkel ein sehr schwächliches Subject, obwohl die musikalische Composition allen Mitwirkenden ungemein behagte; unter ihnen: Eduard Devrient und seine Braut Therese Schlesinger, ferner Hannchen Zimmermann, die Doctoren Andriessen, Dittmar u. a. m. Aber dennoch wird mir dieser Abend, an welchem ich als Chorsänger Theil genommen, unvergeßlich bleiben.

Nach beendigter Oper gab es das reglementsmäßige Butterbrödchen mit den gebräuchlichen Zuthaten von Sardellen, kaltem Fleisch, Käse und dergleichen. Eben kaute ich in Gemeinschaft mit Eduard Rietz seelenvergnügt unser Deputat herunter, als Felix, der im Saale die Runde machte, um sich noch bei allen Sängern persönlich zu bedanken, an uns herantrat und Erkundigungen einzog, ob wir auch mit Speis’ und Trank versorgt wären; ich zeigte ihm meine Errungenschaft und er fragte mich: „Welches ist Ihr dux (der Führer, das Hauptthema) und welches der comes? (der Begleiter, das Nebenthema).“

„Nun, natürlich behandle ich das Butterbrod als dux.“

„Nein,“ sagte er, „der Gast muß das Bemmchen als comes benutzen.“

Es war die zweite Belehrung, die ich von Mendelssohn empfing.

Während wir noch über seinen artigen Scherz lachten, erschallte Zelter’s Stimme durch den Saal: „Felix, komm’ mal her.“ Und da stand der alte Herr mit dem gefüllten Glase in der Hand und sagte, während Alle hoch aufhorchten: „Felix, bis jetzt warst Du ein Lehrbursche, von heute ab bist Du Geselle, und nun arbeite auf den Meister los.“ Dabei gab er ihm ein Kläpschen auf die Wange, als habe er ihn zum Ritter geschlagen, und nun stürzte die ganze Gesellschaft gratulirend zu den überraschten und gerührten Eltern und zu dem jungen Gesellen, der seinem Lehrer Zelter ein Mal über das andere die Hände drückte. Das war so eine von den Scenen, die man sein Lebtag nicht vergißt. Auf mich aber machte sie solchen Eindruck, daß ich Tag’s darauf an meinen Vormund schrieb und seine Bewilligung erbat, Zelter’s Lehrjunge zu werden, um demnächst auch das Weitere, die höheren Grade, durch ihn zu erlangen. Diese Erlaubniß erhielt ich wirklich; [139] aber wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht das Nämliche. Meister Zelter war ein wunderlicher Mann, dem es ganz gleich galt, ob seine Schüler jung oder alt, begabt ober talentlos, Anfänger oder Vorgeschrittene waren; sie wurden Alle, wenn er nicht wie bei Mendelssohn Privatstunden ertheilte, über Einen Kamm geschoren. „Ein Halbjahr hab’ ich’s ertragen, trug’s nicht länger mehr;“ dann ging ich zu Bernhard Klein über, und habe es nie bereut.

Mit der Uebersiedelung der Mendelssohn’schen Familie von der neuen Promenade nach der Leipziger Straße in das Haus, welches jetzt unserer Pairskammer zu ihren contrapunktischen Uebungen eingeräumt ist, erweiterte sich – zumal bei der wachsenden Berühmtheit des Sohnes – der Kreis gesellschaftlichen Umgangs. Zu diesem zählten sich damals die intimeren Bekannten: Rietz, Klingemann, Marx, Franck und Devrient. – Rietz, der ältere Bruder des Dresdener Hofcapellmeisters, war Mitglied des königlichen Orchesters und Mendelssohn’s Lehrer auf der Violine. Fast möchte ich behaupten, daß Felix von keinem seiner Freunde so schwärmerisch geliebt worden ist als von diesem, der ihn wie sein Schatten begleitete und doch an ihm hinaufsah als zu einer höhern Natur, während die anderen Bekannten, welche von Rietz eifersüchtig beobachtet wurden, sich schon einflußreicher dünkten. Er war ernsten und schweigsamen Wesens, von mittelgroßer dürrer Gestalt, begabt mit einer sehr hinreichenden Nase zwischen zwei feurigen Augen, und immer angethan mit schwarzem Frack. Bei dem Anblick dieser beiden Freunde konnte ich nie den Gedanken an Faust und Mephisto los werden, wie wenig Diabolisches auch in ihrer geistigen Disposition lag; Robert und Bertram wäre vielleicht passender gewesen, aber eine solche Verbindung hatten damals Scribe und Meyerbeer noch nicht proclamirt. Rietz machte übrigens eine nur sehr kurze künstlerische Carrière; denn bei einer Aufführung der Olympia verletzte er sich während des Spielens den Nerv am vierten Finger der linken Hand und wurde dadurch für immer invalid. Er starb 1832. Ihm hat Mendelssohn sein berühmtes Octett gewidmet.

Klingemann, der Sohn des wohlrenommirten Braunschweiger Theaterdichters und Directors, machte unter allen genaueren Bekannten Mendelssohn’s den mir angenehmsten Eindruck. Er gehörte zum Personal der Hannöverschen Legation und war dadurch schon auf die feineren gesellschaftlichen Kreise angewiesen. Seine Erscheinung und sein Benehmen hatten etwas durchaus ungesucht Aristokratisches, und im Umgang mit den Damen der Familie zeigte sich so recht seine Ueberlegenheit gegen andere Besucher desselben Hauses. Es ist mir immer so vorgekommen, als sei Klingemann in seinem Urtheil über Felix am gerechtesten gewesen; er vergötterte nicht, es konnte ihm aber auch nicht einfallen zu rivalisiren, denn er componirte nicht; sondern er verhielt sich weder kühl gegen die Vorzüge noch unempfindlich gegen die Schwächen seines viel jüngeren Freundes; und wie sehr er eine der stärksten Seiten des Mendelssohn’schen Talents zu würdigen gewußt hat, bewies er durch die eigens für ihn gedichteten Lieder. Eine Menge poetischer Texte, welche Mendelssohn componirt hat, sind nach und vor ihm von anderen Tonkünstlern ebenso gut, manche vielleicht noch besser, in Musik gesetzt worden; aber noch ist es keinem geglückt, einen Klingemann-Mendelssohn’schen Gesang (gleichsam Zwei Herzen und Ein Schlag) irgendwie zu übertreffen. Zur Dichtung von Operntexten reichten freilich die Kräfte des jugendlichen Gesandtschafts-Secretairs nicht hin; dies jedoch war überhaupt das Gebiet, auf welchem auch der spätere Meister Felix keine Lorbeeren geerntet haben würde, wie sie ihm als Jünger der Kunst schon nach der Hochzeit des Camacho nicht geblüht hatten. An der 1824 gegründeten Berliner musikalischen Zeitung[WS 1] war Klingemann eifriger Mitarbeiter.

Im directen Gegensatz zu dieses seines Collaborators äußerem Wesen stand der Redacteur jenes Blattes, der frühere Kammergerichtsassessor A. B. Marx. Er hatte jedenfalls vor den oben genannten Männern die gründlichste Fachbildung (als Jurist sowohl wie als Musiker) und eine zersetzende Schärfe des Geistes voraus; aber sein damaliger Mangel an Umgangsformen ließ seine wissenschaftliche und dialektische Ueberlegenheit nicht immer von wohlthätiger Wirkung auf die Umgebung erscheinen. Er konnte sich rasch für Person und Sache interessiren, und dann gab es keinen wärmeren und geschickteren Advocaten als ihn. Auf Felix gewann er sehr bald einen großen Einfluß, der dem Papa Mendelssohn zwar hin und wieder unbequem zu werden schien, aber der alte Herr hatte doch seine guten Gründe, das vorläufig sanfte Joch nicht so ohne weiteres abzuschütteln. Marx war, wie gesagt, Redacteur der Berliner musikalischen Zeitung, und bei dem damaligen Mangel kritischer Organe ein nicht zu verachtender Stimmführer, der obendrein von den dazu befähigten Freunden des Hauses nach Kräften unterstützt wurde. Außerdem aber liebte es der alte Mendelssohn selber, zu widersprechen, oder daß man ihm widersprach; und hier fand er dann an unserm Abbé (wie wir ihn mit alphabetisirendem Kalauer titulirten) den rechten Kampfhahn.

Die Mitte zwischen Klingemann und Marx hielt ein Breslauer Kind, der Dr. phil. Franck; er verband die feinsten Manieren – aber zurückhaltender als Klingemann – mit der lebendigsten Unterhaltung – aber minder gründlich als Marx, war sehr reich an Witz und andern klingenden Talenten, stand unabhängiger da als irgend einer der bisher genannten Herren, und konnte sich mit seiner heiseren Stimme ebensogut über die Courmacherei des Einen, wie über das Geradezu des Andern lustig machen. Er hatte ein so gesundes richtiges Urtheil für musikalische Dinge, daß er sehr wohl die Schwächen in Spontini’s Cortez herauszufinden wußte, als er 1826 in der Breslauer musikalischen Zeitung[WS 2] den wüthenden Artikel über jene Oper losließ, welcher eigentlich das Signal eines vollständigen Bruches zwischen Marx und Spontini abgab. Nur hatte er, mit der Brille der Partei bewaffnet, auch einzelne wirkliche Glanzstellen übersehen und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Spontini aber führte die ganze Opposition auf Mendelssohn’sche Quellen zurück, und existirte schon vorher keine genauere Verbindung zweier so differirender Elemente, so war jetzt jede Annäherung unmöglich geworden.

Im Jahr 1849 fand ich den früher so lebenlustigen Franck als completen Hypochonder hier in Berlin wieder. Er beschäftigte sich aber noch lebhaft mit Literatur, und durch ihn erhielt ich ein damals nur für engere Kreise, wenn nicht gar „als Manuscript für meine Freunde“, gedrucktes Buch, nämlich Wagner’s Nibelungen-Tetralogie. Was hätte wohl sein früherer Intimus, der spätere General-Musikdirector Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy, zu diesem Werke gesagt? Wie hätte der sich überhaupt der wachsenden Wagneromanie gegenüber verhalten? Und würde sie jemals eine solche Ausdehnung gewonnen haben, wenn die Gegner einen noch schaffenden Meister wie Mendelssohn an ihrer Spitze gehabt? Der unglückliche Franck (älterer Bruder des früher in Köln und Bern jetzt in Berlin wohnenden Componisten) hat in London[WS 3] ein fürchterliches Ende genommen. Aber das sind traurige Erinnerungen, und ich schließe lieber den angedeuteten Kreis freudig mit der Nennung des Namens Devrient, dem ich nur bezeugen kann, daß er in seinem unlängst erschienenen Buche über Felix Mendelssohn, soviel mir darüber ein Urtheil zusteht (denn seit dem Jahr 1829 war ich von Berlin abwesend), die lautere Wahrheit mit der nöthigen Discretion berichtet hat. –

Solche Gebäude, wie sie in dem Pariser Quartier St. Germain dutzendweise dastehn, weitläufig angelegte, aber nicht allzu prächtige Palais, denen man eine aristokratische Abkunft oder ein legitimistisches Schmollen ansieht, „rothes todtes liegendes Gestein“, wie die Geognosten sagen; Gebäude, welche durch Vorhöfe von der Straße getrennt und durch Gartenanlagen von der Nachbarschaft abgeschlossen sind; Gebäude, in denen augenscheinlich der ruhige Comfort erbberechtigten Wohlstandes, nicht die marktschreierische Ostentation rascherworbenen Reichthums vorherrschend ist, aus denen man stets erwartet einen hochbejahrten Kammerdiener in kurzer dunkler Hose und langen weißen Strümpfen hervortreten zu sehn – solche Gebäude sind in Deutschland äußerst selten, und in Berlin giebt es deren gegenwärtig nur noch zwei. Sie befinden sich in der Wilhelmsstraße, und das von ihnen den Linden zunächst gelegene gehörte in meiner Jugendzeit dem alten Buchhändler Reimers, einem in der ganzen Stadt durch seine ehrenhafte Gesinnung wie durch seine auffallende Persönlichkeit allgemein bekannten Manne. Jetzt ist es Eigenthum des Staates, und das Ministerium des königlichen Hauses hat hier seinen Wohnsitz und seine Bureaux aufgeschlagen; in dem größten Saal der Bel-Etage aber läßt eine junge excentrische Frau, welche ihre schöne Hand überall im Spiele hat, Wagner’s gewagteste Harmonieen mit erstaunlicher Sicherheit auf einem mächtigen Bechstein erklingen. Damals wohnte in demselben Hause drei Treppen hoch, d. h. unter dem Dache, die bereits erwähnte Wittwe Johanna Zimmermann,


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Dorn meint hier die Berliner allgemeine musikalische Zeitung
  2. Artikel von „F.“ in Nr. 24, S. 189/190 der Berliner allgemeinen musikalischen Zeitung; ein Breslauer Periodikum dieses Namens gab es zumindest damals nicht.
  3. tatsächlich in Brighton

[142] der wir zwar mancherlei Abnormes nachsehen mußten, die aber auch eine durch und durch musikalische Natur war. Bei ihr hatte ich öfters Gelegenheit mit Mendelssohn zusammenzukommen, welcher sich dort in einer zwanglosen und nur aus künstlerischen Elementen zusammengesetzten Gesellschaft ungemein wohl fühlte. In seiner eigenen Familie verkehrten natürlich sehr viele interessante und berühmte Leute (die beiden großen Berliner Wölfe der zwanziger Jahre, der alte Homeride und Pius Alexander, Preciosa’s Vater, fehlten selten am Sonntag Vormittag), dagegen verhältnißmäßig nur wenige Musiker. Zwar fanden die durchreisenden Tonkünstler immer freundliche Aufnahme in dem gastfreien Hause; die einheimischen jedoch waren numerisch sehr schwach vertreten. Es gab gemischte Gesellschaft, und die musikalischen Productionen fanden lauter enthusiastische, aber nur zum kleinern Theil wirklich kunstverständige Zuhörer.

War Felix auch keineswegs unempfindlich gegen Lobeserhebungen, so wußte er doch sehr gut unter diesen zu unterscheiden. Einst traf ich ihn mit Marx auf dem Zimmer bei Dehn; geraume Zeit trieben wir nichts als Narrenspossen, so z. B. die Zusammensetzung menschlicher Figuren aus Aepfelscheiben und Papierstreifen, in welcher Kunst der Jüngste von uns Meister war; dann aber gab er ungebeten bis tief in die Nacht hinein auf Dehn’s altem Instrument, solo oder gemeinschaftlich mit dem als Violoncellisten ausgezeichneten Wirth, eine Menge eigner und fremder Compositionen zum Besten. Und er that es in dieser Umgebung gewiß lieber als an jenem Abend im elterlichen Hause, wo er vor einem großen Auditorium auf dem Wiener Flügel soeben eine Beethoven’sche Sonate vorgetragen hatte, als eine aus dem Kreise hervortretende Dame ihn mit lauter Stimme ersuchte, die Amoll-Fuge von Bach zu spielen.

„Aber bitte, bitte, lieber Felix, den Bach mußt Du uns auf dem phantastischen Engländer hören lassen.“ Es war Rahel, die Gattin Varnhagen’s von Ense, welche sich als Kunstverständige zeigen wollte. Felix that, wie ihm geheißen, sagte aber hinterher zu mir:

„Wenn ich ihr jetzt Czerny’sche Variationen vorgespielt hätte, so würde sie auch die für Bach gehalten haben.“

Solche gemischte Gesellschaft gab es nun bei der Zimmermann nicht; jedes Mitglied dort war gleichzeitig executirend und recipirend, und ich habe Felix nie so schön phantasiren hören wie gerade hier, wo er sicher war von Allen in Allem verstanden zu werden. Seine Improvisation über zwei Themata (das Champagnerlied aus Don Juan und Vivat Bacchus aus Belmonte), womit er einen dieser musikalischen Abende beschloß, ist mir noch heute nach vierzig Jahren lebhaft erinnerlich.

[151] Aber darf ich denn das Reimers’sche Palais verlassen, ohne noch einen Blick auf den schönen großen Garten dahinter zu werfen? Unter seinen schattigen Bäumen hat Möser eine Orchestertribüne aufschlagen lassen und dirigirt zu wohlthätigem Zweck im Sommer 1827 Beethoven’s Vittoria-Schlacht und zum erstenmal Weber’s Oberon-Ouvertüre. An einem Geigenpulte aber stehen zusammen zwei junge talentvolle Musiker, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Carl Friedrich Weitzmann, der jetzt noch rüstig wirkende Theoretiker, welcher in seinen Schriften den Versuch gemacht hat, die bis dahin unerhörten Tonverbindungen ungebundener Componisten nach den Regeln einer neuen musikalischen Theorie zu rechtfertigen. – Der Oberon war bereits im Winter 1826 bis 27 bei dem Eigenthümer der Partitur, bei dem durch C. M. von Weber reich gewordenen Schlesinger, von den ersten Mitgliedern der königlichen Bühne vor eingeladenem Publicum am Clavier aufgeführt worden. Die dabei vorgefallenen Umstände habe ich schon anderweitig (im Feuilleton einer Berliner Zeitung) erzählt, und beschränke mich daher nur auf die kurze Wiederholung. Felix, welcher das Ganze leitete, gerieth während der Generalprobe mit der Prima Donna in solchen Streit, daß er ohne weiteres das Local verließ, worauf mir die Ehre zu Theil wurde als Ersatzmann einzutreten. Obgleich der Clavierauszug schon im Druck erschienen war, hatte mein Vorgänger doch aus der Partitur accompagnirt, und mir blieb nun nichts übrig als dasselbe zu thun. Bei dieser Gelegenheit passirte mir das Unglück, in der großen Scene der Rezia die Trompete für ein Horn anzusehen, so daß ich die Sonne um eine Etage zu tief aufgehen ließ. Felix, welcher bei der Aufführung anwesend war und sogar die Liebenswürdigkeit hatte den Sturm mit mir vierhändig zu executiren, machte mich hinterher auf den begangenen Fehler aufmerksam.

Es war die dritte Belehrung, die ich von Mendelssohn empfing.

Und mit diesem Schatze von Kenntnissen bereichert, verließ ich Berlin im März 1828, nicht ohne vorher an einem Sonntags-Vormittag die erste Aufführung der Ouvertüre zum Sommernachtstraum mit vollem Orchester unter Leitung des Componisten in seinem elterlichen Hause gehört zu haben. Wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, so saß damals das „Päulchen“, der jetzige geheime Commercienrath Paul Mendelssohn-Bartholdy, an einem der Violoncellpulte und spielte eifrig mit in diesem seines Bruders Meisterwerke, von welchem ich behaupten möchte, daß es den Keim und die Blüthe aller Mendelssohn’schen Compositionen in sich vereint. Ihm zur Seite stelle ich nur noch jenen grandiosen Chor aus Paulus: „Mache dich auf, werde Licht“! Aber wie sollte er auch darüber hinaus! –

Am 19. Mai 1830 besuchte mich Mendelssohn in Leipzig, wo ich als Musikdirector an dem damaligen königlich sächsischen Hoftheater fungirte. Mendelssohn war eben von London zurückgekehrt, hatte einen kurzen Besuch in Berlin abgestattet und trat nun, einundzwanzig Jahre alt, über Weimar, München und Wien seine große Reise nach Italien an, der wir jene interessante Briefsammlung verdanken, welche uns so tiefe Blicke in das Innere einer echten Künstlernatur gestattet. Als er mich in meiner Wohnung überraschte, fand er daselbst Heinrich Marschner, mit dem ich eben am Clavier die nöthigen Kürzungen für sein jüngstes Werk, „Templer und Jüdin“, besprach. Diese Oper war Ende December 1829 auf unserer Bühne erschienen und hatte gleich nach der ersten Vorstellung eine bedeutende Kürzung im ersten Finale erhalten; dabei war’s vorläufig geblieben. Jetzt nach Beendigung der Saison und während des Gastspiels der italienischen Operngesellschaft aus Dresden sollten noch einige gründliche Striche vorgenommen werden.

Marschner hatte schon 1826, als seine Frau (Mariane Wohlbrück) in Berlin gastirte, Mendelssohn’s Bekanntschaft gemacht, ohne ihm sich selbst als Componist vorstellen zu können. Dies wurde nun in Reichel’s Garten gehörig nachgeholt, und das dort versammelte Trifolium sang den ganzen „Templer“ mit und ohne Strich durch. Hinterher aber gab uns der Berliner Gast sein mitgebrachtes neuestes Werk die „Reformations-Sinfonie“, zum Besten, und ich erbat sie mir zur ersten Aufführung für das im Theater bevorstehende Pfingstfest-Concert. Gleichzeitig nahmen beide Kunstgenossen meine Einladung auf den nächsten Abend an; und zu Ehren Mendelssohn’s erweiterte ich rasch den kleinen Kreis durch Morlacchi, der gerade mit der italienischen Oper in Leipzig war, und durch die Ehepaare Weiß, Pohlenz und Hofmeister. Da Marschner’s Frau natürlich mit dabei sein sollte, so hätte die Gesellschaft inclusive Wirth und Wirthin aus zwölf Personen bestanden, wenn nicht Capellmeister Morlacchi auf den Einfall gekommen wäre, seinen Liebling und zugleich den Meister im Accompagnement der italienischen Recitative, den aus Dresden herübergenommenen Violoncellisten Dotzauer, sans gêne mitzubringen.

Weil in dieser Gemeinde der Gläubigen aber kein Aberglaube herrschte, so verlief der Abend trotz der Dreizehn sehr animirt. Weiß, Director der Feuerversicherung und Schwiegersohn des alten Thomaners Cantor Schicht, rückte als vortrefflicher Kniegeiger sogleich an seinen Collegen Dotzauer heran; Morlacchi konnte sich mit Mendelssohn italienisch unterhalten und versicherte ihm ein Mal über das andere, daß er jetzt schon die reinste toscanische Aussprache besäße; Pohlenz, damals Dirigent der Gewandhaus-Concerte, [152] trug zum hundertsten Male die berühmte Geschichte vom Ausbruche des siebenjährigen Krieges vor; Marschner und Hofmeister machten die malitiösesten Witze, und Alles gestaltete sich vortrefflich bis auf den Moment, welchen ich als Knalleffect zur Schlußscene aufgespart hatte.

Von Karl Schrader, dem liebenswürdigen primo tenore unserer Leipziger Oper, jetzigem Inhaber des „hôtel Brandenbourg“ in Berlin, hatte ich nämlich schon zu Weihnachten ein Geschenk erhalten, bestehend in vier Flaschen uralten Rheinweins aus der bestrenommirten Kistner’schen Kellerei. Jetzt weiß ich mich nicht mehr auf Sorte und Jahrgang zu erinnern, aber als ich die Flaschen damals ansah, lachte mir das Herz im Leibe. Faustdickes Spinngewebe, eingenisteter Staub, halbhundertjähriger Moder lagerte auf ihnen, und der Schatz wurde ohne Weiteres zu fortwachsender antiquarischer Notabilität in den Keller befördert. Bei dieser feierlichen Gelegenheit sollte er nun gehoben werden. Als der Zeitpunkt gekommen schien, den Chateau Margaux zu überbieten, gab ich der aufwartenden Zofe einen Wink, worauf diese neue Gläser präsentirte und sich dann entfernte, um die von ihr bereits aus der Tiefe an’s Licht beförderten Ungethüme hereinzubringen. Unterdeß bereitete ich meine lieben Gäste in versificirter Ansprache auf das Ungeheure des Anblicks vor und während ich die Scheusale noch gräulicher ausmalte, als sie in Wirklichkeit waren, trat die Duenna in’s Zimmer und setzte vor mich hin die Präsentflaschen, deren Aussehen urplötzlich das Wort in meinem Munde ersterben ließ. Nach ihrem Princip „Reinlichkeit ist das halbe Leben“ hatte sie nämlich jedes Atom von Alterthum vernichtet, und auf dem Tische standen vier von Kopf bis Fuß blitzblank gescheuerte Bouteillen wie jene blaßgrünen Seejungfern, in denen der angenehme Säuerling „Kutscher“ eingeheimst zu werden pflegt. Marke, Siegel, Etikette – Alles war der modernen Cultur zum Opfer gefallen; vorsichtiger Weise hatte sie auch schon die Korke herausgezogen und neusilberne Stöpsel aufgesetzt. Es war der vollendete Nipptisch, und ich wurde gehörig ausgelacht. Zum Glück hatte sich weder Kistner noch Schrader anführen lassen und die Zungen konnten nachholen, was die Augen einbüßen mußten.

Mendelssohn fuhr am andern Morgen nach Weimar ab, von wo aus ich, datirt den 2. Juni 1830, nachstehenden Brief erhielt:

 Lieber Dorn
 oder lieber Herr Musikdirector
 oder lieber ......... (Zeichen der Unendlichkeit.)
Anbei erfolgt meine Sinfonie höchst pünktlich und zur bestimmten Zeit. Hoffentlich kann sie noch bis vorgestern ausgeschrieben, einstudirt und aufgeführt werden. Ernstlich zu reden aber bitte ich Sie sehr um Verzeihung, daß ich nicht mein Versprechen erfüllen konnte; Sie behaupteten es vorher zu wissen; das war aber nicht möglich, denn ich selbst war fest dazu entschlossen, fing in den ersten Tagen meines Hierseins die nöthigen Correcturen in meiner Partitur zu machen an und kam dabei so tief in’s Aendern hinein, daß ich im letzten Stücke einiges Neue hinzu und vieles Alte wegthun mußte. Auch dann wäre noch Zeit gewesen; aber da ließ mich der empfohlene Copist von Tage zu Tage sitzen und wenn ich nicht morgen mit dem Frühesten abreise, so glaube ich, es wäre noch nicht fertig; denn meine Drohungen mit Wegreisen u. dergl. helfen hier nichts mehr, wo ich statt vier beinahe vierzehn Tage geblieben bin. Ich schicke Ihnen nun dennoch die Sinfonie, erstlich um Sie zu bitten, sie sich noch einmal durchzusehen und sie unserem Freund Marschner mitzutheilen, ob ihm die Kürzungen im letzten Stücke genügen (wie ich hoffe), dann um Sie zu bitten, dieselbe, wenn Sie sie nicht mehr brauchen, was nur, leider fürchte ich, sehr bald sein wird, an meine Schwester, Madame Hensel, Leipziger Straße Nr. 3 in Berlin, entweder mit Gelegenheit oder mit Fahrpost unfrankirt zu senden, da ich ihr eine Abschrift versprochen und schon in einem Briefe angekündigt habe. Verzeihen Sie die Belästigung, indessen dachte ich mir es bis vorgestern immer vielleicht möglich, daß die Abschrift zur Zeit kommen könnte, und nun, da ich mir’s einmal vorgenommen habe, sie Ihnen zu schicken, kann ich es nicht lassen. Vielleicht ist es auch zu etwas gut, daß der Aufschub die Aufführung verhindert hat; denn mir ist nachher eingefallen, daß sich der Choral und alle Katholicismen im Theater doch sonderbar ausgenommen hätten; und eine Reformations-Sinfonie zu Pfingsten will auch nicht recht klingen. Kurz ich bin ein Optimist. Marschner bitte ich Sie recht herzlich von mir zu grüßen, ihm für seine Freundlichkeit und Güte und für die schönen Dinge, die er mich hat hören und genießen lassen, noch einmal meinen Dank zu sagen; sobald ich in München bin, schreibe ich ihm einen ordentlich langen musikalischen Brief. Leben Sie wohl und gedenken Sie freundlichst
 Ihres Felix Mendelssohn-Bartholdy.“

Das habe ich auch gethan, des lieben Briefstellers stets freundlich gedacht, mit steigender Bewunderung, und bin leider doch in der letzten Periode, ohne eigenes Verschulden, zur Opposition gezählt worden! Vorher aber traf ich ihn in Leipzig, als ich – von Riga aus – diesen Schauplatz früherer Wirksamkeit auf der Durchreise nach Köln wieder betrat. Mein erster Besuch galt demjenigen Schüler, welchen ich 1832 als Student inmitten des doppelten Contrapunktes verlassen hatte, und den ich nun als Doctor und jungen Ehemann am Geburtstage seiner Frau, welche früher gleichfalls Unterricht bei mir genommen, überraschte.

Am 13. September 1843 feierte Robert Schumann das Wiegenfest seiner Clara, und ich erschien als improvisirter und selber nichts ahnender Gast zum Frühstück, wo ich auch Mendelssohn nach dreizehn Jahren wiedersah, und wo ich außer ihm noch David und Grützmacher antraf. Nachdem wir uns an reichbesetzter Tafel gehörig ausgesprochen, oder, wie es speciell mit Schumann heißen müßte, „ausgeschwiegen“ hatten, kamen die musikalischen Genüsse an die Reihe. Schumann überraschte seine Gattin mit einem neuen Trio, welches sofort executirt wurde, und Mendelssohn brachte ihr zum Geschenk das Frühlingslied als Manuscript und trug es auch dort zum erstenmal vor. Dies wunderbar schöne Stück ist die Perle in dem fünften Heft seiner „Lieder ohne Worte“, dem zweiundsechszigsten Werke, welches er bekanntlich „der Frau Dr. Clara Schumann geb. Wieck“ widmete. Damals enthusiasmirte es den kleinen Hörerkreis so gewaltig, daß der Componist sein Opus zweimal wiederholen mußte und daß es würdig den Abschluß der Feier dieses Vormittags bildete.

Am andern Tage war ich zu Tisch bei Kammerrath Frege. Sein Sohn, der jetzige Professor Frege, hatte zusammen mit v. Könneritz (dem jüngst verstorbenen Intendanten des Dresdener Hoftheaters) vormals, da sie Beide noch auf der Universität waren, Clavier- und Generalbaßstunden bei mir genommen, von denen wir uns alle Drei gemeinschaftlich in Abtnaundorf, dem nahe liegenden Gute des Kammerraths, zu erholen pflegten. Auch Woldemar Frege war nun bereits verheirathet und zwar mit einer früher berühmten Sängerin, mit Livia Gerhardt, die, anfänglich nur widerstrebend von der alten Patrizierfamilie aufgenommen, sehr bald durch ihre Liebenswürdigkeit und durch ihr Talent das Herzblatt der Schwiegereltern wurde und zuletzt den alten Herrn so für sich einnahm, daß sie ihn auf allen Wegen zu Fuß und Roß begleiten mußte. Aber diese treffliche Reiterin war noch unübertrefflicher als Liedersängerin; und wenn ich schon die Bemerkung machen konnte, daß die Frege’schen Diners nichts an ihrer früher mir bekannt gewordenen Vortrefflichkeit eingebüßt hatten, so ward uns doch jetzt durch den Nachtisch ein noch höherer Genuß geboten, denn Mendelssohn, welcher auch als Gast gegenwärtig, begab sich nun mit der von ihm hochgeschätzten Künstlerin an das Pianoforte, und wir schwelgten in dem Genuß seiner lieblichen Gesänge, zu deren geistvoller Auffassung Livia durch den Componisten selber angeleitet war. Beide blieben unermüdlich, bis uns der Herr Kammerrath sein Schwiegertöchterchen entführte, weil die Pferde gesattelt vor der Thür standen.

Am dritten und letzten Tage meines Leipziger Besuchs wurde mir wieder die Freude, mit Mendelssohn zusammenzutreffen. Dafür hatte mein lieber Freund, Advocat Petschke, der ältere der beiden talentvollen Brüder, gesorgt, welcher mit dem damaligen Dirigenten der Gewandhaus-Concerte und des Conservatoriums ganz intim geworden war; ich traf dort des Abends eine Gesellschaft, in der sich Mendelssohn so wohl zu fühlen schien wie ehedem als junger Mensch im Hause von Hannchen Zimmermann Berlinischen Andenkens. Petschke hatte mich ersucht, etwas von meinen Compositionen mitzubringen, und ich fand für einige Nummern des „Schöffen von Paris“ aufmerksame Zuhörer. Aber eine wunderbare Ueberraschung bereitete mir Mendelssohn. Als ich ihm die Arie des Königs vorgespielt, behauptete er das eine Thema schon zu kennen; ich räumte ihm gern ein, daß es Reminiscenz sein könne, daß sie mir jedoch unbewußt wäre. Damit indeß gab er sich nicht zufrieden sondern setzte sich nun an’s Pianoforte und spielte mir [153] ohne weiteres Besinnen eine Folge von acht bis zwölf Tacten vor, aus welcher allerdings unerlaubte Anklänge in meiner Arie vorkamen, ohne daß ich das Original unterzubringen wußte. „Sie kennen also Ihre eigenen Compositionen nicht wieder,“ sagte Mendelssohn; „das ist ja der Schlußchor aus ‚Zauberer und Ungethüm‘!“ Es war dies ein Melodram, welches man schon 1827 auf der Königstädter Bühne mit meiner Musik gegeben und das damals Mendelssohn’s Beifall erhalten hatte. Nach sechszehn Jahren wußte er sich noch der Klänge zu erinnern, die mir längst entschwunden waren! Als ich ihm mein Erstaunen über solches Gedächtniß ausdrückte, meinte er verbindlich: „Man muß aber nur die guten Melodien zu behalten suchen.“ Es war die vierte Belehrung, die ich von Mendelssohn empfing. Sein letzter in Leipzig mir erwiesener Liebesdienst war ein sehr warmes Empfehlungsschreiben, welches ich in Köln dem Führer meiner dortigen Gegenpartei übergeben sollte.

Damit schließen meine freudigen persönlichen Beziehungen zu dem uns so früh entrissenen Meister. Das im Jahre 1846 von dem trefflichen Männergesangvereine in Köln arrangirte vlämisch-deutsche Gesangsfest, zu welchem Mendelssohn Schiller’s „An die Künstler“ componirte, dessen Aufführung er selber leitete, hatte in seiner Vorbereitung zu den unangenehmsten Reibungen zwischen den verschiedenen Musikvorständen Anlaß gegeben; und wie sehr ich mich für das Gelingen einer Festlichkeit interessirte, bei welcher Meister Felix in solcher Weise thätig zu sein versprochen hatte – so konnte ich doch im Interesse meiner Partei nicht alle Maßregeln billigen, welche von den Unternehmern zum Theil ohne Rücksicht auf die nicht bereits in den vlämisch-deutschen Sängerbund aufgenommenen rheinländischen Vereine getroffen waren. Dies mochte man wahrscheinlich Mendelssohn in einer Art hinterbracht haben, daß es für ihn verletzend erscheinen mußte. Zwar standen wir Beide auf dem Gürzenich während des Vortrags einiger Männergesänge neben einander und tauschten dann unsere Ansichten darüber aus; auch trafen wir nach dem Concert bei Seydlitz-Verkenius im größeren Kreise wieder zusammen; aber er war kühl bis an’s Herz hinan, und ich fand während seines zwölfstündigen Aufenthaltes bei uns keine Zeit und Gelegenheit, ihm das Scenarium der alten Kölner Komödie „Parteiwuth und Klüngel“ auseinanderzusetzen. So habe ich ihn denn nicht wieder gesehen und fürchte fast, daß er mit Groll im Herzen von mir geschieden sei, während meine Verehrung für sein hohes Talent, sein tiefes Wissen, sein edles Streben und seine liebenswürdige Persönlichkeit stets dieselbe geblieben war.

Am 9. November 1847 – fünf Tage nach dem Tode Mendelssohn’s – dirigirte ich das zweite Winterconcert in Köln, welches unter allgemeiner Theilnahme und mit dem Ausdrucke tiefster Trauer eingeleitet wurde durch den Chorgesang aus Paulus: „Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben; denn ob der Leib gleich stirbt, doch wird die Seele leben!“ Unser Jahrhundert hat vielleicht größere Componisten, aber keinen Tonkünstler aufzuweisen, der so vielfach vortreffliche Eigenschaften in sich vereinigte, als Felix Mendelssohn-Bartholdy.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Für Musikverständige füge ich die Notiz hinzu, daß Beethoven an dieser Stelle die Contrabässe ausnahmsweise acht Töne tiefer als das Violoncell hingeschrieben hat, daß sie also um zwei Octaven tiefer erklingen müssen.