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Textdaten
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Autor: Emil Rittershaus
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Titel: Aus meinem Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 215
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[215]
Aus meinem Leben.
(Der Todestag meines Vaters, gestorben am 3. März 1885.)

Ein frischer, heller Märztag ging zur Neige;
Scharf pfiff der Ostwind durch die kahlen Zweige.
Schon lag das Thal im fahlen Dämmerdunkel,
Doch auf dem Turmkreuz, das im Lichtgefunkel
Des Abendrotes blinkte, sang der Star,
Der Frühlingsbote. - - - - -
- - - - - Meine Seele war
Von Kummer voll. Es saß an meiner Seite
Der Mann, der mir ins Leben gab Geleite,
Der sanften, milden Sinns erzog den Knaben,
Dem ich, nächst Gott, die allerbesten Gaben
Der Jugend dank’, der heißem Blute wehrte,
Der fromm und frei zugleich mich denken lehrte,
Ein müder Greis von mehr als achtzig Jahren. – –
Vom Arzte hatten heimlich wir’s erfahren,
Der Tod sei auf dem Weg, ihn abzuholen
Im Nebenstübchen weinten sie verstohlen,
Mein Weib, die Enkel, das Urenkelein,
Zum Abschiednehmen stellten sie sich ein. –
Daß nah’ sein Ende war, er möcht’ es wissen.
Die treue Gattin legte ihm die Kissen
Im Sessel, und es sprach mit leisem Ton
Zu mir der Vater, zu dem einz’gen Sohn:
„Mein Söhnlein, laß uns nicht in Thränen reden!
Die Scheidestunde kommt einmal für jeden.
Vielleicht auch werd’ ich morgen wieder wach –
Dann singt der Starmatz auf des Hauses Dach.
Daß ich nicht schlafe, Junge, allzulang’,
Weckt Sonnenschein mich und der Vogelsang. –
Setz’ meine Pfeife weg! Sie schmeckt nicht mehr! –
Nein, nicht geweint! Du machst das Herz mir schwer!
Noch eine Bitte! In dem Pultgefache
Liegt dort ein Brief. Es ist nicht eil’ge Sache,
Doch, wie Du weißt, hab’ immer mit Bedacht
Vor Schlafengehn ich reinen Tisch gemacht.
Schreib’ Du die Antwort! Bis es ist geschehen,
Will ich zu meinem Gott noch einmal gehen,
Und will es thun, wie ich’s seit Jahren that -
Es ist noch nie der Schlummer nur genaht,
Bevor ich, die mir teuer sind hienieden,
Empfohlen habe Gottes Gnad’ und Frieden,
Bis ich geprüft, ob in mir rein und frei
Von Haß und Zorn auch meine Seele sei –
Und dann zum Schlusse sprach ich: wohlgesinnt
Bleib’ Du, o Herr, auch mir, dem alten Kind,
Das Dir noch mit dem letzten Atemzug
Zu danken hat und dankt doch nie genug! - -
Verzeih’! Geschwätzig ist des Alters Zunge! –
Ich wollt’, Du schliefft so gut wie ich, mein Junge!“
(O Gott, „mein Junge“ bleibt man immerdar
Fürs Vaterherz auch noch mit grauem Haar!)
- - - - - - - - - - - - - -
Ich schrieb den Brief – dann stand ringsum im Kreis
Vereinigt alt und jung auf das Geheiß
Des Greises. Da und hier und hier und dort,
Für jeden gab’s ein liebend, segnend Wort,
Für seine Gattin, die ihn treu gepflegt,
Mein Weib, für das er solche Lieb’ gehegt
Wie für mich selbst – und endlich zum Beschluß
Für Enkel und Urenkelein den Kuß. - - -
„Und nun hol’ Wein, mein Junge!“ Rasch gethan
War das Gebot. „Mit allen stoß’ ich an!
Gott sei mit Euch!“ – Und, als die Reihe ging
An mich und mir im Aug’ die Thräue hing,
Mit Lächeln hob der Alte den Pokal:
„Stoß zweimal an! Es ist zum letztenmal! –
Nun helft zu Bett mir! Wache halten sollt
Ihr nicht; die Hände will ich ruhig falten,
Und, wenn Ihr mir noch Lieb’ erweisen wollt,
Lest vor: ,Wer nur den lieben Gott läßt walten’!
Zu danken, danken hab’ ich tausendfach.“
- - - - - - - - - - - - - -
Der Vater schlief – und ward nicht wieder wach.
Am Morgen sang der Star so überlaut,
Der hoch am Giebel hatt’ sein Nest gebaut;
Der Sonnenschein umfloß das Angesicht
Des Toten – Sang und Licht erweckt’ ihn nicht.
Doch bei der Heimkehr von der Kirchhofstätte,
Was fanden wir? Auf Vaters Sterbebette
Ein Täublein saß, als wär’ es ausgesandt,
Botschaft zu bringen aus des Friedens Land!

Emil Rittershaus.