Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V. Section/H09

Heft 8 des Voigtländischen Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke
Heft 9 der Section Voigtländischer Kreis
Heft 10 des Voigtländischen Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Ebmath
  2. Kleingera
  3. Unterweischlitz
  4. Elster


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Ebmath.


Ebmath, auch Ebnat und in frühester Zeit Ebenit geschrieben, liegt nahe der Böhmischen Grenze am schirndingschen Walde etwa zwei Stunden von Oelsnitz in hoher und schon ziemlich rauher Gegend, südwestlich vom Tanneberg. Der Ort besteht aus zweiundvierzig Häusern mit dreihundert Einwohnern und ist in die Kirche des eine halbe Stunde entfernten Dorfes Eichicht eingepfarrt, hat jedoch seine eigene Schule.

Die älteste Nachricht über Ebmath, welche auf unsere Zeit gekommen ist, datirt aus dem dreizehnten Jahrhundert. Damals siedelte sich im Voigtlande ein altes adliges Geschlecht an, die Herren von Streitberg, deren Stammburg zwischen Erlangen und Baireuth lag. Ritter Berthold von Streitberg besass im Jahre 1296 die Schlösser und Rittergüter zu Gattendorf, Sachsgrün, Volkmarsreuth, Laitenhof, Stohrenhof, Ebmath und Hartenreuth. Die Herren von Streiberg waren grösstentheils sehr kampflustige Edelleute, und wagten sich bei ihrer bedeutenden Macht sogar oft an gewaltige Gegner, wie denn die Ritter Hans Ruprecht und Wilhelm von Streitberg dem Bischof von Würzburg Fehde ankündigten und Raymar mit seinem Vetter Eberhard von Streitberg sogar mit den Markgrafen von Meissen im Kriege lebte. Freilich darf man nicht glauben, dass bei diesen Fehden wolgerüstete Heere wie in der Jetztzeit zum Kampfe ausrückten, denn bei der Streitigkeit der Ritter Ruprecht und Wilhelm von Streitberg bestand die kriegerische Thätigkeit darin, dass kleine Haufen bewaffneter Knechte unter Anführung eines den Streitbergen pflichtigen Lehnsmannes ein feindliches Dorf anfielen, ausplünderten, in Brand steckten und mit der schnell zusammengerafften Beute sich zurückzogen, oder dass einige geharnischte Reiter nach dem bischöfflichen Gebiete zogen, um dort Frachtwagen von der Landstrasse, oder Pferde aus den Dörfern zu stehlen. Der geistliche Herr ergriff Repressalien, und so dauerte diese sogenannte Fehde monatelang, bis sie endlich durch Vermittelung eines Ritters von Zedtwitz beendigt wurde. –

Im Jahre 1353 besass Sachsgrün ein Ritter von Vassmann, es ist uns aber nicht möglich, nachzuweisen, ob er auch Herr auf Ebmath war. Beide Rittergüter gehörten 1448 dem Ritter Philipp von Failtzsch oder Feilitzsch, dessen Söhne Heinrich Fabian und Siegismund die väterlichen Güter 1487 noch gemeinschaftlich besassen; 1508 aber gehörten dieselben Philipp von Feilitzsch, Heinrichs Sohne, der 1524 mit Tode abging und zwei Söhne, Hans Heinrich und Sigismund als Erben hinterliess. Wie lange Ebmath mit Sachsgrün vereinigt, und somit im Besitze der Familie von Feilitzsch blieb, konnten wir nicht ermitteln, doch scheint es, dass beide Güter gar nicht oder doch nur auf kurze Zeit getrennt gewesen sind. Im siebzehnten Jahrhundert gehörte Sachsgrün mit Ebmath wieder der Familie von Streitberg, und zwar 1649 dem Brandenburgischen Lehnsgerichtassessor und Oberstwachtmeister Carl von Streitberg, und nach ihm Christoph Siegismund von Streitberg, der 1670 starb. Sein Nachfolger, Hans Wilhelm von Streitberg, verblich, als der Letzte seines alten, edlen Geschlechts, am 14. August 1690 und wurde in der Kirche zu Sachsgrün mit umgekehrtem Helme und Wappenschilde begraben, seine bedeutenden Güter aber, Strassendorf, Veilbrunn, Burggrub, Heiligenstadt, Gräfenstein, Ober- und Untergattendorf, Ober- und Untertaschendorf, Sachsgrün, Ebmath und Hartmannsreuth fielen als erledigte Lehen an den Landesherrn zurück.

Das Rittergut Ebmath empfing nunmehr durch landesherrliche Bestätigung der Oberküchenmeister und späterhin zum Hofmarschall erhobene Philipp Ferdinand von Reibold, der bereits Strassberg und Naundorf besass und ein sehr wohlthätiger und frommer Herr gewesen sein muss. [66] Er war vermählt mit einer Gräfin von Stubendorf, und starb 1716, worauf seine Güter in Besitz der einzigen Tochter, Christiane Erdmuthe verwittweten von Fletscher und vorher schon vermählten von Brandenstein gelangten. Deren Sohn, Heinrich August von Brandenstein, erbte die Güter Sachsgrün, Bösenbrunn und Ebmath im Jahre 1723 und starb 1756, worauf Sachsgrün und Ebmath an seinen jüngsten Sohn Ernst Casimir von Brandenstein übergingen, „einen milden Herrn von vortrefflichem Charakter und Vater seiner Unterthanen“ wie bei seinem 1802 erfolgtem Tode der Pastor Meinel in das Kirchenbuch schrieb. Von mehreren Kindern war Ernst Casimir von Brandenstein nur ein einziger Sohn geblieben, Ernst von Brandenstein, der nachmals Domherr zu Merseburg wurde. Unter dessen Herrschaft ist die Kirche zu Sachsgrün neu erbaut worden, bei welcher Gelegenheit der Domherr von Brandenstein nicht nur die Leitung des Baues übernahm, sondern auch der Gemeinde die Kapelle des Schlosses Sachsgrün zum gottesdienstlichen Gebrauche überliess. Seine Erben waren drei Söhne, Ernst August Gustav, Wilhelm Friedrich Julius und Ernst Friedrich Carl von Brandenstein, die nach des Vaters Tode beide Güter als Gesammtlehn übernahmen.

Ebmath hatte in den Kriegen des funfzehnten und siebzehnten Jahrhunderts grosse Drangsale zu ertragen. Entsetzlich hausten hier die Hussiten, welche mit der raffinirtesten Grausamkeit gegen die Unglücklichen verfuhren, welche nicht rechtzeitig in den Waldungen Schutz gesucht hatten. Zu Sachsgrün entkleideten die Barbaren den dasigen Pfarrer, legten ihn auf einen gefrorenen Teich, und begossen das widerstandslose Opfer so lange mit kaltem Wasser bis er mit dem Eise des Teiches zusammengefroren war. Der dreissigjährige Krieg brachte gefährliche Seuchen, namentlich eine Soldatenkrankheit, welche auch die Landleute ergriff, und deren eine grosse Menge in das Grab stürzte. Furchtbare Leiden verursachten den hiesigen Bewohnern die Einfälle des General Holke, der in Troschenreuth gerechten Lohn seiner Schandthaten fand, indem er dort als Opfer einer unter den Soldaten herrschenden Pest starb. Der siebenjährige Krieg brachte Einquartirungen, Requisitionen und Plünderungen, und auch der französische Krieg hat manche schmerzliche Erinnerung zurückgelassen.

Eingepfarrt ist Ebmath nach Eichicht. Das Dorf liegt zum Theil auf einer Anhöhe zum Theil in einem Thale und wird in Ober-Eichicht und Unter-Eichicht eingetheilt. Mehrere hier befindliche Quellen vereinigen sich zu einem kleinen Bache, der eine halbe Stunde vom Dorfe in die Elster mündet. – Ein Rittergut hat Eichicht nicht, der Umstand aber, dass der hiesige Pfarrer Lehnsherr dreier Häuser ist, macht die Tradition sehr wahrscheinlich, dass im Mittelalter das Pfarrgut und diese drei Häuser ein kleines Rittergut bildeten, dessen letzter Besitzer in den geistlichen Stand übertrat und (vielleicht) Kirche und Pfarre gründete, eine Behauptung welche aus der Lage der Grundstücken an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Dass ein adeliges Geschlecht von Eichicht existirte ist gewiss, denn noch 1555 besass Alexander von Eichicht das Dorf Langenberg und war Hauptmann auf dem Schlosse Ronneburg.

Die Kirche zu Eichicht ist ein altes, enges, theilweise dunkles Gebäude, an das kurz nach der Reformation der Chor angebaut worden zu sein scheint. Neue Emporen entstanden in den Jahren 1822 und 1823 und der alte spitze Thurm wurde 1818 abgetragen. Das Kirchenvermögen ist in neuerer Zeit ziemlich gewachsen, da man den Ertrag der bedeutenden Pfarrwaldungen in die Kirchenkasse fliessen lässt. Eichicht ist eine der sogenannten Streitpfarren die abwechselnd der König von Sachsen und der König von Baiern zu besetzen hatten, bis in neuerer Zeit eine Abänderung dieses Verhältnisses stattfand.

O. M.     




Kleingera.


Das Dorf Kleingera liegt eine halbe Stunde nordöstlich von Elsterberg und eine halbe Stunde südlich von Greiz auf der rechten Seite des Elsterflusses am Wege nach Plauen. Dasselbe besteht ausser dem hiesigen altschriftsässigen Rittergute aus sechsundzwanzig Häusern mit etwa hundertsiebzig Einwohnern und ist in die Kirche zu Elsterberg eingepfarrt. Ein Theil der hiesigen Einwohner gehört unter das nahe Rittergut Coschütz. – In der Nähe Kleingeras befindet sich ein Pechofen.

Zu welcher Zeit Kleingera gegründet wurde lässt sich nicht ermitteln, [67] doch ist es ohne Zweifel sorbischen Ursprungs. Südlich vom Dorfe erhebt sich eine Anhöhe, die Burgleithe genannt, auf welcher in grauer Vorzeit eine Burg gestanden haben soll, über welche freilich keine urkundlichen Nachrichten vorhanden sind, doch macht die Lage des Berges diese Volkssage sehr wahrscheinlich. – Dass die mächtige Dynastenfamilie auf der nahen Burg zu Elsterberg rund um das Hauptschloss eine nicht geringe Anzahl fester Häuser besass, auf denen ihre Lehnsleute wohnten, ist bekannt, und somit liegt die Möglichkeit sehr nahe, dass auch zu Kleingera eine solche Vasallenburg stand, denn dieser Ort wird schon in den frühesten Zeiten als Besitzthum der Herren auf Elsterberg genannt. Diese alte vornehme Familie stammte aus dem Hause Lobdaburg und bildete eines der mächtigen Geschlechter welche nur dem Kaiser gehorchten. Schon im Jahre 1198 kommt urkundlich ein Ritter Rayner von Elsterberg vor, der auf dem Elsterberger Schlosse wohnte, 1227 Heinrich von Elsterberg, 1275 Conrad von Elsterberg, und 1313 bis 1356 die Gebrüder Busso und Hermann von Elsterberg. Diese verbanden sich mit Markgraf Friedrich dem Gebissenen, Herrmann von Lobdaburg, Albrecht von Lobdaburg-Leuchtenburg, dem Erzbischof Burkard von Magdeburg, einigen Harzgrafen, den Burggrafen Albert und Heinrich von Leissnig und dem Burggrafen Erkenbrecht von Starkenberg gegen den Voigt von Gera, welcher seinerseits von dem Voigte zu Weida, Friedrichen von Schönburg, Heinrich von Wildenfels, Eberhard von Voigtsberg und dessen Brüdern, den Rittern von Tannrode, Heinrichen von Kirchdorf und Albrecht dem Kunthen unterstützt wurde. Die Fehde hatte ihren Grund in den Anmassungen, welche die immer mächtiger werdenden Voigte gegen die kleineren Dynastengeschlechter ausübten, wie sie denn auf Kosten des Arnshaugkischen Hauses die Herrschaften Mühldorf und Pausa, und später Schleiz, Saalburg, Burg und Lobenstein an sich gebracht hatten. Die Fehde wurde mit grosser Erbitterung geführt und dabei eine Anzahl von Schlössern zerstört, darunter die Burg bei Zollgrün und die im neunten Jahrhundert bei Dörflas erbaute Waldsburg. Da Markgraf Friedrichs vielbewegtes Leben ihm nicht gestattete seine ganze Macht zu diesem Kriege zu verwenden so gelang es den Lobdaburgern auch nicht einen erheblichen Vortheil über die gewaltigen Voigte zu erlangen, ja sie mussten sich sogar zu einer Sühne entschliessen, über welche eine noch sehr interessante Urkunde vorhanden ist. Sie beginnt: „Wir Friederich von gots gnaden lantgreve zcu Duringen, Marchgreve zcu Missne unnd in dem Ostirlante, Hern in dem lante zcu Plisne, bekennen an Disme offen brive, daz wir untruwen globet haben Heinrich dem Eldern voyte von Gera eine rechte Sune vor uns und vor vnse Frunthe vnde vor vnse Helfer – – wir nemen ouch in vnse Sune vnse liben Schwegern vruen Elzebeten, di Landgreuinnen was czu Duringen – – vnd binamen alle di di durch vnsen wilen sie sint geistlich oder wernlich mit disme Orleyge begreffen sint gewest vnde alle vnse Lant und alle vnse Lüte. – – Disse Sune haben geteydinget zcu Altenburg der Edel Mann Er Albrecht von Hackeborn vnde Er Busse von Elstirberg, Ludewick von Blankenhain, Gunther von Salza, Hartmann von Bulwitze, Günther von der Plewenitz, Johannes von Nuchenhowe, Meister Walther vnsr Obersthe Scribere vnde Cunrat Scribere von Arnstathe.“

Im Jahre 1354 brach eine neue Fehde los, der Voigtländische Krieg genannt, in welcher die Herren von Elsterberg mit den Voigten und einer Anzahl mächtiger Grafen gegen den Kaiser zu trotzen wagten. Den Markgrafen von Meissen wurde die Vollstreckung der ausgesprochenen Acht übertragen und bald zog der thüringische Landvoigt Heinrich von Brandenstein mit einem Aufgebote der Reichsstädte Erfurt, Nordhausen und Mühlhausen und einem Böhmischen Hülfscorps unter Anführung des Grafen von Hohenstein heran. Die Böhmen umzingelten die Burg Elsterberg, verwüsteten alle dazu gehörigen Edelhöfe und Dörfer und erstiegen endlich nach langem Widerstande das Schloss, wo Alles über die Klinge springen musste. Nur zwölf Edelleute, darunter Busso der jüngere von Elsterberg, wurden gefangen und wenige Stunden nachher auf dem Marktplatze zu Elsterberg öffentlich enthauptet. – Von den Gebrüdern Busso und Hermann von Elsterberg wird nur Letzterer noch einmal genannt (1358) wo er seine Rechte und Gerichte zu Osmeritz dem Nikolaihospital zu Jena abtrat. Der Burg Elsterberg und aller dazu gehörigen Güter, (wie Coschütz, Kleingera, Nosswitz etc.) waren die Herren von Elsterberg für immer verlustig.

Nach der Vertreibung der Elsterberge blieben deren Güter eine Zeit lang im Besitz der Markgrafen, bis sie nach und nach von diesen an verschiedene Edelleute verlehnt wurden. Elsterberg mit Coschütz und Kleingera kam an einen Ritter Heinrich von Bünau, dessen Sohn, Heinrich 1473 starb. Er hinterliess ebenfalls einen Sohn Heinrich, der 1498 mit dem Herzog Heinrich von Sachsen nach Jerusalem zog und dort zum Ritter vom heiligen Grabe geschlagen wurde, auch begleitete er den genannten Fürsten nach Compostella in Spanien. Nach mehreren Herren von Bünau, als Besitzern Kleingeras, wird 1607 Rudolph von Bünau als ein sehr gewandter Staatsmann genannt. Er war Apellationsrath und Stiftsrath und zeigte sich unter Anderem sehr geschickt bei Beseitigung der Missverständnisse, welche wegen der Weimarischen Vormundschaft entstanden. Sein Enkel, Heinrich von Bünau auf Kleingera, Frankenhof [68] und Kunsdorf, Greizischer Oberhofmarschall, hinterliess einen Sohn, Rudolf von Bünau, der Obersteuereinnehmer wurde und 1759 auf hiesigem Herrenhause mit Tode abging. Zu Anfange dieses Jahrhunderts gelangte Kleingera an die Familie Döhler, welcher das Gut in der Person des Herrn I. Döhler noch jetzt gehört.

Die vielen Schicksale, welche die Herrschaft Elsterberg betrafen, haben grösstentheils auch das ihr angehörige Kleingera berührt, namentlich die oben erwähnten Fehden, bei deren einer vielleicht die auf der Burgleithe gestandene Burg ihren Untergang gefunden haben mag. Ob der Hussitenkrieg seine blutigen Fittiche auch hier schwang, darüber fehlen alle Nachrichten, während des Bauernkrieges aber war unter den hiesigen Unterthanen grosse Erbitterung gegen den Gutsherrn, die indessen glücklicher Weise nicht in Thätigkeiten ausartete, da noch zu rechter Zeit die Kunde von Thomas Münzers Niederlage und Gefangenschaft anlangte; es wurden jedoch einige der lautesten Schreier festgenommen, nach Zwickau gebracht und dort enthauptet. Im Jahre 1632 brach im hiesigen Schlosse Feuer aus, wobei zwei Leute von einer stürzenden Wand erschlagen wurden, auch fehlte es in dieser Zeit nicht an Kriegesdrangsalen und Seuchen.

Zu dem Rittergute Kleingera gehören ausser dem Dorfe Kleingera das Dorf Reuth mit acht Häusern einer Mühle und sechszig Einwohnern, ein Theil von Nosswitz, ein Theil von Scholis, das Dorf Tremnitz mit zweiundzwanzig Häusern und hundertzwanzig Einwohnern und einzelne Häuser in Pfannenstiel.

O. M.     




Unterweischlitz.


Weischlitz liegt im Amte Plauen, anderthalb Stunden von dieser Stadt, auf beiden Ufern der Elster. Dasselbe besteht aus achtundachtzig Häusern mit etwa fünfhundert Einwohnern, unter denen es viele Handwerker giebt, da hier Baumwollenspinnerei getrieben wird und eine berühmte Fabrik vorhanden ist. Ein grosser Theil der Unterweischlitzer Bewohner findet in dieser Spinnfabrik Beschäftigung, es hat aber auch deren Gründung eine ziemliche Anzahl unbemittelter Leute veranlasst sich in Weischlitz niederzulassen, wodurch die Commun nicht eben Vortheile erlangt hat. Uebrigens besteht Weischlitz aus zwei Theilen, Oberweischlitz und Unterweischlitz, welche beide in die Kirche des nahen Dorfes Kürbitz eingepfarrt sind.

In Weischlitz befinden sich zwei Rittergüter, der Oberhof und Unterhof genannt, welche jedoch fast immer im Besitz eines Herrn gewesen sind. Bis zum dreizehnten Jahrhundert finden sich Herren von Weischlitz vor, die auf dem damaligen Schlosse, dem jetzigen Unterhofe wohnten.

In Urkunden werden die von Weischlitz oft auch die Weischholze genannt. Adam von Weischlitz war ein treuer Anhänger des Voigtes Heinrichs des Strengen von Plauen, nach dessen Besiegung durch die Markgrafen von Meissen und Thüringen er als Geächteter herumirrte, bis nach erfolgtem Friedensschlusse er Verzeihung erlangte und auf sein Gut zurückkehrte. Zu dieser Zeit besassen zu Weischlitz auch die Feilitzsche ein Lehn, vielleicht den jetzigen Oberhof, denn schon im Jahre 1303 wird urkundlich Ritter Jobst von Feilitzsch auf Kürbitz, Tobertitz, Weischlitz und Rosenberg genannt. Burkhard von Weischlitz, Adams Sohn, verkaufte um das Jahr 1409 sein Stammhaus Weischlitz an Marquard von Raschau, einen reichen Edelmann; dessen Sohn Hans von Raschau es noch 1450 besass. Von jetzt an gehörte Weischlitz den Herren von Feilitzsch, und zwar dem Ritter Urban von Feilitzsch bis 1482 und alsdann [69] Hans Christoph von Feilitzsch, der auch Heinersgrün, Gutenfürst, Kemnitz, Wiedersberg, Troschenreuth, Posseck und Zedtwitz an sich gebracht hatte. Er war Oberhofmarschall und Oberstallmeister und starb um 1540. Sein Nachfolger Adam Wolf von Feilitzsch war Kriegskommissar des Voigtlandes und starb 1560. Das Schloss zu Unterweischlitz verkaufte Urban von Feilitzsch an Wolf Adam von Posseck auf Rodersdorf, der um das Jahr 1657 mit Tode abging. In neuerer Zeit gelangte Unterweischlitz an den Freiherrn von Seckendorf, der hier eine grosse Spinnfabrik erbaute, die später an ein Chemnitzer Handelshaus verkauft wurde. Der jetzige Besitzer von Unterweischlitz ist Herr F. G. E. Kreller. – Unterweischlitz besitzt ein Areal von 562 Ackern und 276 □Ruthen mit 8496,40 Steuereinheiten und einer Mühle; Oberweischlitz hat Kleineckhaus, Lanneckhaus und Theile an Berglas, Geilsdorf, Rosenberg mit Vorwerk, eine Ziegelbrennerei, Schäferei, eine Mühle und einen Antheil an Grosszöbern, mit 853 Ackern und 15 □Ruthen und 9829,83 Steuereinheiten. In neuerer Zeit gehörte Oberweischlitz der Familie Koston.

Unbeschreiblich sind die Drangsale, welche Weischlitz im dreissigjährigen Kriege erdulden musste, indem der General Holke mit seinen unmenschlichen Horden hauptsächlich in diesem Theile des Voigtlandes sein Unwesen trieb. Die Soldaten verübten die scheusslichsten Grausamkeiten und plünderten die unglücklichen durch häufige Besuche kriegerischer Gäste schon gänzlich verarmten Landleute dass ihnen nichts blieb als wenige Lumpen, welche mitzunehmen ein Soldat der Mühe nicht für werth hielt. Die Kroaten plünderten zugleich auch die Kirche zu Kürbitz, wohin Weischlitz eingepfarrt ist und bis zum Jahre 1701 sah man am Knopfe des Kirchthurms noch die Spuren der Kugeln, welche von den Kroaten im Uebermuthe darnach abgeschossen worden waren. Merkwürdig ist eine hier aufbewahrte Biebel, welche im Jahre 1626 von dem Verwalter in Förbau, Heinrich Schmätzer, der hiesigen Kirche geschenkt und von kaiserlichen Marketendern geraubt worden war. Auf der inneren Seite des Einbandes ist bemerkt: „Diesse Biebel welche vor Einem Jahre vonn denen Kayss. Marggetentern auss der Kirchen zu Kürwitz“ Sr. Hoch-Edel gestreng Herrn Urban Caspar von Feilitzsch, fürstl. Brandenburgischen geheimden Rath zustundig hinweggeraubt vnndt von mir wieder aussgelöst vnndt erkauft worden verEhre Seiner Hoch-Edel gedachten Herrn Cantzlern, Ich Endess Subscribirter wieder in ermelte Kirchen zum stetswerenden gedechtnuss, Actum Eger den 14/24 Meji Anno 1641

Der Röm. Kayss. vnnd Königl. Majest. bestallter Proviant-Meister Georg Ernst Thumbster von Minichsberg.

In der Kirche zu Kürbitz befinden sich mehrere Grabsteine der Rittergutsbesitzer auf Kürbitz und Weischlitz. Der interessanteste darunter ist ohne Zweifel der Urbans von Feilitzsch, auf Tobertitz und Treuen, mit der Inschrift: „Anno 1580 den 7. Mai früh zwischen 3 und 4 Uhr starb der Edle Gestrenge und Ehrenveste Urban von Feilitzsch zu Kürbitz, seines Alters 100 Jahre. –“ Dessen Enkel, Urban Caspar von Feilitzsch, auf Kürbitz, Weischlitz, Förbau Schwarzenbach, Isar und Joditz, hochfürstlich Brandenburgischer Geheimrath, Kanzler und Lehnrichter, erbaute dieselbe in den Jahren 1624 bis 1626 von Grund aus, sowie er auch die Kirchen zu Schwarzbach und Förbau auf eigene Kosten erbaut hat. Da die Croaten die heiligen Gefässe geraubt schenkte der fromme Herr der Kirche neue silberne, welche noch jetzt vorhanden sind. Die schöne aus einem einzigen Sandsteine gearbeitete Kanzel ist ein Geschenk des Kriegskommissars Adam Wolf von Feilitzsch, und den Taufstein von schwarzem Marmor verdankt die Kirche Wolf Adam von Posseck. Von den vielen Gemälden welche die Kirche verwahrt sollen eine Anzahl von dem Geheimerath von Feilitzsch in Holland angekauft worden sein, übrigens befinden sich hier auch sieben Portraits der Feilitzischen Familie, vier Männer und drei Frauen darstellend, darunter der Erbauer der Kirche in Lebensgrösse. Ob ein in dem Erbbegräbnisse hängendes Bild, wie die Sage behauptet, wirklich ein Werk Lucas Kranachs sei, mögen Kunstkenner bestimmen. – Das Patronatsrecht über die Kirche und Schule zu Kürbitz ist 1623 durch Kauf an das Rittergut Kürbitz gekommen.

Die Kürbitzer Kirche gehört unbedingt zu den schönsten und geräumigsten Dorfkirchen des Voigtlandes, so wie sie auch eine der ältesten ist. Es wird durch verschiedene keineswegs verwerfliche Nachrichten bewiesen, dass schon im Jahre 1124 eine Kirche in Kürbitz vorhanden war, die demnach fast zu gleicher Zeit mit der Johanniskirche zu Plauen entstand. Wie über viele Kirchen in Plauens Nähe wussten die zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts im Voigtlande auftauchenden Ritter des Deutschen Ordens sich bald auch über hiesige Kirche das Patronat zu verschaffen, welches sie bis zur Reformation ausübten. Auch in Weischlitz hatte der Orden ein Besitzthum, denn ihm gehörte daselbst ein Hof, dem Urban von Feilitzsch 1473 von den Rosendorfer Feldern zwei Acker Land und ein Stück Lehde hinzufügte. Der Pfarrherr in Kürbitz hatte vor der Reformation zwei Frühmessen, eine in Geilsdorf und eine in Tossen abzuhalten, doch spricht eine aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts herrührende Matrikel bereits von Geilsdorf als einer selbstständigen Pfarre. Tossen blieb in seinem Verhältniss zu Kürbitz bis 1538 wo es der Pfarre Rodersdorf als Filial beigegeben wurde. Nach dem Tode des letzten Frühmessners zu Kürbitz überliess der Churfürst Johann [70] Friedrich auf Anrathen des Superintendenten Raute und Spalatins dem Pastor zu Rodersdorf die Decem- und Geldeinkünfte, dem Pfarrer zu Kürbitz aber die Felder, wodurch dieses Wiedemuth zwar zu einem der bedeutendsten im Lande erhoben, jedoch auf das Gesuch eines Pfarrers, vor zweihundert Jahren, gegen eine Rente dem Rittergute überlassen wurde. Der Hof des Deutschen Ordens zu Weischlitz wurde durch Kauf mit dem Obergute vereinigt.

O. M.     




Elster.


Elster liegt im Amtsbezirke Voigtsberg eine kleine Stunde südlich von Adorf, zwei Stunden von der Böhmischen Stadt Asch, dicht an der Sächsisch-Böhmischen Grenze, 2000 Fuss über der Nordsee in einem lieblichen, nicht sehr tiefen, mit vielen Einschnitten versehenen und mit waldigen Bergen umschlossenen Wiesenthale, durch das sich in anmuthigen Krümmungen der Elsterfluss hinzieht, welcher zwei und eine halbe Stunde südlich vom Dorfe Elster in einem Walde, der Tannig genannt entspringt. Elster bildet mit den von ihm abgebauten Ortschaften Glashütte, Bärenloh, Kessel, Hessenstein, Reuth und Christiansreuth eine Dorfgemeinde von beinahe zweihundert Häusern und mehr als zwölfhundert Einwohnern, die an Grund und Boden 2253 Acker 144 □Ruthen mit 19,247,64 Steuereinheiten besitzen.

Das Rittergut Elster ist ein schriftsässiges Mannlehngut mit einem Areale von 1389 Ackern 214 □Ruthen, darunter 1249 Acker 26 □Ruthen Waldboden, und hat ausser über das Dorf Elster auch noch Herrschaftsrechte in Gürth, Raun mit Kleedorf und Landwüst. Eine alte Chronik, welche früher in Brambach aufbewahrt wurde, erzählt, dass zur Zeit des Heidenthums die Sorben in hiesiger Gegend eine Göttin des Namens Elstra verehrten, die Veranlassung gegeben habe zur Gründung des Dorfes Elster, und es mag nach Unterjochung der bisherigen Bewohner des Voigtlandes ein deutscher Edelmann hier einen befestigten Hof erbaut und so das Rittergut gebildet haben. Wer die frühesten Besitzer des Gutes waren, ist nicht zu erforschen, erst im Jahre 1276 findet sich eine Urkunde, in welcher Heinrich von Plauen, kaiserlicher Oberhofrichter seinem zweiten Sohne ansehnliche Güter in Böhmen nebst den beiden Reichspfändern Selb und Asch, sowie den ganzen Landstrich zwischen Adorf und Neukirchen überliess, wozu also auch Elster gehörte. Im Jahre 1361 gehörte Elster dem Ritter Conrad von Neuberg (Neidberg) und 1397 Friedrich von Neuberg, 1420 aber kaufte von Hans von Neuberg auf Neuberg und Elster ersteres Gut ein Ritter Heinrich von Zedtwitz. Im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts blieb Elster noch im Besitze der Neuberge, 1515 aber erkauften die Brüder Hans Adam und Berthold von Zedtwitz das Rittergut mit Zubehör von Conrad von Neuberg. Die Nachkommen dieser beiden Herren von Zedtwitz blieben im Besitze des Rittergutes Elster bis zum Jahre 1800, wo ein Graf Franz von Zedtwitz auf Oberneuberg dasselbe an sich kaufte, es aber schon 1806 dem Kaufmann Johann Christian Wolfrum aus Hof überliess, zu dessen Zeit auf der vormaligen Schäferei durch den Kaufmann Johann Müller aus Auerbach eine Glashütte angelegt wurde, die später abbrannte und nicht wieder aufgebaut werden durfte. Im Jahre 1809 erwarb Elster der Kaufmann Nikolaus Vögele aus Mannheim, und 1816 gelangte das Gut sub hasta an den Mühlenbesitzer Johann Simon Penzel. Zur Zeit gehört Elster den Herren Rentamtmann und Hagelversicherungsbankdirector Advokat Brunner in Leipzig und Kanzleidirector Schmidt in Dresden.

[71] Die Kirche zu Elster ist auf einem Hügel erbaut, der sich nördlich vor dem Dorfe erhebt, und von welchem man eine treffliche Aussicht nicht nur über den Ort, sondern auch über das ganze freundliche Elsterthal mit seinen hübschen Abwechslungen geniesst. Das alte Gotteshaus sieht schon seit vielen Jahrhunderten auf dieser Höhe und die Tradition erzählt, dass es bis zur Mitte des sechszehnten Jahrhunderts eine Frühmess- und Wallfahrtskapelle gewesen sei, in welcher der katholische Pfarrer zu Adorf den geistlichen Dienst verrichtete der, als die Gemeinde sich vergrösserte, einen Kaplan zur Unterstützung erhielt. Zur Zeit der Reformation, die hier um 1534 Eingang fand wurde die Ausübung des Pfarramtes dem Kaplan zu Adorf übertragen und ihm die alleinige Einnahme der Stolgebühren zugewiesen, der Stadtrath zu Adorf aber erhielt die Collatur.

Im Laufe der Zeit mag die Kirche mannigfache Veränderungen erfahren haben, doch kennt man ihre Schicksale nur bis zum Jahre 1581, wo das Archiv angelegt worden ist. In den Jahren 1639 und 1644 änderte man den Altar und 1656 wurde der Thurm angebaut, der 1753 eine Spindel, Knopf, Fahne und Stern erhielt, die 1816 wieder neu vergoldet wurden. Die Kanzel ist aus dem Jahre 1682 und die Orgel von 1770; die Sakristei baute man 1743. – Im dreissigjährigen Kriege hatte die Kirche das Schicksal einigemale geplündert zu werden, auch wurde sie im Baierischen Erbfolgekrieg von beutelustigen Soldaten heimgesucht. Vom zweiten bis neunzehnten Posttrinitatissonntage 1644 blieb wegen der erlittenen Verwüstungen der Gottesdienst ausgesetzt, sowie auch wiederum vom 2. Pfingstfeiertage bis neunten Sonntage nach Trinitatis 1647. Die Herren von Zedtwitz auf Elster haben sich damals durch Vermächtnisse und Geschenke an Geld, Kleinodien und Kirchenschmuck dem Gotteshause als grosse Wohlthäter erzeigt. – Pfarrer allhier war bis zur neuern Zeit der Diakonus zu Adorf. – In die Kirche zu Elster sind eingepfarrt Mühlhausen mit 400 Einwohnern, Raun mit Kleedorf mit 600, Sohl mit 800, Arnsgrün mit 200, Gürth mit 150 und Grün mit 400 Einwohnern.

Das noch vor wenigen Jahren so kleine ärmliche Dörfchen Elster ist in neuerer Zeit zu grosser Berühmtheit gelangt und zwar durch seine Heilquellen, die man wol schon vor Jahrhunderten kannte, aber erst seit 1809 sorgfältiger untersuchte. Schon 1699 schrieb der Stadtarzt Georg Leissner zu Plauen ein Buch unter dem Titel: „Tractatus de acidularum Elistranarum lympha, das ist: Kurzer Bericht des Elster-Säuerlings. Wie solcher durch Chymische prob und praxin medicam sonderlichen in Heilung des Scharbocks, Mali hypochondriaci, Nierensteins und Zipperleins wegen seines Salis Volatilis kräftig gefunden und gerühmet worden. Allen Elster- und Eger-Säuerlings-Patienten zu Nutz aufgesetzt.“ Im Jahre 1819 fanden sich hier gegen hundert Badegäste ein, aber bei der dürftigen Einrichtung und der Nähe anderer renommirten Kurorte konnte das Bad Elster keine besondere Aufmerksamkeit erregen. Erst der neuesten Zeit gelang es das Publikum für Elster zu interessiren, und der innigste Dank gebührt unserer Hohen Staatsregierung, welche im Jahre 1849 die Badeanstalt zu Elster zu besserem Gedeihen selbst übernahm und mit der grössten Munifizenz Alles aufgeboten hat um derselben nach allen Seiten hin die bestmögliche Vollendung zu geben. Dieses wohlthätige Bemühen hat auch bereits so reifliche Früchte getragen, dass im Jahre 1854 fast achthundert Personen die hiesigen Mineralquellen benutzten; an der Spitze der Gäste aber befand sich Ihre königliche Hoheit die Kronprinzessin von Sachsen.

Elster, welches noch vor Kurzem kaum dem Namen nach gekannt war und ein trauriges Bild von ärmlichen Strohhütten darstellte, hat sich seit 1849 bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Mehrzahl der neuentstandenen Häuser besitzt ein wahrhaft grossstädtisches elegantes Aussehen und ist in einem modernen Style erbaut. Ausser dem Badehause, dem Wettiner Hofe und der Rudert’schen Wirthschaft sind noch zu erwähnen Apollo, Morgenröthe, blaue Kugel, Stadt Leipzig, Sächsischer Hof, Stadt Freiberg, Elsterperle, Altenburger Haus, Marienbrunn, Stadt Plauen, Stiftsgebäude, Carlsruhe, Zollhaus, Flora, grüner Baum, Bellevue, Johanna, Bergschlösschen, Aeskulap, Guttenberg und der goldene Schlüssel. Hier, sowie fast in allen Privathäusern, finden die Kurgäste treffliche Zimmer und Betten und freundliche, herzliche, gefällige und zuvorkommende Wirthsleute, denn die Voigtländer sind bei aller Derbheit ein biederer, herrlicher Menschenschlag.

Was die hiesigen klimatischen Verhältnisse anlangt, so theilt Elster den allgemeinen Charakter der Voigtländischen Gebirge. Die Luft ist frisch und belebend, aber auch, namentlich im Frühling und Herbst, wo häufige atmosphärische Niederschläge und Nachtfröste stattfinden, etwas rauh, weshalb auch empfindlichere Obstsorten, wie Pfirsiche, Aprikosen und Wein nur selten, zarte Gemüse aber erst spät zur Reife kommen. Dafür entschädigt aber auch die herrliche, reine Atmosphäre, in der man mit dem grössten Wohlbehagen den Duft der dichten Nadelwälder, vereinigt mit dem Arom der Feld- und Wiesenblumen, einathmet. Es zeichnen sich die hiesigen Einwohner durch eine dauerhafte unerschütterliche Gesundheit aus, und selbst hundertjährige Leute sind eben keine Seltenheit. Erst kürzlich starb in der Nähe der Müllergesell Händel, insgemein der [72] alte Strassburger genannt, einhundert und elf Jahre alt, und der alte Görl in Juchhe bei Elster hatte im Jahre 1854 sein hundertstes Lebensjahr erreicht. Leute von siebzig und achtzig Jahren verrichten noch mit fast jugendlicher Kraft die anstrengendsten Arbeiten und goldene Hochzeiten gehören zu den gewöhnlichsten Ereignissen. Der schon erwähnte alte Görl hatte seine sämmtlichen Kinder überlebt, dagegen umringten den ehrwürdigen Greis zwanzig Enkel und Urenkel, denen der Alte oft erzählte wie er durch Mässigkeit und Sitteneinfachheit zu so hohem und gesundem Alter gelangt. In seinen Jugendjahren hatte Görl als kaiserlicher Soldat gegen die Türken gefochten und lebte der gewissen Hoffnung, dass sein Kaiser, wenn er des alten Soldaten kümmerliche Verhältnisse erführe, ihn gewiss mit einer kleinen Pension bedenken würde.

Der Kurort Elster vereinigt Alles, was zur segensreichen Wirksamkeit einer derartigen Heilanstalt wesentlich beizutragen vermag, nämlich die Qualität und Quantität der zum innerlichen und äusserlichen Gebrauche dienenden Mineralquellen, vortheilhafte Lage, günstige klimatische und atmosphärische Einflüsse, Aufheiterung aller Art, freundliche Umgebungen, gesellige Vergnügungen, behagliche Ruhe, Bequemlichkeit, Sicherheit, gute Bewirthung und – Wohlfeilheit. Die uns bekannten Quellen sind:

1) Der Marienbrunnen (Trinkquelle, neue Hauptquelle, Stahlquelle, sonst auch als zwei verschiedene Quellen unter dem Namen Augustusquelle und Augenquelle bekannt) ist die an freier Kohlensäure, Eisen und – mit Ausnahme der neuentdeckten Salzquelle – auch an festen Bestandtheilen reichste Quelle. Wassermenge 954 Cubikzoll in der Minute; Temperatur + 10° C., spec. Gew. = 1,005.

2) Der Albertsbrunnen (Sauerbrunnen, Augen- oder Salzquell) hinsichtlich der Mischungsverhältnisse dem vorigen nahestehend, aber weniger reich an Kohlensäure. Wassermenge 851 Cubikzoll in der Minute; Temper. + 10° C., spec. Gew. = 1,0043.

3) Königsbrunnen (Gasquelle, Sprudel, neue Badequelle) zwar eben so reich an Eisen und Kohlensäure als der Marienbrunnen, aber eine geringere Quantität anderer Salze enthaltend. Wassermenge 3313 Cubikzoll in der Minute; Temper. + 10° C., spec. Gew. = 1,0039.

4) Salzquelle – ausgezeichnet durch einen sehr beträchtlichen Gehalt an kohlensaurem Natron und anderen Salzen, ärmer aber an Eisen und Kohlensäure, als die drei erstgenannten Quellen. Temper. + 8° C., spec. Gew. = 1,00084.

5) Johannisquelle, an Eisengehalt mit den drei ersten Quellen ziemlich übereinstimmend, die ärmste aber an Salzen und Kohlensäure, dagegen deutliche Spuren von Schwefelwasserstoffgas enthaltend. Temper. + 8,5° C., spec. Gew. = 1,00012.

Die drei erstgenannten Quellen befinden sich in der Trinkhalle der Colonnade vereinigt, die beiden letzteren, welche erst 1851 aufgefunden wurden und wodurch Elster einen bedeutenden Gewinn erlangt hat, etwas oberhalb der Parkanlagen dicht am Elsterdamme, ebenfalls unter einem gemeinschaftlichen Pavillon.

Endlich noch weiter oberhalb auf dem rechten Elsterufer:

6) Der Moritzbrunnen, reich an Kohlensäure aber ärmer an Salzen und Eisen als die anderen Quellen. Temper. + 12° C., spec. Gew. = 1,00015.

Um die einzelnen Mineralquellen vor dem Zuströmen und der Beimischung wilden Wassers zu schützen, hat man neuerdings dieselben gehörig gefasst und abgesperrt. Uebrigens scheint die Gegend um Elster sehr reich an Mineralquellen zu sein, so dass man noch auf manchen segensreichen Fund zu hoffen berechtigt ist. – Amtliche Berichte liefern den Beweis eines in den Quellen vorhandenen so bedeutenden Reichthums und Ueberflusses an Mineralwasser, dass für jetzt und alle Zeiten der Andrang der Hülfesuchenden, so stark er auch immer sein möge, hinlänglich befriedigt werden kann.

O. Moser.     




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