Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section/H09

Heft 8 des Leipziger Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 9 der Section Leipziger Kreis
Heft 10 des Leipziger Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Störmthal
  2. Hof
  3. Müglenz
  4. Audigast


[73]
Störmthal.


Das Rittergut Störmthal liegt zwei und eine halbe Stunde südöstlich von Leipzig auf einem etwas hervorragenden Plateau, welches durch die Parkanlagen des Schlosses und eine hübsche Aussicht nach Süden nicht ohne Annehmlichkeiten ist. Das Gut gehört zu den bedeutensten Rittergütern hiesiger Gegend, denn es enthält 450 Acker Feld, 97 Acker Wiesen und 352 Acker Waldung, beträchtliche Teichfischerei, Erbzinsen, Brauerei, Brennerei, Schäferei, Ziegelei und verschiedene Gerechtigkeiten, wobei die Besetzung einer Stelle im Leipziger Convict. Dieses Recht erlangte das Rittergut im Jahre 1784, wo der damalige Besitzer die Jagd und Jurisdiction in der Zauche (einem Störmthal zugehörigen Lehnholze, welches schon 1383 an das Dorf Holzhausen verlehnt worden war) an die Universität abtrat. Das herrschaftliche Schloss, von bedeutenden Wirthschaftsgebäuden umgeben, ist in sehr geschmackvollem Style erbaut und besteht aus drei Flügeln, wovon jedoch nur zwei Parterregeschosse haben, der Hauptflügel aber ist neun Fenster breit, trägt Blitzableiter und gewährt einen reizenden Prospect durch seine Lage auf einer von Wasser bespühlten Terrasse, sowie durch eine schöne mit Zierpflanzen geschmückte Freitreppe. Höchst sehenswerth ist auch der hiesige Park, einer der ersten welche in Sachsen nach englischem Geschmacke angelegt wurden. Zwar zeichnet sich derselbe nicht durch seine Grösse aus, denn er hält im Umfange kaum eine halbe Stunde, wohl aber hat man auf eine wahrhaft bewunderungswürdige Art die Localität zu benutzen gewusst. In reicher Abwechselung erblickt der Besucher die schönsten Landschaftsgemälde, Teicheinfassungen, Rasenplätze, Brücken, grosse Alleen, eine Einsiedelei, Anhöhen mit Felsengrotten und einen Wasserfall; ein schöngearbeiteter Tempel aber wurde nach der Schlacht bei Leipzig im Abtnaundorfer Parke aufgestellt. Bis zum Jahre 1810 befand sich in dem Parke zu Störmthal auch ein Thiergarten, von drei Ackern Flächenraum, in welchem man sechsunddreissig Hirsche pflegte. Ausserdem gehört zu den hiesigen Gartenanlagen ein grosses Gewächshaus, welches viele seltene exotische Pflanzen enthält.

Das Rittergut Störmthal, in Urkunden auch Stromthal genannt, wird bereits im zwölften Jahrhundert erwähnt, wo es den Rittern von Mocheley gehörte. Einer dieses Geschlechts, Bernhard von Mocheley, verkaufte das Gut um 1290 an Otto von Pflugk, dessen Familie mit der Zeit in Leipzigs Umgegend eine grosse Anzahl von Rittersitzen an sich brachte. Dam von Pflugk besass Störmthal 1383 und von ihm rührt die Verlehnung des Waldes Zaucha her. Die Urkunde darüber lautet:

Ich, Tham Pflugk, Ritter, bekenne öffentlich mit diesem Briefe und thue kund allen denen die ihn sehen oder hören lesen, dass ich mit den frommen Leuten zu Holzhausen, die das Holz, die Zuge genannt, daselbst zu Holzhausen gelegen, von mir zu rechten Erblehn dahero gehat haben allet Zwytracht und Kryge gütlich und lyblich Bericht entsetzt, und geschieden bin, also dass sie dasselbe Holz, die Zeuche genannt, bei Holzhausen gelegen, von mir, meynen Erben und Nachkommen zu einem rechten Erbe als Erb, Recht und Gewohnheit ist, haben und empfahen sollen; Und ich, obgenannter Tham Pflugk, gelobe in guten Treuen vor mich, meine Erben und Nachkommen das vorgenannte Holz den ehegenannten Leuten ihren Eheligen Wirtinnen und alle ihren Kindern und Erben, zu welcher Zeit und wy dicke Sy, dass ir etzlicher besundern, oder alle mit einander begehend synd, es seyn Mann oder Frauen, Knecht oder Jungfroven binnen Dorffs oder auswendig Dorffs wohnhaftig oder gesessen, alldyweil sich unter ihnen zu des andern Gebort und Mannschaft gereichen geschehen mag, ohn allerley Lypnis, Gabe, Wiedersprache reichen und leyen zu rechten Erbe, erblich als Erbes Recht und gewönlich ist, darinnen myn die vorgenannten Leute zu Holzhausen alle mynen Erben und Nachkommen jährlich alle mit einander nyn Schock guter Meissner Groschen, Freiberger Müntze, dy zu der Zeit gänge und gebe sind, und acht Capaunen von des obgenannten Holzes wegen uff Weinachten zu rechter Erbzins sollen reichen und geben ohne allerlei Widersprache, Verzug und Hinderniss.

Und ich, vorgenannter Tham Pflugk, gelobe in guten Treuen vor mich meyne Erben und Nachkommen den Zinss den vorgenannten Leuten zu Holzhausen, daglichen nimmermehr zu hohen, noch keinerlei Eintrag, weder mit Worten noch mit Werken machen, davon dysse Eynung und Reichung des [74] obgenannten Holzes Vormunden, oder einiger Weise gekränket möchte werden ohne allerlei Arg und Hinterlist.

Hierum so reiche obgenannter Tham Pflugk und habe gereichet zu rechten Erbe bei Namen den frommen Leuten zu Holzhausen in Acht Theilen Cunrad Schulteyssen von Pezolden eynen Theil, Henzel Pezolds einen Theil, Benedix Heynner, Jans, Henrich Omwendorfen und Henrich Schultheysen eynen Theil, Henrich, Couraden und Dietrich Vernyten, Gebrüder, eynen Theil und darnach allen Erben, binnen Dorf oder auswendigs Dorf gesessen, als vorgeschrieben steht, das Holz, die Zuche genannt, bei Holzhausen gelegen zu rechten Erben, also dass die benannten Manne sünderlichen, und darnach syne Kind und erste Erben, ob er nicht Kinder liess. Der achte Theil des Holzes sollen von mir mynen Erben und Nachkummlingen, one allerlei Bethe und Gabe erplich empfahen und haben, und das geruhlich und friedlich zu gebrauchen und besitzen mit allem Nutzen den sy immer darvon gehaben mögen. Wäre auch der vorgenannten Leute ihr Kind oder Erben oder Nachkommen y keine der nicht Leibeserben hätte, bitte er mich, meine Erben und Nachkommen, wir sollen syne Wybe solchen achten Theil vorbenannten Holzes oder also viel Acker y das hat und begehrend ist, zu rechten Erbe reichen und leyen, ohne allerlei Lybniss, Gabe und Hinderniss und es soll ihren Wirtinnen nit zu Schaden kommen, ob es nit nach des Briefes Lute gereichet noch geleyen würde, sondern sie solle nach ihrer Mann Tode dy Helfft haben und nehmen gleich andere Erbgut nach der Gewohnheit dy sy vor Alter uff dem Lande daselbst zu Holzhausen bisher gehabt haben. Wolete auch derselben Leute keynen synen Theil Holzes verkaufen, er sull es allererst den obgenannten synen Kumpan oder ihren Erben und Nachkummen synen Theil nit kaufen, so mag er es eynen lassen der ihme behaglich sy und gefugsam im Dorfe gesessen, und dem oder dy es kaufen, soll ich, obgenanntter Tham Pflugk, meyne Erben und Nachkommen, geloben den Theil Holzes erblich zu reichen, myt aller Freiheit und Nutzen als obgeschrieben steht; Wäre auch der obgenannten Leute kyn usswendig Dorfs wohnhaftig oder gesessen, an dem oder dy das obgenannten Holzes einer Theils von Recht elricher Gebört wäre kummen und geerbet, der oder dy sullen auch den Theil eyne der sogenannten synen Kompan oder ihren Erben noch Nachkommen byten, ob Sy es zu Kauffe geren und verkaufen, so sull er es auch oder sullen eynen lassen und verkaufen inwendig Dorfs gesessen, der en behaglich ist, und ume allsulche Pfennige geben als gewöhnlich, möglich und Kaufes werth ist. Wäre auch, dass ich meyne Erben und Nachkummen, die Rechnung des obgenannten Holzes sulten oder wolten lassen, so sullten wir sy lassen einem Manne der den oft genannten Leuten eben kume und den sy gerne zu einem Erbherrn nehmen, also dass sie keinerlei Lypnis noch Gabe yme dy Aenderung der Bryfe und des Holzes Lehn und Reichung dürfte geben ohne allerlei Argelist Wy dysen Tedungen und Schickung seynt gewest und seynt auch Gezeugen die Gestrengen Thame von Haldecke, Ortel von Zemyn, Friedrich Dobenz und die Vorsichtigen Weisen Lipmann ut der Münze, Nikol Selmitz und Nitze Marschalg Bürger zu Lipzgk und darzu Biderbe Leute genug, würdig als alle vorgeschriebene Tedingsartikul, Gelöbde und Reichung von mir obgenannten Tham Pflugk, Ritter, meynen Erben und Nachkommen stete, ganz und unversiert solten werdig gehalten; dass habe ich oftgenannter Tham Pflugk meyn Insiegel vor mich meyn Erben und Nachkummen zu Urkund und ware Sicherheit mit gutem Wissen an diesen Bryff lassen hengen. Geben nach Christi Gebort dreizehnhundert Jahr darnach in dem dreiundachtzigsten Jahre am Sanct Catharinenabend der heiligen Jungvroven.

Dieser Dam von Pflugk war der zweite Sohn Nikol Pflugks auf Frauenhayn und Hofrath des Markgrafen Wilhelm zu Meissen, wohnte aber nicht auf dem Schlosse zu Störmthal, sondern in Zöbigker. Nach seinem um 1420 erfolgtem Tode bekam das Gut Sigismund Pflugk, ein tapferer Kriegsmann, der sich in dem Hussitenkrige und namentlich in der Schlacht bei Brix sehr auszeichnete, indem er die feindliche Wagenburg erstürmte. Von den sieben Kindern, welche ihm seine Gemahlin (Agnes von Erdmannsdorf aus dem Hause Städteln) gebar, erhielt Nikol Pflugk bei der Erbtheilung Knauthain, Zöbigker, Eythra und Störmthal, brachte aber später noch mehrere andere Güter an sich. Dieser Nikol Pflugk war ebenfalls ein tüchtiger Krieger und wurde wegen seiner ritterlichen Thaten in dem Hussitenkriege vom Churfürsten Friedrich von Sachsen eigenhändig zum Ritter geschlagen, hatte aber 1449 das Unglück von den Böhmen in dem Gefecht bei Pöppeln nebst Kunzen von Kaufungen gefangen zu werden, doch löste ihn der Churfürst mit 4000 Gülden wieder aus. Im Jahre 1467 wurde Nikol Pflugk vom Churfürsten zum Amtmann in Leipzig, Borna, Pegau und Groitzsch ernannt. Seine Gemahlin, Anna von Schleinitz aus Ragewitz, beschenkte ihn mit zwölf Kindern, von denen Andreas Knauthain, Störmthal und Sonnenwalde erbte. Dieser Herr stand in hohem Ansehen bei dem Churfürsten Johann dem Beständigen und ebenso bei dem Herzog Georg, die ihn mit mancherlei wichtigen und schwierigen Sendungen beauftragten, und namentlich seine Klugheit und Umsicht bei den damaligen Religionsstreitigkeiten in Anspruch nahmen. Er kaufte von Paul von Breitenbach 1511 das Städtchen Liebertwolkwitz, veräußerte es jedoch 1531 mit Erlaubniss des Bischofs von Merseburg wieder an den Doctor Lindemann und starb kurz nach seiner Gemahlin, Elisabeth von Minkwitz aus Sonnenwalde, auf dem Schlosse zu Knauthain, wo er vor dem Altar der Dorfkirche beerdigt wurde. Von Andreas Pflugks vier Söhnen erbte Knauthain und Störmthal der jüngste, Hans Pflugk, vermählt mit Magdalenen von Schönfeld aus Wachau, dessen Sohn, Hans Pflugk, in französische Kriegsdienste ging und 1577 daselbst an einer Lagerkrankheit starb, der andere Sohn, Dam Pflugk, der zwei Monate nach des Vaters Tode (1552) geboren war, vermählte sich 1579 mit Catharinen von Schönberg aus Stollberg, aus welcher Ehe nur eine Tochter, Magdalene, hervorging, die am 12. Juni 1595 Andreas Pflugk auf Eythra zum Gemahl erhielt, aber schon nach zwei Jahren starb. Störmthal befand sich bereits seit 1588 im Besitze Friedrichs von Schönberg, des Schwagers Dam Pflugks, doch verkaufte es derselbe schon 1594 an Moritz von Starschedel auf Markkleeberg, in dessen Besitze das Gut nur bis 1596 blieb.

Im Jahre 1612 gehörte Störmthal Martin Schumarz, der es noch vor dem dreissigjährigen Kriege an einen Herrn von Krückelmann verkaufte, von diesem aber kam das Gut bald an Gotthard Plätzer und nach dessen Tode an seine Söhne. Der folgende Besitzer von 1668 an war der Accisrath Philipp Jünger in Leipzig, von dem Störmthal 1675 an Statz Friedrich von Fullen, königlich Polnischen und churfürstlich Sächsischen Kriegsrath und Oberhofgerichtsassessor zu Leipzig gelangte, von dem es 1703 sein Sohn der Kammerherr, [75] Oberhofrichter und Obersteuereinnehmer Statz Hilmar von Fullen erbte und 1751 starb; seine Tochter und Erbin aber, Erdmuthe Dorothea Magdalene, vermählte sich das erste Mal mit dem Kammerherrn und Oberschenken Grafen Heinrich Rudolf von Schönfeld († 1751), das zweite Mal mit dem Generalleutnant der Cavallerie und Gouverneur der Stadt Leipzig Johann Friedrich Grafen von Vitzthum-Eckstädt († 1786). Die Gräfin starb 1787 und Störmthal wurde Eigenthum des Grafen Johann Hilmar Adolf von Schönfeld, ihres Sohnes erster Ehe, churfürstl. Sächsischen Ministers am Oesterreichischen Hofe, Kammerherrn, Obersteuereinnehmers und Geheimerathes, der 1820 mit Tode abging. Ludwig Moritz Adolf Graf von Schönfeld, des Vorigen Sohn, verkaufte das Rittergut im Jahre 1824 an den jetzigen Besitzer Herrn Rudolf Friedrich Theodor von Watzdorf, königl. Sächsischen Kammerherrn.

Das Rittergut Störmthal hatte bis zum Jahre 1677 über die Dörfer Dreysskau, Kleinpetzschau, Dahlitzsch, Gölzschen, Rödchen und das, lange zu Störmthal gehörige, Städtchen Liebertwolkwitz die Untergerichte, in diesem Jahre aber wurde ihm die völlige Gerichtsbarkeit überwiesen, welche hinsichtlich letzteren Ortes 1842 an den Staat abgetreten ist.

Das Dorf Störmthal besteht ausser der Pfarre und Schule aus achtundzwanzig Gütern, vier Gemeindehäusern mit Nachbarrecht und fünf Häusern ohne solches, ferner aus neunundzwanzig herrschaftlichen Häusern, welche Erbzins an das Rittergut entrichten müssen, und einer Windmühle. Die Einwohnerzahl beträgt etwas mehr als vierhundert Köpfe. – Der Ort hat mannigfache Schicksale erlitten. In dem Kriege Friedrichs des Gebissenen mit dem Kaiser Adolf und im Hussitenkriege wurde die Gegend von Wolkwitz durch Streifzüge hart mitgenommen und mehrere Dorfschaften in Brand gesteckt. Bei der Belagerung Leipzigs durch Johann Friedrich den Grossmüthigen (1547) stand die Hauptfahne der churfürstlichen Reiterei in Störmthal und während des dreissigjährigen Krieges erlitt der Ort die heftigsten Drangsale durch kaiserliche und schwedische Truppen, so dass die Besitzer des Rittergutes, die Plätzer, oftmals durch Flucht ihr Leben retten mussten. Der nordische Krieg brachte neues Unheil, denn während König Carls XII. Aufenthalte in Altranstädt quartirte sich Major Piper mit einem zahlreichen Gefolge auf dem Schlosse Störmthal ein und erzwang von den Einwohnern Geld, Fourage und Vieh, zog aber nach einigen Wochen wieder ab. Der siebenjährige Krieg und der Baierische Erbfolgekrieg brachten häufig feindliche Einquartirungen hierher, am meisten gefährdet aber war Störmthal im Jahre 1813, wo schon zu Ostern Russische Truppen unter dem Befehle des Obersten von Wittgenstein einrückten; im October aber nahm hier Französische Infanterie Quartier. Am 16. October, wo die Schlacht zwischen Wachau, Liebertwolkwitz und Güldengossa engagirt wurde, marschirten Russen und Preussen ein und rückten von hier in die Schlachtlinie. Von dieser Zeit an war der Ort unaufhörlich mit Truppen angefüllt, die Alles ausplünderten, Leute misshandelten und sich überhaupt mit soldatischer Ungenirtheit betrugen. Vom 16. bis zum 18. October fand der grösste Theil der Störmthaler einen Zufluchtsort im Pfarrhause, vor welchem eine Russische Salvegarde stand, als diese aber abgezogen war wurde auch hier Alles ausgeplündert, die Kirche beraubt und aus dem auf dem Rittergute verwahrten Gotteskasten eine Summe von mehreren Tausend Thalern mitgenommen.

Die Kirche zu Störmthal ist ein altes Gebäude, das durch spätere häufige Reparaturen seine jetzige Gestalt erhielt. Der Baustyl nähert sich dem Spitzbogenstyl, gothische Fenster, Strebepfeiler, hohes Satteldach und ein achteckiger Thurm. Das Innere der Kirche ist freundlich und enthält eine Orgel von Silbermanns Schüler, Hildebrand, die Sebastian Bach 1723 übernahm, eine reichverzierte Kanzel, ein Erbbegräbniss der Rittergutsbesitzer und das Portrait Hans Friedrichs von Fullen in einem schöngeschnitzten Rahmen.

Bis 1690 war die Kirche zu Störmthal Filial von Magdeborn, in welchem Jahre auf Anordnung Churfürst Johann Georgs III. Störmthal in Folge eines Ansuchens des Kriegsraths Statz Friedrich von Fullen von dem Pfarrlehn Magdeborn getrennt, und zwei andere Filiale desselben Dreysskau und Kleinpetzschau mit Dahlitzsch mit der Kirche zu Störmthal, als Mutterkirche vereinigt wurden. – Dreysskau liegt dreiviertel Stunden von Störmthal, besteht aus sechsundzwanzig Gütern und zwölf Häusern und zählt zweihundert Einwohner. Die Kirche ist 1740 neu erbaut und besitzt ein ziemliches Vermögen. Kleinpetzschau mit Dahlitzsch liegen eine Stunde südöstlich von Störmthal und bilden eine Gemeinde. Kleinpetzschau, nur durch den Göselbach von Dahlitzsch getrennt, zählt zwölf Güter und zwei Häuser mit hundert Einwohnern; Dahlitzsch hingegen vierzehn Güter, zwölf Häuser und hundertfunfzig Einwohner. Die Kirche ist uralt, hat keinen eigentlichen Thurm, sondern nur ein erhöhtes Glockenhaus, und beträchtliches Vermögen. Sehenswerth ist der hier befindliche alte Flügelaltar mit trefflichen Holzschnitzereien und einem guten Oelgemälde.

Noch gehört zu Störmthal das Städtchen Liebertwolkwitz, welches in einen Rügenbuche von 1588 Liebwolkwitz genannt wird und früher blos Wolkwitz hies. Die Sage erzählt als Churfürst Johann Friedrich 1547 bei der Belagerung Leipzigs auf dem Thonberge bei Leipzig sein Mittagsmahl verzehrt, sei eine feindliche Kugel auf die Tafel gefallen, worauf der Churfürst ausgerufen: „Hier ist übel Essen wir wollen lieber nach Wolkwitz“ wohin er auch sein Hauptquartier verlegt habe. Liebertwolkwitz theilt sich in die grosse und kleine Gemeinde und die herrschaftlichen Häuser und zählt über vierzehnhundert Einwohner. Der Umstand, dass Liebertwolkwitz seit zweihundert Jahren mit Störmthal verbunden war, trägt Schuld, dass das hiesige Rittergut schon viele Jahre lang unbewohnt ist und kein herrschaftliches Ansehn hat, doch wurde es historisch merkwürdig dadurch, dass 1706 der kaiserlich Oestereichische Minister Graf Wratislav die mit Carl XII. zu Altranstädt abgeschlossenen Traktaten, nach welchen der Kaiser den Schlesischen Protestanten freie Religionsübung gestattete, auf hiesigem Rittergut unterzeichnete, auch König Carl XII. bei seinem (1707) erfolgten Abmarsche zwei Tage lang (1 und 2 September) hier sein Hauptquartier aufschlug. Im Jahre 1431 wurde Wolkwitz von den Husitten durch Mord und Brand dergestalt verheert, dass der damalige Besitzer desselben, Götz von Ende, seinen armen Bürgern zur Unterstützung das Bischofsholz schenkte, und 1637 beschossen die Schweden das Städtlein vom nahen Kolmberge aus; 1813 aber begann hier die grosse Völkerschlacht bei Leipzig. Am 14. October schon erfuhr Liebertwolkwitz ein schweres Unglück, indem bei einer Recognition der Französischen [76] Streitkräfte ein bedeutendes Avantgardengefecht der Generale Wittgenstein und Klenau gegen die hier befindlichen Truppen des Königs von Neapel stattfand, wobei Liebertwolkwitz dreimal erstürmt geplündert und zum dritten Theile zerstört wurde.

Was die ältesten Besitzer des Städtchens anbetrifft, so waren solche im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert die Herren von Ende, von denen Götz von Ende schon erwähnt wurde. Um das Jahr 1480 kam Liebertwolkwitz an die Herren von Breitenbach, 1511 an Andreas Pflugk und 1531 an Doctor Lindemann, von diesem aber an die Familie Lenz, von der es der Kriegsrath Statz Friedrich von Fullen erwarb. Seit dieser Zeit blieb Liebertwolkwitz mit Störmthal verbunden bis auf die neueste Zeit.

Die Kirche zu Liebertwolkwitz wurde bei dem hier 1572 stattgefundenen grossen Brande eingeäschert und bald darauf wieder neu erbaut, erfuhr aber 1783 und 1815 bedeutende Reparaturen. Sie zeichnet sich durch Geräumigkeit und geschmackvollen Styl aus, besitzt aber weder Alterthümer noch sonstige Merkwürdigkeiten, wohl aber vier Legate zu Gunsten des Pfarrers und der Schule, und ein Vermögen von beinahe zwölftausend Thalern. Zur Parochie Liebertwolkwitz gehört als Filial das eine halbe Stunde entfernte Dorf Grosspösna. Die Collatur über Kirchen und Schulen der Parochieen Störmthal und Liebertwolkwitz stehen dem Herrn Besitzer Störmthals zu, die Schulstelle zu Grosspösna aber vergiebt der Besitzer des dortigen Rittergutes. – Im Bezug auf die Schulverhältnisse Störmthals ist noch zu erwähnen, dass ausser der von etwa hundert Kindern besuchten Ortsschule sich hier auch eine von dem Gerichtsherrn, Herrn Kammerherrn von Watzdorf und dessen Frau Gemahlin, einer geborenen Gräfin von Schulenburg, gegründete und erhaltene Kinderbewahranstalt befindet, deren segensreiche Wirksamkeit von jedem Störmthaler dankbar anerkannt wird.

O. Moser.     




Hof.


Hof, in Urkunden auch Howe, Hoeff und zum Hof genannt, ist trotz seines scheinbar deutschen Namens von den Sorben gegründet worden und hiess bei ihnen Ova und Uva, welches Wort einen seichten Ort zwischen höheren Umgebungen bedeutet, wie denn Urkunden von 1250 und noch von 1547 das Dorf „Howe“ nennen. Dasselbe besteht mit Inbegriff des Rittergutes und der geistlichen Gebäude aus fünfundsiebzig Hausnummern, worunter sieben Bauergüter, vier Halbhufengüter, elf Viertel- und zwei Achtelhufengüter, eine Schenke, dreiundzwanzig Häuser und eine von dem Jahnabache getriebene Mühle. Die Einwohnerschaft zählt über sechshundert Köpfe. Hof liegt zwei Stunden südöstlich von Oschatz am Fusse der Casabrischen und Hohenwussener Anhöhen.

Das Rittergut Hof hat massive, in neuerer Zeit errichtete, Wirthschaftsgebäude und ein schönes, modernes mit Thürmen geziertes Schloss, dessen Pferdestall vormals die Capelle war. Auch das alte Schloss ist noch vorhanden und dient jetzt als Gärtnerwohnung und Vorrathsgebäude, aber in seinem Innern ist noch manche Spur vorhanden, dass es vor Jahrhunderten der Wohnsitz stolzer Edelherren und Schauplatz ritterlicher Feste war. Das alte Schloss beherbergte einst den römischdeutschen Kaiser Karl V., als er auf seinem Heereszuge gegen den Churfürsten Johann Friedrich von Sachsen am 22. April 1547 mit seinen Truppen hier Rasttag hielt. Das an und für sich bedeutende Rittergut Hof gewinnt an Wichtigkeit durch seine Verbindung mit dem nahen Raitzen, welches vormals selbst ein Rittergut war, jetzt aber nur als Vorwerk gilt. In Raitzen befindet sich die berühmte, oder vielmehr berüchtigte, ungeheure Scheune mit vier Tennen und Schüttböden, die bereits seit länger als sechshundert Jahren bekannt ist, denn schon 1214 wurde sie reparirt, ebenso 1414, 1517, 1697 und 1819. Die Sage lässt diese Scheune, unbedingt die grösste Sachsens, vom Teufel erbaut sein, und ein Loch in dem Giebel darf nicht vermauert werden, ohne dass ein grausiger Spuk darin stattfindet. –

Der älteste Besitzer Hofs, dessen Namen auf unsere Zeiten gekommen, ist Dudo de Domo, der in einer Urkunde vom Jahre 1212 erwähnt wird. Später gehörte das Gut dem Ritter Heinrich von Jhana, welcher 1362 dem Jungfrauenkloster zu Mühlberg einiges Geld und Getraide schenkte, und ihm auch zwei Hufen Landes im Dorfe Adelwitz überliess, worüber Markgraf Friedrich Lehn und Bestätigung gab. Derselbe Ritter von Jhana und sein Sohn Heinrich schenkten 1360 eine Mark neun Scheffel Hafer, Oschatzer Maas, jährlichen Zins von einer Hufe Acker im Dorfe Hof, wozu zwei Hofstätten gehörten, dem Altar des heiligen Märtyrers Pankratius und der elftausend [77] Jungfrauen. Diesen Zins eigneten die Burggrafen zu Meissen Meinhold IV. und Berthold am Sonnabende vor Mitfasten des genannten Jahres zu. Später gehörte das ganze Dorf dem Jungfrauenkloster zu Mühlberg, denn dessen Aebtissin belehnte mit Hof und Cavertitz am 13. Juli 1463 den Ritter Heinrich von Miltitz. Der nächste Besitzer Hugold von Schleinitz auf Schleinitz, starb 1534 und hinterliess das Gut seinem Sohne Simon Juda von Schleinitz, welcher mit Barbara von Rauchhaupt vermählt war und noch 1558 lebte. Christoph von Schleinitz besass Hof 1560. Abraham von Schleinitz, Simon Judas Sohn, ist in der Pfarrmatrikel von 1575 als Gutsherr genannt; ihm gehörte auch Dahlen. Dietrich von Schleinitz auf Bornitz und Jahnshausen war 1586 Eigenthümer von Hof und vermählt mit Catharine von Starschedel aus Mutzschen. Als dem Churfürsten Johann Georg I. am 20. April 1640 zu Oschatz gehuldigt wurde, war Dietrich von Schleinitz als Commissarius dort, starb aber noch in demselben Jahre am 12. December; seine Gemahlin verewigte schon 1595 auf dem Schlosse Mückenberg und wurde in der Kirche zu Hof beerdigt, wo auch ihr Gatte seine Ruhestätte fand. Dietrich von Schleinitz auf Bornitz und Jahnishausen lebte hier 1632 und Hans von Schleinitz auf Ochsensaal 1637. Letzterer starb 1660 und hinterliess eine Wittwe, Martha geborene Pflugk aus Gersdorf, die 1664 in der Sophienkirche zu Dresden beerdigt wurde. Der nächste Besitzer von Hof war Johann Georg Freiherr von Rechenberg Chursächsischer Oberhofmarschall, Geheimerath, Oberkämmerer, Oberstallmeister und Herr auf Herrmannsdorf, Reichenau, Eythra, Mausitz, Nehemitz, Radeburg, Zschochau, Tristewitz, Buchwalde, Drossdorf, Grünberg, Cracau und Schmiedeberg, ein weitgereister und sehr gewandter Cavalier, der am kaiserlichen und Brandenburgischen Hofe einigemale als Gesandter fungirte und von Kaiser Ferdinand III. aus eigenem Antriebe die Bestätigung der von seinen Vorfahren behaupteten Freiherrnwürde erhielt. Das erste Mal war er vermählt mit Perpetua Juliane von Carlowitz aus Kriebstein, die 1645 zu Dresden starb, das zweite Mal mit Magdalenen Sophien von Taube aus Neukirchen, gestorben 1655 auf dem Solmsischen Schlosse Sonnenwalde, und endlich mit Rahel von Werthern aus Beichlingen. Der Freiherr von Rechenberg starb 1663 zu Dresden und liegt in der Kreuzkirche begraben, sein Sohn aber aus dritter Ehe, Johann Georg von Rechenberg, verkaufte Hof im Jahre 1689 an Otto Christoph Freiherrn Teufel von Gunnersdorf, einen Oesterreichischen Protestanten, der aus Religionsgründen seine beiden Herrschaften Gunnersdorf und Wegedorf um geringen Preis verkaufte, sich nach Sachsen wendete und 1690 zu Dresden als der Letzte seines Geschlechts mit Tode abging. Seine Gemahlin war die Gräfin Polixena Elisabeth von Volkrain.

Die Tochter des Freiherrn Teufel heirathete zu Pressburg den Grafen Georg Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, königlich Polnischen und churfürstlich Sächsischen Geheimrath, vormaligen Gesandten zu Wien und Berlin und starb zu Dresden am 27. Februar, worauf ihr Gemahl eine zweite Ehe mit Justine von Gersdorf aus Baruth schloss, die ihm einen Sohn, den Erbauer von Herrnhuth und Gründer der dortigen Brüdergemeinde, Nikolaus, gebar. Nach seinem 1700 erfolgten Tode heirathete die Wittwe den Preussischen Generalfeldmarschall Gneomar von Natzmer, wurde 1739 abermals Wittwe und starb zu Berlin 1763. Nach des Vaters Tode kam Hof an des Grafen Georg Ludwig von Zinzendorf einzigen Sohn erster Ehe, Friedrich Christian, der 1757 als Geheimrath, Kammerherr und Senior der Familie starb. Seine erste Gemahlin war Juliane Amalie Gräfin von Polheim († 1727), die zweite Christiane Sophie Gräfin von Callenberg. Der zweite Sohn erster Ehe, Max Erasmus Graf von Zinzendorf und Pottendorf, erbte Hof 1757 und besass es noch 1775, bald aber gelangte das Gut an den Magister Curt Friedrich von Schönberg auf Oberschöna und Linda, des Kammerherrn und Oberberghauptmanns Curt Alexanders von Schönberg einzigen Sohn, für den die Mutter, eine geborene Freiin Nehme, während seiner Minderjährigkeit Hof erstand, als es eben wegen Concurses öffentlich angeschlagen war. Dem Herrn von Schönberg gehörte Hof noch 1782; er starb unvermählt. Der nächste Besitzer, Isaak Wolfgang Graf von Riesch, besass das Gut 1783 und verkaufte es für 102500 Thaler dem Geheimrath Johann Heinrich Grafen von Rüdiger, der 1797 in Leipzig starb und in der Kirche zu Hof beerdigt ist. Das Gut fiel nunmehr an seine drei Neffen und Testamentserben, die Grafen Carl Heinrich, Johann David und Friedrich Wilhelm von Rüdiger, von denen Johann David 1803 zu Hof starb und seinen Gutsantheil dem jüngeren Bruder vermachte; 1806 übernahm der ältere Bruder das Gut für 315000 Thaler. Nach dessen Tode kaufte es die Wittwe Wacker auf Gröba und von ihr kam es 1828 auf ihren zweiten Gemahl, den Rittmeister Adam Theodor Rüssing, der vor kurzer Zeit erst gestorben ist. Zur Zeit ist Besitzer von Hof und Raitzen dessen Schwiegersohn Herr von Thielau-Rüssing.

Die Kirche zu Hof war zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts sehr baufällig und der damalige Rittergutsbesitzer Freiherr Teufel von Gunnersdorf hatte bereits den Entschluss gefasst, einen Neubau derselben vorzunehmen, als er durch den Tod daran verhindert wurde. „Weilen aber, sagt eine alte Nachricht, Ihro Hochgräfliche Excellenz und Gnaden Herr Georg Ludwig des heil. Römischen Reichs Graf Zinzendorf und Pottendorf, Herr der Herrschaften Freydegg, Schönegg, Türnstein und des Thales Wonhau in Oestreich ob der Enss und Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Sachsen wirklicher Geheimerath, jetzo an Sr. allergnädigsten Kaiserl. Majestät Leopold des Grossen Hofe, hochansehnlicher königl. Pohlnischer und churfürstl. Sächsischer Abgesandte nebst Dero damals auch unmündigem leiblichem Herrn Bruder Herrn Christian Otto gebornen Reichsgrafen von Zinzendorf und Pottendorf und zwar in Dero noch beiderseits zarter Jugend umb in der reinen Evangelischen Lehre erzogen zu werden das flebile emigrandi beneficium mit Verlassung deren unterschiedenen Herrschaften nicht sonder grosse Gefahr ergriffen und sich gleichergestalt in hiesige churfürstl. Lande reteriren müssen, so haben Sie nebst Ihrer in gleichem Glück damals begriffenen Frau Gemahlin Maria Elisabeth nach Dero beiderseits Gottes Wort begierigen heil. Seelen Erquickung und da ihr Fuss in diesen evangelischen Landen Ruhe gefunden sich wohlbedächtig mit einander dahin entschlossen dem Allerhöchsten zu Ehren vor gethane heilige wunderliche Führung und Versorgung das Gotteshaus zu Hoff mit ziemlichen und ungesparten Kosten von Grund ganz neu aufzubauen.“

Im September 1691 begann man die alte Kirche abzubrechen und im October 1697 wurde die schöne neue Kirche eingeweiht. Dieselbe ist ein Werk des Dresdener Maurermeisters Fuchs und zeichnet sich durch Geräumigkeit, innere Ausschmückung und einen stattlichen achtundachtzig Ellen hohen Thurm aus, hat aber keine Emporen. Der Altar wurde aus der alten Kirche [78] genommen und ist ein Geschenk Dietrichs von Schleinitz, mit mehreren guten, auf Kupferplatten gemalten Bildern, und verschiedenen trefflichen Alabasterarbeiten geschmückt. – In der Kirche hat man verschiedene alte Denkmale aufbewahrt, so sind hier die Leichensteine Dietrichs von Schleinitz und seiner Gemahlin zu sehen, wie auch der eines 1544 verstorbenen Ritters Asmus von Hawicz, dessen knieendes Bild einen Strick um den Hals trägt. Die meisten Besitzer des Rittergutes ruhen in einer unter der herrschaftlichen Kapelle erbauten Gruft, doch musste aus Mangel an Platz der 1803 verstorbene Graf Rüdiger auf dem Kirchhofe beerdigt werden. – Eingepfarrt ist das Dorf Nasenberg (in Urkunden auch Nassenberg und Nassbrig) mit zwei Bauergütern, zwei Halbhufengütern, vier Viertelhufengütern, vier Häusern und einer herrschaftlichen Schäferei mit siebzig Einwohnern.

Otto Moser.     




Müglenz.


Das von Wurzen eine und eine halbe Stunde nordöstlich entlegene Dorf Müglenz ist slavischen Ursprungs, und bedeutet einen Ort, der neben einem Hügel erbaut wurde. Es liegt in Mitten der Dörfer Zschorna, Kühnitzsch, Falkenhain, Dornreichenbach, Thammenhain und Hoburg, deren Glockengeläute bei ruhiger Luft hier deutlich vernommen werden kann, und zählt in funfzehn Gütern, einer Wassermühle am Flüsschen Lossa und zwölf Häusern etwa zweihundertdreissig Einwohner, die sich fast durchgängig mit Feldwirthschaft beschäftigen.

Ein bedeutender Historiker Sachsens hält zwar das in einer Urkunde vom Jahre 1114 vorkommende Dorf Mistinitz für unser Müglenz, es ist jedoch wahrscheinlicher damit das ebenfalls bei Wurzen gelegene Dorf Nischwitz gemeint. Erst in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts klärt sich das Dunkel, welches über der frühesten Vergangenheit Müglenzs ruht, denn dieses wird als einer derjenigen Orte genannt, welche die Hussiten heimsuchten und niederbrannten. Das nahe Dörfchen Naundorf erfuhr ein gleiches Schicksal, wurde aber nicht wieder aufgebaut, sondern seine Fluren dem Rittergute Müglenz einverleibt. Im Walde, nahe beim sogenannten Schwemmteiche, ist noch jetzt ein ausgemauerter Brunnen vorhanden, welcher zu dem verschwundenen Dorfe gehörte. –

Das Rittergut Müglenz stand vor Zeiten nicht auf seiner jetzigen Stelle, sondern ganz nahe der Kirche. Bis zum Jahre 1808 war hier ein wüster von versumpften Gräben umschlossener Platz vorhanden, auf welchem vormals die alte Burg Müglenz sich erhob. Um die Wallgräben und die mit Haselgesträuch und Weiden überwucherte Burgstätte mit dem umliegenden Terrain in gleiches Niveau zu bringen, nahm man eine Abgrabung der Bodenfläche vor, und stiess dabei auf ein von Ziegeln erbautes festes Gewölbe. Als dasselbe geöffnet wurde, fand man darin einen Heerd, auf welchem ein Feuerzeug und ein goldener Ring lagen; in einem nahen kleinen Ofen aber zeigte sich Asche und auf dem Fussboden ein Klumpen Pech, dessen Form verrieth, dass er einstmals den Inhalt eines Fässchens gebildet hatte. Der goldene Ring, welcher noch kürzlich auf dem Rittergute aufbewahrt wurde, enthielt weder einen Namen noch eine Jahreszahl, nach aller Wahrscheinlichkeit aber gehörte er vormals einem Unglücklichen, der hier vor den wüthenden Hussiten Schutz suchte. Das alte Gewölbe mochte wohl ein Ueberbleibsel derselben Burg sein, welche hier vor beinahe tausend Jahren erbaut wurde, und deren Lage für die Zeit, wo man keine Artillerie kannte, ziemlich sicher war, denn noch sind Spuren vorhanden, dass die nahe vorbeifliessende Lossa und ein anderes Gewässer dazu dienten die Umgebung des bedrohten Schlosses unter Wasser zu setzen.

Die stattlichen und freundlichen Gebäude des Rittergutes Müglenz sind an dem Fusse eines Bergrückens errichtet und tragen ein Thürmchen mit einer Schlaguhr. Die trefflichen Torflager, welche auf dem Rittergutsgebiete gefunden werden, hat man bis jetzt nicht sonderlich benutzt. Das Patronat über Pfarre und Schule üben die Gutsherren aus, von denen urkundlich zuerst Ritter Dietrich von Korbitz, und zwar im Jahre 1472 genannt wird. Hans von Korbitz, wahrscheinlich des Vorigen Sohn, besass Müglenz 1503, Rumfeld von Staupitz aber wird 1519 als Herr des Schlosses aufgeführt und liegt in der Kirche zu Müglenz begraben. Die Herren von Staupitz blieben Eigenthümer des Rittergutes bis 1589 wo dasselbe an die Wittwe von Kötteritz gelangte, von der es 1591 Hermann von Heynitz auf Podelwitz erwarb. Im [79] Jahre 1599 kaufte es von diesem für 11600 Gülden der Rath zu Wurzen, während dessen Herrschaft die Kirche umgebaut, und zwei Stipendia (zu 50 Gülden auf drei Jahre) für Studenten aus Müglenz, Watschwitz und Wurzen gestiftet wurden. Nach dem dreissigjährigen Kriege (1651) verkaufte der Rath das Rittergut mit Zubehör an den Meissner Dechanten Dr. Heinrici zu Leipzig, bei dessen Familie es blieb bis 1684, in welchem Jahre es an die Findekeller, und 1691 von diesen an den Stiftsrath Hans Haubold von Kötteritz gelangte. Nach dessen Tode besass das Gut 1703 der Geheimrath Christoph Heinrich von Schleinitz auf Grödel, 1706 aber erwarb es der Kammerjunker Freiherr Heinrich von Bünau, dessen Familie Müglenz bis 1798 besass, wo es an den Rathsbaumeister Johann Christoph Kreller zu Leipzig kam. Derselbe starb 1812 und hinterliess das Gut seiner Wittwe, Frau Henriette Friederike Kreller geborne Müller aus Wiederoda, der Herr C. F. Müller, der jetzige Besitzer, folgte.

Die alte Kirche zu Müglenz stand bis zum Jahre 1765, wo am 3. August ein Blitzstrahl dieselbe fast gänzlich zerstörte. Da das Gotteshaus ein ziemliches Vermögen besass, konnte man bald zu dessen Wiederaufbau schreiten, und im Jahre 1772 wurde die schöne neue Kirche eingeweiht. Dieselbe ist ein geräumiges, helles mit massivem Gewölbe und hohem Thurme geziertes Gebäude, enthält eine herrschaftliche Empore, ein sehr harmonisches Geläute, und eine von Flemmig gebaute Orgel. Der herrschaftlichen Kapelle gegenüber befinden sich an einem Pfeiler drei Brustbilder, von denen eines den verstorbenen Baumeister Kreller, das andere den Major Freiherr von Bünau darstellt, welches letztere ringsum allerlei kriegerische Embleme und eine Tafel mit dem Geschlechtsregister der Familie Bünau enthält, worauf deren Ursprung bis in das zwölfte Jahrhundert, (auf Rudolf Günther Heinrich von Bünau) zurückgeführt ist. Das dritte Bild zeigt den Stiftsrath von Kötteritz. Neben der herrschaftlichen Kapelle steht ein doppelter Grabstein, als Denkmal eines 1711 verstorbenen Herrn von Bünau und seiner Gemahlin Rahel, einem gebornen Fräulein von Werthern, welche 1729 mit Tode abging. Die älteren Grabsteine sind beim Neubau der Kirche vermauert worden.

Die Kirche zu Müglenz besitzt mehrere Legate. Das älteste gründete die Gattin des Dechanten Heinrici im Jahre 1682; es besteht aus einem Kapital von 437 Thalern, dessen Zinsen zum Theil an Wittwen und Waisen hiesiger Pfarrer oder in deren Ermangelung an einen aus Wurzen gebürtigen Studenten der Theologie verabreicht werden, zum Theil aber der Kirche anheimfallen. Das zweite Legat ist eine Stiftung der Freifrau Rahel von Bünau. Sie übergab der Kirche zu Müglenz 200 Thaler, mit der Bestimmung von den Zinsen das Schulgeld mittelloser Kinder zu bestreiten und Hausarme zu unterstützen. Der Schullehrer Adam Geissler gründete das dritte Legat von 525 Thalern. Er starb 1727 ohne Weib und Kind oder sonstige Verwandte, und vertheilte sein Vermögen zu frommen Zwecken, so dass nicht nur in Müglenz, sondern auch in Falkenhain, Hoburg, Zschorna und Wurzen des edlen Mannes Gedächtniss für immer gesichert ist. Ein Legat von 600 Thalern, welches von Heinrich von Bünau herrührt, ist zu Gunsten des Pfarrers, des Schullehrers, der Ortsarmen und des Aerars bestimmt (1798); das letzte Legat aber, 500 Thaler stark, unterstützt die Pfarrerswittwen, Pfarrer, Schullehrer und Drescherfamilien und wurde 1812 vom Baumeister Kreller gestiftet.

Die Pfarrwohnung zu Müglenz ist im Jahre 1705 erbaut worden, hat aber 1831 einen bedeutenden Anbau erhalten und späterhin durch Reparaturen ein stattliches Ansehen erlangt, auch zeichnet sie sich gleich der Schulwohnung durch Geräumigkeit aus. Eingepfarrt nach Müglenz ist das kaum zehn Minuten entfernte Dörfchen Watzschwitz, mit zehn Gütern, acht Häusern und etwa hundert Einwohnern; die Schickenmühle aber, obgleich sie zur Gemeinde Watzschwitz gehört, und Müglenz näher liegt als Hoburg, ist merkwürdigerweise in die Kirche zu Hoburg eingepfarrt. Watzschwitz steht in Unterthanenverhältniss zum Rittergute Kühnitzsch, und das hier befindliche, zu Kühnitzsch gehörige Vorwerk soll vormals selbst ein Rittergut gewesen sein.

O. M.     




Audigast.


Wenn irgend ein ländlicher Wohnsitz geeignet ist, das Leben auf dem Lande angenehm zu machen, so ist diess gewiss auf dem Rittergute Audigast der Fall, wie sich aus der folgenden Beschreibung desselben deutlich ergeben wird.

Audigast liegt im Amtsbezirke Pegau, unmittelbar an der sogenannten Coburger Chaussee, welche von Leipzig über Zwenkau, Pegau, Zeitz nach Gera führt; 4 Stunden von Leipzig, und ½ Stunde von Pegau entfernt. Ausserdem führt ein gut erhaltener Communicationsweg auf den 2 Stunden entfernten Bahnhof Kieritzsch zur Sächs. Baiers. Staatseisenbahn und eine förmliche Strasse über Groitzsch und Lucca nach Altenburg, so dass nach allen Seiten hin eine bequeme Verbindung stattfindet, wozu noch die tägliche Postverbindung mit Leipzig beiträgt.

[80] Das herrschaftliche Wohnhaus ist eines der bessern und jedenfalls das wohnlichste in der ganzen Umgegend. Es ist 1753 mit einem Aufwande von 25000 Thlrn. massiv und 3 Etagen hoch erbaut und enthält – ausser einer geräumigen Hausflur – 2 Säle, 12 Zimmer nebst Kammern, einen gewölbten Keller und schöne Küche. Die Wirthschaftsgebäude liegen mit Ausschluss einer erst in den zwanziger Jahren massiv erbauten grossen Scheune, unmittelbar an dem Wohnhause und sämmtliche Gebäude, sowie der daranstossende Obst- und Gemüsegarten, sind durch einen 1776 angelegten Damm und Wallgraben vor jeder Ueberschwemmung geschützt. Der Damm ist mit Obstbäumen bepflanzt und der Wallgraben wird zur Fischzucht vortheilhaft benutzt, zumal da auch das Rittergut das Recht hat, alle acht Tage denselben aus dem unmittelbar daneben fliessenden Schnauderbache mit frischem Wasser zu speisen.

Die Beschaffenheit der Felder und Wiesen ist vortrefflich. Die Ersteren haben durch die erst seit Kurzem bewirkte Zusammenlegung ungemein gewonnen, bestehen in drei grossen Plänen von vorzüglicher Ertragsfähigkeit (grösstentheils von gleicher Bodenklasse No. 1–3) und sind durch besondere günstige Unterlage in trocknen und nassen Jahren sicher und fruchtbar; die Letzteren gehören zu den besten im ganzen Lande, denn sie liegen in der fruchtbaren Elsteraue und sind durchaus zweischürig. Auch haben die Wiesen, durch einen erst vor sechs Jahren ausgeführten Durchstich, um den Lauf der Elster und Schnauder zu reguliren, viel gewonnen und das alte Elsterflussbette wird zum Anbau von Korbmacherweiden, sowie zur Fischerei vortheilhaft benutzt. Ausserdem gehört zum Complex des Gutes eine lebhaft betriebene Ziegelei mit grossen Trockenscheunen und neuem Brennofen.

Der jedesmalige Besitzer hat das Patronatrecht über Pfarre und Schule und als solcher eine Capelle im hiesigen Gotteshause.

Ueber die frühere Geschichte dieses Gutes und namentlich über die Reihenfolge seiner Besitzer herrscht eine bedauerliche Dunkelheit und Verwirrung, weil Audigast ursprünglich aus zwei Rittergütern, dem Oberhof (das v. Dieskausche Gut) und dem Niederhof bestand. Die Gebäude des Ersteren haben bis in die neuesten Zeiten gestanden und sind erst im Jahre 1850 von den Erben des 1847 verstorbenen Friedrich Adolf de Moisy abgetragen worden, so dass davon nur das Kellergewölbe übrig geblieben, der Platz aber in Gartenland verwandelt ist. Unter welchem Besitzer beide Theile vereinigt worden sind, habe ich nicht ermitteln können. Zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts muss das Gut, oder der eine Theil desselben, in den Händen einer Familie Puster gewesen sein, denn es befindet sich in den beglaubigten Pfarrmatrikeln von 1574 bei der Beschreibung der Pfarrgebäude die Nachricht, „Eyn grossen kesskorb hat der Junker Adam Puster in die Pfarre geschenkt.“ – und in spätern ebenfalls beglaubigten Matrikeln von 1617 wird gesagt, dass 1598 die Jungkern Adam poster und Abraham von peus den Pfarrer zu Atzdorf Christianus Meusell zum Pfarramte nach Audigast berufen haben. Von diesem Puster muss das Gut in die Hände der Herren von Peres übergegangen sein, denn es befindet sich in der hiesigen Kirche ein Leichenstein, aus dessen Inschrift hervorgeht, dass Johann von Peres 1644 hier begraben ist. – Von dieser Familie ist das Gut durch Hans Georg von Weissbach von Hans Abraham und Friedrich von Peres erkauft worden, worüber das Original des Lehnsbriefs d. d. d. 5. Nov. 1660 auf Pergament geschrieben in meinen Händen ist. Die Herren von Weissbach scheinen das Gut längere Zeit besessen zu haben, denn es lassen sich mit Gewissheit nur noch folgende Besitzer nachweisen. 1730 Rudolf von Ponikau, 1774 Hofrath Martini, 1780 Friedrich August von Rex, 1787 Gauch, 1791 Hofrath Friedrich August Wenk. – Von diesem kam das Gut 1792 in Besitz des Hauptmanns Hiazynt de Moisy und nach dessen Tode 1811 erbte dasselbe Friedrich Adolf de Moisy von dessen Erben es 1852 des Postmeister a. D. Herr Härtel erkaufte.

Von den Besitzern haben sich der Hofrath Dr. Johann Gotthelf Martini zu Dresden und Dr. Friedrich August Wilhelm Wenk, Hofrath zu Leipzig, um die Kirche und die Armen des hiesigen Ortes verdient gemacht, denn der Erstere hat ein Legat von 200 Thlrn. und später von 1000 Thlrn. und der Letztere eine milde Stiftung von 200 Thlrn. zu wohlthätigen Zwecken gemacht, so dass die Namen dieser edlen Wohlthäter noch jetzt mit Dankbarkeit genannt werden.

Die hiesige Kirche soll im Jahre 1685 oder 1686 abgebrannt und abgetragen worden sein. An ihr haben als Pfarrer gewirkt von 1598 der schon genannte Christianus Meusell, später Johann Schwefler, starb den 12 Januar 1660. – Paulus Schwenkell starb 1677. Ihm folgte Johannes Anöchenus 1678–1704. M. David Andreas Fritzsche starb 1754. M. Johann Gottfried Puffendorf, dessen Bild in hiesiger Kirche aufbewahrt wird, starb 1771. Ihm folgte Friedrich August Beck von 1771 bis 1777. 1778 Johann Christian Stoff. 1785 M. Johann Friedrich Beatus Höpfner. 1808 M. Carl Christian Friedrich Seigel; seit 1816 der dermalige Pfarrer M. Johann Carl Hessler. Das Pfarrhaus soll, nebst in demselben aufbewahrten Kirchenbüchern den 2. Mai 1633 abgebrannt sein. Ueberhaupt hat das Dorf in allen Kriegen und namentlich 1813 ungemein gelitten. Es wurde im Mai wie im October dieses Jahres rein ausgeplündert.

M. Hessler. P.     




[Ξ]
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 104.jpg
[Ξ]
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 109.jpg
[Ξ]
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 112.jpg
[Ξ]
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 113.jpg


Heft 8 des Leipziger Kreises Nach oben Heft 10 des Leipziger Kreises
{{{ANMERKUNG}}}
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.