ADB:Seip, Johann Nikolaus

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Seip, Johann Nikolaus“ von Bernhard Beß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 651–653, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seip,_Johann_Nikolaus&oldid=- (Version vom 1. Dezember 2022, 20:39 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 33 (1891), S. 651–653 (Quelle).
Wikisource-logo.svg [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Nikolaus Seip in der Wikipedia
Wikidata-logo.svg Johann Nikolaus Seip in Wikidata
GND-Nummer 104295147
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|33|651|653|Seip, Johann Nikolaus|Bernhard Beß|ADB:Seip, Johann Nikolaus}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=104295147}}    

Seip: Johann Nikolaus S., geb. am 20. (22.) December 1724 in Marburg i. H. als Sohn des Kaufmanns Heinrich Daniel S. und dessen Frau Anna Elisabeth, Tochter des Bürgermeisters Rabe, als Enkel des Metropolitan Georg Daniel S. in Königsberg i. d. Wetterau. Anfangs besuchte er das Pädagogium seiner Vaterstadt; nach dem frühen Tod seiner Eltern kam er durch Vermittelung des Superintendenten Breidenbach zu dessen Schwiegersohn, dem Metropolitan Stück zu Wittelsberg. Von diesem wohl vorbereitet, begann er 1742 das Universitätsstudium zu Marburg (am 28. Dec. 1741 inscribirt), zwei Jahre nachdem Christian Wolff von dort nach Halle zurückgekehrt war. Unter Böhm und Spangenberg studirte S. Philosophie und Mathematik; bei Johann Joachim und Nikolaus Wilhelm Schröder lernte er orientalische Sprachen. 1745 ging er auf die lutherische Universität Rinteln, um nun erst Theologie zu studiren. Wigand Kahler, der Sohn des Cartesianers Johann K., und Engelhard Steuber, zugleich ein guter Orientalist, waren seine Lehrer. Die bestimmende theologische und praktische Ausbildung erhielt er indessen erst in Jena, wohin er 1747 übersiedelte. Hier hatte Johann Peter Reusch bereits den Bund zwischen Theologie und Wolff’scher Philosophie geschlossen. Indem sich S. völlig die Methode und Sprache des Wolffianismus aneignete, ist er insbesondere von der Glückseligkeitstheorie seines Lehrers Reusch beeinflußt worden. Johann Georg Walch und der Kirchenrath Halbauer waren neben jenem seine Hauptlehrer. – Auf einer Reise, welche er 1748 unternahm, besuchte er die Universitäten Leipzig, Halle, Erfurt, Göttingen. In Halle machte er die Bekanntschaft des gefeierten Hauptes der Philosophen und des großen Moral-Theologen Siegmund Jacob Baumgarten, dessen Schriften er eifrig studirt hat. Dann kehrte er nach Marburg zurück und erwarb sich 1749 durch eine Dissertation „De pathologia divina seu de affectibus divinis“ und eine Rede „De insigni usu et praestantia philosophiae“ die Magisterwürde. Die Göttinger Zeitung von gelehrten Sachen (1749, S. 615) urtheilt über die Dissertation: „Der Herr V. hat übrigens in dieser Abhandlung bewiesen, daß er die Wolff’sche Philosophie zu gebrauchen wisse“. – Bis 1758 war S. als Docent thätig; er las mit großem Beifall über alle Theile der Philosophie, über theologische Moral und Homiletik, gründete eine deutsche Gesellschaft und wurde selbst von der in Göttingen zum Mitglied ernannt. Ganz in Wolff’scher Manier sind drei weitere Dissertationen gehalten, welche S. während dieser Jahre veröffentlichte: „De conversione philosophica“, „De conversionis philosophicae mediis“, „De cultu Dei mechanico“. – Obgleich er [652] zum Professor der Logik und Metaphysik vorgeschlagen wurde, entschloß er sich doch – die Gründe sind nicht bekannt – in das Pfarramt überzugehen, legte das nöthige Examen ab und bezog 1753 die Pfarrei Bezgesdorf bei Marburg. Schon im folgenden Jahr wurde er als Subdiakonus nach der Universitätsstadt berufen. Am 26. Mai hielt er seine Antrittspredigt über 1. Petri IV, 11 (gedr. zu Marburg bei Ch. E. J. Weldige). Sie enthält eine ausführliche, von großem Ernst getragene Anweisung zur Führung des geistlichen Amtes und nimmt erst am Schluß Rücksicht auf das Publicum. Mit der Führung des Pfarramts verband er, ohne einen besonderen Auftrag zu haben, eine segensreiche Lehrthätigkeit unter den jungen Theologen der Hochschule. Wiederum ließ er sich die Pflege der deutschen Sprache angelegen sein; in der von ihm gegründeten Gesellschaft hielt er mehrere Vorträge aus dem Gebiet der Moral, die offenbar als Muster gelten sollten. Daneben war er schriftstellerisch thätig. Seine bedeutendsten Schriften aus dieser Zeit sind: „Gedanken von der Zärtlichkeit in der Religion“ 1753, „Die Macht der Beispiele, eine Rede“ 1754, Vorrede „Von der Wichtigkeit der Beobachtung über die Veränderungen im Reich der Gnaden“ zu Heinrich D. Müller’s Geschichte bekehrter Seelen, 1755, „Theorie von den Vorhersehungen und Ahndungen der menschlichen Seele nebst einer praktischen Anwendung derselben“ 1755. Er verknüpft in diesen Schriften psychologische Beobachtungen mit moralischen Problemen auf dem Boden der theologia naturalis, in dem Schematismus seinem philosophischen Vorbild gleich, an religiöser Innigkeit ihm überlegen. Die Marburger Beiträge zur Gelehrsamkeit 1750 bringen auch eine historische Abhandlung aus Seip’s Feder über die Verfassung des hessischen Kirchenwesens, insbesondere über die Superintendentenwahl, – eine ziemlich vollständige, aber nicht fehlerfreie Zusammenstellung der darauf bezüglichen Nachrichten. Ebenfalls ein Product dieser Periode sind die Entwürfe heiliger Reden über die Sonn- und Festtagsepisteln des Jahres 1757, Marburg 1759. Dem Vorgang der Pastoren Schlosser und Mylius in Hamburg, des Seniors Fresenius in Frankfurt folgend, hatte er, um ein besseres Verständniß seiner Predigten zu ermöglichen, die Entwürfe derselben drucken und vor dem Gottesdienst unter seinen Zuhörern verbreiten lassen. Ebenso wie die einzelnen Blätter sollte ihre Sammlung der Erbauung der Gemeinde dienen; thatsächlich aber rechnet dieselbe mehr auf ein theologisches Publicum. Die mathematisch-logische Schulung des Wolffianers ist nicht zu verkennen, aber das rationale Element beherrscht nur die Form des homiletischen Beweises, nicht seine Gedanken. Aus diesen spricht der Geist der vom Pietismus beeinflußten, über die confessionellen Schranken sich erhebenden Orthodoxie. Christus ist das stete Grundthema dieser Epistelpredigten. – 1759 erhielt S. die durch den Tod des Superintendenten Jungken erledigte Ekklesiastenstelle und wurde 1760 auch sein Nachfolger als Superintendent und Consistorialrath. In einem Gedicht, welches ihm einige Schüler zur Einführung am 12. Februar widmeten, wird am Schluß die Hoffnung ausgesprochen, es möge ihm vergönnt sein, die Scheidung der Confessionen in der hessischen Kirche aufzuheben. Sein versöhnliches Wesen und sein philosophischer Standpunkt mochten den Anlaß bieten, solche Erwartungen zu hegen: allein er entsprach denselben nicht, gründete er doch selbst auf streng confessioneller Grundlage 1765 ein lutherisches Waisenhaus. – Seine litterarische Thätigkeit beschränkte sich jetzt auf kleinere Mittheilungen aus seinem Amtsleben. Auf Wunsch ertheilte er anfangs noch Unterricht in der lutherischen Dogmatik. Aber seine Kraft wurde immermehr durch das dreifache Amt ganz in Anspruch genommen. In diesem erwarb er sich durch seine rastlose, das eigne Wohl ganz zurücksetzende Thätigkeit, durch Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit, sowie durch seelsorgerischen Takt, verbunden mit lebhaftem Witz, allgemeinste Verehrung. [653] Dieselbe kommt zum Ausdruck in dem ihm gewidmeten Nachruf der 16. Beilage zu den Annalen der neuesten theologischen Litteratur und Kirchengeschichte, Rinteln 1789. – S. starb ledigen Standes am 24. September 1789 an einem Magenübel, dessen heftige Anfälle ihm die letzten Jahre seiner Amtsführung sehr erschwert hatten, das er aber bis zuletzt mit bewundernswürdiger Geduld ertrug.

Ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften bei F. W. Strieder, Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte, XIV, Cassel 1804.