ADB:Reinhardt, Karl

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Artikel „Reinhardt, Karl“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 68–70, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reinhardt,_Karl&oldid=- (Version vom 29. Mai 2020, 17:01 Uhr UTC)
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Reinhardt: Karl R., Landschaftsmaler und Caricaturenzeichner, geboren am 25. April 1818 zu Leipzig als der älteste Sohn einer Kunsttrödlerfamilie; zeigte schon von Kindesbeinen an eine burlesk-originelle Natur und begann eine Kette von Tollheiten, welche er später selbst urkomisch zu erzählen verstand, wie ihn der Vater aus dem Hause warf, wie er beim Küster im sog. Kleinen Kloster Aufnahme fand und hinter der Orgel, unter dem großer Fenster bei dem herrlichsten Nordlicht sein erstes Bild malte und dgl. Frühzeitig bekannt mit Ernst Wilhelm Straßberger, Peter Karl Geißler, dem Kupferstecher Stock und Joh. Heinrich Ramberg, fühlte er sich besonders angezogen von dem Genre- und Porträtmaler Georgi, dessen jüngster Sohn Otto Reinhardt’s Pylades wurde. Mit allerlei kleinen Zeichnungen, theils humoristischer, theils landschaftlicher Art bewies R. sein vielseitiges Talent, welches indessen nur kurze Zeit an der Leipziger Kunstakademie eine gebührende Pflege erhielt, da R. durch tolle, unbändige Streiche sich unmöglich machte. R. etablirte in einer Dachkammer eine Art Atelier, dessen kunterbunte Einrichtung er auch in einem Bilde zur Darstellung brachte, welches nachmals in Ernst Rietschel’s Besitz kam. Mit achtzehn Thalern, [69] dem Ertrag einer seltsam gestimmten „Abendlandschaft“, zog R. nach Dresden zu Joh. Christian Dahl; bald darauf wagte er sich auch nach München zu Albert Zimmermann, dessen grandiose Natur ihm ebenso imponirte wie das bairische Hochland. Nach einem beiläufig halbjährigen Aufenthalte daselbst ging R. über Leipzig nach Hamburg (1842) wo er ein Augenzeuge des großen Brandes wurde, dessen Eindrücke er in einem seiner späteren Romane künstlerisch verwerthete. Darauf verweilte R. längere Zeit in Dresden und Leipzig; er malte Landschaften und zeichnete Illustrationen komischen Inhalts. Wichtig wurde für ihn die Bekanntschaft mit Georg Wigand, dem Verleger des von G. Nieritz herausgegebenen Volkskalenders; für ihn lieferte R. eine Anzahl von Holzstockzeichnungen, in welchen die phantastische Proteus-Natur des Künstlers lossprudelte, wobei ihm gerade seine früher versäumte Durchbildung der Form überraschend zu Hülfe kam, denn ein akademisch, classisch gebildeter Kunstjünger hätte niemals mehr so knuffige Gestalten zu bilden vermocht. Hier schrieb er auch seine erste Humoreske „Fünfzig Mittel gegen böse Gläubiger“ (Dresden bei Meinold). Nachdem R. früher schon einen Hausstand begründet hatte, verließ er plötzliche seine Familie und begab sich völlig mittellos, zu seiner weiteren Ausbildung nach Oberitalien (1845) und trieb sich mehrere Monate glücklich herum. Von Dresden übersiedelte dann der ruhelose Künstler mit seiner Familie nach München, wo er sich mit seiner „Wetterhexe“ und einem „Gefrorenen Wasserfall“ als origineller Landschafter bewährte und zugleich in den „Fliegenden Blättern“ einen willkommenen Tummelplatz fand. Braun und Schneider begrüßten ein solches in Wort und Bild, mit der Feder wie mit dem Stifte unvergleichlich scurriles Genie mit Freuden; für ihre Firma lieferte Reinhardt’s quecksilberiges Ingenium im Wetteifer mit Heribert König, Gerstäcker, Franz Trautmann, Joh. Bapt. Vogl, Karl Spitzweg u. A. die lustigsten Burlesken und Schnacken, welche jeden Beschauer in die fröhlichste Laune versetzen. Wo wäre ein so hartgesottener Hypochonder, der beim Anblick aller möglichen Unglücksfälle, die einem Pechvogel beim Schlittschuhlaufen passiren können, ungerührt bliebe! Welch’ drollige Situationen überraschen den Jagd- und Fisch-Liebhaber! welch’ putzige Einfälle weiß R. aus dem Katzen- und Storchenleben zu reimen! oder die tragi-komische Epopöe vom großen Krebs und dem bösen Stier! Das Beste davon ist in die „Münchener Bilderbogen“ übergegangen oder in dem Buch „Hanswurst’s Schatzkästlein“ und im „Kasperltheater“ (in neunter Auflage!) angesammelt, wozu noch die Historie vom „Schneider Lapp und sein Lehrjunge Pips“ (dritte Auflage mit 135 Bildern) zu rechnen ist. Von München wendete sich R. zur Begründung eines humoristischen Blattes nach Hamburg; daselbst begann indessen schon sein Gichtleiden, welches später in gräßlicher Weise seinen Körper lähmte, während seine ironisch-satyrische Ader in desto schnellerem Tempo sprang. Seine Beiträge fanden in der Gartenlaube, im Dorfbarbier und Kladderadatsch, in der Leipziger Illustrirten Zeitung u. s. w. ein dankbares Publicum; es war Reinhardt’s blühendste Zeit, in welcher er als ein scurriler Komiker ersten Ranges, als ein wahrer artistischer Clown und litterarischer Kautschukmann excellirte. Die Costümnoth einer wandernden, im Winkelkram’schen Stadttheater gastirenden „Schmiere“ wurde wol nie besser persiflirt als mit Reinhardt’s Illustration zur ersten Scene des zweiten Aufzugs von „Wilhelm Tell“, wo der ritterliche Rudenz eine halbe Kücheneinrichtung als Rüstung auf dem Leibe trägt; ebenso toll ist die „Neue Manier den Ofen zu kehren“ oder das Project, dem Wiener Pyrotechniker Stuwer, dessen Feuerwerke einige Sommer hindurch regelmäßig durch Gewitter unmöglich gemacht wurden, als „Jupiter pluvius“ ein Denkmal zu setzen! Durch den damals schon alten Saphir zur Gründung eines neuen Witzblattes nach Wien eingeladen, kam R. 1856 an die blaue Donau, auf welcher der von seinem Gichtleiden zu Teplitz (1855) kaum genesene Künstler [70] in einem „Tschinakel“ (Kahn) eine Fahrt nach den Schüttinseln unternahm, deren humoristische Schilderung des ungetheilten Beifalls sich erfreute. Um 1860 siedelte R. wieder nach Dresden über, wo seine Krankheit in so lähmender Weise hervortrat, daß er die letzten siebenzehn Jahre seines Lebens fast immer in dem Krankenwagen gebannt blieb. Sein großes für den Holzschnitt gezeichnetes Blatt: „Der Löwe kommt“! (weniger populär ist sein „Doctor Eisenbart“, Dresden bei Friedrich Tittel geworden) ist eine drastisch-muthwillige Komödie: Die Schreckensnachricht, daß aus einer Menagerie auf einem kleinstädtischen Jahrmarkte ein Löwe ausgebrochen sei, fährt dem insgesammten Publicum in die Beine; Alles rennt, rettet und flüchtet in äußerster Hetz und Hast über einander, die heilloseste Angst und Verwirrung wird überall angerichtet, eine wahre Satyre auf die Kopflosigkeit, welche zuweilen wie eine durch die Presse verbreitete Panik oder ein tüchtiger Börsenschreck, die Menschen zu packen pflegt. Mitten im Bilde hat sich der Maler selbst angebracht, wie er in seinem Rollwägelchen mit contracten Gliedern hülflos sitzen bleibt. Wie das bei derlei Patienten der Fall zu sein pflegt, so quoll Reinhard’s Laune inmitten der Schmerzen nur um so drastischer und lustiger in die Höhe: er zeichnete dann neue Schnurren für die „Stuttgarter Bilderbogen“ (bei Gustav Weise), für Kalender und Zeitungen – eine eigene Auswahl erschien als „Reinhardt-Album“ (1874 bei E. Keil in Leipzig), ebenso brachte R. unter allerlei Form seine Erinnerungen und Erlebnisse in Druck, schrieb die Romane „Der fünfte Mai“ (in 4 Bänden mit 69 Illustrationen) und „Die Naturgeschichte des weißen Sclaven“ (Stuttgart bei Aue), gab die komischen Skizzen seiner „Dintenklexe“ heraus, verfaßte etliche „Lustspiele“, klimperte wol auch als lyrischer Dichter mit allerlei wohllautenden und schnurrigen Akkorden, componirte seine selbstillustrirten Lieder (Leipzig bei G. Wigand) und machte sich sogar an ein kleines, flott versificirtes Epos „Radix, des Wurzelmann’s Reise ins Land“ (Stuttgart 1874 bei K. Aue), worin R. mit Geschick in die Fußstapfen von Putlitz („Was sich der Wald erzählt“) und Roquette („Waldmeisters Brautfahrt“) trat. Seit 1872 redigirte R. ein kleines humoristisches Wochenblatt: „Der Calculator an der Elbe“. R. erkrankte in seinem Landhause zu Kötzschenbroda bei Dresden an den Folgen eines kleinen Diätfehlers, welcher alsbald bedenkliche Symptome nach sich zog und starb am 11. August 1877. Seine ganze Porträtfigur im Krankenwägelchen mit seinem Lieblingshündchen gibt ein Holzschnitt der „Illustr. Zeitung“, Leipzig, Nr. 1787 vom 29. September 1877. R. war ein origineller Charakterkopf, wie der Florentiner Piero di Cosimo und der lustige Giovannantonio il Soddoma, nur daß der deutsche Meister immer noch eines Vasari ermangelt. R. stand, vielleicht unbewußt, in einem geistigen Wechselverkehr mit dem gleichzeitigen französischen Caricaturisten Cham; ebenso ist derselbe als Vorläufer von W. Busch und Oberländer beachtenswerth. Er darf künftig in keiner Geschichte der komisch-grotesken Kunst und Litteratur übergangen werden.