ADB:Reiche, Ludwig von (preußischer General)

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Artikel „Reiche, Ludwig von“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 652–654, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reiche,_Ludwig_von_(preu%C3%9Fischer_General)&oldid=- (Version vom 25. Oktober 2020, 06:04 Uhr UTC)
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Reiche: August Friedrich Ludwig Karl v. R., preußischer General der Infanterie, am 4. October 1774 zu Nienburg an der Weser, wo sein Vater als Hofrath und Landsyndikus der Hoyaischen Landschaft lebte, geboren, trat Ende 1788 bei dem in Wesel garnisonirenden Infanterieregiment des Generals v. Eichmann, dessen Nachfolger bald darauf der General Martin Ernst v. Schlieffen (s. d.) wurde, als Fahnenjunker in den preußischen Dienst und machte in diesem, seit dem 1. Mai 1793 als Officier, die Feldzüge von 1793 und 1794, zuerst in den Niederlanden, seit dem Sommer des letzteren Jahres am Rhein, mit. Schon früh hatten ihn Neigung und Geschick zur Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst hingezogen und mit besonderer Vorliebe beschäftigte er sich mit dem Zeichnen; so kam es, daß er, nach Beendigung des Krieges in seine Garnison Wesel zurückgekehrt, des Friedensdienstes bei der Infanterie müde, den Gedanken faßte, zum Ingenieurcorps überzutreten. Dazu mußte er die Ingenieurakademie durchmachen. Es war eine harte Bedingung für den gedienten Officier, auf die Schulbank zurückzukehren, um noch einmal von unten anzufangen. Trotzdem entschloß er sich dazu. Im Mai 1796 trat er in die zu Potsdam bestehende Anstalt als „Eleve“ ein; bei der nach zwei Jahren mit dem Cötus, zu welchem er gehörte, angestellten Prüfung, befriedigte er so sehr, daß er für den Rest des Lehrganges, obgleich in einigen Fächern noch Schüler, in anderen bereits als Lehrer verwendet wurde; nach Beendigung des Cursus blieb er als Lehrer bei der Akademie. Damals entwickelte er eine fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit, indem er eine zuerst 1804 ohne Namensnennung erschienene „Feldfortifikation“, welche viele Jahrzehnte hindurch als Lehrbuch an militärischen Unterrichtsanstalten in Gebrauch gewesen ist, eine in zwei Auflagen herausgekommene „Baupraktik [653] für Feldingenieure“ und eine wegen der Stürme des Jahres 1806 erst 1812 zum Druck gelangte, aber wiederum der Ungunst der Zeiten wegen, wenig beachtete „Permanente Befestigungskunst“ verfaßte; eine von der Militärischen Gesellschaft zu Berlin preisgekrönte Schrift fortificatorischen Inhaltes ward, weil das Jahr 1806 dazwischen kam, gar nicht gedruckt. Auch mit Plan- und Kartenzeichnen und mit dem Erfinden von Meßwerkzeugen beschäftigte er sich. Im Mai 1804 aber wurde er diesen Arbeiten durch eine Versetzung nach Danzig entzogen, wo die Festungsanlagen erweitert werden sollten und 1806 wurde er von hier zur mobilen Armee commandirt. Er machte den Feldzug bei der unter den Oberbefehl des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar gestellten Avantgarde mit, nahm daher an den Kämpfen des 14. October nicht theil, gerieth bei Lübeck in Kriegsgefangenschaft, lebte, auf Ehrenwort entlassen, eine zeitlang im elterlichen Hause und ward erst im Januar 1809 wieder angestellt. Er kam zum Fortificationsdienst nach Spandau; die geringe Aussicht auf Weiterkommen, welche er im Ingenieurcorps hatte, veranlaßte ihn jedoch bald sich um Verwendung beim Kadettencorps zu bemühen und im J. 1810 ward er bei diesem zum Stabscapitän ernannt. Daneben wirkte er als Examinator bei der Ober-Militär-Examinations-Commission. Als Lehrer war er nicht nur beim Kadettencorps, sondern auch beim Prinzen Wilhelm (später Kaiser Wilhelm I.) und dessen Vetter, dem Prinzen Friedrich von Preußen thätig, welche er bis zum Ausbruch der Befreiungskriege in Befestigungskunst, Aufnehmen und militärischem Zeichnen unterrichtete. Die Erfolge, welche er in letzterem Verhältniß erzielte, waren Veranlassung, daß er 1811 zum wirklichen Capitän ernannt wurde; im März 1812 erhielt er eine Compagnie. Als der Krieg vom Jahre 1813 bevorstand, bat er, denselben bei der Feldarmee mitmachen zu dürfen. Seine Bitte fand Gehör. Als York mit seinem Armeecorps im März bei Berlin erschien, wurde er diesem als Generalstabsofficier zugetheilt. Reiche’s erste Arbeit als solcher war ein berühmt gewordener Brückenschlag über die Elbe bei Roßlau (vgl. Archiv für die Artillerie- und Ingenieur-Officiere des preußischen Heeres. 2. Heft, Berlin 1836), dann nahm er an dem mißlungenen Anschlage auf Wittenberg und an dem erfolglosen Versuche, den Saaleübergang bei Merseburg zu behaupten, theil. Als er von der letzteren Sendung zu York zurückgekehrt war und nach abgestatteter Meldung das Zimmer verlassen hatte, sagte dieser von ihm „er sei ein mordbraver tüchtiger Kerl, den man immer nur halten müsse“ (York’s Leben v. Droysen, 2. Theil, S. 200, Berlin 1852). In beiden Punkten hatte er recht; R. war umsichtig und brav, aber er war auch schnell mit den Worten bereit und neigte dazu, seine Befugnisse zu überschreiten. Für sein Verhalten in der Schlacht bei Groß-Görschen erhielt er das eiserne Kreuz. dann nahm er am Treffen bei Königswartha-Weissig und an der Schlacht bei Bautzen theil. Als der Waffenstillstand abgeschlossen war, wurde er zum Major befördert, während desselben leitete er die Herstellung eines verschanzten Lagers bei Spandau. Bei Wiederbeginn der Feindseligkeiten kam er zum Generalstabe des Generals v. Bülow, welcher das zur Nordarmee gehörige dritte Armeecorps befehligte; R. war es besonders zu danken, daß Bülow sich entschloß die Schlacht bei Groß-Beeren anzunehmen. Für Dennewitz wurde ihm die erste Classe des eisernen Kreuzes zu theil. Reiche’s Theilnahme an Bülow’s weiteren Siegeszügen zur Schlacht bei Leipzig und zur Eroberung von Holland, ward im Januar 1814 durch eine Sendung in das große Hauptquartier nach Basel unterbrochen, wo er das Nachsenden weiterer Truppen nach den Niederlanden betreiben sollte, damit Bülow nach Frankreich folgen könne. Ende Januar, nach erfolgreicher Ausrichtung seines Auftrages zu Bülow zurückgekehrt, nahm R. mit diesem während der nächsten beiden Monate am Reste des Krieges in Belgien und in [654] Frankreich theil und wurde dann unter Beförderung zum Oberstlieutenant zum Chef des Generalstabes bei dem vom General v. Borstell befehligten dritten Armeecorps ernannt, welches in Aachen und Umgegend Quartiere bezog, doch dauerte dieses Verhältniß nicht lange, weil R. schon im September nach Berlin beschieden wurde, um dem Kronprinzen (nachmals König Friedrich Wilhelm IV.) Unterricht in den Kriegswissenschaften zu ertheilen; auch die Prinzen Wilhelm und Friedrich wurden wieder seine Schüler, bis Napoleon’s Wiederkehr von Elba R. von neuem zu kriegerischer Thätigkeit berief. Er wurde zum Generalstabschef bei dem vom General v. Zieten befehligten ersten Armeecorps ernannt. Sein Einvernehmen mit diesem Vorgesetzten war kein ungetrübtes und nicht in allen Richtungen so wie es zu wünschen gewesen wäre, doch that dies ihren Leistungen in den Kämpfen vom 15. bis 18. Juni, wo sie namentlich bei Ligny und bei Waterloo fochten, und bei dem Nachspiele des Krieges, welches in Frankreich folgte, keinen Eintrag, und als nach Friedensschluß General v. Zieten den Oberbefehl der in Frankreich zurückbleibenden preußischen Besatzungstruppen erhielt, blieb der zum Oberst aufgerückte R. in seiner bisherigen Stellung als Generalstabschef bei ihm; verschiedentliche schriftliche Beweise thun dar, wie hoch Zieten dessen Fähigkeiten stellte und wie sehr er seine Leistungen im Kriege wie im Frieden anerkannte. Nach der im J. 1818 stattgehabten Räumung Frankreichs durch die Besatzungstruppen fand R. zunächst Verwendung im großen Generalstabe zu Berlin, rückte im März 1821 zum General auf und ward bald darauf nach Luxemburg entsendet, um den Vorsitz einer dort behufs Vorbereitung der Uebernahme des Platzes durch den Deutschen Bund versammelten Commission zu übernehmen. Erst fünf Jahr später war das Geschäft beendet. R. kehrte nun als Inspecteur der ersten Ingenieur-Inspection nach Berlin zurück, ward 1836 zum Generallieutenant befördert und erbat 1842 seine Pensionirung, welche ihm unter Verleihung des Charakters als General der Infanterie bewilligt wurde. Die nächsten Jahre benutzte er zur Abfassung seiner unten zu erwähnenden Denkwürdigkeiten, einer der besten militärischen Selbstbiographien, welche Deutschland besitzt, dann beschäftigten ihn bis zu seinem am 18. Mai 1854 zu Berlin erfolgten Tode andere litterarische Arbeiten, von denen aber nichts veröffentlicht ist.

Memoiren des General etc. v. Reiche, herausgegeben von Hauptmann L. v. Weltzien, 2 Bde., Berlin 1857; (bis zum Jahre 1818 sehr ausführlich und mit vielen Beweisstücken, dann nur kurze Uebersicht des weiteren Lebensganges.)