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Artikel „Nider, Johannes“ von Paul Beck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 641–646, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nider,_Johannes&oldid=- (Version vom 23. Januar 2020, 16:42 Uhr UTC)
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Nider: Johannes N. (auch, aber in unrichtiger Schreibweise, Nieder, Nyder etc.), hervorragender Theologe und Predigermönch, geb. zwischen 1380 [642] bis 1390 in dem ehemaligen Reichs-, jetzt württembergischen Landstädtchen Isny i. A., aus welchem schon einmal früher, im 13. Jahrhundert, ein Paar berühmte Kirchenlichter, so der Mainzer Erzbischof und Kurfürst „Heinrich“ (Göckhelmann) „v. Isny“ (s. A. D. B. XI, 539) hervorgegangen, † am 13. August 1438 zu Nürnberg, erhielt den ersten wissenschaftlichen Unterricht in dem Benedictinerstifte seiner Heimath, trat um das Jahr 1400 zu Colmar i. E. in den damals gerade im ersten Stadium einer Reform begriffenen Dominicanerorden ein, dessen dortiges Kloster in jener Zeit unter dem Prior, Ordensgeneralvicar und Reformator für Deutschland, Konrad v. Prussia (s. A. D. B. XVI, 640), hinsichtlich des klösterlichen Lebens und strenger Observanz der Ordensregeln als ein Musterconvent galt, wurde nach Vollendung seines Noviciates zum Studium der Theologie und Philosophie an die Hochschule nach Wien (u. a. bei dem Professor und Dominicaner Franz v. Retz) und von da aus noch nach Köln, dem damaligen „deutschen Rom“, gesandt, woselbst er auch die Priesterweihe empfing. Von dort aus führte ihn noch sehr jung und ohne besondere Mission sein Weg nach dem Constanzer Concil, auf welchem er sich über die großen, die damalige Zeit bewegenden Fragen, namentlich über den Hussitismus, orientiren konnte und überhaupt vieles für das praktische Leben lernte. Hierauf unternahm er eine Reise nach Oberitalien, um auch hier das Ordensleben kennen zu lernen. Auf Geheiß seiner Ordensoberen, welche sich mittlerweile von seiner eminenten geistigen Befähigung hinlänglich überzeugt hatten, begab er sich dann wieder nach Wien, um sich auf die Uebernahme des öffentlichen theologischen Lehramtes an der Universität zunächst durch Erwerbung der akademischen Grade eines Baccalaureus und Licentiaten vorzubereiten. Nach mehreren so, theils als noch Lernender, theils als Lehrender (Repetitor etc.) zugebrachten Jahren erlangte er im J. 1425 den obersten Grad der wissenschaftlichen Auszeichnung, das Magisterium oder die Doctorwürde. Nunmehr hielt er als bestellter Magister an der Wiener Universität und Conventsschule sehr besuchte Vorlesungen über theologische Disciplinen, bei welchen er, wie in seinen Schriften, vollständig auf dem Standpunkte des thomistischen Systems fußte, übrigens im Gegensatze zu den meisten Theologen jener Zeit das „praktische Element“ schon sehr berücksichtigte. Auch zeigt sich bei N., der sich von früher Jugend an mit Vorliebe zur Betrachtung der Natur hingezogen fühlte, wie schon im 13. Jahrhundert bei Vincenz von Beauvais oder bei Nider’s Zeitgenossen Peter v. Ailly im Imago mundi und bei Konrad v. Megenberg (s. A. D. B. XVI, 648) u. a., das Bestreben, die – freilich damals noch in den Windeln schlummernden – Naturwissenschaften mit den theologischen Studien zu verknüpfen, wenn er auch damit nicht weit und nicht über die ersten Anfänge hinausgekommen ist, wie dies am besten seine im fünften, vollinhaltlich sogar in den „Hexenhammer“ übergegangenen Buche des Formicarius entwickelten noch ganz krassen Anschauungen von dem Hexen- und Zauberwesen beweisen. – Nicht lange konnte er in Wien das theologische Lehramt verwalten; der Nürnberger Predigerconvent, einer der bedeutendsten in der deutschen Ordensprovinz, hatte ihn nämlich um das Jahr 1427 zum Prior ausersehen und N. folgte dem Rufe. In seiner neuen Stellung widmete er sich aufs angelegentlichste der Seelsorge, insbesondere dem Predigtamte, welches er als mächtiger Meister der Rede für alle Stände und Altersclassen ausübte; mit seinen Kanzelreden griff er tief in das praktische Leben ein; so behandelte er u. a. Vielem das Erziehungsthema, das christliche Familienleben in einer vortrefflichen, heute noch brauchbaren Weise. Nicht minder wurde er in Gewissensangelegenheiten als Seelen-Arzt und Führer viel und weithin zu Rathe gezogen. Daneben war sein Hauptaugenmerk auf die Verbreitung und Beförderung der Reform seines Ordens gerichtet, welche nicht ohne viele Schwierigkeiten und Kämpfe abging und überhaupt erst mit dem [643] Ausgange des 15. Jahrhunderts abschloß. Auch der Reform der ziemlich in Verfall gerathenen Weltgeistlichkeit nahm er sich an, soweit es seine Kräfte und Berufsstellung ihm ermöglichten. Als schönstes Muster leuchtete er selbst dem Clerus durch priesterliche Tugenden und eifriges Wirken voran. – War bis dahin sein Lebensweg im Ganzen normal verlaufen, so sollten seiner nun andere ihn mehr in die Welt hinausführende Aufgaben harren. Im J. 1431 wurde er nämlich von Nürnberg nach Basel hauptsächlich wegen des dahin zusammenberufenen Concils abberufen und zugleich zum Prior und Reformator der dortigen Predigerbrüder bestellt. Doch concentrirte sich alsbald seine Hauptthätigkeit auf das Concil, zu dessen Deputirten und überhaupt hervorragendsten Mitgliedern er gehörte; auch fungirte er auf demselben mit dem bekannten Johann (Stoici) v. Ragusa, Ordensprocurator bei dem päpstlichen Stuhle, u. a. als einer der Generalbevollmächtigten seines Ordens. Bald nach der Eröffnung der Synode, bei welcher er die Predigt in deutscher Sprache hielt und die aus diesem Anlasse bewilligten Ablässe verkündigte, wurde er von derselben zu einem der Visitatoren des Basler Clerus bestimmt und ihm weiter der Auftrag ertheilt, das Kreuz gegen die Hussiten zu predigen. Nach der unglücklichen Schlacht bei Tauß gelangte indeß das Concil wie die Reichsstände zu der Ueberzeugung, daß die Böhmen nicht so leicht mit Waffengewalt zu bezwingen seien und wollte einen Versuch machen, dieselben auf dem Weg der Güte zum Gehorsam gegen die Kirche und ihren rechtmäßigen König zurückzuführen. Zu diesem Zwecke, zugleich auch um deren Vorwurf, die Synode wolle sie gar nicht hören, gründlichst zu widerlegen, lud dieselbe die Hussiten am 15. October 1431 freundlichst zur Absendung von Abgeordneten nach Basel ein, und betraute N. als hierzu durch seine hauptsächlich während seines Nürnberger Aufenthaltes erworbene genaue Kenntniß der böhmischen Verhältnisse, nicht minder durch seine Erfahrung und sein Unterhandlungsgeschick ganz besonders geeignete Persönlichkeit unter Beigabe des Maulbronner Cisterciensers Johann v. Gelnhausen<- NDB ->, eines ebenfalls sehr einsichtsvollen, unterrichteten Mannes, mit der schwierigen und wichtigen Aufgabe, einerseits darüber mit den Hussiten selbst, andererseits wegen derselben mit den an Böhmen grenzenden Fürsten Unterhandlungen zu pflegen, welch’ letztere schon an ihrer Sache verzweifeln wollten und sich mit dem Gedanken an Separatfriedensabschlüsse trugen. Beide Legaten machten sich auf den Weg, bevor noch die Kunde von der Auflösung des Concils durch Papst Eugen IV. nach Basel gedrungen war, begaben sich über München etc., überall ihre Sache empfehlend und für dieselbe thätig, zunächst nach Nürnberg, von wo aus N. am 5. Januar 1432 ein interessantes noch erhaltenes Sendschreiben an die Böhmen durch Vermittlung der Stadt Eger ergehen ließ. Bald darauf erhielt N. die Nachricht von der inzwischen erfolgten Concilsaufhebung, welche ihn und seinen Gefährten in eine peinliche Lage brachte. Lange wollten sie nicht recht daran glauben und wandten sich um Auskunft nach Basel, indem sie zugleich ihre Bereitwilligkeit erklärten, den Auftrag in die Hände der Synode zurückzugeben. Da aber letztere auf der Sendung bestand und nach einigem Verlaufe für die Delegaten einen eigenen officiellen Berichterstatter in der Person des Johann v. Ragusa aufstellte, so glaubten sie zugleich in Anbetracht ihrer eigenthümlichen Lage, die einmal begonnene Mission weiterführen zu sollen, zumal auf Grund zweier Decrete des Constanzer Concils damals vielfach noch die Ansicht vorherrschte, eine Versammlung kirchlicher Personen könne trotz der Auflösung durch den Papst noch rechtlich als ein allgemeines, die ganze Kirche repräsentirendes Concil betrachtet werden und sie immer noch einen Erfolg der vielfachen auf die Rückgängigmachung der Auflösungsbulle gerichteten Bemühungen in Aussicht nahmen. Die heftigen Dissidien, die nun zwischen der Curie und der Synode entstanden, brachten eine nicht [644] geringe Verwirrung unter Geistlich und Weltlich hervor und in die kaum begonnenen Unterhandlungen mit den Hussiten einigen Stillstand; letztere, unter sich lange nicht einig und dann immer voll Mißtrauen, pflegten dieselben solange wie möglich hinauszuziehen. Endlich kamen nach langwierigen, schier endlosen Hin- und Herverhandlungen am 18. Mai 1432 wenigstens die auf eine Beschickung der Synode durch die Böhmen abzielenden Vereinbarungen zu Eger zu Stande, welche in erster Linie von N., seitens der Hussiten von Procop unterzeichnet wurden. Mit dem Erscheinen derselben in Basel stand es indeß noch geraume Zeit an. Ob N. dann bei den 50tägigen Disputationen der Synode über die bekannten „vier Artikel“ persönlich in die Debatte eingegriffen hat, läßt sich, wenn es auch wahrscheinlich, aus den Concilsacten nicht erheben. Er wird von Zeit der Egerer Verhandlungen an weniger mehr genannt und taucht in der schwebenden Frage erst wieder im J. 1434 auf dem Reichstage zu Regensburg als einer der 12 Concilslegaten auf; vielleicht wird die fortschreitende historische Forschung noch nähere Aufschlüsse über diesen mit anderen noch nicht ganz aufgehellten Zeitabschnitt im Leben Nider’s sowie über das Wirken desselben überhaupt bringen. Jedenfalls gebührt N. das große Verdienst, durch seine umsichtigen unaufhörlichen Bemühungen, wahre Geduldproben die Böhmen nach Basel gebracht und damit sehr viel, wenn nicht das meiste, zum endlichen Erfolge, zu der Union der Böhmen mit der Kirche, wie sie am 5. Juli 1436 durch Vollziehung der „Prager Compactaten“ zu Stande kam, beigetragen und so von Deutschland eine Fortsetzung der furchtbaren Leiden und Bedrängnisse durch die Hussiten abgewendet zu haben. Noch vor der Besiegelung des Versöhnungswerkes hatte sich N. vom Concil förmlich losgesagt, als dasselbe nämlich unter Hervorhebung seiner Superiorität trotz der versöhnlichen entgegenkommenden Haltung des Papstes in ausgesprochen schismatische Bahnen einlenkte; und ließ demselben, um keinen Zweifel an seiner wahren Gesinnung aufkommen zu lassen, sogar die Pforte seines Conventes, in welchem dasselbe bis dahin während der nicht feierlichen Sitzungen getagt hatte, verschließen. Unter solchen Umständen war seines Bleibens in Basel auch nicht mehr und begab er sich im Laufe des Jahres 1435 oder anfangs 1436 gern auf Wunsch seiner Oberen nach Wien, um daselbst wieder den Lehrstuhl der Gottesgelahrtheit an der Hochschule einzunehmen. Auch diesmal sollte seine Lehrthätigkeit nicht von langer Dauer sein, indem ihn schon wenige Jahre darauf auf der Durchreise von oder nach Colmar, der Stätte seines Noviciates, zu Nürnberg der Tod ereilte, woselbst er vor dem Hochaltare der Dominicanerkirche an der Seite seines ehemaligen berühmten Generalmagisters Raimund v. Capua beigesetzt wurde. So schloß er also seine öffentliche Thätigkeit als (mittlerweile zum Facultätsdecan vorgerückter) Lehrer der göttlichen Wissenschaften an demselben Orte ab, an welchem er sie begonnen. – Gewiß war der von seinen Zeitgenossen und auch nach seinem Hingange noch bis ins 17. Jahrhundert so hochgehaltene N., welcher aber seitdem fast ganz unverdienter Vergessenheit anheimgefallen, einer der bedeutendsten Männer seines Zeitalters welcher nicht nur eine ausschließlich theologische, sondern für seine Zeit eine wahrhaft universelle Bildung besaß. Bei der Vielseitigkeit seines Wirkens hält es schwer zu sagen, auf welchem Gebiete ihm der Vorzug gebührt. Die einen rühmen ihn für seine Zeit als Leuchte der Wissenschaft, als großen Gelehrten, tüchtigen fruchtbaren Schriftsteller; die anderen preisen ihn als gewandten diplomatischen Unterhändler, als Staatsmann, wieder andere als Ordensreformer; viele feiern ihn als ausgezeichneten Prediger, Seelsorger und Gewissensrath; in der Anerkennung seiner hohen Tugenden als Mensch, Priester und Ordensmann gehen alle einig. Im großen Ganzen wird man nicht fehlgehen, wenn man seine praktische Thätigkeit als Seelsorger, vor allem als Kanzelredner über seine [645] (in der Hauptsache längst überholten) wissenschaftlichen Leistungen als Theologe stellt und ihn zu den Theologen zweiten Ranges rechnet; und für die Nachwelt hat er am meisten durch sein Hervortreten auf dem Basler Concil, vornehmlich durch seine böhmische Mission Bedeutung erhalten. Lange lebte er in seinen zahlreichen Schriften und Werken fort, von welchen die meisten – aber nicht alle – mit Hülfe der bald nach seinem Tode aufgekommenen Buchdruckerkunst eine Verbreitung fanden, wie sie nicht leicht einem Schriftsteller seiner Zeit zu Theil geworden ist. Dieselben, theils rein theologischen, theils moralischen, ascetischen, theils vermischten Inhalts, sind mit Ausnahme von zwei in der Muttersprache geschriebenen in dem damaligen harten Latein abgefaßt. Unter denselben nimmt weitaus den ersten Rang sein „Formicarius“ (Ameisenbuch) ein, ein in der Form des Dialogs zwischen einem Theologen (welcher N. sein soll) und dem Piger (dem Faulen) gehaltenes, dem Apiarius seines Ordensbruders Thomas Brabantinus nachgebildetes Buch, welches viel Zeitgeschichtliches und zugleich mit seinen vielen, auch aus früheren Jahrhunderten eingeflochtenen Geschichten, Curiositäten, Anekdoten etc. der Nachwelt ein treues interessantes Sittenbild von der damaligen und zum Theil auch von der vorausgegangenen Zeit gibt. Seinen bezeichnenden Namen führt es davon, weil die darin enthaltenen Abhandlungen, Lehren und Erzählungen zunächst an das Wesen und die Emsigkeit der Ameise angeknüpft und dieselben dann auf die moralischen Eigenschaften und Thätigkeiten der Menschen angewandt werden. Die Dialogfigur des Piger ist dem bekannten Spruch Salomons (Sprüchw. 6) entnommen, wo es heißt: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, und betrachte ihre Wege und lerne Weisheit etc.!“ Unter den sechs bekannten Ausgaben des Formicarius sind die beiden ersten Incunabeln, wovon die eine bei Ant. Sorg in Augsburg (ohne Jahr) gedruckt wurde. Die dritte (zu Straßburg im J. 1517 bei Joh. Scotus in 4° herausgekommene Ausgabe wurde von dem bekannten Humanisten Jak. Wimpheling, eine weitere mit werthvollen Noten im J. 1602 von dem Theologieprofessor Georg Colvenerius zu Douay und die letzte, mit einer sehr schätzbaren Einleitung versehene, vom Jahre 1692 durch den Helmstädter Professor Hermann v. d. Hardt besorgt. Man muß sich billig wundern, daß ein so merkwürdiges Buch, eine der interessantesten litterarischen Erscheinungen des Mittelalters, welche auch lange Zeit von den Protestanten sehr werth gehalten wurde, so ganz in Vergessenheit verfallen und nicht längst neu aufgelegt worden ist. Seine eigentlichen theologischen und philosophischen Kenntnisse hat N. in dem – bis jetzt, wie noch einige andere Nider’sche Handschriften, nicht wieder aufgefundenen und wol irgendwo in einer Bibliothek vergraben liegenden – Commentare zu den vier Büchern der Sentenzen, einem von seinen Zeitgenossen hochgestellten Hauptwerke, sowie in dem (wol über 20 mal aufgelegten) „Praeceptorium divinae legis oder Abhandlung über die zehn Gebote“ niedergelegt. In letzterer, mehr moralisch gehaltener und deutsch verfaßter Schrift kommt N. auch wieder auf das Hexen- und Zauberthema in mehreren Capiteln (9–11) des ersten Gebotes zu sprechen, welche z. B. von den Arten des Aberglaubens und der Schwere dieser Sünde, über die falsche Translation der Menschen, Träume, Lose etc., die Verwandlung von Menschen in Thiere, speciell in Wölfe durch Dämonen etc. handeln. Der in diesem traurigen Capitel der Geschichte der Menschheit von N. als Kind seiner Zeit eingenommene primitive Standpunkt mit großentheils noch ganz schauerlichen Vorstellungen bildet eine Schattenseite in seinem Gelehrtenleben und ist nicht geeignet, seinen wissenschaftlichen Ruf zu heben und hat sogar da und dort zu der – übrigens in nichts bestätigten – Meinung Veranlassung gegeben, N. habe auch das Amt eines Inquisitors bekleidet. – Ascetischen Inhalts sind die ebenfalls deutsch geschriebenen „24 goldenen Harfen“, eine ganz freie Bearbeitung der [646] Collationen Cassian’s und mit dem praeceptorium ein interessantes Sprachdenkmal; sodann ein in der Art des „speculum artis bene moriendi“ oder der „Ars moriendi“ gehaltenes (dispositorium bene moriendi, von welchem eine Ausgabe von 28 Blättern in 4° den Charakteren der Typen nach um das Jahr 1466 durch Ulrich Zell in Köln gedruckt ist. Ebenso soll die einige Zeit keinem geringeren wie dem heiligen Bernhard, aber nicht mit Grund zugeschriebene Schrift „De modo bene vivendi“ von N. herrühren. Von den vielen weiteren Geisteserzeugnissen Nider’s wäre das seine Specialität behandelnde Ordenswerk „De reformatione religiosorum“ und noch eine äußerst merkwürdige (u. a. auch aus der Konr. Fyner’schen Officin zu Eßlingen a. N. im J. 1474 hervorgegangene) Schrift „Tractatus de contractibus mercatorum“ hervorzuheben, ein – schon bei Thomas v. Aquin sich findende Ideen praktisch verwerthender – Excurs aus dem siebenten Gebote über eine auch durch Gerson und nach ihm durch andere wie Langenstein, Tritheim etc. behandelte Materie, welche einen Einblick in das Handeln und Werken damaliger Kaufmannschaft thun läßt und daher auch von einem gewissen zeitgeschichtlichen und volkswirthschaftlichen Interesse ist. Außerdem hat N. eine Anzahl Predigten und aus seiner reichen Correspondenz eine Reihe von Briefen hinterlassen; viele wichtige die Hussitenfrage betreffenden Schreiben sind erst in den im J. 1857 zu Wien erschienenen „Monumenta conciliorum general. saec. XV““ veröffentlicht worden. Eine Gesammtausgabe der Nider’schen Werke, soweit sie bis jetzt zum Druck befördert worden sind, oder auch nur eine Auswahl existirt nicht; seit der letzten Formicariusausgabe vom Jahre 1692 ist überhaupt, von einzelnen, so durch V. Hasak gegebenen Auszügen abgesehen, nichts mehr von N. gedruckt worden.[1]

Quétif et Echard, Scriptores Ord. Praedicatorum (Paris 1719), I, S. 792 bis 794. – Apfalterer, Scriptores etc. universitatis Viennensis (Wien 1740), I, S. 112–124 etc. – Die erst kürzlich durch K. Schieler (in Mainz bei Franz Kirchheim 1885) herausgegebene (erste umfassendere) Biographie von N., in welcher auch sämmtliche Schriften von N. u. eine Reihe von Quellen aufgeführt sind. – Eigene Nachforschungen u. Notizen des Verf.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 646. Z. 24 v. o. ergänze: Schließlich wäre noch zu bemerken, daß N. mit dem hin und wieder ebenfalls N. genannten Joannes de Gamundia († in Wien 1441), dem Vater der astronomisch-mathematischen Wissenschaft in Deutschland, nicht identisch ist. [Bd. 24, S. 787 f.]