ADB:Mosewius, Ernst Theodor

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Artikel „Mosewius, Ernst Theodor“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 390–392, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mosewius,_Ernst_Theodor&oldid=- (Version vom 6. August 2020, 11:34 Uhr UTC)
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Mosewius: Ernst Theodor M., ein vielseitig gebildeter Musiker, der sich um die Neuerweckung älterer Meisterwerke große Verdienste erworben hat. Zu Königsberg i. Pr. am 25. September 1788 geboren, besuchte er die dortige Universität; doch die Lust zur Musik und seine schöne Stimme trieben ihn aus seinen Studien heraus und er betrat die Bühne, um als Sänger und Schauspieler Ruhm und Ehren zu ernten. Als er sich 1810 mit einer dortigen Sängerin verheirathete, soll es ein hoher Kunstgenuß, eine Lust und Freude gewesen sein, das Ehepaar gemeinsam auf der Bühne wirken zu sehen. Die Leidensjahre für Preußen waren für M. ein Gewinn, denn nun strömte durch die Anwesenheit des preußischen Hofes in Königsberg alles zusammen, was Preußen an bedeutenden und hervorragenden Männern besaß und M. fand durch solche Bekanntschaften mannigfache Gelegenheit, seinen lebhaften Geist zu bilden.

[391] Im J. 1811 trat er mit seiner Frau in Berlin auf und hier war es besonders die von Zelter geleitete Singakademie, die ihm durch Aufführungen alter Meisterwerke ein ganz ungekanntes Musikfeld eröffnete. Hier legte er den Grund zu seiner späteren segensreichen Wirkung und gewann durch persönlichen Umgang die Männer für sich, die ihm später so behülflich gewesen sind. Vorläufig lebte und strebte er nur für die Bühne: wurde bei seiner Rückkehr in seine Vaterstadt zum Verwaltungsmitgliede ernannt und 1814, als Kotzebue die Leitung des Theaters übernahm, zum Operndirector. Allein schon nach zwei Jahren lösten sich die bestehenden Verhältnisse auf und M. nahm ein Engagement in Breslau an. Breslau war damals ein für Kunst und Wissenschaft sehr empfänglicher Ort und wies eine Anzahl berühmter Persönlichkeiten auf, wie sie sich später dort nie wieder zusammen gefunden haben. Da war Braniß, Steffens, von Raumer, von der Hagen und von Winterfeld, der Kenner und spätere Schriftsteller über altclassische Musik. Eine nach seinem Tode erschienene Brochüre spricht sich über den Mosewius damaliger Zeit sehr treffend aus. Sie sagt: „In seiner überreichen, nach allen Seiten hin empfänglichen und anregenden Natur war der tief ernste Sinn für das Höchste und Heiligste mit der seltenen Gabe verbunden, durch übersprudelnden Witz und geistreiche Einfälle seine Umgebung unwillkürlich in seine eigene Stimmung zu versetzen, und fast immer oder nur dann, wenn er selbst es nicht wollte, wurde er unbewußt der Mittelpunkt des Kreises, in welchen er getreten war. Sein Erscheinen an der Breslauer Bühne war der Beginn einer neuen Aera für die Oper. Durch seinen ernsten Eifer für die würdige Darstellung classischer Kunstwerke aller Zeit und aller Gattung, half er Aufführungen hier zu Stande bringen, wie sie vorher und nachher nicht mehr hier gesehen und gehört worden sind. Als Osmin im Belmonte, Leporello, Figaro von Mozart und Rossini, Caspar im Freischütz und ähnlichen Partien, feierte er Triumphe, wie sie selten einem Künstler in gleicher Weise geworden und allen, die ihn in seiner Blüthezeit auf der Bühne gehört haben, unvergeßlich geblieben sind. Und wenn er an einem Abende durch seinen Alles mit sich fortreißenden Humor das Publicum als Figaro entzückt oder als Caspar in die entgegengesetzte Stimmung versetzt hatte, so spielte er am andern Tage den treuherzigen Hans von Kottwitz in Kleist’s Prinzen von Homburg, oder den Pater Lorenzo in Shakespeare’s Romeo und Julia mit gleicher Vollendung, mit gleicher Wirkung, mit gleicher Hingabe an die gestellte Aufgabe und mit gleicher Achtung vor der Kunst, ohne je nach dem Beifalle der Menge zu ringen.“ Das Theaterleben in seinen Schattenseiten fing an, M. immer unerträglicher zu werden und seine Kunstansichten vertrugen sich immer weniger mit den Grundsätzen, denen der Pächter (seit 1823) und das Publicum huldigten. Zu Anfang des Jahres 1825 trat er in das Privatleben zurück und beabsichtigte vorläufig durch Gesangunterricht einen Schülerkreis sich zu erwerben. Auch der plötzliche Tod seiner Frau, die ihm fünf kleine Kinder hinterließ, machte ihn diesem Vorsatze nicht abwendig. Nachdem er sich durch mehrere Gastrollen in Königsberg eine Summe Geldes erworben, wie er sie für den Anfang seiner neuen Laufbahn nöthig hatte, kehrte er nach Breslau zurück und gründete am 17. Mai 1825 mit einer kleinen Schaar – nur 26 Personen – die Breslauer Singakademie. Am 8. April 1827 trat sie zum ersten Male mit der Aufführung des Messias von Händel an die Oeffentlichkeit. Freilich konnte man es in gewissen Kreisen noch immer nicht überwinden, daß der Künstler, dessen Leporello man auf der Bühne belacht hatte, nun ernste und heilige Musik aufführte! Aber als am 3. April 1830 die Aufführung der Passionsmusik nach Matthäus von Joh. Seb. Bach stattgefunden, verstummten jene Stimmen gänzlich [392] vor der allgemeinen Anerkennung der Tüchtigkeit der Akademie und ihres Directors. Es war dies die zweite Aufführung des Werkes in unserm Jahrhundert; die erste hatte bekanntlich F. Mendelssohn in Berlin am 11. März 1829 veranstaltet.

Nach dem um 1827 erfolgten Ableben des Organisten Berner in Breslau erhielt M. die Musikdirectorstelle an der Universität und die Direction des königl. akademischen Instituts für Kirchenmusik. Hier stand ihm ein Chor der besten Stimmen zu Gebote, denn die Seminarien beider Confessionen lieferten ihm die Männerstimmen, die besten Sängerknaben aus Schulen und Gymnasium die hohen Stimmen. M. kam daher nie in die allen Gesangvereinen so oft verderbliche Noth der Männerstimmen, denn anfänglich gewann er sie durch seine liebenswürdige Persönlichkeit und später drängte sich alles, was nur sang, an ihn heran. Es war eine Pracht, seinen Chor zu hören und ebenso interessant und belebend, unter seiner Direction ein Werk einzustudiren. Seine Thätigkeit griff immer mehr und mehr in die Musikverhältnisse Breslau’s ein. Schon 1823 hatte er an der Stiftung der Liedertafel Theil genommen und blieb bis zu seinem Ende ihr Dirigent. Im J. 1833 gründete er den „musikalischen Cirkel“; einen Verein für Opern- und Kammermusik, der sich wöchentlich versammelte und vier Mal im Laufe des Winters Aufführungen vor den Mitgliedern und Eingeladenen veranstaltete. Hier wurden die nie oder nur noch selten auf der Bühne erscheinenden älteren Opern von Mozart, Gluck, auch Salieri, Cimarosa, Cherubini theils ganz, theils einzelne Sätze und Scenen daraus aufgeführt. Ebenso wurde dort das deutsche Lied gepflegt und die Löwe’schen Balladen, welche M. selbst vortrefflich vortrug, bestanden hier die erste Feuerprobe. So bildete M. lange Jahre den Mittelpunkt, um den das ganze Musiktreiben Breslau’s sich drehte und von dem Anregung und Anfeuerung nach allen Seiten hin ausging. Obgleich er keinen anderen Unterricht als den im Gesang ertheilte, hat er doch manchen jungen Mann zum Künstler herangebildet, nicht durch theoretische Lehren, sondern durch seinen allanregenden Umgang und ihm fällt ein gut Theil von dem Verdienst zu, daß wir uns heute im Besitze der Werke eines Händel und Bach befinden. Sein Streben, diese beiden Heroen gewürdigt zu sehen, fand er nicht ganz in den von ihm geleiteten Aufführungen befriedigt, sondern er griff noch zum Worte, schrieb Zeitungsartikel mit einer in Feuer und Flamme getauchten Feder und gab auch manche Brochüre heraus. So z. B. 1845: „Johann Seb. Bach in seinen Kirchen-Cantaten“, 1852: „J. S. Bach’s Matthäuspassion.“ Auch den gedruckten Textbüchern zu den Oratorien, die er aufführte, gab er stets Einleitungen, welche das Werk historisch und ästhetisch beleuchten und von nachhaltigem Werth sind. Rüstig bis in sein hohes Alter und die Fäden der Breslauer Musikausübung fest in der Hand haltend, wirkte er mit wahrer Jugendkraft bis zu seinem Tode. 1858 begab er sich mit seiner noch jugendlichen Frau zweiter Ehe während der akademischen Ferien auf eine Reise nach der Schweiz in voller Kraft und Lebenslust, doch schon in Schaffhausen ereilte ihn ganz plötzlich am 15. September (1858) der Tod. Seine letzten Worte waren: „Ach meine Singakademie!“ Die Mitglieder der Singakademie haben sich aber ihres Gründers und langjährigen Leiters als würdig erwiesen und die Besten der tüchtigen Dirigenten erwählt, die sie auf gleicher Höhe hielten, anfänglich den heute in Leipzig lebenden Musikdirector Karl Reinecke, dann den Gründer des Schweriner Domchores, Musikdirector Julius Schaeffer.

Nekrolog, Niederrheinische Musikzeitung von L. Bischoff, Bd. VI, 307, und die Brochüre: Erinnerungen an E. Th. M., Breslau 1859 (von E. F. Baumgart).