ADB:Meyer, Hermann von

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Artikel „Meyer, Christian Erich Hermann von“ von Wilhelm von Gümbel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 561–564, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Meyer,_Hermann_von&oldid=- (Version vom 31. Oktober 2020, 02:16 Uhr UTC)
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Meyer: Christian Erich Hermann v. M., Bundestagscassirer und hochangesehener Paläontologe, wurde am 3. September 1801 zu Frankfurt a. M. geboren, wo sein Vater, ein gewiegter Jurist, die Würde eines Bürgermeisters und bevollmächtigten Gesandten bei dem Bundestag bekleidete. Eine äußerst sorgfältige Erziehung legte in M. den Grund zu einer allseitigen Bildung in allen Wissenszweigen, insbesondere jedoch zeigte sich schon in früher Kindheit, in der M. durch ein körperliches Gebrechen an den Füßen von den Spielen der Jugend abgehalten und mehr auf sich selbst angewiesen war, eine entschiedene Neigung zu mechanischen Arbeiten und Beschäftigungen mit naturwissenschaftlichen Gegenständen. Später begann er gemeinschaftlich mit seinem Jugendfreunde Friedrich Wöhler, dem später so berühmten Chemiker, mit dem er bis zu seinem Tode durch innigste Freundschaft verbunden blieb, autodidactisch sich mit chemischen Versuchen und Experimenten zu beschäftigen. Diese Vorliebe zu naturwissenschaftlichen und besonders chemischen Studien reifte in M. den Entschluß, sich dem montanistisch-cameralistischen Fache zuzuwenden und zu seinem Lebensberufe insbesondere das Hüttenfach zu wählen. Mit reichem Wissen und großem praktischem Geschicke ausgestattet betrat er zuerst diese Laufbahn bei einer Glashütte bei Bieber. Auf Wunsch seines Vaters verließ M. jedoch bald wieder diese Stelle, um in Frankfurt in einem Bankgeschäfte sich weiter praktisch auszubilden. Behufs Fortsetzung der begonnenen cameralistischen Studien bezog M. alsdann zuerst die Universität Heidelberg, wo er mit C. v. Leonhard, [562] Bronn und Gmelin in regem Verkehr stand, und ging hierauf nach München, wo er unter der Leitung von N. v. Fuchs und v. Kobell in allem Eifer sich mit Mineralogie beschäftigte, zugleich aber auch durch regen Verkehr mit Künstlern seinen Kunstsinn förderte. In seine Vaterstadt 1825 zurückgekehrt, fand M. zuerst in der Ordnung der mineralogischen und paläontologischen Sammlungen des Senckenbergischen Museums eine seiner Neigung entsprechende Beschäftigung. Um diese Zeit begann M. mit seinen ersten wissenschaftlichen Publicationen über sehr verschiedenartige, meist mineralogische, chemische und physicalische Gegenstände in Kastner’s Archiv für Naturlehre und Leonhard’s Zeitschrift für Mineralogie. Dazwischen fallen einzelne Untersuchungen über fossile Thierknochen, z. B. über fossile Ochsenschädel, deren sorgfältige und exacte Ausführung ihm gleich von vornherein die volle Anerkennung der Fachgelehrten verschaffte. Ein kurzer Aufenthalt in Berlin im Sommer 1827 erweiterte durch den Umgang mit seinem Schwager, dem Philosophen Hegel und durch den persönlichen Verkehr mit Al. v. Humboldt beträchtlich den Kreis seiner wissenschaftlichen Anschauungen und förderte ihn unter Bettina v. Arnim’s Führung auch auf dem Gebiete der Kunst wesentlich. Ein an ihn von einem Nürnberger Kaufmann ergangener Auftrag zur Herstellung einer Glasmalereianstalt entführte M. nur zu rasch seinem Berliner Aufenthalte schon gegen Ende 1827 und gab ihn wieder der Praxis zurück. Trotz großen Schwierigkeiten löste M. die ihm gestellte Aufgabe glänzend. Mehrere Glasgemälde im Regensburger Dom, die nach Schnorr’s Carton von Meyer’s Hand hergestellt worden sind, legen Zeugniß ab von der Leistungsfähigkeit der von ihm neu errichteten Anstalt. Mißhelligkeiten mit dem Besitzer derselben lösten rasch das eingegangene Verhältniß und M. kehrte wieder zu seinen nunmehr fast ausschließlich paläontologischen Arbeiten in seine Vaterstadt zurück, um sich durch zahlreiche von jetzt an rasch aufeinander folgende Publicationen in Bezug auf die Kenntniß fossiler Reptilien- und Säugethierüberreste bald zu einer ersten Autorität in Deutschland emporzuschwingen. Alle, welche sich mit derartigen Untersuchungen beschäftigten, holten sich bei M. Rath und so kam es, daß fast alle Erfunde dieser Art in Deutschland in Meyer’s Hände gelangten und von ihm auf das Sorgfältigste untersucht worden sind, wobei er sich der überaus erfolgreichen Methode bediente, alles Gesehene durch Herstellung exacter Zeichnungen, die er meisterhaft anzufertigen verstand, festzulegen, und für spätere Vergleichungen nutzbar zu machen. Als Frucht seiner umfassenden Detailstudien erschien 1832 als selbständiges Werk ein systematisches Verzeichniß der bis dahin bekannt gewordenen fossilen Reptilien, Vögel und Säugethiere, begleitet von einer mit Geist und Verständniß geschriebenen Betrachtung über die Frage der Entstehung und Entwicklung der Organismen und von einer übersichtlichen Schilderung der Versteinerungen führenden Schichten der Erde unter dem Titel „Palaeologica zur Geschichte der Erde und ihrer Geschöpfe“[WS 1]. Schon 1833 folgte in den „Tabellen der Geologie“ eine meisterhafte Schilderung der Anordnung, in welcher die an der Zusammensetzung der Erdrinde betheiligten Gesteine nach ihren organischen Einschlüssen gefunden werden. Meyer’s Ansehen war in seiner Vaterstadt bereits so gewachsen, daß sie ihn 1834 zum Mitgliede der ständigen Bürgerrepräsentation wählte, wogegen M., um sich eine gesicherte und unabhängige Lebensstellung zu verschaffen, 1837 die Stelle eines Controlleurs bei der deutschen Bundescassenverwaltung annahm, welche ihm Zeit und Muße genug übrig ließ, seiner wissenschaftlichen Neigung nachzugehen. Dieser Zeitperiode entstammen Meyer’s hervorragendste, größere Publicationen, wie z. B. die mit prachtvollen Zeichnungen ausgestatteten Werke: „Beiträge zur Paläontologie von Württemberg“ (gemeinschaftlich mit Plieninger); ferner: „Zur Fauna der Vorwelt“ in 5 Abth. 1845–1858, und die mit Dunker 1846 gegründeten [563] „Palaeontographica“, ein Sammelwerk für alle Zweige der paläontologischen Wissenschaft, welches jetzt noch fortgesetzt wird und unter Meyer’s Leitung bis zum 17. Bande gediehen war. Die Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen war eine allgemeine. Die Universität Würzburg verlieh ihm den Doctorhut und mehrere Akademien, wie jene in München, Wien und Harlem zeichneten ihn in die Liste ihrer Mitglieder ein. Die Universität Göttingen trug ihm 1860 sogar den Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie an, den er aber, um unabhängig seinen Studien leben zu können, ablehnte. Unablässig und unermüdlich arbeitete M. weiter, selbst nachdem er 1863 zum Bundestagscassirer befördert worden war und ihm schwerere dienstliche Verrichtungen oblagen. Der Auflösung des Bundestages folgte seine Versetzung in den Ruhestand, dessen Muße er jedoch nur kurze Zeit genoß, indem er am 2. April 1869 in Folge eines Schlaganfalls inmitten seiner Thätigkeit den ihrer Vollendung harrenden zahlreichen Arbeiten durch den Tod entrissen wurde. Meyer’s großartige und unermüdliche Thätigkeit auf wissenschaftlichem Gebiete läßt sich nach den zahlreichen, theils als selbständige Werke, theils in den verschiedenen Fachzeitschriften erschienenen Publicationen, deren Zahl mehr als 300 beträgt, am besten bemessen. Sie alle tragen den Stempel einer nach exacter Methode vorgenommenen, mit außergewöhnlicher Sorgfalt, umfassender Sachkenntniß und großem Scharfsinn durchgeführten Arbeit an sich und gewinnen dadurch noch erhöhten Werth, daß sie meist mit meisterhaft ausgeführten, naturgetreuen, nach Tausenden zählenden Abbildungen versehen sind. Es hält schwer, unter diesen umfangreichen Publicationen außer den schon genannten noch besonders hervorragende einzelne hier namhaft zu machen. Wir verweisen in dieser Beziehung auf das genaue Schriftenverzeichniß in Zittel’s Denkschrift auf H. v. Meyer, München 1870. M. war Anhänger der Theorie der Urzeugung von niederen Pflanzen und Thieren und hielt an der Beständigkeit der Art fest, die er durch scharfe und feste Diagnose abzugrenzen verstand. Dagegen bestritt er auf Grund reicher Erfahrungen gegen Cuvier’s Ansicht die Zulässigkeit, nach der Analogie einzelner Theile auf die Organisation des Ganzen richtige Schlüsse zu ziehen, ebenso wie auch die Annahme einer periodenweise stattgefundenen Vernichtung und der plötzlichen Neuerschaffung der Arten, ohne sich jedoch mit Entschiedenheit für die Lehre Darwin’s auszusprechen oder ihr zu widersprechen. Er huldigte der aus sich selbst geschöpften Ansicht, daß jeder Organismus sich nach gewissen Gesetzen entwickelt und daß die Art prädestinirt die Bedingungen in sich selbst trage, demgemäß sie nach gewisser Zeit absterbe, um neuen Nachkommen Platz zu machen. Obwol M. sich vielfach auch mit Untersuchung von niederen Thieren, namentlich den Ueberresten von Krebsen, Crinoideen, Kephalopoden und Fischen beschäftigte, so beziehen sich doch seine hervorragendsten Leistungen auf Reptilien, namentlich der Trias- und Jurabildungen und insbesondere auf Säugethiere. Die bezüglichen Abhandlungen in verschiedenen Publicationen, insbesondere in den fünf Abtheilungen des erwähnten Werkes „Fauna der Vorzeit“ gehören zu den grundlegenden auf diesem Gebiete, welchen Bronn das Zeugniß gibt, daß sie ein Muster von Gründlichkeit, erschöpfender Vollständigkeit und ängstlicher Genauigkeit wären, denen sich weder in Frankreich noch in England etwas Aehnliches über fossile Wirbelthiere zur Seite stellen könne. Am erfolgreichsten hat M. zur Förderung der Paläontologie in Deutschland durch das schon erwähnte in fortlaufenden Bänden herausgegebene Prachtwerk: „Palaeontographica“, in welchem er selbst über 100 eigene inhaltsreiche Abhandlungen zur Veröffentlichung brachte, beigetragen. Auch seine zahlreichen Mittheilungen in Leonhard’s und Bronn’s Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie und Petrefactenkunde sowie die Beiträge zu Bronn’s „Nomenclator zoologicus“ und „Index palaeontologicus“, für welche [564] M. die Thierklasse der fossilen Säugethiere, Vögel und Reptilien bearbeitete, beweisen, daß M. auf diesem Felde in Deutschland unbestritten die umfassendsten Kenntnisse besaß. Meyer’s Arbeiten stellen sich denen des berühmten französischen Anatomen Cuvier würdig zur Seite, überragen sie sogar in Bezug auf die Treue und Genauigkeit der bildlichen Darstellungen, welche bei Cuvier Manches zu wünschen übrig lassen. Der große Umfang seiner Leistungen läßt sich darnach bemessen, daß etwa zwei Dritttheile aller bis jetzt in Deutschland bekannt gewordenen fossilen Säugethier-, Vögel- und Reptilienreste entweder von ihm entdeckt oder beschrieben oder doch zuerst erschöpfend untersucht worden sind. Daher wird Meyer’s Name unvergeßlich unter den ersten derjenigen Männer genannt werden, welchen der Aufschwung der jungen Wissenschaft der Paläontologie seine glänzenden Erfolge zu verdanken hat.

Zittel, Denkschrift auf Ch. E. Herm. v. Meyer, München 1870.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: noch einmal „Geschichte“