ADB:Konrad von Mure

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Artikel „Mure, Meister Konrad von“ von Georg von Wyß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 57–58, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Konrad_von_Mure&oldid=- (Version vom 4. Dezember 2020, 13:01 Uhr UTC)
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Mure: Meister Konrad von M., Chorherr und Cantor am Großmünsterstift in Zürich; † 30. (nicht 29.) März 1281. – Der Name dieses für seine Zeit gelehrten Mannes und fruchtbaren Schriftstellers ist verschieden gedeutet worden. Am wahrscheinlichsten ist, daß er die Herkunft des Meisters aus dem aargauischen Orte Mure (heute: Muri) bezeichnet, da M. in persönlichen Beziehungen zum Kloster Muri und zum Grafen, nachmals Könige Rudolf von Habsburg erscheint, der Muri’s geborner Schirmvogt war. M. war um den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts geboren, bildete sich zum Geistlichen, wurde, vermuthlich in Bologna oder Paris, Doctor decretorum, scheint schon 1233 eine Pfründe am Großmünsterstifte in Zürich bekleidet zu haben, wo er 1244 als „Rector puerorum“ genannt wird, und erhielt am 1. Mai 1259 vom Propst und Capitel die jetzt geschaffene Stelle eines Cantors am Stifte („scholas et chorum collegii legendo et cantando regat“), - die er bis zu seinem Tode bekleidete, den Titel sichtlich schätzend. M. wurde in der St. Mariencapelle des Stiftes (unter der St. Michaelscapelle) begraben, wo noch 1428 der damalige Cantor, Meister Felix Hemmerlin (A. D. B. Bd. XI, 721), die Grabschrift Mure’s erneuern ließ. Denn Hemmerlin schätzte M. als den einzigen ihm bekannten gelehrten Vorfahr am Stifte hoch, studirte fleißig dessen hinterlassene Schriften durch welche die Stiftsbibliothek namhaften Zuwachs erhalten hatte, und bewahrte uns davon in seinen eigenen Werken Stücke auf. M. selbst zählt in einem seiner Werke, dem Fabularius, seine Schriften nach Zahl und Reihenfolge auf; alle, mit Ausnahme des Fabularius, in Versen (gewöhnlichen Hexametern, oder leoninischen Versen) verfaßt. Er nennt sie wie folgt: 1) Novus Graecismus, ca. 10500 Verse; 2) De naturis animalium, metrice; 3) Libellus de sacramentis, ca. 4000 Verse; 4) Passio scm. Felicis et Regule, ca. 3000 V.; 5) Libellus de propriis nominibus fluviorum et montium, ca. 1500 V.; 6) Cathedrale Romanum, ca. 1130 V.; 7) Laudes b. Virginis, ca. 300 Verse; 8) Clipearius Theutonicorum, 160 Verse; 9) Catalogus Romanorum Pontificum et Imperatorum, ca. 1640 Verse; 10) Commendatitia Rudolfi regis Romanorum, ca. 800 Verse; 11) Fabularius, und im Nachtrage zu einer Handschrift der letztgenannten Schrift: 12) De vita b. Martini, ca. 1700 Verse, und 13) De victoria [58] regis Rudolfi contra Ottokarum regem, ca. 1800 Verse; zusammen also über 26500 Verse. – Von diesen Schriften sind Nr. 4–7, 9 und 12 nicht mehr bekannt; doch könnten einige leoninische Verse chronologischen Inhaltes bei Hemmerlin aus Nr. 9 stammen. Leider ist auch Nr. 13, das historisch bedeutendste Stück, nicht mehr bekannt. Im sechszehnten Jahrhundert scheint es noch vorhanden gewesen zu sein; denn Wurstisen in seiner Baslerchronik Buch I, cap. 3. bezieht sich auf dasselbe und entnimmt demselben u. A. auch die (also von M. selbst herrührende) Angabe, daß Meister Konrad die jüngste Tochter des Grafen Rudolf von Habsburg, Guota, die nachmalige Königin von Böhmen, aus der Taufe gehoben habe. Vielleicht daß Hemmerlin auch dieser, ihm jedenfalls bekannten Schrift Einzelnes entnahm. Dagegen sind Nr. 1–3, nach Mure’s Aussage seine frühesten Schriften, handschriftlich vorhanden (Nr. 1 eine am 7. März 1244 vollendete, später in den Schulen gebrauchte, lateinische Sprachlehre; Nr. 3, um 1259 geschrieben, eine Pastoralanweisung zu Verwaltung der Sacramente). Nr. 8 hat Liebenau bis auf wenige Verse Hemmerlin’s Tractat De nobilitate et rusticitate cap. 29 enthoben und nachgewiesen, daß der Clipearius um 1244–47 geschrieben ist. Von Nr. 10, handschriftlich in Muri, finden sich 256 Verse abgedruckt in den Vindiciae Actorum Murensium, wie schon in des Abtes Dom. Tschudi Origo Murensis mon. Es sind Lobgedichte auf König Rudolf von Habsburg. Nr. 11 endlich, Fabularius, existirt sowohl handschriftlich, als auch in einer von Bertold Roth in Basel um das Jahr 1470 gedruckten Incunabel. M. vollendete dieses Werk, wesentlich eine alphabetisch angeordnete Erklärung der antiken und theilweise der mittelalterlichen Mythologie am 14. Aug. 1273. Im Jahre 1275 schrieb er auch eine „Summa de arte prosandi“ (eine Anleitung zum Briefstellen) und widmete sie dem Abte und Convente von Muri. Rockinger hat die Schrift in den Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte, Bd. IX, 405–482, München 1863, veröffentlicht. Ungewiß ist die von J. H. Hottinger, Biblioth. tig. 97 aus einem kurz vor der Reformation entstandenen Statutenbuche des Großmünsterstiftes enthobene Angabe, daß von M. ein im J. 1260 angelegtes Breviarium chori turicencis herrührte. Mit demselben möchte ein „Calendarium de sanctis“, dessen Neugart (Episc. Const. II 4 91) erwähnt, verbunden (oder identisch?) gewesen sein. Ebenso unsicher bleibt Hottingers Angabe (ib. 158), daß M. auch eine „Genealogia et gesta Caroli Magni“ geschrieben habe. –

K. Geßner, Bibl. univ. Tiguri 1545. – Wurstisen, Basler-Chronik. 1580. (lib 3, cap. 1). Neue Ausg. von 1883 (S. 102). – J. H. Hottinger Schola und Bibioth. tigur. 1664. – Neues schweiz. Museum, V. Jahrg. Basel 1865 (Conrad v. Mure, von P. Gall Morel) – Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwanges, Zürich 1865. – Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1872, Nr. 10 (19. Gall Morel über Mure’s carmen de natura animalium). – Quellen und Erörterungen z. baier. und deutschen Geschichte. Bd. IX, München 1863. – Anzeiger f. schweiz. Geschichte (Solothurn) 1879. S. 205 (F. Fiala über Mure’s De sacramentis) und S. 229 (Th. v. Liebenau: über Mure’s Clipearius Theutonicorum). – (Der Todestag Mure’s war nach Hemmerlin: III Kal. Apr.) –