Zur Säcularfeier von Goethe’s „Iphigenie“

Textdaten
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Autor: Robert Keil
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Titel: Zur Säcularfeier von Goethe’s „Iphigenie“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 250–252
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zur Säcularfeier von Goethe’s Iphigenie.
Ein Erinnerungsblatt zum 6. April.


Mit dem 7. November 1775, dem Eintritt Goethe’s in Weimar, begann jener bedeutsame Zeitabschnitt im Leben unseres Dichters, welchen man mit dem Namen Genieperiode bezeichnet. Heute feiern wir die Erinnerung an die Entstehung der edelsten, herrlichsten Frucht jener Tage, der harmonisch-vollendetsten dramatischen Dichtung Goethe’s, seiner „Iphigenie“.

Unter überschäumenden Freuden und Tollheiten, unter vielfachen Hoffestlichkeiten und anderen Zerstreuungen, unter ernsten Amtsgeschäften, den „unzähligen Plackereien seiner Ministerschaft“, unter umfassenden Studien und mannigfachen poetischen Arbeiten waren die ersten drei Weimarischen Jahre verflossen, doch weder jenes Leben noch diese künstlerischen Productionen konnten dem Dichter, der in den Jahren der schönsten Entfaltung seines Genies stand, genügen. Beim Eintritt in sein dreißigstes Lebensjahr hatte er „wundersam Gefühl und Veränderung mancher Gesichtspunkte“ empfunden. Unter dem Einflusse der Frau, deren Beziehungen zu ihm so verhängnißvoll für sein Leben werden sollten, der Frau Charlotte von Stein, und mit eigener unermüdlicher Selbsterziehung hatte der leidenschaftlich stürmische Dichter allmählich mehr und mehr Mäßigung und Beruhigung gewonnen. Zu Mannesernst sich erhebend, that er, wie er in seinem Tagebuche selbst bekennt, stille Rückblicke auf das Leben, auf die Verworrenheit der Jugend, und erkannte, wie doch des Thuns und des zweckmäßigen Denkens und Dichtens so wenig gewesen sei. Die Pyramide seines Daseins, deren Basis gegründet war, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, diese Begierde überwog (wie er an Lavater schrieb) alles Andere, und er fühlte, daß er nicht säumen dürfe.

Auf den Standpunkt einer geläuterten Lebens- und Kunstanschauung getreten und, wie bei seiner genialen Dichtung „Proserpina“, in antiken Geist und antike Kunst sich vertiefend, schritt er zur Ausführung der Idee der „Iphigenie“, mit welcher er sich bereits seit einigen Jahren getragen. Jenes Monodrama „Proserpina“, welches er später (nach seinem eigenen Geständniß „freventlich“) in die Posse „Die Empfindsamen“ einschaltete, hatte er für die große Künstlerin des fürstlichen Liebhabertheaters, die reizende Corona Schröter, geschrieben, und sie hatte mit ihrer meisterhaften, tief gemüthvollen Darstellung der Proserpina-Mandandane die Intentionen des Dichters zur vollsten, schönsten Verwirklichung gebracht. Den jungen feurigen Dichter und die hellenisch-schöne Künstlerin verband ein von gemeinsamen Kunststudien und Kunstleistungen gefördertes inniges Verhältntiß, das im Jahre 1778 in täglichem Verkehr zu immer herzlicherer, gegenseitiger Liebe wurde. Indem jetzt in Goethe der Plan der „Iphigenie“ zur Ausführung reifte, gestaltete sich dieses neue Drama einerseits – um mich des treffenden Gervinus’schen Wortes zu bedienen – gleichsam zu einer symbolischen Dichtung, in welcher der Dichter, der die Zeit seiner titanischen Unruhe eben überwunden hatte, in der Versöhnung des alten Titanenhauses seine eigene Versöhnung und gewonnene Klarheit besang; andererseits wurde es zu einer poetisch-schönen Verherrlichung der sühnenden und versöhnenden Macht reiner, edler Jungfräulichkeit.

Bei keinem anderen Drama Goethe’s liegt Beginn und Fortschritt der Arbeit so klar vor uns, wie gerade bei „Iphigenie“. An der Hand des von mir („Vor hundert Jahren“, 1. Band, Seite 37 u. flg.) vollständig veröffentlichten Tagebuchs Goethe’s aus der Genieperiode und mit Hülfe seiner damaligen Briefe läßt sich die Entwickelung dieser Dichtung von Tag zu Tag, von Act zu Act verfolgen.

Am Morgen des 14. Februar 1779 begann Goethe dieselbe. „Früh ‚Iphigenie’ angefangen dictiren,“ bekundet seine Tagebuchsnotiz von diesem Tage. Den ganzen Tag brütete er über „Iphigenien“, „daß ihm der Kopf ganz wüst war“. Er ließ sich Musik kommen, „die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden“. Unter den mannigfachsten Geschäften und Störungen suchte er in den nächsten Tagen die Dichtung zu fördern, indem er in der obern Etage seines Gartenhauses am Park bald dictirte, bald selbst an jenem einfachen, schmucklosen Stehpult schrieb, das ich als theuere Reliquie bewahre. Aus den Banden der Protokolle und Acten löste sich dort seine Seele nach und nach durch die lieblichen Töne der Musik; durch ein Quartett nebenan in der grünen Stube „rief er die fernen Gestalten leise herüber“. Während er aber „an ‚Iphigenien’ träumte“, mußte er in eben diesen Tagen der Kriegscommission und der Conseilsitzung beiwohnen, mußte die Aushebung der jungen Mannschaft zum Kriegsdienst besorgen und am 28. Februar zur Fortsetzung dieser Geschäfte und zur Straßeninspection eine Reise nach Jena, Dornburg, Apolda, Buttstädt und Allstädt antreten. Doch er nahm die angefangene Dichtung mit. Schon am Abend des 1. März, im Jenaer Schloß, konnte er sie still fortsetzen, und in den folgenden Tagen, bei seinem Aufenthalt in Dornburg,“ dem reizenden Punkte des Saalthals, „sperrte er sich in das neue Schloß, um an seinen Figuren zu posseln“, und freute sich, daß das Stück „sich formte und Glieder kriegte“. Während der nächsten Tage, bei Rekruten-Aushebung, Kinderlärm und Hundegebell zu Apolda, kam er aus aller Stimmung; dort war kein Heil, und an Freund Knebel, dem er die Rolle des Königs Thoas zugedacht hatte, schrieb er von dort den originellen Brief:

„Ehrlicher alter König, ich muß Dir gestehen, daß ich als ambulirender poëta sehr geschunden bin, und hätte ich die paar schönen Tage in dem ruhigen und überlieblichen Dornburger Schlößchen nicht gehabt, so wäre das Ei halb angebrütet verfault.“

Auch in Buttstädt wieder Mannschafts-Auslesung, dann aber stieg Goethe „in seine alte Burg der Poesie und kochte an seinem Töchterchen“, und in Allstädt, am 9. bis 11. März, war es ihm, nachdem die täglichen Straßenbesichtigungen und Rekruten-Aushebungen vorüber waren, am Abend vergönnt, die fertigen drei ersten Acte „zusammenzuarbeiten“. Nach Weimar zurückgekehrt, las er schon am 13. März dem Herzog Karl August und dem gemeinsamen Freunde Knebel diese drei ersten Acte vor und besorgte schon Tags darauf Abschrift der Rollen. Am 15. März sandte er an Knebel die drei ersten Acte, um sie Herder und von Seckendorf mitzutheilen. Er selbst ritt, abermals in Wege- und Militärangelegenheiten, am 16. März nach Ilmenau und besuchte die ihm so lieben Punkte der dortigen Umgegend. Auf einem der schönsten, hoch oben auf dem Schwalbenstein, weilte er am 19. März allein und schrieb in tiefster Waldeinsamkeit, bei Waldesrauschen und Vogelsang, den hochpoetischen, erschütternden vierten Act.

Nach der Rückkehr in sein trauliches Gartenhaus zu Weimar dichtete er dort den fünften Act und beendigte, während er laut seines Tagebuchs „diese Zeit her wie das Wasser klar, rein und fröhlich war“, am Abend des 28. März sein Drama „Iphigenie“.

Schon am folgenden Tage las er es in Tiefurt vor, und die Wirkung war eine tiefergreifende. War und ist es auch nicht im antiken Geiste der Euripideischen Iphigenie gedichtet, zeigt es vielmehr vielfach eine moderne, echt deutsche Gefühlsanschauung, ein Vorwalten der Empfindung, so leidet Goethe’s Drama doch andererseits auch nicht an den Fehlern des großen griechischen Dichters und ist menschlicher, sittlicher. Mit edler Kunst, die den Geist des Alterthums in idealer Reinheit und Schöne sich anzueignen sucht, feiert es die sühnende Macht reiner schöner Menschlichkeit in antik einfacher Handlung, in vollendetster harmonischer Einheit und ist, wie Schiller es bezeichnete, ein seelenvolles Product voll Milde und Friede. Und war auch diese wundervolle Dichtung damals in Prosa geschrieben, so floß doch diese Prosa so melodisch, daß bereits die Verse hindurchklangen; sie gefiel den weimarischen Freunden des Dichters sogar besser, als die spätere poetische Umgestaltung.

Rasch schritt man zur Vorbereitung der Ausführung. Goethe selbst übernahm die Rolle des Orest, Prinz Constantin die des Pylades, von Knebel die Rolle des Königs Thoas, Seidler die des Arkas; die Rolle der Iphigenie aber übernahm sie, die Meisterin in Darstellung heroisch-tragischer Rollen, die Künstlerin von echter jungfräulicher Hoheit, die den Dichter zum reinen Ideal der Priesterin Diana’s begeistert hatte, die ihm bei der Dichtung vorgeschwebt, die ihm Farben und Züge geliehen, für die er seine Iphigenie gedichtet hatte: Corona Schröter.

Schon am 6. April 1779, dem Osterdienstag, nur neun Tage nach Vollendung der letzten Scene, sollte die Aufführung in [251] Ettersburg stattfinden. Das Lustschloß Ettersburg und die dasselbe umgebende Waldung waren damals eine der Lieblingsstätten des fürstlichen Liebhabertheaters. „Es ist doch, das weiß Gott! ein schönes Leben so in Wald, Berg und Thal! Unsere beste Herzogin ist hier auch wohl und vergnügt“ – schrieb die Hofdame der Herzogin Amalie, Fräulein von Göchhausen, an Goethe’s Mutter.

In engen Hütten und im reichen Saal,
Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Thal,
Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht,
Und unter dem Gewölb’ der hohen Nacht

wurde, wie Goethe singt, den Musen dramatischer Kunst gehuldigt. Im jungen Buchenwäldchen in der Nähe des Schlosses war eine in frisches Grün gehauene Bühne, der „Komödienplatz“ hergerichtet. Kurzverschnittenes Gebüsch bildete die Coulissen; Wiesen und Bäume waren die natürliche Decoration; ein hohler Baum stellte den Souffleurkasten vor. Dort auf der Waldbühne, unter freiem Himmel, bei Fackelschein, Gesang und Hörnerklang wurde in genialem Humor gespielt. Noch jetzt veranschaulicht ein im Ettersburger Schloß aufbewahrtes Gemälde mit Portraitfiguren von Goethe und Corona Schröter eine solche Vorstellung der Einsiedel’schen Zigeuner-Operette „Adolar und Hilaria“ auf der Waldbühne. Noch jetzt lassen sich Spuren der letzteren in der Waldung auffinden. Noch jetzt trägt in dem Buchenwalde die Rinde des Stammes einer einst prächtigen, später vom Blitz zerstörten Buche die eigenhändig eingeschnittenen Namen der Genossen jener fröhlichen Ettersburger Tage. Aber auch in einem Seitenflügel des Schlosses, in demjenigen Saale, in welchem sich jetzt die Waffensammlung befindet, war eine Bühne hergerichtet. Hier war es, wo am 20. October 1778 Goethe’s „Jahrmarkt von Plundersweilern“ zum allgemeinen Ergötzen aufgeführt wurde; hier, wo später, am 18. August 1780 Goethe’s Bearbeitung von Aristophanes’ Vögeln zu drolliger Aufführung gelangte. Dieser Saal, diese Bühne waren es auch, welche durch die erste Aufführung der „Iphigenie“ für immer geweiht wurden.

Am 6. April 1779 fand sie statt, und die Wirkung war eine gewaltige, ja geradezu überwältigende. Der Dichter selbst war außerordentlich erfreut über die „gar gute Wirkung davon, besonders auf reine Menschen“; man thue Unrecht, meinte er, an dem Empfindens- und Erkennungsvermögen der Menschen zu zweifeln. Goethe, der beim Bühnenspiel in Augen, Geberden und Ton, in Allem seiner lebhafter Mutter glich, zeichnete sich hier bei der Darstellung seines eigenen Helden durch wundervoll bewegtes, begeistertes Spiel aus. In seinem griechischen Costüm erschien er hinreißend schön; man glaubte einen Apoll zu sehen. Noch nie erblickte man eine solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit und Schönheit, wie damals an Goethe. Und Corona Schröter, mit ihrer schlanken, durch das griechische Gewand noch mehr gehobenen Gestalt, mit ihrem gemüthvollen, schön gemäßigten Spiel, ihrer meisterhafter Mimik und Declamation, mußte in Darstellung der hohen, edlen Seele der Jungfrau Jeden zur Bewunderung fortreißen; sie spielte nicht nur, sie war Iphigenie. Sie war die heilig ernste Priesterin, die innig fühlende Schwester, die klar besonnene, mild edle Jungfrau, die im erschütternden Conflict der Pflicht und Neigung nur der Stimme des reinen Innern folgt. In Bewunderung ihrer Schönheit und ihrer Kunst sang Goethe von ihr:

Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,
Vollendet nun, sie ist’s und stellt es vor;
Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.

Schiller, dem sie im Jahre 1787 Goethe’s Iphigenie nach dem ersten Manuscript vorlas, ward noch davon entzückt, und noch zur Zeit ihres Todes 1802 erinnerten sich die Kunstfreunde in Weimar ihres schönen Spiels als Iphigenie, des Junonischen in ihrer Gestalt, der Majestät in Wuchs und Geberden, welche sie zur Priesterin Dianens berufen hatten. Sie, die seit ihrer Darstellung der Iphigenie Allgefeierte, pflegte seitdem auch außer der Bühne eine dem griechischen Gewande sich annähernde Kleidung zu tragen.

Goethe und Corona Schröter feierten bei jener Darstellung vom 6. April 1779 den höchsten Triumph. Sie waren, wie Ad. Stahr sie treffend bezeichnet, das schönste Menschenpaar, das jemals zusammen auf den Brettern in einer so ganz dem Ideale angehörenden dichterischer Schöpfung zur Verkörperung großer Gestalten gewirkt hat.

Der tiefe Eindruck, welchen die Dichtung und deren Darstellung gemacht, spiegelt sich auch in den reizenden Briefen wieder, welche die Herzogin Amalie und ihre geistreiche Hofdame von Göchhausen darüber an die gute Frau Rath nach Frankfurt schrieben. In meinem Buche „Frau Rath“ habe ich diese in meinem Besitz befindlichen Briefe treu nach den Originalen und mit all der seltsamen Orthographie der letzteren mitgetheilt.

So schrieb am 12. April 1779 Fräulein von Göchhausen an Goethe’s Mutter: „Daß der Herr Doctor seiner Schuldigkeit gemäß seine treffliche ‚Iphigenie’ wird überschickt haben, oder noch schickt, hoffe ich gewiß. – Ich will mich also alles Geschwätzes darüber enthalten und nur so viel sagen, daß er seinen Orest meisterhaft gespielt hat. Sein Kleid, sowie des Pylades seins war Grigisch, und ich hab ihm in meinem Leben noch nicht so schön gesehn. Ueberhaupt wurde das ganze Stück so gut gespielt – daß König und Königin hätten sagen mögen: Liebes Löbchen (Löwchen), brülle noch einmal. Heute wird’s wieder aufgeführt, und so herzlich ich mich darauf freue, so glauben Sie mir, daß ich sehr seelig seyn würde, wenn ich den Mütterlichen Herzen meinen Platz geben könnte.“

Die Herzogin schrieb am 21. April 1779 nach Frankfurt. „Der dritte Feyertag ist glücklich vorbey gegangen, wovon Tusnelde Ihnen Beschreibung gemacht hat. Kurz darauf ist es wiederholt worden und mit dem nähmlichen Beyfall, ich dencke, daß er Ihnen das ganze Stück schiecken wird, und da werden Sie selbst ersehen, wie Schön und vortrefflich es ist und wie sehr seiner würdig;“ und Thusnelda (Fräulein von Göchhausen) schrieb am 21. Mai 1779 an Frau Rath: „Iphigenie“ würd doch nun endlich angekommen seyn? wenigstens hab ich den Doctor (Goethe) und Philipp (Seidel) tagtäglich dazu angemanth, und wie ich nicht anders weiß, hat sie schon lang ihre Wanderung angetreten. Das wird wieder einen seeligen Tag geben, wenn ihr so dazusammen sitzen und euch daran freuen werdet. Daß aber nur die Gesundheit vom Doctor in den besten und ältesten Wein dabey getrunken wird. – Er und seine ‚Iphigenie’ verdienens gewiß.“ Am 12. April wurde die Vorstellung mit derselben Rollenbesetzung wiederholt, und am 12. Juli 1779, beim Besuche des scharfsinnigen Kritikers und Freundes Merck, wurde das Drama wieder in Ettersburg gespielt, doch mit der Aenderung, daß statt des Prinzen Constantin dessen Bruder, der Herzog Karl August, die Rolle des Pylades übernommen hatte. – Das hatte ihm – bemerkte Goethe in sein Tagebuch – ein Vergnügen gemacht, die Rolle des Pylades zu lernen. Die beiden Busenfreunde, Dichter und Fürst, wirkten als Orest und Pylades auf der Bühne.

Des Riesenfortschritts, welchen Goethe und durch ihn die deutsche Poesie mit diesem Drama gemacht hatte, war man sich in Weimar wohlbewußt. Deshalb ließ man auch in Tiefurt bei der Aufführung von „Minervens Geburt, Leben und Thaten“, dem Festspiele zu Goethe’s Geburtstage am 28. August 1781, neben dem Namen „Faust“ den Namen „Iphigenie“ in Feuertransparent erglänzen. –

In Italien vollzog Goethe, erhöhter edler Kunstanschauung folgend, die Umarbeitung seines Dramas; er bildete dasselbe in schöne Verse um, ohne aber die Charaktere, den Gang der Handlung, überhaupt das Wesen seiner herrlichen Dichtung zu ändern. – Später wurde der Dichter an diese Zeit mit den sinnigen Versen erinnert:

„Italiens Lüfte weh’n Dich wieder an.
Du fährst auf’s Meer, in Gondeln von Venedig,
Und still am Ufer gehst Du Abends wieder,
,Das Land der Griechen mit der Seele suchend.’
Da steigen die Gestalten alter Welt,
Aus linder Nacht, im Geiste vor Dir auf.
Du siehst Orest, siehst Iphigenie
Sich freundlich Dir gesellen; Göttern gleich
Ist ihrer Rede Anmuth. Du vernimmst
Sie gern, zu Wechselworten froh gewendet.
So gehst Du, still beseligt, am Gestade,
Bis Dich des Fischers, des rückkehrenden,
Gesänge hold erwecken, wo Du bist.“

Sein Freund Eckermann war es, der ihm am Abend des 7. November 1825 diese Verse widmete. Es war Goethe’s goldener Jubeltag. Zur Festvorstellung in dem aus Schutt und [252] Asche eben neu erstandenen Hoftheater war vom Herzog Karl August die „Iphigenie“ gewählt worden. Als Goethe in seiner Loge erschien, lief die frohe Kunde. „Er ist da!“ durch alle Reihen, wirkte wie ein elektrischer Schlag auf Schauspieler und Zuschauer zugleich und rief den lautesten Applaus hervor, der sich endlos wiederholte, als der aufgezogene Vorhang statt des erwarteten Haines Iphigeniens einen festlich decorirten Saal und im Vordergrunde rechts Goethe’s Büste auf lorbeerumkränztem Postamente erblicken ließ. Frau Seidel sprach einen vom Kanzler von Müller gedichteten schwungvollen Prolog, der mit den Versen schloß:

„So schwebt auch uns ein neuer Tag hernieder,
Es grüßt die Kunst die heil’gen Bilder wieder,
Zu kühnstem Streben öffnen sich die Schranken,
Nur durch ihn selbst laßt uns ihm würdig danken!“

Und hieran schloß sich eine treffliche, begeisterte Aufführung des Meisterwerkes „ Iphigenie“ mit der talentvollen Karoline Jagemann in der Titelrolle.

Aber Karl August ließ es auch hierbei nicht bewenden. Er hatte einen zierlichen Festabdruck der „Iphigenie“ veranstaltet, ließ einige Prachtexemplare desselben dem Dichter überreichen und erfreute auch die Freunde des letzteren durch Zusendung von Exemplaren. Auch Goethe selbst gab dergleichen Exemplare an Freunde und Verehrer; dasjenige meines Oheims, seines Privat-Secretärs, liegt vor mir mit der eigenhändigen Widmung des Dichters: „ Herrn Bibliotheks-Sekretär Kräuter, in Erinnerung des 7. Novembers 1825. Goethe.”

So diente „Iphigenie“ zur Feier des goldenen Tages ihres Dichters, und in der That, das „Töchterchen“ war und blieb allezeit bis in sein höchstes Alter das Herzenskind ihres Vaters. Im Jahre 1817 schrieb ihm sein Freund Zelter von Berlin aus, unter dem frischen Eindruck einer dortigen Aufführung des Dramas, die schönen, sinnigen Worte: „Wer nicht wüßte, wie er Dich lieben soll, mag die ‚Iphigenie’ sehen; alle Wahrheit und Güte der Natur hat sich über dies Stück ausgegossen; es sind Menschen, an denen man die Menschheit, ja sich selbst verehrt, ohne sich geschmeichelt zu finden;“ und Goethe erwiderte ihm: „Durch die guten Worte, womit Du ‚Iphigenien’ so treulich ehrest, sei mir gleichsam gelobt und gepriesen.“

Als im Jahre 1827 der bedeutende Schauspieler Krüger nach Weimar kam und den Orest spielte, war es dem Dichter unmöglich, der Vorstellung, wie er wohl wünschte, beizuwohnen. „Was soll mir,“ schrieb er an Zelter, „die Erinnerung der Tage, wo ich das alles fühlte, dachte und schrieb?“ Doch er übersandte dem Künstler das Drama mit den Versen:

„Was der Dichter diesem Bande
Glaubend, hoffend anvertraut,
Werd’ im Kreise deutscher Lande
Durch des Künstlers Wirken laut;
So im Handeln, so im Sprechen
Liebevoll verkünd’ es weit:
Alle menschlichen Gebrechen
Sühnet reine Menschlichkeit.“

Unermeßlich sind die Wirkungen, welche dieses Hohelied echter, reiner Menschlichkeit auf die deutsche Dichtung und Literatur und selbst auf die bildenden Künste geübt hat.

Heute vollendet sich seit jenem 6. April 1779 ein volles Jahrhundert. Feiern wir den Gedenktag in Erinnerung an jene Zeit und mit dem Wunsche: möge Goethe’s reine, edle „Iphigenie“ auch im neu beginnenden Jahrhundert über deutsche Kunst und Literatur ihre Segnungen ergießen!

Weimar, den 6. April 1879.
Robert Keil.