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Skizzen aus deutschen Parlamentssälen/Nr. 2. Die Führer der Secessionisten

Textdaten
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Autor: Heinrich Steinitz
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Titel: Skizzen aus deutschen Parlamentssälen - Nr. 2. Die Führer der Secessionisten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 784–787
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[784]
Skizzen aus deutschen Parlamentssälen.
Nr. 2. Die Führer der Secessionisten.


Vom 31. August 1880 datirt der Aufruf, mit welchem eine seitdem mit dem politischen Parteinamen der „Secessionisten“ bezeichnete Anzahl von nationalliberalen Mitgliedern unserer Volksvertretung im Reichstage und preußischen Abgeordnetenhause ihre Trennung von dieser Partei ausspricht und zum ersten Male öffentlich zu rechtfertigen sucht. An seiner Spitze wird die Ueberzeugung ausgesprochen: „daß die nationalliberale Partei gegenüber den wesentlich veränderten Verhältnissen nicht mehr von der Einheit politischer Denkart getragen werde, auf der allein ihre Berechtigung und ihr Einfluß beruhten“. Der Aufruf betont sodann die Wirksamkeit eines wahrhaft constitutionellen Systems, wie es die deutsche liberale Partei seit ihrer Existenz unverändert erstrebt habe, aus dem allein eine in sicheren Bahnen ruhig fortschreitende Entwickelung unserer Einheit hervorgehen könne, und erklärt festen Widerstand gegen die rückschrittliche Bewegung für die gemeinschaftliche Aufgabe der liberalen Parteien. Zugleich hebt er hervor, daß die wirthschaftliche Freiheit mit der politischen eng verbunden sei, und fährt sodann fort: „Nur unter Wahrung der constitutionellen Rechte, unter Abweisung aller unnöthigen Belastungen des Volkes und solcher indirecten Abgaben und Zölle, welche die Steuerlast vorwiegend zum Nachtheil der ärmeren Volksclassen verschieben, darf die Reform der Reichssteuern erfolgen. Mehr als für jedes andere Land ist für Deutschland die kirchliche und religiöse Freiheit die Grundbedingung des inneren Friedens. Dieselbe muß aber durch eine selbstständige Staatsgesetzgebung verbürgt und geordnet sein. Ihre Durchführung darf nicht von politischen Nebenzwecken abhängig gemacht werden. Die unveräußerlichen Staatsrechte müssen gewahrt und die Schule darf nicht der kirchlichen Autorität untergeordnet werden.“

Der bezeichnete Schritt dieser Männer, welche in der citirten Erklärung die Lossagung von ihren bisherigen Parteigenossen proclamirten und zugleich ein Programm für die Einigung der liberalen Parteien in Deutschland aufstellten, in welchem allerdings mit Vorsicht alle zu Meinungsverschiedenheiten Anlaß gebenden Fragen ausgeschieden sind, unterliegt in diesem Augenblick noch der Prüfung und Beurtheilung aller Parteien und nimmt in der Presse wie in öffentlichen Versammlungen die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Nation um so mehr in Anspruch, als an der Spitze der Unterzeichner jenes Ausrufs Männer stehen, die in früheren Zeiten sich als muthige Vorkämpfer des parlamentarischen Rechtsstaats hervorgethan und auf den verschiedenen Gebieten der öffentlichen Thätigkeit sich in ausgezeichneter Weise bewährt haben. Müssen wir auch die Entscheidung über den Werth und die Bedeutung, welche die Nation ihrem Schritte beilegen

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Die Gartenlaube (1880) b 785.jpg

Die Führer der Secessionisten.
Nach Photographien auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.
Ludwig Bamberger.
Franz August Freiherr von Stauffenberg. Max von Forckenbeck. Heinrich Rickert.

[786] wird, den nächsten Wahlen zum Reichstage anheimstellen, so halten wir es doch schon jetzt für unsere Pflicht, unsern Lesern zunächst die leitenden Persönlichkeiten der neuen deutsch-liberalen Gruppe, die wir hier in einem Bilde vereinigt haben, in einer kurzen biographischen Charakteristik vorzuführen.

Von dem Oberbürgermeister Berlins, Max von Forckenbeck, wurde bereits früher in diesem Blatte mit besonderer Auszeichnung berichtet („Gartenlaube“ 1867 und 1874), sodass wir uns heute bezüglich seiner Lebensdaten auf das Nöthigste beschränken können. Geboren am 21. October 1821 zu Münster in Westfalen, der Heimath Waldeck’s, zeigt Forckenbeck gleich diesem alle jene Eigenschaften, welche dem Volksstamme der rothen Erde eigen sind, Offenheit, Zähigkeit, Scharfsinn ohne Nüchternheit und Freisinn ohne Phantasterei – mit einem Worte gesunde, hochstrebende Männlichkeit. Nach Beendigung seiner Studien, die auf Rechts- und Staatswissenschaften gerichtet waren, wurde er 1847 als jüngster Richter am Stadtgericht in Glogau angestellt und betheiligte sich sowohl dort, wie bald darauf in Breslau an der Wahlbewegung der Jahre 1848 und 1849 auf’s Allerentschiedenste. Zunächst als Vorsitzender des demokratisch-constitutionellen Vereins in Breslau, später als Präsident der liberalen Wahlcommission für Niederschlesien trat er mit solcher Freimüthigkeit und Wärme für die constitutionellen Ideen ein, daß ihn das Ministerium Manteuffel als Rechtsanwalt nach Mohrungen versetzte. Hier, wie später in Elbing, verfocht er eifrig die Interessen der communalen Verwaltung und wurde in Folge dessen sehr bald Stadtverordneter und Vertreter Elbings beim Kreistage. Rascher und rascher stieg von nun an seine Laufbahn aufwärts; 1858 vom Wahlkreise Mohrungen in’s Abgeordnetenhaus geschickt, gehörte er in Kurzem zu den anerkannten Führern seiner Partei und that sich im Plenum wie in den Commissionen durch sein tiefes Eindringen in allen wichtigeren Fragen wie durch seine Redegewandtheit in gleichem Maße hervor. Von 1862 bis 1866 Berichterstatter der Budget- und Militärcommission, wurde er 1866 zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt und verwaltete diese Stellung bis 1873, in welchem Jahre er als Oberbürgermeister nach Breslau ging und von dieser Stadt ins Herrenhaus deputirt wurde.

Seit 1867 ist Forckenbeck auch Mitglied des Reichstages, und zwar für Wolmirstedt-Neuhaldensleben und war von 1874 bis 1879 Präsident desselben; seine Unparteilichkeit und persönliche Liebenswürdigkeit traten während dieser seiner Amtsdauer stets so glänzend zu Tage, daß selbst die reactionär gesinnte Majorität des neuen Reichstags ihn als Präsidenten wiederwählte, doch zog er sich freiwillig von diesem Posten zurück, als die Mehrheit bei Berathung der Schutzzölle ihre geringe Uebermacht in krassester Weise ausbeutete und Forckenbeck mit dem Reichskanzler wegen der Angriffe desselben auf Lasker in Differenzen gerieth. 1878 Oberbürgermeister von Berlin geworden, war es Forckenbeck auch, der in einer Rede zu Breslau im December 1878 mit dem hochsinnigen Rufe: „Zurück auf die Schanzen – zur Vertheidigung der bedrohten Errungenschaften“ – den ersten mächtigen Anstoß zur Selbstbestimmung des Liberalismus gab, und ferner beim Festbanket erklärte, er habe alles Vertrauen zu den jetzigen Zuständen verloren, sodaß er nicht einmal mehr wage, auch nur auf wenige Tage vorauszusagen, welches wohl die Gruppirungen im deutschen Parlamente sein würden. Diesem unseligen Zustande, sagte er, müsse ein Ende bereitet werden, und nur die Bildung einer großen, auf wahrhaft liberalen Principien fußenden Partei könne dem Lande eine Hoffnung auf Rettung bieten. Man solle sich daher rühren, damit das Unselige, was jetzt beschlossen werde, binnen wenigen Jahren wieder zerstört und hinweg gefegt werde. Was an ihm läge, werde er thun; denn daß er ein liberaler Mann sei, beweise seine Stellung an der Spitze der Stadt Berlin, ein Oberbürgermeister von Berlin könne nur ein freiheitlich gesinnter Mann sein. Aber nicht nur der Gesinnung bedarf es, sondern der That; er trinke daher nicht nur auf das freie, sondern zugleich auf das thatkräftige deutsche Bürgerthum.

Die Angriffe der Reaction, welche der gefeierte Staatsmann in Folge dieses Mahnrufes zu erdulden hatte, waren nur geeignet, seine Popularität bis zu einem Grade zu steigern, der die „Magdeburger Zeitung“ zu dem Worte begeisterte: „Wo Forckenbeck steht, da ist auch immer das Herz des deutschen Volkes.“

Neben ihm ist an erster Stelle zu nennen Franz August Freiherr von Stauffenberg, eine überaus sympathische und edle Persönlichkeit, deren Ruf besonders in Süddeutschland in alle Kreise gedrungen ist. Er wurde am 4. August 1834 zu Würzburg als Sprößling einer altadeligen, sehr angesehenen Familie geboren, studirte in Heidelberg und in seiner Vaterstadt Jurisprudenz und trat sodann in den baierischen Staatsdienst, aus welchem er aber bereits 1860 schied, um auf seinem Gute Geißlingen bei Balingen in Württemberg sich als Privatmann ganz seinem Eigenthum und seinen politischen Studien zu widmen.

So ausgerüstet, kam er 1866 in das baierische Abgeordnetenhaus und erhielt hier nicht lange nachher die Leitung der baierischen Fortschrittspartei, welche ihn im Jahre 1873 auch zum Präsidenten der Kammer berief. 1871 wählte ihn die Stadt München zu ihrem Vertreter beim Reichstage, und als solcher gewann er bald das volle Vertrauen seiner eigenen, der nationalliberalen Partei, aber nicht minder die Achtung aller übrigen Parteien, sodaß seine Wahl zum ersten Vicepräsidenten 1876 mit allseitiger Genugthuung begrüßt wurde. Als Redner trat er von Anfang an mit Energie für die entschieden liberalen Principien ein, und ward in dieser Beziehung besonders seine scharfe Rede gegen Tabakssteuer und Monopol am 22. Februar 1878 bedeutsam. Leider hat ihn bis in die jüngste Zeit körperliches Leiden verhindert, sich in so großem Umfange wie früher der parlamentarischen Thätigkeit zu widmen, doch ist gegenwärtig Aussicht vorhanden, daß er demnächst mit neuen Kräften in den Kreis seiner Freunde und seiner Wirksamkeit tritt. Das Vicepräsidium des Reichstages, in welchem er seit 1878 für den Wahlkreis Holzminden Abgeordneter ist, legte er sofort nach dem Rücktritt Forckenbeck’s vom Präsidium nieder.

An der Grenze zwischen Nord- und Süddeutschland, in Mainz, ist der dritte Führer der Secessionisten, Ludwig Bamberger, geboren und zwar am 22. Juli 1823. Nachdem er seit 1842 zu Gießen, Heidelberg und Göttingen dem Studium der Rechte obgelegen und später zwei Jahre an den Gerichten seiner Geburtsstadt prakticirt hatte, betheiligte er sich in so hervorragender Weise an der Bewegung des Jahres 1848 und darauf an der Erhebung in Baden, daß er nach Unterdrückung der letzteren zur Flucht in’s Ausland genöthigt wurde. In der Schweiz, in Belgien, Holland und England beobachtete er Menschen und Verhältnisse auf’s Genaueste und machte sich durch seine finanzielle Begabung derart bekannt, daß ihm nach einigen Jahren das bedeutende Bankhaus von Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris die oberste Leitung seiner Geschäfte übertrug. Als im Jahre 1866 die allgemeine Amnestie erfolgte, kehrte auch Bamberger, um sich einzig und allein dem Dienste des Vaterlandes zu widmen, in die Heimath zurück. Das war ein Schritt großer Uneigennützigkeit, da er dieser Rückkehr halber seinen Posten niederlegen mußte und so eine sehr beträchtliche Einnahme verlor. Längst aber war sein Ruhm, eine Autorität in volkswirthschaftlichen Fragen zu sein, auch über den Rhein gedrungen, und seine Heimathsstadt deputirte ihn deshalb 1868 zunächst in’s Zollparlament und sodann in den Reichstag, dem er noch heute als eines der tüchtigsten und berufensten Mitglieder angehört.

Vorzüglich sind seine Reden über Münz- und Gewerbegesetzgebung geschätzt, da er wie kaum ein anderer in der Praxis und Theorie finanzieller und ökonomischer Angelegenheiten gleich bewandert ist. Neben seiner Thätigkeit im Reichstage sind jedoch auch seine schriftstellerischen Publicationen von großem Werthe. Die hauptsächlichsten seiner sehr formgewandten Schriften beschäftigen sich mit der Arbeiterfrage, die er unter dem Gesichtspunkt des Vereinsrechtes in detaillirtester Form behandelt hat, und mit der Reichswährungsfrage. Mit entschiedenem Nachdruck ist er in jüngster Zeit gegen den deutschen Socialismus aufgetreten.

Gleichfalls in der Vorderfront der neuen Partei steht Heinrich Rickert, der, 1833 zu Putzig im Danziger Regierungsbezirk geboren, sich nach Beendigung seiner Studien, die sich wesentlich auf Chemie und Naturwissenschaft überhaupt erstreckten, zunächst der journalistischen Carrière zuwandte und hinter einander Mitarbeiter, Redacteur und Miteigenthümer der „Danziger Zeitung“ wurde. Seine Wirksamkeit fand raschen und anhaltenden Beifall bei seinen Mitbürgern, sodaß er schon nach einigen Jahren als Stadtverordneter und weiterhin als unbesoldeter Stadtrath in die Verwaltung Danzigs berufen wurde. Mit Eifer widmete er sich den Geschäften, welche ihm diese Verwaltung auferlegte, und vor Allem war es das Gebiet der Armenpflege, auf welchem er Wichtiges [787] leistete. 1870 wurde er zum Landtags-, 1874 auch zum Reichstagsabgeordueten Danzigs gewählt und übernahm 1874 nach Einführung der neuen Provinzialordnung das Landesdirectorat der Provinz Preußen, ein Amt, das er jedoch in Folge der Theilung der Provinz wieder niederlegte. Im Parlament zählt Rickert zu den hervorragendsten, besonders in wirthschaftlichen Dingen allseitig erfahrenen Rednern. Sein persönliches Wesen erscheint mild und versöhnlich, und er war nicht selten geneigt, mit der Regierung einen Compromiß zu schließen.

Um so charakteristischer ist es für die heutige innere Lage, daß selbst ein so versöhnlich gesinnter Geist vor einer Unterstützung des Herrn von Puttkamer zurückscheute und an die Spitze der Opposition in der nationalliberalen Partei trat, welche, über vierzig Mitglieder stark, die kirchenpolitische Vorlage von 1880 auf’s Nachdrücklichste verwarf.

Unter den Unterzeichnern des Aufrufs vom 31. August dieses Jahres begegnen uns noch andere allbekannte und klangvolle Namen von Männern, die den Lesern der „Gartenlaube“ nicht unbekannt sind, wie der humorvolle Präsident des volkswirthschaftlichen Congresses Dr. Karl Braun, Gustav Lipke, Reichstagsabgeordneter für Schwarzburg, Georg von Bunsen, Alexander Meyer. Lasker, der einen wesentlichen Einfluß auf die Initiative der Unterzeichner geübt, hatte zunächst den Aufruf nicht unterschrieben, da er ja bereits früher ausgetreten war. Von anderen Männern, meist früheren Parlamentariern, die ihren Beitritt bereits ausgesprochen, nennen wir Justizrath Lesse, Dr. Kapp, den ausgezeichneten Historiker und Kenner überseeischer Zustände, und den allverehrten Professor Theodor Mommsen, der in einer gewissermaßen constituirenden Versammlung am 8. September sich mit Wärme für die Motive und Ziele der Secession aussprach.

Wenn die Secessionisten sich das Ziel gesteckt, nicht eine neue Fraction, sondern den Stamm der großen liberalen Partei der Zukunft zu bilden, so ist diesem Bestreben von Seiten aller freisinnigen Vaterlandsfreunde nur Glück zu wünschen. Zeit ist es allerdings, daß das deutsche Bürgerthum wieder einmal aus seinem politischen Schlummer aufgerüttelt werde und die Zuversicht zum endlichen Siege der liberalen Ideen wieder Kraft gewinne. Die Zersplitterung der liberalen Partei in sich schließlich feindselig bekämpfende Fractionen hat bereits Schaden genug gestiftet, und so muß ja endlich dem freisinnig und unabhängig denkenden Theile der Nation mit zwingender Macht sich die Erkenntniß aufdrängen, daß nur die Vereinigung aller wirklich freisinnigen Parteien im Stande ist, die Indifferenten und Kleinmüthigen im Volke wiederzugewinnen, die Regierung von weiteren reactionären Schritten zurückzuhalten und dem Liberalismus den gebührenden Einfluß auf die Staatsverwaltung zu sichern.

Heinrich Steinitz.