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Textdaten
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Autor: F. Brunold
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Titel: Sancta Libertas
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 586-588
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[586]
Sancta Libertas.
Eine literarische Erinnerung.

Es war ein rauher, kalter Octoberabend; der Wind fegte durch die Straßen Berlins und machte die Laternen noch düsterer flammen, als es dazumal gewöhnlich schon der Fall war. In einem engen, nur spärlich erleuchteten Zimmer des Hauses Nr. 7 der kleinen Hamburger Straße, einer Straße, die sich zu jener Zeit – es war um die Mitte der dreißiger Jahre – keiner besonderen Schönheit erfreute, saßen vier junge Leute, alle ziemlich in gleichem Alter stehend, und redeten gar klug über Welt, Bestimmung des Menschen, dichterische Größe und unvergänglichen Nachruhm. Denn, daß wir es kurz sagen: die Leutchen waren Poeten. Und die träumen, reden und sinnen zuweilen gar viel.

Und ob auch der eine von ihnen auf dem blonden Haar die blaue Militärmütze trug und sich durch dieselbe und seine aufgeknöpfte Interimsuniform als Officier kennzeichnete, so war er dennoch durch und durch Poet; ein Poet, den es vor Kurzem erst getrieben, die Auswüchse und Uebelstände seines Standes in einer satirischen Novelle zu behandeln, wofür ihm, nachdem dieselbe in den „Hessischen Blättern“ veröffentlicht worden war, eine Verurtheilung zu Cassation und zehnjährigem Festungsarrest zuerkannt worden war. Wohl war dies Urtheil selbst dem Könige zu hart erschienen, und er hatte die Sache nochmals einem zweiten Kriegsgericht übergeben. Als auch dies auf zwei Jahre Festungsstrafe erkannte, war es wieder der König gewesen, der diese auf zwei Monate herabgesetzt und den jungen Delinquenten nach Trier in Garnison gesendet, nachdem derselbe seine Haft in Jülich abgebüßt. Jetzt war er zurückgekehrt, um die Kriegsschule mit allem Eifer zu besuchen, was ihn freilich nicht abhielt, zugleich der edlen Poesie zu huldigen. Der junge Mann hatte etwas Kaltes in seinem Wesen, das selbst an Theilnahmlosigkeit zu streifen schien, besonders wenn die klaren blauen Augen vor sich hinstarrten, während in dem scharfgeschnittenen hageren, aber schön geformten Gesicht sich keine Muskel rührte. Eine angeborene Schüchternheit ließ ihn zumeist mehr den Hörer, als den Redner in dem Kreise seiner Freunde machen, wie dies denn auch heut, an dem erwähnten Abend, der Fall war. Als jedoch sein Nachbar zur Rechten, eine untersetzte, schmächtige Natur wie er selbst, mit tiefbewegter Stimme – er war seinem Brodstudium nach Mediciner – des Ausspruches seines Collegen Rademacher gedachte, wonach Selbstmordgedanken, in der Brust eines Menschen einmal ernstlich aufgetaucht, niemals wieder vergingen, sondern von Zeit zu Zeit, wenn auch unterdrückt, hervorbrächen, bis der Gedanke zur That geworden sei, wies er diese Ansicht mit Entschiedenheit zurück. Er konnte und wollte sich mit diesem Gedanken nicht befreunden. Aufspringend rief er: „Jeder von uns, wie jeder Mensch, trägt Etwas von einem Columbus in sich. Wir steuern Alle einem fremden, unbekannten Lande entgegen. Sollen wir von unsern eigenen Gedanken, die den muthlosen Genossen des Columbus gleichen, uns zwingen lassen, über Bord zu springen, ehe der Matrose im Mastkorbe ‚Land‘ gerufen? Sancta libertas, ich halte Dich, heil’ger Strand!“

Wie aber, als wäre er über seine eigene Erregtheit erschreckt und als fürchte er den Genossen und Freund, dessen tiefes inneres Leid er mehr ahnte als wußte, durch seine Worte verletzt zu haben, setzte er ruhiger hinzu: „Und doch hat auch wieder der Gedanke Etwas für sich. Ist es mir doch ähnlich mit einer Idee ergangen. Ihr kennt alle Drei mein Märchen ‚Schön Irla‘! Und während Ihr denkt und meint, dasselbe sei erst jetzt gleichsam empfangen und geboren, ist es doch nur ein verklärter Nachhall einer meiner frühesten Erinnerungen aus schöner Kindheit. Mein lieber Stiefbruder Carl, mit dem ich, wie Ihr wißt, Percy’s Ueberreste altenglischer Poesie übersetze, spielte mir jüngst ein schwedisches Wiegenlied. Die Melodie blieb mir im Kopf, sie summte mir im Ohr, ich konnte sie nicht vergessen, und so gab ich mich endlich diesen Träumen hin, wurde im Traume wieder ein Kind und rief, wie damals, wenn ich im Zimmer allein war, der eintretenden Mutter zu: ‚Schau! die Irla kommt‘, während ich zugleich freudig hinzusetzte: ‚Lieb Irla, bist Du da?‘ Wenn mich dann die Mutter fragte: ‚Wen meinst Du, närrisch Kind? Und mit wem sprichst Du? es ist Niemand hier!‘ hab’ ich unwillig gerufen: ‚Siehst Du sie nicht? Die Irla ist’s!‘ Mehr ist damals nicht aus mir heraus zu bekommen gewesen. Jetzt hab’ ich jenem Kindheitstraum Leben und Gestalt gegeben – und das Märchen ist entstanden!“

„Ja! ja!“ rief der Dritte, eine starkknochige, große hagere Figur, während er die braune Pelzmütze sich tiefer über das struppige, schwarze Haar zog. „Jeder Mensch besitzt einen Schatz von Kleinigkeiten, die nur für ihn Werth haben. Wir Poeten machen aus solchen Kleinigkeiten höchst geistreiche, unsterbliche Lieder – denn die meisten Dichter können nur dichten, wenn sie verliebt sind oder wenn sie zuvor dem beseligend heitersten Gott gehuldigt haben. Es ist nur fatal, daß selbst diesem schönen Doppelrausche ein Zustand folgt, den die schnöde Welt mit dem prosaischen Ausdruck ‚Katzenjammer‘ benamset. Als ich aus dem Weinkeller der Burgstraße stieg, mußte ich sogar eines Verses denken, der letzthin im ‚Gesellschafter‘ unter schönem Bilde stand:

‚So leb’ denn wohl, du Jungfer Kanne,
Du Fräulein Flasche nun, ade!
Und muß ich jetzund auch von danne,
Denk wohl, daß ich euch wiederseh.‘

Ich kann den Vers nicht los werden und dabei ist es mir immer, [587] als wäre die Flasche, die ich vor mir hatte, wahnsinnig geworden und komme nun und locke mich immer wieder in den Keller zurück. Was meint Ihr Brüder in Apoll zu diesem Vorschlage?“

Und sich zu dem Vierten des Bundes wendend, einer echt jüdischen Physiognomie, der, den Hut auf dem Kopf, unruhig im Zimmer hin- und herging, rief er: „Nun, Arno, Du philosophischer Ex-Talmudist, laß Dein Singen sein:

‚Was soll ich in der Fremde thun?
Es ist ja hier so schön!‘

und gehe zur Thür hinaus, damit wir folgen können!“

Doch der Angeredete, statt dem Worte Gehör zu geben, wendete sich und sagte unter Lachen, dem aber der bittere Ernst nicht fehlte: „Lieber Ferrand, Du hast Vermögen und kannst ganz Deinen Neigungen leben; ich habe dem Talmud und mit ihm meinen Freitischen und sonstigen Unterstützungen Valet gesagt. Ich bin angehender Journalist, und deren Jahresrente ist, wie Du weißt, verdammt klein, zumal wenn man noch einen Bruder auf den Hals gesendet bekommt, den man unterstützen soll. Laßt uns gehen. Aber nicht in den dumpfigen Keller hinein, sondern hinaus in Sturm und Wind! Jacta alea est. Ich hab’s gewagt!“

Und sofort wieder in seinen alten, heiteren, gemüthlichen Ton einfallend, schritt er zur Thür hinaus und summte vor sich hin, während die drei Freunde folgten:

„Habt Reckt! das jetz’gceLeben ist
So fade und so triste!
Drum mög’ ein bessres mir erblüh’n
Als großer Journaliste!“

und fort ging’s, die Treppe hinab, zum Hause hinaus, die Straße entlang.

Unwillkürlich schlug man die Richtung nach dem Thore ein. Gesprochen wurde nicht, nur der Officier sagte einmal flüchtig, sich zu seinem Begleiter wendend: „Das war eine köstliche Idee von Dir: wahnsinnige Flasche. Der Gedanke verläßt mich nicht. Was wird aus demselben und durch denselben zu Tage kommen! Nun, was es auch werden möge, Dir soll es gewidmet sein!“

Man war durch das Hamburger Thor gegangen und schritt das düstere, unheimliche Voigtland entlang, jene damals noch tief verrufene Gegend, wo unheimliche Gestalten scheu an den Häusern entlang schlichen, wo in den Kellern und Spelunken wilde Orgien gefeiert wurden, die sich jeder Beschreibung entzogen. Lampen brannten nicht mehr, der Mond schaute durch wildzerrissene Wolken auf die Erde nieder. Hastiger, ruheloser schritten sie dahin. Und immer einsamer, düsterer, unheimlicher wurde es. Der Mond hatte sich hinter Wolken verborgen, jetzt blickte er wieder durch die wild vom Winde zerrissenen hindurch, sie sahen auf, Häuser fanden sich nicht mehr, sie waren auf freiem Felde, sie standen am Fuße des – Galgens.

Einen Augenblick stutzten die jugendlichen Genossen, es fröstelte sie doch beim Anblick der Richtstätte; war doch erst vor Kurzem ein Mörder gerichtet worden. Dann aber mit Gewalt alle unheimlichen, düsteren Gedanken von sich abschüttelnd, sprangen sie, wie verabredet, wie auf Commando, den Galgen hinauf, drei von ihnen lehnten jeder an einem Pfeiler, und der, welcher den Vorschlag zum Ausgehen gegeben, der Ex-Talmudist, war in der Mitte stehen geblieben, nahm den Hut vom Kopfe und hob begeisterungsvoll zu sprechen an. O, es war eine tiefdurchdachte, glühende, wild phantastische Rede, und nie ist den Zuhörern diese Stunde aus dem Gedächtniß gekommen. Er sprach über den Ort, wo er stand, und über den Mangel an Liebe in der Welt, über die schöne Erde, den gestirnten Himmel, immer denkend und meinend, daß alle jene Tausende von Sternen auch bewohnt seien von denkenden Geschöpfen, daß unser Leben hier nicht abgeschlossen sei, sondern in andern Welten seine Fortsetzung fände. „Gott hat uns das Gemüth aufgehängt in der Mitte zwischen das Spitzchen von Herz und das Spitzchen von der Seele. Wenn die Seele krank ist, legt sich das Gemüth auf das Herz und das thut weh; und wenn das Herz krank ist, legt sich das Gemüth auf die Seele und das thut gut. In wem aber die Seele lacht, in dem tanzt das Gemüth hin und her vor Freude und klopft an unser Herz und unsere Seele, und das ist ein Lachen, welches Gott gefällt.“ Heut leben wir. Wie werden wir enden? Wer wird sich von uns nach zehn, zwanzig Jahren dieser Stunde erinnern?

Es war eine eigenthümliche Rede, die er hielt, wild phantastisch, mit bitterem Spott gewürzt, aber auch zugleich und namentlich von ernster, unendlicher Liebe durchzogen. Seine drei Zuhörer standen lautlos still, Niemand sprach. Und als er geendet, zuletzt noch den Gerichteten Ruhe und Frieden wünschend, hoffend, daß Humanität und allgemeine Menschenliebe alle Richtstätten verschwinden machen werde, stiegen sie die Stufen von dem Galgen hinab und schritten der Stadt wieder zu. Mitternacht war nahe, es war rauh und kalt.

Vor dem Hause Nummer sieben der kleinen Hamburger Straße reichten die Drei dem militärischen Freunde die Hand. „Gute Nacht, Sallet!“ sagten sie und gingen weiter.

An der Ecke der nächsten Straße verabschiedete sich der Mediciner. Es war Julius Minding, der Verfasser des Lehrgedichts „Das Leben der Pflanze“, später bekannter geworden durch seine Lieder vom alten Fritz und sein Gedicht vom großen Kurfürsten. In hastigen Schritten, von tiefer, innerer Sehnsucht getrieben, eilte er der Oranienburger Straße zu. Und hier, dem Hause nahe, wo der große Alexander von Humboldt starb, mäßigte er seinen Fuß, er blieb stehen und blickte zu einem Fenster des nahestehenden Hauses auf. Wie lange er hier gestanden, wer kann es wissen? Ruhelos fast die ganze Nacht hindurch, ging er hier vor dem Hause auf und nieder. Sein wunderschöner, formvollendeter Sonettenkranz: „Daß ich dich liebe, ist’s, warum ich leide,“ war nicht erdichtet, er war erlebt. Er lieble die Frau seines Freundes.

Die beiden andern Freunde aber gingen Arm in Arm der Königsstadt zu. Am Alexanderplatz, wo sie sich trennten, begegnete ihnen Wilhelm Müller, der Herausgeber und Verfasser des in vielen Jahrgängen erschienenen Taschenbuchs: „Des Bettlers Gabe.“ Er war vor Kurzem erst von Pommern nach Berlin übergesiedelt. Der Mann soll tief schmerzliche Lebensschicksale erfahren haben; er war, wie es hieß, lange Zeit in Rußland, woher es also auch kam, daß die meisten seiner wild-düsteren, überreich phantastischen Geschichten auf jenem Boden spielten. Seine früheren Genossen, Schauspieler, dem, auch dies sollte er lange Zeit gewesen sein, nannten ihn zum Unterschiede von Andern seines Namens den Todtenkopf-Müller. Woher dieser Name rührte, haben wir nie erfahren können, wie wir denn auch nicht einmal wissen, ob der selbe überhaupt noch lebt oder nur in dem großen, weiten Berlin vergessen und verschollen ist, wie seine vielen Erzählungen und Romane vergessen sind. Die Woge der Zeit hat ihn dahingespült. Das Glück stand nie an seiner Seite. Und doch war er eine so überaus reichbegabte Natur!

Bald darauf, nach dem Mitgetheilten, kehrte Friedrich von Sallet nach dem Rhein in seine Garnison zurück. Von hier aus sendete er sein heroisches Epos in zwei Sitzungen: „Die wahnsinnige Flasche“, versprochenermaßen seinem Freunde E. Ferrand, dem das Werkchen auch gewidmet war. Es ist gänzlich verfehlt und Sallet’s unwerth. Er würde es selbst später niemals unter seine Gesammtwerke aufgenommen haben, denn Sallet war überaus streng gegen sich selbst, wie er denn auch an die Menschheit ernste Forderungen stellte. Als Verfasser des „Laien-Evangeliums“, „der Atheisten und Gottlosen unserer Zeit“ war er sich dies schuldig.

Dem Freunde schrieb er: „Ich versumpfe und vertrockne in meiner Stellung. Drei Jahre bekomme ich Pension. Außerdem stehe ich nicht gerade hülflos da. Meine Absicht ist, durch literarische Arbeiten mir fortzuhelfen, dabei aber mich ernsten Studien, namentlich denen des classischen Alterthums, hinzugeben und auf eine Professur loszuarbeiten.“

Er trat mit dem Ende des Jahres 1838 aus dem Officierstande, verließ Trier und ging nach Breslau. Das Journal, welches er hier zu gründen beabsichtigte, kam nicht zu Stande. Ihm zum Glück, denn seine Natur war nicht dazu angethan, Redacteur eines Journals zu sein, besonders bei seinem Hange zum einsamen Leben und bei seinem Studium der Hegel’schen Philosophie. Wie schön aber schrieb er einem Freunde: „Das Leben ist kurz, doch vorwärts! erst wenn wir ermattet am Ziele des Lebens stehen, wollen wir uns umsehen, wen wir hinter uns haben; für jetzt nur daran gedacht, wie unendlich viel noch vor uns liegt!“ So dachte und schrieb er. Allein es war ihm nicht vergönnt, lange auf der Bahn des Lebens dahinzuschreiten. Ein früher Tod machte seinem Streben ein Ende, nachdem er vorher noch an der Seite einer überaus geliebten Frau wenige Jahre in angestrengter Thätigkeit, ganz seinen Ideen und Neigungen gemäß gelebt hatte. Mit Recht [588] konnte er sagen: „Wie thöricht und klein sind doch die Menschen, daß sie sich Fabeln dichten und Fratzen schnitzen, um ein Heiliges zu haben! Ist denn nicht Alles, Alles heilig? Wie göttlich aber ist das Weib, da es so beglücken und begeistern kann! Wem in der Liebe das Heilige nicht aufgeht, für den kann sie nur ein todter Name sein!“

Am 21. Februar des Jahres 1843 riß ihn der Tod nach längerem Lungenleiden in bestem Schaffen von der Seile eines geliebten Weibes und Kindes. Wenige Monate vorher, im October des vorangegangenen Jahres, war sein Freund (E. Ferrand, dem Theodor Storm in der Vorrede zu seiner Sammlung deutscher Liebeslieder ein so schönes anerkennendes Zeichen der Erinnerung gesetzt hat, aus diesem Leben abgerufen worden. Auch dort standen am Todtenbett eine Gattin und zwei Kinder. Aber während die Kinder in ihrer Unschuld und ihrem Unverstande den tiefen Schmerz des Verlustes nicht fühlten, lehnte sich die Frau in tiefem, tiefem Leid an die Brust des Freundes des gestorbenen Gatten und sagte unendlich vielsagend, eine ganze Geschichte, ein ganzes Lebensschicksal umschließend: „Seit dem Tode O ... hat er sich nie wieder erholt!“ Die Genannte war als ein junges, überaus schönes Mädchen vor kurzem gestorben!

Das letzte Gedicht, das Sallet vor seinem Tode schrieb, war die kleine Ballade: „Der Wind“. Seiner Frau gab er eine Stunde vor seinem Tode den Ring zurück und bat um ein stilles, möglichst einfaches Begräbniß. „Und als er im Sarge lag, das Lorbeerreis um seine hohe Stirn geschlungen, da erschien er mir,“ sagte der Bruder, „schön und freundlich. Noch in seiner Leiche zeigte es sich, daß er mit seinem Geiste zu den Besten und Vollendetsten seiner Zeit gehört. So haben die Dichter einer schöneren Zeit ausgesehen. Man sah in dem Todten nur den Dichter des Laien-Evangeliums; er war verklärt wie Christus auf Tabor!“

Der Stein auf seinem Grabe trägt, außer seinem Namen, dem Geburts- und Sterbetage, die Worte aus seinem Gedicht: „Der neue Columbus.“ ‚Sancta libertas, heil’ger Strand, dich halt’ ich!‘

Und die Woge der Zeit rauschte dahin. Noch lebten die beiden übrigen Genossen des erwähnten Abends. Aber das Sturmjahr 1848 kam. Der Traum des schmerzlich schönen Sonettenkranzes war dahin. Die Frau, der Gegenstand seiner Liebe, war längst gestorben. Minding, der Poesie mehr und mehr untreu werdend, war durch Speculation unermeßlich reich geworden. Das Sturmjahr zertrümmerte auch dieses Gebäude. Arm, verlassen, flüchtete er nach Amerika, wo er am 7. September 1850 in einem Gasthause zu New-York seinem verfehlten Leben durch Blausäure ein Ende machte. Es war, als ob der alte Rademacher mit seiner Aeußerung doch Recht behalten sollte!

Und der Vierte? Noch lebt und wirkt er. Drum nennen wir seinen Namen nicht. Er steht viel angefeindet, aber auch hoch geachtet da. Ein Kranz von Kindern umgiebt ihn. Seine Gattin ist todt. Er hat ihr in seinen Schriften ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Einem Freunde, dem er Hülfe und Unterstützung angedeihen ließ, schrieb er: „Lieber! ich bitte Dich, weise die Kleinigkeit nicht zurück. Es ist heute der Todestag meiner Unvergeßlichen, und da –“ Doch genug der Worte. Sein Haar ist dünn geworden, er reicht dem Schreiber dieser Zeilen die Hand und sagt, jener erwähnten Zeit gedenkend: „Es war doch die schönste meines Lebens. O, die Jugend, die süße Jugend!“

Und wie als schäme er sich der gethanen Aeußerung, fährt er sich mit der Hand über die hohe Stirn und den etwas kahl gewordenen Scheitel und sagt lächelnd: „Du siehst, die Müdigkeit des herannahenden Alters macht sich auch mir bemerkbar! Die schöne Jugend!“
F. Brunold.