Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VIII,2 (1913), Sp. 1408–1409
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4) H. aus Antiocheia soll in seiner Jugend als Flötenspieler Pantomimen begleitet haben und ist dann der besondere Günstling Ptolemaios' VI. Philometor und schließlich der seines Bruders Euergetes II. geworden; er wird als dessen δεινὸς κόλαξ charakterisiert (Poseidonios bei Athen. VI 252 e). Wir kennen nun aus derselben Zeit einen H., der zuerst im Dienste des Königs Demetrios I. von Syrien – anscheinend als hoher Beamter oder Militär – gestanden hat, und der dann um 150 v. Chr. zusammen mit einem gewissen Diodotos von seinem früheren Herrn abgefallen und zu dem Prätendenten Alexandros Balas übergegangen ist (Diod. XXXII 9 c). Dieser hat sich als König für den Abfall erkenntlich erwiesen und hat H. und Diodotos gemeinsam zu Gouverneuren der Hauptstadt Antiocheia gemacht (Diodor. XXIII 3). Aber H. hat auch ihm die Treue nicht gehalten; denn als sich gegen Alexandros Balas der junge Demetrios, der Sohn Demetrios’ I., erhob und Ptolemaios VI. Philometor sich von seinem Schwiegersohne Balas ab- und Demetrios II. zuwandte, da hat auch H. die nun aussichtslos erscheinende Sache seines Herrn aufgegeben (146 v. Chr.). Er hat zusammen mit Diodotos die Antiochener zum Abfall von dem bisherigen Regiment und zur Vertreibung des Königs bestimmt. Da jedoch die beiden Führer den Anschluß an Demetrios II. wegen des früheren Abfalls von seinem Vater für gefährlich hielten, haben sie den klugen Schachzug begangen, das den neuen Herrscher gleichfalls fürchtende Volk von Antiochien und die ihnen unterstellten Truppen zur Ausrufung des Ptolemäers als syrischen Königs zu bewegen (Diodor. XXXII 9 c. Joseph. ant. Iud. XIII 111ff.). Wenn auch dieser die Königswürde aus Gründen der großen Politik – Rücksicht auf Rom – abgelehnt hat, so hatte sich H. durch sein Vorgehen doch Philometor zu großem Dank verpflichtet, und man war nun nicht allein auf die Gnade Demetrios’ II. angewiesen. Daß ein Mann wie dieser H. in ägyptische Dienste getreten ist und bei Philometor in besonderer Gunst gestanden hat, wäre nach dem Vorgefallenen wohl begreiflich, und schon insofern wäre seine Gleichsetzung mit dem von Poseidonios erwähnten H. naheliegend. Für die Gleichsetzung spricht aber auch, daß der Gouverneur H. als in besonders enger Verbindung mit Antiochien [1409] stehend geschildert wird und Poseidonios seinen H. einfach als ,den Antiochener‘ charakterisiert. Die Herkunft dieses Mannes gegen eine Identifizierung zu verwerten ist wohl in Anbetracht der allgemeinen Zustände jener Zeit kaum angängig; auch kann hier sehr wohl die Chronique scandaleuse tätig gewesen sein (es steht denn auch wohl allein Jouguet Bull. hell. XXI 145 dieser Gleichsetzung skeptisch gegenüber). H. wird uns dann weiter als der allmächtige Günstling Euergetes’ II. geschildert. Insofern läge es nahe, in ihm den στρατηγός des neunten Ptolemäers zu sehen, der auch H. heißt und sehr eng mit dem Könige liiert erscheint. Dieser hat um 140 v. Chr. einen Soldatenaufstand verhindert, der wegen Nichtzahlung des Soldes auszubrechen drohte und der umso gefährlicher werden konnte, als die Truppen von dem Athamanen Galestes umworben wurden, der einen angeblichen Sohn Philometors als Prätendenten gegen Euergetes zu lancieren versuchte. H. hat damals aus eigener Tasche – ein Zeichen seines großen Reichtums – den Soldaten den Sold gezahlt und so ihren Abfall verhindert (Diodor. XXXIII 23). Dieser στρατηγός H. wird als sehr kriegserfahren und als Mensch, der mit den Massen ausgezeichnet umzugehen verstand, geschildert, eine Charakteristik, die sehr wohl für den ehemaligen syrischen General zutreffen könnte. Weniger ist dies der Fall, wenn zugleich der στρατηγός als μεγαλόψυχος bezeichnet wird. Will man die Gleichsetzung aufrechterhalten, dann muß man annehmen, daß hier bei Diodor eine für H. günstig gesinnte Quelle vorliegt, die mit der früher für ihn verwendeten (vgl. z. B. die XXXII 9 c erwähnten ἁμαρτίαι des H. gegen Demetrios I.) und mit der Erzählung des Poseidonios bei Athenaios nicht übereinstimmt. Es ergeben sich also Schwierigkeiten, welche eine sichere Entscheidung wohl ausschließen. Sollte nun aber der στρατηγός des Euergetes H. doch mit dem κόλαξ H. identisch sein, so hätte Euergetes II. die Treue seines Generals später mit krassem Undank belohnt; denn der κόλαξ ist von ihm später beseitigt worden (Athen. a. a. O.). Bevan The house of Seleukus II 214. 220. Niese Gesch. d. grieeh. und makedon. Staat. III 262. 264. 269. Bouché-Leclerq Hist. des Lagides II 52. 66.