Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
nördliche Grenzmark Armeniens zum kaukasischen Königreich Iberien
Band VII,2 (1912) S. 15531555
Bildergalerie im Original
Register VII,2 Alle Register
Linkvorlage für WP   
* {{RE|VII,2|1553|1555|Gogarene|[[REAutor]]|RE:Gogarene}}        

Gogarene ist seit dem 2. Jhdt. v. Chr. nördliche Grenzmark Armeniens gegen das kaukasische Königreich Iberien. Vorher gehörte es den Iberern, Strab. 528 Ende: Ἰβήρων δὲ τήν τε παρώρειαν τοῦ Παρυάδρου καὶ τὴν Χορζηνὴν καὶ Γωγαρηνὴν πέραν οὖσαν τοῦ Κύρου, d. h. vom iberischen Standpunkt im Süden der Kura. Dadurch bestimmt sich die allgemeine geographische Lage der Landschaft; sie entspricht wesentlich dem westlichen Teile des georgischen Königreichs innerhalb der großen Kurkrümmung nahe dem Querriegel des Meskischen Gebirges, der das armenische Stufen- und Plateauland (ὀροπέδια in guter geographischer Anschauung von Strab. 528 Anfang genannt) mit dem Kaukasos verbindet, die Wasserscheide zwischen Phasis und Cyrus bildend, – ein ausgesprochenes, meist weit über 1500 m erhobenes Hochplateau, dem Gebirge und Einzelberge aufgesetzt scheinen; das den süd-nördlich gerichteten Oberlauf des Kur auf seiner Hochfläche trägt und nach Norden mit einem sich stark aufwölbenden, zusammenhängenden Rand steil und unzugänglich gegen das iberische Hohlbecken von Gori abfällt, während auf der Ostseite von dem Tifliser Hohlbecken aus die wilden Seitentäler der Kura nicht leichte, aber doch für den Verkehr hochbedeutsame Zugänge öffnen, in deren einem die Eisenbahn von Tiflis nach Alexandropol und Kars emporklimmt. Die allgemeine Lage charakterisiert Steph. Byz. kurz und treffend: χωρίον μεταζὺ Κόλχων καὶ Ἰβήρων. Die Identität der G. mit der 14. Provinz Gugark' der altarmenischen Geographie ist unzweifelhaft und längst von Kiepert erkannt worden (vgl. [1554] jetzt Marquart Ērānšahr 109. 116. 168; auch Montzka Die Landschaften Großarmeniens bei röm. u. griech. Schriftstellern, Separatabdruck aus zwei Wiener Progr. 1906 II 21).

Die Grenze zwischen Iberien und Armenien läßt sich nach Strab. 500 Ende sehr gut erkennen: sie lag genau in der großartigen Schlucht oberhalb von Tiflis, durch die der Kur aus dem Hohlbecken von Gori in das tiefere Tifliser Tal hinabstürzt. Zu beiden Seiten der Enge erhoben sich nahe der Vereinigung von Kyros und Aragos (heute Aragwa) die beiden iberischen Grenzfestungen: gegen Armenien Harmozike auf dem südlichen Kurufer, gegen Albanien am Nebenfluß Seusamora. Beide Namen haben sich als georgische Bezeichnungen Armatziche und Tsitsamuri bis heute in der Gegend, wenn auch nicht genau an den alten Stellen, erhalten (vgl. auch Lehmann-Haupt Armenien einst und jetzt I 55; genauere topographische Untersuchungen hat Lehmann leider nicht an Ort und Stelle vorgenommen). Da Harmozike zugleich die iberische Hauptstadt war, so hat die von Artaxias eroberte G. sicher erst unterhalb der Tifliser Enge begonnen: der oben geschilderte nördliche Steilrand des Hochplateaus bildete die natürliche Grenze der Landschaft und Armeniens gegen Iberien. Ebenso entspricht es der vorher angedeuteten natürlichen Konfiguration des Plateaus, daß sich der hier angesiedelte, vorarmenische Stamm (der Gogari, wie wir ihn nennen dürfen) ostwärts bis ans Ufer der Kura hinabgezogen hat. In der geographischen Beschreibung Strabons (528) erscheint sogar das Hohlbecken von Tiflis als der wichtigste und nennenswerteste Teil der G.; Strabon schildert sie geradezu als einen der ,αὐλῶνες‘ (Hohlbecken), die zwischen den ,ὀροπέδια‘ (Hochplateaus) eingesenkt liegen. Er rechnet sie als solchen zu den blühendsten Landstrichen Armeniens, nur der oberen Araxesebene (Eriwan) und der Sakasene an der Kura gegenüber Albanien nachstehend. Das ganze Land sei ein einziges Ackerfeld, mit zahlreichen Obstgärten und Waldungen immergrüner Bäume; sogar die Olive gedeihe hier und natürlich im Überfluß Wein, der nur auf den Hochflächen schlecht fortkomme. Das sind höchst überraschende Angaben für uns, die wir die Ebene von Eriwan und die Tiflis benachbarten Striche an der Kura als öde, völlig baumlose Steppen kennen. Sie sind es also erst seit dem Mittelalter geworden; vorher hatten künstliche Bewässerung und rationelle Bodenpflege das Strabon paradiesisch erscheinende Landschaftsbild hervorgezaubert. Und sorgsamen Ackerbau und mit ihm verbunden eine nicht geringe allgemeine Kultur hatten schon die 10 000 Griechen in Armenien vorgefunden, das Erbe offenbar aus der Epoche der Könige von Urartu. Die ausgeprägte immergrüne Mittelmeerflora verliert sich im Osten Trapezunts mehr und mehr; nur gewisse Lorbeerarten dringen ins Innere vor und setzen im Gouvernement Tiflis mehrfach die Macchien an den Berghängen zusammen. Da aber Strabon von immergrünen Bäumen spricht, scheint es notwendig anzunehmen, daß im Altertum auch die Steineiche, die heute nur noch das kolchische Randhügelland in lichterem Hochwald bekleidet, auf den inneren Landstrichen des kaukasischen [1555] Isthmus heimisch war. Ähnlich steht es um den Ölbaum. Wild und in Strauchform ist die Olive über die Steppenregionen fast des ganzen Vorderasien verbreitet, vom Panğāb bis Transkaukasien und Krim, aber Olivenbau gibt es nirgends mehr in Armenien. Da ihn aber auch Moses von Chorene (p. 610) für die der G. benachbarte und gleichfalls bis an die Kura reichende Provinz Uti ausdrücklich bezeugt, so müssen wir glauben, daß sich der Ölbaum mit dem allgemeinen Niedergang der gesamten armenischen Kultur aus den verödeten und zu Steppen herabgesunkenen Talbecken zurückgezogen hat. Vgl. auch Schrader in Hehns Kulturpflanzen7 121.

Im Südosten stieß die G. an den Gau Sakasene (Šakašan) der Provinz Uti; dieser umfaßte den Nordabhang des Gokčaiplateaus bis zum Kur hinunter (s. Sakasene); die Grenze mag in den Bergen über dem Akstafafluß verlaufen sein, in dessen Tal die berühmte Poststraße nach Eriwan hinübergeht. Sakasene ist nach der Ptolemaioskarte der Sirakene (s. d.) benachbart, in der man den alten Gau Širak der Provinz Airarat erkennt, den vom Arpačai durchflossenen Distrikt mit der alten Stadt Ani, südwärts von Alexandropol sich ausdehnend. Da anderseits das Hochplateau von Alexandropol die Fortsetzung des ὀροπέδιον der Gogari bildet, so wird die Südgrenze G.s gegen Sirakene annähernd in dem Bergzug nördlich der russischen Stadt fixiert. Im Südwesten müssen die Taochoi die Nachbarn der Gogari gewesen sein, wenigstens zu der Zeit, als die 10 000 Griechen ihr Gebiet durchzogen. Da die Hellenen aus dem Taochenland an den unteren Čoroch gelangten, ist es notwendig, diesen Stamm bis an die oberste Kura, auszudehnen. Folglich endete die G. etwa am Čaldyr Gjöl. Der Hauptort des Hochplateaus war Caspiae bei Akhalkalaki; ein anderer Ort hieß Apulum, dessen Name in dem Brüderpaar der isoliert aufragenden Berge Abul fortlebt. Als Gaue der G. dürfen Thriare und Thasie gelten, von Plin. n. h. VI 29 genannt; denn beide sind sicher im Westen und Südwesten von Tiflis zu lokalisieren, der erste armenisch Threlk' (georgisch Thrialethi), der andere arm. Tašir (vgl. Hübschmann Die altarm. Ortsnamen 354). Über das Verhältnis von G. zu Obarene s. d.