RE:Ducenarius 2

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,2 (1905), Sp. 1752–1754
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2) Seit dem Beginne der Kaiserzeit drückt sich der Rang der verschiedenen Procuratoren teilweise in der Höhe ihres Gehaltes aus (Dio LII 25, 2). Im Volksmunde redet man daher schon unter Claudius von procuratores ducenarii, d. h. von solchen, die 200 000 Sesterzen jährlich erhalten (Suet. Cland. 24). Auch auf einer Inschrift kommt es vor, dass ein Procurator sich der Höhe seines Einkommens rühmt; doch ist dies ein tactloser Freigelassener (CIL XIV 2087: Euphrates Aug[usti] lib[ertus] proc[urator] ob effecta sibi in hac statione annua centena genio huius loci d[ono] d[at]). In die offizielle Titulatur (Dio LIII 15, 5) ist die Gehaltsstufe aber erst unter Marcus übergegangen (Hist. Aug. Pertin. 2, 4. Apul. metam. VII 6. Dessau 1455. 1358), und auch dann erscheint sie zunächst noch in so schwankender Form, dass man den Mangel fester titularer Ausprägung deutlich an ihr wahrnimmt. Bald steht hinter dem Amtstitel ad HS CC (Dessau 1358. 1433. 1455. Hist, Aug. Per-tin. 2, 4), bald einfach ad ducena (Dessau 1405), bald auch nur die Zahl CU (Dessau 478. 1413. CIL V 7870): das Gewöhnlichste aber ist von Anfang an procurator ducenarius (Dessau 1455 aus der Zeit des Commodus, ἐπίτροπος δουκηνάριος Le Bas III 2606–2610), oder bei den niedrigeren Stufen centenarius (Bd. III S. 1924, 51) und sexagenarius (Ephem. epigr. V 942. Dessau 1191. 1214. 1388), und nach dem J. 248 (Dessau 1433) kommt nur noch diese Formulierung vor. Schon aus der Zeit des Severus findet sich ducenarius bis ohne Hinzufügung von procurator (CIL VIII 7978; vgl. IX 4885. 4886). Wenn übrigens keine geringeren Gehalte als von 60 000 Sesterzen in den Inschriften erscheinen, so folgt daraus noch nicht, dass es keine gab. Man führte eben nur das an, was als besonders ehrenvoll galt. Mitunter wird daher auch nur die ducena erwähnt. obgleich der Betreffende niedrigere Procuraturen bekleidet hat, die ohne Zweifel mit bescheideneren Einkünften verbunden waren (Dessau 1405. 1413).

Erscheint derselbe Amtstitel mit verschiedenen Gehaltsstufen, so bedeutet dies in der Regel wohl auch eine verschiedene Competenz. Dies ergiebt sich namentlich aus Dessau 1440: procuratori centenario regionis Hadrimetinae, functo etiam partibus ducenari ex sacro praecepto in eadem [1753] regione. Wenn daher praefecti vehiculorum bald als sexagenarii (Dessau 1433), bald als centenarii und dann als ducenarii auftreten (Dessau 1358), und dasselbe sich bei den consiliarii des Kaisers wiederholt (Dessau 1214 1455), so wird man das in diesem Sinne aufzufassen haben.

In vordiocletianischer Zeit findet sich die Ducena mit folgenden Ämtern verbunden:

Procuratio provinciae Baeticae, Dessau 1405; vielleicht
  auch Cypr. epist. 67, 6
Procatio provinciae Brittanniae, Dessau 478
Proratio provnciae Narbonensis, CIL XII 1749
Proratio provnciae Sardiniae, CIG 2509
Proratio provnciae Dalmatiae, CIL III 8571. CIG 3751
Proratio provnciae Daciae, Hist. Aug. Pert. 2.4
Proratio provnciae Ponti et Bithyniae, CIG 2509
Procatio idiu logu Alexandriae, Dessau 1413. CIG 3751
Procatio stationis hereditatium, Dessau 1458
Procatio portus utriusque, Dessau 1433
Procatio regionis Hadrimetinae, Dessau 1440
Procatio rationis castrensis, CIL X 5336
Praefectura vehiculorum, Dessau 1358. 1455
Episcepsis chorae inferioris, CIL V 7870
Ducatus, CIL V 3329 vom J. 265
Praefectura legionis, CIL III 99 aus den J. 244-249
Protectio Augusti, CIL III 1805. XI 837. XII 2228, die älteste vom J. 269.

An die militärischen Ämter, die wir an letzter Stelle genannt haben, knüpft die Entwicklung der Ducena im 4. Jhdt. vorzugsweise an. Unter Domitian erscheint sie vielleicht noch einmal als Gehaltsstufe (Dessau 1214), wobei dann natürlich an Sesterzen im Sinne der Münzreform Aurelians, d.h. an Doppeldenare oder Folles, zu denken wäre (Seeck Wiener numism. Ztschr. XXVIII 171). In der Regel aber hat sie mit dem Diensteinkommen nichts mehr zu thun, sondern bezeichnet einen Rang, der an Wert und Gehalt sehr verschieden sein kann, je nach der Körperschaft, innerhalb deren er bekleidet wird. Denn ohne Zweifel stand ein D. der Protectoren viel höher, als etwa ein ducenarius de numero Batavorum seniorum, wie er CIL V 8759 vorkommt. Es lassen sich nämlich in dieser Zeit drei Gruppen von D. unterscheiden:

a) Im Militärdienst rückt der Soldat nach seinem Dienstalter durch Ausscheiden der Vordermänner langsam von Stufe zu Stufe auf, was nur durch Gunst oder hervorragende Verdienste beschleunigt werden kann. Unter jenen Rangstufen, die der Gemeine zu durchlaufen hat, erscheint auch die Ducena, und zwar lernen wir ihre Stelle innerhalb der Reihe aus folgender Stelle des Hieronymus (adv. Johann. Hieros. 19 = Migne L. 23, 370) kennen: finge aliquem tribuniciae potestatis suo vitio regradatum per singula militiae equestris officio ad tironis vocabulum devolutum: numquid ex tribuno statim fit tiro? non, sed ante primicerius, deinde Senator, ducenarius, centenarius, biarchus, circitor, eques, dein tiro; et quamquam tribunus quondam miles gregarius sit, tamen ex tribuno non tiro, sed primicerius factus est. So erscheinen denn auch in nachdiocletianischer Zeit D. unter den Protectoren (CIL III 6439. V 1721. 5833. XII 2576), in den Scholae palatinae (Nov. Theod. 21), in dem Auxilium [1754] der Batavi seniores (CIL V 8759), in einer Legion (CIL III 6193. Revue archéol. XXVII 1895, 131) und in einem unbekannten Truppenkörper (CIL XII 149), Centenarii in den Scholae palatinae (Nov. Theod. 21 § 1), in den Auxilien der Brachiati (CIL V 8740) und der Ebi (CIL V 8745), in der Vexillatio der comites seniores sagittarii (CIL V 8758), kurz dieselben Stufen des Avancements scheinen bei allen Truppengattungen vorhanden gewesen zu sein. Mommsen CIL V p. 1059.

b) Das Avancement in den civilen Officia ist dem militärischen nachgebildet und scheint daher auch regelmässig dieselben Rangstufen darzubieten. Dies gilt nicht nur von solchen Corporationen, die noch einen halbsoldatischen Charakter bewahrt haben, wie die Agentes in rebus, sondern auch von rein civilen, wie die Eunuchen des kaiserlichen Palastes oder die Subalternbeamten der Praefecti praetorio. Wir machen daher zwischen den beiden Gruppen keinen Unterschied, sondern zählen alle Officia auf, in denen uns D. oder Centenarii oder alle beide überliefert sind, wobei wir die höfischen voranstellen, die provincialen folgen lassen. Natürlich darf man bei der Dürftigkeit der Quellen aus ihrem Schweigen niemals schliessen, dass diese Rangstufen in irgend einem bestimmten Officium gefehlt hätten, vielmehr weist die grosse Verschiedenheit derjenigen, in denen wir ihr Vorhandensein nachweisen können, darauf hin, dass sie in allen vorauszusetzen sind.

Agentes in rebus, s. Bd. I S. 777, 18;
Palatini sacrarum largitionum, Cod. Theod. VI 30, 7. 8. 9;
Eunuchi palatini, CIL V 1680;
Officium stabuli dominici, CIL V 374. 1880;
Officium praefecti praetorio, CIL V 8771. Athan. apol.
 c. Ar. 74 = Migne G. 25, 385. Act. collat.
 Carthag. 11 = Migne L. 40 43, 816;
Officium proconsulis Africae. Cod. Theod. XI 7, 1; vgl. 1, 2;
Officium vicarii Africae, Cod. Theod. XI 7, 9;
Officia ducum Tripolitanae, Byzacenae, Numidiae, Mauretaniae,
 Sardiniae
, Cod Iust. I 27, 2 § 22. 25. 28. 31. 34.

c) Ducena und Centena sind reine Titularwürden, die ohne jede amtliche Stellung nur durch kaiserliche Gnade verliehen werden können. Als solche scheinen sie zuerst unter Aurelian aufzutreten (Euseb. hist. eccl. VII 30. 8; vgl. CIL III 6155. V 1680. 6129). In der Zeit Constantins galten sie als die mittleren Rangstufen zwischen dem Egregiatus und dem Perfectissimatus (Cod. Theod. VIII 4, 3. X 7. 1. 20, 1. XII 1, 5). O. Hirschfeld Untersuchungen auf dem Gebiete der römischen Verwaltungsgeschichte I 258: S.-Ber. Akad. Berlin 1893, 430. Mommsen Röm. St.-R. I³ 305. III 564; Ephem. epigr. V p. 125; CIL V p. 1059.