Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 12081211
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Cooptatio ist der technische Ausdruck für die Selbstergänzung einer Körperschaft und steht im Gegensatze zu jeder Bestellung durch ausserhalb der Corporation stehende Factoren, sei es vermittels Wahl, sei es vermittels Ernennung; sie ist ihrer Wesenheit nach nie rein constitutiv, sondern immer nur supplierend, setzt also für ihre Anwendung ein Ganzes schon voraus (daher ungenau Cic. de rep. II 16 von der Begründung des Augurates durch Romulus: ex singulis tribubus singulos cooptavit augures). Die C. gelangt zur Anwendung in weitem Umfange bei der Ergänzung der collegia sacerdotum (s. o. S. 382f.), wo von ihr nur ausgeschlossen sind einerseits die der captio durch den Pontifex maximus (s. o. Bd. III S. 1509) unterliegenden kleineren Priestertümer des pontificalen Amtskreises (Flamines, Rex sacrorum, Virgines Vestales), andererseits, wie es scheint, die sacerdotia equestria der Kaiserzeit (Mommsen St.-R. III 569). Bei allen übrigen Priesterschaften gehörte die Ausfüllung der durch Tod oder Exauguration von Mitgliedern entstandenen Lücken durch C. zur ältesten Sacralverfassung (Dion. Hal. II 73 ἐκλιπόντος δέ τινος αὐτῶν τὸν βίον ἕτερος εἰς τὸν ἐκείνου καθίσταται τόπον οὐχ ὑπὸ τοῦ δήμου αἱρεθεὶς ἀλλ’ ὑπ’ αὐτῶνἐκείνων, ὃς ἂν ἐπιτηδειότατος εἶναι δοκῇ τῶν πολιτῶν, von den Pontifices); sie ist direct bezeugt für die Pontifices (Liv. XXXIX 46, 1. XL 42, 11. Suet. Nero 2), die Augurn (Liv. XL 42, 13. Cic. Brut. 1. 101; Philipp. XIII 12; epist. III 10, 9. Plin. epist. IV 8, 3), die Epulonen (Liv. XL 42, 7), die Decemviri sacris faciundis (Liv. XL 42, 12) und die Fratres Arvales (Henzen Acta fratr. Arval. p. 150ff.). Wenn auch der freiere Sprachgebrauch das Verbum cooptare häufig auf den einzelnen abstimmenden Priester anwendet (z. B. Cic. Brut. 101. Plin. epist. IV 8, 3), so kommt es doch streng genommen nur dem ganzen Collegium oder noch richtiger dem Obmanne desselben zu; daher lautet bei den Arvalbrüdern die Formel in der älteren Zeit magister cooptavit, in den jüngeren Protocollen fratres Arvales per magistrum cooptarunt (s. o. Bd. II S. 1469). [1209] Die Abstimmung des einzelnen Priesters (mea nominatione cooptabo Cic. Phil. XIII 12; qui me nominationis die per hos continuos annos inter sacerdotes nominabat, tamquam in locum suum cooptaret Plin. a. a. O.), die dieser vollzieht unter der eidlichen Versicherung, nach bestem Wissen und Gewissen den Würdigsten zu nennen (Cic. Brut. 1 iuratus iudicium dignitatis meae fecerat. Suet. Claud. 22 in cooptandis per collegia sacerdotibus neminem nisi iuratus nominavit), heisst nominatio (s. d.), zu ihr verhält sich die C. ebenso wie die renuntiatio (s. d.) zum Wahlacte der Comitien, sie ist die rechtsverbindliche Verkündigung des Ergebnisses, die darum in feierlicher Form (habita sollemni precatione bei den Arvalen, die Formel mitgeteilt im Protocolle des J. 218, CIL VI 2104 b 21ff.) geschieht und an die sich dann alsbald die Inauguration (bei den Arvalen ad sacra vocatio) anschliesst. Als dann durch die lex Domitia de sacerdotiis vom J. 651 = 103 die Wahl der Priester der quattuor amplissima collegia an die Quasicomitien der siebzehn Tribus übertragen worden war (cooptatio collegiorum ad populi beneficium transferebatur, Cic. Lael. 96), schob sich dieser Wahlact zwischen Nomination und Cooptation in der Weise ein, dass die erstere aus einer Wahl zu einer Präsentation wurde (über das einzelne s. Art. Nominatio), die C. aber nur noch eine Renuntiierung des Gewählten vor dem Collegium bedeutete (Cic. de leg. agr. II 18 hoc idem de sacerdotiis Cn. Domitius tribunus plebis tulit, quod populus per religionem sacerdotia mandare non poterat, ut minor pars populi vocaretur; ab ea parte qui esset factus, is a collegio cooptaretur). Seit Tiberius ging dieser Wahlact wie die übrigen Wahlen der Comitien auf den Senat in der Weise über, dass die comitia sacerdotum nur noch zusammentraten, um die renuntiatio der durch den Senat gewählten Priester entgegenzunehmen; dass auch im Collegium selbst die C. als Verkündigungsact noch vollzogen wurde, ist zwar nicht bezeugt, aber unbedingt anzunehmen. In den durch die Lex Domitia nicht betroffenen Priesterschaften, zu denen u. a. die Fratres Arvales gehören, bestand der Cooptationsact in der alten Form weiter, wurde aber wesentlich beeinflusst durch das (übrigens auch bei den Priesterwahlen des Senates sich stark geltend machende) kaiserliche Commendationsrecht; während die ältesten Cooptationsprotocolle der Arvalbrüder die C. als das Ergebnis einer von den Anwesenden mündlich, von den Abwesenden schriftlich (per tabellas cooptarunt [imp(erator) Caesar] Augustus, Ti. Caesar Augusti f., Germanicus [Caesar Ti. f.], Paullus Fabius Maximus, CIL VI 2023 a 15) vollzogenen Abstimmung erkennen lassen, geht die Sache seit der Zeit des Caligula häufig vielmehr so vor sich, dass ein die C. einer bestimmten Persönlichkeit enthaltendes Schreiben des Kaisers verlesen wird und dann, wohl ohne weitere Abstimmung, die C. des Genannten durch den magister erfolgt (z. B. CIL VI 2080, 22ff. habita sollemni precatione per C. Vitorium Hosidium Getam mag(istrum) in locum Q. Bitti Proculi P. Manlium Carbonem ex litteris imp(eratoris) Caesaris divi Traiani Parthici f(ili) divi Nervae nepotis Traiani Hadriani Aug(usti) [1210] fratrem Arvalem cooptarunt et ad sacra vocaverunt; ibique tabulae apertae signo signatae quod exprimit c[a]put Aug(usti), in quibus scriptum fuit: imp(erator) Ca[e]sar Traianus Hadrianus Aug(ustus) fratribus Arvalibus collegis s[ui]s salutem. in locum Q. Bitti Proculi collegam nobis mea sententia coopto P. Manlium Carbonem). So hatte sich aus der Stimme, die der Kaiser als Mitglied des Arvalencollegiums wie jedes andere abzugeben befugt war, ein Vorschlagsrecht entwickelt, das ebenso bindend war, wie die bei Besetzung der magistratischen Ämter vom Kaiser geübte commendatio (s. d.), und wie sich die auf Grund dieses letztgenannten Actes ins Amt gelangten Magistrate selbst als candidati principis bezeichnen (s. o. Bd. III S. 1469ff.), so wird auch in den Mitgliederlisten der Priesterschaften (z. B. CIL VI 2004–2009) den auf Grund kaiserlicher Empfehlung Cooptierten die Notiz ex litteris (imperatoris) beigefügt.

Auf dem Gebiete der Magistratur ist die C. nachweisbar nur bei derjenigen Obrigkeit, die allein ein collegium im vollen technischen Sinne bildet (s. o. S. 381f.), bei den Volkstribunen. Dass bei diesen in älterer Zeit, falls die volle Besetzung aller Stellen nicht durch eine Wahl zu stande kam, die Ergänzung durch C. seitens der rechtmässig gewählten Tribunen statthaft war, ist nicht zu bezweifeln; Liv. III 64, 10 giebt die ursprüngliche Rogationsformel: tribunos plebei decem rogabo; si qui vos minus hodie decem tribunos plebei feceritis, tum ut ii, quos hi sibi collegas cooptassint, legitimi eadem lege tribuni plebei sint, ut illi, quos hodie tribunos plebei feceritis. Aber nachdem noch im J. 305 = 449 nach dieser Regel verfahren worden war und fünf gewählte Tribunen sich eben so viele Collegen cooptiert hatten (Liv. III 64, 8–65, 1), machte im folgenden Jahre ein Gesetz des Volkstribunen L. Trebonius diesem Brauche ein Ende durch die Anordnung, ut qui plebem Romanam tribunos plebi rogaret, is usque eo rogaret, dum decem tribunos plebi faceret (Liv. III 65, 4). Wenn auch später noch einmal ein Beispiel von C. zweier Tribunen bei nicht zu Ende geführter Wahl vorkommt (Liv. V 10, 10–12, 2 aus dem J. 353 = 401; die bei Liv. IV 16, 3f. erzählte Geschichte von der C. eines elften und zwar patricischen Tribunen im J. 315 = 439 ist apokryph) und Augustus nach Übernahme der tribunicia potestas auf die alte Gepflogenheit zurückgegriffen hat, um sich in Agrippa und Tiberius je auf längere Zeit geeignete Collegen zu cooptieren (Suet. Aug. 27 tribuniciam potestatem perpetuam recepit, in qua semel atque iterum per singula lustra collegam sibi cooptavit, s. zu der Stelle Mommsen Res gestae divi Augusti² p. 31), so ist doch rechtlich mit dem trebonischen Plebiscit die C. aus der Bestellung der Magistratur verschwunden. Denn Mercklins Versuch (Cooptation 183ff.), die C. auch innerhalb der patricischen Magistratur in weitem Umfange nachzuweisen, und die Auffassung der Ernennung des Dictators als C. durch die Consuln (Mommsen St.-R. I 209) finden weder in der überlieferten Terminologie noch in dem sonst deutlich erkennbaren Wesen der C. eine Stütze; dass die Ernennung des Magister equitum durch den Dictator von [1211] Livius einmal (VI 38, 4) mit dem Worte cooptat bezeichnet wird, kann gegenüber der sonst im technischen Gebrauche ganz überwiegenden Ausdrucksweise magistrum eq. dicere (Mommsen St.-R. II 166, 8) nichts beweisen.

Als untechnisch muss die Anwendung des Wortes c. für die Ergänzung des Senates (vgl. Mommsen St.-R. III 855, 4) angesehen werden (Cic. de leg. III 27 sublata cooptatione censoria; de div. II 23 in eo senatu, quem maiore ex parte ipse cooptasset), die namentlich mit Beziehung auf municipale Verhältnisse nicht selten begegnet (Capua Liv. XXIII 3, 5; Puteoli Cic. Cael. 5; Halaesa, Agrigentum, Heraclea Cic. Verr. II 2, 120–125. Lex Iulia munic. CIL I 206 Z. 85f. nei quis eorum que(m) in eo municipio... [in] senatum decuriones conscriptosve legito neve sublegito neve coaptato neve recitandos curato), ebenso wie vereinzelt auch von einer cooptatio in patres (Liv. IV 4, 7) oder in patricios (Suet. Tib. 1) die Rede ist. Im späteren Sprachgebrauche lässt sich an zahlreichen Beispielen erkennen, wie das Verbum cooptare in die Begriffssphäre von adoptare übergreift und an seine Stelle tritt (z. B. Apul. met. IV 26 quem filium publicum omnis sibi civitas cooptavit. Flor. II 15, 2 cooptationem Iuliae gentis inhibere, mit Beziehung auf Octavian. Aurel. Vict. Caes. 41, 9 Martiniano in imperium cooptato; epit. 12, 9 Traianum in liberi locum inque partem imperii cooptavit); besonders deutlich tritt dies hervor bei der Ernennung von Patronen der Gemeinden (Mommsen Stadtr. von Salpensa und Malaca 452ff.) und Collegien (Liebenam Vereinswesen 212ff., s. auch o. S. 424f.), für welche noch die ciceronische Zeit allein den technischen Ausdruck patronum adoptare kennt (Cic. Sest. 9; Phil. II 107. VI 13, namentlich aber die Lex colon. Genet. CIL II 5439 c. 97. 130. 131), während später die zuerst in einer Inschrift vom J. 742 = 12 (CIL VIII 68) nachweisbare Wendung patronum cooptaverunt die Tabulae Patronatus unbedingt beherrscht (Mommsen Ephem. epigr. II p. 147).

Litteratur: Borghesi Memorie dell’ Instit. I (1832) 272ff. 292ff. = Oeuvres III 409ff. 428ff. L. Mercklin Die Cooptation der Römer, Mitau und Leipzig 1848. A. Gemoll De cooptatione sacerdotum Romanorum, Berolini 1870. W. Henzen Acta fratr. Arval. p. 154f. Mommsen St.-R. I² 208ff. II² 23ff. 1057f.