Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 315317
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10) Aquila Romanus (Rhomanus Aquila in B) hat seinen Beinamen vielleicht zum Unterschiede von Nr. 5 oder 6 (der dann vor oder zu gleicher Zeit mit Nr. 10 gelebt haben müsste). Von seinen Lebensumständen ist uns nichts bekannt. Seine Blüte setzt man in die zweite Hälfte des 3. Jhdts. n. Chr. Die einzige von ihm überlieferte Schrift führt den Titel de figuris sententiarum et elocutionis. Augenblicklicher Zeitmangel zwang den Verfasser, statt eines ausführlichen Lehrbuches der Rhetorik, um das er gebeten worden war, vorläufig nur ein Kapitel aus dem weitschichtigen Gebiete gleichsam als Abschlagszahlung an den Bittsteller, einen adulescens acerrimo ingenio (27, 2), zu senden. Er wählte die Figurenlehre mit Absicht, weil sie speciell den Redner angehe. In natürlicher Anordnung behandelt er zuerst die Sinn- (1–16), dann die Wortfiguren (22ff.); dazwischen bespricht er die drei Arten der Rede (oratio soluta, perpetua, ea quae ambitu constat), die Einteilung der letzteren in περίοδος ambitus, κῶλον membrum, κόμμα caesum und den Gebrauch der Periode. Ein Kapitel über den Unterschied zwischen Sinn- und Wortfiguren bildet den Übergang zu der Aufzählung der Wortfiguren, unter denen zuerst die sog. gorgianischen Figuren nach einem einleitenden Kapitel über ihre Verwendung bei Gorgias, Isokrates und Demosthenes Erwähnung finden. In der Regel folgt dem griechischen Terminus für eine Figur der lateinische (zuweilen von dem üblichen abweichende, z. B. 34, 17), dann die Definition, öfter die Unterscheidung von verwandten Figuren, Bemerkungen über die Häufigkeit des Gebrauchs, Kraft, Würde und Schönheit der Figur; zur Erläuterung wird mindestens ein Beispiel mitgeteilt. Als nachahmenswerte Stilmuster empfiehlt A. in erster Linie Demosthenes und Cicero (37, 28; vgl. auch 31, 26). Er selbst entlehnt seine Musterbeispiele, zum Teil aus dem Gedächtnisse zitierend, fast ausschliesslich den Reden Ciceros, daneben wird Demosthenes nur viermal (dreimal de corona), Vergilius, Terentius, Licinius Calvus (= Quint. IX 3, 56) je einmal citiert. Nicht selten bildet er sich die Beispiele selbst, teilweise im Anschlusse an Vorbilder (so besonders Cicero; 24, 19f. Caesar b. c.). Nach eigener Angabe 27, 1 hat A. für seine figurae sententiarum die von den elegantissimi getroffene Auswahl zu Rate gezogen. Er nennt nur an einer Stelle einen Gewährsmann, 31, 23ff. Aristoteles in tertio Rhetoricorum libro (c. 12), den er jedenfalls nur mittelbar benützt hat; im übrigen spricht er nur ganz allgemein von den Graeci 27, 17. 20. 31f. 34, 17. 35, 9; quidam 28, 26. 34, 17 (Lateiner); nonnulli 28, 15; aliqui 23, 18; vocant, nominaverunt 32, 23. 33, 23. Der quidam 26, 23, der die μετάστασις zu den Figuren gezählt hat, ist Alexandros Numeniu III 26, 23ff. Sp., und dieser ist, so geschickt A. auch den Schein eines Plagiators zu vermeiden sucht, überhaupt die Hauptquelle der Schrift, wie eine alte hsl. Überlieferung B bei Halm 22, 15 und schon Iulius Rufinianus [316] zu Anfang seiner Schrift 38, 1 H. bezeugt mit den Worten.: hactenus Aquila Romanus ex Alexandro Numenio. Was das Verhältnis A.s zu Alexandros angeht, so hat Steusloff Quibus de causis Alexandri Numenii περὶ τῶν τῆς διανοίας καὶ τῆς λέξεως σχημάτων liber ... spurius habendus sit, Breslau Diss. 1861, 31f. 39ff. (vgl. auch 10. 21) durch eingehende Vergleichung A.s mit der erhaltenen, unter Alexandros Namen gehenden Schrift nachgewiesen, dass A. nicht aus dieser (= Epitome I, s. Alexandros Nr. 96), sondern aus der Originalschrift des Alexandros, deren vollständigere Fassung er uns bisweilen erhalten hat, geschöpft hat. Während die Anordnung der Gedankenfiguren von der in Epitome I nicht wesentlich verschieden ist, folgen die Wortfiguren einem von Epitome I (und III) abweichenden Principe der Anordnung. An die Schrift des A. schloss im 4. Jhdt. Iulius Rufinianus eine ähnliche als Ergänzung unter Benützung anderer Quellen an (38–47 H.); im 4./5. Jhdt. schrieb Martianus Capella den A. in dem auf die Figuren bezüglichen Abschnitte seiner Rhetorik fast wörtlich aus. Dem Rutilius Lupus steht A. an Wert weit nach: seine Sprache ist hart, nachlässig und, schon infolge des späten Zeitalters, weit entfernt von guter Latinität (Mähly Philol. XVI 1860, 172f.). Manches Fehlerhafte wird man freilich der Eile des Rhetors zu gute halten, manches auf Kosten der Überlieferung setzen müssen. Schon frühzeitig hat der Text starke Veränderungen erlitten durch Wort- und Satzversetzungen, Zusätze der verschiedensten Art, Auslassungen von Worten und ganzen Abschnitten; so sind vermutlich durch Nachlässigkeit der Abschreiber hinter der ersten Gedankenfigur προδιόρθωσις die bei Alexandros folgenden sieben ausgefallen (v. Wilamowitz bei Müller De figuris quaest. crit. I, Greifswald Diss. 1880, 3, 2). Dem Martianus Capella lag noch ein vollständigerer Text vor als die Hss. des A. ihn überliefern (s. z. B. 28, 7. 12. 15. 30, 8. 32, 28). Der junge, von Halm zuerst verglichene Codex Vindobonensis (C) unterscheidet sich nur wenig von dem Codex, der der Veneta vom J. 1519 (V) zu Grunde lag. Der alte Codex Spirensis, aus dem Beatus Rhenanus in der Baseler Ausgabe lateinischer Rhetoren vom J. 1521 (daher auch Rhenaniana, B) den A. herausgab, ist jetzt verschollen. Auf einen anderen Codex geht die dritte Ed. princ., die Aldina vom J. 1523 zurück (A). Von neueren Ausgaben sind zu nennen die von Capperonnier in den Antiqui rhetores latini, Strassburg 1756, 15–29, von Ruhnken im Anschluss an die Ausg. d. Rutil. Lup., Leyden 1768, 139–194 (neu aufgelegt von Frotscher, Leipzig 1831. 1841, 184–223) und die von Halm in den Rhet. lat. min., Leipzig 1863, 22–37. Um die Textesverbesserung haben sich besonders verdient gemacht Stephanus, Ruhnken, Halm; kurz vor und bald nach Halm haben kritische, von Halm nicht benützte Beiträge geliefert: Mähly a. O. 172–175. Wensch in dem Grat.-Progr. Wittenberg 1861, 5–13. Fröhlich Jahrb. f. Philol. LXXXIX 1864, 208–211 (von Spengel aus Fröhlichs Nachlasse mit eigenen Bemerkungen veröffentlicht). Simon Philol. XXVIII 1869, 628–647.

Ob A. die im Prooemium in Aussicht gestellte [317] Rhetorik auch wirklich später verfasst hat, wissen wir nicht. Die Annahme, dass Iulius Victor im 4. Jhdt. ihn benützt hat, gründete sich auf eine Vermutung Mais, der in der Überschrift und Unterschrift zu dessen ars rhetorica (371. 448 H.) das hsl. Aquili (Aquilii Orelli) in Aquilae geändert hat.

Auf unseren A. werden die Citate bei Probus (vielmehr Sacerdos) Gramm. lat. IV 19, 32 K. und bei Cassiodorius ebd. VII 209, 18 (A. Schriftsteller über Orthographie) bezogen, s. Teuffel-Schwabe Röm. Litt.⁵ 979. Ist dieser identisch mit dem Ἀκύλας γραμματικὸς καὶ μουσικός bei Suidas?

Ausserdem vgl. Annaeus Maximus, Annius Subatianus, Arruntius, Attius, Cornelius, Furius Sabinius, Iulius, Sempronius, Terentius, Ulpius Tertullianus Aquila.