Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Flussfisch, bekannt und beliebt
Band I,1 (1893) S. 1 (IA)–4 (IA)
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A.

Aal (ἔγχελυς, anguilla), d. h. anguilla vulgaris war im Altertum einer der bekanntesten und beliebtesten Flussfische, welche man sonst durchgängig verachtete. Er wird schon von Homer genannt (Il. XXI 203. 353). Aristoteles in der Tiergeschichte schildert ihn als langen und glatten Fisch (h. a. I 5. II 13. 15) mit zwei Flossen (I 5 p. 489 b 26; vgl. de incessu an. 7 p. 708 a 3 und Plin. n. h. IX 73), vier einreihigen engen Kiemen auf jeder Seite (II 13 p. 505 a 14), kleinem und von Fett umgebenem (III 15 p. 520 a 23) Magen (VIII 2 p. 592 a 11), einer Speiseröhre (II 17 p. 507 a 10), einer dicht an der Leber befindlichen Gallenblase (II 15 p. 506 b 9). Einen besonderen Abschnitt (VI 16; vgl. IV 11 p. 538 a 1) widmet Aristoteles dem oft behandelten Problem der Fortpflanzung des A. Nach seiner Ansicht ist er ein Zwitter und hat weder Samen noch Eierstöcke (vgl. III 10 p. 517 b 7. VI 13 p. 569 a 5. Plin n. h. X 189), er entsteht von selbst im fauligen Erdschlamm (ἐκ τῶν καλουμένων γῆς ἐντέρων; vgl. de gen. an. III 11 p. 762 b 21. Theophr. de pisc. in sicco deg. 9. Plut. quaest. conv. II 3 p. 637f.). Nachdrücklich wendet sich Aristoteles gegen die, welche behaupten, dass man lebendige Brut – die er vielmehr für Eingeweidewürmer erklärt – bei dem A. gefunden hätte. Man unterscheide zwar ‚männliche‘ A. mit einem längeren Kopfe von den ‚weiblichen‘ mit kleinerem eingedrückten Kopfe (IV 11 p. 538 a 10), welche letzteren besser schmeckten (VIII 30 p. 608 a 5): hier müsse man aber zwei verschiedene Arten annehmen. Nach Aubert und Wimmer Aristoteles Tierkunde I 127, 15 sind damit vielleicht anguilla acutirostris und anguilla latirostris gemeint. Im Gegensatz zu der Aristotelischen Tiergeschichte sagt Pseudo-Aristoteles bei Athenaios VII 298 c (Rose Aristot. pseud. 305) ὀχεύονται δὲ συμπλεκόμεναι κᾆτ’ ἀφιᾶσι γλοιῶδες ἐξ αὑτῶν, ὃ γενόμενον ἐν τῇ ἰλύι ζωογονεῖται. Ihm folgt Oppian hal. I 516. Noch anders Plin. n. h. IX 160 anguillae atterunt se scopulis; ea strigmenta vivescunt, nec alia est earum procreatio. Man wusste, dass der A. aus den Flüssen ins Meer ging (VI 13 p. 569 a 8; vgl. Galen. VI 795. Plin. n. h. XXXII 145. Archestratos bei Athenaios VII 298 e). Über seine Nahrung und Lebensweise handelt VII 2 p. 591 b 30: er lebt hauptsächlich vom Wasser, braucht klares Wasser wegen seiner kleinen Kiemen, ist am [2] Tage in der Tiefe und schwimmt des Nachts umher. Auf dem Trockenen hält er 5 bis 6 Tage aus (vgl. Theophr. de pisc. in sicco deg. 10), er wird 7 bis 8 Jahre alt (p. 592 a 14.23, ausgeschrieben von Plin. n. h. IX 74, vgl. 177). Dass er sich in schlangenartigen Windungen vorwärts bewegt, steht I 5 p. 489 b 29 (vgl. de part. an. IV 13 p. 696 a 5ff. Plin. n. h. IX 73). Aristoteles konnte so gut über den Fisch Bescheid geben, da es besondere Aalzüchter (ἐγχελυοτρόφοι) gab (VIII 2 p. 592 a 2. Athen. VII 298 b), welche in Aalbehältern (ἐγχελυῶνες) den Fisch züchteten, den sie zur Winterszeit dort hinein setzten (VIII 2 p. 592 a 15). Um das Wasser des gegen Unsauberkeit und klimatischen Wechsel sehr empfindlichen Tieres möglichst rein zu erhalten, wurden die Behälter getüncht oder mit breiten flachen Steinen ausgelegt und hatten ständigen Zu- und Abfluss (VIII 2 p. 592 a 2).

Die gebräuchlichste Art, sie zu fangen, war, dass man Wasser und Schlamm aufrührte, so dass die A., bei ihren engen Kiemenspalten leicht dazu gezwungen, an die Oberfläche kamen (VIII 2 p. 592 a 6. Athen. VII 298 b). Daher kam das Sprichwort ἐγχέλεις θηρώμενος (Aristoph. equ. 860. Suidas) von Leuten, die ‚im Trüben fischten‘. Da die Flüsse und Seen besonders im Herbst von Stürmen aufgewühlt wurden, so war dies die beste Fangzeit. So im Strymon (VIII 2) und im lacus Benacus (Gardasee), wo sie sich am Ausfluss des Mincius in eigens dazu angebrachten Vorrichtungen (excipula) ‚Aalstuben‘ jährlich im October in Klumpen zu vielen Tausenden fingen (Plin. h. n. IX 75). Man stellte auch mit Salzlake getränkte Thongefässe auf, in deren Öffnung man das sogenannte Sieb (τὸν καλούμενον ἠθμόν IV 8 p. 534 a 20), wohl eine Art Reuse, einlegte. Besondere Köderrecepte geben die Geoponica XX 14 und 23 (vgl. auch XX 7, 1). Eigentümlich war die Fangart, welche Aelian h. a. XIV 8 und Oppian hal. IV 450 beschreiben, und die besonders im Flusse Ἠρέταινος bei Vicetia in Ober-Italien geübt wurde. Die Fischer warfen einen langen Schafsdarm ins Wasser; wenn ein A. diesen packte, blies der Fischer mit voller Kraft in den Darm, um den A., der an der Lockspeise festhielt, so zu betäuben und ihn an dem krampfhaft festgehaltenen Köder aus dem Wasser zu ziehen. Die [3] trefflichsten A. (μεγέθει μέγισται καὶ ἐσθίειν ἥδισται Paus. IX 24, 1) in Griechenland kamen aus dem Kopaissee in Boiotien (Belege bei Athen. VII cap. 50–56. Antiphanes ebenda fr. 236 Kock. Aristoph. Lysistr. 36. Ath. II 71 c. Paus. a. a. O. Pollux VI 63. Nonnus Dionys. XIII 64), wo sie noch in diesem Jahrhundert gediehen (Ulrichs Reisen und Forsch. 200). Sie wurden von Theben verschickt (Ephippos fr. 15 Kock) und fehlten auf dem Tisch keines Feinschmeckers in Athen, wo sie während des Peloponnesischen Krieges schmerzlich entbehrt wurden (τερπνότατον τέμαχος ἀνθρώποις) Aristoph. Acharn. 880; Pax 1005). Damals kostete einer dort drei Drachmen (Acharn. 962). In der Marktaccise war die Höhe der Abgabe für A. verschieden von der für die andern Fische (Schol. B zu Il. XXI 203). Die größten A. des Kopaissees wurden von den Boiotiern feierlich wie vierfüssige Opfertiere bekränzt und den Göttern geschlachtet (Agatharchides bei Athen. VII 297 d [FHG III 192]). An zweiter Stelle standen die A. des Strymon (Aristot. VIII 2 vgl. oben. Archestratos bei Athen. VII 298 e und Ptolemaios Physkon ebenda II 71 b. Antiphanes fr. 105 Kock). Dass man die ‚makedonischen‘ A. einpökelte, sagt Hikesios bei Athen. VII 298 b. Diesen beiden Arten reiht Archestratos bei Athen. VII 298 e als dritte ihnen ebenbürtige oder überlegene an die A. der sicilischen Meerenge, die sonst nicht erwähnt werden. Ausserhalb Griechenlands genoss auch der Eulaios (Choaspes), an dem Susa lag, deswegen einen Ruf (Antimachos fr. 56 Kock). Nach Ptolemaios Physkon bei Athen. II 71 bc hatte der in die grosse Syrte strömende Fluss Lathon die sogenannten Königs-A., welche anderthalbmal so gross waren wie die makedonischen und boiotischen. Im Ganges sollten gar A. von 30 Fuss Länge vorkommen (Plin. h. n. IX 4). Von dem grossartigen Aalfang in Ober-Italien, der in den Po-Lagunen bei Comacchio am gewaltigsten ist, war oben die Rede. Natürlich gab es noch viele andere Stätten desselben (Demetrios von Skepsis bei Athen. VII 300 b; ein Aal aus dem Maiandros ebenda 299 c bei Semonides). In der römischen Kaiserzeit galt der A. als Speise des gemeinen Mannes (Iuven. V 103). Wie bei uns in Dill, so pflegten die Griechen den A. in Mangold (τεῦτλον, σεῦτλον) anzurichten (Aristoph. Acharn. 894; Pax 1014. Eubulos fr. 35–37 Kock. Pherekrates bei Pollux VI 59); der Fisch wurde dabei in die Mangoldblätter eingewickelt. Hinsichtlich der Verdaulichkeit und Nahrhaftigkeit seines Fleisches waren die Ärzte nicht einig; während ihm Hikesios (Athen. VII 298 b) vor allen Fischen den Vorrang giebt, will Galenos VI 796 nichts von ihm wissen. Um jemanden den Weingenuss zu verleiden, empfiehlt Plin. n. h. XXXII 138 einen Trunk Wein, in welchem man zwei A. getötet hat. Schlammiges Wasser, in welchem sich A. aufhielten, hielt man für gesund (Plin. h. n. XXXI 36). Um Wasser trinkbar zu machen und die in ihm vorhanden Blutegel zu vertilgen, setzte man A. hinein (Geopon. II 5, 15). Nach Verrius Flaccus (bei Plin. h. n. IX 77) prügelten die Römer die Knaben mit dicken Aalhäuten, vgl. Isidor orig. V 27 und Hesych. s. σκυτάλαι. Bei den Ägyptern war der A. heilig [4] (Herod. II 72), worüber die Komiker bei Athenaios VII 299 c spotten. Aber auch in der griechischen Welt gab es heilige A. Am berühmtesten waren die in der Quelle Arethusa (Athen. VIII 331 e. Aelian n. a. VIII 4 [von einem Aal sprechend]. Plutarch de soll. an. 23. Porphyr. de abstin. III 5). Am nächsten liegt es, an die syrakusanische Quelle des Namens auf der Insel Ortygia zu denken, in welcher sich heilige Fische befanden (Diod. V 3. Schol. Pind. Nem. 1), Athenaios aber nennt ausdrücklich die Arethusa bei Chalkis auf Euboia als ihr Heim. Ebenso barg der Fluss Heloros in Sicilien zahme Aale (Nymphodoros bei Athen. a. a. O. Plin. XXXII 16. Aelian h. a. XII 30; vgl. Apollodor bei Steph. Byz. s. Ἓλωρος) und endlich die Quelle des karischen Zeus Λαβρανδεύς (Aelian. Plin. a. a. O.). Die heiligen Tiere trugen goldene Ohrringe und Halsbänder und wurden gefüttert. Von Krisamis von Kos wurde erzählt, er sei mit seinem Geschlecht umgekommen, weil er einen A., der ihm die besten Schafe raubte, tötete und trotz einer Traumwarnung unbegraben liess (Ps. Zenob. IV 64. Hesych. u. Suid. s. Κρίσαμις). Sprichwörtlich war die Glätte des A. (anguilla est, elabitur Plaut. Pseudol. 747, vgl. Lucian Anachars. 1 und Timon 29). Darstellung des A. bei Imhoof-Blumer und O. Keller Tier- und Pflanzenbilder a. Münz. u. Gemmen Taf. VIII 3 (?); XXIII 13.

[Oder. ]