Miscellaneen (Journal von und für Franken, Band 1, 4)

Textdaten
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Autor: Diverse
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Titel: Miscellaneen
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 1, S. 477-488
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1790
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
s. auch Zusätze und Berichtigungen zu den vorigen Heften
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VIII.
Miscellaneen.


1.
Aus einem Briefe vom 10 October.
Vorläufig machen Sie in Ihrem Journal bekannt, daß am 4ten dieses Monats der Wirzburgische Hoffactor und Rabbi Samuel Wolf zu Heydingsfeld bey Wirzburg an einer Entkräftung gestorben sey. Tags darauf wurde er zu Schwenfeld, wo sie dasigen Juden ihre Grabstätte haben, beerdiget. Freunde und Feinde, – er hatte ihrer| die Menge, ich gehöre aber zu keinem von beyden Theilen – müssen ihm sicherlich das Zeugniß geben, daß er für Franken in manchem Betracht kein unwichtiger Mann war. Die kommende Zeit wird darüber manche Aufschlüsse geben, wenn man ohne Furcht vor seinen mächtigen Gönnern reden darf; und wenn seine Feinde sich von der Hitze erhohlt haben, durch welche gewöhnlich die Thaten der Menschen entstellt werden. Er verdient in allem Betracht einen Biographen. Jetzt nur einige Bruchstücke.
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Er war 1705 in Oettingen von armen Eltern geboren. Da er schon in früher Jugend viele Anlagen eines großen Kopfes zeigte, so wurden seine Lehrer aufmerksam auf ihn, und ein Verwandter nahm ihn nach Frankfurt am Mayn zu sich, wo er den Grund zu seinen jüdischen Studien legte. Von da kam er als Gehülfe nach Mannheim zu dem Oberland-Rabbiner, und stand damahls in einem ausserordentlichen Ruf der Gelehrsamkeit. Vorzüglich war er als Redner unter seiner Nation berühmt. Durch welche Veranlassung, ist mir unbekannt; aber in den 30er Jahren kam er nach Nieder-Werrn, einem Rittergute der Freyherren von Münster, eine Stunde von der Reichsstadt Schweinfurt,| wo immer viele und wohlhabende Juden wohnten. Hier wurde er Schwiegersohn eines in der dasigen Gegend wohlbekannten und ziemlich bemittelten Juden, Namens Maul, und handelte, wie die meisten seiner Mitbrüder, nach Schweinfurt, wohin er fast täglich, den Quersack auf dem Rücken, seine Wanderschaft antrat. Anfänglich soll es mit seinem Handel nicht recht von statten gegangen seyn. Denn es gibt Leute, welche es wissen können, die behaupten, daß er eben auf dem Punct gestanden habe umzuwerfen, als ihm mit einemmahle und ganz unvermuthet ein Glücksstern aufging. Der damahlige Prälat des Klosters Bildhausen, Cistercienser-Ordens, bekam den Einfall, sich in seinem Gotteshause durch Anschaffung eines ausserordentlich großen silbernen Crucifixes und einer recht herrlichen mit kostbaren Steinen besetzten Monstranz zu verewigen. Die Ausführung dieses Einfalls wurde seinem Hofjuden, einem ehemahligen Viehhändler zu Klein-Eibstatt, aufgetragen. Als dieser in der Sache keinen Rath wußte, wandte er sich an den gelehrten Rabbi Samuel Wolf, und das Verlangen des Prälaten wurde in kurzem nach Wunsch befriediget. Durch diesen Handel bekamen Wolfens Umstände| eine günstigere Wendung. Wie es nur der Ächtheit der Steine an der Monstranz ausgesehen hat, wird man Ihnen im Kloster Bildhausen am besten sagen können, wo, wie ich zuversichtlich weiß, Ihr Journal gelesen wird. So viel ist gewiß, der Handel mit dem großen Crucifix und der kostbaren Monstranz kostete dem Kloster viele 1000 fl. die einen Theil der beträchtlichen Schuldenlast ausmachen, deren Verminderung sich der jetzige Herr Prälat so rühmlich angelegen seyn lässet.

Die verbesserten Umstände des Samuel Wolfs erwarben ihm den Vorzug eines Vorgängers. Er kam öfter nach Wirzburg, und durch die Freundschaft und Vertraulichkeit des geheimen Hofraths, Schweinfurtischen Reichsvogts und R. Ritterschaftl. Rhön-Werraischen ersten Orts-Consulenten Joh. Heinr. von Meyern, wußte er sich in die meisten und ersten adelichen Häuser des Cantons Zutritt zu verschaffen. In den damahligen Zeiten rühmte sich der übermüthige Jude oft laut: „Es sey ihm kein Schloß zu vest, das er mit seinem Dieterich nicht öffnen könne.“

In den 50er und 60er Jahren machte er auch an den Höfen zu Bayreut und| Anspach wichtige Geschäffte. Seine wichtigste Rolle spielte er aber zum Leidwesen des ganzen Fränkischen Kreises bey der Münze zu Hildburghausen zu Ende der 50er und im Anfang der 60er Jahre. Wie es da zuging, lässet sich errathen. Interessant für die Geschichte wäre eine unparteyische Schilderung. Samuel war unterdessen zu einem Vermögen von mehr als einer Tonne Goldes gekommen und lebte zu Niederwerrn auf einem prächtigen Fuß: Bürgerliche vom ersten Rang und Adeliche die Menge schämten sich nicht dem Juden Visiten zu erwiedern.
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Mit dem Anfang der 70er Jahre ging ihm ein besonderer Unstern auf. Sein herrschsüchtiges und übermüthiges Betragen machte den Neid vieler seiner Glaubensgenossen rege. Als Vorgänger und hochfürstl. Wirzburg. Hoffactor hatte er seit vielen Jahren den ritterschaftlichen Juden die Wirzburg. Kammerzoll-Zeichen geliefert, und sie dafür bezahlen lassen, wie es ihm gut däuchte, ohne irgend einem Menschen darüber Rechnung abzulegen. Auf einmahl schlug sich eine Partey Juden zusammen und forderten Rechnung. Da er sich zu dieser, gegen diese schlumpigen Juden, wie er sich huldreich auszudrücken geruhete,| nicht verstehen wollte, und wohl auch, ohne seinen Credit aufs Spiel zu setzen, nicht verstehen konnte, nahm sich die Ritterschaft ihrer, wie sie glaubte, von Samuel Wolf tyrannisirten Unterthanen an. Der Proceß kam vor den Reichshofrath, wurde mehrere Jahre mit vieler Heftigkeit geführt, und Sam. Wolf wurde – absolvirt. Dafür rächte er sich gegen manche seiner Glaubensgenossen ganz im Geiste des Judenthums.

Noch ehe sein Proceß am Reichshofrathe wegen der Wirzburgischen Zollzeichen sich auf eine für ihn so günstige Weise endigte, war er, Sicherheit wegen, von dem ritterschaftlichen Gebiet ins Wirzburgische gezogen, also von Niederwerrn nach Heidingsfeld. Seine Flucht von Niederwerrn nach Heidingsfeld gäbe ein vortreffliches Sujet zu einer Tragikomödie. Es ist zu bedauern, daß solche für den Geschichtschreiber und Menschenbeobachter gleich wichtige Auftritte immer noch zu sehr ins Dunkel des Geheimnisses gehüllt werden müssen.

Aber Sam. Wolf ist nicht bloß als Geschäfftsmann für Ihr Journal wichtig, auch als Vater, als Beförderer des Wohlstands unter seiner Nation und als Menschenfreund. Er war dreymahl verheyrathet, und jede seiner| Ehen war reichlich mit Kindern, vorzüglich mit Töchtern, gesegnet. Durch deren Verheyrathung wurde er Gegenschwiegervater von drey Oberrabbinern, als von dem zu Metz, von dem zu Prag und von dem zu [?????]. Mit welchem Aufwand dieser Jude nach Metz und nach Prag ging, und wie viel er sich auf diese Ehre wußte, das sollten Sie einmahl aus seinem Munde gehört haben. Unterdessen erfuhr er doch auch bey seinen Lebzeiten manchen Familienunfall: so wurde ihm ein Sohn wahnsinnig, und mancher seiner nichtswürdigen Enkel aus den erstern Ehen sind so tief von ihrem Wohlstande herabgesunken, daß sie betteln müssen.
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Sein Abzug von Niederwerrn hat wirklich der dasigen Judenschaft manchen Nachtheil gebracht. Es ist bey den Armen nicht mehr der Verdienst, den sie in seinem Hause hatten; den Bemitteltern wies er immer etwas zu handeln zu, und unterstützte sie mit baaren Vorschüssen. Auch der Zugang der Fremden ist nicht mehr so groß, als er ehemahls war. Gegen Arme war er ausserordentlich wohlthätig, und so groß sein Vermögen war, so ist zu bewundern, wie er dennoch dabey den auch auf Arme gemachten Aufwand erringen konnte, ohne daß ein| Deficit in der Rechnung heraus kam. Er unterhielt auf seine Kosten jährlich noch ausserdem arme Judenknaben, und ließ sie unentgeltlich auf die hohe Schule zubereiten. Seine Verlassenschaft soll nahe an 100,000. fl. gränzen.


2.

Die beyden ersten Herren Minister zu Bayreut und Anspach, die Freyherren und Ritterhauptleute von Seckendorf und von Gemmingen, sind von dem Herrn Markgrafen von Bayreut und Anspach, wie bekannt, jüngsthin in Gnaden entlassen worden. Dagegen sind beyde von Ihro kaiserl. Majestät zu wirklichen geheimen Räthen ernannt worden, und ersterer geht als Finanz- und Kammerdirector nach Mainz mit einem Gehalt von 15000 fl. Rhein.


3.
Anspach, den 25sten Octobr.
Das neue Anspachische Abcbuch hat der seel. Generalsup. und D. Junkheim ganz allein verfertiget. Es ist indessen fertig geworden, und der Befehl an alle Decanate des Fürstenthums unterhalb Gebirgs ergangen, solches den Pfarrern und Schulmeistern| ihrer Sprengel bekannt zu machen und nunmehr öffentlich einzuführen. Es ist, wie Ew. etc. aus dem anliegenden Exemplar ersehen können, ein Muster eines guten Schulbuches für den ersten jugendlichen Unterricht, und hat sich der seel. Mann durch dieses hinterlassene an sich kleine Werkchen noch sehr verdient gemacht.


4.

Sie fragen mich: ob es wahr sey, was Ihnen ein auswärtiger Correspondent von Schweinfurt berichtete:

„Daß Weibspersonen, die sich gegen das 6te Gebot vergangen, öffentliche Kirchenbusse thun müßten, wenn sie nicht 10 fl. Strafe geben könnten; und daß neulich erst 2 Weibspersonen diese Strafe ausgestanden und die Folge davon ein Kindermord gewesen sey.“

In dieser Nachricht liegt leider! viel Wahres. Die Übertretungen des sechsten Gebots werden bey uns noch nach dem Verhältnisse des Vergehens mit öffentlicher Kirchenbuße bestraft, wenn die darauf gesetzte Strafe nicht mit Geld bezahlt werden will oder kann. Bey dieser Kirchenbuße muß der| Geistliche, wiederum nach dem Verhältnisse des Vergehens, ein vorgeschriebenes Formuler ablesen, das, eines wie das andere, dem Inhalt und der Sprache nach zu urtheilen, am Schlusse des vorigen oder im Anfang des jetzigen Jahrhunderts aufgesetzt worden ist. Die mündliche Überlieferung sagt dabey: diese obrigkeitlichen Vorschriften seyen daher entstanden, weil einmahl ein gewisser Geistlicher sein Strafamt gar zu sehr gemißbraucht habe. Wie den jetzigen Geistlichen, die Sie alle persönlich kennen, bey Ablesung dieser Formulare zu Muthe sey, können Sie sich leicht vorstellen: um so mehr, da man der Hälfte der Zuhörer, gleich bey den Anstalten zum Verlesen nicht undeutlich vom Gesichte lieset: „entweder Arme und Reiche gleich gehalten, oder andere unsern Zeiten angemessenere Mittel das Laster der Unzucht zu verhindern.“ Das geht so weit, daß man es oft den Geistlichen, weil man vermuthet, die Veranstaltung komme von ihnen her, ungescheut ins Gesicht sagt. Aber auch der größere Theil der verehrungswürdigen Mitglieder des Raths denkt eben so, und es ist gegründete Hoffnung da, daß hierüber allernächstens zweckmäßige Verordnungen erfolgen werden. Die Ursache der gewiß zu hoffenden baldigen Veränderung liegt auch| nicht in dem neuerlichen Ereigniß, dessen Ihr Herr Correspondent gedenkt. Man sprach schon lange davon, aber Sie wissen ja, wie es in republikanischen Verfassungen geht: es muß die Mehrheit der Stimmen da seyn; und wenn auch diese, wie es hier der Fall ist, gewiß zu hoffen steht, so fehlt es am gehörigen Anbringen der Sache.
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Als Folge des zwey Sonntage hintereinander erfolgten Vorstandes kann aber der neuliche Kindermord sicherlich nicht angesehen werden. Denn erstlich war er schon erfolgt, ehe die Gefallene am 15ten Sontag p. Trinitat. ihren Vorstand hielt, und die andere stand erst gar am 16ten Sontage vor. Zweytens ist noch die Frage: ob das Kind aus der Stadt an das Ufer des Mayns getragen worden sey. Es kann auch von den umliegenden Dorfschaften dahin gebracht worden seyn. Aus Mangel an nähern Spuren, die seither noch nicht auszukundschaften waren, läßt sich hierüber nichts mit Gewißheit sagen. Endlich kann man den Kindermord überhaupt bey uns nicht wohl eine Folge des Vorstandes nennen; weil dieser Vorstand so häufig nicht vorkommt, als man vielleicht auswärts daraus schließen will, daß es zwey Sonntage hinter| einander geschah. Seit neun Jahren haben 10 Personen Vorstand gehalten, darunter waren 2 Paar Eheleute, die vor dem 7ten Monat taufen ließen. Auch die Kindermorde sind selten. Seit 30 Jahren ist das der zweyte Fall. Gleiche Bewandtniß hat es auch, um zugleich auf eine andere Ihrer gemachten Anfragen zu antworten, mit dem Selbstmorde. Seit 25 Jahren hatten wir keinen Selbstmörder.