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Textdaten
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Autor: Moritz Busch
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Titel: Lothar Bucher
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 150-153
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Artikel über Lothar Bucher
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Lothar Bucher.
Ein Lebensbild von Moritz Busch.

Nicht oft geschieht es, daß auf Männer, die aus politischen Gründen dem Lande ihrer Geburt und ihrer bisherigen Wirksamkeit den Rücken zu kehren genöthigt sind, langer Aufenthalt in der Fremde günstigen Einfluß übt. Nur sehr solide Naturen bewahren dort, was tüchtig an ihnen ist, entwickeln und klären es und legen die Täuschung ab, die sie aus den oder jenen Gründen in den Tagen, die hinter ihnen liegen, befangen und auf falsche Wege geführt hat. In der Regel verliert der Flüchtling sehr bald die rechte Fühlung mit dem Leben in der Heimath. Unbekümmert um die Alles ändernde Zeit, ohne Verständniß für neue Mächte, Bedürfnisse und Bestrebungen, bewahrt er das Bild in sich, das jenes Leben darbot, als er über die Grenze ging. Verbittert, verbissen beschränkt er sich, da er drüben nicht mit schaffen kann, auf eine Kritik, die alles besser weiß, obwohl sie in Wahrheit nichts Ordentliches mehr weiß. Einige verkommen auf diese Weise geistig einsam in einer Welt voll Illusionen. Die Mehrzahl schließt sich Coterien an, deren Mitgliedern es ebenso ergangen ist wie ihnen, cultivirt mit ihnen die von Hause her mitgebrachten Phrase und gefällt sich mit ihnen in ohnmächtigen Verschwörungen. Viele werden dabei völlig untauglich zu gerechtem und fruchtbringendem politischem Denken und Thun. Manche verkümmern in kosmopolitischer Phantasterei. Andere vergessen die Heimath und schließen sich einem neuen Volkswesen an, das ihnen nun weit über dem des Vaterlandes steht; wieder Andere kehren zwar, wenn der Zwang, in der Verbannung zu leben, beseitigt ist, heim, sehen aber die Welt, die sich inzwischen hier gestaltet hat, mit Siebenschläferaugen an, die nicht begreifen und deshalb sich nicht freuen können, daß es anders und ohne das von ihnen verehrte Ideal besser geworden ist.

Indeß finden sich, wie gesagt, Ausnahmen, und mit solchen begeben sich dann zuweilen wunderbare Dinge. Sie haben außer einem warmen Herzen einen im Grunde klaren und scharfen Verstand, einen gute Vorrath von Wissen und einen selbstständigen Charakter mitgenommen, und das kommt ihnen nunmehr zu Gute. Unfreiwillige Muße giebt Zeit zum Ueberlegen der Vergangenheit, zum Prüfen und Vergleichen des Auslandes mit dem Vaterlande, zur Erkenntniß der Vorzüge und der Mängel des einen und des anderen und so zu stufenweise sich vollendender Läuterung des Urtheils in den verschiedensten Richtungen. Mancher hat auf diesem Wege in der Fremde zwar allerlei Gutes, das Ideal aber, das er dort verwirklicht glaubte, nicht gefunden. Mancher erst dort das Vaterland ganz und voll ehren gelernt und den rechte Weg ihm zu dienen erkannt. Zwei Beispiele von solchen Männern stehen mir, während ich dies schreibe, neben vielen anderen vom Gegentheil vor Augen. Beide sind zu Anfang radicale Demokraten vom Scheitel bis zur Ferse, Beide, vom Leben erzogen, zuletzt Realpolitiker, die beim Erstreben bürgerlicher Freiheit Maß und Möglichkeit kennen und achten, vor allen Dingen aber sich in den Dienst derjenigen Freiheit stellen, welche in der durch Einigung der Nation erreichten Sicherheit und Unabhängigkeit gegenüber der Macht und dem Herrschergelüst des Auslandes besteht.

Ein solcher Mann war Karl Mathy, der radicale Journalist, der Schulmeister von Gränchen, der Freund Mazzini’s, der eifrige Patriot in der Paulskirche, der mit allen Kräften der deutschen Einheit zustrebende badische Minister, und ein zweiter solcher Mann ist der Gegenstand dieser Charakterzeichnung.

Adolf Lothar Bucher, von der Presse nicht ganz zutreffend als die „rechte Hand Bismarck’s“ bezeichnet (ich will hiermit nicht sagen, daß irgend Jemand anderes dieses Prädicat zukäme – nicht entfernt!), sicher aber der geschickteste, tiefste und gesinnungsvollste unter seinen Gehülfen und derjenige, welcher ihm am ergebensten ist und sich seines Vertrauens im höchsten Maße erfreut, ist 25. October 1817 geboren, also gegenwärtig ein angehender Sechsziger und etwa dritthalb Jahre jünger als der Reichskanzler. Seine Geburtsstadt ist Neu-Stettin. Aber schon als zweijähriges Kind kam er nach Cöslin in Hinterpommern, wo sein Vater, ein tüchtiger Philolog und Geograph und, was zu beachten, ein Freund Ludwig Jahn’s, Professor und Prorector am Gymnasium geworden war und wo der Knabe nun den ersten Unterricht und die ersten bewußten Eindrücke vom Leben und der Welt empfing. In einem Märchen so schalkhaft anmuthig und so voll von poetischer Wehmuth zugleich, wie wohl Mancher es dem ernsten, nüchternen, schweigsamen Manne nicht zutrauet, hat er sein weiteres Leben bis zu Anfang der sechsziger Jahre unserer Rechnung angedeutet, und obwohl sich der Aufsatz – [151] er stand im Feuilleton der „Nationalzeitung“ vom 24. und 25. December 1861 - „Nur ein Märchen“ nennt, soll er uns im Folgenden begleiten, um mit einigen Zügen, die mir der Wirklichkeit entnommen zu sein scheinen, das aus andern Quellen Geschöpfte zu ergänzen.

Zu jenen ersten Eindrücken, die dauernd auf sein Wesen einwirkten, gehörten die Empfindungen, die sich aus dem Umstande ergaben, daß er zu Cöslin, in einem der Orte im Küstenlande zwischen Oder und Weichsel aufwuchs, „die man deutsche Pfropfstädte nennen sollte. Der Deutsche hat sie nicht gegründet, auch nicht erobert, sondern ein Reis in einen slavischen Stamm gesetzt, davon allmählich der ganze Stamm deutsch geworden ist.“ Cöslin liegt, wie alle diese Städte, in der Krümmung eines Flusses und am westlichen Ufer desselben, damit dieser ein natürlicher Graben, eine Schutzwehr gegen die von Osten drohenden Feinde sei, und auch sonst ist die östliche Seite besonders gut verwahrt; „denn es war eine unangenehme Gesellschaft, die Nationalitäten die weiter nach Asien zu wohnten“. (Sic!) „Die Häuser kehrender Straße die schmale Seite, den spitz zulaufenden Giebel, zu, und sehen bei Nacht wie eine Reihe von Landsknechten aus, Schulter fest an Schulter gedrückt“.

Frühzeitig scheint sich bei unserm Knaben die Beobachtung der Dinge und das Nachdenken über sie geregt zu haben. Auch die Phantasie wird bald erwacht und lebhaft thätig gewesen sein. Besonderen Eindruck machte auf ihn die Campe’sche Erzählung von der Eroberung Perus durch Pizarro, die er einst als Weihnachtsgeschenk erhielt. Weniger Gefallen scheint er an dessen Robinson gefunden zu haben. Jenes Buch verwahrte er noch 1861 als Andenken an Empfindungen der Kindheit.

„Nur vertraute Freunde bekamen es zu sehen, und dabei in der Regel folgende Betrachtung zu hören. Die lange Reihe von Bänden, zu denen dieser gehört, erzählt die Verrichtungen und Abenteuer von Spaniern, Portugiesen, Engländern, Franzosen und Russen; nur der erste beschäftigt sich mit einem Deutschen, Robinson Crusoe. Und was thut dieses Hamburger Kind? Es hat allerdings den Wandertrieb, der die Germanen nach Europa geführt, und der immer in ihnen fortlebt, wo sie an großen Wassern wohnen, aber er muß heimlich davonlaufen; denn Mutter warnte ihn: ‚Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!‘, und der Vater sagte: ‚Wenn Du in die Fremde gehen willst, mußt Du erst sehr, sehr viel lernen‘. Und was richtet er draußen aus? Er erobert kein Reich, gründet keine Stadt, erwirbt keinen Reichthum. Er läuft wie ein Hasenfuß vor den Fußstapfen der Wilden davon, schließt eine Freundschaft, die stark nach Monsieur Jean Jacques Rousseau schmeckt, stolpert über einen Goldklumpen, verliert ihn aber auf dem Heimwege und bringt für sich und sein Vaterland nichts mit, als eine Kindergeschichte. Er lebt, wie es scheint, in Hamburg als Chambregarnist und geht jeden Abend in die Kneipe.“

Die Gartenlaube (1878) b 151.jpg

Lothar Bucher.
Nach einer Photographie.

Kehren wir von Pizarro und Robinson zum eigentlichen Gegenstande unserer Betrachtung zurück, und beeilen wir uns, mit Bucher’s Knabenjahren zu Ende zu kommen. Unter dem, was die Schule bot, fiel ihm nichts so leicht, als Mathematik und Naturwissenschaften. In freien Stunden schnitzelte und drechselte er, wenn er nicht im Walde umherlief. Als die Eltern es endlich für passend hielten, ihn zu fragen, was er werden wolle, wollte er erst Seemannn, dann, als die Mutter dagegen war, Baumeister werden. Auch darauf gingen die Eltern nicht ein. Er sollte studiren, und als er nun unter den vier Facultäten zu wählen hatte, entschloß er sich für die Jurisprudenz, „bei der man Referendarius wurde und alle hübschen Mädchen betanzte, und später Justizrath, Ressourcendirector, Ritter des rothen Adlerordens, Wolfsjäger und überhaupt ein großer Mann.“

Bucher verließ das Gymnasium an der Zeit der heftigsten Verfolgung der Burschenschaft. Viele seiner ehemaligen Mitschüler waren in die Umtriebe dieser studentischen Verbindungen verwickelt; einer hatte sich am Frankfurter Attentat betheiligt; in den kleinen Universitätsstädten war die mißliebige Verbindung noch immer nicht ganz ausgerottet, und so mußte der Abiturient gegen seinen Wunsch die Berliner Hochschule beziehen. Er kam hier mitten in den Streit hinein, der sich damals zwischen der historischen und philosophischen Schule der Juristen, Savigny und Gans, entsponnen hatte. Wenn ich nicht irre, schloß er sich zunächst den Philosophen an und studirte fleißig seinen Hegel. Später verlor er die Lust an der Philosophie und vergaß sie auf lange Zeit über der Rechtswissenschaft, die er ernstlich zu treiben und dann auszuüben hatte. Von 1838 an war er am Oberlandesgerichte in Cöslin thätig, und fünf Jahre nachher wurde er Assessor am Land- und Stadtgerichte zu Stolp. Hier verwaltete er gleichzeitig einige Patrimonialgerichte, was ihm Kenntniß von den ländlichen Zuständen verschaffte. In Stolp begann das Amt ihn nach einiger Zeit zu langweilen, weil der Richter damals mit einer Menge von Geschäften nicht juristischer Natur beladen war. Um etwas Anderes zu haben, las er, wie damals viele gute und in ihrer Art gescheidte Leute, Rotteck und Welcker, deren Ansichten von Geschichte und Politik er sich mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Energie zu eigen machte. Eben war er damit fertig geworden, als die Berliner Märztage kamen und bald nachher die preußische Nationalversammlung zusammentrat.

Bucher erhielt von den Wählern Stolps 1848 ein Mandat für letztere, und das Jahr darauf sandte ihn dieselbe Stadt als ihren Vertreter in das inzwischen geschaffene Abgeordnetenhaus. Bis 1846 hatte in Preußen alles öffentliche Leben gemangelt; der neue Abgeordnete aus Hinterpommern war Jurist mit wesentlich privatrechtlicher Bildung; es fehlte ihm alle und jede Erfahrung in Staatsgeschäften. Zählen wir dazu noch den Einfluß der Rotteck- und Welckenschen Anschauung von den politischen und historischen Dingen und erinnern wir uns, daß Bucher ein junger Mann von energischem Verstand und Willen war, so werden wir uns nicht nur nicht wundern, sondern es natürlich, fast nothwendig finden, wenn er sich den Radicalen in der Kammer anschloß – allerdings nicht denen, die sich über gute Formen hinwegsetzten, und ebenso wenig denen, welche sich in der pathetischen Phrase gefielen.

„Ich habe nie Jemand,“ so heißt es in einem Bruchstücke [152] der Denkwürdigkeiten des Generals von Brandt (Juniheft der „Deutschen Rundschau“ vom vorigen Jahre), „mit mehr Talent und Mäßigung sprechen hören, als Bucher bei dieser Gelegenheit“ – den Berathungen der Commission, welche die sogenannte Habeas-Corpus-Acte, Waldeck’s Lieblingskind, zu begutachten hatte. „Sein blondes Haar, seine leidenschaftslose Haltung erinnerten mich lebhaft an Bilder, die ich von Saint Just gesehen. Bucher war ein rücksichtsloser Nivellirer alles Bestehenden, aller Stände und aller Vermögen, eines der consequentesten Mitglieder der Nationalversammlung und zu jedem Schritte entschlossen, welcher seinem Ziele: Tugend in den Principien und Bruderliebe in den Einrichtungen, entgegenzuführen schien. Ohne Kenntniß der Gesellschaft, sterilen, juridischen Abstractionen hingegeben, war er der vollkommensten Ueberzeugung, daß das Heil der Welt nur aus einer plötzlichen, energischen und kraftvollen Zertrümmerung des Bestehenden hervorgehen könne. Er half den öffentlichen Widerstand organisiren und verbreitete vorzugsweise den Gedanken dafür – es war besonders sein Gedanke – die ehrgeizige und turbulente Fraction in der Nationalversammlung zur Ergreifung einer Dictatur zu stacheln. Die ironische Geringschätzung, mit der er die bestehende Gewalt behandelte, mit der er offen seinen Haß gegen die alte Staatsverfassung darthat, und sein Dogma von der Souveränität des Volkes, durch dessen radicale Chimären er dieses selbst berauschte und zugleich seine Fähigkeiten für die Rolle eines Demagogen entwickelte, würden ihn bei einer längeren Dauer alle seine Anhänger in seinen streng logischen Bestrebungen haben überflügeln lassen.“

Im Abgeordnetenhause war Bucher für das Zustandekommen organisatorischer Gesetze in hervorragender Weise thätig, und unter Anderem war er Referent über den in dieser Zeit in Berlin herrschenden Belagerungszustand, dessen Ungesetzlichkeit nachzuweisen ihm nicht schwer fiel. Die Folge der hierdurch veranlaßten Verhandlung war die Auflösung des Abgeordnetenhauses, der am 4. Februar 1850 der sogenannte Steuerverweigerungsproceß folgte, welcher erst am 21. seinen Abschluß fand. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel hatte gegen einige vierzig Mitglieder der Nationalversammlung, die den am 15. November gefaßten Beschluß, daß die Regierung nicht berechtigt sei, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, so lange die Nationalversammlung nicht ungestört ihre Berathungen in Berlin fortsetzen könne, sowie eine Proklamation vom 18. November, welche diesem Beschlusse im Lande Folge zu schaffen bestimmt war, verbreitet hatten, die Anklage wegen versuchten Aufruhrs erheben lassen. Der Proceß war ein Stück Cabinetsjustiz. Daß das Criminalgericht in Berlin nicht competent, war so sonnenklar, daß der Vorsitzende sich nicht anders zu helfen wußte, als damit, daß er den Angeklagten und ihren Verteidigern das Plaidiren über die Competenz verbot. Die besondere Verhaßtheit Bucher’s in den oberen Sphären, die bei diesem Processe zu Tage trat, hatte wohl in seinem obenerwähnten Referate über die Ungesetzlichkeit des über Berlin verhängten Belagerungszustandes ihren Grund. Die Verhandlungen endigten mit der Freisprechung der meisten Angeklagten. Dagegen wurden Bucher, der Bürgermeister Plathe aus Leba, der Müller Kabus aus Schwademühl und der Hausbesitzer Rennstiel aus Peiskretscham für schuldig erklärt und Bucher und Plathe zu fünfzehnmonatlicher Gefängnißhaft und dem üblichen angenehmen Zubehör von Verlust der Nationalcocarde, Amtsentsetzung u. dgl. verurtheilt.

Diese Verurtheilung veranlaßte Bucher, in’s Ausland und zuletzt nach London zu gehen. Er wird sich bewußt gewesen sein, daß man ihn nach Verbüßung der fünfzehn Monate Festung doch durch Polizeischerereien vertrieben hätte. In London lebte er in der ersten Zeit vorwiegend volkswirtschaftlichen und politischen Studien, der Beobachtung englischer Zustände und Eigenthümlichkeiten und der Betrachtung und Zergliederung der parlamentarischen Einrichtungen und Charaktere Englands - eine Beschäftigung, bei der er an vielen Stellen hochgepriesener Dinge und Menschen auf Heuchelei, Täuschung und Fäulniß stieß, welche ihn für alle Zeit mit Zorn, Widerwillen und Verachtung erfüllten. Unter den Bekanntschaften, die er hier machte, war Urquart, mit dem er später aus einander kam. Erst in den letzten Jahren seines Aufenthalts zu London lernte er durch gesellschaftliche englische Verbindungen andere politische Flüchtlinge von Namen wie Mazzini, Ledru Rollin und Herzen kennen. Dieselben trugen weiter zu seiner Abklärung in Sachen der Politik bei, das heißt, er erkannte, wie alle diese Herren vermittelst des Nationalitätsprincips Riemen aus dem Felle des biedern deutschen Bären schneiden wollten oder, um deutlicher zu sein, für ihre Nation auf ein Stück Deutschland, z. B. die Rheingrenze, den Höhenzug der Alpen oder das Polen von 1772 speculirten. Auch liberale deutsche Blätter beschädigten sich aus Ehrfurcht vor dem „Princip“, das heißt einer Vocabel, lebhaft damit, wie ein chemisch reines Deutschland zu construiren wäre. Die „Volkszeitung“ zum Exempel verlangte, daß Posen „herausgegeben“ werde, ohne freilich zu sagen, an welchen Berechtigten. Gegen solchen faselnden Unfug regte sich in Bucher der gesunde Menschenverstand und die patriotische Ader, die bei ihm niemals zu schlagen aufgehört hatte.

Während seines Verweilens in England war Bucher für verschiedene deutsche Zeitungen thätig. Namentlich schrieb er für die Nationalzeitung jahrelang unter dem Zeichen ❒ gehaltreiche Berichte und gedankenvolle politische Betrachtungen, die durch tiefe und ungewöhnliche Auffassung der Dinge allgemeine Aufmercksamkeit erregten. Unter Anderen lieferte er eine treffliche Schilderung der ersten Weltindustrieausstellung, Mittheilungen über englische Hauseinrichtungen und Sitten, über Ventilation, türkische Bäder, die er auf einer Reise nach Constantinopel kennen gelernt, und über andere praktische Dinge. Namentlich aber erwarb er sich ein hohes Verdienst um die Aufklärung der liberalen deutschen Politiker durch seine Briefe über den englischen Parlamentarismus. Sie haben dem Aberglauben, daß man die deutschen Parlamente in allen Stücken nach der Einrichtung des englischen aufzubauen und zu möbliren habe, mit zwingenden Beweisen ein Ende gemacht und überzeugend dargethan, daß die verfassungsmäßigen Einrichtungen und Bräuche nicht überall dieselben sein können, sondern dem Charakter, der geschichtlichen Entwickelung und den Hülfsquellen des jeweiligen Landes und Volkes angepaßt sein müssen. Eine fernere sehr dankenswerthe Folge dieser Parlamentsbriefe ist die seitdem allgemein gewordene Erkenntniß, daß die englische Regierungskunst nach außen hin eine reine Handelspolitik ohne große historische Gesichtspunkte und ohne irgend welche ideale Antriebe und Zwecke sei. Auf Palmerston, Gladstone, den „doctor supranaturalis“, Cobden und die ganze heuchlerisch egoistische Apostelschaft der englischen Freihändler fielen dabei Schlaglichter, die ihre Blößen wie bei elektrischem Feuer erkennen ließen. Es war eine Entlarvung, wie sie bisher kaum irgendwo erlebt worden.

Diese und einige andere Arbeiten der glänzenden Feder Bucher’s stimmten bisweilen mit dem Credo des Blattes, in dem sie erschienen, nicht recht überein, und in Betreff des Evangeliums der Manchesterleute, die dort ihr Wesen trieben, sowie in Bezug auf die Lösung der deutschen Frage war der ❒-Correspondent entschieden ketzerisch gesinnt.

Des Schreibens für Zeitungen vermuthlich müde und überdrüssig geworden, dachte Bucher um das Jahr 1860 an eine gründliche Veränderung. Wie das „Märchen“ andeutet, und wie ich trotz aller Wunderlichkeit des Planes für sicher halte, wollte er im tropischen Amerika unter Palmen und Mangrovebüschen sich eine neue Heimath gründen und - Kaffeepflanzer werden – eine Poesie mit praktischem, vielleicht auch unpraktischem Anflug, die – Gott sei Dank, sagen wir, vermuthlich mit ihm selbst – bald verflogen zu sein scheint. Er gehörte nach Deutschland zurück, und die Amnestie von 1860 öffnete ihm die Grenze zur Heimkehr. Wieder in Berlin eingetroffen, fand er die Agitation für die preußische Spitze vor. Aber die Herren, die sie betrieben, wollten keinen „Bruderkrieg“. „Moralisch“ sollte gekämpft, gesiegt und erobert werden, wie man sich (vielleicht mit einigen Kopfschütteln, vielleicht mit Schlimmerem) erinnert. Auch Bucher wünschte eine festere Einigung Deutschlands gegenüber den Gelüsten der Fremden, konnte aber trotz des großen Wortes des Herrn von Beust, nach welchem „auch das Lied eine Macht“ war, nicht glauben, daß Oesterreich aus Deutschland hinausgesungen werden würde und daß es möglich sei, die „Mittelreiche“ und Kleinstaaten durch Turner- und Schützenfeste, Tinte, Druckerschwärze und Resolutionen von wohlgesinnten Volksversammlungen unter einen Hut und die besagte preußische Spitze [153] zu bringen. Ohne Krieg, das sah er deutlich und sprach er ebenso deutlich in Wort und Schrift aus, waren nur drei Hüte denkbar, war mit anderen Ausdrücken nur etwas Derartiges wie eine Trias zu erreichen, und der Vorwurf, Bucher habe durch seine Annahme einer Stellung unter Bismarck seine Ueberzeugung verleugnet, ist völlig grundlos. Er steht Leuten sehr übel zu Gesicht, die keinen Groschen bewilligen wollten, auch wenn die Kroaten vor Berlin stünden, und die sich für die augustenburgische Farce noch in ihrem vorletzten Acte begeistern konnten. Es ist überaus ergötzlich, die Liste der Herren durchzusehen, die im preußischen Abgeordnetenhause für den famosen Passus der Immediatadresse gestimmt haben, daß die preußische Politik unter diesem Ministerium nur die Folge haben könne, die Herzogthümer wieder den Dänen zu überliefern. Während des Redekampfes gegen Bismarck war Bucher schon in fruchtbarer Thätigkeit. Damals wurde er von vielen Leuten bedauert, daß er so falsch habe handeln können; jetzt wird er von vielen gehaßt, weil sie sich sagen müssen, daß er richtig gehandelt.

Bei dem Anschluß Bucher’s an die Politik Bismarck’s ging es folgendermaßen zu. Eine Zeit lang nach seiner Rückkehr nach Berlin war er noch für die Nationalzeitung thätig. Dann löste sich das Verhältniß, wie er auch mit der Partei des Blattes immer weniger übereinstimmte, und er arbeitete einige Monate im Wolff’schen Telegraphenbureau. Der sehr geringe Gehalt, den er hier bezog, und ohne Zweifel auch Ueberdruß an solcher Beschäftigung ließen ihn daran denken, sich wieder der Jurisprudenz zuzuwenden und Advocat zu werden. Er besprach diesen Plan mit einem Bekannten Bismarck’s, der ihm abrieth. Bald darauf that der Minister, der ihn hatte zu sich kommen lassen, desgleichen, indem er ihm sagte, daß er ihm anderweit Gelegenheit geben könnte, nützlich zu sein. So trat 1864 Bucher, erst diätarisch, dann als Legationsrath fest, in das Auswärtige Amt ein. Im Jahre darauf schon bekam er eine bedeutende Aufgabe zu lösen, die Verwaltung Lauenburgs, das nach der Convention von Gastein an Preußen gefallen war und welches Bucher unter seinem Chef bis 1867 zu säubern und zu ordnen hatte. Das kleine Herzogthum war eine juristische Curiosität; es repräsentirte den Rechtszustand des siebenzehnten Jahrhunderts in Versteinerung; es gehörte in’s Germanische Museum. Das Ländchen besaß gar keine codificirte Gesetzgebung, und es galt in ihm nur gemeines Recht. Erst hatte es in den letzten Jahren vor 1865 unter der Verwaltung des deutschen Bundes, dann unter der von preußisch-österreichischen Commissarien gestanden. Die Tagesordnung war die Benutzung der zahlreichen fetten Beamtenstellen durch einige „schöne Familien“ (beiläufig ganz wie in Schleswig-Holstein und Hannover in der „guten alten Zeit“ unserer Particularisten), welche auch die ungeheuren Domänen unter sich zu verpachten pflegten. Bucher hatte das Alles aus dem Groben herauszuarbeiten, glücklicherweise unter der Leitung des Ministers, der indeß gerade in dieser Periode längere Zeit schwerkrank in Putbus verweilte, sodaß sein Rath in die Verlegenheit kam, regieren zu sollen und doch keine Vollmacht zu haben.

Ueber die weitere Thätigkeit Bucher’s muß ich kurz sein. Meist in der unmittelbaren Umgebung des Kanzlers, wurde er von denselben wiederholt zur Vorbereitung und Bearbeitung der wichtigsten Angelegenheiten verwendet. 1869 und 1870 (im Frühling) war er mit ihm in Barzin, wo er den Verkehr der Bundesbehörden und der preußischen mit ihrem Chef vermittelte. 1870 in den letzten Tagen des September wurde er in das Große Hauptquartier berufen, wo er mit dem Kanzler bis zum Ende des Krieges verblieb. 1871 war er mit bei den Friedensverhandlungen in Frankfurt. Auch in den nächsten Jahren folgte er dem Fürsten, wenn er sich nach Barzin zurückzog, als unentbehrlich bald nach. Die Hofluft scheint er zu scheuen.

Ich bin fertig mit meinem Bilde, und wenn ich’s überblicke, kommt mir’s vor, als hätte ich trotz hoher Achtung vor dem Originale nicht gerade mit Rosenfarben gemalt, sondern mit den ehrlichen Farben der Wahrheit. Und wenn ich ihm jetzt ein großes Lob zur Unterschrift gebe, so kommt es aus anderen Munde. „Eine wahre Perle!“ sagte der Reichskanzler von Bucher, als ich mich 1873 von ihm verabschiedete.