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Textdaten
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Autor: Alois Wohlmuth
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Titel: Streifzüge eines deutschen Komödianten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 153–156
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[153]
Streifzüge eines deutschen Komödianten.[1]
Von Alois Wohlmuth.

Es war im Frühjahr 1876, als Hans Makart in Wien zu Ehren eines ihm befreundeten jungen Schauspielers eine große Abendgesellschaft gab. Der neue Gast hies Alois Wohlmuth und war an dem jüngsten aller deutschen Hoftheater, in Straßburg, engagirt. Er declamirte bei Makart eine Reihe von Gedichten und packte durch die dramatische Anschaulichkeit seines Vortrags so unmittelbar, daß selbst Diejenigen, die sich durch die grellen Farben der Schilderung etwas zu stark angepackt wähnten, in das allgemeine Lob einstimmten.

Einige Tage später hielt Wohlmuth öffentlich einen ähnlichen Vortragsabend und erzielte hier auf das größere und aufmerksamere Publicum einen noch weit tieferen Eindruck.

Die Neugierde, einen Declamator von so auffallender dramatischer Begabung auch auf der Bühne zu sehen, wurde natürlich rege. Leider ermöglichten die damaligen Repertoireverhältnisse der Wiener Bühnen nur die rasche Aufführung von zwei Stücken, in denen Wohlmuth sich zeigen konnte. Anzengruber’s „Pfarrer von Kirchfeld“ und das einactige Schauspiel „Im Vorzimmer Seiner Exceellenz“. Wohlmuth gab die rührende Gestalt des alten Bittstellers ebenso wahr und ergreifend wie Tags vorher den wüsten, mit Gott und Menschen zerfallenen „Wurzelsepp“.

Nach dem Theater fand sich ein kleiner Freundeskreis zusammen, in den auch Wohlmuth eintrat. Das Gespräch über die Leistung des Gastes nahm bald eine biographische Wendung. Wohlmuth erzählte uns, wie er zum Theater gekommen. Schon als Knabe von unbändiger Theaterleidenschaft getrieben, war er heimlich gegen den Willen der Eltern Schauspieler geworden und hatte sich lange als fahrender Komödiant bei kleinen Wandertruppen durchschlagen müssen. Aus diesem abenteuernden Leben schilderte er uns nun verschiedene köstliche Erlebnisse. Schauspieler pflegen meistens gute Erzähler zu sein; in dieser Eigenschaft, wie in dem ganzen Stoffgebiet seiner Schilderungen erinnerte uns Wohlmuth unwillkürlich an unsern Holtei, den Homer der „Vagabunden“. Neugierig lauschten wir den so anspruchslos und treuherzig vorgebrachten Erzählungen Wohlmuth’s. Mit besonderen Antheil nahm ich wahr, daß dieser inmitten des kläglichsten Komödiantentreibens sich zwei kostbare Güter bewahrt hatte: den Idealismus und den Humor. Das prosaische Kunsthandwerkerthum, das ihn umgab und von Ort zu Ort vertrieb, ließ ihn nie die hohen Ideale seines Strebens vergessen, nie an dem Beruf, an der Würde des Schauspielers verzweifeln. Er sieht auch in der Pfütze noch den leuchtenden Widerschein des Sternes. Ebenso treu folgt ihm auf allen Schritten der Humor und läßt ihn in all dem miterlebten Komödiantenelend überall die heitere Seite, das anheimelnd Gemüthliche und unsterblich Komische wahrnehmen. Im allerschlimmsten Drangsal, das Andere zu verzweifelnder Resignation herabdrücken würde, bewahrt sich Wohlmuth ein frisches, helles Auge und ein warmes Herz. –

Auf das Lebhafteste angeregt von Wohlmuth’s Erlebnissen, drangen die Freunde in ihn, das Erzählte niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Der Erzähler wehrte sich gegen diesen Vorschlag mit ungekünstelter Bescheidenheit – er sei kein Schriftsteller und habe nur ohne jegliche Ausschmückung erzählt, was [154] er wirklich erlebte. Gerade deshalb, meinten wir, müßten diese theils heiteren, theils rührenden, stets aber buchstäblich wahren Erlebnisse einen größeren Leserkreis lebhaft und in ganz anderer Weise anziehen, als ähnliche Erfindungen eines Schriftstellers von Fach. Noch erwiderte Wohlmuth ablehnend, aber es müssen ihm doch fern von Wien Andere in gleicher Weise und mit besserem Erfolge zugesprochen haben, denn – was er damals in Wien erzählte, liegt jetzt als schmuckes Büchlein vor uns. Der ausdrückliche Wunsch des Verfassers, ich möchte in einem einführenden Vorwort ihn den Lesern vorstellen, versetzte mich in einige Verlegenheit, wußte ich doch recht gut, daß Wohlmuth nur zuzugreifen brauche, um für sein Erstgeborenes einen vornehmeren und gewichtigere Pathen zu finden. Seiner Entgegnung jedoch, daß er wenigstens keine aufrichtigeren und herzlicheren zu finden wüßte, fügte ich mich willig und erfüllte somit seinen Wunsch, indem ich wahrheitsgetreu die Entstehung des Büchleins erzählte, das, wie ich glaube, eines empfehlenden Vorwortes gar nicht bedarf, um überall Freunde zu finden.

     Wien, im Frühjahr 1878. Eduard Hanslick.




Schiller in der Uckermark.

Endlich nach einer langen, engagementlosen, schrecklichen Zeit folgte ich, etwa Mitte Juli 1865, einem Rufe nach Soldin. Ich kam in dem kleinen brandenburgischen Städtchen am Abend an und ging direct ins Theatergasthaus, denn sowie die Magnetnadel ewig nach Norden, so strebt des Schauspielers Sinn ewig nach der Theaterkneipe. Im Gespräche mit meinen Collegen ließ ich die Bemerkung fallen, daß ich noch kein Zimmer gemietet habe. Freundlich erhob sich einer der anwesenden Gäste und bot mir unentgeltlich Logis an – es war der Polizeilieutenant.

„Sie haben kein Unterkommen?“ sprach der gastfreie Mann, „und wahrscheinlich auch keine Legitimationen. Also folgen Sie mir!“

„Hier ist mein Paß,“ rief ich und hielt dem für das Wohl des Staates ängstlich Besorgten meine Papiere unter die Nase.

„Aber er ist nicht richtig visirt,“ entgegnete ruhig lächelnd die eherne Stütze der preußischen Hermandad.

Dem Director nur, der sich kühn zwischen Hammer und Ambos, Regierung und Untertan warf, verdanke ich, daß ich nicht in’s „Kittchen“ gesteckt wurde. Director S. zog hier nur seine Gesellschaft zusammen, um an einem anderen Orte der Nerv und Mittelpunkt unseres künstlerischen Ensembles zu werden, und wir spielten hier vorläufig nur „auf Theilung“. Auf Theilung ließ Director S. nur an solchen Orten spielen, wo außer der Rollenvertheilung selten etwas anderes zu verteilen übrig blieb; über zwei und einen halben bis drei Groschen setzte es selten für einen Ferdinand oder Wilhelm, für eine Luise oder Lenore. Täglich mußten zwei von uns einladen gehen. Einmal steckte mir bei dieser Gelegenheit eine dicke, kunstentflammte Bäckersfrau einige Semmeln in die Tasche, doch der Ausdruck ihrer Kunstbegeisterung war etwas altbacken.

Ein tiefer Schleier deckte das Geheimniß unserer zukünftigen Kunststätte. Selbst uns wurden von oben herab nach den verschiedensten Richtungen liegende Orte genannt, denn Director S., dieser schlaue Talleyrand, wollte durch falsche Gerüchte seine Gläubiger irre führen. Endlich - es war eine sternlose, schwarze Nacht; ein geheimnißvolles Rauschen durchzog die Natur und unsere gläubigen Gläubiger träumten vielleicht von jenem bessern Jenseits, in welchem kein Verrath mehr herrschen soll - da wanderten wir mit unsern Reisetaschen vor’s Thor. Denn hier erst - weil Vorsicht die Mutter der Weisheit ist - harrte unser der mit Decorationen beladene Wagen und nahm uns zu dem andern Komödiantenplunder auf. Erst als in Letschin, einem großen, reichen Dorfe der Uckermark, der Wagen hielt, erfuhren wir, daß unser Bestimmungsort erreicht sei.

Hier gingen die Geschäfte glänzend und unser alter, kleiner, kugliger Director, dessen Antlitz ungefähr den Ausdruck eines Schneemannes hatte, dem Buben ein paar Kohlen als Augen in’s Gesicht gesteckt haben, schritt in dem Garten, in welchem die „Arena“ erbaut war, stolz einher, wie der bekannte Despot auf dem Miste. Ich sehe es noch vor mir, das drollige, „nun längst selig ausgestreckte“ Kerlchen, wie es in Zwillichrock und Zwillichhose, in seinen gestickten Pantoffeln, ohne Weste und Cravatte, das weiße Haupt mit einem breiten Strohhute bedeckt, eine – ewige Butterstulle kauend, mit spanischer Grandezza daher schritt. S. ließ mich eines Tages, da er eben dabei war seinen Mitgliedern die kürzlich bezahlte Gage wieder in „Sechsundsechszig“ abzugewinnen, in’s Wirthshaus kommen. Da machte er mir, mit der einen Hand seinen Bauch, mit der anderen meine Backe streichelnd, den Antrag, das Amt eines Requisiteurs, inclusive der Zettelbesorgung, gegen eine tägliche Entschädigung von fünf Silbergroschen zu übernehmen. „Den Franz Moor spielen,“ meinte er, „das kann jeder Ochse, aber die Requisiten gehörig besorgen, darin liegt was. Dadrinnen zeigt sich das Genie vor die Kunst.“

Da ich meine Rollen ohnehin auf dem sehr verwahrlosten Friedhofe studiren mußte, weil in meiner Stube, die einer Nußschale glich, zum Studiren nicht genug Raum vorhanden war, so schlug ich ein.

Früh morgens schon klebte ich nun mit derselben Begeisterung, mit der einst Luther seine Thesen zu Wittenberg anschlug, die Theaterzettel an; den Tag über glich ich einem ambulanten Trödelladen. Ob sich die Schleußen des Himmels öffneten und unendlichen Regen herabschickten, ob die heiße Sonne, durstig wie die Kehle eines Musikanten, wieder alles gierig einsog; kurz, bei jeder Witterung mußte ich in Letschin und in der Umgebung des Dorfes allerlei Utensilien, wie Spaten, Hacken, Flinten, Töpfe etc., zusammenborgen und dazu am Abend große Rollen, die ich Tags über en passant studirt hatte, vor das Publicum tragen. Doch, wem Gott ein Amt giebt, denn giebt er auch – Beine, könnte ich sagen. Trotz aller Anstrengung überlebte ich doch mein Amt.

Freilich war ich sehr beliebt, und Jeder borgte mir gern auf Treu und Glauben, um was ich bat. Selbst der Pfarrer lieh mir einmal seinen schwarze Rock für den allerdings sehr frommen Pastor Bürger in „Lenore“ und gab mir manchmal Auskunft, wo ich die nöthigen Requisiten am besten borgen konnte; kurz, die Kunst harmonirte mit der Kirche in der Uckermark so innig, wie in den besten Zeiten eines Raphael oder Tizian in Italien. Die Frau Pastorin war eine liebenswürdige alte Dame und hatte schöne Birnen und Aepfel im Garten. Sie rief mir manchmal, wenn ich ganz echauffirt, mit Requisiten schwer beladen über den großen Platz rannte, zu:

„Herr Wohlmuth! Etwas Obst? Sie essen es ja so gerne,“ und damit gab sie mir eine große Schüssel, mit Obst gefüllt, und jedesmal lag tief auf dem Grunde, wie der Nibelungenschatz auf dem Grunde des Rheins, ein Zehngroschenstück oder gar ein Thaler.

Der Director war mit mir sehr zufrieden und nickte mir täglich anerkennnend zu, wie ein Pagode, den man antippt. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. So kam es denn auch einmal vor, daß sich mein kugelrundes Despötchen erzürnte und zwar bei einer Aufführung der „Räuber“.

Du lieber Gott, ich hatte den Franz Moor und, damit ich nicht zu kurz käme, noch einen Räuber dazu zu spielen und war am Abend von den vielen Geschäften des Tages ermüdet. Einige Stunden vor der Vorstellung beriethen wir noch im Gasthause, wie die Bühne bei den Räuberscenen am besten zu füllen wäre. Mit der Tradition, ausgestopfte Ritterstiefeln, müde Gliedmaßen schlaftrunkener Räuber darstellend, aus den Coulissen hervorschauen und sie bei den Worten Karl’s: „Auf, auf! ihr trägen Schläfer!“ durch Vermittelung des Inspicienten erschreckt aufspringen und hinter den Coulissen sich zerstreuen zu lassen, mit dieser veralteten Tradition hatte S. längst gebrochen, ich weiß nicht, ob aus künstlerischen Scrupeln oder aus Mangel an Stiefeln. Da kam über einen würdigen Collegen, der bereits an die siebenzig Jahre der Kunst treue Handwerkerdienste leistete, der Geist der Erleuchtung, und mit gehobenem Tone, wie von einer Inspiration getrieben, rieth er, die unbeschäftigten weiblichen Mitglieder als Räubergattinnen auf der Bühne mitmachen zu lassen. Die Idee war originell und fand allgemeinen Beifall. Plötzlich rief Karl, der Hauptmann:

„Wissen Sie was, Director? Lassen Sie einige Hunde auf die Bühne bringen!“

Wir sahen unsern Collegen halb entsetzt, halb mitleidsvoll an, denn wir dachten, er habe an dem Studium seines Karl sein Bischen Verstand gänzlich verbraucht. Nach einer Pause fragte der Director behutsam:

[156] „Zu welcher Nuance brauchen Sie denn heute Abend Hunde?“

„Lieber Director, Sie wissen doch, daß ich im zweiten Acte zu sagen habe: ‚Auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden.‘ Da uns Menschen fehlen, so sehe ich nicht ein, warum wir, da es ja doch die Intention des Dichters ist, nicht mit einigen Hunden die Bühne füllen sollen.“

Diese Aeußerung belehrte uns, daß unser College vollständig bei klarem Verstande sei. Director S. war principiell nur gegen solche Dinge, die Geld kosteten, und stimmte also dem Hundeprotector bei. Es entstand nun die Frage, wo man passende Hunde requiriren könnte. Man machte verschiedene Vorschläge. Endlich aber rief Karl:

„Ach, was! Das ist Sache des Requisiteurs. Wohlmuth soll die Hunde besorgen; Hunde sind Requisiten.“

Ich schrie empört: „Ein Hund ist eine servile, lebende Bestie und kein Requisit! Wenn das so fortgeht, muß ich schließlich noch erste Heldendarsteller und so weiter besorgen.“

Es entspann sich nun eine lebhafte Debatte darüber, ob ein lebendiges Wesen, so es nicht dem höheren Viehstand angehört, ein Requisit sei. Da kam, unerwartet, wie ein Meteor vom Himmel fällt, die gewünschte Bestie zu uns. Ein Gutsbesitzer (so ließen sich die reichen Bauern der Umgebung am liebsten tituliren) trat nämlich wie ein Deus ex machina mit einem gewaltigen Hunde, Ulmer Race, in die Gaststube und überließ uns den Riesenköter zur dramatischen Verwendung. Somit war die Hundefrage gelöst.

Am Abend zeigte der vierfüßige Genosse, den ich hinten an die griechische Säulencoulisse band, mehr Kunstverständniß als das Publicum, denn er heulte und winselte kläglich.

Noch in der letzten Stunde, schon halb zum Franz Moor verpuppt, nur einen langen, ehrbaren Rock über mein geliebtes Scheusal gezogen, mußte ich von dem Gensd’arm des Dorfes für die zweiundsiebenzig unter Karl stehenden Räuber einen Säbel zur Niederwerfung der Kaiserlichen borgen. Karl hatte heute seinen guten Tag; er war „disponirt“ und riß die Leidenschaften in Fetzen, „in rechte Lumpen“; bei einzelnen Attituden und Gesten hatte man begründete Ursache zu fürchten, er könnte einige Coulissen und Deckstücke mitnehmen.

Als im zweiten Acte die Scene nahte, wo er seine Hand an einen Ast zu binden hat und der Tumult losgeht, steckte ich kurz vorher einen eben im Garten abgebrochenen Baumast dicht an einer griechischen Säulencoulisse (die vielleicht der plastischen Einfachheit halber bei jeder Decoration beibehalten wurde) auf die Bühne. Der realistische Künstler band seinen Arm aber, in seiner Begeisterung, in allem Ernst an den Baumast, und zog mich, seinen tückischen Bruder Franz, der in seinem Doppelberuf den Ast krampfhaft festhalten mußte, fast auf die Bühne. Endlich läßt Franz, ein Schwächling von Natur, los, und der Baumast baumelt am Heldenarme Karl’s. In diesem Moment erblickt der Ulmer Debutant, den ich kurz zuvor hatte auftreten lassen und einem Räuberweibchen mit der Weisung, die Bestie fest am Stricke zu halten, übergeben hatte, seinen Herrn im Publicum. Jetzt erst fühlt er ganz und tief die Schmach, die ihm angethan wurde, indem man ihn aus seiner bürgerlichen Stellung unter Komödianten geschleudert hatte. Sein innerster Hundestolz bäumt sich empört auf; er reißt sich, der Gewohnheit treuer als der Kunst, los, rennt dem unglücklichen, mit seinem Baumast kämpfenden Karl zwischen die Beine und springt, nachdem er so die Heldennatur Karl’s zu Falle gebracht, über das Brett, welches das Räubervolk von denn Publicum trennte. Welch eine ergreifende Scene! Das treue Thier zu Füßen seines Herrn und – Karl auf dem Rücken! Das Hurrah des Publicums wollte kein Ende nehmen. Der Director aber sagte: „Laßt gut sein, Kinder! Nächstens machen wir mit dem Stück ein volles Haus.“

Tags darauf war „Fünfzigjähriges Jubiläum“ des Directors. Diesen seltenen Tag feierte S. seit vielen Jahren an jedem Orte und zwar nicht ohne Erfolg. Der „Jubiläumsabend“, der mit großer Reclame angekündigt wurde, hatte oft einen Cassenerfolg von fünfundzwanzig bis dreißig Thalern aufzuweisen und verursachte gar keine Kosten, denn die dazu nöthigen Requisiten wie Lorbeerkranz, Adresse des Personals, waren schon längst inclusive der Anrede, die ein Schauspieler zu halten hatte, und der obligaten Rührung des Directors dem Theaterfundus einverleibt. Während meines Engagements bei S. ward mir die Ehre zu Theil, dem Jubilar die Rede, die dessen Verdienste um die deutsche Kunst hervorhob, zu halten. Bei dieser Gelegenheit fing S. an, präcise auf’s Stichwort seine Thränen zu bekämpfen und seiner Rührung mühsam Herr zu werden. In Ermangelung anderer Jungfrauen überreichten zwei von meinen Colleginnen dem Director den Lorbeerkranz, dieser ruhte auf einem mit dem Sammet einer verewigten Pluderhose überzogenen Sophakissen. Seine Blätter krümmten sich bereits - ich glaube der Trockenheit halber – sehr bedenklich. S. wurde weich; sein Auge, dank- und thränenerfüllt, coquettirte mit dem Himmel; die Fettmassen seines Gesichtes zuckten wehmüthig; die einzelnen Theile desselben gingen im Ganzen auf – das Gesicht verschwamm. College W. hatte die Rolle aus dem Repertoire, des Jubelgreises Würdenschädel mit dem Lorbeer zu schmücken. Er mußte wenigstens so thun, denn der erschütterte Greis lehnte jedesmal – bescheidener als mancher deutsche Schweinsrüssel – diese Ehre ab und zwar mit derselben Würde, mit der Cäsar einst die dargebrachte Krone zurückwies. Darauf stammelte S. den Kranz in der Hand behaltend, einige Worte des Dankes, verschwand von der Bühne, vertauschte den Lorbeer mit einer belegten Butterbemme – und die Feierlichkeit hatte ihr Ende gefunden. –

Wir verließen Letschin, um nunmehr in Straußberg der Kunst zu fröhnen. Aber Straußberg ist nicht Paris, und es gefiel mir nicht in Straußberg. Eines Tages sagte ich dem Director bei der Probe: „Herr Director! Heute gehe ich Ihnen durch.“ Er klopfte mir die Wangen und lachte – am Abend aber lachte er nicht.

  1. Unter diesem Titel erscheint demnächst bei Joh. Amb. Barth in Leipzig eine Reihe von Skizzen aus dem Leben des Verfassers, und hat uns die Verlagshandlung den Abdruck des zehnten Capitels sowie des Vorwortes von E. Hanslick aus den Aushängebogen gütigst gestattet. Ueber die schauspielerischen Leistungen des jungen Künstlers, der bisher in seiner Vaterstadt Brünn, in Schwerin, in Meiningen, in Danzig und Straßburg engagirt war, urtheilt die Presse, unter Andern L. Speidel in der „Neuen Freien Presse“ überaus günstig. Für Wohlmuth’s schriftstellerische Laufbahn dürfte sein hier von uns citirtes Erstlingswerk, zu dem Ed. Grützner neun Illustrationen geliefert hat, die besten Hoffnungen erwecken.
    D. Red.