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Textdaten
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Autor: August Schmidt
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Titel: Lenau als Geiger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 156-158
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[156]
Lenau als Geiger.
Aus der ungedruckten Selbstbiographie: „Reflexe“ von Dr. August Schmidt.

Man würde jetzt in Wien vergebens einen Club junger Poeten suchen, wie dort vor vierzig Jahrenn einige bestanden. Zumal die Species der Lyriker ist, wie die Steinböcke im Hochgebirge, beinahe ganz ausgestorben. Nur eine verschwindend kleine Zahl jüngerer Schriftsteller, wenn sie einmal von einer ganz absonderlichen Gefühlsstimmung übermannt werden, machen ihren gepreßten Herzen in einem lyrischen Gedichte Luft. Einige Dichter der älteren Schule treten bisweilen nach längerem, verdrossenem Schweigen mit vereinzelten Gedichten wieder hervor, mehr um dem inneren Schaffensdrange zu genügen, als einen nach dichterischen Genüssen lüsternen Leserkreis zu befriedigen; denn die realistische Zeit hat bekanntlich nur ein geringes Verständniß für die Gefühlsausflüsse lyrischer Poesie.

Was jedoch den jungen Literatennachwuchs betrifft, so fühlt dieser keineswegs das Bedürfniß nach Vereinigung zur wechselweisen Aneiferung oder nach einem Austausche der Meinungen und Anschauungen, durch welchen das junge Talent, wie der Stahl an dem Stahle, erst den erhöhten Glanz und Schliff erhält.

Anders verhielt es sich damals. Die Censur, welche der Polizeipräsident Graf Sedlnitzky und die ihm untergebenen Organe in ängstlicher Besorgniß vor jeden freiheitlichen Luftzuge mit drakonischer Strenge handhabten, hielt das politische Feld in unnahbarer Abgeschlossenheit für die Literatur und drängte mitunter auch Talente, die vielleicht gerade in dieser Richtung eine einflußreiche Stellung einzunehmen berufen gewesen wären, in die Bahn belletristischer Thätigkeit.

Das Lesepublicum aber, das gewohnt war, in den für die österreichischen Abonnenten eigens zubereiteten politischen Artikeln der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ den Ausdruck der freisinnigsten Anschauungen zu verehren, fühlte bei dieser jahrelang systematisch ausgeübten Bevormundung von Seiten der Regierung überhaupt gar nicht das Bedürfniß nach einem tieferen Einblicke in die Verhältnisse innerer und äußerer Politik. Man brachte [157] daher das ungetheilte Interesse den belletristischen Tagesblättern entgegen, welche das Gros der Journalliteratur in Wien bildeten; denn außer der officiellen „Wiener Zeitung“ und dem „Beobachter“, dessen Artikel aus dem Bureau des Staatskanzlers hervorgingen, gab es in Wien nur belletristische Zeitungen und eine verschwindend kleine Zahl von Fachblättern.

Mit Geringschätzung schauen wir jetzt in eine Zeit zurück, in welcher kaum ein Dutzend belletristischer Journale vollständig ausreichte, um unsern Wissensdurst zu löschen, und die Bühnenneuigkeiten der „Theaterzeitung“ hinlänglich Stoff boten, um einen so zahlreichen Leserkreis zu befriedigen, wie ihn jetzt nur die größeren politischen Blätter aufzuweisen haben.

Diese Beschränkung der Journalliteratur brachte bei den vielen dunklen Schatten, welche sie auf unser geistiges Leben warf, den verhältnißmäßig allerdings nur geringen Vortheil einer erhöhten und allgemeineren Theilnahme an der Poesie. Die Dichtkunst war die einzige literarische Thätigkeit, welche die Censur, nebst der sorgfältig überwachten Fachliteratur, wenn auch zu beschränken, doch nicht gänzlich lahm zu legen vermochte, und die auch in der ruhigen politischen, dem künstlerischen Schaffen vorzugsweise günstigen Atmosphäre, die damals in Oesterreich herrschte, vor Allen gedieh.

Wo Kauflustige sich einfinden, da fehlt es auch nicht an Krämern; es ist daher begreiflich, daß die jungen Poeten wie Pilze aus der Erde schossen, die den Markt mit allen Erzeugnissen schöngeistiger Literatur überfüllten. Es machte sich ein lebhafter Wetteifer unter den Literaten bemerkbar, der sich besonders darin äußerte, daß sich jüngere Talente um Schriftsteller von Ruf schaarten, um sich an ihnen heranzubilden und durch den Einfluß derselben ihren geistigen Producten einen würdigen Platz in der Oeffentlichkeit zu verschaffen. Die Folie dieser künstlerischen Bestrebungen war jedoch einzig die Begeisterung für die Sache selbst, und der materielle Gewinn, das Honorar für diese literarischen Erzeugnisse, kam nur so nebenbei in Betracht.

Es fanden damals in Wien an mehreren Orten regelmäßige Zusammenkünfte von Schriftstellern statt. Unter diesen aber nahm die im Neuner’schen sogenannten „silbernen“ Kaffeehause, weil dort auf silbernen Tassen servirt wurde, im ersten Stock des Eckhauses der Spiegelgasse die hervorragendste Stelle ein. Dort fand sich die Schriftsteller-Elite von Wien zusammen. Es glänzten Namen auf dieser Ständetafel, welche zugleich mit den Besten in Deutschland genannt, mit den Kämpfen um die Unabhängigkeit der vaterländische Poesie in die engste Beziehung gebracht wurde, erprobte Streiter aus dem literarischen Felde.

Zu den regelmäßigen Besuchern des Neuner’schen Kaffeehauses zählten in verschiedenen Zeitläuften, so weit ich mich erinnere: Graf Auersperg (Anast. Grün), Bauernfeld, Bauernschmid, Alex. Baumann, Bernard, Graf Bolza, Braun von Braunenthal, Castelli, Deinhardstein, Dräxler-Manfred, Duller, Enck, Gust. von Frank, L. A. Frankl, Grillparzer, von Holtei, E. Hock, E. W. Huber, Uffo Horn, C. Kunt, Graf Laurencin, von Levitschnigg, Littrow, Nimbsch von Strehlenau (Lenau), Pannasch , Fd. Raimund, Baron Schlechta, A. Jul. Schindler (Julius von der Traun), Ritter von Schrökinger, Straube, Schurz, Schumacher, J. N. Vogl, Ferd. Weigl, Witthauer, Graf Württemberg, Baron Zedlitz und Andere.

Mein Freund, der Dichter J. N. Vogl, führte mich in diesen Literatenkreis ein. War es mir, dem jungen Schriftsteller, schon sehr erwünscht, mit so berühmten Persönlichkeiten in Verkehr zu treten, so hatte überdies die Aussicht auf das Zusammentreffen mit Lenau, für welchen ich besondere Sympathien hegte und der ein täglicher Gast bei Neuner war, für mich noch eine besondere Anziehungskraft.

Bald zählte ich auch zu den regelmäßigen Besuchern des silbernen Kaffeehauses und war so glücklich, mich in dem kleinen Kreise der näheren Bekanntschaft Lenau’s zu bewegen.

Wie bei Beethoven, weicht auch bei Lenau meine Schilderung seiner äußeren Erscheinung wesentlich von der Vorstellung ab, welche sich Viele von ihm machen, indem sie in dem Dichter des „Faust“ und „Savonarola“ sich einen verschlossenen und für die Eindrücke geselligen Verkehrs unempfänglichen und unnahbaren Charakter denken, in dessen dumpfem Hinbrüten sie schon Anzeichen einer langsam sich vorbereitende Geistesstörung erkennen wollen. Von allen diesen war im Umgange mit Lenau kaum eine Spur zu finden. Ich hatte Gelegenheit, mit ihm öfter und selbst auch in jener Periode, zu verkehren, welche der unglücklichen Katastrophe vom 11. October 1844 voranging; allein niemals ist jener Trübsinn oder jene Gereiztheit, die Viele in seinem Benehmen zu bemerken glaubten, störend zwischen unsere mitunter lebhaft geführte Conversation getreten. Lenau’s Benehmen war allerdings mehr, als dies bei den meisten Menschen der Fall, von der momentanen Stimmung abhängig, was jedoch bei seinem heftigen Temperamente und bei der leichten Erregbarkeit seines Gemüthes erklärlich ist.

Oft, wenn er, längere Zeit hindurch sinnend und vor sich hinstarrend, abseits an einem Tische gesessen und nur der aufwirbelnde Rauch, den er aus dem langen Pfeisenrohre gesogen, Zeugniß von seinem wachen Zustande gab, sprang er mit einmal auf und warf sich mitten in den Strom der lebhaftesten Unterhaltung seiner Freunde, ja er gab sich nicht selten der ausgelassensten Heiterkeit hin und brach dann gewöhnlich in jenes schallende Gelächter aus, das auch Beethoven zum Ausdrucke einer besonders heiteren Stimmung diente.

Mit leidenschaftlicher Hingebung huldigte Lenau dem Billardspiele, in welchem er es zu einer großen Kunstfertigkeit gebracht hatte. Auch Vogl war ein ausgezeichneter Billardspieler. Es ereignete sich nun nicht selten, daß sich Beide gegenseitig zu einem Wettkampfe herausforderten, der dann immer die Theilnahme der Anwesenden in hohem Grade hervorrief - Vogl, mit dem kalten Ernste in Blick und Miene den Stoß seines Gegners scharf beobachtend, aber zugleich sicher seines eigenen, Lenau, wild hineinstürmend im Drange seiner Lust und weniger seiner Kunst, als dem glücklichen Zufalle vertrauend.

Mit besonderer Vorliebe debattirte Lenau mit mir über Musik. Der Ausspruch Berlioz’s, daß in der Regel die großen Dichter schlechte Vertheiler der Musik wären, war auf ihn keineswegs anzuwenden, denn sein musikalisches Urteil zeigte von tiefer eingehender Fachkenntnis und entschieden künstlerischem Verständnisse. Für Beethoven hatte er eine Vorliebe, die den genialen Tondichter hoch über Alle stellte; nächst diesem zollte er dem Genie des gewaltigen Händel die größte Verehrung. Für Mendelssohn, der damals im Zenith bewundernder Anerkennung der Musikwelt stand, konnte er sich nicht erwärmen, und es entspann sich über die Verschiedenheit der gegenseitigen Meinungen zwischen ihm und dem Musikkritiker Dr. Becher so manche heftige Controverse.

Für das damals in üppigster Blüthe stehende Virtuosenthum hatte er geringe Sympathien; nur die Erscheinung des Knaben A. Rubinstein zog ihn besonders an, und er prophezeite dem kleinen Virtuosen ein große Zukunft.

Es war an einem trüben Herbstabende, als ich Lenau nach Hause begleitete. Am Thore seines Wohnhauses angelangt, das sich in einer der Seitengassen der Kärnthnerstraße befand, lud er mich ein, ihm in seine Wohnung zu folgen. Wir betraten bald ein Zimmer, in welchem sich die geniale Unordnung bemerkbar machte, welche meistens die Behausung eines Junggesellen kennzeichnet, besonders wenn diese Dichter sind. Bei unserer Ankunft hatte wir gerade über die Nationalmusik der Ungarn gesprochen, und ich erwähnte, daß mir einige ungarische volkstümliche Weisen bekannt seien. Lenau ersuchte mich, ihm dieselben vorzuspielen, und nahm zu diesem Zwecke ein zierliches Instrumentenkästchen hervor, das er öffnete; er reichte mir die Violine. Ein flüchtiger Blick, den ich auf dieselbe warf, ließ mich ihre Abkunft aus einer alten italienischen Meisterfamilie erkennen.

Schon längst ersehnte ich den Moment, der mir Gelegenheit verschaffen sollte, den Dichter einmal geigen zu hören, der nach dem Urtheile competenter Freunde das edle Instrument nicht nur vollständig zu beherrschen, sondern seinem Vortrage auch einen ganz eigenthümlichen Zauber in Ton und Spielweise zu verleihen wisse. Der Moment schien mir besonders günstig, und ich bat Lenau, mir das Vergnügen, ihn spielen zu hören, nicht vorzuenthalten. Er schlug es mir jedoch kurzweg ab, und als ich weiter in ihn drang, machte er Miene, die Geige wieder in das Futteral zurückzulegen. Dies bemerkend, nahm ich ihm dieselbe wieder aus der Hand und spielte einige Verbunkos, die mir noch aus der Zeit der Studenten-Majalis im Gedächtnisse waren. Als ich meinen Vortrag jedoch beendet hatte [158] und das Instrument aus der Hand legen wollte, rief mir Lenau, der meinem Spiele, in den Stuhl gelehnt, den gesenkten Kopf in die Hand gestützt, aufmerksam zugehorcht hatte, mit lauter, herausfordernder Stimme die Worte zu: „még egyzer, még egyzer“! (noch einmal.) Es war ein Aufruf, welchem ich nicht anstand bereitwillig zu entsprechen. Kaum aber hatte ich die verlangte Wiederholung beendet, als Lenau aufstand, mir schweigend die Geige aus der Hand nahm und nun selbst zu spielen begann. Was ich vergebens von ihm zu erbitten gesucht, er that es nunmehr freiwillig. Die vaterländischen Anklänge schienen ihn in eine Stimmung versetzt zu haben, welche die Schranken der Schüchternheit durchbrach, die er um die Kundgebung seiner musikalischen Leistungsfähigkeit gezogen hatte.

Es fiele mir in der That schwer, ein musikalisch-kritisches Urtheil über seinen Vortrag abzugeben. Derselbe ließe sich überhaupt kaum in eine bestimmte Kategorie rangiren, allein, daß mich sein Spiel tief ergriffen und die Töne, die er angeschlagen, mir das Herz schneller schlagen machten, dies muß ich zugestehen. Was er spielte, war keine ungarische Nationalmelodie, es war eine tiefe Melancholie, welche in Tönen Ausdruck fand, welche er den Weisen der Magyaren abgeborgt hatte.

Auf den Stuhl hingesunken, horchte ich den magischen Klängen, die aus dem nächtlichen Dunkel – es war mittlerweile im Zimmer ganz finster geworden – heraustönten, so zauberhaft und dabei so wehmüthig und tiefergreifend. Schien es doch, als wäre er unbewußt zum Seher des traurigen Geschickes geworden, das ihn ja nur zu bald ereilen sollte. In jedem Tone lag der Ausdruck des Schmerzes, der in den langgezogenen Tönen des Lassan seine Qualen aushauchte, so erschütternd und rührend zugleich. Noch aber hatten die letzten Töne desselben nicht ausgezittert, als mit einmal der gespensterhafte Wirbeltanz eines wilden, rasenden Frissen wie ein Wettersturm hereinbrach, mit schneidendem, immer gesteigertem Crescendo die geängstigte Seele wie in einer Parforcejagd bis in die höchsten Lagen der Applicatur verfolgend, und mit höhnisch zerstörendem Humor die Bande der Melodie und des Rhythmus sprengend. –

Ich weiß nicht, wie lange Lenau gespielt, plötzlich aber verstummten die Klänge und die Ruhe gänzlicher Erschöpfung trat ein. Ich suchte tastend die Thür und kam tief erschüttert auf die Straße.

Die Töne, welche ich soeben vernommen hatte, brachten auf mich einen schmerzlichen Eindruck hervor, aber sie haben bleibende Spuren in meinem Gedächtnisse hinterlassen.