Literaturbriefe an eine Dame/VI

Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf Gottschall
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Literaturbriefe an eine Dame/VI
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 487–489
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[487]
Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
VI.

Haben Sie, Madame, einmal in der Hauptstadt Preußens einen „ästhetischen Thee“ mitgemacht? Und wenn Ihnen auch dies Glück neuerdings zu Theil geworden – Sie haben nur einen schwachen Aufguß der früheren ästhetischen Thee’s genossen; denn in dem geharnischten Preußen Bismarck’s spielt die Aesthetik dieselbe untergeordnete Rolle, die sie schon seit langer Zeit auf den preußischen Universitäten spielt.

Die Blüthezeit der „ästhetischen Thee’s“ fällt in die schöngeistige Epoche des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten, welcher einen Ludwig Tieck, den großen Maestro der Leseabende, nach Berlin berufen hatte. Die Geheimen Räthe, die jüdischen Banquiers, die ganze „gute Gesellschaft“ – Alles wurde plötzlich von ästhetischen Anwandlungen heimgesucht. Glücklich der Kreis, der einen kunstfertigen Vorleser oder gar einen jungen Dichter aufzuweisen hatte, welchem die ersten schüchternen Lorbern um die Stirn zu sprossen begannen! Man beneidete sich um die Dichter, wie sich die Brasilianerinnen um die Leuchtkäfergürtel beneiden, die sie um den Leib tragen.

Wohl gab es auch ästhetische Thee’s, die sich durch eine ganz aparte Physiognomie auszeichneten. In dem großen Hause der Maurerstraße, wo Varnhagen von Ense wohnte, wo Ludmilla Assing an der Theemaschine präsidirte, da war nichts zu finden von ruhigem ästhetischen Behagen; da prickelte die ganze Unruhe einer „Revolution in Glacéhandschuhen“; da war die politische Unzufriedenheit heimisch; die Feuerwerke und Raketen eines schonungslosen Witzes prasselten in die Luft, selbst wenn ein so eifriger Vorkämpfer der Reaction, wie Freiherr von Sternberg, zugegen war und mit vornehm-künstlerischer Haltung sich damit beschäftigte, die Strudelköpfe mit dem Bleistift in sein Studienalbum einzutragen. Und wer einen Salon bei Frau Gräfin Ahlefeld besuchte, der früheren Gattin Lützow’s, an die sich manche unvergeßliche Erinnerung aus den Befreiungskriegen knüpft, der Geliebten Karl Immermann’s, der nahm den Eindruck mit nach Hause, als sei er bei der „zehnten Muse“ zu Gast gewesen; so ästhetisch-priesterlich war das Wesen dieser Frau, so feinsinnig ihre Begeisterung für das Schöne, mochte es von altem oder neuem Datum sein, so bedeutsam geschmückt der Salon wie ein Heiligthum der Künste.

Doch das waren die glänzenden Ausnahmen – in der Regel war der „ästhetische Thee“ in den Geheimrathskreisen von erschrecklicher Nüchternheit. Die unerläßlichen Requisiten für diese „Huldigung der Künste“ waren: eine Theemaschine, ein Fortepiano, ein Lesepult, zwei oder mehrere Töchter, von denen die jüngste eben aus der Pension mit dem frischen Cursus der Literaturgeschichte im blondlockigen Köpfchen in’s Elternhaus zurückgekehrt war, während die älteste sich seit längerer Zeit den Musen in die Arme geworfen hatte, die einzigen, welche offengeblieben waren, um sie zu empfangen, ferner ein Dramaturg, ein Kunsthistoriker oder Poet. War der Herr des Hauses, der Geheime Rath, nicht gerade bei seiner L’hombrepartie, so erschien er wohl selbst in dem ästhetischen Cirkel und betheiligte sich an der Unterhaltung durch einige Bemerkungen über Goethe, der, außer anderen schätzbaren Vorzügen, auch den besaß, daß er Geheimer Rath und Minister, wenngleich nur in einem kleinen Staate, gewesen war. Die geistigen Genüsse dieser Kreise wurden nicht durch die materiellen gestört. Aus dem himmlischen Reich stammte zwar auch der „grüne Thee“, welcher reichlich consumirt wurde; aber zweifelhaft blieb, ob er nicht vorher die Bekanntschaft mit „Berliner Blau“ gemacht hatte, um sich beizeiten zu „acclimatisiren“. Theegebäck und Butterbrödchen erschienen nur en miniature; jede stoffartige Wirkung, welche dem Evangelium der reinen Kunst schaden konnte, wurde ängstlich vermieden.

Und wenn dann der junge Poet selbst die Lichter am Pult zurechtstellte und sich die Locken von der Stirn strich – welch’ freudiges Flüstern, welche andächtige Spannung! Ein Talent, ein Genie in nächster Nähe; man hatte es wachsen sehen und hören! Da ist ja die Tante anwesend, die es auf den Armen getragen, als es noch in unscandirbaren Tönen seine ersten Lebenselegieen den Schallwellen der Luft anvertraute; da kann die Frau Professorin bestätigen, welches glänzende Abiturientenzeugniß, mit Ausnahme der Mathematik, der strebsame Dichterjüngling davongetragen; die Geheimräthin aus dem Ministerium des Innern weiß zu erzählen, wie oft er mit ihrer Tochter getanzt, wie er sie stets durch Extratouren und Cotillonorden ausgezeichnet hat. Am glücklichsten aber ist die Kleine aus der Pension! Was haben ihr die Dichter für Mühe gemacht mit ihren oft absonderlichen Namen, wie oft hat sie dieselben en masse unter das Kopfkissen gelegt, um sie ihrem Gedächtniß einzuprägen und bei’m Examen zu bestehen! Und jetzt sieht sie einen Dichter vor sich, der zwar in keiner Literaturgeschichte steht, der aber viel hübscher und liebenswürdiger ist, als die meisten Herren Classiker, die auf den Bildern so ehrwürdig aussehen wie Schul- und Consistorialräthe, einen Dichter, den sie sich behält ohne Hülfe des Kopfkissens und ohne Furcht vor irgend einem Examen, es müßte denn Gott Amor selbst als Examinator erscheinen und einige Gewissensfragen an sie stellen.

Der Dichter liest mit einer Begeisterung, die des Erfolges sicher ist; er ist gewöhnt an das Flüstern der Bewunderung, das seinem Vortrage folgt. Man rühmt die „schöne Sprache“, die melodischen Verse, das Rührende, Empfindsame, Sittsame; in diesem oder jenem Auge zeigt sich eine Thräne, die Hausfrau aber credenzt ihm eine neue Tasse „grünen Thee“ und des Hauses älteste Tochter gießt mit verständnißinnigem, collegialischem Lächeln ihm den Rum hinein.

Der Dichter aber fühlt sich bereits auf den Schwingen des Ruhms weit über die Gegenwart hinausgetragen; wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten; und es sind ja die Besten seiner Zeit, es ist ja die „gute Gesellschaft“, die ihm huldigt.

Warum ich Ihnen das Alles erzähle, Madame? Gewiß nicht, um mit dem Griffel Cruikshank’s zu wetteifern und durch Caricaturen aus unseren Salons Ihnen ein anmuthiges Lächeln auf die Lippen zu zaubern! Nein, ich will Ihnen heute von einem Dichter sprechen, der seine ersten Erfolge in diesen geheimräthlichen Salons errang und dessen Muse in vielen Zügen ihre Herkunft aus den ästhetischen Theecirkeln nicht verleugnet, ich will Ihnen über Paul Heyse berichten, dessen „Gesammelte Novellen in Versen“ in zweiter, auf’s Doppelte vermehrter Auflage (Berlin, 1870) soeben erschienen sind.

Unsere großen Dichter, Madame, haben in ihrer Jugend eine Sturm- und Drangepoche durchgemacht, deren Spuren ihre ersten Werke trugen; ich brauche Sie blos an Schiller’s „Räuber“, an Goethe’s „Götz“ zu erinnern; eine wilde ungezügelte Kraft durchbraust diese Dichtungen; ein vulcanisches Feuer zersprengt das Gefüge des Styls und schlägt hier und dort in helllodernden Flammen empor; die Dichter erscheinen wie felsenschleudernde Giganten, welche Hyperbeln auf Hyperbeln thürmen, weit über die Grenzlinien des Schönen hinaus. Und nebenbei stand in diesen Erstlingswerken der Cynismus in voller Blüthe und sprach der feineren Sitte der guten Cirkel Hohn.

Doch diese ungeläuterte Kraft, die in solchen gewaltsamen Explosionen hervorbrach, war die verheißungsvolle des Genius, und sie schenkte uns nach verbrauster Gährung den Feuerwein, der noch späten Geschlechtern zur Labung dient. Nun denken Sie sich aber, Madame, durch einen kühnen Anachronismus den jugendlichen Schiller in einen Berliner Salon versetzt, wo er den Geheimrathstöchtern zum ersten Male die „Räuber“ vorliest – diese medusenhäuptige Dichtung würde ja augenblicklich die zartfühlenden Hörerinnen in Stein verwandelt haben!

Ein Dichter, der aus den Berliner Salons hervorgeht, kann keine Sturm- und Drangperiode gehabt haben – und so ist dies auch in der That bei Paul Heyse nicht der Fall. Seine Dichtung erschien von Anfang an als ein sich friedlich durch anmuthige Wiesen windender Bach, ohne die schäumenden Katarakte eines genialen Sturmes und Dranges. Fein und sauber geglättet trat seine Muse auf; kein Fältchen, nichts Aufgebauschtes; ihr ganzes Costüm machte dem Plätteisen Ehre. Wer einen berühmten Grammatiker zum Vater hat, steht natürlich mit der deutschen [488] Sprache von Haus aus auf dem besten Fuße; der gesittete Geist des Salons machte jede Ausschreitung unmöglich; denn das Publicum, dem zuerst diese Gedichte vorgelesen wurden, übte ja eine feinsinnige Censur, und wenn eine kleine Keckheit durchschlüpfen sollte, so durfte sie nur mit den Augen aus der Maske sehen. Für die Musen aus der Mark waren die Grazien aus der Mark zu Wächterinnen bestellt, und sie sprachen im Chorus das Goethe’sche Wort: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“

Für die Entwicklung eines jungen Dichters ist der Salon kein günstiges Treibhaus. Kraft und Leidenschaft, Größe des Denkens und Wollens können hier nicht zur Blüthe kommen; eine gewisse mattherzige Eleganz kränkelt die hier erzeugten dichterischen Schöpfungen an. Unter dieser Ungunst der Verhältnisse litt auch Heyse’s junge Muse; seine Gedichte, fertig in der Form, hatten etwas Frühreifes; es fehlte ihnen Mark und Kern, geistige Bedeutung und Originalität. Immerhin hat sich Heyse’s Talent von so zweifelhaften Anfängen zu einer beachtenswerthen Stellung emporgearbeitet und der deutschen Literatur einige in ihrer Art treffliche Schöpfungen geschenkt. Freilich, Kraft, Größe und durchgreifende Bedeutung blieb ihnen versagt; aber auf dem Gebiete sinniger Anmuth und feiner Grazie steht der wohlerzogene Liebling der Musen als der Erste unter den Gleichstrebenden da.

Dies gilt namentlich von seinen Prosanovellen, von denen einzelne in ihrer Art vollendete Kunstwerke sind, während die Mehrzahl allerdings durch einen krankhaften Zug, durch die Vorliebe für psychologische Absonderlichkeiten und durch ein oft als Manier erscheinendes Streben nach attischer Grazie mehr befremdet, als erquickt.

Doch nicht von diesen Prosanovellen will ich Ihnen erzählen, Madame; noch weniger von den Dramen und Tragödien des Dichters, dessen dramatisches Talent bei weitem geringer ist, als sein episches, das mit seinen geistreichen Studien oft in’s Forcirte verfällt, während die bekannteren Dramen wieder an die Grenze des Trivialen streifen und nicht viel mehr sind, als dramatisirte Anekdoten; ich will Ihnen hier nur einige seiner „Novellen in Versen“ vorführen, die anfangs vereinzelt gedruckt wurden, später in einer Sammlung, die jetzt um das Doppelte vermehrt worden ist.

„Novellen in Versen“ sind poetische Erzählungen, ein Genre, das Byron in so herrlicher Weise gepflegt hat, mit soviel Gluth und Schwung und tonangebend für alle osteuropäischen Völker, für die Polen, die Russen, die Ungarn, in deren Gedichten die Steppenritte und Corsarenfahrten Byron’s sich wiederholen, während die Melancholie des britischen Dichters der schwermüthigen Stammeseigenthümlichkeit dieser Völker vielfach ein wehmuthsvolles Echo entlockt. Gluth und Schwung sind aber nicht die Eigenthümlichkeiten der Heyse’schen Versnovellen; sie haben im Gegentheil einen pikanten, spielerischen Zug: zwischen den Zeilen und oft in den Zeilen lächelt der Dichter über die Begebenheiten, die er schildert; er sagt uns fortwährend: es ist Alles nur Scherz, nur Spiel; seht hier den Schaum, aus dem ich meine buntschillernden Seifenblasen gestalte, seht hier das neckische Thonpfeifchen, das diese Wunder bildet! Die souveraine Ironie ist die Muse seiner Dichtung; ihre Ahnherren sind Ariost und Wieland; aber die heitere Phantastik dieser hervorragenden Dichter wird bei Heyse zersetzt durch eine allzu selbstbewußte Ueberlegenheit, welche mit geistiger Freiheit keineswegs zu verwechseln ist.

Ernster gemeint sind einige seiner ersten Erzählungen, wie „Urica“. Die Heldin dieser zur Zeit der ersten französischen Revolution spielenden Novelle ist ein Negermädchen, das einen Grafensohn liebt. Er verschmäht sie! Aus dem Schlosse, in welchem sie verweilte, entfliehend, wird sie von einem Fischerweib aufgenommen. Sie lernt den Nachen führen und ist bereit, den flüchtigen Grafen vor seinen Verfolgern über den Fluß hinüber zu retten. Ein Boot mit Jakobinern begegnet ihnen bei der Ueberfahrt; diese wittern anfangs den Emigranten, erkennen dann die schwarze Hexe und sind überzeugt, daß sie nicht Aristokraten schmuggelt. Sie fordern den Bürger auf, seine Frau zu küssen; der Graf zögert nicht; sie aber stößt ihn fort und ein wahnsinniger Schrei tönt von ihren Lippen:

„Zurück, du lügst! Hat dich die Todesangst
Geheilt vom Ekel vor der Negerin,
Daß ich nun gut genug zum Küssen bin,
Da du vorm Kusse der Verwesung bangst?
Hat Elend mich gebleicht? Sieh hin, sieh hin,
Um welch ein niedrig Liebchen du geworben.
Rühr’ sie nicht an! Sie ist von stolzem Sinn,
Ob auch zur Grafenbraut verdorben!“

Das ist psychologisch wahr und mit kräftiger Wildheit ausgedrückt. Der Aristokrat verfällt seinen Henkern; Urica aber überlebt die Revolution und sitzt als irrsinnige weißlockige Negerin auf den Boulevards zur Zeit des kaiserlichen Frankreichs, um ihr täglich Brod bettelnd.

Sie steht nicht auf. Ein plötzlich zuckend Weh
Belebt nur selten ihre starren Züge;
Zwei Worte spricht sie dann: Egalité!
Egalité! und: Lüge! Lüge!

In diesem Gedicht vibrirt ein Pathos der Menschenrechte, das man sonst vergeblich in den Heyse’schen Dichtungen suchen würde; es ist in seiner Haltung, in Styl und Ausdruck weniger fischblütig, als die meisten andern, die uns oft mit nixenhafter Kühle anfrösteln. Eine eigenthümliche Nixe ist „Margherita Spoletina“, ein weiblicher Leander. Verbotener Liebe schwimmt sie nach durch die Meeresfluth, doch den Geliebten tödten die Verwandten – und sie selbst wird durch eine trügerische Leuchte, die an den Mast eines hinausfahrenden Bootes befestigt ist, grausam hinaus gelockt in die offene See, wo die kühne Schwimmerin, von ihrer Kraft verlassen, in das Fluthengrab versinkt.

Auch diese Erzählung ist ernst gehalten und wird nicht von den störenden Glossen des Dichters begleitet; es ist ein Cabinetsstück eigener Art, düster beleuchtet, nicht ohne einen Schimmer von Lüsternheit, nicht ohne grausames Raffinement. Auch die beiden chinesischen Erzählungen „Die Brüder“ und „König und Magier“ sind frei von ironischen Arabesken und Randzeichnungen; aber das chinesische Costüm erscheint sehr willkürlich gewählt, die Trochäen tänzeln herum, wie Tänzer aus dem Reiche der Mitte, pagodenhaft nickend, mit den Fingerspitzen auf und nieder balancirend. Es war romantische Launenhaftigkeit, den Edelmuth eines Bruders, der sich für den andern geopfert, in dem bezopften chinesischen Costüm darzustellen, welches allenfalls eher für die etwas nüchternen Gespenster des zweiten Gedichts paßt, da diese Magie an die Zauberspiele der chinesischen Bühne erinnert.

Die größere Erzählung „die Braut von Cypern“ in ottave rime zeigt uns nun den Dichter, wie er fortwährend in den Rahmen der Handlung selbst mit geistreichen Scherzen und Bemerkungen hereintritt und mit poetischen Guirlanden, die er aus allerlei wildwachsenden Blumen gewunden hat, das klare Gepräge der vorgeführten Bilder verdunkelt. Wozu überhaupt eine Novelle des Boccaccio, die nur durch allerlei bunte Abenteuer ohne jeden tieferen Kern belustigt, in Verse bringen? Für eine Dichtung in sechs Gesängen verlangt man mehr als ein leichtes Spiel der Phantasie mit einigen aufgesetzten Lichtern der Laune. Mag man der meisterhaften Behandlung des Verses und der Sprache das beredteste Lob zollen – immer bleibt nach dem Genuß eines solchen gleichsam im Munde zergehenden Dichtwerkes eine innere Unbefriedigung zurück; denn Kopf und Herz gehn leer aus bei diesen Spielereien der Phantasie und bei den berückenden Künsten eines in allen Farben und Formen feuerwerkenden Sprachtalents.

Die Kunst, aus einem Nichts ein poetisches Etwas zu machen und die kleinste Anekdote zu mehreren Gesängen in plauderhaften Stanzen breitzuschlagen, bewährt das Gedicht „Die Hochzeitreise an den Walchensee“, in welchem nur das Schlußabenteuer einigermaßen für die geschwätzigen Reflexionen entschädigt, welche uns durch allerlei joviale, launig aufgeputzte Alltagsbegebenheiten zu demselben hinführen.

Und welch eine verzierte, amaranthenhaft süßliche Nordlandsmaid ist diese „Syritha“, welch eine überschwängliche Künstlernovelle dieser „Raphael“! Die letztere Novelle trieft gleichsam vom Cultus des Genius und verherrlicht die plötzlich sich hingebende Liebe eines überspannten Weibes. Die Plaudereien über „Frauenemancipation“ haben einen gewissen Theetischhumor, welcher den Witz vorsichtig mit der Zuckerzange angreift.

Dagegen athmen die „Idyllen von Sorrent“ dichterischen Geist; Naturbilder und Genrebilder aus dem Volksleben sind durchglüht von italienischem Colorit, und wenn auch die Distichen oft zu geschwätzig erscheinen und mancher bedeutungslose Zug in das Gemälde mit aufgenommen ist, so schwebt doch über diesen Liebesidyllen ein duftiger Reiz und die Welt ist geschildert, wie sie künstlerischem Aug’ erscheint.

[489] Ebenso reizend ist die Erzählung „Das Feenkind“; hier paßt der Inhalt zu dem humoristischen Tone der graziösen Schilderung, und der Humor, selbst wo er an die italienischen Muster des Barocken erinnert, hat eine wohlthuende Frische.

Die ottave rime, die Distichen lehrte Paul Heyse anmuthig plaudern im neckischen Conversationston; zuletzt gelang ihm dies auch mit dem feierlichen Vers der divina commedia, mit Dante’s Terzinen in der Demimonde-Novelle „Ein Salamander“, in welcher ein flüchtiges Liebesabenteuer mit seltener Kunst der Darstellung geschildert wird.

Sie haben die Wahl, Madame, unter den bunten Blüthen dieser kunstvoll gepflegten Gartenflora der Poesie; Sie werden die Kunst des Gärtners bewundern, der eine so anmuthig abgetönte Farbenpracht mit zauberischen Contrasten, der so ungewöhnliche Formen und Varietäten großzog; aber aus den verlockenden glänzenden Ausstellungen dieser Kunstgärtnerei werden Sie sich hinaussehnen zu den schlichten Waldblumen der Poesie, zu ihren frisch rauschenden Quellen. Tiefer Gehalt, hinreißende Begeisterung machen den großen Dichter, nicht eine die Formen meisternde spielerische Kunst.