Herzenskämpfe eines deutschen Dichters

Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Herzenskämpfe eines deutschen Dichters
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 72–75
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Herzenskämpfe eines deutschen Dichters.
Von Max Ring.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert erschien eines Abends in Frankfurt a. d. O. der Lieutenant Heinrich v. Kleist bei seiner Familie, um ihr zu nicht geringer Verwunderung aller Verwandten anzuzeigen, daß er seinen Abschied genommen und fortan sich den Studien widmen wollte. Es war dies ein unerhörtes Ereigniß, daß ein königlich preußischer Officier von Adel seinen bevorzugten Stand freiwillig aufgab, und alle die alten Tanten und Basen schüttelten den Kopf über den „sonderbaren Schwärmer“. Dieser ließ sich jedoch keineswegs irre machen: er fühlte sich glücklich in seinem neuen Laufe und studirte fleißig Philosophie und alte Sprachen mit anerkennungswerthem Eifer. Nach und nach söhnte sich auch seine Familie mit dem neuen Lebensplane aus; er konnte ja Diplomat, Regierungsbeamter, wo nicht gar einmal Minister werden. Er selbst dachte zwar nicht an eine solche Versorgung, sondern er liebte die Wissenschaft nur um ihrer selbst willen, rein und ohne alle Nebenabsichten; höchstens dachte er daran, einmal als Professor an einer Universität die Jugend zu belehren. Dabei war er, trotz einer kleinen Neigung zur Pedanterie, nichts weniger als ein gelehrter Stubenhocker; er besuchte die beste Gesellschaft, zu der er vermöge seiner Geburt überall Zutritt hatte, galt für einen liebenswürdigen jungen Man und wurde von der Frankfurter Damenwelt recht gern gesehen, indem man ihm seine Sonderbarkeiten und seine Zerstreutheit leicht verzieh. In dem Hause des Generals Heege lernte Kleist die älteste Tochter desselben, Minette oder Wilhelmine, wie er sie nannte, kennen; bald liebte er sie auch und sie erwiderte seine Neigung. Heimlich verlobte er sich mit ihr, da er die Grille oder vielmehr den Grundsatz hatte, daß die Eltern nichts davon zu wissen brauchten, wenn zwei Liebende sich für einander bestimmt hätten. Zu seinen Eigenheiten gehörte es auch, daß er seiner Braut fast täglich die leidenschaftlichsten Briefe schrieb, obgleich er Haus an Haus mit ihr wohnte. Er ging dabei von der Absicht aus, die Geliebte geistig zu bilden und für sich zu erziehen. Nur auf ihr dringendes Bitten entschloß er sich endlich, ihre Eltern, mit dem Verhältnisse bekannt zu machen. [73] Diese gaben ihre Einwilligung unter der Bedingung, daß Kleist eine gesicherte Lebensstellung sich erwerben würde, da er ebensowenig wie seine Braut ein hinreichendes Vermögen besaß.

Wilhelmine war ein gutes, sanftes Mädchen, das sich in alle Launen des geliebten Mannes fand und voll Vertrauen an ihm hing. Geduldig wartete sie auf die Erfüllung seiner Pläne für die Zukunft, die sich indeß meist als Chimären erwiesen. Bald wollte er Chemie und Naturwissenschaften studiren, bald in Frankreich als Lehrer der deutschen Sprache auftreten, bald dies, bald das ergreifen, vor Allem aber sich die höchste und vielseitigste Bildung erwerben. Bildung und Liebe sind die Worte, die er in allen Briefen an seine harrende Braut wiederholt, die beiden Achsen, um die sich sein ganzes Dasein dreht. Seine Angehörigen und besonders Wilhelminens Eltern verlangten, daß er sich um ein Amt bewerben sollte. „Ich will kein Amt nehmen,“ schrieb er an die Verlobte. „Warum nicht? Wie viele Antworten liegen mir auf der Seele! Ich kann nicht eingreifen in ein Interesse, das ich mit meiner Vernunft nicht prüfen darf. Ich soll thun, was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbedeutenden Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann nicht. –– Nein, es geht nicht, ich passe für kein Amt. Ich bin auch wirklich zu ungeschickt, um es zu führen. Ordnung, Genauigkeit, Geduld, Unverdrossenheit sind Eigenschaften, die bei einem Amte unentbehrlich sind und mir ganz fehlen. Ich arbeite nur für meine Bildung gern und da bin ich unüberwindlich geduldig und unverdrossen. Für die Amtsbesoldung Listen zu schreiben und Rechnung zu führen? – ach! ich würde eilen, eilen, daß sie fertig würden, und zu meinen geliebten Wissenschaften zurückkehren. Ich würde die Zeit meinem Amte stehlen, um sie meiner Bildung zu widmen. Nein, es geht nicht!“

Natürlich waren die Eltern seiner Verlobten mit diesen Ansichten nicht einverstanden, aber Wilhelmine blieb ihm treu, ohne sie jedoch zu theilen. Kleist selbst lebte in Berlin, ausschließlich mit seinen Studien beschäftigt, unter denen die Philosophie den ersten Rang einnahm. Plötzlich aber erfaßte ihn ein Ekel vor allem Wissen, ein eigenthümlicher Zustand von Zweifel und Uebersättigung, wie er häufig gerade die vorzüglichsten Geister zu befallen pflegt, während die Mittelmäßigkeit davon verschont bleibt. „Seit die Ueberzeugung,“ schreibt er an seine Braut, „daß hienieden keine Wahrheit zu finden ist, vor meine Seele trat, habe ich kein Buch mehr angerührt.“ Um sich aus diesem furchtbaren Zustande zu reißen, unternahm er in Begleitung seiner treu ergebenen Schwester Ulrike im Jahre 1801 die schon längst beabsichtigte Reise nach Paris. Der Anblick des modernen Babel war nicht geeignet, seinen Seelenschmerz zu heilen. Der Luxus, die Gedankenlosigkeit und Unsittlichkeit des französischen Volkes nährten nur seine Schwermuth. Ernstlich dachte er daran, sich ganz von der Welt zurückzuziehen, mit dem Rest seines Vermögens sich in der Schweiz niederzulassen und als Landmann das Feld zu bebauen. Diesen Vorschlag machte er auch seiner Braut, indem er ihr schrieb: „Unter den persischen Magiern gab es ein religiöses Gesetz, ein Mensch könne nichts der Gottheit Wohlgefälligeres thun, als dieses: ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. Das nenne ich Weisheit, und keine Wahrheit hat noch so tief in meine Seele gegriffen, als diese: das soll ich thun, das weiß ich bestimmt! Ich will im eigentlichen Verstande ein Bauer werden, mit einem etwas wohlklingenderen Worte ein Landmann. Was meine Familie und die Welt dagegen einwenden möchten, wird mich nicht irre führen. Jeder hat seine eigene Art, glücklich zu sein, und Niemand darf verlangen, daß man es in der seinigen sei.“ –

Wilhelmine hielt es für ihre Pflicht, diesen neuen gewagten Lebensplan ihres Verlobten, der ihrer ganzen Lebensanschauung widersprach, ihren Eltern mitzutheilen, die von ihrem Standpunkte ein äußerst ungünstiges Urtheil darüber fällen mußten. So schonend als möglich theilte sie ihm ihre Bedenken mit; Kleist fühlte sich verletzt und schwieg fünf Monate, worauf er ihr einen kurzen Brief, den Scheidebrief seiner Liebe, schrieb, in dem er sich bitter über ihre Kälte beklagte und hinzufügte, daß er nun allerdings zu der Einsicht gekommen, sie habe ihn nie geliebt und werde ihn nie lieben. Sein erster Liebestraum war an der Prosa des Lebens gescheitert.




An den reizenden Ufern des Thuner Sees, da, wo sich die rauschende Aar in seine stille Fluth ergießt, liegt eine kleine Insel im Angesicht der majestätischen Alpen, wie geschaffen zu einem ruhigen, beschaulichen Asyl, nur von einigen Fischerfamilien bewohnt, die in patriarchalischer Einfachheit lebten. Hier erschien gegen Ende April des Jahres 1802 ein junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren mit charakteristischen, wenn auch nicht gerade schönen Zügen. Ueber die hohe Stirn fiel das schlichte bräunliche Haar nachlässig hin, die kleinen, tiefliegenden Augen verriethen eine gewisse anziehende Schwermuth, während die vollen Lippen und das rundliche Kinn nicht ohne Anmuth waren. Der Fremde hatte ein leerstehendes Häuschen auf der Insel bezogen, welches er allein bewohnte. Im Anfange lebte er ganz für sich, in tiefster Zurückgezogenheit, meist am Ufer der Insel umherstreifend und sich seinen eigenen Gedanken überlassend. Auf seinen Ausflügen hatte er die Bekanntschaft einer armen Fischerfamilie gemacht, mit der er zuweilen um Mitternacht auf dem Nachen über den See fuhr, wenn sie ihre Netze im Silberlicht des Mondes auswarf. Bald hatte er das Vertrauen und die Liebe der schlichten Leute gewonnen, so daß ihm der Vater von zwei Töchtern die eine überließ, damit sie ihm die Wirthschaft führe. Es war ein freundlich liebliches Kind, „Mädeli“ geheißen, das sich ihm innig anschmiegte und Alles that, was sie „dem Herrn“ an den Augen absehen konnte. Beide führten ein idyllisches Leben; sie standen mit der Sonne auf, er pflanzte im Garten, sie schaffte in der Küche, während er arbeitete; dann wurde unter Scherzen und Lachen das gemeinschaftliche, frugale Mittagsmahl genossen. Sonntags zog das Mädeli ihre schöne Schweizertracht an, ein Geschenk ihres großmüthigen Freundes, dann schifften sie singend über den See; sie ging in die Kirche nach dem nahen Thun und er bestieg eine der schönen Waldhöhen jenseit des Sees, und nach der Andacht kehrten sie wieder in das freundliche Häuschen zurück.

So verging ein Tag wie der andere gleich einem glücklichen Traum. Nur selten zeigte sich eine finstere Wolke auf der hohen Stirn des Mannes, und auch diese mußte bald dem lieblichen Geplauder des holden Mädeli weichen. Einmal fiel es ihm ein, dem unschuldigen Kinde zu sagen, daß es sparen sollte. Das Mädchen aber in ihrer Einfalt verstand ihn nicht und er war nicht im Stande, ihr das Ding begreiflich zu machen; Beide lachten darüber ausgelassen und es blieb beim Alten. Er selbst fühlte sich so glücklich, wie nie zuvor, und seine Briefe bekundeten dies. Auch an Besuch fehlte es nicht auf der einsamen Insel; zuweilen kamen einige Freunde, die er sich in der Schweiz erworben hatte, der liebenswürdige Geßner, der hochbegabte Zschokke und der junge Ludwig Wieland, der talentvolle Sohn des berühmten Dichters. Dann wurden bald heitere, bald ernste Gespräche über Natur, Kunst und Literatur geführt und bei einem Glase edlen Weines manches schöne Gedicht vorgelesen und beurtheilt. Eines Tages hatten sich die Freunde „wie die Hirten Virgils“ zu einem poetischen Wettkampf vereinigt. In Zschokke’s Zimmer hing ein französischer Kupferstich, in dessen Figuren sie ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem Majolikakruge und einen großnasigen Richter zu erkennen glaubten. Jeder sollte diesen Stoff nach seiner Weise bearbeiten, Wieland ihn als Satire, Zsckokke als Erzählung und Kleist, welcher der Bewohner des kleinen Häuschens am Thuner See war, als Lustspiel behandeln. Seine Arbeit: „Der zerbrochene Krug“, erhielt einstimmig den Preis, und dieses Urtheil der Freunde bestärkte ihn in seinem Entschlusse, fortan als Dichter zu leben.

Auf seiner Insel erwachte mit ungestümer Kraft der poetische Schöpfertrieb in seiner Seele; eine Tragödie, „Die Schroffensteiner“, hatte er bereits vollendet und neue großartige Pläne bewegten seine Brust. Den Entschluß, Landmann zu werden, hatte er wieder aufgegeben, dafür war er ein Dichter geworden und zwar, wenn er den Versicherungen seiner Freunde trauen durfte, ein Dichter, der sich den ersten Genien dreist an die Seite stellen durfte. Der Traum seines Lebens schien in Erfüllung zu gehen: er war ein Dichter und wurde geliebt. Doch nur kurze Zeit sollte dieses Glück dauern. Zwei Monate hatte er mit seinem Mädeli auf der stillen Insel gelebt, als sie eines Tages ihn verließ und nicht mehr zurückkehrte. Wie man sagt, hatte ein französischer Officier, der ihr mit seiner kleidsamen Uniform und heiteren Laune besser gefiel, als der zuweilen so ernste und ihr unverständliche Dichter, sie entführt. Der Aufenthalt auf der Insel war diesem nun verleidet, sein [74] Glaube an Unschuld und Herzenseinfalt erschüttert. Siech und gebrochen schleppte er sich nach Bern, wo er auf das Krankenlager niedersank und mehrere Wochen in Gefahr schwebte. Die Seelenkämpfe und Erschütterungen seines Gemüths, so wie die Ueberanstrengung seiner geistigen Kraft drohten ihn aufzureiben, doch seine gesunde Natur und die Pflege seiner Freunde retteten ihn.

Mit gebrochenem Herzen verließ er die Schweiz, wo er ein kurzes Liebes-Idyll geträumt.




In Oßmanstädt, einer ländlichen Besitzung in der Nähe von Weimar, lebte der liebenswürdige Dichter des Oberon, der alte Wieland, im Kreise seiner zahlreichen Familie, umringt von sechs blühenden Töchtern und vier begabten Söhnen, ein heiteres, poetisches Stillleben. Poetische Arbeiten wechselten mit angenehmen Spaziergängen und Ausflügen in die reizende Umgegend. Das einfache Mahl wurde mit heiteren, attischen Scherzen gewürzt, und es gab wohl so leicht kein glücklicheres Haus als das des allgemein verehrten Dichters, der wie ein ehrwürdiger Patriarch mitten unter seinen schönen, wohlgerathenen Kindern erschien. In diesen Kreis guter und bedeutender Menschen trat der schwer geprüfte, ruhelose Kleist. Eine dringende Empfehlung von dem jugendlichen Ludwig Wieland, dem er in der Schweiz einen bedeutenden Freundschaftsdienst geleistet, verschaffte dem seltsamen Gast eine herzliche Aufnahme, obgleich der alte Wieland keineswegs ein Freund der sogenannten „romantischen Schule“ war, zu der sich Kleist offen bekannte. Manche Eigenheit des wunderlichen Besuchers, der in Oßmanstädt längere Zeit verweilte, konnte nicht unbemerkt bleiben. Seine Absonderlichkeiten traten jetzt weit schärfer, als früher hervor, besonders seine zunehmende Zerstreutheit. Ein einziges Wort genügte, ihn dermaßen zu fesseln und sein ganzes Nachdenken in Anspruch zu nehmen, daß er von Allem, was man zu ihm sprach, nichts vernahm und auch keine Antwort auf die an ihn gerichteten Fragen gab, ganz in Selbstvergessenheit versunken. Oefters saß er auch bei Tisch, für sich zwischen den Zähnen murmelnd, mit der Miene eines Menschen, der sich allein glaubt, oder mit seinen Gedanken fern von der Gesellschaft weilt. Nicht ohne Bedenken beobachtete Wieland das seltsame Treiben seines Gastes, dem er mit der ihm angeborenen Liebenswürdigkeit und Offenheit entgegengekommen war, ohne daß derselbe eine gewisse Scheu und Zurückhaltung ablegte und ihm mit gleichem Vertrauen vergalt.

Nach und nach befreundeten sich jedoch der greise Dichter und seine Familie mit dem Wesen Kleist’s, der unwillkürlich Theilnahme erweckte. Die reizende Lieblingstochter Wieland’s, ein sinniges, echt poetisches Mädchen von neunzehn Jahren, ahnte mit weiblichem Instinct ein tiefes Leiden in der Seele des melancholischen Gastes und fühlte sich dadurch zu ihm um so mehr hingezogen. Die Liebe, welche ihm von allen Seiten entgegen kam, löste endlich die Rinde von seinem Herzen und öffnete die verschlossene Brust. Eines Tages, als ihn Wieland in schonender Weise wegen seiner Zerstreutheit und Geistesabwesenheit mit freundlichem Lächeln zur Rede stellte, gestand er ihm, daß er in solchen Augenblicken mit der Dichtung eines neuen Dramas beschäftigt sei. Als Wieland darauf in ihn drang, entschloß er sich ihm einige Bruchstücke seiner unvollendeten Tragödie „Robert Guiscard“ aus dem Gedächtnisse mitzutheilen. Der Eindruck war so mächtig, daß Wieland keinen Ausdruck für seine Bewunderung fand. „Wenn die Geister des Aeschylus, Sophokles und Shakespeare’s sich vereinigten,“ rief er bei dieser Gelegenheit begeistert aus, „eine Tragödie zu schaffen, sie würde das sein, was Kleist’s Tod Guiscard’s des Normannen, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was ich gehört.“ Es stand bei ihm fest, daß Kleist dazu geboren sei, die große Lücke in unserer dramatischen Literatur auszufüllen, die, nach Wieland’s Meinung wenigstens, selbst von Schiller und Goethe noch nicht ausgefüllt worden ist. Er bat und beschwor ihn, das angefangene Werk zu vollenden, indem er hinzufügte: „Nichts ist dem Genius der heiligen Muse, die Sie begeistert, unmöglich. Sie müssen Ihren Guiscard vollenden, und wenn der ganze Kaukasus und Alles auf Sie drückte.“

Der liebenswürdige Enthusiasmus des Vaters theilte sich natürlich dem noch leichter entzündlichen Herzen der Tochter mit. Zu der aus Mitleid entsprungenen Neigung trat noch die Bewunderung für den Genius, in dessen Verehrung sie aufgewachsen und erzogen war. Sie liebte Kleist und verbarg ihm nicht ihre zärtlichen Gefühle, die er jetzt doppelt liebesbedürftig bald erwiederte. Mit Freuden sah Wieland dies Verhältniß entstehen, das seinen Wünschen für das Wohl seines Kindes vollkommen zu entsprechen schien. Noch einmal lächelte das Glück dem armen Dichter, aber er selbst zerstörte es schnell wieder. Trotz der Bewunderung Wieland’s genügte ihm nicht das Geschaffene, er verzweifelte und vielleicht nicht ohne Grund daran, seine Tragödie so zu vollenden, wie er sie angefangen; sie blieb in der That nur ein Fragment. Mit demselben grübelnden, zersetzenden Verstande betrachtete er seine Liebe. Er fühlte sich unfähig, ein Mädchen noch glücklich zu machen. Flüchtig, heimathslos, ohne Beruf, den eigenen Heerd zu bauen, glaubte er, entsagen zu müssen. Was konnte er ohne Vermögen, ohne Stellung der Geliebten bieten? Nichts, als ein zerrissenes Herz, eine unsichere Zukunft und jenen unnennbaren Drang nach dem Ideale, der ihn der Wirklichkeit entfremdete. Er prüfte sich und fand, oder glaubte wenigstens zu finden, daß kein irdisches Weib ihn ganz auszufüllen im Stande sei. Sein Herz gehörte der Poesie und ihr allein sein Sinnen und Trachten. „Ich habe hier,“ schrieb er an seine Schwester, der er Alles anvertraute, „mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal!“

Nicht ohne Schmerz und nach schweren Kämpfen riß er sich los und verließ das friedliche Oßmanstädt, den väterlichen Freund und das geliebte Mädchen, welches weinend von ihm Abschied nahm, seine Gründe ahnend und ehrend.

Durch eigene Schuld hatte er den schönen Liebestraum seines und ihres Lebens für immer zerstört.




Mehrere Jahre waren seitdem vergangen: nach manchen Irrfahrten lebte Kleist in Dresden, wo ihm sein bedeutendes Talent in den ersten Kreisen eine günstige Aufnahme verschaffte. Das Schicksal schien müde, ihn zu verfolgen. Er fand Freunde und Anerkennung, die bedeutendsten Männer und Frauen interessirten sich für ihn. Auch seine Stimmung war eine andere geworden, die finstere Melancholie geschwunden, sein Herz voll Hoffnung für die Zukunft; er selbst heiter, zuweilen fast übermüthig. Bei dem österreichischen Gesandten, der in Dresden damals den Ton angab, wurde auf der eleganten Privatbühne ein eben vollendetes Stück von ihm mit großem Beifall von vornehmen Dilettanten aufgeführt. Nach beendeter Vorstellung erhob sich das schönste Mädchen Dresdens, um ihn mit einem Lorbeerkranz zu krönen. Man verglich ihn mit Tasso, mit dem er in der That so manche Aehnlichkeit hatte, vor Allem die gleiche Neigung, vom tiefsten Schmerze sich zur höchsten Freude aufzuschwingen. Hinter Kleist lag die düstere Vergangenheit, vor ihm die heiterste, lachende Zukunft. Auch die Liebe regte sich in seiner Brust von Neuem; die holde Kranzspenderin hatte es ihm angethan. Sie war nicht nur das schönste, sondern auch das reichste Mädchen Dresdens und lebte in dem Hause des bekannten Appellationsraths Körner, dem Sammelplatz und Mittelpunkt aller geistigen Elemente. Hier war Kleist ein täglicher, willkommener Gast, und seine aufkeimende Liebe fand kein Hinderniß. Die Geliebte hatte keine Eltern mehr, und ihr Vormund, der treffliche Körner, gab von ganzem Herzen seine Einwilligung zu dieser Glück verheißenden Verbindung des Talents mit der Schönheit, um so mehr, da für die Zukunft des liebenden Paares ausreichend gesorgt war.

Kleist war glücklich, aber er gehörte leider zu jenen Naturen, die das Glück nicht zu ertragen vermögen. Wieder regte sich der alte Dämon, jene unheilvolle Neigung, sein Glück auf die Probe zu stellen. Von dem Gedanken erfüllt, daß die Geliebte ihm ganz und ausschließlich angehören müsse, verlangte er von ihr, ohne allen Grund, ohne jede Veranlassung, daß sie ihm ohne Vorwissen ihres Vormundes, des alten Körner, schreiben solle. Lächelnd schlug sie ihm die seltsame Bitte ab, in der sie nur eine vorübergehende Laune erblickte. Drei Tage ließ er sich darauf nicht sehen, und als sie ihn trotzdem freundlich empfing, wiederholte er sein wunderliches Verlangen nur noch dringender, als das erste Mal. Da sie sich von Neuem weigerte, ging er fort, um erst nach drei Wochen wiederzukehren. Auf ihre zärllichen Vorwürfe antwortete er nur mit der Erneuerung seiner Forderung. Auch diesmal wurde er von ihr zurückgewiesen, indem sie zwar liebevoll, aber ernst auf das Unstatthafte seines Betragens hinwies. Er verließ sie bereits mit dem festen Entschlusse, noch einen Versuch zu machen und dann das ihm so theuere Verhältniß für immer zu lösen. Volle drei Monate wartete der Sonderling, ehe er zu ihr zurückkehrte. Selbst [75] jetzt noch war sie geneigt, ihm zu verzeihen, wenn er sein Unrecht einsehen würde. Aber Kleist beharrte auf seinem Eigensinn und stellte gebieterischer als je die alte Forderung, worauf sie eben so entschieden bei ihrer Weigerung verblieb. Als die ihr von ihm gesetzte Frist verstrichen war, kam er nicht mehr wieder. Damals soll er aus Verzweiflung über diesen Ausgang, den er selbst verschuldet hatte, zum ersten Male versucht haben, seinem Leben ein Ende zu machen. Die Freunde fanden ihn ohne Bewußtsein, neben ihm ein geleertes Fläschchen, das Opium enthalten hatte. Bald erholte sich der Unglückliche und fand bei der Poesie, der wahren und einzigen Geliebten seines Herzens, Trost und Erhebung. Sie führte ihm das Ideal weiblicher Hingebung, wie es in seiner Seele schlummerte, entgegen. Vor ihm erschien das holde „Käthchen von Heilbronn“, die reizende, unsterbliche Verkörperung seiner Liebesträume.

Kleist aber liebte seitdem kein irdisches Weib mebr, nur noch die Muse, welche ihm treu blieb und sein Grab mit ihrem unverwelklichen Lorbeer kränzte, als er, verfolgt vom Mißgeschick, seinem Leben mit eigener Hand ein Ziel setzte, wie wir früher den Lesern der „Gartenlaube“ erzählten.