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Textdaten
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Autor: Ludwig Steub
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Titel: Sonntagsälpler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 68-70
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Sonntagsälpler.
Von Ludwig Steub.

Um eine Alpenfahrt handelt es sich also wieder, aber nicht um eine rauhe, halsbrecherische, wie sie der wilde Gemsenjäger unternimmt, sondern um eine feine, anmuthige, wie sie die gebildeten Stände, angesehene Väter, hochgeachtete Mütter, wohlerzogene Jünglinge und schöne Fräulein zu Stande bringen, um eine unvergeßliche Erinnerung für’s ganze Leben nach Hause zu tragen. Die Aufgabe, einen solchen monumentalen Tag durch den Bleistift oder die Feder zu schildern, hat ohne Frage ihre großen Reize und ist von beiden Seiten mit lobenswerthem Eifer unternommen worden, nur sind der Zeichner und der Beschreiber zu sehr verschiedenen Zeiten an die Arbeit gegangen und daher auch zu sehr verschiedenen Zeiten damit fertig geworden. Der Zeichner nämlich, der noch in der Blüthe seiner Jahre steht und den letzten Sommer zu Brannenburg am Inn verlebte, hat erst neulich die bedeutenden Motive gesammelt und auf’s Holz gebracht, welche ihm aus den schönen Tagen, wo man gen Alm fährt, im Gedächtniß haften geblieben. Seine Darstellung, seine Herren, seine Damen gehören daher der frischesten Gegenwart an, und wer in denselben Kreisen mit ihm gelebt hat, der würde auch leicht die Originale, die ihm vorschwebten, anzugeben wissen. Derjenige dagegen, der den Tert verfaßt, gehört nachgerade der reiferen Hälfte der Menschheit an und hat sich mit der Aufgabe, seine Almenpartie zu schildern, schon vor etwelcher Zeit auseinander gesetzt. Seine jungen Herren, die damals „wie Zicklein voraushüpften“, sind jetzt schon alle in hohen Würden; seine rosigen Mädchen, die damals „wie dienende Engel in der Alpenluft strahlten“, sind mittlerweile alle etwas bräunlich und meistens Mütter geworden, deren Söhne und Töchter nunmehr ebenso voll Lieb und Lust in den Bergen herumklettern, wie weiland die lieben Eltern gethan. Seiner Zeit hat er dann auch, was ihm der Genius in diesem Betreffe zugeflüstert, mit mehreren andern Bildern aus der Alpenwelt unter den Druck gegeben; es ist aber selbiges Büchlein, wie es dem Verfasser auch in anderen Fällen begegnete, nicht gar viel oder eigentlich nur von sehr Wenigen gelesen worden, und darum möchte es wohl nicht indiscret erscheinen, wenn er hier diese Schilderung daraus gewissermaßen als etwas Frisches und Neues wieder auf die Tafel bringt, um so mehr als seine Beschreibung recht wohl zu dem neuen Bilde stimmt. In anderer Weise hätte der Schilderer sich nicht zur Sache zu stellen gewußt, denn die ganze Beschreibung wieder mit neuen Farben und neuen Bildern herzustellen, schien ihm fast unmöglich. – –

Es ist ein wesentlicher Bestandtheil eines Aufenthaltes im

[69]
Die Gartenlaube (1865) b 069.jpg

Die Residenzler auf der Alm.
Originalzeichnung von Theodor Pixis.

[70] Hochlande, einmal etwas Apartes, Mühseliges, Abenteuerliches zu unternehmen. Die Feinsten besuchen wenigstens eine nahe Sennhütte und lächeln nach ihrer Rückkehr schelmisch, wenn sie gar über Nacht ausgeblieben sind. Die Rüstigsten tragen einen schweren Kugelstutzen nebst großem Büchsenranzen hinauf an die Schneehöhe und sofort wieder herunter und behaupten dann, sie seien auf der Gemsenjagd gewesen. Jene aber, denen die Sennhütten zu nah, die Schneehöhen aber zu entlegen sind, lösen ihre Aufgabe in gesellschaftlichen Partien auf ein schönes Berghorn, dessen Spitze etwa ein Belvedere ist, wie es die Sommergäste von Partenkirchen mit dem Krotenkopf, die von Brannenburg mit dem Wendelstein, die von Reichenhall mit dem Sonntaghorn zu machen pflegen. Da geht es denn familienweise hinauf in die thauigen Wiesen, im Angesicht der Morgenröthe, die um so überraschender wirkt, je länger man sie nicht mehr gesehen hat. Bald beginnt das Steigen, und nun entwickelt sich der Knäuel. Der Papa in seinem Reisehemd, gleichsam der Hauptmann der liebenswürdigen Bande – wie schwer war er zu gewinnen! – und die Mütter, die schon etwas leichter mithalten, bleiben keuchend mehr und mehr zurück; die Münchner Fräulein und die jungen scheinkranken Badeherren hüpfen wie Zicklein voraus. Die Jungen tragen sich phantastisch-jägerhaft, so daß die Spielhahnfeder auf dem grünen Hütchen und die graue Joppe mit den grünen Aufschlägen nicht leicht fehlen; die Mädchen, unter dem Einflusse der idyllischen Umgebungen, dichten ebenfalls an ihrer Tracht, und wenn sich die Jünglinge am Liebsten als Waidmänner darstellen, so liegt den Damen am Nächsten der Aufzug der arkadischen Hirtinnen, wie sie im Ballete erscheinen. Es ist ein gar erheiternder Anblick, wie das junge Volk, in allen Farben spielend, lachend und schäkernd, unter den schwarzen Tannen sich hinaufwindet, nun über den Felsenvorsprung klimmt, nun in langer, ängstlicher Zeile am Rande des Abgrunds hintrippelt. Dort ruht ein Pärchen ans, um neugestärkt wieder nachzueilen, da werden Alpenrosen gesucht und unter bedeutsamen Winken verschenkt. Die Alten sehen sich auch zuweilen an, aber mit den Blicken der düstern Resignation, denn zum Steigen sind die Berge schrecklich hoch.

Endlich ist der Vortrab auf dem Gipfel; die Herren jodeln und rufen Halloh, die Damen schwenken die Taschentücher zur Aneiferung für die Nachkommenden, die sich langsam aus dem Waldschatten herauslösen. Nach und nach hat sich Alles eingefunden und steht in schönen Gruppen auf der freien Höhe, hinabzusehen in’s unendliche Blachland, auf Hügel und Thäler, Wälder und Felder, Seen und Ströme, Städte und Dörfer. Die Mädchen sind gar liebreizend, wie sie dastehen, herrlich roth im Gesicht vom Steigen in der reinen Alpenluft, seligen, träumerischen Blickes hinunterstarrend in die Tiefe, während der frische Morgenwind in ihren Locken wühlt. Mit Vergnügen weisen die Kundigen auf die Münchner Frauenthürme, die sich in blauer Ferne dem trunkenen Auge darbieten und an die Lieben in der Heimath mahnen. Nach diesem vergißt aber die Gesellschaft keineswegs, sich auch gegen Süden zu wenden, wo die beschneiten Berghäupter von Tirol in unzählbaren silbernen Zacken in’s blaue Firmament hineinstarren. Ist dann ein bewanderter Alpenfahrer darunter, der die majestätischen Hörner zu benennen und zu deuten weiß, so kann er bei solcher Gelegenheit mit seiner Wissenschaft viel Ehre einlegen. Ist aber ein Norddeutscher dabei, was jetzt kaum mehr fehlen kann, so benutzt dieser den Augenblick, stellt sich in die Mitte und declamirt etwas, zum großen Verdruß eines Andern, der die Erreichung des Zieles mit einem Sturme auf der Guitarre feiern wollte, die ihm über dem Rücken hängt, und zum nicht mindern Aerger eines Dritten, der ein Flageolet bei sich hat. Die Verse aber hat der Poet gestern Abend noch zusammengestoppelt, als er wegen erdichteter Uebelkeit schon um neun Uhr auf seine Stube ging, und die Reime klappern wunderbar schön. Die Jugend klatscht begeistert Beifall, denn er hat ihren Gefühlen Worte gegeben; die Mütter nicken einander zu, als wollten sie sagen: der kann’s; Papa aber, der unbestechliche, macht ein Gesicht, das nicht viel mehr ausspricht, als: Für so ’nen jungen Menschen ist’s gut genug. Unterdessen hat der Dichter das langhaarige Haupt verschämt geneigt und die Rechte dankend auf’s Herz gelegt, damit aber auch zu gleicher Zeit aus der Seitentasche ein Album gezogen, das er herumgeben will, mit der Bitte, einen Gedanken hineinzuschreiben zur ewigen Erinnerung an diesen unbezahlbaren Moment. Da er Alles vorausbedacht, so zieht er auch gleich ein tragbares Schreibzeug hervor und richtet die Federn her. Dies dämpft den Jubel etwas, denn nicht alle Alpensteiger sind so vorsichtig, immer einen Stammbuchvers im Hinterhalt zu haben; doch faßt und findet man sich bald. „Auf den Bergen ist Freibeit“ etc., das würde freilich Jeder am liebsten spendiren, wenn nicht schon der Allererste so boshaft gewesen wäre, diese Verse der ganzen Gesellschaft wegzuschnappen. So ist’s denn kein Wunder, wenn der Löwe des Tages mit gewöhnlichen Sinnsprüchen, wie z. B. „Ehrlich währt am Längsten“, oder „Bleib zu Haus und nähr’ dich redlich“, fürlieb nehmen muß.

Endlich ist die peinliche Feierlichkeit vorüber und das Album wieder in der schattigen Rocktasche. Papa sitzt schon lange auf seinem Tragstuhl und bläst den Knasterdampf vergnügt über die Wälder hin, die von unten herauf rauschen; die Mütter kauern malerisch auf den Felsblöcken umher und stricken. Das Feuer, das die Jungen angemacht haben, brennt lustig und frisch, die Töpfe mit Wasser und Milch fangen nachgerade zu sieden an. Nun geht’s ernstlich an die Vorbereitungen zum Frühstück. Da zeigt sich erst, mit wie viel Umsicht der Plan zu diesem Unternehmen entworfen und wie passend die Rollen ausgetheilt worden. Vor Allem wird der große Reisesack aufgethan, den der Führer heraufgetragen, und aus welchem nun Kalbskeulen und Schinken springen, wobei die Messer und Gabeln, die auch in seinem Bauche liegen, kampflustig erklingen. Nun erschließen sich auch die Tragkörblein der Schönen, und wer hätte es diesen zierlichen Täschchen, die den ganzen Weg herauf so gleichgültig mitbaumelten, ansehen sollen, daß sie heute als Vorrathskammern für die feingebildete Gourmandise der bergsteigenden Hauptstädter eingerichtet seien? Und doch ist’s nicht anders! Aus der einen Tasche richtet sich vielversprechend eine edle Wurst aus Wälschland empor, aus der andern steigt ein Senftopf, der wenigstens Pariser Etiquette trägt; von anderen Seiten kommt wieder Anderes, geräucherte Zungen, gebratene Hühner und dergleichen. Jetzt zeigen aber auch die Paladine, daß sie nicht umsonst dabei sind. Ihre Aufgabe war’s, den Wein zu liefern, und nun kommen die Vertreter der angesehensten Rebenhügel vom Frankenland bis Bordeaux aus den Reiseränzchen. Das wird aber für jetzt Alles nur bei Seite gestellt, geordnet und, was zerlegbar ist, zerlegt; denn der Kaffee ist fertig und die Mädchen machen lächelnd die Honneurs. Man nähert sich aber auch bald dem nahrhafteren Theile des Frühstücks. Einzelne Vorläufer machen schon die Runde, die Kernspeisen dringen unwiderstehlich nach. Am Meisten haben wieder die Mädchen zu thun, die frischen, heitern, rosigen Mädchen, die jetzt, in der Glorie der Alpenluft strahlend, wie dienende Engel hin und her eilen, voll Leben und Lust, die nun spielend alle Reize deutscher Häuslichkeit entfalten, welche uns hier oben auf der grünen Bergmatte, in der hellen Sommersonne, mehrere tausend Fuß hoch über dem Meere noch viel tausendmal einnehmender erscheinen, als unten im langweiligen Abendcirkel beim trüben Lampenschimmer. Und wenn nun die Gläser erklingen, da klingen alle Herzen mit, und wenn die Champagnerpfröpfe knallend in die Lüfte fliegen, dann fliegen auch die letzten Grillen still ins Thal hinunter. Die Freude tritt immer königlicher auf, der Jubel wird immer lauter; der Norddeutsche declamirt wieder, der Andere fällt mit der Guitarre rauschend in den Lärm, der Dritte spielt sein Flageolet, und dann ertönen – Alles schweigt – die Almenlieder, diese herrlichen, himmelansteigenden Gesänge, die Keiner vergessen kann, der sie je in ihrer milden Kraft gehört hat, die in Jedem die Sehnsucht nach den Alpen wecken, der sie draußen wieder hört auf der flachen Haide dort:

Mein’ Freud is im Wald,
Weil’s Jodeln schen schallt
Und a Dirnerl drin gras’t,
Dös ma goar so guet g’fallt

Da ob’n auf da Wand
Wachst vierblattleter Klee,
Den brech’ i mein Schatzerl,
Nacher liebt sie mich eh’.

Und die Blümerl, i sag’s euch,
Sind grad so wie d’ Leut,
Und sie bußeln sich d’ Wangerln
A öfters voll Freud.

Weil’s aber kein Äermerl,
Kein Handerl nit ham,
So biegt der Wind ihnen
Die Köpferl oft z’sam.

Drum, Schatzerl so gib ma –
Horch’, hörst nit den Wind? –
Jetzt bußeln sich d’ Blüemerl –
A Bußerl geschwind!