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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Hermann Kurz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 357–362
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[357]
Hermann Kurz.[1]
Von Johannes Scherr.

„Der Himmel lacht, und heit're Lüfte spielen“ . . .

Auf den kräftigen Schwingen seiner Silcher'schen Melodie rauschte das Lied durch den vom Tabaksqualm erfüllten Saal, wo ich – es ist lange, fürchterlich lange, volle 43 Jahre her – als Fuchs meinen ersten Kommers mitmachte.

Text wie Weise ergriff mich gleichermaßen.

„Von wem?“ fragte ich meinen Nachbar.

„Der Hermann Kurz hat es gedichtet, der Silcher in Musik gesetzt.“

„Wer ist der Kurz?“

„Ein Stiftler.“

„Ein Stiftler?“

„Ja wohl, aber ein hinausgeschmissener.“

Das klang ganz eigen. Ungefähr so, als hätte der Sprecher sagen wollen: „Ein famoser Kerl!“ Vielleicht war auch eine Mischung von Eigenliebe dabei; denn mein liebenswürdiger Nachbar war selber ein „hinausgeschmissener“, d. h. ein weiland Insasse des berühmten Tübinger „Stiftes“, welchem er, rebus theologicis haud bene gestis (weil er es in der Theologie zu nichts gebracht) und nachdem es ihm gelungen, die fast unergründliche Langmuth des „Ephorus“ Jäger, genannt Sabel, zu ergründen, zwar unfreiwillig, aber doch mit Freuden Valet gesagt hatte, um sich der Juristerei zu befleißigen, wenn auch nicht gerade leidenschaftlich.

Der mir zu- oder auch abgeneigte Leser wolle gefälligst beachten, daß vorstehendes Präludium vor 43 Jahren gespielt hat. Wie es heutzutage mit dem Stift und mit den Stiftlern bestellt sein mag, ist mir, der ich seit dem großen Exodus von 1849 mein schwäbisches Heimatland, welches man bekanntlich auf Distanz am innigsten liebt, nicht mehr betreten habe, gänzlich unbekannt, und darum verwahr' ich mich förmlich dagegen, daß man aus den Prämissen der Vergangenheit unliebsame Schlußfolgerungen der Gegenwart ziehe. Anno dazumal freilich, d. h. in meiner Fuchsenzeit, galt es für ausgemacht, daß der „Stiftler“ von echtem Schrot und Korn eine absonderliche Species vom Genus Homo darstellte. Das Verhältniß des Stiftlers zum Deutschen und Schwaben ließe sich etwa so bestimmen, daß man sagte: „Wenn der Deutsche gleich wäre einem Viereck, so wäre der Schwabe gleich einem Sechseck, der Stiftler aber gleich einem Achteck. Im Grunde genommen, flößte der richtige Stiftler Respekt ein, nämlich mittels der durchschnittlichen Tüchtigkeit seiner Bildung. Schade, daß dieser Bildung ein fataler Beigeruch anhaftete, das berühmte „Stiftsg'schmäckle“, nur für Schwaben spürbar, aber keineswegs von allen Schwaben [358] gern gespürt. Unter den Stoffen, aus welchen dasselbe zusammengesetzt war, nahmen die Ausschließlichkeit und Selbstgefälligkeit, die man den Stiftsbewohnern im allgemeinen schuldgab, vortretende Stellen ein. Das Ab- und Eingeschlossensein, welches die Stiftsordnung vorschrieb, verleitete die Herren Stiftler häufig dazu, sich für etwas ganz Besonderes zu halten. Es hatte sich demzufolge im Laufe der Zeit ein hochgradiges Stiftsbewußtsein entwickelt, welches sich mehr und mehr versteifte im Hinblick auf die lange Reihe von ausgezeichneten Männern, welche innerhalb des Stiftes ihre Universitätsstudien gemacht. Eine Anstalt, aus welcher Hölderlin, Schelling, Hegel, Pahl, Schwab, Stälin, Baur, Strauß, Zeller, Schwegler, Vischer, Waiblinger, Mörike, Hauff, Pfizer, Zimmermann, Seeger, Kurz u. s. w. in die Welt, will sagen in die Wissenschaft und in die Literatur ausgegangen, war sicherlich berechtigt, ihren Stolz zu haben. Dieses wohlberechtigte Stiftsbewußtsein kam nun aber, wie die Menschen einmal sind, in den Stiftlern nicht eben liebenswürdig zur Erscheinung. Nämlich in Gestalt einer Großmannssucht und Ueberhebung, welche freilich in den Augen Wissender und Unbefangener weit mehr Belustigendes als Verletzendes hatten. War es doch erheiternd anzusehen, wie so ein Musterstiftler, eingemauert in sein potenzirtes Schwabenthum, in sein bloßes Bücherwissen, in seinen rührenden Mangel an Welt- und Menschenkenntniß, zu einem Selbstbewußtsein, oder, schwäbisch zu reden, zu einem „Krattel“ sich verstieg, welcher ihn selber glauben ließ und andere glauben machen wollte, er hätte den Schelling oder Hegel oder Hölderlin oder sonst eine oder gar mehrere der Berühmtheiten früherer „Promotionen“ im Leibe. Wirklich bedeutende Stiftler haben sich oft genug über diesen „Stiftlerkrattel“ lustig gemacht, aber scharfnasige Leute wollten behaupten, daß auch die bedeutenden, bedeutenderen und bedeutendsten Stiftler das erwähnte „G’schmäckle“ ihr Lebenlang nie losgeworden wären.

Wer es ganz gewiß nie loswurde, war der Hermann Kurz, zur Zeit seines Stiftlerdaseins von seinen Mitbewohnern der Stube „Eisleben“ im Stift „Das blaue Genie“, später in unserem stuttgarter Freundekreis kurzweg „Der Blaue“ genannt. Der Ursprung dieses Kriegs- oder Biernamens ist etwas mythisch. Von Einem, der zugleich mit Kurz die Stube Eisleben „behorstete“, erfuhr ich, daß der Dichter dazumal leidenschaftlich Spaniol geschnupft, dabei blauer Schnupftücher sich bedient habe und in Folge dessen häufig mit angebläuter Nase herumgegangen sei. Da nun der Inhaber dieser Blaunase seinen Commilitonen für ein Genie gegolten, so hätten sie ihn das blaue Genie genannt. Kurz ließ sich das gefallen, nur latinisirte er es, indem er sich zu seinem Privatgebrauche Cäruleus – der Blaue – nannte. Unter diesem Namen hat er sich in seine allerliebste Novellenskizze „Das Wirthshaus gegenüber“ humoristisch eingeführt.

Sechs Jahre nach jenem Tage, wo ich Hermann Kurz zum erstenmal hatte nennen hören, wurde ich in Stuttgart mit ihm persönlich bekannt und befreundet. Die Bekanntschaft wurde gemacht im Hause der Frau von Suckow (Emma von Niendorf), jener liebenswürdigen und anspruchslosen Schriftstellerin, welche ihr Empfangszimmer mit feinstem Takte zu einem neutralen Boden zu machen verstand, auf welchem Menschen der verschiedensten Anschauungen und Richtungen zwanglos einander begegnen konnten. Die Freundschaft wurde gestiftet und befestigt beim „Burger Frank“ und beim „Bürger Ochsenjergle“, also in einem Bierkneiplein und in einer Weinstube, welche in der Zeit von 1843 – 49 allen von der damals jüngeren schwäbischen Generation, die sich zum Liberalismus, Demokratismus, Republikanismus bekannten, vertraut waren und uns wenigen heute noch Lebenden jenes Kreises unvergesslich sind. Denn ach! es gilt, zu klagen:

„Ich habe gekannt manch schönes Kind
Und manchen guten Gesellen!
Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind,
Es schäumen und wandern die Wellen. . . .“

Die Biographie, womit Paul Heyse die Sammlung der Werke von Kurz eingeleitet hat, zeugt auf jeder Seite von warmer und feinfühliger Freundschaft. Da und dort wäre jedoch dem Biographen eine genauere Kenntniß schwäbischer Menschen und Dinge zu wünschen gewesen. Auch ist Heyse über mehr als einen wichtigen Punkt und Wendepunkt in dem Lebenslaufe des schwäbischen Poeten hinweggegangen mit einem Stillschweigen, welches recht fein diplomatisch oder meinetwegen pietätvoll sein mag, aber vieles unerklärt lässt. Hier ist jedoch zu Erklärungen nicht der Ort, wie denn diese Zeilen überhaupt nicht darauf ausgehen, die biographische Arbeit Heyse’s zu ergänzen. Nur auf einen Punkt will ich flüchtig hindeuten. Der Lebensbeschreiber hat wiederholt und ganz richtig betont, daß Kurz kein vom Glücke begünstigter Mann gewesen. Aber eine andere Frage ist, ob diese Thatsache nur den Verhältnissen schuldzugeben war. Am Ende aller Enden bleibt es doch immer wieder wahr, daß ein jeder seines Glückes eigener Schmied sei und sein müsse, und da möchte nicht zu leugnen sein, daß unser Dichter als ein ungeschickter und lässiger Schmied sich erwiesen. Allerdings muß sogleich beigefügt werden, daß diese Lässigkeit und dieser Unschick zu seinem Wesen gehörten. Er war ein Träumer all sein Lebtag. Er konnte es nie dazu bringen, aus der Traumwelt, welche er sich in seinem Innern zurechtgemacht, entschieden und entschlossen herauszugehen, und ich bin überzeugt, daß es der oben gekennzeichnete „Stiftlerkrattel“ gewesen, welcher ihn wider Wissen und Willen verführte, sich für so etwas Apartes zu halten, daß er gar nicht nöthig hätte, mit der Prosa des Lebens sich auseinanderzusetzen.[2] So ist es dann gekommen, daß er jede der ihm gebotenen Gelegenheiten, bei guter Zeit sich eine festumfriedete Existenz zu gründen, vornehm vorübergehen ließ. Ich möchte aber dieses „vornehm“ nicht allein im tadelnden Sinne verstanden wissen, sondern auch im lobenden.

Ja, dieser Sohn der alten Reichsstadt Reutlingen war eine vornehme Natur und ist es in allen Bedrängnissen seines Daseins geblieben. Er ist im ganzen Wortsinn eine „anima candida“, eine reine Seele, gewesen und man darf auch von ihm sagen, was von seinem größten Landsmann mit vollem Rechte gesagt worden, daß nämlich „tief unter ihm das Gemeine im wesenlosen Scheine gelegen“. Daher wirkte auch das ihm anhaftende „Stiftsg’schmäckle“ nicht verletzend. Seine Milde und Duldsamkeit verleugneten sich selten. Seine Entrüstung mußte schon sehr groß sein, wenn sie in heftiger Form hervorbrach. Sonst war dieser hochbegabte, mit so vielseitigem Wissen ausgestattete Mann mild im Urtheilen, maßvoll im Tadeln. Die schnöde deutsche Unsitte der Nergelei lag ihm fern. Männer seines Schlages müssen gewiß immer schmerzlicher vermisst werden in einer Zeit, wo jeder dumme Junge sich zum Kritiker berufen glaubt und wo Gesellen, welche nie etwas, und wäre es auch nur das Geringste, geleistet haben und nie etwas leisten werden, sich erfrechen dürfen, den Geifer ihres grünen Neides gegen alle Autoren zu verspritzen, welche etwas können und der Nation etwas sind. Wie noch so manches andere Gute könnten die Deutschen auch literarischen Anstand von den Franzosen lernen, wenn unsere mehr oder weniger lieben Landsleute es nicht vorzögen und nicht von jeher vorgezogen hätten, den westlichen Nachbarn nur ihr Schlechtes und Schlechtestes abzugucken. In Frankreich ist es undenkbar, daß literarische Gassenbuben die großen Gestalten der Literatur mit Koth bewerfen dürften. Bei uns dürfen sie es und können dabei sogar der heimlichen oder offenen Zustimmung vonseiten des oberen und des unteren Pöbels sicher sein.

Einen wissenden Mann hab’ ich Kurz genannt und das war er in That. Es gereichte dem höheren Schulwesen Wirtembergs von jeher zur Ehre, daß jedes studirende Landeskind, so es wollte,

[359] in den Stand gesetzt war, mit einem tüchtig gefüllten Schulsack die Universität zu beziehen. Auf dieser ist Kurz seinem Brotstudium, der Theologie, soweit fleißig obgelegen, daß er im Stande, seinen Hochschulkursus mit Bestehung des regelrechten Examens zu beschließen. Sein sodann gemachter Versuch, vikarisirend als „Diener am Worte“ thätig zu sein, war freilich von kurzer Dauer. Wahrscheinlich hat der Umstand, daß er kein Redner war, diesen Versuch noch beträchtlich abgekürzt. Fortan hatte er mit der Theologie keinen näheren Verkehr mehr. Innerste Neigung führte ihn der Literatur zu, und er hatte sich für die Schriftstellerei philologisch und philosophisch sehr eifrig und erfolgreich vorbereitet, wie das ja auch sein Alters- und Studiengenoß, Mitpoet und Freund, der lange nicht genug gekannte Ludwig Seeger, der geniale Verdeutscher des Aristophanes und des Béranger, gethan hatte. Es ist bedauerlich, daß die zerstreuten kritischen und literarhistorischen Forschungen und Findungen von Kurz nicht gesammelt sind. Eine Zusammenstellung dieser Arbeiten würde die gründlichen Kenntnisse, den spürenden Scharfsinn und das besonnene Urtheil des Verfassers erfreulich darthun. Schon während seiner Gymnasialjahre in Maulbronn hatte Kurz nicht allein auf dem Gebiete der alten, sondern auch der neuen Sprachen fleißig und mit schönem Erfolge sich umgethan. Zeugnisse hierfür sind seine zahlreichen poetischen Uebersetzungen, verdeutschte Dichtungen von Ariosto, Shakespeare, Byron, Moore, Cervantes. Den Ton von Shakespeare und Byron hat der Uebersetzer, wie mir vorkommt, nicht ganz getroffen. Dagegen müssen seine Verdeutschungen von Ariost's „Orlando furioso“ und von Moore's „Paradise and the Peri“ zu den Meisterwerken deutscher Uebersetzungskunst gestellt werden. Es ist unmöglich, die „corbellerie“ – um nicht, wie die andere Lesart lautet, zu sagen die „coglionerie“ – des Messer Lodovico gutlauniger und anmuthiger nachzudichten, als es Kurz gethan hat, und unvergleichlich schön wußte er auch das Schimmernde und Flimmernde, den lyrischen Schmelz und die sprachliche Musik des berühmten Moore'schen Gedichtes wiederzugeben. Die Uebertragung der schwankhaften „Zwischenspiele“ des großen spanischen Dichters ist ebenfalls vortrefflich gelungen. . . .

Zur Zeit meiner Befreundung mit Kurz stand er in der Vollkraft seines Wollens und Könnens. Der Roman „Schiller's Heimatjahre“ war erschienen und hatte zwar nicht bei der Menge, aber doch bei Urtheilsfähigen einen Beifall gefunden, welcher den Verfasser wohl zu weiterem Schaffen ermuthigen konnte. Zunächst arbeitete er an der Neudeutschung und Beschließung des „Tristan“ Gottfried's von Straßburg, welches Werk, mit einer gediegenen Einleitung ausgestattet, unlange darauf veröffentlicht wurde. Kurz war dazumal eine hochragende, hagere, schmalschulterige Gestalt, mit vorgeneigtem Kopfe etwas schlotterig einhergehend. Bleicher Gesichtsfarbe, blonden Haares und Bartes, eckigen Gebarens und zugeknöpfter Haltung, wie er war, hatte seine ganze Erscheinung für den flüchtigen Beobachter wenig Anziehendes. Bei genauerem Zusehen mußten die anmuthige Bildung seines Mundes, der treuherzige Blick ungewöhnlich glänzender Augen und ein über die ganze Physiognomie gebreiteter Hauch träumerischer Resignation den Beschauer gewinnen. Zu seinen Gewohnheiten gehörte, zum „Burger Frank“ und zum „Bürger Ochsenjergle“ immer zu spät zu kommen, um sich dann darüber zu ärgern, daß wir anderen seiner Meinung zufolge immer zu früh gingen. Ein Hochgenuß war es, den Rubens (Seeger), den Ostjäk (Finkh) und den Blauen (Kurz) mitsammen in Erinnerungen an ihre Stiftlerjahre sich ergehen zu hören. Dem Seeger fielen da die tollsten Schnurren nur so aus den Aermeln; der Finkh lachte dazu, daß die Zimmerdecke schütterte; der Kurz lächelte, still in sich vergnügt „wie ein Maikäfer“, und nahm eine „währschafte“ Prise.

Zur Politik verhielt sich der Dichter damals noch ganz gleichgiltig. Das änderte sich aber mit seiner Uebersiedelung nach Karlsruhe, wo er in mehrjährigem Umgange mit den Führern der badischen Kammeropposition zum regelrichtigen Liberalen sich auswuchs. Er hät später die Wendungen und Wandlungen der liberalen Doktrin in aller Ehrlichkeit mitgemacht und selbst die kindlichsten Illusionen der Partei aufrichtig getheilt. Ist es ihm doch unter anderem begegnet, daß er – zu Anfang des Jahres 1848 nach Stuttgart zurückgekehrt und nach dem großen Zusammenbruch von 1849 und der Flucht des braven Adolf Weißer mit der Redaction vom „Beobachter“ betraut – lange noch mit der Seifenblase der sogenannten „Trias-Idee“ ernsthaft spielte, nachdem der Bundestag schon wieder im Thurn- und Taxis'schen Palast in der Eschenheimer Gasse installirt war. Die Sache ist, Politik war und blieb dem Träumer von Poeten im Grunde allzeit etwas Aeußerliches, etwas blos Anempfundenes, etwas Unsympathisches. Hat er mir ja mitten im Wirbel des großen Sturmjahres einmal seufzend gestanden, der ganze Zeitungskram ekelte ihn an, und er fühlte sich recht glücklich, wenn er sich aus der „heulenden Wüste“ der Tagesfragen für etliche Stunden in die stille Oase der Beschäftigung mit irgendeinem literarischen Problem zurückziehen könnte. Natürlich hat er dessenungeachtet den schimmernden Märztraum von 1848 mit ganzer Seele mitgeträumt. Zeugniß dessen sein „Vaterlandslied“, welches edle Gedicht das ganze Vertrauen, die ganze Hoffnung, den ganzen Jubel und Ueberschwang jener wunderbaren Märztage gerade so seelenvoll offenbart, wie Freiligrath's Zornflammenschrei „Der Todten an die Lebenden“ die ganze Enttäuschung, den ganzen Grimm und Groll der Novembertage herzzerreißend kundgibt.

Es ist heutzutage schwer, in die Stimmung sich zu versetzen, aus welcher heraus Kurz sein „Vaterlandslied“ sang. Ja, ich stehe nicht an, zu sagen, daß man jenen Frühling miterlebt haben muß, um begreifen zu können, wie der schwäbische Dichter auf die Aetherhöhe weltbürgerlichen Idealismus sich zu erschwingen vermochte, von welcher aus er der „großen Mutter“ Germania in den Schlußstrophen seines Gedichtes zurief:

     „Lauschend nach des Geistes Sonnen,
Sankst du hin, zum Sterben wund,
Aber Flut vom Lebensbronnen
Quoll dir aus des Todes Schlund.
Keine Freiheit ohne diese!
Bleiche Weltbefreierin,
Deine kühne Wahrheit gieße
Ueber alle Völker hin!

     Deine Seher, deine hellen,
Kannten wohl der Sterne Lauf:
Endlich steigt aus Sturm und Wellen
Jenes Friedenseiland auf,
Wo aus Dornen sich die Rose
Ungeknickt entfalten kann, –
Ja, und säuselnd bricht der große
Schöne Völkerfrühling an.

     Endlich siegt der wahre Glaube,
Der die Menschheit menschlich macht.
Mit dem Oelblatt kommt die Taube
Und der Rabe flieht zur Nacht.
Aller Völker bunt Gewimmel
Wird ein freier Volksverein
Und der längst verlorne Himmel
Kehrt auf Erden wieder ein.“

Das Vaterlandslied erschien im „Beobachter“ am 26. März von 1848, an jenem sonnigen Sonntag, an welchem zu Göppingen am Fuße des Hohenstaufen die große Volksversammlung stattfand und welcher wohl der schönste Tag der bekanntlich sehr harmlosen schwäbischen „Revolution“ genannt werden darf. Als wir vom Bahnhof durch das Menschengetümmel dem Platze vor dem Rathhause zuschritten, von dessen Balkon herab die Ansprachen gethan und die Schlußnahmen beantragt werden sollten, disputirte unterwegs Kurz mit dem „rothen Pfau“, welcher schließlich gelassen das große Wort aussprach:

„Das Gescheideste wäre halt doch, wenn wir ohne weiteres die Republik proklamirten.“

Wogegen Kurz ganz furibund: „Was? du wilde Gans, wohin verfliegst du dich? Ihr Ueberstürzler werdet alles zu Grunde richten.“

Der „rothe Pfau“ war über diesen unerwarteten Ausbruch des „sanftlebenden Fleisches von Reutlingen“ für einen Augenblick bis zur Sprachlosigkeit verblüfft. Dann brummte er: „Jetzt hört aber doch alles auf, wenn auch noch der Blaue den Staatsmann heraushängen will.“

Der hinter ihm hergehende Ostjäk tröstete ihn: „Ja, weißt Du, Pfaule, seit etzlichen Tagen grassiren halt die Staatsmänner. Jedennoch die blaue Staatsmännischkeit kommt mir grün vor, sehr grün.“

Wir lachten; der Blaue lächelte und nahm eine unendliche Prise. Ueberhaupt ging es bei der schwäbischen „Revolution“ [360] selten ganz ohne Humor und Lachen ab, und das war wohl das Beste daran. Die Spuren bewahrt ergötzlich der „Eulenspiegel“, welchen Ludwig Pfau im Sturmjahre redigirte. Kurz führte übrigens in der politischen und literarischen Discussion selten die Keule als Waffe, sondern zumeist den zierlich damascirten, aber scharfschneidigen Stoßdegen der Ironie. In seiner Streitschrift gegen einen leidenschaftlichen Bekrittler seines „Tristan“, welche unter dem Titel „Der Kampf mit dem Drachen“ 1845 erschien, kann ich zwar nicht mit Heyse ein Meisterstück „polemischen Humors“ erblicken, wohl aber in der auf die Auerbach'sche Dorfhistorik gemünzten „Dorfgeschichte“ (Ges. Werke, IX, 259 fg.) eine der besten und zugleich gutmüthigsten literarischen Satiren, die jemals in Deutschland geschrieben wurden. Das ist attisches Salz oder auch allerbestes schwäbisches. Zu der lyrischen Stimmungsfülle und dem Stilglanze, welche im „Vaterlandslied“ walteten, hat sich der Dichter später nur einmal noch erhoben, in dem prächtigen Gedichte „Der Fremdling“, einer hochpoetisch-symbolisirenden Transfiguration des eigenen Schicksals.

Fasst man die dichterische Thätigkeit unseres Freundes und die Ergebnisse derselben zusammen, so könnte man ihn, die Vorstellung von einer schwäbischen Dichterschule als eine berechtigte vorausgesetzt, als den letzten Mohikaner dieser Schule bezeichnen. Er war so recht ein schwäbischer Binnenmensch, ein Schwabe im Superlativ, ein Reutlinger. Er ist nie in einer großen Stadt gewesen, München ausgenommen; er hat nie das Meer gesehen, auch die Hochalpen nicht, kaum flüchtig ein Stück Voralpen. Sein Heimathland war ihm A und O, war und blieb ihm die Welt. Darum ist in keines anderen schwäbischen Dichters Werken so entschieden viel vom besten Bein, Fleisch und Blut des Schwabenthums wie in den Werken von Hermann Kurz. Dieser Thatsache gegenüber könnte es wundernehmen, daß Kurz in seinem Heimatlande keineswegs populär geworden ist, wenn man nicht beachtete, daß es von jeher ein schwäbisches Specificum gewesen, einheimische Talente zu missachten und hintanzusetzen, unter Umständen auch zu verleumden, zu verfolgen oder zu vertreiben. Vollends solche, welche sich unter die Schablone des altherkömmlichen wirtembergischen „Schreiberregiments“ nicht zu fügen verstanden oder nicht fügen wollten.

Die Werke des schwäbische Dichters par excellence, namentlich seine zwei großen Romane, wurden und werden in Norddeutschland und sonst außerhalb Schwabens entschieden mehr gelesen und gewürdigt als daheim. Freilich auch in der Fremde noch lange nicht nach Verdienst. Den Hauptgrund ihrer geringen Verbreitung sehe ich darin, daß Kurz es nie verstand, die Frauen für sich zu gewinnen, – die Frauen, von welchen doch die Beliebtheit eines Poeten vorzugsweise abhängt. Und warum gewann er sie nicht? Weil seinen Schriften durchweg das Glattgestrichene, Geschminkte, Kokette und häufig das Packende, Spannende, Sensationelle abgeht, weil er weit mehr ein Dichter der sinnenden Betrachtung als ein Dichter der elementaren oder der raffinirten Leidenschaft ist, weil es endlich in seinen Erzählungen vor lauter Motiviren nicht häufig genug zu dramatisch bewegtem Leben und Handeln kommt. Und wenn es dann doch dazu kommt, so ist der Leser und gar noch die Leserin gewöhnlich schon so ermüdet und abgespannt, daß sie das Interesse an der ganzen Geschichte verloren haben.

Kurz besaß fraglos viele der besten Eigenschaften eines besten Erzählers, aber diese Vorzüge wurden nicht selten paralysirt durch den großen Fehler, daß unser Freund jenen Besuchern glich, welche die Thür nicht mehr finden können. Er verstand es nicht, bei guter Zeit zu Ende zu kommen und abzuschließen. Das gab dann selbst kleineren Sachen, z. B. der, psychologisch angesehen, so meisterhaften Novelle „Der Weihnachtsfund“, etwas so Gedehntes, daß die Geduld der meisten Leser daran erlahmte. Dieses Nichtendigenkönnen ist daran schuld, daß in der Kurz'schen Novellistik mehr als einmal der Ausgang nicht hält, was der Anfang verspricht. Man fühlt mit einer gewissen peinlichen Theilnahme, wie dem Verfasser im Verlaufe seiner Erzählung mehr und mehr die Stimmung abhanden kommt und Dialektik ersetzen soll, was die Phantasie verweigert. Mitunter fällt darum das Ende dem Anfang gegenüber wahrhaft erschreckend ab. So in der Novelle „Die beiden Tubus“. Die erste Hälfte hat ein Meister des Humors gedichtet, aber die zweite verläuft in Trivialität. Was Gleichmaß und Geschlossenheit der Form angeht, so hat Kurz nichts Besseres geliefert, als seine zumeist aus Familientradition beruhenden Erzählungen, welche in der Gesammtausgabe unter der Ueberschrift „Hauschronik“ zusammengestellt sind. Sie standen ursprünglich in dem Kurz'schen Novellenbuch „Genzianen“. Mir persönlich sind, wie ich gestehe, diese Geschichten das Liebste von allem, was der Freund geschaffen. Hier, meine ich, sei es ihm so gut wie sonst nirgends geglückt –

„Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
Den goldnen Duft der Poesie zu weben.“

Die eigentliche Domäne von Kurz war die Geschichte Wirtembergs im 18. Jahrhundert. Auf diesem Gebiete kannte er jeden Weg und Steg, jeden Berg und Bach, jeden Baum und Busch, jeden Wald und Weiler. Auf dem Hintergrunde der Regierungszeit des Herzogs Karl hat er seine beiden großen Romangemälde „Schillers Heimatjahre“ und „Der Sonnenwirth“ ausgeführt. Jenes ist das frischer empfangene und künstlerischer gezeitigte und herausgearbeitete, dieses das tiefer angelegte und seelenkundiger entwickelte. In jenem herrschen idealistisch-romantische Motive, in diesem realistisch-psychologische. Als eine „schwäbische Volksgeschichte“ durfte der Dichter seinen Sonnenwirth mit Fug bezeichnen. Ich wüßte kein Buch zu nennen, in welchem das altwirtembergische Volksdasein zur angegebenen Zeit so umfassend, so anschaulich und so lebenswahr geschildert wäre wie hier. Den Höhepunkt erreicht die Erzählung und damit zugleich den Höhepunkt des tragischen Könnens unseres Dichters im 37. Kapitel, da, wo der Sonnenwirthle, nachdem er den Fischerhanne erschossen, seinem durch das Todesthal ahnungslos daherkommenden Vater von der Bergwaldwand herab zuruft: „Sonnenwirth von Ebersbach, wo hast du deinen Sohn?“ Schade, daß auch bei diesem Werke die schauende und gestaltende Kraft des Verfassers nicht bis zum Ende vorhielt. Der letzte Theil ist nur eine fleißige, aber trockene Relation nach Kriminalakten. Schillers „Heimatjahre“ leiden an einer gewissen Zwiespaltigkeit. Der Roman hat keinen rechten Mittelpunkt. Der Held desselben im Romansinne soll Heinrich Roller sein, aber er wird durch die Erscheinung Schillers fortwährend verdunkelt und in den Hintergrund gedrängt. Die beste Figur im ganzen Buche macht der Herzog Karl. Er ist überhaupt die am meisten plastische und typische Gestalt, welche Kurz geschaffen hat. Dieser Erzmischmasch von aufgeklärtem Despoten, Jagdwüthrich und Wüstling, von Tyrann und Schulmeister leibt und lebt vor unsern Augen, obzwar unser Dichter die Farbe, mit der er das Porträt malte, etwas abgedämpft hat. Es ist ihm gelungen, den Herzog so zu sagen dichterisch zu rehabilitiren, indem er einen Stral altwirtembergischer Pietät auf denselben fallen ließ.

Heyse hat sich mittels Veranstaltung und Veröffentlichung der vorliegenden Gesammtausgabe gewiß den Dank aller Wissenden und Empfänglichen verdient. Aber verwunderlich ist, daß in dieser Gesammtausgabe gerade das Werk von Kurz fehlt, welches, wenn vom Dichter im engeren Sinne die Rede, fraglos für sein bedeutendstes gelten muß. Ich meine selbstverständlich den von dem Freunde gedichteten Beschluß des von Gottfried von Straßburg unvollendet gelassenen Tristan. Noch im Mittelalter hatte, wie jeder weiß, das wundersame Werk Gottfrieds zwei Poeten den Heinrich von Freiberg und den Ulrich von Türheim, zur Vollendung angeliefert, und die Beiden hatten sich auch nach einander ihrer Aufgabe entledigt, soweit eben ihre Mittel reichten.

In unserem Jahrhundert sodann hatten Follen und Immermann den reizenden Stoff zu selbstständiger Behandlung wieder aufgenommen und hatte es der erstgenannte nur zur Schaffung etlicher Bruchstücke gebracht. Auch Immermann's herrlicher Wurf war nicht zum Ziele gelangt, weil den düsseldorfer Meister der Tod vorzeitig hinwegnahm, wie er den straßburger vordem vorzeitig hinweggenommen hatte. Kurz war glücklicher. Ja, als einen rechten Glücksfall rechne ich es ihm an, daß ihm gegönnt gewesen, das „Hohelied von Tristan und Isolde“ zu beschließen. Denn wie hat er es beschlossen! So, daß der alte Gottfried, falls er aus seinem unbekannten Grabe sich erheben und seines Nachfolgers Leistung betrachten könnte, wohl sagen würde: „Das ist mein lieber Sohn; an dem hab' ich Wohlgefallen.“ Ich will damit nur auf die Congenialität des alten Beginners und des neuen Vollenders hingewiesen haben, indem ich ja nicht meinen kann, Kurz hätte in knechtischer Schmiegsamkeit ganz im Sinn [361] und Stil des mittelalterlichen Meisters gedichtet. Allerdings hielt er treulich die Grundlinie ein, welche die Sage und sein Vorgänger ihm vorgezeichnet hatten. Aber statt den Ton des 13. Jahrhunderts ängstlich nachzukünsteln, schlug er kraftvoll den des 19. an, und wenn trotzdem seine Krönung von Gottfried’s graziösem Bau so harmonisch zu demselben stimmt, so hat das seinen Grund darin, daß durch die ganze alte Liebesmär von Tristan und Isolde unverkennbar ein stark moderner Zug geht und daß ja auch der mittelalterliche Romantiker Gottfried von einem Vorwehen neuzeitlichen Geistes angehaucht war. Man denke nur daran, mit welcher lächelnden Ironie dieser überlegene Genius da, wo er seine Heldin die Feuerprobe bestehen läßt, das Ordalien-Institut behandelt hat. Selbst Heine hätte diese Mittelalterlichkeit nicht köstlicher verspotten können. Es ist unmöglich, den Beschluß, vom Tristan zu lesen, ohne den Beschließer achten zu lernen und liebzugewinnen. Hier hält das Ende ganz, was der Anfang verspricht. Mir ist, wenn ich diese sinn- und geistvollen, phantasiereichen und melodischen Gesänge wieder lese, immer, als blickten mich daraus die Augen des Freundes so träumerisch-treuherzig an wie vor Zeiten. Dann vermag ich mich [362] auch des bitteren Gefühles nicht zu erwehren, wie wenig die deutsche Leserwelt diesem vaterländischen Schriftsteller bislang gerecht geworden. Schade, daß er kein Franzos gewesen! Schade, daß er, statt aus der Geschichte, aus der Landes- und Volksart seiner Heimat heraus seine Romane und Novellen zu schreiben, nicht aus boue de Paris wüste Fratzen geknetet hat! Schade, daß er, statt ein standhafter Idealist und echter Poet zu sein, nicht den photographischen Apparat des hochgelobten „Realismus“ in Boulevardstheatern, Branntweinkneipen und sonstigen Kloaken herumgeschleppt hat! Wäre er ein Franzos gewesen und hätte er so geschmierakelt, ja dann würden die guten Deutschen und besseren Deutschinnen zweifelsohne seine Bücher verschlungen haben und verschlingen.

Von den Verhältnissen und Stimmungen des Freundes in seinen letzten Lebensjahren hab’ ich keine nähere Kenntniß. Ich weiß nur, daß er seinen Lebensabend verhältnißmäßig sorglos verbringen konnte. Der Ungerechtigkeit und Theilnahmelosigkeit des Publicums müde, hatte er der dichterischen Hervorbringung entsagt und sich ganz seinem spät, zu spät erlangten Amte als einer der Universitätsbibliothekare zu Tübingen, sowie seinen literarischen und historischen Forschungen gewidmet. Eine gediegene Frucht der letzteren war die im Jahre 1871 in Buchform erschienene geschichtliche Bilderreihe „Aus den Tagen der Schmach“. Wie Kurz im großen Jahre der Deutschen fühlte und dachte, bezeugt schön die Zusatzstrophe, welche er dazumal (1870) seinem zehn Jahre zuvor gedichteten Märchen „Die zwölf Brüder und der Menschenfresser“ anfügte. Dieses politische Märchen hatte die Schlußzeile gehabt: „’s gibt keinen Oger mehr.“ Die Zusatzstrophe von 1870 nahm das auf und sagte:

„Doch ja, den Oger gibt’s zur Frist
In seiner stolzen Babel,
Doch der begrab’ne Bruderzwist
Macht ihn erst recht zur Fabel.
Ein Zorn im Volk, ein Muth im Heer,
Vorüber Hohn und Spott,
Und lächelnd reicht er uns den Speer,
Der alte Siegesgott.“

Die Periode der Enttäuschung, Ernüchterung und Erbitterung, welche dem beispiellosen Aufschwung des großen Jahres folgte, hat Kurz nicht mehr mitdurchleben müssen. Der Anblick der traurigen Ebbe, welche so bald nach der prächtigen Hochflut von 1870–71 eintrat, blieb dem Patrioten erspart. Auch ist ihm das Sterben leichter geworden, als ihm das Leben gewesen. Am 10. October von 1873 beschloß ein plötzlicher Tod das innerlich so reiche, äußerlich so dürftige Leben des am 30. November von 1813 geborenen Dichters. „Das Herz war ihm gesprungen,“ meldet sein Biograph und fürsorglich treuer Freund Heyse.

„Have, anima candida!

  1. Gesammelte Werke von Hermann Kurz. Mit einer Biographie des Dichters herausgegeben von Paul Heyse. 10 Bde. Stuttgart, A. Kröner, 1874.
  2. Bestätigung dieser Ansicht giebt das „Nachlaß“ überschriebene Gedicht:

    „Ich werde so von hinnen eilen
    Mit tief geschlossenem Visir,
    Und ein paar arme stumpfe Zeilen
    Die bleiben dann der Welt von mir.
    Nach diesen werden sie mich wägen,
    Verdammung sprechen oder Lob,
    Nicht ahnend, ach, mit welchen Schlägen
    Sich oft mein Herz in meinem Busen hob;
    Wie ich am schönen Tag, in guter Stunde
    Verschmelzend Geist in Geist verwebt,
    Mit einem kleinen Menschenbunde
    Ein ganzes, volles Leben durchgelebt;
    Wie wir das Herz, wie wir die Welt gemessen,
    Wie manch gewichtig Wort in Lethe’s Wellen fiel
    Und wie wir dann in seligem Vergessen
    Manch kecken Scherz geübt, manch übermüthig Spiel.
    Vor solchem Leben frisch und reich
    Wie sind die Lettern todt und bleich!
    Doch was ich mir, in mir gewesen,
    Das hat kein Freund geseh’n, wird keine Seele lesen.“