Textdaten
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Autor: E. F.
Illustrator: Carl Hermann Schmolze
Titel: Gambrinias
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 2, Nr. 25, S. 6–7; Nr. 26, S. 14–15; Nr. 27, S. 22–23, Nr. 28, S. 30–31.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
Übersetzer:
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Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, Commons
Kurzbeschreibung:
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[6]

Gambrinias.

                    Ich lobe mir trotz Firnewein
                    Und trotz Burgunderblut
                    Die Rebe, die in Böhmen blüht
                    Und edles Spaltergut.


I. Gesang.
Wie König Gambrinus träumt.


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     Von längstverklung’nen Tagen thut uns die Mähre kund,
Als just im Herbst der Hopfen in voller. Blüthe stund:
Da lag und sah im Traume Gambrin, der fromme Held,
Sich überrankt vom Laube gleich einem grünen Zelt;

5
Und freute sich des Segens, wie er so tiefgeheim

Ruht in der schlanken Rebe und ihrer Blüthe Keim,
Und wie ihm ward gegeben die wundersame Kraft,
Vom Duft der Hopfenblüthe zu schließen auf den Saft.
Wir danken, o Gambrine, für diesen feinen Schluß,

10
Und seh’n in Dir nun fürder den besten Logicus! –

Als nun der fromme König sich baß darob ergötzt,
Im Traum sich mit dem Dufte und mit dem Saft geletzt;
Dünkt ihm, als hört er Schritte im Laube dumpf und schwer,
Und ein Getös, als brächen die Stangen rings umher.

15
Und wie er voll Besorgniß die frommen Augen hebt,

Da war der Hopfengarten von Gnomen rings belebt,
Und oben auf dem Hügel auf einem vollen Faß
Vom Tigerfell umschlungen der Weingott Bacchus saß.
Der schalt und commandirte, und schrie aus voller Brust,

20
Daß man’s auf sieben Meilen im Umkreis hören mußt’,

Frisch an das Werk zu schreiten und Hand zu legen an,
Die Stangen umzureißen entlang den ganzen Plan,
Die Blüthen abzuschneiden zusammt dem jungen Schoß,
Die Wurzeln auszujäten – so hieß er seinen Troß!

25
Da faßt die kleinen Bälge recht grimmig böse Wuth,

Daß Jeder im Verwüsten das Seine redlich thut!
Wie klangen da die Messer, wie fiel die Hopfen-Blüth’,
Wie traf das unserm Helden so schmerzlich im Gemüth!
Dabei vernahm er deutlich, wie Bacchus von dem Thron’

30
Ihm drohend wies die Fäuste zu argem Spott und Hohn,

[7]

Daß er gewagt mit seinem mixtum compositum
Zu schmälern ihm sein Rechte und Privilegium!
An seinem Teufelstranke soll er jetzt brauen nur.
Wenn fürder sich von Hopfen auffände eine Spur! –

35
     Als zu Gambrini Zorne so sprach der Weinesgott,

Da kam’s von allen Seiten – just wie zu ärgerm Spott,[WS 1]
Von Welschland und von Japan, vom Neckar und vom Rhein,
Von Landshut und von Aachen, zu huldigen dem Wein;
Sie boten ihm die Krone, als ob er König sei,

40
Und sagten ihm auch sonsten noch manche Schmeichelei,

Daß unserm frommen Helden das Gift die Adern schwoll,
Daß er die Fäuste ballte, von bitterm Grimme voll!

     Also geschah’s Gambrino, dem König von Brabant,
Zween Jahre nach dem Tage, da er das Bier erfand. –




II. Gesang.
Wie König Gambrinus seinen Traum erzählt.


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45
Als nun der helle, kühle Herbstmorgen dämmert kaum,

Rieb aus dem Aug der Held sich den Rest vom bösen Traum,
Und schellt so leidenschaftlich, wie ihm noch nie fiel ein,
Denn für sanguinisch wollte er nicht gehalten sein.
Mt Angst und Zittern stürzte der Haushofmeister her,

50
Ob etwa seinem Herrn etwas begegnet wär.

Für solchen schlimmen casus war er auch gleich bedacht,
Und hat in weiser Fürsicht die Köchin mitgebracht
Mit einem Morgenimbiß. – O schöne, gold’ne Welt,
Da noch die Helden wuchsen wie Rüben aus dem Feld!

55
Was konnte so ein Held nicht vertragen in der Schlacht,

Was konnt’ er nicht vertragen beim Humpen Tag und Nacht!
Wie sind wir klein geworden seit jener großen Zeit. –
Was sonst nach Ohm gemessen, mißt man nach Halben heut’–

Gambrin, der fromme König, im Bette auf sich setzt,

60
Hat sich alsbald mit einem gewalt’gen Trunk geletzt,

Und dankte Gott im Stillen und seiner Frauen lieb,
Dieweil ihm noch von gestern ein Restchen Hopfen blieb.
D’rauf kündet er geruhig dem Diener seinen Traum;
Und aber – der verwußte vor zähem Schreck sich kaum.

65
Denn welch’ ein schlimmer Kämpe der Thyrsusschwinger wär –

In mancher Niederlage hat er’s erfahren sehr.
D’rum sprach er auch: „Mein König, deß achtet nicht gering,
„Denn Träume, wie die euren, sind ein bedenklich’ Ding!
„D’rum rieth’ ich euch, o Herre, tragts vor im großen Rath,

70
„Das sichert euch am Besten vor übereilter That!

„Da währts schon eine Weile eh’ man ein Urtel find’t, –
„Ihr wißt ja, daß wir Alle ursprünglich Deutsche sind!“

Dieß dünkt in seinem Sinne dem Könige gar gut;
Auch ihm fließt in den Adern ein ächt germanisch Blut.

75
Und was nun ward beschloßen im Rathe breit und lang,

Das will ich euch verkünden in meinem nächsten Sang!

[14]

III. Gesang.
Wie König Gambrinus auf dem Throne sitzt und Rath hält.


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Im reichgeschmückten Saale da saß der Held Gambrin,
Wie prangt er im Ornate, in Sammt und Hermelin!
Den Scepter in der Rechten, am Haupt die güld’ne Kron’,

80
Ein Humpen frischen Bieres stand links auf seinem Thron’!

Der war mit güld’nen Leisten und Buckel reich verziert,
Des Königs Lieblingswappen im Schild’ er oben führt.
Zur Linken und zur Rechten auf Säulenschaften sitzt
Ein Löw’ und Hirsch, gar künstlich aus Elfenbein geschnitzt;

85
Der Bock im Frontispice schloß die symbol’sche Terz.

Im Fußgestelle prangten aus reinstem Silbererz
Durch Meisterhand vollendet vom Fuße bis zum Kopf
Ein Paar Caryatiden – Haarbeutel und der Zopf.
Dahinter eine Tafel gesenket in die Wand,

90
Der Bräuerkunst Mysterium in Mitte hierauf stand.

Zu beiden Seiten las man in Lettern pur von Gold –
Die wackern Namen Aller, die dem Gewerke hold.
Hier waren sie geschrieben – je nach der Qualität;
Die Zunft der Münchner Bräuer an aller Anfang steht. –

95
So saß der Held Gambrinus auf seiner Väter Thron,

Hieß da zusammenkommen die Großen seiner Kron’;
Und als er so befohlen, da kamen auf sein Wort
Die Mannen hergezogen von Süden und von Nord:
Voran Herr Bock als Fiedler, des Königs lust’ger Rath,

100
Ein Sachse, aber säßig zu München in der Stadt.

An seiner grünen Seite ein edeler Cumpan,
Braunbier aus München, dem es noch keiner vorgethan!
Am Hute die Citrone hierauf der Schwabe kam,
Noch triefend von dem Wasser, da er den Lech durchschwamm.

105
Ihm folgt mit ernster Miene das sinnigste Gebrau,

Der Großcomthur des Reiches – St. Salvator aus der Au;
Darauf Jungfräulein Gose und Meister Puff aus Hall,
Braunschweiger Mumme trippelt daneben allzumal;
Aus Brandenburger Landen Herr Mord und Todtschlag kam,

110
Wie schaut er d’rein so grimmig – der Recke, sonst so zahm!

Da war in deutschen Landen kein Markt und keine Stadt,
Die ihren Deputirten nicht abgeordnet hat,
Aus Halberstadt und Jena, aus Marburg und aus Kehl,
Ja – Lübeck selbst, das freie, schickt seinen Israel.

115
     Doch – eh’ es ging zum Rathe, da hielten sie Gelag,

Daß man in fernen Landen noch lange davon sprach,
Von all’ dem Staat und Aufwand, von Speis’ und Lustbarkeit,
Davon des Königs Säle verhallten weit und breit.
Denn also ward’s gehalten zu allen Zeiten gleich,

120
Daß man zuerst gegessen im heil’gen deutschen Reich,

Eh’ man zum Consultiren und zum Berathen ging,
Dieweil ein leerer Magen sei gar ein arges Ding.
     Und aber – nach zwölf Monden und einen vollen Tag
Fand man, daß causa belli ganz klar am Lichte lag!


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[15]

IV. Gesang.
Wie Held Gambrinus mit seinen Recken zu Felde zieht.


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125
Als nun der Krieg beschlossen im hohen, weisen Rath,

So schritt man denn auch fürder bedachtsam zu der That.
Da ging es an ein Rüsten im Lande rings umher,
Die Helme blank zu putzen, zu schleifen Lanz’ und Speer;
Kein Sturmhut blieb am Nagel, kein Schwert blieb in der Scheid’,

130
Da war kein Arm mehr lässig, als ging’s zum heil’gen Streit!

Und wo im Volke selber der Spiritus gefehlt,
Da schrieen Heldenlieder die Dichter in die Welt,
Von Schmälerung der Freiheit, von Vaterlands-Verrath,
Und von der Schmach, die Bacchus dem Held Gambrino that.

135
Es flogen die Depeschen von jedem Eck und End,

Bis alle Bundesstaaten geschickt ihr Contingent.
Von Köln bis hin nach Aachen, da stund ein Regiment
Kölnischer Pfeifen fertig, von Schlachtenwuth entbrennt.
Aus Bremen und aus Hamburg zog her vielwerther Freund,

140
Der mit dem Kölnerheere am Rheine sich vereint.

Von Bayern kam der Knaster, Dreikönig aus Tyrol
Und aus den Kaiserstaaten – zum Kampf gerüstet wohl!
Old England schickt den Porter und Ale, sein Stolz und Ruhm,
Was übrig bleibt, das bringen die beiden sicher um! –


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[22]

V. Gesang.
Wie die Schlacht ward geschlagen.


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145
Als Alles nun gerüstet und wohl gemustert war,

Da zog dem Feind entgegen die kühne Helden-Schaar;
Voran der Held Gambrinus auf einem Fasse Bier,
Daß er in seiner Glorie auch mächtig imponir’,[1]
Von Zinken und von Pfeifen, von Schlachtenruf umschallt,

150
Daß in den Hopfengärten es ringsum wiederhallt.

Und da die kühnen Recken den Feind alsbald ersah’n,
Da huben sie zu dampfen und aufzuschäumen an; –
Von Kampfeslust entglommen, von Feindeshaß berauscht,
Hat da so manches Schlachtschwert die blaue Luft durchrauscht.

155
Und alsobald erhob sich ein Schlachtruf weit und breit.

Wie regt sich da und rühret sich Alles rings zum Streit!
Wie schlugen sich die Recken, die wilden nah und fern,
Mit Kolben und mit Schwertern, mit Speer und Morgenstern!
Voran Herr Bock, der Fiedler, der haut gar muthig d’rein,

160
Und stoßet in die Lenden den edlen Franzenwein.


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[23]

Die Bayern auch und Schwaben die schlugen wacker ein,
Und gerbeten die Franken und all’ die Herr’n vom Rhein
Mit Maisch- und Hopfenstangen, wohl auch mit derber Faust,
Daß es den feinen G’sellen hart um die Ohren saust!

165
Aus Brandenburg Herr Todtschlag, das war der Bombardeur –

Wie flogen aus den Krügen Kartätschen rings umher!
Doch hatten all’ zusammen wohl einen schweren Strauß;
Denn Bacchus und die Seinen die hielten wacker aus.
Da gab’s nach allen Seiten viel’ Schläge hageldicht,

170
War Keiner sehr zu neiden, wie uns die Mähr’ bericht. –


     Beim Observationscorps, da stund der Held Gambrin,
Sah, wie die Seinen litten und stritten rings um ihn.
Es dauerte das Kampfspiel schon eine bittre Stund’,
Wohl hob sich manche Beule, wohl klafft viel große Wund’:

175
Da überkam dem Helden ein menschliches Gefühl,

Und schicket seinen Herold just mitten ins Gewühl,
Läßt kunden da dem Bacchus und seinem Heer zumal,
Wie denn fürbaß der Wunden wär eine große Zahl. –
Auch zöge schon hernieder der Abend auf den Grund,

180
Daß man vom heißen Werke des Tags ausruhen kunnt.

Und als er so ließ künden, der weise, fromme Held,
Da bliesen die Trompeten zum Rückzug in’s Gezelt;
Da zogen Freund und Feinde in’s Lager ungehemmt!
Und han mit kühlem Trunke die Sorgen weggeschwemmt!

[30]

VI. Gesang.
Wie König Gambrinus mit Bacchus Frieden schließt.


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185
Die alten Weisen künden – ich glaub’ es unbedingt –

Daß aus dem vollen Kruge sich los die Wahrheit ringt!
Als bei dem frischen Trunke der Held Gambrinus sitzt,
Ein lieblicher Gedanke ihm durch die Sinne blitzt.
Schnell schickt er den Salvator in’s Lager zu dem Feind,

190
Und ließ ihm freundlich melden, was er zu thun gemeint.

’S war zwischen Licht und Dunkel, da kamen sie zusamm’,
Gambrin, der große König, und Bacchus lobesam.
„Herr Bruder – sprach Gambrinus – ihr seid ein wack’rer Held,
„Doch seht ihr, daß den Meinen auch nichts am Muthe fehlt.

195
„Was sollen wir vergießen noch viel unschuldig Blut,

„Da ein Vergleich in Frieden dieselbe Wirkung thut?
„Ihr wißt aus der Geschichte, durch Heirath und Vergleich
„Da werden Volk und Fürsten – insonders diese reich!
„D’rum wollen wir in Frieden hier auseinander gah’n,

200
„Die Herrschaft theilen, eh’ sich ein Dritter wagt daran.

„Ich will die Nacht behalten; nehmt mit dem Tag vorlieb,
„So lösen wir den Knoten mit einem einz’gen Hieb." –
„Topp – sprach der Thyrsusschwinger – ihr seid ein kluger Mann,
„Man sieht es Eurer Größe – bei meinem Eid – kaum an!

205
„Laßt mir den Tag. Es steige beim lichten Sonnenstrahl

„Des Weines gold’ne Perle im Humpen auf zumal,
„Doch bricht herein der Abend mit seiner dunklen Pracht,
„Sei euch von allen Völkern die Huldigung gebracht!“ – –
     So schieden sie als Freunde, die sich als Feind’ bekriegt;

210
Wo Macht nicht konnte siegen, da hat Vernunft gesiegt.

Da zogen heim die Mannen, die Schwerter in der Scheid,
Und dachten sich im Sinne: Das war einmal gescheid!
Was sollen wir uns beide aufreiben in der Schlacht, –
Damit das pure Wasser sich traun in’s Fäustchen lacht?

215
Viel besser ist’s, wir kämpfen zusammen einen Streit,

Zum Trotz dem Elemente, zum Trotz der Nüchternheit!
Es sei Europa trunken, von Welschland bis zum Belt,
Daß hie und da ein Dichter auftauche in der Welt,
Und trunken von Begeist’rung noch hebe seinen Flug:

220
Der Tag, den wir erlebten, ist nüchtern schon genug!


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[31]

     So meldet uns die Chronik. Und aber bald hiernach,
Just als ein schöner Abend rings auf der Erde lag,
Da sahen kühne Lauscher den Bacchus im Kloset,
Ein Mäßlein kühlen Bieres vor Seiner Majestät.

225
Die Lampe brannte heimlich, der Knaster duftet’ süß;

Dem König war’s zu Muthe, als wie im Paradies!
Durch’s Rebenlaub da blinkte der Sterne gold’nes Spiel,
Dem Herrscher dünkt, als wären’s just noch einmal so viel.
Und unbewußt entrang sich aus seinem Mund das Wort:

230
Ich huld’ge dir, Gambrine, und deinem braunen Hort!
Finis.
E. F.
  1. In der Vorlage: importier’.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. In der Vorlage ist hier die Zeilennummer 35 vermerkt. Tatsächlich ist dies aber die Zeile zuvor. In diesem Werk treten bei der Zeilennummerierung noch weitere Unstimmigkeiten auf. Die Transkription gibt die Nummerierung in der korrekten Form wieder – und weicht diesbezüglich von der Vorlage ab.