Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Invocavit

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Am Sonntage Invocavit.

Evang. Matth. 4, 1–11.
1. Da ward JEsus vom Geist in die Wüste geführet, auf daß Er vom Teufel versucht würde. 2. Und da Er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte Ihn. 3. Und der Versucher trat zu Ihm und sprach: Bist Du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. 4. Und Er antwortete und sprach: Es stehet geschrieben: Der Mensch lebet nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund GOttes gehet. 5. Da führete Ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellete Ihn auf die Zinne des Tempels, 6. Und sprach zu Ihm: Bist Du GOttes Sohn, so laß Dich hinab; denn es stehet geschrieben: Er wird Seinen Engeln über Dir Befehl thun, und sie werden Dich auf den Händen tragen, auf daß Du Deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. 7. Da sprach JEsus zu ihm: wiederum stehet auch geschrieben: Du sollst GOtt, deinen HErrn nicht versuchen. 8. Wiederum führete Ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte Ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. 9. Und sprach zu Ihm: Dieß alles will ich Dir geben, so Du niederfällst und mich anbetest. 10. Da sprach JEsus zu ihm: Hebe dich weg von Mir, Satan, denn es stehet geschrieben: Du sollst anbeten GOtt, deinen HErrn, und Ihm allein dienen. 11. Da verließ Ihn der Teufel; und siehe, da traten die Engel zu Ihm und dieneten Ihm.

 VErsuchung kam, meine Freunde, über alle geschaffenen Geister, über die Engel wie über die Menschen im Paradiese; Versuchung kam auch über Den, welcher ein Bürge der Menschheit werden sollte und geworden ist, über unsern HErrn JEsum Christum. Gleichwie Gottes Engel, obwohl heilig und rein geschaffen, für Versuchung empfänglich waren, gleichwie Adam, obschon Gottes Bild, versuchlich war, so muß auch der Menschensohn irgendwie versuchlich gewesen sein, sonst würde eine Versuchung, wie wir sie doch in unserm Texte dreifach lesen, für Ihn keinen Sinn gehabt haben, und die Ueberwindung derselben für uns keinen Werth. Denken können wir uns freilich eine völlig reine Jesusseele in Versuchung kaum oder gar nicht: da wir Gottes Bild verloren haben und in Sünden empfangen und geboren sind, so haben wir keine Fähigkeit, uns in den Zustand oder in irgend eine Lage einer sünd- und schuldlosen, reinen Seele zu versetzen. Aber wie es nun auch gewesen und zugegangen sein mag, versucht wurde der HErr, das erleidet keinen| Zweifel. Christus in Versuchung − das ist ja des heutigen Evangeliums kurzgefaßter Sinn, ein Sinn und Gedanke, durch welchen der Geist so hingenommen und in die Betrachtung gezogen werden kann, daß ihm manche vielbesprochene Einzelheit des Textes wie verschwindet. Denn was liegt dran, wie z. B. der Satan den HErrn auf des Tempels Zinnen zur Versuchung geführt, oder was für ein Berg das gewesen, von welchem aus er Ihm die Reiche der Welt gezeigt hat, oder wie es möglich gewesen ist, von irgend einem Berge der Welt Herrlichkeit zu zeigen? Auf diese Fragen läßt sich mancherlei Antwort geben und wir können wählen, welche wir wollen, ohne daß wir einerseits volle Gewisheit erlangen, andererseits eine wichtige Wahrheit daran ergreifen mögen. Es liegt an diesen Antworten wenig; aber das ist eine große, für alle Menschen wichtige Nachricht: „Christus ist versucht“ − oder daß wir sie gleich mit apostolischer Vollkommenheit geben, wie wir sie Ebr. 4, 5. 1. Petr. 2, 22. Joh. 8, 46. finden: „Er ist versucht allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde.“
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 Ist es nun eine ausgemachte Sache, daß unser HErr versucht werden konnte, so müßen wir auch Angesichts unseres heutigen Textes gestehen, daß der Satan mit berechnender, schlauer List Zeit und Umstände gewählt hat, in denen er seinen Anlauf auf den HErrn wagte. Ehe der HErr vom Geist in die Wüste geführt wurde, war Er von Johannes am Jordan getauft worden und der Vater und Heilige Geist hatten sich zu Ihm und für Ihn auf eine Weise bekannt, wie es weder jemals einem Menschen geschehen ist, noch auch ferner einem geschehen kann. Nun aber hatte Er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet − und nach so langem Fasten mußte Ihm der arme, einsame Aufenthalt in der Wüste, unter wilden Thieren (Marc. 1, 13.), in bittrem Hunger so recht in einem großen Gegensatze zu der Herrlichkeit und Freudenfülle Seines Tauftages erscheinen. Er war ja immer noch derselbe, wie am Tauftag, in vierzigtägigem, vierzignächtigem Gebete war Er dem Vater, war der Geist Ihm nicht ferner geworden, im Gegentheil, welch eine selige Vereinigung mit dem Vater und Geiste wird der HErr die vierzig Tage inne worden sein und geeifert haben! Und nun doch diese Armuth, diese Verlaßenheit, diese Entblößung von allem Nothwendigen! In der Zeit dieses sich kundgebenden, klaffenden Gegensatzes tritt der Versucher zu dem Menschensohne und fordert Ihn zu Dingen auf, welche ein beschränkterer Geist, als der unseres HErrn wenigstens theilweise − denkt an die Verwandlung der Steine in Brot! − kraft der Erklärung des Vaters am Tauftage, sogar als dem Menschen- und Gottessohne zustehend und geziemend ansehen konnte. In einer wie ganz andern Lage war unser HErr, als Adam und Eva bei der Versuchung im Paradiese. So groß und erhaben man sich Adam und Eva im Paradiese denken mag, so richtig es auch ist, von der Erklärung des göttlichen Wohlgefallens an der vollendeten Schöpfung einen großen Theil, ja einen sehr großen dem ersten Menschenpaare zuzuwenden: es bleibt denn doch immer ein himmelweiter Abstand zwischen Ihm und dem zweiten Adam, zwischen der Erklärung des göttlichen Wohlgefallens am Ende der Schöpfung und jener andern am Tauftag JEsu. Unser HErr war ja der Würde nach dennoch ein König, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden zugehörte, obgleich Er Sich Seiner Herrlichkeit entäußert hatte; Er hätte keinen Raub begangen, wenn Er Sich eine göttliche Herrlichkeit beigelegt hätte, − auch würde Er nicht als mit fremder Beute und Siegsgewinn einhergeprangt sein, wenn Er Seine Herrlichkeit vor allen Menschen glänzend ausgelegt und offenbart hätte. Er war über alles erhaben, so konnte Ers auch zeigen. Aber nein! Er ist größer als Adam − und in einer ganz andern Lage, welche Ihn gleichfalls hätte locken können, den Reichtum Seiner Macht zu erproben: Er thut es aber dennoch nicht! − In einer ganz andern Lage als Adam und Eva war der HErr. So sagte ich, und das ist auch wahr. Er war größer als das erste Menschenpaar − und doch mit Willen kleiner. Adam war zu einem Herrn über alle Creaturen gesetzt, es dienten ihm alle Creaturen, jedes Gewächs trug ihm fröhlich seine Frucht! er war in einem Zustand des Reichtums und der Fülle, da ihm der Versucher nahte. Ganz anders JEsus. Nicht ein wonnevolles Paradies umgab Ihn, sondern eine traurige Wüste, − nicht demüthig gehorchende, sondern wilde Thiere sah Er in Seiner Nähe, und statt der Fülle hatte Er Hunger. Die Größe − die Entbehrung und große Armuth konnten den HErrn auffordern, Sich zu helfen. Selbst der vierzigtägige Umgang mit dem Vater konnte einen Grund abgeben, die einwohnende Kraft zur Selbsthülfe zu versuchen. Es war in der Lage JEsu vieles, was dem| Versucher zur Seite trat − und unterstützt von solchen Umständen wagte ers, den HErrn nicht bloß zu wunderbarem Brotschaffen zu reizen, sondern auch zu noch zwei andern Dingen, welche dem Heiligen Gottes zuzumuthen, allerdings nicht bloß satanische Veschlagenheit, sondern auch in der That satanische Verblendung dazu gehörte. Wollen wir die Versuchungen des HErrn auf Gedanken zurückführen, die ihnen zu Grunde liegen; so können wir sagen: der Satan versuchte den HErrn zu Unzufriedenheit und Ungeduld im Stande der Erniedrigung, zu eiteler Durchbrechung der von Ihm Selbst für Sein Erdenleben gewählten Schranken Seiner Herrlichkeit und Ehre, zu fürwitziger, ungerechter, falscher Ergreifung der Weltherrschaft, die Er zwar bekommen, aber nicht vom Satan zu Lehen nehmen, sondern mit Seinem Blute erwerben und gewinnen sollte. − Zwar waren die Umstände des Kampfes und der Versuchung Christi erschwerend, aber der HErr fiel nicht, Sein Geist neigte sich mit keinem Gedanken, Sein Gemüth mit keinem Hauch von Begier dem Versucher zu. So gewis wir anzunehmen haben, daß die Seele des Erlösers versuchlich war, so gewis der Angriff des Teufels ein wahrer Angriff, der Widerstand des HErrn ein wahrer Widerstand, der Kampf ein rechter Kampf war; so gewiß ist es auch, daß der Sieg des HErrn ein vollkommener war, und daß in diesem Kampfe auch nicht die leiseste Befleckung der Sünde an des heiligen Kämpfers Seele hängen blieb. Was Eva im Paradiese ohne Beständigkeit und darum ohne sieghaftes Glück versuchte, den Satan mit Gottes Wort zurückzutreiben; das hat JEsus untadelich vollbracht. Wie bald war Evas Sinn umnebelt und verlockt; dagegen wie klar, wie ruhig, wie völlig mächtig deßen, was Er sollte, sehen wir unsern HErrn. Auf jeden Antrag des Satans folgt eine helle, überwindende Antwort, gegen welche der Satan nichts mehr zu erwiedern hat, weil auch nichts erwiedert werden kann. Und zwar ist eine Antwort immer stärker als die andere, ein Sieg glänzender als der andere, eine Niederlage des Satans völliger und schmachvoller als die andere. Weit entfernt, daß es Christus für Größe gehalten hätte, die erwählte stille, steile Bahn zu verlaßen und mit durchbrechender Kraft Sich der Welt als Den zu zeigen, der Er war, bleibt Er vielmehr wie Seinem Ziele so dem Wege treu, der zu Ihm hinführt und erscheint uns und allen den Seinigen hier und dort gerade in dieser demüthigen Beständigkeit um so erhabener. Statt Sich Wunderbrot herbeizuschaffen, erweist Er Sich vom Brote unabhängig; statt Sich von des Tempels Zinnen ins Thal hinabzulaßen und Sich von Engeln tragen zu laßen, bleibt Er auf „Seinen Wegen“ als der Heilige Gottes und die Engel jauchzen Ihm zu; statt vom Satan das Reich zu nehmen oder gar − kaum dürfen wir so etwas erwähnen! − vor ihm niederzufallen, herrscht Er ihn von Sich durch ruhige, aber gewaltige Wiederholung des ersten Gebotes. Seine heilige Freiheit und Unabhängigkeit von irdischer Begier, Sein vollkommen reiner, treuer Wille, Seine unnahbare Stärke werden vor den Engeln offenbar − und sie kommen und dienen Ihm, bringen Ihm Brot und Himmelsstärkung und beweisen es mit der That, wie gerne sie Ihn auf ihren Händen tragen. − Hier haben wir die Geschichte der Versuchung der ersten Menschen, nur alles in vergrößertem Maße. Der zweite Adam leistet, was der erste nicht leisten wollte. Wiedergewonnen und wiedergekommen ist die anerschaffene Herrlichkeit und Heiligkeit des Menschen und der Himmel hat ein Schauspiel, das er im Paradies umsonst zu schauen begehrte. Die Ehre der Menschheit ist durch den Menschen JEsus gerettet, obwohl Ihm gegenüber alle andern Menschen in Nacht verschwinden und Er nicht blos wie keiner sonst, sondern ganz allein in Ehre und Tugend leuchtet.
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 Und wie Er hier gekämpft und gesiegt hat, so kämpfte und siegte Er immer. Denn es ist ja dieß nicht die einzige Versuchung, nicht der einzige Kampf des Teufels mit JEsu; Lucas schreibt 4, 13. ausdrücklich: „der Teufel wich von Ihm eine Zeit lang,“ also nicht auf Nimmerwiederkehr, im Gegentheil wußte er gar zu wohl, was es ihm galt, als daß er nicht seine wenn schon vergeblichen Anfechtungen hätte öfters wiederholen sollen. Wir wollen gar nicht einmal fragen, wo etwa im Leben JEsu Spuren von Kämpfen mit dem Satan sich zeigen; wir wollen nur an jene Nacht erinnern, da der Satan in Judas Ischarioth fuhr, da die Hölle sich zum Kampfe rüstete und des Weibes Same die Ferse über dem Kopf der Schlange lüftete, da der Menschensohn im Namen seines Ihm verwandten menschlichen Geschlechtes mit dem Fürsten der Welt und der Hölle zu ringen begann, da die Macht und Stunde der Finsternis über Ihn hereinbrach. Daran wollen wir erinnern − und an die Gottverlaßenheit| des HErrn am Kreuze, an die Gottes- und (wenn es erlaubt ist, solche Gegensätze zusammen zu nennen) an die Satanstiefen, welche sich in der Nacht des Charfreitags verbargen, an das scheinbare Unterliegen deßen, den die Schlange in die Ferse stach. Diese Erinnerungen werden hinreichen, glaublich zu machen, welche ganz andere und viel schwerere Angriffe des Teufels unser HErr noch zu erdulden hatte. Aber Er überwand sie alle und Sein Sieg wurde offenbar, als Er prächtig hinunterfuhr zur Hölle, als der Stärkere in den Palast des Starken brach, ihm seinen Raub abnahm, das Gefängnis gefangen nahm und auszog die Fürstentümer, sie zur Schau trug und einen Triumph aus ihnen machte. Die Versuchung in der Wüste war nur ein Anfang und Vorspiel aller der heißen Kämpfe, welche des HErrn warteten, und man gedenkt billig am Eingang der Fastenzeit des Anfangs aller Versuchungen unsers Erlösers, damit das Volk die Leiden JEsu von einer Seite anschauen lerne, die man gern vergißt, die aber grade recht tiefe Blicke in den schweren Kampf und in die unaussprechliche Gnade und Erbarmung thun läßt, welche den HErrn von Seinem Himmel ins Elend trieb und Ihn bei Seinem ganzen Kampf und Streit bis zum Siege leitete und drang. Denn wir sind alle ins Reich des Bösen hereingeboren und die Einflüße desselben umgeben uns mehr als wir wißen und gerne glauben. Die Menschen, welchen kein himmlisches Licht gegeben ist, ahnen es kaum, wie wachsam und eifrig bemüht das böse Reich ist, sich zu erhalten, was zu seinem Gebiet gehört; die aber aufgewacht sind von der angeborenen Blindheit, sehen anders und fühlen anders − sie fühlen die Netze der Versuchungen, und ihre Ruhe und Freude mitten in Gefahren gründet sich darauf, daß Christus auch versucht war und gesiegt hat, gesiegt in ihrem Namen, gesiegt zu ihrem Heil. Sie rufen sich gerne zu: „Er ist versucht wie du, Sein Arbeit bringt dir Ruh, Sein Sterben ist dein Leben, Willst du dich Ihm ergeben, So wird Sein heilig Büßen Dir all dein Leid versüßen.“ − Daß wir einander in dieser Weise zurufen können, daß wir mit diesen Worten nicht lügen, sondern göttliche Wahrheit sprechen, dafür sei Ihm Dank, dem König und Trost aller Versuchten, an diesem Gedenktag Seiner Versuchungen und Siege!

 Ja, Ihm sei gedankt, Ihm sei Preis! Aber auch unvergeßen sei, daß wir beßer nicht danken und preisen können, als wenn wir dem HErrn in unsern Versuchungen treulich nachfolgen. Es ist eine Wahrheit, welche von der großen Würde aller Christen Zeugnis gibt, daß wir in dieser Welt sind wie Er, daß wir an unserm Theil zu thun und hinzunehmen haben, was Er. Der heilige Apostel redet von noch übrigen Leiden Christi, welche die Gemeine zu erstatten habe, und Sein eigener heiliger Mund beruft uns, Ihm nach das Kreuz zu tragen. Zu diesem Kreuz und Leiden gehört denn auch ohne Zweifel, daß der überwundene Satan seine List und noch übrige Gewalt ohne Ende wider Christi Glieder kehrt und sie versucht, wie er Ihn versuchte.

 Erinnern wir uns, wie Er namentlich in unsern Tagen so viele, so gar viele durch Mangel des täglichen Brots in Versuchung führt! Ach wie viele Arme, Darbende, Hungernde, Bloße, Nothleidende gibt es, die uns erzählen könnten, wie Er ihnen oftmals ihre Noth zur Falle und Schlinge legt! Und wie viel Reiche gibt es, deren einer mehr einnimmt, als tausend Arme, die aber dennoch fürchten, mit ihren Planen und Geschäften stecken zu bleiben! Sie sind reich und vielbeschäftigt, aber was ist alles ihr Thun, wenn doch die Sorge nicht von ihnen läßt, sondern mit festeingeschlagenen Klauen auf ihnen sitzt und Blut und Kraft aus Leib und Seele saugt? Sie sind in Versuchung gleich dem ärmsten Armen. Ach, es ist allenthalben Noth! Es wird erzählt, daß ganze Flecken verarmen, daß Massen von Einwohnern in den Städten der bettelnden Armuth entgegengehen. Ach, da gibts Kämpfe, Thränen, Klagen, Nöthen, Versuchungen zur Selbsthilfe, zu ungerechter Hilfe! Wer kann das Elend und die Versuchungen Tausender ausreden! Oder soll man sagen „das Elend Aller?“ Denn wen, er sei reich oder arm, hat nicht sein täglich Brot schon geängstigt? Wem ist es nicht schon irgendwie zur Versuchung geworden?

 Und so schwer diese Versuchung auf unserer Zeit lastet, so weit sie sich verbreitet, die zweite, mit welcher der Teufel den HErrn versuchte, ist doch nicht minder da, ich meine die Versuchung eitler Prunksucht. Ansehen, Ehre, Lob − ja wohl, wer wäre dafür nicht empfänglich? Es gibt Leute, welche alle ihre Nebenmenschen verachten, aber nicht deren Lob und Ehre. Man sollte erwarten, sie würden sich durch das Lob so verächtlichen und von ihnen wirklich verachteten| Gesindels getadelt fühlen; aber nein, sie fühlen sich dadurch fast geadelt. Es ist süß, verehrt zu werden, und im wallenden Staub zu wandeln findet man ganz schön, wenn es nur unter dem Lob der Staubigen, der Staubbewohner geschieht. Ach, wie eitel ist der Mensch, wie hoffärtig und hochmüthig, − und, so demüthigend es ist, so zerknirschend, diese Frage ohne Erfolg zu thun, ich möchte doch wißen, ob außer dem Einen, den alle Engel loben, noch einer je auf Erden gewesen ist, oder kommt, der in diesem Stücke vorwurfsfrei durchs Leben und zu Grabe geht?

 Und noch die dritte Versuchung Christi ist zur Qual unserer armen, sündigen Seelen auf uns anzuwenden, die nicht minder reizende und überwindende Versuchung der Macht und Gewalt. Es kann einer Macht und Gewalt von Gott haben, wie er Brot und Ehre von Ihm haben kann. Es kann einem die Macht und Gewalt, die er hat, eben so gut zur Demüthigung gereichen, wie die, welche er nicht hat, welche andere haben und über ihn ausüben. Das kann alles sein; aber davon reden wir nicht, sondern davon reden wir, daß Macht und Gewalt, man mag sie haben oder erst haben wollen, zur Versuchung werden kann. Sie kanns und sie wird es wirklich! Wie gerne der Mensch gewaltig entweder ist oder wäre! Gehorchen ist leichter, angenehmer, sorgenfreier als befehlen, und einen fremden Willen vollziehen ist viel befriedigender als den eigenen durchführen und herrschen. Wer begreift das nicht? Und wer ist nicht doch blind dafür? Der Mensch will herrschen, wenn nicht in Landen, so doch in geringen Kreißen, und Gewalt ausüben, selbst wenn es ihm übel bekäme, däucht ihm edel und groß. Alles will herrschen − sieh nur hinaus! Was bewegt denn die Völker, was regt sie auf, was ist das Eigentümliche der Zeit, welches von ihr selbst so sehr gepriesen wird? Die Gewalt soll in die Hände Aller kommen und vertheilt werden; alle wollen in einem antichristlichen Sinne ein königliches und priesterliches Volk sein, Könige und Priester richten. Ach daß das so und nicht anders ist, daß wir so versucht sind! Ach der Stunde der Versuchung, die über den Erdkreiß kommen ist!

 Es ist eine traurige, traurige Zeit um der Versuchungen willen, in denen sie hingeht, − und noch trauriger ist sie, weil wir in unsern Versuchungen meistens fallen. Das Brot, die Ehre, die Gewalt, sie versuchen uns nicht umsonst. Jedes von den dreien ist zu einem Götzen geworden, dem unzählige Seelen zum Schlachtopfer fallen. Was thut der Mensch nicht alles um der Ehre, um der Gewalt und um des Brotes willen! Ich bitte euch, meine Brüder, ihr wollet bedenken, daß ich nicht von andern rede und euch oder mich ausschließe. Im Gegentheil, am eigenen Herzen und in der Beobachtung derjenigen, die mich zunächst umgeben, habe ich die Erfahrungen gemacht, die mir mein schmerzlichstes Seufzen auspressen. Ach das Brot, wie ist es so gar vielen auch unter uns eine unschuldige Ursache vieler großer Sünden geworden! Ach die Ehre, wie viele auch unter euch hat sie aufgebläht! Ach die Gewalt, wie oft ist sie auch in den kleinen Kreißen unserer Verhältnisse ein Gegenstand maßlosen Strebens und der häßlichsten Leidenschaft geworden! Wir und unsre Väter und unsre Kinder und unsre Nachbarn und unser Volk, zu dem wir gehören, − wir haben uns vielfach in JEsu Versuchungen gesehen, es ist uns geschehen wie Ihm; aber wie haben wir uns in ihnen bewährt! Bestanden sind wir nicht! Es wäre gut, wenn wir es einsähen, wie wir sollten, und fühlten, wie sichs gebührete, wenn wir einmal dahin kämen, diesen drei Götzen der Welt abzusagen und Brot, Ehre und Gewalt sein zu laßen, was sie sind! Aber ob das geschehen wird: das ist eine ganz andere Frage, und zu hoffen scheints nicht.

 Es scheint um so weniger zu hoffen, wenn wir in Betrachtung ziehen, wie ganz leichten Kaufes wir unsern Versuchungen zur Beute werden. Wir haben auch die Waffen JEsu und der Geist JEsu ist uns in der Taufe zugesagt, ja gegeben, und wie bereit ist er, uns JEsu Waffen führen und den Sieg gewinnen zu lehren! Aber wir führen sie nicht, wir wollen sie auch nicht führen, nicht führen lernen; diese Waffenübung ist uns widerwärtig, noch ehe wir uns zu ihr verstehen, wir mögen ihrer nicht gedenken und wenn der Geist uns zuweilen dringend erinnert, wie leicht wir siegen könnten, so widerstehen wir mit empörtem Herzen! Ach wie laßen uns Gottes Worte und heilige Gedanken so gar kalt! Es ist zum Erstaunen, ja, ja zum Erstaunen ist es, daß wir, obwohl getaufte Christen, die, wenn sie nur wollten, alles Gute könnten durch den, der sie mächtig machen will, so gar nichts leisten. Wir könnten uns täglich im Bade der Kräfte einer zukünftigen Welt reinigen, erquicken, stärken, mit Christi und Seines Geistes Waffen siegen, einen Sieg| nach dem andern gewinnen und aus jedem Kampfe stärker hervorgehen. Aber wir haben keine Lust, einen Feind zu bekämpfen, der uns ewig zu verderben trachtet. Wir halten es heimlich, oder gar öffentlich mit ihm. Wir bleiben immerzu in dem versuchlichen Wesen der Welt und mögen auch den Schritt nicht thun, der uns von der breiten auf die schmale Straße bringen würde. − Ach wir doppelten Sünder, die wir nicht sagen können: ich bin erlegen, denn der Feind war mir zu stark; − die wir sagen müßen: es hat mich noch nie keine denn menschliche Versuchung betreten, ich hätte in keiner bis aufs Blut zu kämpfen brauchen, ich habe immer eine Erinnerung an das Gotteswort bekommen, durch welches ich des Versuchers Herr werden konnte, es regte sich jedesmal in mir eine Hilfe des Heiligen Geistes und eine Einladung desselben, sie zu gebrauchen, ja sie nur walten zu laßen, es wehte mich zuweilen an wie mit Adlerflügeln, die bereit wären, mich über Wüsten, Zinnen und Berge der Versuchungen hinwegzutragen; aber ich habe nicht gewollt, denn − ich liebte die Finsternis mehr als das Licht. − So müßen wir gestehen, daß wir in unsern Versuchungen gerne, muthwillig fielen, daß wir das Böse mit Liebe fast herbeizogen, das Gute nicht mochten − und durch eigene Wahl so gar hinfällig, abfällig, lau und todt sind,

 und überdieß im Herzen nicht einmal Reue und Buße fühlen. Es ist heute Bußtag, und man sollte am Bußtag nicht bloß die eigene tägliche Sünde, sondern hauptsächlich die Sünden beweinen, welche das ganze Land und die ganze Zeit belasten. Aber der Name Bußtag ist mehr eine Vermahnung zu dem, wozu er gegeben ist, als eine Benennung deßen, was er ist. Wer denkt seiner Sünden? Und wer macht vollends mit andern, mit seinen Stammes-, Volks- oder Zeitgenoßen eine Gemeinschaft, Buße zu thun? Daß einer für alle, alle für einen Buße thun, ist keine Sache, welche man in einer Zeit versteht, da die Liebe erkaltet ist. Die Herzen sind schaal, die Augen sind trocken, die Hände ringen nicht, die Kniee beugen sich nicht, das Unrecht wird nicht abgethan, nicht gut gemacht, so weit es möglich ist, das Recht nicht gehandhabt: jeder schont seines Fleisches, keiner oder doch selten einer verlangt und strebt darnach, bußfertig zu leben. Es ist gar weit heruntergekommen in dieser Zeit. Es ist gerade so, als wäre es eine Schande, bußfertig zu erscheinen. Es haben alle genug gesündigt, dennoch will keiner bußfertig scheinen, keiner straffällig sein, keiner zugestehen, daß er sich ändern müße, jeder im gleichen Ton wie immer, in hochmüthiger, sündiger Beständigkeit fortleben, Recht haben, stolziren, prangen, prahlen und sich selbst ehren. Es ist nicht angenehm, so zu reden; ach, es thut weh, wenn man die Stimme eines Predigers oder vielmehr eines Klagliedes in der Wüste sein muß! Aber ists denn anders? Kann denn jemand, was gesagt ist, umstoßen? Ich frage, ich warte auf Antwort, ihr habt keine; gäbet ihr eine, ihr thätet mehr als ihr verantworten könnet!

 Wenn es aber so ist, wie kann man am Bußtag anders reden? Ich wollt euch herzlich gern trösten; aber wie soll man denn trösten, wenn keine Reue noch Leid vorhanden ist? Ich weiß Ausnahmen und finde sie auf den Kranken- und Sterbebetten; aber so insgemein, Freunde, kann ich nicht sagen, daß ich zur Ausübung des Trostamtes viel erwünschten Anlaß und Gelegenheit hätte. Lustige, stolze, harte, rechthaberische Sünder kann man doch nicht trösten? Soll man den Trost lächerlich machen? Man kann und will nicht. So muß das Trostamt feiern − und das Evangelium, welches in der Geschichte von der Versuchung Christi liegt, kann ruhen; die Harfen, die zum Preis des Stellvertreters aller Sünder gestimmt sind, hängen an den Weiden und feiern. Ach daß man das Aeltestenamt in den Gemeinen führen kann, ohne zum Studium des heiligen Trostes Gottes gedrungen zu werden! Ich sags mit Ueberlegung, aber ich sags auch mit tiefer Traurigkeit: der Trost ist so verachtet, der Trost für Sünden, für Beleidigungen Gottes, für Herausforderungen der ewigen Gerechtigkeit, für Reizungen des gerechten Richters! Es thäte einem so wohl, wenn man zu Jerusalem freundlich reden und ihr verkündigen dürfte, daß ihre Ritterschaft ein Ende hat, − wenn man auch einmal erfreuen und damit selbst erfreut werden dürfte, wenn man eigene Thränen dadurch trocknen könnte, daß man fremde Thränen trocknen dürfte. Aber − das brauchts leider nicht, im allgemeinen leider nicht, − und alles, was man hat, um sich selbst in so traurigen Umständen zu trösten, ist, daß noch nicht aller Tage Abend ist, daß wir rufen können: „Die Güte des HErrn ist, daß wir nicht gar aus sind, Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende; sondern| sie ist alle Morgen neu und Deine Treue ist groß“. Ja, das ist Trost, und so trüb ich rückwärts sehe, vorwärts ists doch hell: JEsus lebt und Sein Herz ist voll Liebe zu uns allen. Er helfe uns doch und sei uns gnädig, daß wir uns bekehren! Ja, ja, da sind wir auf dem rechten Wege, bei den rechten Gedanken: beten wollen wir, so viel unser beten können; wenn wir mit dem HErrn reden, dann werden wir am Bußtag fröhlich. −

 Schaam ergreift uns, wenn wir Dein gedenken, HErr JEsu. Ja doch, ja, wir gedenken Dein und wir schämen uns vor Dir, o HErr, denn Du wardst versucht, wie wir, und siegtest, wir aber werden versucht und siegen nicht!

 Bewunderung erfüllt uns, denn Du hast gesiegt, wie kein Sieger es jemals vermochte, oder vermag. Du bist der Heilige in Israel, und es ist unbegreiflich, wie Du so mild und geduldig auf uns warten kannst, die wir so gerne das Gegentheil von Dir sind.

 Bewunderung nicht allein, Liebe sollte uns durchdringen, denn Du hast uns erst geliebt und wie geliebt! Wir sind so elend und so böse, und Du dachtest an uns, stiegest herab in unsre Versuchungen, siegtest uns zum Troste, auf daß wir Vergebung fänden, wenn dermaleins unsre Herzen des Versuchtwerdens und Fallens müde nach Vergebung schreien würden! Ach, wie bist Du die Liebe selber gewesen, HErr JEsu! Wird denn Deine Liebe unser Herz nicht auch mit Lieb entzünden?

 Liebe sollte uns entzünden, Anbetung sollte uns vor Dir in den Staub beugen; denn so liebt, so geduldet sich, so harret und wartet, so heilt nur der HErr, unser Gott! Es ist keines bloßen Menschen Liebe, die sich so erwiesen hat und noch erweiset!

 HErr! Schaam, Bewunderung, Liebe, Anbetung wirkest Du allein; wirke sie in uns und in allen, die zu dieser Gemeine gehören. Gedenke unser! Gib uns Buße und Vergebung der Sünden, denn Du mußt alles thun, nichts ist es mit all unserm Thun und Leben und Büßen. Hilf uns und dann sei Dein unser ewiger Dank! Amen.


HErr JEsu! Amen.




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