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Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich (8)

Textdaten
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Autor: Moritz Busch
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Titel: Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich. 8. Etwas von dem was uns der Kanzler in Versailles erzählte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 98–101
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[098]
Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich.
Von Moritz Busch.
8. Etwas von dem, was uns der Kanzler in Versailles erzählte.
Nachdruck verboten.

Ich habe im vorigen Abschnitte gesagt, die Unterhaltung bei Tische sei im Jeffe’schen Hause eine lebhafte und vielfach lehrreiche gewesen, wenn der Kanzler am Essen theilgenommen habe. Im Folgenden gebe ich eine Auswahl dessen, was er bei diesen und einigen anderen Gelegenheiten äußerte oder erzählte. Im Betreff der Erzählungen mache ich im Voraus darauf aufmerksam, daß der Stil derselben zuweilen mit seinen Sprüngen und stummen Voraussetzungen dem der Ballade gleicht, und daß das Gewebe häufig einen humoristischen Einschlag hat. Sowohl diese Geschichten, wie die Aussprüche sind, dünkt mich, Photographien ohne Retouche, das heißt, ich glaube gut gehört und gemerkt zu haben, und ich habe nichts Mittheilbares weggelassen, nichts geändert und nichts hinzugethan. Wo ich den Sprechenden einmal nicht genau verstanden, ist’s angegeben. Das Eine und das Andere wird Dem oder Jenem unbedeutend erscheinen; mir erscheint nichts von dem hier Mitgetheilten so.

Mehrmals erzählte der Minister von Fällen, wo er in Lebensgefahr gewesen. So hatte er einmal auf einer Tour in der Schweiz - wenn ich nicht irre, war’s bei einem Ausfluge nach dem Rosenlaui-Gletscher - mit einer Gesellschaft einen schmalen Grat passiren müssen. Eine Dame und der eine Führer waren schon drüben gewesen. Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere Führer. „In der Mitte der Kante sagte der Franzose: ‚Ich kann nicht mehr,‘ und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm und fragte den Führer: ‚Was machen wir nun?‘ - ‚Steigen Sie über ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme, befestigen sie an ihm und tragen ihn hinüber.‘ - ‚Sehr schön,‘ sagte ich, ‚aber ich steige nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank, packt mich in seiner Verzweiflung, und wir fallen Beide hinunter.‘ - ‚Nun, so drehen Sie um!‘ - Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit Hülfe des anderen Führers.“

Einmal berichtete Hatzfeldt beim Thee, daß die Coburger Hoheit vom Pferde gefallen. „Glücklicher Weise ohne Schaden zu leiden,“ fügte Abeken mit froher Miene eilig hinzu. Der Chef wurde dadurch veranlaßt, uns von verschiedenen Unglücksfällen zu erzählen, die ihm selbst widerfahren. „Ich glaube, daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzig Mal mit dem Pferde gestürzt bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, sodaß es auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Barzin, wo ich drei Rippen brach. Da dacht’ ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so viel Gefahr, wie es schien, aber es that doch ganz erschrecklich weh.“ - „Früher aber, hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der zeigt, daß das Denken des Menschen doch von seinem Gehirne abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus war, auf einmal einen fürchterlichen Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens gescheut und war mit mir zusammengefallen und auch auf den Kopf. Ich verlor zuerst die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Theil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten - zur Begrüßung - hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht thun wollten. Ob sie denn den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich und auch der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich am Morgen ausgeschlafen hatte, war es gut.“ - „Es war ein seltsamer Fall: den Sattel hatte ich untensucht, mir ein anderes Pferd geben lassen etc. - alles praktisch Nothwendige that ich also. Hierin war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. Ein eigenthümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger betäubt worden.“

„Ich erinnere mich noch eines andern Sturzes. Da ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürzte ich mit dem Pferde und verlor das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden ohne Besinnung dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war weit weg von unserem Hause und mir ganz unbekannt. Ich hatte meine Geisteskräfte noch nicht ordentlich wieder. Aber das Nothwendige that ich auch hier. Ich machte den Martigal ab, der entzwei war, und ritt auf einem Wege, der, wie ich dann erfuhr, der nächste war - es ging da auf einer ziemlich langen Brücke über einen Fluß - nach dem nächsten Gute, wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten können; er möchte mich fahren, was er denn auch that.“ - „Ich muß wohl fünfzehn Schritt fortgeflogen sein bei dem Sturze und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doctor den Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß ich nicht den Hals gebrochen hätte.“

Am 21. October sagte der Chef bei Tische, entweder heute oder doch in diesen Tagen könne er sein parlamentarisches Jubiläum feiern. Vor fünfundzwanzig Jahren um diese Zeit sei er in den Provinziallandtag von Pommern eingetreten. „Ich erinnere mich,“ fuhr er fort, „daß es da schrecklich langweilig war. Ich hatte als ersten Gegenstand den übermäßigen Talgverbrauch am Armenhause zu bearbeiten. Wenn man daran denkt - wie man - ich habe da und später im vereinigten Landtage doch manche dumme Rede gehört - und (nach einer Pause, lächelnd) gehalten.“

Einige Tage später bemerkte er bei der Nachtischcigarre zum Oberregierungsrath Wagner, indem er von seiner formalistischen Thätigkeit sprach: „Ich weiß, mein erster Zeitungsartikel war über Jagd. Ich war damals noch der wilde Junker. Da hatte Einer einen hämischen Artikel über Parforcejagden gemacht. Darüber erzürnte sich mein Jägerblut, und ich setzte mich hin und [099] verfaßte eine Erwiderung, die ich dem Redacteur schickte. Aber ohne Erfolg. Er antwortete mir sehr höflich, sagte aber dann, das ginge nicht. Ich war äußerst empört darüber, daß Jemand das Recht haben sollte, die Jäger anzugreifen, ohne sich eine Widerlegung gefallen lassen zu müssen. Aber das war damals so.“

Wieder ein ander Mal war von der Verhaftung Jacoby’s in Königsberg die Rede, und der Kanzler äußerte, man werde die Paßlichkeit der Maßregel bezweifeln können. Das Recht der Militärbehörde, Leute, welche der Kriegführung und somit der baldigen Erreichung des Friedens in den Weg treten, zeitweilig unschädlich zu machen, lasse sich nicht bestreiten, was er dann weiter ausführte und mit Beispielen belegte. Einer der Tischgenossen sprach seine Freude darüber aus, daß man „den faulem Schwätzer eingespunden“. Der Chef aber erwiderte recht bezeichnend für seine Denkart: „Ich freue mich darüber ganz und gar nicht. Der Parteimann mag das thun, weil seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden. Die Politik kennt solche Gefühle nicht. Sie fragt nur, ob es nützt, wenn politische Gegner mißhandelt werden.“

Eines Abends kam man, ich weiß nicht wie, auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister bekannte, den habe er schon als Knabe nicht leiden können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler meuchlerisch getödtet habe. „Natürlicher und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,“ setzte er hinzu, „wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken – den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte – wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine grausame Zumuthung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt mir nicht, das paßt sich nicht für Helden.“

Am 3. November war beim Diner unter Anderem die Rede von den Berliner Wahlen, und Delbrück meinte, sie würden besser ausfallen als bisher, wenigstens würde Jacoby nicht wiedergewählt werden. Graf Bismarck-Bohlen war anderer Ansicht. Der Chef sagte: „Die Berliner müssen immer Opposition machen und ihren eigenen Kopf haben. Sie haben ihre Tugenden – viele und sehr achtbare; sie schlagen sich gut, halten sich aber für nicht gescheidt genug, wenn sie nicht Alles besser wissen als die Regierung.“ Es wäre das jedoch, fuhr er fort, nicht ein Fehler, den man bei ihnen allein fände. Alle großen Städte hätten diese Eigenthümlichkeit, und manche wären sogar schlimmer als Berlin. Sie wären überhaupt unpraktischer als das platte Land, welches mehr mit dem Leben, directer mit der Natur verkehre und sich auf diese Weise ein natürliches, der thatsächlichen Entwickelung der Dinge angepaßtes Urtheil bilde und bewahre. „Wo so viele Menschen zusammen sind,“ sagte er, „entstehen aus der Lust, aus Hörensagen, Nachsagen allerlei Meinungen, die wenig oder gar nicht auf Thatsachen begründet sind, die sich aber in Zeitungen und Volksversammlungen verbreiten und dann feststehen – unausrottbar. Es ist eine zweite, falsche Natur neben der ersten, ein Massenglaube, Massenaberglaube.“ – „Man redet sich ein, was nicht ist, hält es für Pflicht und Schuldigkeit, dabei zu bleiben, begeistert sich für Bornirtheiten, Absurditäten.“ – „Das ist in allen großen Städten so, in London, wo die Cockneys auch eine ganz andere Race sind, als die übrigen Engländer, in Kopenhagen, in New-York und vor Allem in Paris. Die Pariser sind mit ihrem politischen Aberglauben ein ganz besonderes Volk in Frankreich, befangen und beschränkt in Vorstellungen, die Herkommen sind, aber nichts als Phrasen und Flausen.“

Einmal, als Herr v. Werder, der preuß. Militärbevollmächtigte in Petersburg, beim Kanzler zu Gaste war, kam das Gespräch auf Wrangel und von diesem auf den alten General von Möllendorff. „Da erinnere ich mich,“ sagte der Chef, „eines scherzhaften Vorfalles nach den Märztagen, wie der König und die Truppen in Potsdam waren. Da kam ich auch hin, und es war Berathung, was jetzt zu thun wäre. Möllendorff war dabei und saß mit schmerzhafter Miene auf einem Stuhle nicht weit von mir. Er konnte nur mit der einen Hälfte sitzen, so hatten sie ihn zerprügelt. Der Eine rieth dies, der Andere das, aber Niemand wußte recht, was zu machen. Ich saß neben dem Pianoforte und sagte nichts, schlug aber ein paar Töne an – Dideldum Dittera. (Dudelt den Anfang des Infanterie–Sturmmarsches.) Da erhob sich der Alte freudestrahlend plötzlich von seinem Stuhle, humpelte auf mich zu, umarmte mich und sagte: ‚Das ist das Rechte – ich weiß, was Sie wollen. Das ist’s – marschiren – nach Berlin.‘“

Einige Tage später, wo Fürst Putbus und der schlesische Graf Frankenberg mit uns aßen, erzählt Ersterer von allerlei energischen Maßregeln der Baiern gegen widerspenstige Dörfer. Der Chef lobte dieses Verfahren und fügte dann hinzu: „Man muß die Leute entweder so rücksichtsvoll behandeln wie möglich, oder unschädlich machen. Eins von beiden.“ Und nach einer Weile fuhr er fort: „Höflich bis auf die letzte Galgensprosse, aber gehenkt wird er, der Kerl. Grob darf man nur gegen seine Freunde sein, wo man überzeugt ist, daß sie’s nicht übelnehmen. Wie grob ist man zum Beispiel gegen seine Frau!“

Am 1. December kam der Kanzler noch nach halb elf Uhr zu uns, als wir beim Thee saßen. Nach einer Weile sagte er: „Die Zeitungen sind unzufrieden mit dem baierischen Vertrage (wegen Zutritt zum Bunde Norddeutschlands). Es mißfällt ihnen, daß gewisse Beamte baierische heißen, die sich doch ganz nach unseren Gesetzen richten müssen. Die Biersteuer ist ihnen auch nicht recht; als ob wir das nicht Jahre lang im Zollverein gehabt hätten.“ – „Sie thun, als ob wir den Krieg gegen Baiern geführt hätten, wie 1866 gegen die Sachsen, während wir doch diesmal Baiern als Bundesgenossen gehabt haben.“ – „Ehe sie den Vertrag gutheißen, wollen sie lieber warten bis sie die Einheit in der ihnen genehmen Form erhalten. Da können sie lange warten. Sie sind nicht zufrieden mit dem Erreichten, wollen mehr Einförmigkeit; wenn sie doch fünf Jahre zurückdächten – womit wären sie damals zufrieden gewesen?“ – „Constituirende Versammlung! Wenn der König von Baiern nun nicht dazu wählen läßt? Das baierische Volk wird ihn nicht dazu zwingen, und ich auch nicht.“

Denselben Abend nahm er Goldstücke heraus, mit denen er dann eine Weile spielte. „Auffällig ist,“ sagte er dabei, „wie sehr man hier auch von anständig gekleideten Leuten angebettelt wird. Schon in Reims kam das vor, hier aber ist’s viel schlimmer.“ – „Wie selten man jetzt Goldstücke mit Ludwig Philipp oder Karl dem Zehnten zu sehen bekommt! Ich erinnere mich, wie ich jung war, in den zwanziger Jahren sah man noch manche mit Ludwig dem Sechszehnten und dem Achtzehnten, dem Dicken. Selbst der Ausdruck Louisd’or ist nicht mehr gebräuchlich; will man bei uns vornehm sein, so redet man von Friedrichsd’or.“ – Er balancirte dann einen Napoleond’or auf der Fingerspitze, als ob er ihn wägen wollte, und fuhr fort: „Hundert Millionen doppelte Napoleonsd’or, das wäre jetzt ungefähr die Kriegsentschädigung – später kostet’s mehr – viertausend Millionen Franken.“ – „Vierzigtausend Thaler in Gold werden ein Centner sein, dreißig Centner gehen auf einen tüchtigen zweispännigen Wagen; ich weiß – ich habe einmal vierzehntausend Thaler in Gold von Berlin nach Hause tragen müssen – was das schwer war! – das wären etwa achthundert Wagen.“ – „Die werden sie eher beschaffen, als die für die Munition zum Bombardement,“ meinte Jemand, dem wie den meisten von uns die Geduld in Betreff dieser Maßregel ausgehen wollte.

Am 5. December beim Thee hatte Hatzfeldt uns vom Großherzoge von Weimar erzählt, und von dem war man auf Radowitz und zuletzt auf Humboldt gekommen, als der Chef das Wort nahm. „Bei unserm hochseligen Herrn,“ so erzählte er, „war ich das einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt die Gesellschaft in seiner Weise unterhielt. Er las da gewöhnlich vor, oft stundenlang – eine Lebensbeschreibung von einem französischen Gelehrten oder einem alten Baumeister, die keinen Menschen als ihn interessirte. Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter ließ er’s fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber zu verbreiten.“ – „Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. Die Königin nähte fortwährend an einer Tapisserie und hörte gewiß nichts von seinem Vortrage. Der König besah sich Bilder – Kupferstiche und Holzschnitte – und blätterte möglichst geräuschvoll darin, in der stillen Absicht augenscheinlich, nichts davon hören zu müssen. Die jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich, kicherten und übertäubten damit förmlich seine Vorlesung. Die aber murmelte ohne abzureißen fort wie ein Buch.“ – „Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen runden Stuhle und schlief, daß er schnarchte, sodaß ihn der König einmal weckte und zu ihm sagte: ‚Gerlach, schnarchen Sie nicht!‘“ – „Ich war Humboldt’s einziger geduldiger Zuhörer, das heißt, ich schwieg, that, als ob ich [100] seinem Vortrage lauschte, und hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und weißen Wein gab.“ – „Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war Einer da, der die Rede an sich riß und zwar auf ganz natürliche Weise, indem er Dinge, die Alle interessirten, hübsch zu erzählen wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller mit einem Haufen – so hoch – (zeigt es mit der Hand) von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz und anderen Unverdaulichkeiten – ein wahrer Berg! – es war erstaunlich, was der alte Mann essen konnte.“ – „Als er nicht mehr konnte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort zu erobern. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl,‘ fing er an. Aber es half nichts; der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig machen. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl, siebentausend Toisen über‘ – wieder drang er nicht durch, der Erzähler sprach gelassen weiter. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl, siebentausend Toisen über der Meeresfläche‘ – er sprach es mit lauter erregter Stimme, jedoch es gelang ihm auch damit nicht: der Erzähler redete weiter, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. Das war unerhört – Frevel! Wüthend setzte Humboldt sich nieder und versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit und bald darauf ging er.“ – „Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst unentbehrlich war und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien. Das hinderte nicht, daß er dann mit Varnhagen über den Hof raisonnirte und allerlei schlechte Geschichten von ihm erzählte. Varnhagen hat hernach Bücher daraus gemacht, die ich mir auch gekauft habe. Sie sind erschrecklich theuer, wenn man die paar Zeilen bedenkt, die eines groß gedruckt auf der Seite hat.“ – Keudell meinte, aber für die Geschichte wären sie doch nicht zu entbehren. – „Ja,“ erwiderte der Chef, „im Einzelnen sind sie nicht viel werth, aber als Ganzes sind sie der Ausdruck der Berliner Säure in einer Zeit, wo es nichts gab. Da redete alle Welt mit dieser malitiösen Impotenz.“

Häufig kam der Minister auf Erinnerungen an seine Jugendzeit zurück, die er anmuthig zu erzählen wußte, bisweilen auch auf den einen oder den andern seiner Ahnen, z. B. auf seinen Aeltervater, der, wenn ich recht verstand, bei Czaslau gefallen war. „Die alten Leute bei uns haben ihn,“ so berichtete er, „meinem Vater oft noch beschrieben. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn und ein starker Zecher. Er hat einmal in einem Jahre einhundertvierundfünfzig Rothhirsche geschossen, was ihm der Prinz Friedrich Karl nicht nachthun wird, aber der Herzog von Dessau.“ – „Wie er in Gollnow stand, da aßen die Officiere zusammen; die Küche führte der Oberst. Da war’s Mode, daß bei Tische fünf oder sechs Dragoner aufmarschirten hinter den Stühlen; die schossen zu den Toasten aus ihren Karabinern. Es waren da überhaupt seltsame Sitten. So zum Beispiel hatten sie statt der Latten einen hölzernen Esel mit scharfen Kanten; auf dem mußten die Dragoner, die sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen, sitzen – ein paar Stunden oft, eine sehr schmerzhafte Strafe. Und immer am Geburtstage des Obersten und Anderer zogen sie nach der Brücke und warfen den Esel hinein, es kam aber immer ein neuer. Sie hätten wohl hundertmal einen neuen gehabt, sagte die Bürgermeisterin (Name nicht recht verständlich – es klang wie Talmer) meinem Vater.“ – „Dieser Aeltervater – ich habe sein Bild in Berlin – ich sehe ihm wie aus den Augen geschnitten ähnlich, das heißt wie ich jung war; da war’s, wie wenn ich mich im Spiegel sähe.“

Einmal wurde erwähnt, daß man Briefe an Favre mit „Monsieur le Ministre“ anfinge, worauf der Chef äußerte: „Ich werde nächstens an ihn schreiben: Hochwohlgeborener Herr!“ Daraus entspinnt sich eine byzantinische Disputation über Titulaturen und die Anreden: Excellenz, Hochwohlgeboren und Wohlgeboren. Der Chef vertritt dabei entschieden antibyzantinische Ansichten und Absichten. „Man sollte das ganz weglassen,“ sagte er. „In Privatbriefen brauche ich’s auch nicht mehr, und sonst gebe ich das Hochwohlgeboren den Räthen bis zur dritten Classe.“ Abeken als reiner Byzantiner meint, die Diplomaten hätten es schon übel vermerkt, daß man ihnen bisweilen ihre Titulaturen nicht ganz hätte zu Theil werden lassen, und das Hochwohlgeboren gebühre nur den Räthen der zweiten Classe. „Und den Lieutenants,“ ruft Jemand. „Ich will’s aber ganz abschaffen bei unsern Leuten,“ erwidert der Minister, „es wird damit im Jahre ein Meer von Tinte verschrieben, worüber sich die Steuerzahler mit Recht als über eine Verschwendung beklagen können. Mir ist’s ganz recht, wenn man an mich einfach: An den Ministerpräsidenten Graf von Bismarck schreibt. Ich bitte Sie (zu Abeken), mir darüber Vortrag zu erstatten; es ist ein unnützer Schwanz und ich wünsche, daß das wegfällt.“ Abeken Zopfabschneider – eigene Fügung!

Eines Tages kam die Rede auch auf schöne Literatur. Man sprach von Spielhagen’s „Problematischen Naturen“, die der Kanzler gelesen hatte und über die er nicht ungünstig urtheilte, aber doch bemerkte: „Das wird ihm allerdings nicht passiren, daß ich ihn zweimal lese. Man hat dazu überhaupt hier keine Zeit. Sonst aber kommt es doch wohl vor, daß ein vielbeschäftigter Minister so ein Buch zur Hand nimmt und ein paar Stunden daran hängen bleibt, bevor er wieder zu seinen Acten greift.“ Auch „Soll und Haben“ Hofrath Freytag’s wird erwähnt, und man lobt die Darstellung des Polenkrawalls in Krakau, sowie die Ballgeschichte mit den Backfischen, wogegen man seine Helden unschmackhaft zu finden scheint. Abeken, der sich an dem Gespräch lebhaft betheiligt, macht die Bemerkung, er könne doch nichts von dieser Sachen zweimal lesen, und von den bekannten neueren Schriftstellern sei meistens nur ein Buch wirklich gut. „Na,“ sagt der Chef, „von Goethe schenke ich Ihnen auch drei Viertel. Das Uebrige freilich – mit sieben oder acht Bänden etwa von den vierzig, wollte ich wohl eine Zeit lang auf einer wüsten Insel leben.“ Zuletzt wird auch Fritz Reuter’s gedacht. „Ja,“ äußert der Minister, „Ut de Franzosentid’ ist sehr hübsch, aber es ist kein Roman.“ Man nennt die „Stromtid“. „Hm,“ sagt er, „dat is as dat Ledder is. Das ist allerdings ein Roman, Manches gut, Anderes mittelgut, aber so, wie der Bauer geschildert ist, so sind sie wirklich.“

Als wir einmal von Favre sprachen, sagte der Kanzler: „Uebrigens hat der keine Idee, wie es bei uns zugeht. Er ließ mich mehrmals merken, daß Frankreich das Land der Freiheit wäre, während bei uns Despotismus herrsche. Ich hatte ihm z. B. gesagt, wir brauchten Geld, und Paris müßte welches schaffen. Er dagegen meinte, wir könnten ja eine Anleihe machen. Ich erwiderte, das ginge nicht ohne den Reichstag oder den Landtag. Ach, sagte er, fünfhundert Millionen Franken, die könnte man doch auch auftreiben, ohne die Kammer. Ich entgegnete: Nein, nicht fünf Franken. Er wollte es nicht glauben. Aber ich sagte ihm, daß ich vier Jahre lang mit der Volksvertretung im Kriegszustande gelebt hätte, aber eine Anleihe ohne den Landtag aufzunehmen, das wäre immer die Barriere gewesen, bis zu der ich gegangen, und es wäre mir nie eingefallen, die zu überschreiten. Das schien ihn doch in seiner Ansicht etwas irre zu machen. Er sagte nur, in Frankreich würde man sich nicht geniren. Doch kam er immer wieder darauf zurück, daß Frankreich ungeheure Freiheit besäße. Es ist wirklich sehr komisch, einen Franzosen so sprechen zu hören, und besonders Favre, der immer zur Opposition gehört hat. Aber so sind sie. Man kann einem Franzosen fünfundzwanzig aufzählen – wenn man ihm dabei nur eine schöne Rede von der Freiheit und Menschenwürde hält, die darin sich ausdrücke, und die entsprechende Attitude dazu macht, so bildet er sich ein, er werde nicht geprügelt.“

Jemand hatte die Entwickelungsgeschichte der deutschen Frage auf’s Tapet gebracht. Da bemerkte der Minister unter Anderem: „Ich erinnere mich: vor dreißig und mehr Jahren wettete ich in Göttingen einmal mit einem Amerikaner, ob Deutschland in fünfundzwanzig Jahren einig sein würde. Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben sollte, der gewänne. Wer verlor, sollte über’s Meer kommen. Er hatte für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich 1853 und wollte hinüber. Wie ich mich aber erkundigte, war er todt. Er hatte so einen Namen, der kein langes Leben versprach – Coffin, d. h. Sarg. Das Merkwürdigste dabei ist, daß ich damals schon den Gedanken und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hülfe wahr geworden ist, obwohl ich zu der Zeit mit den Verbindungen, die das wollten, nur im Gefechtszustande verkehrte.“

Anfang Februar war der Kanzler einmal in St. Cloud gewesen. Er erzählte dann: „Wie ich mir die Brandstelle des [101] Schlosses mit ihren Schutthaufen besah und mich in Gedanken erging über den Zustand des Zimmers, wo ich mit dem Kaiser gespeist hatte, war ein wohlgekleideter Herr da, der sich von einem Blousenmanne herumführen ließ – vielleicht aus Paris herausgekommen. Ich konnte deutlich verstehen, was sie redeten; denn sie sprachen laut, und ich habe ein gutes Gehör. ‚C’est l’oeuvre de Bismarck‘ sagte der in der Blouse. Der Andere aber erwiderte blos: ‚C’est la guerre.‘ Wenn die gewußt hätten, daß ich’s gehört hatte!“

Hieran anknüpfend, fuhr er fort, in Ricolsburg wäre er einmal in Civil ausgegangen, und da hätte er zwei Gensd’armen getroffen, die einen Mann arretiren gewollt. „Ich fragte, was er verbrochen hätte, bekam aber als Civilist natürlich gar keine Antwort. Da erkundigte ich mich bei ihm selber, und er sagte mir, es wäre, weil er sich über den Grafen Bismarck unehrerbietig geäußert hätte. Beinahe hätten sie mich auch mit fortgenommen, weil ich sagte, das hätten wohl Viele gethan.“

„Das erinnert mich daran, daß ich mir einmal selbst ein Hurrah habe ausbringen müssen. Es war Sechsundsechszig, beim Einzuge der Truppen, Abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch – heimlich, und wie ich beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da ein großer Haufen Menschen beisammen, die mir eine Ovation bringen wollen. Ich war in Civil und muß ihnen mit meinem hohen Hute, den ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht weßwegen, verdächtig vorgekommen sein, und Einige machten eine feindliche Miene, sodaß ich für’s Beste hielt, in ihr Hurrah einzustimmen.“