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Textdaten
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Autor: Dr. Ludwig Büchner
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Titel: Doppeltes Bewußtsein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 101–104
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Doppeltes Bewußtsein.
Von Dr. Ludwig Büchner.

Wenn man sich in der Seelenlehre des Menschen (oder auch der Thiere) umsieht, so stößt man mitunter auf gar merkwürdige Dinge. Eine der merkwürdigsten Erfahrungen hat man neuerdings bezüglich des sogenannten doppelten oder alternirenden (abwechselnden) Bewußtseins gemacht. Bisher hielt man das menschliche Bewußtsein für etwas durchaus Einheitliches, Unveränderliches und Untheilbares. Nun hat man aber Fälle beobachtet, wobei derselbe Mensch an verschiedenen Tagen oder zu verschiedenen Zeiten ein ganz und gar verschiedenes Bewußtsein hat und an dem einen Tage nichts von dem weiß, was an dem anderen mit im vorgegangen war, während die einzelnen getrennten Tage unter einander einen regelmäßigen Erinnerungszusammenhang haben. Oder, mit anderen Worten, der Mensch ist ein doppelter oder zu bestimmten Zeiten ein sich selbst durchaus fremder, der sich, seine Umgebung, seine Wohnung nicht mehr kennt, an seiner eigenen Existenz zweifelt und sich wie ein Mensch fühlt, der eben erst auf die Welt gekommen ist. Die Ursache dieses merkwürdigen Zustandes ist höchst wahrscheinlich keine andere, als ein vorübergehender Krampf der einen bestimmten Theil des Mittelhirns ernährenden Blutgefäße, wodurch dieser Theil eine Zeitlang in seiner Ernährung und damit auch in seiner Verrichtung gestört oder beeinträchtigt wird.

Den ersten bestimmten Fall dieser Art hat der berühmte holländische Arzt Schröder van der Kolk beobachtet und in seiner „Pathologie und Therapie der Geisteskrankheiten“ (Braunschweig, 1863) beschrieben. Er besuchte ein zwanzigjähriges Mädchen, das sieben Jahre vorher eine langwierige Krankheit überstanden hatte und nun an dieser eigenthümlichen mit Krampfzufällen verbundenen Bewußtseinsstörung litt. Sie war an dem kranken Tage ein gänzlich verändertes Wesen, läppisch und kindisch, ohne Bewußtsein oder Erinnerung des vorhergehenden Tages, und mußte an einem solchen Tage mit großer Anstrengung etwas lernen, das sie an dem gesunden Tage bereits vollkommen wußte. So war sie an dem letzteren ein recht gescheidtes Mädchen, sprach gut französisch und deutsch und zeigte sich sehr belesen. Am folgenden Tage wußte sie von Allem nichts und hatte nur Erinnerung an den kranken Tag, während das Gedächtniß des gesunden Tages nur mit dem zweitvorhergehenden oder hellen Tag correspondirte. Dies ging so weit, daß sie an dem läppischen oder kindischen Tage wieder französisch zu lernen angefangen, aber nur geringe Fortschritte gemacht hatte, während sie es am folgenden Tage ganz fließend sprach. Verbrachte man sie an dem kranken Tage an einen bestimmten Ort, so wußte sie am gesunden Tage nicht, wie sie dahingekommen war. Schröder van der Kolk besuchte sie vierzehn Tage hindurch stets an dem kranken Tage, wobei er jedesmal von ihr erkannt wurde. Als er aber zuerst an einem gesunden Tage zu ihr kam, war er ihr vollkommen fremd; sie konnte sich nicht entsinnen, ihn je gesehen zu haben. Dieser merkwürdige Wechsel war bereits seit vier Jahren ununterbrochen mit der größten Regelmäßigkeit eingetreten.

Noch viel merkwürdiger sind die von Dr. Krishaber in Paris gemachten Beobachtungen (Paris 1873), über welche der berühmte französische Philosoph H. Taine im dritten Hefte der „Revue philosophique“ vom Jahre 1876 berichtet, indem er hinzufügt, „daß diese Berichte belehrender seien, als ganze Bände voll Metaphysik über die Substanz des Ich.“ Der Kranke, sagt Dr. Krishaber, ist keineswegs verrückt und vollständig vernünftig; er erklärt seine Einbildungen selbst für falsch. Um so auffallender ist der in der Regel ganz plötzlich eintretende Anfall. Man kann den Zustand des Patienten am besten mit demjenigen einer Raupe vergleichen, welche, indem sie ihre Raupenerinnerungen beibehält, plötzlich zu einem Schmetterlinge mit allen Sinnen und Empfindungen desselben geworden ist. Zwischen dem alten und neuen Zustande oder zwischen dem Raupen- und Schmetterlingsbewußtsein gähnt ein tiefer Abgrund; die neuen Empfindungen können nicht an die alten anknüpfen, und der Kranke kann sich selbst in denselben nicht wiederfinden. Daher derselbe einmal zu dem Schlusse kommt. „Ich bin nicht“, und zum Zweiten zu dem Schlusse: „Ich bin ein Anderer“. Ein Kranker gab an, daß, wenn er sprach, seine eigene Stimme ihm diejenige eines Fremden schien. Alles um ihm her schien ihm so verändert, als ob er sich auf einem anderen Planeten befände, oder als ob er eben erst auf die Welt gekommen sei. Alle Beziehungen seines Geistes zu dem, was ihn umgab, und zu seiner Vergangenheit hatten aufgehört. Er konnte seine Wohnung nicht wiederfinden, auch wenn er ganz in ihrer Nähe war, und brach darüber in Thränen aus.

Ein anderer Kranker dieser Art sagte nach seiner Genesung aus, er habe sich wie ein neugeborenes Kind gefühlt oder wie Caspar Hauser, als er seine Zelle verließ. Er erklärte, daß er weit, weit fort sei, obgleich er sehr wohl wußte, daß er zu Hause sei, aber zwischen dem Augenblicke, der seinem Anfalle vorhergegangen, und demjenigen, der ihm gefolgt war, schien ihm eine unermeßliche Entfernung zu liegen, eine Entfernung, so groß, wie diejenige der Erde von der Sonne. Auch Dinge und Menschen um ihn her schienen ihm endlos entfernt, und er konnte nicht begreifen, daß der Kutscher eines Wagens, den er genommen hatte, seinen Zuruf verstand, denn seine eigene Stimme erschien ihm fremd und weit entfernt. Er mußte unerhörte Anstrengungen machen, um zu begreifen, daß er Er selbst sei, daß er durch die Straße gehe, seinen Kutscher rufe etc. Er hatte das Gefühl, als ob seine Beine oder Arme nicht ihm gehörten, sein Kopf nicht der seinige sei, und als ob er nur wie ein Automat handle. Er sah gewissermaßen wie ein unbetheiligter Zuschauer den Handlungen dieses seines zweiten Ich zu, welches er haßte und verachtete. Er würde sich getödtet haben, wenn er nicht das brennende Verlangen gehabt hätte, wieder Er selbst zu werden und seine alte Welt wieder zu erblicken.

Ein dritter Kranker hatte die Empfindung, als ob er überhaupt nicht mehr existire. Er betastete seinen Körper und fühlte ihn; trotzdem hatte er große Mühe, an dessen Wirklichkeit zu glauben. Erst später und nach und nach lernte er es, seiner neuen Empfindungen sich zu bedienen und nicht mehr davor zu erschrecken, daß er, wie es ihm schien, allein in einem ganz fremden Lande sei. In diesem zweiten Stadium pflegt dann der Kranke nicht mehr zu sagen: „Ich bin nicht“, sondern: „Ich bin ein Anderer“. In diesem Stadium zeigen die Aeußerungen fast [102] aller Kranken eine seltene Uebereinstimmung bezüglich der schon geschilderten Empfindungen.

Dr. Krishaber ist der Meinung, daß sich der Kranke in der That nicht täuscht, wenn er glaubt, daß er ein Anderer sei. Auch wiedergenesene Kranke sind derselben Meinung. Das Ich ist ein Product unserer Empfindungen; ändern sich diese, so muß sich auch das Ich ändern und kann nicht eher wieder erscheinen, als bis Empfindungs-Störungen, welche den Verlust des persönlichen Bewußtseins zur Folge hatten, wieder ausgeglichen sind.

Seitdem man einmal auf diese merkwürdige Bewußtseins-Störung aufmerksam gemacht worden ist, häufen sich, wie dieses bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, die einschlägigen Beobachtungen von verschiedenen Seiten her. So erzählt M. Azam („Revue scientifique“) die Geschichte der dreiunddreißigjährige Felida X., welche seit frühester Jugend fast täglich plötzlich in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf verfällt, aus welchem sie nach einigen Minuten als ein völlig verändertes Wesen erwacht. In diesem „zweiten Zustande“ weiß sie genau Alles, was während der früheren zweiten Zustände mit ihr vorgegangen ist, während sie im normalen Zustande davon auch nicht die leiseste Erinnerung hat. In den letzten Jahren hat sich die Dauer des „zweiten Zustandes“ dergestalt verlängert, daß er fast zum normalen geworden ist, und daß, wenn sie wieder zur Norm zurückkehrt, ein großer Theil ihres Lebens aus ihrem Gedächtnisse verschwunden ist.

Professor Laveran am Hospital Val de Grace erzählt in der „Union médicale“ (Nr. 36, 1877): Der dreiundvierzigjährige Capitain M. S. glaubt sich in zwei Personen verwandelt. Er sieht fortwährend an seiner Seite einen Andern, der ihm Alles nachthut. Der Kranke weiß, daß er das Opfer einer Täuschung ist, aber dennoch kann er sie nicht los werden.

Dr. Th. Galicier („Revue philosophique“, 1877, Nr. 7.) behandelte einen Kranken, der während der Heilung eines sogenannten Anthrax die Erscheinung des doppelten Bewußtseins darbot. Er glaubte plötzlich nicht mehr Er selbst oder in Frankreich zu sein es kam ihm vor, als ob er ein Anderer oder in dem Körper eines Anderen sei. Später sagte er aus, daß er sich in einen Chinesen verwandelt und in China zu sein glaubte. Auch dieser Kranke pflegte zu sagen: „Ich bin nicht mehr Ich,“ oder „Ich bin ein Anderer.“ Galicier vergleicht diesen Zustand sehr gut mit jenen eigenthümlichen Zuständen, die zeitweise wohl jeden Menschen derart befallen, daß er die oft gehörten Redensarten gebraucht: „Ich kenne mich selbst nicht mehr;“ „Ich weiß nicht, was ich spreche;“ oder daß er zu seiner Umgebung sagt: „Achtet nicht auf das, was ich spreche oder thue! Ich bin unschuldig daran.“ Auch Neugeborene und ganz junge Kinder haben, wie bekannt, nicht das Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit oder des eigenen Ich und erlangen es erst nach und nach. Daher auch dem Erwachsenen das Gefühl oder die Erinnerung der frühesten Kindheit total abgeht. Was wir davon wissen, wissen wir nur vom Hörensagen. Das Kind weiß auch anfangs die verschiedenen auf die Oberfläche seines Körpers einwirkenden Empfindungen nicht voneinander zu sondern oder aber zu einem Ganzen zu verbinden. Erst in Folge einer langen Erfahrung beginnt das Ich sich als Individuum oder als ein einiges untheilbares Wesen zu fühlen und sich als solches dem Nicht-Ich gegenüberzustellen; erst Gedächtniß und Erinnerung können dem Bewußtsein des Ich jene Festigkeit, Dauer und Einheit verleihen, welche es nach seiner vollständigen Ausbildung zu besitzen pflegt. Nach dem gewöhnlichen Vorurtheil begleitet das Bewußtsein des Ich unaufhörlich alle unsere Gedanken und Handlungen und wird nur durch Schlaf, Ohnmacht oder dergleichen unterbrochen. Aber eine vorurtheilslose Ueberlegung und Selbstbeobachtung zeigt, daß dem keineswegs so ist. Ein heftiger leiblicher oder moralischer Eindruck kann unseren Geist so vollständig absorbiren oder gefangen nehmen, daß Empfindungen, die zu jeder anderen Zeit unsere ganze Aufmerksamkeit gefesselt haben würden, spurlos an uns vorübergehen. Auch tiefes Nachdenken, künstlerische Einbildung oder dergleichen bringen denselben Effect hervor. Wir können uns in solchen Lagen vollständig selbst vergessen und erinnern uns erst später wieder daran, daß wir selbst es waren, die solchen Eindrücken hingegeben waren.

So ist das Ich-Bewußtsein nur eine wechselnde Form der Gesammt-Summe unserer Empfindungen. Solange diese einen gewöhnlichen und gleichbleibenden Verlauf nehmen, bleibt auch das Ich mehr oder weniger das nämliche. Sobald aber ein starker Wechsel, eine bedeutende Aenderung hierin eintritt, wechselt oder ändert sich auch das Ich-Bewußtsein. Die heftigste Aenderung stellen jene im Eingang unseres Aufsatzes beschriebenen Fälle von doppeltem Bewußtsein dar; die mäßigsten und allmählichsten Aenderungen sind diejenigen, welche durch den Uebergang vom Kindheits-Alter in dasjenige der Jugend und von der Jugend in das Mannes- und schließlich in das Greisen-Alten bewirkt werden. Ja, man kann ohne Uebertreibung sagen, daß jeder einzelne Mensch in jedem einzelnen Augenblicke seines Lebens ein anderer ist, so gering und allmählich auch die einzelnen Wechsel oder Aenderungen an sich sein mögen. Erst wenn wir längere Intervalle unseres Lebens auf einmal überschauen, werden wir deutlich und in der Regel mit Verwunderung gewahr, wie sehr wir uns geändert haben. Ja, es wird uns bisweilen schwer, in einzelnen Phasen oder Handlungen unseres Lebens uns selbst wieder zu erkennen; wir stehen gewissermaßen einem Fremden gegenüber, den wir nicht für unser eigenes Selbst erkennen würden, wenn wir nicht bestimmt wüßten, daß es so wäre.

Jene Fälle von doppeltem Bewußtsein sind also nur die höchste Steigerung eines an sich natürlichen physiologischen Verhältnisses oder Vorgangs, sodaß sie in dieser Hinsicht kaum den Namen „Krankheit“ verdienen. Auch sind ja die sogenannten Kranken mit doppeltem Bewußtsein an sich vollkommen vernünftig und berichten über ihren merkwürdigen Zustand, nachdem er vorüber ist, mit vollster Klarheit. Sobald der Krampf der Hirngefäße, welcher den Zustand hervorgerufsen hat, nachläßt und die Ernährung der betreffenden Hirntheile wieder in normaler Weise vor sich geht, ist Alles vorüber. Vielleicht ließen sich physiologischerseits auch die allmähliche Veränderungen des Bewußtseins und des ganzen Charakters im Laufe des individuellen Lebens, durch die allmählichen anatomische Veränderungen jener Hirngefäße und die dadurch herbeigeführte Aenderung in der Ernährung bestimmter Hirntheile erklären!?

Jedenfalls darf man dem genannten französischen Philosophen Taine Recht geben, wen er aus den hier beschriebenen Erscheinungen folgert, daß „das Ich oder die moralische Persönlichkeit als ein Product unserer Empfindungen zu verschiedene Zeiten verschieden ist und nur darum oder so lange als dasselbe erscheint, weil oder so lange diese Empfindungen dieselben sind. Aendern sie sich plötzlich, so ändert sich auch das Ich und erscheint als ein Anderes, bis es später mit Rückkehr der normale Sensationen wieder erscheint.“

Daß sich aus diesen Erfahrungen die wichtigsten Schlüsse für die Beurtheilung unseres Seelenwesens und namentlich für das gegenwärtig wieder so viel besprochene Verhältniß von Gehirn und Seele oder Gehirn und Geist ziehen lassen, wird sich Jeder unserer Leser von selbst gesagt haben. Unser seelisches Wesen ist nicht, wie man früher glaubte, an einen einzelnen Punkt des Gehirns geknüpft (Sensorium commune) sondern an die Gesammtmasse desselben und setzt sich gewissermaßen zusammen aus der zu einem einheitlichen Ganzen verbundene Thätigkeit aller einzelnen Hirntheile. Tritt dadurch, daß einer dieser Theile in seiner Verrichtung gestört wird, eine Störung ihres Zusammenwirkens, ihrer einheitlichen Thätigkeit ein, so müssen nothwendig solche Erscheinungen auftreten, wie die oben beschriebenen. Wahrscheinlich giebt es einen im tiefsten Innern des Gesammthirns gelegenen Hirntheil, welcher in Folge seiner anatomischen Lagerung und Faser-Verbindung dazu bestimmt ist, jene Einheit zu vermitteln, oder die Thätigkeit der einzelne Hirntheile unter einander zu verbinden. Dieser Theil wird es denn wohl auch sein, welcher bei der Erscheinung des doppelten Bewußtseins vorzugsweise betheiligt ist. Wäre unser Nervensystem so organisirt, wie dasjenige jener niederen Thiere, welche man in beliebig viele Stücke zerschneiden kann, wobei dann jedes einzelne Stück mit einem besonderen Bewußtsein für sich weiter lebt, so könnte die Theilbarkeit unserer Seele und unseres Bewußtseins (welche so viele Philosophen unter keinen Umständen anerkennen wollen) vor aller Welt durch den Augenschein bekundet werden.

Aber da unser Seelenmechanismus ein kunstvolles, zu einem einheitlichen Ganzen verwobenes Ineinander darstellt, so kann ein einzelner Theil nicht entfernt oder an seiner Thätigkeit gestört [104] werden, ohne daß die Thätigkeit des Ganzen nothleidet, gerade so wie auch bei einer Uhr nicht ein einzelner Theil entfernt oder verletzt werden kann, ohne daß der Gang der Uhr aufhört oder gestört wird. Unser Seelenwesen oder unser Ich-Bewußtsein ist also nicht theilbar wie ein Klumpen Blei oder Messing, den man in beliebig viele Stücke zerschneiden kann, ohne seine Eigenschaften zu zerstören oder zu ändern, sondern es ist theilbar wie ein feiner Mechanismus, den man nicht zerschneiden kann, ohne das kunstvolle Ineinandergreifen seiner einzelnen Theile unmöglich zu machen. Nichtsdestoweniger können, wie bekannt, in Folge von Gehirnverletzungen und dadurch erzeugter Mängel der Gehirnsubstanz einzelne Stücke der Seele oder der Erinnerung und des Gedächnisses verloren gehen, ohne daß dadurch das Ganze als solches erheblich leidet, und der Anatom, welcher das bloßgelegte Gehirn eines Thieres schichtweise mit dem Messer abträgt, er theilt, trennt oder zerlegt gleichzeitig das seelische Wesen oder die seelischen Eigenschaften des Thieres je nach Art, Weise oder Tiefe seines Eingriffs. Aus allem diesem ist leicht ersichtlich, wie verwickelt und schwer zu durchschauen trotz aller Fortschritte der Wissenschaft immer noch die so überaus wichtige Seelenfrage ist, und wie dieselbe nicht durch allgemeine philosophische Betrachtungen, sondern nur auf dem mühsamen und langsam zum Ziele führenden Wege der Beobachtung, der Erfahrung, und der aus dem Boden der Thatsächlichkeit sich aufbauenden Schlüsse gelöst werden kann. Dasselbe gilt freilich von aller wahren und Wahrheit suchenden Wissenschaft und Philosophie überhaupt, welche letztere bisher mehr eine Gefühls-, als eine Verstandes-Philosophie war und mehr auf unbewiesenen Voraussetzungen als auf Thatsachen sich aufbaute. „Es wird nachgerade Zeit,“ sagt du Prel, „daß wir uns daran gewöhnen, der Natur in’s Antlitz zu schauen, statt uns ein idealisirtes Bild von ihr zu entwerfen, wobei unsere Wünsche den Pinsel führen.“