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Eine Gletscherfahrt im Berner Oberlande

Textdaten
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Autor: Gottlieb Studer
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Titel: Eine Gletscherfahrt im Berner Oberlande
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37/38, S. 580–584;606–608
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[580]
Eine Gletscherfahrt im Berner Oberlande.[1]
Von Gottlieb Studer.

Schon einige Jahre sind es her, als an einem schönen Herbsttage ein für die Schönheiten der Gebirgsnatur begeisterter Wanderer auf einem Streifzuge aus dem alpen- und felsenreichen, von Fremden aber noch wenig aufgesuchten Kienthal des Berner Oberlandes über den wilden, theilweise mit ewigem Schnee bedeckten Grat, der dieses Thal von dem kleinen Oeschinenthälchen scheidet, nach dem allbekannten Kandersteg am Gemmipasse hinüberstieg.

Er traf zu guter Zeit daselbst ein. Die Nachmittagsonne sendete noch ihren vollen Glanz in dieses freundliche, fast rings von hohen Bergwänden umschlossene Thalbecken, das unmittelbar am nördlichen Fuß der Gemmi und an dem vielbereis’ten Saumwege liegt, der über diesen Berg nach dem Leuker Bade führt. Gern benutzte er die ihm vergönnte Muße, um sich in aller Behaglichkeit der Betrachtung des vor ihm ausgebreiteten Naturgemäldes hinzugeben.

[581]
Die Gartenlaube (1864) b 581.jpg

Die Niederfahrt vom Firndache der Altelsspitze.

[582] Das Thalbecken von Kandersteg mit seinen Bergen bietet eine Scenerie, in der sich das Liebliche mit dem Ernsten paart und harmonisch zu einem großartigen Bilde vereinigt. Der im Ganzen etwas monotone Charakter dieses Bildes wird durch einzelne hervorragende Glanzpunkte gehoben. Ein stiller Frieden, ein eigenthümlicher Zauber waltet über dem Gelände – über den saftigen Wiesen, die, von der rauschenden Kander durchflossen, die kleine Thalebene schmücken, – über den heimeligen, aus Holz gebauten, mit offenen Lauben gezierten Wohnhäusern, die über die grüne Ebene zerstreut sind, – über den dunkeln Tannengehölzen, die dem Rande des Beckens entlang die Wiesen umsäumen. Der Fuß der Bergwände, die das Becken umschließen, ist bis weit hinauf mit einem Mantel von Nadelholz bekleidet. Auf den mehr zurückgeschobenen, höheren Terrassen dehnen sich die kräuterreichen Alpweiden aus, und nackte Felshörner, zum Theil gebrochen und mit ihren Trümmern die Berghalden bedeckend, ragen als höchste Zinnen empor. Aber da, wo die Bergwand durch kleine, kaum zu gewahrende Thalverzweigungen eingeschnitten ist, da tauchen im Hintergrund aus der dunkeln Tiefe blendendweiße Eisgipfel hervor und durchschneiden in scharfen Kanten das herrliche Blau des Himmels, dem Gemälde seinen unvergleichlichen Reiz verleihend. So treten im Osten, wo das Oeschinenthal im tiefen Schooß des Gebirges ruht und die Fluth seines grünen Alpensees leise an die Felsenufer schlägt, die leuchtenden Firnspitzen der Blümlisalp – nach der Jungfrau das schönste Berggebild des Berner Oberlandes – vor das Auge des Schauenden. So prangen im Süden, wo das wilde Gasternthal in schauerlicher Felsenkluft ausmündet, das silberweiße Balmhorn und die weithinschimmernde Altelsspitze. Jenes bildet den südöstlichen, diese den nordwestlichen Endpunkt einer hohen, ausgeschärften Eisfirst, welche die beiden Gipfel mit einander verbindet. Das Balmhorn erhebt sich 11,352 Pariser Fuß über dem Meere, die Altelsspitze 11,181; aber wenn das erstere den Vorzug größerer Erhebung hat, so zeichnet sich der Altels durch seine zierlichere Form aus. Man denke sich eine in der Gestalt eines riesenhaften Dreieckes schief von der breiten Basis zur luftigen Spitze emporstrebende Bergwand, die auf mächtigem Felsenpostamente ruht und in ihrer ganzen Fläche mit einem blendendweißen ewigen Firn mehrere Fuß dick belegt ist. So stellt sich der Altelsgipfel mit seinem nördlichen Absturze dar. Die Seitenwände dieses Berges senken sich vereint mit den Abstürzen des Balmhorns nordöstlich, mit Eis bekleidet und in schreckbarer Steilheit, etwa 2000 Fuß tief nach den vorspringenden Gesimsen herunter, die den oberen Rand jener ungeheuern Felswände bilden, von denen das Gasternthal in seinem äußeren Theil wie von einer fast senkrechten Mauer von 5000 Fuß Höhe umschlossen ist; südwestwärts aber stürzen sie, am Altels selbst fast von Schnee und Eis entblößt, ebenso steil etwa 5060 Fuß tief stufenlos nach dem einsamen engumschlossenen Becken des Sage-Gletschers herunter, der vom Balmhorn niedersteigt.

Die ganze Scenerie stand im Festschmucke der schönsten Beleuchtung; aber nach jener im Goldglanz der Sonne flimmernden Altelsspitze war vor allem die Aufmerksamkeit des Wanderers gerichtet. Unverwandt haftete sein Blick an den edeln Formen dieser Erscheinung, an dem glänzendreinen Schneegewande, das sie bekleidete; – er träumte sich hinauf, auf die im Blau des Aethers thronende Spitze; er dachte sich den Genuß, der dem glücklichen Besteiger dort oben bereitet sei; er maß in Gedanken die Entfernungen, die Steilheit des Firndaches, die Gefahren der Erklimmung – er glaubte herauszufinden, daß diese für den entschlossenen Mann mit keinen eminenten Gefahren verbunden sein könne, und es überwältigte ihn die Lust, da hinauf zu gehen!

Noch hatte sich die Vorliebe für verwegene Gletscherfahrten und Hörnerbesteigungen der Gemüther nicht so bemächtigt, wie es heutzutage der Fall ist. Um die mit ewigem Schnee bedeckten Häupter der Alpen schwebte noch ein gewisser Nimbus ihrer Unbesteigbarkeit – oder wenn auch diese für einzelne Gipfel außer Zweifel lag, so galt es doch im Allgemeinen für ein gewagtes, ja vermessenes Unternehmen, sich in jene unwirthlichen Regionen zu versteigen. Und was die Führer zu solchen Gebirgstouren anbelangt, so waren die kundigen Männer noch schwer zu finden.

Der Altelsgipfel gehörte nun allerdings nicht mehr zu jenen Alpenspitzen, welche der Nimbus ihrer Unbesteigbarkeit umgab. Es hatten schon zwei Besteigungen desselben stattgefunden. Die eine war zum Zwecke der Erstellung eines Signals für die schweizerische Triangulation von einigen Männern der Gegend, den besten und verwegensten Gemsjägern und Berggängern, ausgeführt worden. Ein Jahr später hatten sich zwei Fremde in Begleitung mehrerer Führer hinaufgewagt. Beide Besteigungen scheinen mit nicht geringen Beschwerden und Gefahren verbunden gewesen zu sein. Die Schilderungen, die man unserem Wanderer darüber machte, waren haarsträubend. Es wurde ihm erzählt, wie man glatte Felswände erklimmen mußte, wo die Männer genöthigt waren, sich ihrer Schuhe zu entledigen, um sich mit mehr Sicherheit an den kaum vorragenden Stellen der Felswand anklammern zu können. Von den drei Fremden, die später die Besteigung unternahmen, mußte der eine auf halbem Wege zurückgelassen werden. Die beiden anderen kamen zwar an’s Ziel, im Heruntersteigen aber gelangten sie zu einer Stelle, wo sie etwa fünfzig Fuß tief an einem Felsen mittelst eines Seiles heruntergelassen werden mußten! –

Die nächste Aufgabe unsers Berglustigen war, sich nach geeigneten Männern umzusehen, unter deren sicherer Leitung er das Wagniß wohl zu bestehen hoffte. Aber wo diese finden? Jene Männer, die den Altels bestiegen hatten, waren fast ausschließlich Landleute aus Frutigen gewesen, einem Dorfe 2{{Bruch Stunden von Kandersteg entfernt. Sieh! da kommt ihm ein günstiger Zufall zu Hülfe. Im Gasthause war gerade ein angesehener Beamter des Landes anwesend, der als renommirter Gemsenjäger bekannt und welcher der Gegend von Kandersteg kundig war. Dieser bot dem altelslustigen Fremdling auf die zuvorkommendste Weise an, ihn zu einem Manne zu führen, der unter den Besteigern jenes Berges gewesen und ohne Zweifel bereit sein werde, ihn dahin zu begleiten.

Sie gingen zusammen eine Viertelstunde weit thaleinwärts und trafen den Mann in der Nähe seines Wohnhauses auf der abgemähten Wiese an, wo er von der brennenden Sonne geröthet und schweißtriefend sich emsig mit dem Einsammeln des duftenden Heues beschäftigte. Eine mächtige Bürde klingeldürren Futters lag vor ihm aufgehäuft, und er wollte sich eben anschicken, sich dieselbe durch einen künstlichen Ruck mit gewandter Kraft auf den Nacken zu schwingen, um sie nach Hause zu tragen, als er durch den unerwarteten Besuch überrascht wurde.

„Hörst Du, Gilgian,“ sagte nach gewechseltem Gruß der Begleiter des Reisenden zu ihm, „dieser Herr möchte an den Oberen Ort, willst Du ihn begleiten?“

„Mir ist es schon recht,“ antwortete Gilgian kurz und trocken. Seine Gedanken waren mehr auf die schöne Heubürde und auf die strenge Arbeit, die ihm noch bevorstand, als auf den Gegenstand der Frage gerichtet, und er schien anzunehmen, es handle sich etwa um eine kleine Jagdtour nach dem benachbarten Felshorn oder nach dem gemsenreichen Lohner im Ueschinenthal.

Da begann der eifrige Beamte seinem alten Bekannten die Sache zu erläutern, und indem er nach dem silberglänzenden Altelsgipfel hinwies, wiederholte er mit Nachdruck:

„Da hinauf will der Herr! Willst Du mit ihm gehen?“

Nun erst belebte sich Gilgian’s Wesen. Er schaute auf, betrachtete sich den Fremden genauer, maß ihn mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den Füßen, gleich wie wenn er aus seiner äußeren Gestalt herausbuchstabiren wollte, ob dieser Herr denn auch im Stande sein werde, eine so rauhe Kletterpartie mitzumachen. Die Prüfung schien ihn zu befriedigen. Die feste Natur, das von der Sonne und der Bergluft stark gebräunte Gesicht des Reisenden, der ungefähr vierzig Jahre alt sein mochte, der Muth und die Begeisterung, die aus dessen Augen strahlten, das Alles waren Erscheinungen, die zu seinem Vortheil gereichten; denn nach einer kurzen Pause erwiderte Gilgian: „Nun, wir wollen’s versuchen! Aber zwei Bedingungen muß ich stellen. Einmal, daß ich mein Tagewerk vollenden könne, und ferner, daß noch ein zweiter Führer mitgenommen werde. – Für Axt und Seil werde ich sorgen.“

„Recht so, Gilgian, das ist brav! Eure Bedingungen sind Euch zugestanden, und den zweiten Führer mögt Ihr Euch selbst auswählen.“

Das war die Antwort des Fremden. Die Sache war zur Zufriedenheit abgemacht, und man schied auf baldiges Wiedersehen mit einem kräftigen Händedruck von einander. Dem freundlichen [582] Beamten aber, der es lebhaft bedauerte, durch Amtsgeschäfte am Mitgehen behindert zu sein, wurde für seine Zuvorkommenheit ein warmer Dank ausgesprochen. –

Es lag im Plane, zu Gewinnung eines Vorsprunges von anderthalb Stunden heute noch bis nach dem Schwarenbach, jener einsamen Herberge am Gemmiwege, vorzurücken. Als der Abend und mit ihm eine erfrischende Kühle angebrochen war, setzte man sich fröhlich in Marsch. Gilgian war ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, groß gewachsen, von kräftigem Körperbau und ruhigem Temperament. Er hatte sich zu seinem Begleiter einen jungen Burschen, Namens Jakob seines Gewerbes ein Zimmermann – auserkoren, der als unerschrockener Berggänger galt.

Die drei Männer schritten bis an das Ende der kleinen Thalebene. Da wo diese durch die steilen Waldhänge abgeschlossen wird, die den Fuß des Gellihorns bilden, öffnet sich zur Rechten in enger Mündung das Alpenthal von Ueschinen; zur Linken aber läßt man die im Felsen- und Tannen-Dickicht versteckte Kluft, aus welcher der junge Gletscherstrom der Kander hervordonnert. Hier beginnt für den Gemmi-Wanderer eine anhaltende Steigung von etwa anderthalb Stunden. In mancherlei Zickzack zieht sich der Weg zuerst durch mächtigen Hochwald, dann über Weidboden und wieder durch Gehölze empor. Tritt man aus dem oberen Gehölze heraus, so geht es durch ein kleines Thälchen fast eben fort. Felsblöcke und Steingerölle verleihen der Gegend einen wilderen Charakter. Aber bald gelangt man auf die Triften der Alp Winteregg, die sich gegen die begraste, zum Theil auch moorige Ebene eines kleinen Thalbeckens niedersenken, in dessen Schooß die Hütten der Walliser Alp Spitalmatte liegen. Dieses Becken wird westwärts durch eine in scharfen Zinnen aufstrebende Mauer von kahlen Felsen begrenzt; ostwärts aber bildet ein steiles, mit dichtem Tannenwald gekröntes Gehänge dessen nächste Einwandung, und über diesem Waldgehänge steigt in seiner ganzen Pracht, die Kanten bis hoch hinauf mit nacktem Felsen bekleidet, das Firndach des Altels empor, während am südlichen Ende ein wildes, nacktes Felshorn das Becken abzuschließen scheint, welches jedoch nur die vorspringende Stufe eines hinter ihm liegenden Schneegipfels ist, der das Große Rinderhorn genannt wird.

Schweigsam stieg die kleine Gesellschaft durch die Hochwälder und Weiden empor, über welche sich allmählich nächtliches Dunkel lagerte. Als sie die Triften der Winteregg betrat und sich ihr plötzlich die nahe Riesengestalt des Altels vor Augen stellte, die wie eine Geistererscheiuung aus dem im Schatten der Nacht ruhenden Alpenthälchen hervortauchte und deren herrliches Firngewand vom Schimmer des Mondlichts beleuchtet war, – da durchströmten Gefühle eigener Art – bange Erwartung und freudige Hoffnung – die Brust unseres Reisenden.

Und als die Gesellschaft Angesichts dieses wunderschönen Nachtgemäldes durch das ebene Thälchen der Spitalmatte wanderte, da schien es auch dem sonst zungenfertigen Jakob wieder behaglich zu werden. Er räusperte sich und fing an, seine Reisegefährten mit der Erzählung von Gebirgsagen und Geschichten, wie die Tradition sie in seiner Gegend von Vater auf Sohn fortgepflanzt haben mochte, zu unterhalten.

„Ihr wißt,“ so begann er, „wie viele Unglücksfälle sich schon drüben im Westen auf dem Rawyl, jenem berüchtigten Passe, der von der Lenk im Berner Simmenthale nach Sitten im Wallis hinab führt, zugetragen haben. Dort, in jenen hohen und rauhen Bergen hat sich auch begeben, was ich jetzt erzählen will. Zwei Männer, alle beide ‚grausame‘ Jäger, der eine ein Walliser, Namens Berno, der andere aus dem bernischen Dorfe Lenk, nährten einen tiefgewurzelten Haß gegen einander. Dieser Haß entsprang aus Eifersucht, weil jeder von ihnen der bessere Schütze zu sein sich rühmte. Jeder wollte die größere Zahl von Gemsen erlegt haben. Die Eifersucht und der Hochmuth des Wallisers hatten einen solchen Grad erreicht, daß er die Drohung verlauten ließ, wenn er dem Lenker einmal auf Walliser Boden begegne, so solle es dem Burschen an sein Leben gehen. Einst war der Lenker auf die Gemsjagd gegangen. Die unwirthbaren Höhen des Rawyl waren sein Jagdrevier. Die Fährte eines Gemsthiers lockte ihn in die Gegend, welche man ,beim Gletscherli’ nennt, und in seinem Eifer kam er auf Wallisgebiet, das dort an das Bernische grenzt. Indem er scharf nach der Gemse umherspähte, gewahrte er plötzlich in der Ferne einen ebenfalls auf Gewild lauernden Jäger, der im nämlichen Augenblicke auch seiner ansichtig ward. Rasch langte jeder nach seinem Fernrohr, und es bedurfte eines flüchtigen Blickes, so erkannten sie sich. Es war Berno – außer dem Lenker das einzige menschliche Wesen in der schauerlichen Einöde! Eingedenk seiner Worte, schlug Berno kaltblütig seine Büchse gegen seinen Gegner an und schrit in dieser Stellung näher. Ungewiss, ob Berno wirklich die Absicht habe, einen Mord zu vollführen, machte sich der Lenker gleichfalls schußfertig, aber bedenkend, daß er sich durch eine voreilige Thal zum Verbrecher stempeln könnte oder bei einem Fehlschuß der sicheren Rache seines Gegners verfallen wäre, sann er auf eine List und führte sie glücklich aus. Er barg sich hinter einem Stein, und als Berno sich näherte, so richtete er vermittelst seines Stockes langsam seinen Hut in die Höhe. Und so wie der Hut über den Rand des Steines hervorragt, paff! da fällt ein Schuß, und von Berno’s Kugel mitten durchbohrt ist der Hut des Lenkers! Dieser aber springt hervor und steht drohend mit angeschlagenem Gewehr vor seinem Gegner, bevor derselbe Zeit hat, seine Waffe auf’s Neue zu laden. Berno ist vernichtet; er bekennt reuevoll seine Schuld und bittet kniefällig um Gnade und Freundschaft. Beides wird ihm von dem wackeren Lenker gewährt, und von dieser Zeit an waren sie unzertrennliche Freunde und Jagdgenossen.“

So gelangten die drei Wanderer fast unvermerkt an das Ende der kleinen Thalebene. Dicht vor ihnen waren hier die schwarzen Wände des Kleinen Rinderhorns himmelhoch emporgerichtet. Der Weg zog sich zur Seite desselben aufwärts und durchschnitt ein Meer von wild durcheinandergehäuften Trümmern einstiger Bergstürze, die diese Gegend verwüstet haben und ihr noch jetzt das Bild der schauerlichsten Zerstörung aufprägen. Eine Todtenstille lagerte über diesen unheimlichen Gefilden, und die Gesellschaft schätzte sich glücklich, als sie endlich in der dunkeln Masse, die etwas vereinzelt vor ihr auftauchte, die willkommene Herberge im Schwarenbach erkannte und daselbst zuvorkommende Aufnahme fand – dasselbe friedliche Haus, das einst Zacharias Werner, tollen Andenkens, zum Schauplatze seines wilden Schauerspiels „der 24. Februar“ gewählt hat.

Nachdem die unerwarteten Gäste von dem sorglichen Wirth auf’s Beste bedient und eingehaus’t waren, wurde es in der einsamen Herberge wiederum still. Jeder hatte sein Schlafgemach bezogen, und so wie der Schlummer seine besänftigende Ruhe über die etwas aufgeregten Gemüther ergoß, so hatte sich draußen die Natur in das Schweigen einer wunderschönen Nacht versenkt, die mit ihrem Dunkel auch ihre Schrecken bedeckte, da wo nicht das Mondlicht seine silbernen Strahlen zwischen den schwarzen Berggestalten hindurchschimmern ließ. Ueber den Gefilden der Zerstörung wandelten die Sterne ihre ewig gleiche Bahn, und einen magischen Effect bewirkten die taghell beleuchteten schneeweißen Felsenzinnen und die flimmernden Firne, die aus dem Chaos der Tiefe in erhabenem Ernst hervortauchten und das Sternengewölbe zu tragen schienen. Jene wandelnden, hellfunkelnden Gestirne aber erschienen gleichsam wie die Augen Gottes, der über seine schlafenden Erdenkinder und über seine ruhende Schöpfung wacht. –


Noch war die Nacht nicht vorbei. Noch funkelten die Sterne am Himmel, nur der Mond war hinter den Bergen herabgeflogen, und ein frischer Morgenhauch machte sich fühlbar, als unsere drei Männer geräuschlos aus dem Berghause im Schwarenbach traten und ihre Schritte gegen den nahen Eiscoloß des Altels hin richteten. Ihre äußere Ausrüstung, die eisenbeschlagenen, oben mit eiserner Hacke versehenen Bergstöcke, der Sack mit Lebensmitteln, die kleine Axt, das aufgewundene Seil auf dem Rücken des einen, das volle Weinfäßchen und die Zeichnungsmappe, womit der andere der beiden Vorauswandernden beladen war, das Alles verrieth hinlänglich, daß es auf einen außergewöhnlichen Gang in’s Gebirge abgesehen war. Innerlich jubelnd, äußerlich das ernste Schweigen theilend, das seine Vorgänger beobachteten, schritt der städtisch gekleidete der Reisenden denselben so rasch, wie es die Dunkelheit des Weges erlaubte, nach.

Eine halbe Stunde lang mußten die Wanderer auf dem schon gemachten Wege zurückgehen und nach der Thalebene der Spitalmatten hinuntersteigen, um sich dem Fuß des in Angriff zu nehmenden Berges zu nähern. Mittlerweile waren die Sterne erbleicht und das Grauen des Tages umschwebte die fahlen, farblosen Gestalten des Gebirges.

[584] Man wendete sich jetzt, als der Thalboden erreicht war, von dem gebahnten Wege rechts ab und gelangte, von nun an jede Spur eines betretenen Pfades missend, den untersten steinigen Hängen des Kleinen Rinderhorns entlang kriechend, nach jener engen Kluft, aus welcher das Gletscherwasser des Loch- oder Sagebaches heftig fluthend in tiefeingefressenem Bette aus dem verborgenen Thalbecken hervorströmt, das von den Eismassen des Sage-Gletschers ausgefüllt ist.

Sowie diesseits der Schlucht die schroffen Felshänge des Rinderhorns sich erhoben, stiegen jenseits derselben die steilen Wände des Altels empor, und die Wanderer hatten nur den wilden Bach zu überspringen, so war der Fuß des Berges erreicht. Dieses Bewußtsein spornte den Eifer, und als man den Bach glücklich hinter sich hatte, indem man, von Stein zu Stein zielend, ihn in Wirklichkeit übersprang, begann man munter und muthig die Erklimmung des Berges.

Begraste Halden, die als Schafweide benutzt werden, bildeten die untersten Hänge. Wenn auch das thaugetränkte Gras schlüpfrig war, so trat der genagelte Schuh sicher auf, und in der Steilheit des Gehänges erblickte der schwindelfreie Kopf keine Gefahr. Doch zusehends wurden die begrasten Stellen seltener. Rauhe, verwitterte Platten von nacktem Fels und lockeres Trümmergestein, das den Absturz bedeckte, nahmen stets überwiegender die Stelle des Rasenteppichs ein, und in dieser abschreckenden Nacktheit zogen sich die steilen Abstürze Über den Häuptern der Wanderer, allmählich zu einer schmalen Gebirgskante verlaufend, in weiter Strecke aufwärts. Man war inzwischen in seinem Eifer bald so hoch geklettert, daß sich der Abgrund zur Rechten immer tiefer, immer schreckbarer öffnete, während zur Linken der Blick auf schimmernde Schneemassen fiel, die als unterste Ausläufer des riesigen Firndaches die schattigen Verklüftungen des Berges bedeckten.

Aber der Tag brach glanzvoll heran. Ein wolkenloser Horizont that sich auf. Alpengipfel, Felshörner, Firnkuppen erglühten in der Sonne goldenem Strahl, die sich das nun erwachende Erdreich unterthänig machte. Immer neue Gestalten tauchten auf in dem weiten Rund. Das Auge blickte staunend und bewundernd umher. Das Gemüth ward ergriffen von der Erhabenheit der Scenerie. Es empfand schon jetzt in vollem Maße die Wonne des Genusses – jenes Hochgenusses, den die zauberhafte Gletscherwelt und die Erklimmung hoher Alpengipfel demjenigen bietet, dessen Sinn empfänglich ist für die hehren Eindrücke, die er auf solchen Wanderungen sammelt. Sind es doch jedesmal Genüsse, die zu den reinsten irdischen und zu den unvergänglichsten gehören. Nicht nur erhebt sich der Mensch dort im Tempel der Alpenwelt, entfesselt von dem Druck und der Einförmigkeit des alltäglichen prosaischen Lebens, entbunden von jedem Zwang spießbürgerlicher Formen, gleich dem stolzen Aar, im Gefühl vollster individueller Freiheit, aus den Dünsten der Tiefe hinauf zu den klaren Gebirgshöhen, wo er himmlische Luft zu athmen vermeint und eine neue, glanzvolle Welt um sich prangen sieht, die trotz ihren Trümmerwüsten, trotz ihrer Nacktheit, trotz ihrem starren Winterkleide durch ihre Majestät, durch ihre gewaltigen Formen, durch ihren riesigen Maßstab einen unbeschreiblichen Zauber auf ihn ausübt; nicht nur vergißt sein Geist hier alle die kleinlichen Plagen und Bekümmernisse des Lebens und fühlt sich in eine höhere Stimmung versetzt, indem er sich Angesichts einer großartigen Natur gleichsam dem Schöpfer näher wähnt; – sondern auch der physische Mensch trägt seinen Gewinn davon. Er übt seine Kraft und stärkt seine Gesundheit durch die ungewöhnten Anstrengungen des Marsches. Sein Auge gewöhnt sich an den Anblick der schauerlichen Abgründe, sein Kopf wird fest und sicher, und weit davon entfernt, daß die Ermüdung ihn zum Genusse unfähig machte, fühlt er sie schwinden, wie er die Höhe erreicht, und empfindet den Genuß doppelt, wenn er sich denselben mit Gefahr und Anstrengung erkauft hat!

Als die kleine Gesellschaft das höchste Gestein jener Felsenkante erreicht hatte, da wo dasselbe unter die Decken des ewigen Firnes sich verläuft, wurden die letzten trockenen Steinplatten benutzt, um auf denselben, gelagert und angehaucht von den wärmenden Strahlen der Morgensonne, in kurzer Rast mit dem Inhalt des Proviantsackes sich zu stärken und mit neuen Kräften sich auszurüsten. Denn während drei Stunden war man unausgesetzt marschirt und hatte erst die Hälfte des Weges zurückgelegt.

[606] Unsere Berggänger ließen sich das bescheidene Gabelfrühstück schmecken; währenddem wendete sich der Reisende an den sagenkundigen Jakob:

„Hört, Jakob, ich möchte wohl wissen, woher eigentlich der seltsame Name Altels stammt. Könnt Ihr mir darüber Bericht geben?“

„Nein, Herr, das vermag ich nicht.“

„Drunten im Thale und in unseren Reisehandbüchern nennt man Euern schönen Schneeberg da die Altels. Das deutet doch wohl auf den Namen Elisabeth oder Else. Habt Ihr nicht auch hier in der Nähe eine ,Wilde Frau’ und eine ,Weiße Frau’, wie Ihr den großen Schneeberg hinten im Kienthale benennt?“

„Wir heißen,“ entgegnete Jakob wieder, „den Berg hier mit seinem Schneegipfel schlechtweg den Altels. Den wilden Schafberg, der sich auf der Seite des Gasternthals hoch über die Flühe hinauf bis an den Gletscher zieht, nennen wir Wildelsigen, und drüben über jenem Grat, der sich rechts vom Lohner gegen Frutigen wendet und im Elsighorn sich ausspitzt, liegt eine gute Alp, die den Namen Elsigen führt. Diese Alp bildete vor Zeiten einen Theil des großen Metschberges, der den Adelbodnern gehört. Der Besitzer dieses Berges, so erzählt man, ein sehr reicher Mann, hat eine Tochter, Namens Elisabeth, und zwei Söhne, Melchior und Peter, gehabt. Nach dem Tode [607] des Vaters ist der Berg unter die drei Kinder vertheilt worden, und daher stammt der Name der Alp Elsigen von Elisabeth, Metsch von Melchior oder Melle und Bonder von Peter. Einer der Söhne aber hat den Frevel verübt, die Marke zwischen Metsch und Bonder heimlich zu seinem Vortheil zu versetzen. Nach seinem Tode hörte man oft in der Nacht ein klägliches Wimmern und Rufen: Hier ist die Marke vom Metschberge! Einmal jedoch soll ein unerschrockener Mann das Herz gehabt haben, den Geist aufzufordern, die rechte Marke mittelst eines Seiles zu bezeichnen, und am darauffolgenden Morgen ist wirklich längs der wahren Marklinie eine Reihe von schwarz angebrannten Seilen hingelegt gewesen. Möglich ist’s nun schon, mein Herr, daß der Benennung Altels der weibliche Taufname Elsa oder Elisabeth zum Grunde liegt, möglich aber auch, daß das Wort Els und Elsigen eine veraltete Bezeichnung für Fluh oder Fels ist.“ –

Der Schafbraten war verzehrt, der rothe Walliser hatte die Runde gemacht und die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, um den Eisberg zu erklimmen, der nun in blendender Weiße vor ihr emporstieg. Man hielt sich ausschließlich an die äußerste, südliche, Kante des ungeheuern Firndaches, weil man hier keinen Eisbrüchen ausgesetzt war und hoffen durfte, der aufgestaute Firn, den die Sonne so lieblich bestrahlte, werde an dieser Stelle am ersten den Einfluß der Wärme empfinden und durch Aufthauen dem Fuße besseren Halt geben. An den tieferen Hängen des mächtigen Firndaches zeigte sich blaues Gletscher-Eis von Klüften durchzogen, die oberen Partieen aber, über die man emporschritt, bestanden ausschließlich aus Firn oder ewigem Schnee, der aber noch hart gefroren war und dessen krystallisirte Masse in tausend Brillanten funkelte.

Indem die Gesellschaft so mit frischem Eifer der Kante entlang hinanstieg, hatte sie zu ihrer Rechten zwei Schritte entfernt den tiefen Abgrund, der gähnend seinen Schooß öffnete. Der Blick glitt an den glatten Eiswänden und Felsen fast lothrecht hinunter in das vergletscherte Thalbecken, in das sich die Abstürze versenkten und das beinahe kreisförmig von den Kämmen eingewandet war, die den Altelsgipfel mit dem Balmhorn und dieses mit dem Großen und Kleinen Rinderhorn verbinden. Eine Grabesstille ruhte in der einsamen Tiefe dieses Abgrundes. Zur Linken flog das Auge über die blendende Weite des Firngehänges, dessen Saum der Fuß betreten hatte und das sich von der Altelsspitze einige Tausend Fuß tief hinunterzog, je mehr und mehr in seiner vollen Ausdehnung und reinen Pracht sich entfaltend.

Gilgian, der erfahrene Gletschermann, war an der Spitze des Zuges und da, wo die Firnkante steiler anstieg, nahm er die Axt zur Hand, um durch Einhauen von Stufen in die glatte und feste Firndecke den Weg zu bahnen. Munter und kräftig hieb er auf den harten Firn los, so daß die Splitter davon flogen und wie silberner Staub in der Sonne funkelten. Es war eine Lust, diesem Spiele zuzusehen. Doch war die Arbeit mit einigem Zeitaufwand verbunden und seine Gefährten benutzten die kleinen Pausen, die den Marsch unterbrachen, um den grausigen Abgrund zu betrachten, an dessen Rande sie hinschritten, oder ihre Augen umherschweifen zu lassen über die Welt von Bergen, die in stets reicherer Zahl am Horizonte emportauchten. Einen Gruß Euch dort, Ihr strahlenden Zinnen der Mischabel! Dir, Du königliches Haupt des Monte Rosa! Dir, Du weiße Kuppe des Lyskamms! Dir, Du blendender Schneeball des Strubels! Aber auch Dir, Du friedliche Herberge im Schwarenbach, die Du Dich inmitten öder Felstrümmer des sonnigen Lichtes erfreust! –

Die Wanderer waren jetzt an die Stelle gelangt, wo ihre Vorgänger es nicht gewagt hatten, die jäh ansteigende Firnkante weiter zu verfolgen, sondern es vorzogen, sich dem Felsen anzuvertrauen, der am mittäglichen Absturz zu Tage kommt, und an dem brüchigen Gestein der furchtbar steilen Wand gegen eine höhere Stufe der Firnkante emporzuklettern. Es war dies immerhin eine schwierige und gefahrvolle Aufgabe, und es soll einem der Männer, der die Partie mitmachte, vor diesem Gang so sehr gegraut haben, daß er zurückblieb.

Unter Gilgian’s besonnener Leitung machte die Gesellschaft diesmal den Versuch, die Firnkante trotz ihrer Steilheit unausgesetzt zu verfolgen, und siehe! er gelang.

Jetzt war das ersehnte Ziel, das sich eine Zeitlang hinter den vorspringenden Stufen des Berges selbst den Blicken entzogen hatte, in geringer Entfernung wieder sichtbar. Man konnte das im Glanz der Sonne schimmernde Signal deutlich unterscheiden. Diese Erscheinung, das Bewußtsein, dem Ziele nahe zu sein, befeuerten den Muth der Männer. Das letzte steile Firngehänge stand vor ihnen. Unter der Firndecke kam das glatte Eis zum Vorschein. Aber der wackere Gilgian hieb mit unverwüstlicher Kraft drauf los, und endlich nach einer siebenstündigen Wanderung setzten die kühnen Männer den Fuß auf den Gipfel des Berges, – mit Stolz und Wonnegefühl in das weite Rund hinausblickend, das sich ihnen unter dem klarsten Himmel und in unbegrenzten Fernen erschloß.

Es war so entzückend schön, daß man hätte ausrufen mögen: Hier laßt uns Hütten bauen! Freilich hätte die Verwirklichung dieses Wunsches schon an der mangelnden Räumlichkeit scheitern müssen, denn – der Gipfel war nur etwa zwei Schritte breit und einige Schritte lang und ringsum der Abgrund der Tiefe geöffnet, in die sich der steile Abfall des Berges, hier als glattes Eis- und Schneegehänge, dort als lothrechte Felswand, mehrere Tausend Fuß tief versenkte. Nur nach Südosten hin zog sich der verlängerte, durch eine kleine Einsattelung mit dem Altelsgipfel verbundene Grat als ein blendendweißer Firndamm, theils scharf und schmal wie ein Messerrücken, theils zur überhängenden, luftigen Schneewehe aufgeblasen, unübersteigbar nach der höheren Spitze des Balmhorns empor.

So lagerte sich die Gesellschaft, so gut es gehen konnte, auf den glitzernden Firnteppich nieder, der den Gipfel überkleidete. Die Temperatur war mild, ja so mild, daß Gilgian sich seines warmen Oberkleides entledigte und dasselbe dem Reisenden als Sitzkissen zurechtlegte, während er selbst, den Rücken der Sonne zugekehrt, sich seiner ganzen Länge nach auf den Boden hinstreckte und bald in einen sanften Schlummer verfiel. Unser städtischer Tourist aber fand nicht Zeit zum Schlafen, sondern vertiefte sich in den Anblick und in das Studium des herrlichen Panoramas, das in vollkommener Klarheit unter dem dunkelblauen Himmelsdom um ihn ausgebreitet war und sich sowohl durch Großartigkeit und malerische Schönheit, wie durch den Reiz freundlicher Landschaftsbilder auszeichnete. Laßt auch uns im Geiste an seine Seite emporfliegen und die wunderbare Welt von Firnen und Gletschern, von Kämmen und Gipfeln, von Thälern und Seen, von öden Felsenwüsten und reich angebauten, im Schmucke der Fruchtbarkeit prangenden Gefilden in ihrer immensen Ausdehnung betrachten! Die Sonne überfluthet dieses schöne Stück Erde mit ihren Lichtwellen, und die Luft ist von seltener Durchsichtigkeit.

Dort im Südwesten schimmert, die tiefgebeugte Firnkuppe des nahen Rinderhorns mächtig überragend, zur Seite das Buet hoch und hehr des Montblancs Haupt, im Kreise seiner riesigen Nachbarn. Diesseits dieser gewaltigen Scheidewand gegen Savoyen glänzt dem Auge aus ferner Tiefe das glitzernde Silberband der Rhone entgegen, da wo dieselbe die heiße, zum Theil versumpfte Thalebene zwischen Sitten und Martinach durchzieht. Aber das Auge fliegt weiter! Dem südlichen Horizonte entlang entsteigen die zahllosen Hörner und Spitzen dem Gletscherwall, der die mächtige Bergwelt krönt, die in breiter Zone, mannigfach gegliedert, durch tiefe Thalspalten zerschnitten, das Wallis von den Thälern der Dora und Sesia scheidet. Das trunkene Auge überhüpft die Bergwelt niederen Ranges und ruht wohlgefällig auf den schönen Formen und imposanten Gruppen und Massen eines Combin, einer Pigne de l’Arolla, einer Dent Blanche, eines Matterhorns, dessen kühnaufragender Gipfel bis jetzt der Anstrengungen des Londoner Alpen-Clubs zu seiner Bewältigung gespottet hat, – eines Moming, eines Weißhorns, dessen prachtvolle Eisspitze den gewaltigen Turtmann-Gletscher beherrscht, eines Lyskamms und Monte Rosa, dessen in Wirklichkeit dominirende Majestät jedoch durch die nähergestellten, in kühneren Formen aufstrebenden Gebilde der Mischabel beeinträchtigt wird. Da wo die Gipfel des Simplon dem Kamme der Alpen entragen, wird die Ansicht derselben durch die nahe Gestalt des Balmhorngipfels unterbrochen, aber gerade dieses schöne Gebilde selbst erscheint in seinem blendendweißen Atlaskleide, in dem es in das Azurblau des Himmels hinaufragt, als eine Zierde des Gemäldes.

Allmählich den östlichen Horizont einnehmend ist dem Blicke wiederum eine Scenerie erschlossen, die an Großartigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Es sind die reich umgletscherten Gruppen der Lötschthalgebirge und der Aletschhörner, die da in riesenhaften Gestalten in einander verschlungen sind und deren [608] polirte Eispanzer in der Sonne funkeln. Ihren Fuß umlagernd spiegelt sich in seiner Pracht der Langen-Gletscher, der bis nach den grünen Alpen des Lötschenthals hinunter reicht. Sodann setzt sich das Heer mächtiger Gipfelgestalten, anscheinend in einem Gliede, aber in Wirklichkeit coulissenförmig hintereinandergestellt, fort über das Finsteraarhorn, die Jungfrau und den Mönch bis zum Wetterhorn, ihre steilen Eis- und Felsenwände in ihrer ganzen Schreckbarkeit entblößend. Diese Gebilde präsentiren einen vollkommenen Querdurchschnitt durch das Centrum der Berner Hochalpenkette. Im Vordergrunde breitet sich, gleich einem wunderschönen Teppich vor den Füßen dieser Bergheroen, die ganze glänzendweiße Firnebene des Tschingelgletschers aus, dessen zerklüfteter Absturz bis in den Boden des Gasternthälchens herunterhängt, während in kaum mehr kennbaren Gestalten das Doldenhorn und die Blümlisalp ihre firnumsäumten, kahlen Felswände, als nördliche Einfassungsmauer des Gasternthals und Tschingelgletschers, dem Schauenden zukehren und ihre scharfgezeichneten Gipfel in das Blau des Himmels recken. Ueber die weiter vorgeschobene Bergwelt des Kienthals, über die Hörner und Kämme, die den Thälern von Lauterbrunnen und Grindelwald, dem Becken des Brienzersees, den Alpenthälern von Unterwalden entsteigen, schweift der Blick bis an den nebligen Saum ferner Berge.

Nach Norden hinblickend darf das vom Glanz der Gletscherwelt fast geblendete Auge an dem sammtnen Grün der Wiesen, welche die kleine Thalebene von Kandersteg und die zahmen Gründe und Hänge des Kanderthals schmücken, so wie an dem dunkeln Colorit der Hochwaldungen und Alpen sich wohlthuend erlaben. Es verfolgt weiter hinaus den Lauf des Bergstroms in schwindelnder Tiefe durch die ganze Länge des mit seinen Matten und Gehölzen vor ihm aufgeschlagenen Thals. Freundliche Wohnhäuschen und Ortschaften schmücken das Gelände. Frutigen, das stattliche Dorf, Aeschi, auf grüner Hügelhöhe, schimmern dem Auge aus sonniger Ferne entgegen. Die Niesenkette mit ihren leicht aufgeworfenen Gipfeln breitet als linkseitige Thaleinfassung ihren Reichthum an Alpen und Wäldern, aber auch ihre schroffen Gratwände, Ihre Felsbrüche und ihre Lawinenzüge aus. Dort aber am Fuße des Riesen liegt im Schooß üppiger Baumgärten, lieblicher Wiesen und anspruchloser Weinberge, den Fuß malerisch geformter Berghöhen benetzend, der reizende Thunersee blau schimmernd, wie im Abglanz des Himmels. Und drüber hinaus öffnet sich die fruchtbare weite Landschaft, von Hügeln durchschnitten, von Straßen und Flüssen durchzogen, mit Seen, Städten und Dörfern geschmückt und in weiter Ferne von dem blauen Gürtel des Jura, ja von den Vogesen und dem Schwarzwald in sanftgezeichneten Linien begrenzt.

Wendet sich aber der Blick noch mehr, sieht er nach Westen hin, so steht vor ihm neuerdings eine Welt von Bergen da! Es sind die reichen, vom schönsten Vieh besetzten Alpberge des Adelbodnerthals, des Simmenthals, des Saanenlandes, des Thales von Greyerz und des waadtländischen Oberlandes, die sich vor ihm entfalten. Reihe hinter Reihe streckt ihre mannigfach geformten Gipfel empor, – hier im grünen Kleide des Blumenteppichs, dort als nacktes Fluhgebilde, hier in der Form eines spitzzulaufenden Kegels oder eines scharfen Zahns, dort als breitere Kuppe oder als langgedehnter Grat. Das nördlichste Glied dieser zahlreichen Bergketten, die ebensoviele Thäler einschließen, grenzt dieselben in steilaufgebauten Wänden, denen scharfausgeschnittene charakteristisch geformte Gipfel entsteigen, von jener weitausgespannten Thal- und Hügellandschaft ab. Nach Westen hin verliert sich der Horizont in den Berggestalten des fernen Savoyens. Den Südrand dieses Gebirgsnetzes hingegen bildet die mächtige Grenzkette, die sich nach dem Thal der Rhone abstürzt und welcher die vergletscherten Hörner und Kuppen der Diablerets, des Wildhorns, des Rawyl und des Strubels entsteigen, dessen breite Firnschanze, den Gemmipaß bewachend, dem Auge schon näher steht und durch ihre Schönheit die Bewunderung fesselt. –

Unser Wanderer war noch in stiller Andacht vertieft in dem Anstaunen und in der Betrachtung dieses reichen und großartigen Panoramas, als seine beiden Führer – denn auch Jakob hatte sich einem Schläfchen überlassen – aufwachten und erklärten, daß es an der Zeit sei, den Rückzug anzutreten.

Zwei Stunden Aufenthalts auf einem der weitsichtbaren Hochgipfel der Alpen waren wie ein schöner Traum verflossen. Ein letzter Rundblick wurde geworfen vom Montblanc zum Monte Rosa, vom Monte Rosa zur Jungfrau, von der Jungfrau hinaus nach dem blauen See und nach der reizenden Landschaft, aus der ihm die Wohnstätten der Menschen entgegenglänzten. War doch die Luft so klar, daß dem Auge keine Thurmspitze entging und daß es dort am Fuße des Jura in einer geraden Entfernung von achtzehn Stunden die Häuserreihe der Stadt Neuenburg deutlich erkannte, die das Gestade des fernen Sees besäumte. Doch, es mußte geschieden sein!

Um zwei Uhr Nachmittags wurde der Rückzug angetreten. Das Hinuntersteigen ward dadurch erleichtert, daß die der erhöhteren Temperatur und den Strahlen der Sonne ausgesetzte Firn-Oberfläche etwas weicher und lockerer geworden war. Dennoch dachte sich das oberste Gehänge so jäh ab, daß man es nicht wagen durfte, anders vorzurücken, als Schritt für Schritt die alten Stufen zu verfolgen. Aber nachdem man glücklich die erste halbe Stunde Weges und damit auch die steilste Partie zurückgelegt hatte, wich die Gesellschaft von der im Hinanklimmen innegehaltenen Bahn ab und versuchte in gerader Richtung, seitwärts der Firnkante, in nur geringer Entfernung, über die starkgeneigte Firnfläche, die das riesenhafte Altelsdach bildet, hinunterzugleiten. Gilgian war wieder an der Spitze des kleinen Zuges, und die Anderen folgten seinem Geleise, jeder auf seinen erprobten Bergstock gestützt. Es erfordert zu einer derartigen Glitschfahrt nicht nur Uebung und Gewandtheit, sondern auch Unerschrockenheit und Körperkraft. Man darf sich, besonders an solchen Firnhalden, deren untere Partie man nicht klar übersieht und die von Firnschründen durchklüftet oder durch steile Abfälle unterbrochen sein könnten, nicht sorglos dem Trieb und der Lust zum raschen Vorrücken überlassen, sondern, sowie man sich aufrechtstehend mit leicht vorgebogenem Körper, den Stock mit beiden Händen seitwärts gegen den Firn stemmend, auf der glatten Bahn rutschen läßt, muß man die Spannkraft seiner Schenkel stets bereit halten, um im Stande zu sein, plötzlich den Lauf zu hemmen und mittelst Einschlagen des Fußes in dem Firn Posto zu fassen. Die Raschheit der Fahrt hängt übrigens von der Neigung des Gehänges und der Härte des Firnes ab. Ist dieser zu sehr erweicht, so wird man durch das Einsinken am Vorrücken gehindert, und ist der Firn zu hart und glatt, so kann eine solche Rutschfahrt lebensgefährlich werden.

Unsere drei Männer hatten sich der Gunst der Umstände zu erfreuen. Trotz der Vorsicht, die sie anwandten, um nicht in zu raschen Lauf zu kommen, weil sie nicht zu beurtheilen vermochten, wie das Firngehänge tiefer unten beschaffen sei, glitten sie doch mit solcher Raschheit auf der krystallhellen Firnbahn hinunter (siehe die Abbildung in Nr. 37), daß sie in der Zeit von dreiviertel Stunden eine Strecke Weges zurücklegten, die zur Erklimmung vier Stunden erfordert hatte, und sie verließen den Schnee unter ihren Füßen nicht eher, als bis sie den blumenreichen Rasenteppich der Schaftrift betreten konnten.

Hier, auf dem weichen, duftenden Polster, mit der einen Hand die Kinder Florens ergreifend, die andere im ewigen Schnee kühlend, ruhte die Gesellschaft von der lustigen, aber immerhin anstrengenden Rutschfahrt aus, und dem Zaubersacke Gilgian’s wurde das letzte Stück Hammelfleisch, dem Weinfläschchen der letzte Tropfen Walliser ausgepreßt, um die trockenen Kehlen anzufeuchten und die Lebensgeister zu kräftigen.

Das Endziel ihres Marsches stand nahe. Leicht durch die lichte Fichtenwaldung hinuntereilend, gelangte die Gesellschaft in das stille Alpenthal, in das schon die Schatten des Abends fielen. Stolz zurückblickend nach dem gewaltigen Eiskoloß, den man durch Muth und Ausdauer bezwungen hatte, schritt man munter dem einsamen Berghause im Schwarenbach zu und langte zur selbigen Stunde am Ziele des Tages an, wo das herrliche Firnkleid, das den Altelsgipfel umhüllt, in den letzten Purpurgluthen der sinkenden Sonne erstrahlte. –


  1. Lange ehe sich in London der englische Alpenclub bildete und nach seinem Vorgange der schweizerische mit Zweigclubs in den verschiedensten Berggebieten der Schweiz und jüngern Datums der österreichische Alpenverein in’s Leben traten, um die zur Modepassion gewordenen Besteigungen hoher Alpengipfel systematisch zu organisiren und für die Wissenschaft nutzbar zu machen, hatte sich bekanntlich in der Schweiz, wie in den österreichischen Alpenländern eine Reihe von Männern die wissenschaftliche Erforschung der höchsten Bergregionen zum Ziele gesetzt. Unter diesen kühnen Alpengängern ist der Verfasser des obenstehenden Aufsatzes, Herr Regierungsstatthalter Gottlieb Studer in Bern, ein Vetter des am gleichen Orte lehrenden und wirkenden Alpengeologen Professor Bernhard Studer, unbestritten eine der ersten Autoritäten. Seit manchem Jahre pflegt er allsommerlich in den Alpen, bald im Westen, bald im Osten, umherzustreifen, die schwierigsten Bergerklimmungen zu wagen und in der Regel dem Publicum die Erlebnisse, Erfahrungen und Untersuchungen seiner Exkursionen in lebensvollen Darstellungen vorzulegen. Wenige dürften eine durch sorgfältige Forschungen an Ort und Stelle erworbene gleich genaue und umfassende Gebirgskenntniß besitzen, nur sehr Wenige auf so vielen allerhöchsten Alpenzinnen gestanden haben wie er, der vom Mont Velan und Grand Combin im Wallis bis nach Glarus und Uri auf die Scheitel fast aller Bergriesen den Fuß gesetzt hat. Unter seinen zahlreichen Schriften und Abhandlungen sei hier nur der jedem Alpenreisenden besondern zu empfehlenden gedacht, des „Panorama von Bern“, einer gründlichen Beschreibung aller der Berge, die in der Nähe der Bundesstadt vom Eichplatz der Enge aus das trunkene Auge erblickt; seiner trefflichen „topographischen Mittheilungen aus den Alpen“ und der interessanten Beiträge, mit denen er die in Gemeinschaft mit Melchior Ulrich in Zürich und J. J. Weilenmann in St. Gallen – denen sich später noch H. Zeller in Zürich beigesellte – von ihm in zwei Sammlungen herausgegebenen „Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz“ geschmückt hat. Wenn wir hiermit einen Originalartikel aus der nämlichen bewährten Feder mittheilen, so glauben wir unsern Lesern um so Willkommneres zu bieten, als der unermüdliche Alpenwanderer vor wenigen Wochen erst wieder durch seine Bergfahrten in der nächsten Umgebung des neulich geschilderten Unteraargletschers die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat.
    D. Red.