ADB:Studer, Bernhard

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Artikel „Studer, Bernhard“ von Wilhelm von Gümbel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 731–734, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Studer,_Bernhard&oldid=- (Version vom 9. Juli 2020, 22:24 Uhr UTC)
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Studer: Bernhard St., Professor der Mineralogie und Geologie an der Universität Bern, berühmter Alpengeologe, entstammt einer alten bernischen Familie, aus welcher viele Glieder dem theologischen Stande angehörten, zugleich aber auch eine gewisse Neigung zu naturwissenschaftlichen Studien an den Tag legten. St. war geboren am 21. August 1794 zu Büren im Kanton Bern als Sohn des Pfarrers Samuel St., welcher später als Professor für praktische Theologie an der Akademie in Bern thätig war, nebenbei auch durch fleißige naturwissenschaftliche Arbeiten namentlich auf dem Gebiete der Geologie, Versteinerungskunde und Meteorologie einen geachteten Namen und als Mitbegründer der Schweizer naturforschenden Gesellschaft große Verdienste für die Förderung der Naturwissenschaften im allgemeinen sich erworben hat. Bernhard St. widmete sich, in die Fußstapfen seines Vaters tretend, der Theologie, erbte aber auch als Familiengut die Lust zu naturwissenschaftlichen Forschungen. Kaum hatte er [732] daher sein theologisches Examen bestanden und dabei zum ersten, aber auch letzten Mal die Kanzel betreten, verließ er sofort die theologische Laufbahn und warf sich nunmehr zur Vervollständigung seiner Kenntnisse mit Feuereifer auf die mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien, so daß er schon 1815 die Stelle eines Lehrers der Mathematik an dem Gymnasium in Bern übernehmen konnte. Er besuchte dann 1816 Göttingen, wo Hausmann lehrte, ferner Freiberg, Berlin und 1820 Paris zu seiner weiteren Ausbildung, die er durch größere geologische Reisen in Frankreich, Italien, England, Schottland und namentlich im ganzen Alpengebiete zu erweitern eifrig sich bestrebte. Namentlich waren es die gemeinsam mit dem berühmten Geologen L. v. Buch unternommenen und nach Anleitung von Boué in den Alpen ausgeführten wissenschaftlichen Reisen, welche den Grund zu seinen späteren ungewöhnlich hervorragenden Leistungen legten. Schon 1834 erfolgte seine Berufung als Professor der Geologie an die Universität Bern, wo zum ersten Mal und eigens Studer’s wegen eine Professur dieses Fachs in der Schweiz errichtet worden war. Neben diesem Beruf übernahm St. zugleich auch den Vortrag über höhere Mathematik an der städtischen Realschule. Während er in diesen verschiedenen Stellungen auf pädagogischem Gebiete Vortreffliches leistete, setzte er unermüdlich während jeder freien Zeit seine Erforschungen der Gebirgsverhältnisse der Schweiz, namentlich jener der Alpen in ihrer ganzen Erstreckung von Ungarn bis zum Rhonethale, die er nach allen Richtungen wiederholt zu Fuß durchwanderte, fort, so daß es kaum ein Gebiet des Hochgebirges gab, über dessen geologische und physikalische Verhältnisse sich St. nicht durch eigene Anschauungen und Untersuchungen Kenntniß verschafft hatte. Dabei suchte er, ohne sich von den Meinungen Anderer beeinflussen zu lassen, eine selbständige Ansicht zu gewinnen, liebte es jedoch gleichwol bei seinen Wanderungen von ortskundigen Fachgenossen begleitet zu werden oder gemeinsam mit befreundeten Gelehrten, namentlich mit Escher von der Linth, Peter Merian, ein Dreigestirn von seltenem und unverlöschlichem Glanze, weite Gebiete und Länder zu durchwandeln. Die Selbständigkeit und die von jeder Theorie oder vorgefaßten Meinung freie Art der Forschung, welche bei einem tiefen Eindringen in das Einzelne, darüber doch den Ueberblick über das Ganze nicht aus dem Auge verliert, die mathematisch scharfe Anschauung bei allen Untersuchungsergebnissen, die kritischen und klardurchdachten Schlußfolgerungen aus vielen vergleichenden Einzelforschungen charakterisiren Studer’s wissenschaftliche Arbeiten und erheben sie zu den besten und hervorragendsten auf geologischem Gebiete. Sie suchen nicht durch geistreiche Theorien und kühne Speculationen zu glänzen, gewinnen aber um so mehr an Werth durch die Fülle exacter Beobachtungen und kritischer Vergleiche, durch welche St. sich die Stellung des eigentlichen Begründers der Alpengeologie erwarb. Schon gleich seine erste größere Publication „Monographie der Molasse“ (1825), in welcher er eine in dem alpinen Vorlande den Schweiz weitverbreitete Schichtenablagerung mit größter Genauigkeit schilderte und sie zu einem selbständigen Glied in der Reihe der Gesteinsformationen erhob, bekundet die Meisterschaft der Forschung wie der Darstellung. 1834 folgte eine weitere größere, inhaltsreiche Schilderung: „Geologie der W. Schweizeralpen“. Daran reihen sich zwei weitere rasch folgende bedeutende Werke: das „Lehrbuch der mathematischen Geographie“ (1836) und das „Lehrbuch der physikalischen Geographie und Geologie“ (1844–1847), in welchen St. mit weitschauendem Blick die innige Beziehung der äußeren Ausgestaltung der Erde und ihre Gesammtnatur mit den Verhältnissen der Gesteinsbildungen in Zusammenhang zu bringen erfolgreich versucht hat. Zum Zweck seiner Lehrvorträge schrieb er 1859 auch ein Werkchen: „Einleitung in das Studium der Physik“.

[733] Inzwischen hatten sich infolge der zahlreichen Forschungsreisen seine Kenntnisse der geologischen Verhältnisse der Schweiz so verdichtet, daß er eine Reihe inhaltsreicher Publicationen vom Stapel laufen lassen konnte, unter vielen anderen 1835 eine eingehende Beschreibung der Gebirgsmassen von Davos, mit Escher gemeinschaftlich 1839: „Geologie von Mittelbünden“, dann „Reise durch Italien und Südfrankreich“ (1840); „Zur Theorie der Gletscher“ (1843); „Ueber die südlichen Alpen“ (1846); „Reise in den österreichischen Alpen“ (1849). Alle einzelnen Erforschungsergebnisse zusammenfassend erschien dann 1851–1853 das zweibändige Hauptwerk „Geologie der Schweiz“ und damit im engsten Zusammenhang die gemeinschaftlich mit Escher verfaßte „Carte géologique de la Suisse“ (1855), zu welcher die vorausgegangenen Textbände als Erläuterung, zugleich auch als Einleitung in das Studium der alpinen Geologie und als ein Reisehandbuch für Geologen dienen sollten.

Diese Schweizer Karte hatte zwar die geologische Karte Frankreichs von Elie de Beaumont und Duvernois als eine ein ganzes Land umfassende Vorgängerin zum Muster, war jedoch die erste nach neueren wissenschaftlichen Principien verfaßte, welche nahezu ausschließlich aus eigenen Beobachtungen des Verfassers hervorgegangen ist, während die französische Karte nur als eine allerdings sehr vortreffliche Zusammenstellung der Forschungsergebnisse vieler verschiedener Geologen gelten kann. Es muß deshalb die Studer-Escher’sche Arbeit als eine der bedeutendsten Leistungen bezeichnet werden, welche bis dahin auf geologischem Gebiete geboten wurde und welche selbst jetzt noch wenig von ihrem Werthe als orientirende Uebersichtskarte verloren hat. Zum ersten Mal sehen wir hier die höchst verwickelten Gebirgsverhältnisse eines großen Theils der Alpen in ihren verschlungenen Zügen, Zusammenfaltungen und überstürzten Lagerungen mit einer Treue und Klarheit dargestellt, welche die Bewunderung der ganzen wissenschaftlichen Welt auf sich zog. Nur wer die Schwierigkeiten kennt, welche die Hochgebirgsnatur einer Durchforschung entgegenstellt, vermag die ganz außergewöhnlich großartige Leistung dieser Publication richtig zu beurtheilen.

Aufgemuntert durch die allseitige Anerkennung dieser Darstellung faßte St. den Plan, nachdem inzwischen Dufour’s ausgezeichnete topographische Kartenblätter der Schweiz in großem Maaßstabe (1:100000) zu erscheinen begonnen hatten, diese zur Grundlage eines ausführlichen geologischen Kartenwerks zu nehmen und zu jedem dieser, die ganze Schweiz umfassenden 25 Blätter eine genaue geologische Beschreibung herzustellen. Dieser Gedanke faßte schnell Wurzel und unterstützt von der Regierung, welche die Kosten der Publication übernahm, wurde die geologische Detailaufnahme der Schweiz unter der lebhaften Betheiligung der zahlreichen Fachgenossen des Landes, namentlich von Escher, Merian, Desor, Alphons Favre, de Loriol, Müller u. A. rasch ins Leben gerufen. Es trat 1859 eine Commission zu ihrer Ausführung zusammen, und St. wurde als Präsident an die Spitze dieses Unternehmens gestellt. Von da an war Studer’s eifrigstes Bestreben darauf gerichtet, diese großartige Aufgabe so rasch als möglich zur Ausführung zu bringen. Unter seiner umsichtigen Leitung und begeistert von der Wichtigkeit dieses patriotischen Werkes betheiligten sich zahlreiche jüngere Kräfte an der Ausführung der geologischen Durchforschung des Landes, so daß in erstaunlich kurzer Zeit noch zu Lebzeiten Studer’s sämmtliche 25 Atlasblätter der Dufour’schen Karte mit ausführlichen Erläuterungen in 27 umfangreichen Quartbänden zur Publication gelangten und nur noch Weniges, für welches eine noch detaillirtere Untersuchung und Darstellung erforderlich sich erwies, zu vollenden übrig blieb. Es gereichte St. zur größten Freude, das von ihm angeregte und mit so viel Geschick wie Umsicht geleitete Unternehmen nahezu vollständig hergestellt zu sehen. Aus der späteren Zeit stammen außerdem [734] noch mehrere bedeutende größere Publicationen Studer’s, wie: „Geschichte der physikalischen Geographie der Schweiz“ (1865) und „Index der Petrographie und Stratigraphie der Schweiz“ (1872), welch letzteres Werk einen höchst dankenswerthen Ueberblick über den Stand der geologischen Alpenerforschung im ganzen gewährt, Dazu kommt eine große Reihe kleinerer Aufsätze in verschiedenen Fachzeitschriften, welche Zeugniß davon ablegen, daß St. bis in sein hohes Alter rüstig und unermüdet wissenschaftlich thätig war. Erst 1885 zwang ihn herannahende Altersschwäche zur Uebergabe der Vorstandsschaft der geologischen Commission an A. Favre, nachdem er schon 1873 seine Professur an der Universität niedergelegt hatte.

Wie groß auch Studer’s Verdienste für die Förderung der Naturwissenschaften auf dem Gebiete des Unterrichts in der Schweiz im allgemeinen sind, so werden diese doch weit überstrahlt von seinen umfangreichen Leistungen als selbständiger Forscher auf geologischem Gebiete, welche ihm für alle Zeiten eine erste Stelle unter den Fachgenossen sichern. Dies wurde schon zu seinen Lebzeiten durch allseitige Anerkennung und dadurch beurkundet, daß zahlreiche Akademien der Wissenschaften und gelehrte Gesellschaften ihn mit der Ernennung zu ihrem Mitgliede ehrten. St. entschlummerte in dem hohen Alter von 92 Jahren sanft, ohne eigentliche Krankheit, am 2. Mai 1887 in Bern.

Nekrolog von Rütimeyer im N. Jahrb. für Mineral. etc. 1887. II. Bd.