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Textdaten
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Autor: Gustav Dannehl
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Titel: Die vlamische Bewegung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, 22, 24, 27, S. 334–335, 374–376, 400–401, 455–457
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[334]
Die vlamische Bewegung.

Von Dr. Gustav Dannehl.

1. Das Verhältniß der Nationalitäten in Belgien.


Es giebt wenig Parteiströmungen und Culturbestrebungen im Auslande, die so sehr unsere Aufmerksamkeit und unsere Theilnahme verdienen, wie die vlamische Bewegung. Aber obwohl diese Bewegung schon ein Menschenalter hindurch einzig und allein die Wiederbelebung und Erhaltung eines Stückes urdeutschen Volksthums bezweckt, das von französischer Sprache und Sitte schon ganz überwuchert war und das noch immer nicht völlig der Gefahr überhoben ist, in fremdländischem Wesen unterzugehen, so kann man doch behaupten, daß diese deutschfreundliche Strömung in Belgien einem großen Theile des deutschen Volkes kaum dem Namen und dem Schauplatze nach bekannt ist.

Daß Belgien, diese so sonderbare und doch in mancher Hinsicht historisch gerechtfertigte Staatenbildung, ein zweisprachiges, von romanischen Wallonen und germanischen Vlamingen bewohntes Land ist, weiß jedes Kind, daß aber unsere vlamischen Stammesbrüder die überwiegende Majorität bilden, ahnen die wenigsten.

Die meisten deutschen Reisenden, welche auf dem Wege nach England oder Frankreich durch Belgien fahren oder die berühmten Seebäder Ostende und Blankenberghe besuchen, gewinnen, wenn sie nicht eigens, um Land und Leute zu studiren, von den Hauptlinien der belgischen Staatsbahn Abstecher machen, leicht die Vorstellung, daß sie sich durchaus auf französischem Sprachgebiete bewegen. Selbst ein mehrtägiges Verweilen in den von Kunstdenkmälern früherer Zeit strotzenden Städten Gent, Brügge, Antwerpen etc. vermag diese grundfalsche Vorstellung schwerlich zu beseitigen. Und das ist ganz natürlich. Wenn man mit den Eilzügen über Verviers und Lüttich erst ein Stück durch wallonisches Gebiet und dann von Löwen ab durch den langen schmalen Landstrich fährt, der den nördlichen, germanischen Theil Belgiens ausmacht, so vernimmt man aus dem Munde des Schaffners, der natürlich, wie alle Angestellte des Landes, französisch spricht, lauter französirte Stationnamen, wie Tirlemont, Louvain, Bruxelles, Alost, Gand, Bruges etc., hinter denen sich die grunddeutschen Städtenamen Thienen, Löwen, Brucksel (das heißt kleine Brücke), Aelst, Gent, Brügge verbergen. Die vornehmen Classen der Vlamingen, mit denen der Reisende auf dieser Strecke in der ersten und zweiten Wagenclasse meist zusammenkommt (die dritte steht etwa unserer vierten gleich), bedienen sich in der Oeffentlichkeit fast ohne Ausnahme der französischen Sprache, während das Vlamische im gemütlichen Verkehr der höheren Stände wohl noch in ähnlicher Weise auftritt, wie das demselben verwandte Plattdeutsch in städtischen Kreisen Norddeutschlands; im Uebrigen ist das Vlamische die Sprache des Landvolks, des gemeinen Mannes und – der Kinder, und zwar auch der vornehmeren, bis sie durch die höhere Schule verwälscht werden. Bei den durch Belgien reisenden Deutschen würde man auf der Tour wie in den Hôtels mit Recht die Kenntniß des Vlamischen nicht voraussetzen, und so erklärt sich unsere obige Behauptung im Betreff der falschen Ansicht von den Sprachverhältnissen Belgiens. Und doch hat das Antwerpener Land, haben Ost- und Westflandern und ein Theil von Brabant, ja selbst ein größerer Theil des französischen Flandern bis vor die Thore von St. Omer manchen Zug echten, unverfälschten und unverwälschten Deutschthums in Sprache und Kunst, in Sitten und Gebräuchen treuer und ursprünglicher bewahrt, als mancher deutsche Gau selbst.

Wenn die vor Kurzem vom Reichskanzleramt für das ganze deutsche Reich angeordneten statistischen Erhebungen über die Farbe der Augen, der Haare und der Haut bei den Einwohnen sich auch auf jenen vormalig burgundischen Kreis erstreckt hätten, so würde man sicher einen Typus gefunden haben, der reiner germanisch ist, als der unsere. Diese kräftigen Männergestalten mit dem hellblonden Haar und den lichtblauen Augen, die so sanft blicken und auf deren Grund doch das Feuer des furor germanicus glüht, wenn es den Kampf für die Rechte und Freiheiten gilt, diese zarten, züchtigen Frauen mit den runden Madonnengesichtern, diese reizenden Engelsköpfchen, die hinter den Blumenfenstern hervorlauschen, sind dieselben, welche den Rubens und van Eyck, den Memling und Quentin Messis zum Modell gedient haben. Volkslieder von dem Klange der von Uhland und Hoffmann von Fallersleben gesammelten Kinderlieder und Volksreime, noch heute jedem Niederdeutschen verständlich, ertönen hier noch fast in denselben Lauten und Wendungen auf den Gassen und Märkten vor den altehrwürdigen Giebelhäusern, wie sie erklungen sind, als Karl der Fünfte in seiner Vaterstadt Gent glänzenden Hof hielt, von einer reizenden Patriciertochter in zarten Liebesbanden festgehalten, oder als Maximilian-Teuerdank um die schöne Maria von Burgund freite und von den reichen Brüggern in der Craenenburg gefangen gehalten wurde, weil er ihre Gerechtsame nicht respectiren wollte.

Die malerische, nonnenartige Tracht der Bürger- und Bauerfrauen von Brügge und seiner Umgebung hat sich in den letzten dreihundert Jahren kaum merklich verändert, wie der Vergleich mit den herrlichen Portraits in den Kirchen und Gallerien lehrt. In den Tooneelliefhebber-Gesellschaften (Liebhabertheatern), welche über das ganze Land verbreitet sind und die hier in ihrem demonstrativen Gegensatz zu der importirten französischen Komödie eine wahrhaft nationale Bedeutung gewonnen haben, leben die alten Rhetoreikammern noch fort, während die diesen entsprechenden deutschen Institutionen des Meistergesanges und der Dichterorden längst eingegangen sind. Manche dieser Vereinigungen führen ihre Stiftung bis in’s dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert zurück und erfreuten sich bis in die napoleonische Zeit namhafter Privilegien.

Das Innere der Häuser birgt noch einen Schatz uralten Hausrathes, solide Erzeugnisse der kerndeutschen Industrie, die in vergangenen Jahrhunderten hier in höchster Blüthe gestanden hat. So erinnert Alles an die germanische Verwandtschaft. Wer daher nur einige Schritte von der erwähnten Schienenstraße in das Innere machen wollte, der würde in dem ersten besten jener reinlichen und behäbigen Dörfer des grünen Tieflandes von Flandern auf seine französische Anrede die Antwort: „Kan niet verstaen“ bekommen, der würde eine Sprache vernehmen, so reindeutsch, so kräftig und treuherzig, wie die, in welcher die alten plattdeutschen Chroniken von Köln, Lübeck oder Magdeburg geschrieben sind.

Während sich nämlich in Norddeutschland die aus der Sprache der sächsischen Kanzlei hervorgegangene und namentlich durch Luther’s reformatorische und literarische Thätigkeit immer mehr in Aufnahme gekommene hochdeutsche Schriftsprache neben der niederdeutschen Volkssprache allmählich vollständig Bahn brach und die alte Stammessprache fast zu einem Dialect herabdrückte, hat sich das Niederländische in Folge der fast gleichzeitigen Loslösung seines Gebietes vom Reich auch als Schriftsprache behauptet und, ohne sich wesentlich zu verändern, es zu einer verhältnißmäßig nicht unbedeutenden nordniederländischen (holländischen), sowie zu einer neueren jungvlamischen, das ist belgisch-niederdeutschen Literatur gebracht. Der Grundton und wesentliche Gehalt dieser letzteren ist die patriotische Verherrlichung der großen Vergangenheit Flanderns und das Streben nach Wahrung des germanischen Volksthums durch unausgesetzten Kampf gegen die Französirung, welche dem Deutschthum jenes Gaues lange den Untergang gedroht hat. Die Vertreter dieser jungvlamischen Literatur sind zugleich die Hauptträger der vlamischen Bewegung gewesen; der Dichter und Sprachforscher Jan Frans Willems (geboren 1793 zu Bouhout bei Antwerpen, gestorben 1846 zu [335] Gent) kann für den Vater der einen wie der andern gelten. Sein ganzes Leben war dem Kampf für die Rechte der Volkssprache gewidmet.

Man kann das Vlamische als einen Dialect des Holländischen betrachten, ähnlich wie das Geldernsche, Overysselsche etc.. Ein Jahrzehnt nach der Revolution von 1830, welche Flandern von dem stammverwandten Holland losriß, entwickelte sich dasselbe selbstständig in einer von der holländischen ziemlich abweichenden Orthographie.

In der Verfassung des neugegründeten Königreichs Belgien war den Vlamingen und den Wallonen völlige Gleichstellung ihrer Sprachen verheißen worden. Allein diese Bestimmung blieb ein leeres Wort. Die gesammte Verwaltung, die Kammern, die Schulen – alles wurde französirt; die Vlamen sahen sich zu einer unwürdigen Pariastellung herabgedrückt, wenn sie nicht auch französisch werden wollten, und hatten bald Grund genug, ihre durch religiöse Gegensätze herbeigeführte Lostrennung von dem zwar protestantischen, aber doch stammverwandten Holland bitter zu bereuen. Mit klarem Blick erkannte Willems die Gefahr, in der das vlamische Volksthum schwebte. Seine patriotischen Dichtungen weckten zuerst das schlummernde Nationalgefühl. Bald nach der Revolution ruft er in seinem poetischen Appell „Aen de Belgen“ seinen Landsleuten zu: die Heimath blicke auf sie, auf das Geschlecht der verwälschten Vlamingen, wie eine Mutter in dem Angesicht des Neugeborenen die Aehnlichkeit des Vaters suchend, und er kommt zu dem Schluß:

„Sie findet nicht, was gern sie finden wollte;
Nicht gleicht der Belgier, dem er gleichen sollte.
Statt daß er steh’, ein Sohn der Niederlande,
Schleppt er auf freiem Grund des Fremdlings Bande
Und ahmt des Franzmanns eitlem Flitter nach,
Verschmäht, verkennt die theure Muttersprach’;
Sein Lied ertönt nicht in der Heimath Tönen;
Er scheut sich nicht, der Mutter Wort zu höhnen.“

Vielleicht noch erfolgreicher war seine Thätigkeit als Sprachforscher und Politiker. In seinem Buche über die holländische und vlamische Schreibweise des Niederländischen wies er nach, daß der Unterschied des Vlamischen und Holländischen fast ausschließlich in der Schreibweise liege, und daß eine Annäherung beider Idiome durch Vereinbarung einer gleichmäßigen Orthographie zu bewerkstelligen sei, ein genialer Plan, der auch wirklich auf dem von Holländern und Vlamingen beschickten Sprachcongreß zu Gent 1841 erfolgreich angebahnt wurde. Diese Congresse wiederholten sich dann in bestimmten Zwischenräumen, und es kam sogar zur Feststellung einer amtlich gebilligten Schreibweise für beide engverwandte Sprachen. Dadurch wurde der Gebrauch des Vlamischen wenigstens für belletristische Erzeugnisse ermöglicht. Man konnte doch nun für die gesammten Niederlande schreiben. In Flandern allein wäre bei dem gründlich durchgeführten Verdummungssystem der Pfaffen der Kreis derer, welche lesen konnten oder mochten, zu klein gewesen. Diese dumpfen Massen des sonst so begabten Stammes auf alle Weise zu heben, sie den aufklärenden Worten ihrer Dichter zugänglich zu machen, war eine der ersten Aufgaben der vlamischen Bewegung, und der neueste Umschwung zu einem liberalen Regiment liefert den Beweis, wie Bedeutendes hier in geräuschloser, treuer Arbeit geleistet worden ist. Auch hinsichtlich der Sprachrechte ist in der neuesten Zeit viel gewonnen worden, die Bestimmung der Verfassung ist durch neuere Gesetze über den Gebrauch des Vlamischen in den Schulen und in der Verwaltung verschärft und präcisirt, aber es werden noch Jahre vergehen müssen, ehe diese für die Vlamingen günstigen Bestimmungen wirklich in die Praxis treten.

Eine Jahrzehnte lange Arbeit hat es gekostet und der ganzen Zähigkeit, die den vlamischen Stamm von jeher ausgezeichnet, hat es bedurft, einen Theil nur dessen zu erreichen, was man dem niederdeutschen Stamme damals verheißen hatte, als man ihn mit in diese von Frankreich gemachte Revolution hineinzog. Alle Klagen und Petitionen waren erfolglos, blieben meist unbeantwortet, erfuhren wohl gar eine sarkastische Abfertigung in der französischen Presse des Landes, die auch fast jedes literarische Product vlamischer Sprache mit Spott und Hohn begrüßte. So kann es nicht Wunder nehmen, daß das Verhältniß zwischen Vlamen und Wallonen sich bisher weniger freundlich gestaltet hat, als das der verschiedenen Nationalitäten in anderen zwei- und mehrsprachigen Ländern. In der Schweiz zum Beispiel leben drei Nationalitäten friedlich neben einander, ohne daß eine derselbe in ihren Sprachrechten irgend wie verkümmert würde. Sie liefern dadurch den Beweis, daß die Vielsprachigkeit, wenn sie auch vielfach unbequem für die Behörden ist, doch der glücklichen Entwickelung eines Staates durchaus nicht im Wege steht.

Was nun die Wallonen betrifft, so steht ihre Volkssprache der französischen Schriftsprache nicht wesentlich ferner als andere französische Dialecte, nur daß man im Wallonischen eine größere Anzahl deutscher Wortstämme findet. Die Schriftsprache, die Sprache des Unterrichts und des gesammten öffentlichen Lebens aber ist natürlich hier erst recht das Französische. Wer will daher den Wallonen, so lange sie wie bisher in politischer Hinsicht patriotisch neue Belgier geblieben sind, ihre französischen Sympathien verübeln? Von jeher haben sie sich auf geistigem Gebiet mit den stammverwandten Nachbarn solidarisch gefühlt, sind sie deren Kostgänger gewesen. Sie fühlten instinctiv, daß die Verdrängung Frankreichs von der politischen Führerschaft Europas ihr eigenes Uebergewicht über die vlamischen Landesgenossen nachhaltig erschüttern müsste; gleichwohl mochte ihnen die Entthronung des annexionslustigen napoleonischen Herrscherhauses deshalb nicht ganz unwillkommen sein, weil sie den seit dem Staatsstreiche immer empfundenen belgisch-nationalen Beklemmungen ein Ende machte. Bei den Vlamingen dagegen hatte der vierzigjährige Kampf gegen die französische Ueberwucherung das Bewußtsein ihrer germanischen Abstammung und ihrer Zugehörigkeit zu uns lebendig erhalten. Wie mächtig mußte ihre Hoffnung aufflackern, als sie nun sahen, daß Deutschland, welches in seiner langdauernden Zerrissenheit unvermögend war, nach außen in nationalem Sinne zu wirken, plötzlich mächtig erstarkte und ihnen auch eine moralische Unterstützung zu bieten im Stande war! Wie die Wallonen jeden Schlag, den Frankreich 1870 erlitt, jeden Schatten, der auf die geistige Sonne fiel, die ihnen geleuchtet hatte, als eine Art Niederlage fühlten, so feierten naturgemäß die Vlamingen jeden Erfolg der deutschen Waffen und der deutschen Diplomatie begeistert mit. Dennoch hielten und halten beide Theile gleich treu an ihrem belgischen Vaterlande fest, und etwaigen Annexionsgelüsten würden sicher beide treuverbunden entgegentreten.

Man würde übrigens sehr irren, wenn man annehmen wollte, daß das Ueberwuchern des französischen Wesens sich erst vom Jahre 1830 herschriebe. Die Umwälzung dieses Jahres fand die französische Sprache schon als Umgangssprache der höheren Stände Flanderns vor. Und die wechselnden Schicksale, welche das Land erfahren hat, erklären diesen Umstand vollkommen. Im Vertrage von Verdun war Flandern zu Frankreich, Brabant zu Lothringen geschlagen worden. Und wenn auch unter den Hohenstaufen beide blühende Länder politisch zum deutschen Reiche gehörten, so haben sie in kirchlicher Hinsicht doch stets einen Theil des überwiegend französischen Erzbisthums Rheims ausgemacht. Unter dem habsburgischen Scepter gehörten sie lange Zeit zu der spanischen Monarchie und wurden während derselben in französischer Sprache regiert. Als endlich französische Eroberung der österreichischen Herrschaft ein Ende machte, wurde namentlich unter Napoleon dem Ersten dem vlamischen Volksthum förmlich der Krieg erklärt. Nicht nur im amtlichen Verkehr war die vlamische Sprache gänzlich verpönt, sondern es durften nicht einmal Drucksachen in derselben erscheinen. Mit einem Federstriche glaubte der Tyrann einem reindeutschen Volksstamme seine Muttersprache aberkennen zu können. Allein schon die bald darauf erfolgte Vereinigung des Vlamingenlandes mit Holland milderte diesen unerträglichen Zustand wenigstens etwas, obwohl dieser neue Staat ja auch kaum etwas Anderes als eine französische Provinz war.

Wenn sich demnach die Verbreitung französischen Wesens, namentlich in den Städten, historisch ganz leicht erklärt, so ist es doch andererseits nur zu natürlich, daß sich in letzter Zeit, wo sich das Nationalitätsprincip überall mächtig geltend macht, auch die Vlamen auf ihre Abstammung besonnen haben und mehr als früher auf die Erhaltung ihres Volksthums bedacht sind. Mit welchen Mitteln der Kampf gegen die „Verfransching“ aber geführt wird, darüber soll in einer der nächsten Nummern der „Gartenlaube“ berichtet werden.



[374]
2. Jan Frans Willems, der Vater der vlamischen Bewegung.


Die Jugendjahre des Vaters der vlamischen Bewegung fallen in die Zeit, während welcher mit der Einverleibung Flanderns in Frankreich dem germanischen Volksthum am rücksichtslosesten der Krieg erklärt wurde. Willems wurde am 11. März 1793 gerade in dem Augenblicke geboren, als Truppen von der Armee des Generals Dumouriez ihren Einzug in seinen Heimathsort Bouchout hielten. Schon 1803 decretirte Napoleon daß alle öffentlichen Acten und Urkunden französisch abgefaßt werden sollten, und als dies und die Französirungsversuche der Beamten noch nicht ausreichten, das zähe Deutschthum der Vlamingen zu ertödten, erließ der Tyrann 1812 ein zweites Decret, welches befahl, daß alle Zeitungen mit französischer Uebersetzung erscheinen mußten. Um diese Zeit waren die Rederijkkammern, jene nach Art der Meistersängerschulen bereits im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten und in der Zeit der spanischen Unterdrückung bewährten literarischen Genossenschaften, die einzige Zufluchts- und Pflanzstätte der vlamischen Sprache und Literatur. In ihnen wurzelte das Streben und Schaffen des echten Volksmannes, dessen Lebensskizze wir im [375] Folgenden geben wollen. Wir stützen uns dabei vorzugsweise auf die treffliche Schrift von Julius Vuylsteke: „Willems en het Willemsfonds“.

In seinem zwölften Lebensjahre siedelte Willems von Bouchout, wo er als das älteste von vierzehn Kindern eines Beamten geboren war, nach Lier über, einer Stadt bei Antwerpen, deren alterthümliche Prachtgebäude an die Zeit erinnern, wo Philipp der Schöne hier sein glänzendes Beilager hielt und der entthronte Christian (der Zweite) von Dänemark hier ein gastliches Asyl fand. Trotz aller Verwälschung hatte sich in dem Städtchen ein Stück nationalen Lebens erhalten. Nicht nur die Anregung zu frühzeitigem poetischem Schaffen und die Begeisterung für germanische Art und Kunst, sondern auch den Geist der Freiheit in religiöser und politischer Hinsicht sog Willems im Schooß der Rederijkkammer ein. Schon in seinem vierzehnten Lebensjahre schrieb er eine schneidige Satire gegen den Bürgermeister seines Geburtsortes Bouchout, dem sein Vater den Verlust seines Postens als percepteur des contributions zu verdanken hatte. Seit 1808 in dem Bureau eines Notars als Schreiber thätig, blieb er seinen literarischen Studien doch treu, und so fand ihn das Jahr 1814 in einem Alter von einundzwanzig Jahren mit Allem ausgerüstet, was erforderlich war für die Aufgabe, welche ihm bei der neuen Ordnung der Dinge zufallen sollte.

Diese Aufgabe war mühselig genug. Die Vlamingen, welche mit Willems die Schöpfung des Wiener Congresses, das Königreich der vereinigten Niederlande als eine Wiedergeburt des niederländischen Volkes zu selbstständigem nationalem Leben begrüßten, waren zu zählen. Und doch war diese Vereinigung der nur kirchlich, nicht national getrennten Stämme schon im sechszehnten Jahrhundert das Ideal der Vorfahren gewesen. Die Wiedereinführung der niederländischen Sprache in alle Verwaltungszweige und völlige religiöse Duldsamkeit waren die unerläßlichen Erfordernisse für das Bestehen des neuen Staates, aber weder das Eine, noch das Andere fand viel Anhänger.

Die katholische Partei erhob sich zuerst, und es war gewiß ein schlimmes Zeichen, daß unmittelbar nach der Schlacht bei Waterloo die Notabeln mit einem Protest gegen das neue Staatsgrundgesetz hervortraten, weil darin Gewissens- und Preßfreiheit, sowie gleiche Berechtigung aller Bekenntnisse in Bezug auf Anstellung im Staatsdienste gewährleistet war. Wenn die Großen in solcher Zeit sich von der Geistlichkeit zu solchem Auftreten verleiten ließen, was war da von den Massen zu erwarten!

Ein wahrer Chorus von Schmähreden erhob sich in Zeitungen und Flugschriften gegen die „holländische Ketzersprache“. Niemand als Willems hatte den Muth, diese vaterlandslosen Elemente zu bekämpfen. Schon 1812 hatte er durch eine preisgekrönte Dichtung über die Schlacht bei Friedland die Augen seiner Landsleute auf sich gezogen; bald darauf erschien sein Drama „Quinten Matsys“. Jetzt aber hieß es, die Feder zum Kampfe zu brauchen, und während er in seiner „Niederdeutschen Sprach- und Literaturkunde“, durch welche er seinen Ruf als Sprach- und Geschichtsforscher begründete, die falsche und unpatriotische Ansicht der Tarte, Barafin, Plaschaert, Donny und anderer Fransquillons, daß das Niederdeutsche nicht die Muttersprache der Belgier des Flachlandes sei, auf das Gründlichste widerlegte, suchte sein poetischer Appell „An die Belgier“ das geschwundene Nationalgefühl seiner Landsleute zu wecken. In Vers und Prosa wies er nachdrücklich darauf hin, welch einen bedeutenden Antheil die Vlamingen von jeher an dem Geistesleben der gesammten Niederdeutschen, namentlich an der Literatur derselben, genommen hätten.

Sein Literaturgeschichtswerk zog ihm die Feindschaft eines fanatischen Priesters Namens Buelens zu. In einem offenen Briefe ward Willems, obgleich er sich stets gut katholisch und kirchlich gezeigt hatte, auf das Heftigste als Feind der Kirche verschrieen, der „das freie Denken und die freie Presse als eine unentbehrliche Vorbedingung nationaler Entwickelung hingestellt und die gottlose naturwissenschaftliche Forschung verherrlicht, die Priester als Unterdrücker der bürgerlichen und Gewissensfreiheit gebrandmarkt habe“ etc.. Allerdings hat Willems als ehrlicher Geschichtsforscher und warmherziger Patriot nicht umhin gekonnt, den Aufstand der Niederländer im sechszehnten Jahrhundert einen Kampf für die gute Sache zu nennen, und es hatte ihm als Sprachforscher nicht entgehen können, daß die niederdeutsche Sprache das vornehmste Werkzeug der Anhänger der neuen Lehre Luther’s gewesen sei. Er hatte der Geistlichkeit den Vorwurf nicht zu ersparen vermocht, daß sie von jeher lieber die heiligsten Rechte der Nation, als ihre Machtansprüche und Herrschergelüste aufzugeben geneigt war, und daß der Verfall der niederländischen Literatur im sechszehnten Jahrhundert ihr eigenstes Werk sei. In der heftigen literarischen Fehde, welche sich in der Folge zwischen Buelens und Willems entspann, war der Erstere unvorsichtig oder verblendet genug, seiner Begeisterung für Philipp den Zweiten und seinen Henker Alba, sowie für inquisitorischen Geistes- und Gewissenszwang ganz offen Ausdruck zu geben, was ihm eine mit beißender Satire gewürzte Abfertigung seitens des Dichters zuzog.

Selbst David, der begeisterte Dichter, der so viel für die Hebung der vlamischen Literatur gethan hat, war trotz seiner Liebe zur Muttersprache, die er so meisterhaft handhabt, für die vlamische Bewegung nicht zu gewinnen. War er doch katholischer Priester, und erstrebte doch die Bewegung vor Allem Freiheit des Wortes und der Gedanken, eine Frucht, die nun einmal auf dem römisch-katholischen Boden nicht wachsen will.

Und nicht blos gegen die Jesuiten und ihre Anhänger, auch gegen die „Verfranschten“, die sich um 1829 wieder ungemein rührig zeigten, mit den eingewanderten französischen Journalisten um die Wette die vlamische Muttersprache zu schmähen und in Mißcredit zu bringen, richtete Willems die scharfen Waffen seiner Gelehrsamkeit und seines Spottes. Gleich gewandt in beiden Sprachen, schrieb er gegen die einen vlamisch, gegen die anderen französisch. Aber er blieb bei dieser negativen Thätigteit nicht stehen. Eine gründliche Volkserziehung im nationalen Sinne, eine Verbindung der Gegenwart mit der Vergangenheit, des Südens mit dem Norden war sein nächstes, mit aller Kraft und Hingebung verfolgtes Ziel. Nach allen Seiten streute er den Samen gründlichster Belehrung über Sprache und Kunst, Abstammung und Geschichte seiner Landsleute aus.

Wie die spätere belgische, so verfehlte kurz vor der Revolution die holländische Regierung vielfach des rechten Weges. Gerade damals, als Willems so mannhaft gegen Clericale und Franzosen auftrat, machte die Regierung diesen ganz unerhörte Zugeständnisse, was unserm Volksmann den bitteren Ausruf entlockte: „Französische Sprache und französische Jesuiten, die müssen wir haben, die einen für unsere Presse, die anderen für unser Unterrichtswesen, und dann ist es sicher, daß wir aufrichtige Niederländer sein werden.“

Es kam eine Einigung der beiden Hofparteien zu Stande, deren eine auf den Schultern der Encyklopädisten stand, während die andere von Jesuiten gelenkt wurde. Die erstere hatte sich so völlig von der zweiten überlisten lassen, daß die Massen, welche halb oder gar nicht begriffen, um was es sich handele, vom Adel irre geführt, auf das Eifrigste für jene „Freiheit“ petitionirten, welche dann später die Jesuiten in so verderblicher Weise ausgebeutet haben, namentlich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens. Die Universität Löwen, diese Zwingburg des freien Gedankens, diese Pflanzschule fanatischer Stockschläger, ist eine Frucht jener Unterrichtsfreiheit. Die Regierung gab also dem Drängen der vereinigten Clerico-Liberalen nach: ein Erlaß vom 27. Mai 1830 stellte die 1825 abgeschafften geistlichen Collegien wieder her; ein anderes vom 4. Juni ließ den Gebrauch der französischen Sprache im Rechtsverfahren wieder zu.

Willems war nahe daran zu verzweifeln. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die von den „Clerico-Liberalen“ angezettelte unselige Revolution vom September 1830 riß die Vlamingen und Holländer wohl für immer aus einander. Für die ersteren hatte sie vielleicht noch schlimmere Folgen, als für die „besiegten Unterdrücker“, wie die triumphirenden Jesuiten und Fransquillons die Holländer frohlockend nannten. Alle ihre geistigen Güter standen auf dem Spiele; der vlamische Unterricht wurde verwahrlost; alle Examina wurden in französischer Sprache abgehalten, und dadurch wurde den Vlamingen der Weg zum Staatsdienst wesentlich erschwert, wo nicht gänzlich abgeschnitten.

Aber auch in nationalökonomischer Hinsicht hatten sich die Vlamingen verschlechtert, wie Willems in seiner berühmten Fabel von den Ratten (Vlamingen) andeutet, welche aus der Käsekammer (Holland) auswandern, um sich im Kohlenkeller (Belgien) anzusiedeln. Es hat namentlich in der neuesten Zeit nicht an Stimmen [376] gefehlt, welche die Lostrennung von Holland unumwunden als ein Nationalunglück bezeichnen. Damals gehörte freilich mehr Mannesmuth dazu, eine solche Ansicht anzusprechen, und nur Willems besaß denselben. Hatte doch ein anderer vlamischer Schriftsteller, Van de Weyer, damals Bibliothekar in Brüssel, sich nach Abfassung eines Artikels, der etwas zu Gunsten der vlamischen Muttersprache redete, durch die Anfeindungen und Drohungen der Gegner völlig einschüchtern, zum schimpflichsten Widerruf, ja zu der öffentlichen Erklärung nöthigen lassen: „er schäme sich, jemals zu Gunsten dieser Sprache geschrieben zu haben!“

Offenbar gegen besseres Wissen haben manche französische Zeitungen Belgiens stets behauptet, die Regierung habe Wallonen und Vlamen stets gleiches Recht gewährt. Als einst Verfasser dieser Artikel in Reisebriefen aus Belgien („Kölnische Zeitung“ von 1875) die unerträgliche Lage der germanischen Bevölkerung Belgiens schilderte, hatten jene Blätter die Stirn – oder wußten sie wirklich so wenig im eigenen Lande Bescheid? – die vlamischen Klagen und Leiden als eine ganz neue Entdeckung des deutschen Reisenden hinzustellen, der dort Dinge sähe, von denen die Vlamingen selbst nichts wüßten. Und doch könnte man Bände füllen mit den Klagen über Sprachunterdrückung, die in zahllosen Flugschriften und Zeitungsartikeln laut geworden sind, und die Männer, welche jetzt wie Willems denken, ihre Gedanken frei und offen aussprechen und in seinem Geiste wirken, zählen heute bereits nach mehreren Tausenden.

Ueber Willems selbst wurde gleich nach der Revolution eine Strafversetzung auf den Einnehmerposten in Eekloo mit wesentlicher Gehaltsverkürzung verhängt, während Herr van de Weyer, der so feige seine Nationalität verleugnen konnte, zum Minister und später zum belgischen Gesandten in London befördert ward!

Seine „Verbannung“ in Eekloo, wo er Muße genug hatte, nützte Willems mit aller Kraft für sein Ideal aus. Schon vorher, seit 1827, war in seiner Zeitschrift „Mengelingen van vaterlandschen Inhoud“ für die Erhaltung des vlamischen Volksthums gekämpft worden. Jetzt erschienen in schneller Folge seine trefflichen Volksausgaben älterer Chronisten und Geschichtsschreiber, welche den Zweck hatten, dem vlamischen Stamme seine große Vergangenheit vor die Augen zu halten, sowie seine meisterhafte Bearbeitung des Reinaert de Vos, des im dreizehnten Jahrhundert entstandenen wichtigsten Literaturdenkmals Flanderns, das nun ein wahres Volksbuch wurde.

Diese Bücher sollten, wie er in der Vorrede zum Reinaert sagt, den französischen Schund, mit dem Belgien überschüttet werde, verdrängen. Und ferner heißt es dort: „In Eekloo habe ich gelernt, daß die Feindin unserer Sprache, die französische, in den sechs Jahrhunderten noch keinen festen Fuß auf vlamischem Sprachgebiet gefaßt hat. Auf 8600 Einwohner der Stadt kommen höchstes 300, welche französisch verstehen, noch nicht 100, die es geläufig sprechen können. Und doch war Eekloo viele Jahre der Sitz französischer Tribunale, französischer Sous-préfets und anderer französischer Beamten,“ und ferner erläutert er, was die berühmte Sprachfreiheit der belgischen Verfassung in der Praxis sei, und wie die 8600 Vlamingen fort und fort „gegouverneeet“, täglich „gesommeert“, „geexploiteert“ und „geexecuteert“ werden.

Von dem Erscheinen des „Reinecke Fuchs“, der mit wahrer Begeisterung aufgenommen wurde, datirt sozusagen die vlamische Bewegung. Schon 1835 schreibt Willems an Van Duijse: „Die Zeit naht, wo unsere vlamische Nationalität lebendig ihr Haupt erheben darf.“ Zwei Jahre später gründete er sein „Belgisches Museum“, welche Zeitschrift für die Kunde der vlamischen Vergangenheit in Kunst, Literatur und Geschichte von großer Bedeutung geworden ist.

Bis 1840 hatte Willems schon so viel Sympathien für die vlamische Sache erweckt, daß die erste große Petition zu Gunsten der Muttersprache mit 100,000 Unterschriften bedeckt an die Kammer gesandt werden konnte. War auch der Erfolg kein besserer, als der aller Petitionen, die in den achtunddreißig folgenden Jahren eingebracht wurden, so war doch der erste Schritt auf das politische Gebiet gethan und der Beweis geliefert, daß die vlamische Bewegung eine Macht sei, mit der man früher oder später werde rechnen müssen. Die Thätigkeit des tapferen Willems für die Annäherung des Vlamischen an das Holländische habe wir bereits im ersten Artikel bei Gelegenheit der Erwähnung der Sprachcongresse zu Gent und Brüssel gewürdigt.

Die belgische Regierung aber hatte inzwischen doch die wissenschaftliche Bedeutung Willems’ auf die Dauer nicht ignoriren können. So hörte denn die Verbannung auf, und 1834 wurde er zum Mitgliede der königlichen Geschichtscommission ernannt, nachdem ihm schon früher die Universität Löwen den Doctorgrad ertheilt hatte. Dem Rufe in ein Professoramt zu Löwen und einem zweiten nach Luik folgte er nicht, doch siedelte er in der nämlichen Beamtenstellung, welche er bisher inne gehabt, nach Gent über, welches hauptsächlich durch ihn der Mittelpunkt der vlamisch-nationalen Bestrebungen wurde. Auch der Ehre, in die belgische Akademie erwählt zu werden, ward er am Abende seines Lebens theilhaftig. Aber gerade, als er bei wachsendem Einflusse wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken konnte, ereilte ihn mitten in seiner einzig dem Vaterlande gewidmeten rastlosen Thätigkeit der Tod am 24. Juni 1846. Die Arbeit seines reichen Lebens ist nicht vergeblich gewesen.

[400]
3. Der Willemsfonds.

Die Thätigkeit des „Willemsfonds-Vereins“, von dem ich Näheres mitzutheilen versprach, verdient als ein Muster planvoller, energischer und dabei durchaus loyaler Propaganda für kirchliche und politische Freiheit hingestellt zu werden.

In den siebenundzwanzig Jahren seines Bestehens sind die Mitglieder dieses Vereines von vierzig bis auf über zweitausend angewachsen, und ein bedeutender Theil der Riesenaufgabe, welche sich dieselbe gestellt hatten, ist bereits gelöst. Ohne ihr thätiges, umsichtiges Wirken hätte Belgien sicher noch sein clericales Ministerium und seine clericale Volksvertretung, wären die Sprachrechte der Vlamingen noch immer verkümmert geblieben, während jetzt in Folge des endlich glücklich durchgebrachten Landessprachgesetzes die Gleichstellung beider Nationalitäten wenigstens im Princip erreicht wurde. Und was mehr ist: in die trägen vlamischen Massen, die, durch ein pfäffisches Verdummungssystem ohne Gleichen von ihrer einstigen Culturhöhe herabgedrückt, fast nur noch vegetirten, ist ein Lichtstrahl nach dem andern gefallen.

Ein neues Geschlecht reift heran, und die kluge Geistlichkeit wird dasselbe nicht wie bisher davor bewahren können, daß es die verderbliche Kunst des Lesens lernt, wie das bei der Mehrzahl der ihr anvertrauten Schulen bisher der Fall gewesen ist.

Die Abtheilungen des Vereins sind über das ganze niederdeutsche Gebiet Belgiens verzweigt; jede derselben hat je einen Vorsitzenden, Schatzmeister, Schriftführer und mehrere andere Vorstandsmitglieder. Der Centralvorstand hat seinen Sitz in Gent. Derselbe giebt alljährlich eine Vereinsschrift heraus, welche gegen den Beitrag von sechs Franken an sämmtliche Mitglieder versandt und außerdem auf buchhändlerischem Wege vertrieben wird. Dieses Jahrbuch enthält in seinem geschäftlichen Theil eine genaue Darlegung der Thätigkeit jeder Abtheilung, in dem zweiten literarischen Theil einige Novellen und Gedichte, sowie eine Reihe populärwissenschaftlicher Abhandlungen aus allen Gebieten des menschlichen Wissens. Außerdem werden noch alljährlich populärwissenschaftliche Schriften, Volksbücher im besten Sinne des Wortes, ausgegeben und nach Kräften unter der vlamischen Bevölkerung verbreitet. Vaterländische Geschichte, Lebensbilder echter Volksmänner des In- und Auslandes, Reisen, Kunst-, Literatur- und Culturgeschichte, Volksgesundheits- und Volkswirthschaftslehre, Technologie und Naturwissenschaften sind die Gegenstände, welche so in faßlicher, frischer Form dem Volke zugänglich gemacht werden. Noch unmittelbarer weiß man durch öffentliche Vorträge auf das Volk einzuwirken, welche an manchen Orten allwöchentlich, in kleineren Orten wenigstens ein- oder zweimal im Monat gehalten werden. Nicht blos die Mitglieder, sondern Jedermann hat unentgeltlich Zutritt zu denselben. Diese Vorträge sind stets mit Vocal- und Instrumental-Concerten, sowie mit Declamationen vlamischer Originaldichtungen verbunden und helfen somit zugleich der nationalen Musik und Dichtung die Wege ebnen. Für die schönen Künste wird vom Staate viel gethan; nicht blos die größten Städte haben ihre Conservatorien und Kunstakademien; da nun außerdem für Musik auch wirklich viel Sinn herrscht, so wird in solchen Concerten wirklich Nennenswerthes geleistet. Ich habe in kleineren Städten vorzügliche Männer- und gemischte Chöre gehört, und das überhaupt schwer zu beweisende Frisia non cantat ist sicherlich nicht auf die gesangeslustigen Bewohner des lachenden Flanderns auszudehnen. Die erwähnten Vorträge werden fast ausnahmslos in ziemlich bedeutenden Auflagen gedruckt und unentgeltlich unter Allen, die sie lesen wollen oder – können, verbreitet.

Als ich vor einiger Zeit dem Centralvorstand des Vereins die Mittheilung machte, daß ich von der Redaction der „Gartenlaube“ beauftragt sei, den Stammgenossen in Deutschland über den Willemsfonds zu berichten, überraschte mich der Dichter Julius Vuylsteke, der Secretär des Centralvorstandes, durch Uebersendung einer vollständigen Sammlung dieser Vorträge. Es finden sich treffliche Arbeiten in der weit über hundert Heftchen zählenden Sammlung: eine ganze Culturgeschichte des urgermanischen Landes, manche verherrlichende Darstellung der Ereignisse vaterländischer Gedenktage von der Schlacht der „goldenen Sporen“ bis Waterloo, manches interessante Lebensbild von Männern, welche ihr Genie, ihre Kraft, ihr Leben der Sache des vlamischen Volksthums geweiht haben im Kampf gegen Welschthum und „Römischgesinntheit“, wie Breydel und de Koningk, Marnix von St. Aldegonde, die Artevelde, Oranien, der große Schweiger und Andere. Auch mancher Dichter, Künstler und Forscher wird uns in anziehender Weise vorgeführt, während zahlreiche andere Beiträge sich mit Sprache und Volkspoesie, mit dem Gegensatze germanischen und romanischen Volksthums, mit Fragen nationaler Beziehung und Wissenschaft, mit archivalischen Darlegungen der alten Gerechtsame und Institutionen der ebenso klugen und betriebsamen, wie mannhaften Vorfahren aus der Blüthezeit Flanderns, den Sitten, Gebräuchen und Erzeugnissen der großen Vergangenheit beschäftigen. Aber auch die Ereignisse, Thaten und wissenschaftlichen Ergebnisse der Gegenwart finden eingehende Berücksichtigung. So sucht dieser thätige Verein nach allen Seiten hin Licht zu verbreiten und das Nationalgefühl zu wecken. Selbst jedes der Programme für die oben erwähnten Concerte und Vorträge ist mit einigen Gedichten, Sentenzen oder historischen Daten bedruckt.

Aber man würde die Thätigkeit dieses Vereins sehr unterschätzen, wenn man annehmen wollte, sie sei damit erschöpft. „Ohne Ausschließung aller anderen Maßregeln, die zu den dem Verein vorgesteckten Zielen führen,“ heißt es in den allgemeinen „Grondslagen“, „wird den Vorstandsmitgliedern des Willemsfonds namentlich Folgendes an’s Herz gelegt:

Was erstens das Studium und den Gebrauch der vlamischen Sprache anbetrifft, so sollen aus dem Willemsfonds unterstützt oder prämiirt werden: Studirende und Schüler mittlerer und höherer Lehranstalten, welche sich mit Vorliebe dem Studium der Muttersprache hingeben; Zöglinge aus dem wallonische Gebiete, welche sich durch Erlernung des Vlamischen auszeichnen; Verfasser solcher niederländischer (vlamischer) Schriften, welche von der königlich belgischen Akademie der Wissenschaften oder von anderen gelehrten Gesellschaften gekrönt sind; Zeichner und Kupferstecher, welche am meisten dazu beigetragen haben, Werke niederländischer Maler durch Nachbildungen populär zu machen; tüchtige vlamische Schauspieler; Zeitungen, welche sich als die muthigsten und redlichsten Vertheidiger der Muttersprache bewährt haben.“

Was zweitens die verstandesmäßige und sittliche Entwickelung der vlamischen Bevölkerung anbetrifft, so ist es die Aufgabe des Vereins, möglichst oft und an möglichst vielen Orten Vorträge der oben geschilderten Art zu veranstalten, nützliche Werke anzukaufen [401] und zu verbreiten, sowie die Uebersetzung der besten Volksbücher aus fremden Sprachen zu veranlassen, überall, selbst in den kleinsten Orten, Volksbibliotheken zu unentgeltlichem Gebrauche einzurichten, den Volksgesang, die nationale Musik sowie endlich das vlamische Theater nach Kräften zu fördern, überhaupt alles zu thun, was irgend zur Hebung und Volksbildung beitragen kann.

Die ausführlichen Berichte der einzelnen Abtheilungen beweisen, daß nach allen hier bezeichneten Richtungen hin wirklich Bedeutendes geleistet wird. In Gent wurde, um nur ein Factum anzuführen, in einem Jahre aus den Volksbibliotheken gegen 70,000 Bücher ausgeliehen. Zahllose Petitionen, die natürlich der Unterschrift der Mitglieder, sowie ihrer politische Freunde sicher waren, sind aus dem Schooße des Vereins hervorgegangen, und Schritt für Schritt hat man die alten Rechte wieder zu gewinnen, drückende, das Volksthum Flanderns schädigende Mißbräuche abzustellen gewußt. Sein Hauptaugenmerk richtet gegenwärtig der Verein auf die Schulen, welche bisher entweder ganz französirt waren, oder in den Händen des römisch gesinnten Clerus das Gegentheil von dem anstrebten, was die Volksschule leisten soll.

Ist ein Gesetz zu Gunsten des germanischen Volksthums oder der religiösen Freiheit mit großer Mühe durchgebracht, so beginnt erst recht die Arbeit des Willemsfonds. So ist seit der endlichen Annahme der Sprachgesetznovelle, welche den berechtigten Ansprüchen der Vlamingen gerecht wird, mit der ganzen dem niederdeutschen Stamm eigenen Zähigkeit darauf hingewirkt worden, daß dies segensreiche Gesetz nicht blos auf dem Papier bleibt. So wurden gleich im vorigen Jahre an geeignete Persönlichkeiten jedes vlamischen Ortes Fragebogen gesandt, aus deren Beantwortung sich ein genaues statistisches Ergebniß ziehen läßt, wie viele Richter, Advocaten, Civilstandsbeamte oder sonstige Behörden und mit den Behörden in Berührung kommende Parteien im amtlichen Verkehr sich, den neuen Bestimmungen nach, der vlamischen Sprache wirklich bedient haben oder überhaupt sich derselben zu bedienen im Stande sind. Keine Verabsäumung der Pflichten gegen die geliebte, so lange gefährdete Muttersprache entgeht dem Scharfblick des thätigen und leistungsfähigen Vereins, der die bedeutendsten Geister des Stammes in sich vereinigt.

In ähnlicher Weise wirken auf das Segensreichste außer dem Willemsfonds noch die „Mertens-Vereeniging“, „de Olijftak“ (Oelzweig), der „Van Maerlants-Kring“, der Verein der „Geuzen“, sowie die zahlreichen „Tooneel- (Schauspiel-) Kringen“.

Die Clericalen, welche ja überall feine Fühlhörner haben, sind bald auf die Gefahr aufmerksam geworden, welche ihnen von dieser Seite droht. Als Kanzel, Beichtstuhl und Caplanpresse mit Himmel und Hölle, Fegefeuer und Bannstrahl nicht mehr ausreichten, der so naturgemäßen und deshalb stets wachsenden Bewegung einen Damm entgegenzusetzen, wurde im Schooß der schwarzen Alma mater von Löwen ein Verein gegründet, der dem „Willemsfonds“ entgegenwirken sollte: der „Davidsfonds“. Während nun die freisinnigen Vlamingen instinctiv alles aufbieten, die fast nur durch eine abweichende Orthographie gestörte Spracheinheit zwischen Nordniederländern (Holländern) und Südniederländern (Vlamingen) wieder herzustellen und das Unheil und Unrecht, welches die Revolution von 1830 über das belgische Germanenthum gebracht hat, wieder gut zu machen, sucht der „Davidsfonds“ mit allen Mitteln die Kluft zwischen dem katholischen Süden und dem protestantischen Norden zu vertiefen.

Was gelten der geschworenen Miliz Roms Dinge wie Abstammung und Stammverwandtschaft! Aber schon lange vermögen ihre papierenen Mauern dem frischen scharfen Hauche, der herüber und hinüber weht, nicht mehr Stand zu halten. Im Ganzen hat die schwarze Schaar sich die Organisation des „Willemsfonds“ zum Muster genommen, nur daß der Zweck überall der diametral entgegensetzte ist. Die Männer, welche im freisinnigen Lager als Heroen geehrt werden, von Breydel und Koningk und den Geusen an bis auf Willems, van Soust de Borckenfeldt, Hansen, Hoste Sabte, Hiel, Vuylsteke und wie sie alle heißen, die rührigen und beredten Stimmführer der vlamischen Bewegung, müssen natürlich von den Werkzeugen der bischöflichen Allmacht in den Staub gezogen, Menschenfeinde wie Philipp der Zweite und Alba in den Himmel gehoben und zahlreiche andere notorische Mohren hübsch weiß gewaschen werden.

Die Vorträge der Redner des „Davidsfonds“ pflegen erst einer Art von Censur unterworfen zu werden, in den Bibliotheken des Vereins schimmelt die literarische Klosterwaare, in den Schulen, wie er sie stiftet, sollen Männer wie Mainbode und Duchesne oder wie die berüchtigten Stokslagers der Genter Prügelprocessionen gezogen werden, die von ihm herausgegebenen und colportirten „Volksschriften“ verbreiten den plumpsten Aberglauben und predigen den giftigsten Fanatismus; selbst den „Rederijkkammern“, jenen altehrwürdigen Ueberbleibseln aus Zeiten regeren Geisteslebens, ward der Krieg erklärt, weil sie die Hüterinnen der Muttersprache waren. Allein alle diese Anstrengungen sind fruchtlos und werden es bleiben gegenüber der stätigen Geistesarbeit der Männer des „Willemsfonds“, von denen wir vielleicht für unser deutsches Parteileben manches lernen könnten.



[455]
4. Ein deutschfreundlicher Dichter Belgiens.

Als im Jahre 1870 Frankreich dem deutschen Volke unerwartet einen blutigen Kampf aufzwang, da wurden auch in Flandern die Stimmen sympathischer Dichter laut.

Von solchen Blüthen, welche dieser Zweig des germanischen Sprachstammes getrieben hat, hoffe ich dem deutschen Volk bald einen Strauß darbieten zu können. Bis jetzt ist, einige Proben abgerechnet, welche ich vor Jahresfrist in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ mittheilte, von dieser Poesie, die uns so nahe angeht, nichts in deutscher Uebersetzung veröffentlicht worden. Genauer auf den reichhaltigen Stoff hier einzugehen, erlaubt der Raum nicht. Dagegen soll im Folgenden die Lebensskizze eines leider früh heimgegangenen Mannes gezeichnet werden, der, auch auf anderen Gebieten bedeutend, als Dichter der größte Freund des deutschen Volkes unter den Belgiern genannt zu werden verdient.

Im Jahre 1871 erschien in London eine pseudonyme Dichtung in französischer Sprache unter dem Titel „L’Année sanglante par Paul Jane“, welche ganz geeignet war, in unserem Vaterlande gerechtes Aufsehen zu erregen. Selbst die besten unserer einheimischen Dichter hätten die zweifellose Gerechtigkeit unserer Sache nicht wärmer vertheidigen, die ungeahnte Größe unserer Waffenthaten nicht begeisterter verherrlichen können, als es in dieser französisch geschriebenen Dichtung geschah, und der irregeleiteten Nation jenseits des Rheins ist wohl nie in ihrer eigenen Sprache mit so schneidiger Rhetorik das Unrecht ihres frevelhaften Friedensbruches vorgehalten worden, wie in der „Année sanglante“. Wer mochte der Verfasser sein? Welcher Nation mochte der Dichter angehören, der Deutschlands Erfolge so begeistert feierte, während die gesammte ausländische Presse sich nur zögernd zu einer frostigen Anerkennung unleugbarer Thatsachen entschließen konnte?

Ich übersetzte einige Strophen der trefflichen Dichtung und sandte sie an den Verleger mit der Bitte, sie dem Verfasser zu übermitteln. Bald darauf erhielt ich einen liebenswürdigen Brief, in welchem sich Adolphe van Soust de Borckenfeldt, der Chef der Abtheilung für die schönen Künste im Ministerium des Innern zu Brüssel, als der Verfasser bekannte und mich aufmunterte, fortzufahren und durch eine poetische Uebersetzung sein Werk dem deutschen Volke, für welches dasselbe geschrieben sei, zugänglich zu machen. Bald konnte dasselbe unter dem Titel „Das blutige Jahr“, und zwar dem Kaiser Wilhelm gewidmet, hinauswandern.

Als ich später auf einer Studienreise durch Belgien die eigenthümlichen Parteiverhältnisse dieses Landes, die doppelte Uebermacht der französisch-wallonischen und der clericalen Fraction, gegen welche die deutsch-freundliche Partei Borckenfeldt’s, die Männer der „vlamischen Bewegung“, dennoch mit stetigem Erfolge ankämpfen, näher kennen lernte, da wurde mir erst klar, wie nur hier ein solches Werk hatte entstehen können. Und wenn ich den Dichter schon vorher durch den lebhaften Briefwechsel, der sich unter uns entspann, noch mehr aber durch den anregenden persönlichen Verkehr als Gast in seinem Hause, schätzen und verehren gelernt hatte, so konnte seine politische Richtung, die Festigkeit und Treue, mit der er trotz seiner französischen Erziehung seiner germanischen Abstammung sich bewußt blieb, nicht verfehlen, mir die höchste Achtung einzuflößen. Wie oft hat er es mir bitter geklagt, daß der höhere Unterricht in Belgien so durchaus französisch ist, daß gerade die besseren Stände durch die Schule von Jugend auf ihrer vlamischen Nationalität entfremdet werden!

Es war daher ein Glück, daß die vlamische Partei an Adolphe van Soust einen Mann besaß, der, seiner tiefsten Ueberzeugung nach vlamisch gesinnt, ein echtes Dichteringenium war und wahre germanische Gemüthstiefe besaß, der aber auch zugleich die französische Sprache beherrschte und in ihr zu schreiben wußte wie ein tüchtiger nationalfranzösischer Dichter. Den ihrer Nationalität entfremdeten Söhnen Flanderns, die, von dem bestechenden Schimmer französischer Eleganz geblendet, ihre Erstgeburt um ein Nichts hingegeben haben und denen mit dem treuherzigen niederdeutschen Worte nicht mehr beizukommen ist, mußte wohl ein Licht aufgehen, wenn sie die „Année sanglante“ und die „Renovation flamande“ Borckenfeldt’s lasen, Dichtungen, in denen sich eine glühende Vaterlandsliebe und eine wahrhaft poetische Begeisterung für das ehrwürdige germanische Volksthum ausspricht. Aber auch auf der andern Seite konnte man diese Dichtungen nicht einfach ignoriren, wie man sich stets bemüht hatte, es mit der vlamischen Literatur zu tun. Bei den ganz natürlichen Sympathien der Wallonen für Frankreich mußte eine Sprache, wie sie Borckenfeldt führt, einen tiefen Eindruck machen. Es gehörte echter Mannesmuth dazu, nach dem Kriegsrufe von 1870, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel über die zur Ernte reifen Gefilde hinfuhr, von Belgien aus dem deutschen Volke zuzurufen:

„Nun auf, du Volk aus Deutschlands Gauen,
Nun nimm die Sichel von der Wand!
Die Sonne konnt’ in deinen Auen
Die Saat noch reifen deiner Hand;
So mähe schnell die goldnen Aehren!
Nicht lange darf die Ernte währen,
Urplötzlich bricht ein Wetter ein –“

Und indem der Dichter den Chauvinismus der französischen Nation, die ihr „eisernes Gebiß durch einen leichten Sieg in das goldene Scepter der Hegemonie zu verwandeln hofft“, die nationale Begeisterung des deutschen Volkes gegenüberstellt, ruft er dem französischen Volke zu:

„Gleich wie die wilde Gluth der Esse
Flammt deine Kriegslust hoch empor;
Es schlägt der Klang der Marseillaise
Bis an der fernsten Städte Thor;
Ganz andre Heldenlieder schallen
Durch Deutschlands weite Buchenhallen,
Das Echo weckend ferner Zeit;
An seiner Flüsse Borden regen
Sich Märtyrer, erstehen Degen
Zu jeder Heldenthat bereit.“

Schön und wuchtig, wie nur irgend ein deutscher Dichter, spricht der Belgier, anknüpfend an die Barbarossa-Sage, die alte Verheißung von der Wiedererrichtung des Reiches mit den Worten aus:

„Vom deutschen Aar verscheucht, entweichen
Die Raben von des Berges Eichen,
Der Auferstehungstag bricht an.
Vereint wirst du empor dich raffen,
Unüberwindlich Volk in Waffen;
Zum Licht empor geht deine Bahn.“

Der unaufhaltsame Vorstoß der deutschen Heere wird in glänzenden, großartigen Bildern geschildert. Dem Wetterstrahl gleich, der den harten Felsen zu Staub zermalmt, der Windsbraut gleich, die unwiderstehlich in verhängnißvollem Sturz die tobende Lawine fortreißt – ein Strom, von hundert Bruderströmen genährt, dringt das Volksheer über die Fluren des unglückseligen Frankreich vor:

„Nichts hindert seinen Lauf, von dem der Boden bebt;
Die alte Kühnheit ist den Söhnen Teut’s erwacht;
Den Raum durchmessen sie mit schwindelnd schnellem Fuß;
Nicht Hügel, Wälder, Sümpfe, Höh’n, kein Bergespaß,
Nicht Schlucht noch Abgrund, nicht der reißend tiefe Strom,
Nichts hält sie auf....“

[456] Wie Aeschylus in den Persern, malt der Dichter die Größe der Siege, indem er aus französischer Phantasie heraus den überwältigenden Eindruck schildert, den die Sieger im unaufhaltsamen Vordringen auf die Bevölkerung des feindlichen Landes ausüben. Die ersten Schlachten sind geschlagen; die Armeen, welche so siegesgewiß auszogen, um den Rhein zu nehmen, ziehen sich in Trümmern zurück:

„– Das ist der großen unheilvollen Flucht Beginn,
Die durch des unglücksel’gen Frankreichs Fluren geht –
Der Sieger folgt. Im Wasgau, im Ardennerwald
Ist schon kein Paß mehr, wo nicht sein Geschütz erdröhnt;


Die Gartenlaube (1879) b 456.jpg

Adolphe van Soust de Borckenfeldt.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.


Von allen Seiten kommt er, vorwärts schreitend stets,
Durcheilt die Städte mit gefälltem Bajonnet –
Von Ort zu Ort getragen, tönt ein Schrei der Angst,
Vergrößernd der Verwirrung, des Entsetzens Noth,
Und Weiber, Kinder, Greis’ in athemloser Flucht,
Sie rufen bebend: ,Der Ulan kommt, der Ulan.’
Dem Blitze gleich, der durch die Wolken schneidend fährt,
Stürmt er durch Wälder, Weiler, wüster Felder Plan,
An Wildheit dem Centauren gleich, dem schrecklichen
Des droh’nden Sturmes unglücksschwangrer Bote nur.
Doch das ist schon kein Sturm mehr, nein, zum rasenden
Orkane schwillt’s, wahnsinnig heulend, fessellos,
Zermalmend scheucht sein Grimm in ihrer Wälle Schutz
Die Menschen fort und ihrer Hände kleinlich Werk.
Der Widerstand reizt seine Kraft, und wirbelnd steigt
Die Wettersäule, bricht und reißt, und Alles sinkt
Vom Doppelstoß der wandelnden Zerstörerin,
Die hinter sich nur Trümmer und Vernichtung läßt.“

Doch auch aus Frankreichs Lagern ziehen neue gewaltige Heeresmassen heran, um den Völkerstrom zu dämmen:

„Vergeblich Ringen! Ach, mit der Heroen Kraft,
Wie selbst die ferne Zeit Homer’s sie nicht gesehn,
Stehn sie im Kampf vom Frühroth bis der Abend sinkt.“

Dreimal sehen sie das Morgenroth über die blutigen Gefilde aufgehen, und immer noch tobt die Schlacht. Vergeblich ist der Heldenmuth der Söhne Frankreichs, nichts kann die Deutschen aufhalten – nirgends ein Widerstand, ein Entrinnen, und mit einer Anspielung auf die Katastrophe, die einst Rom traf, ruft der Dichter aus:

„Dein Schwert, o Brennus, ist in der Germanen Hand,
Und dieses Schwert, geworfen in die Wage, ließ
Auf Frankreichs Seite neigen das Verhängniß sich.“

Wenn Emanuel Geibel in jenen ruhmvollen Tagen seinen Hymnus erschallen ließt „Nun laßt die Glocken von Thurm zu Thurm“ etc., so stimmt der Dichter vom vlamischen Bruderstamme in das Tedeum Deutschlands ein, indem er singt:

„Nun soll von Thal und Höhen,
Wo nur ein Haus mag stehen,
In Süd und Nord
Von Deutschlands Kindern allen
Ein Dankeshymnus schallen
Zum Schlachtenhort.“

Die Idee eines gerecht waltenden Schicksals, das den Uebermuth zermalmt, ist in diesem schönen Gesange, wie in dem Chor der antiken Tragödie zum Ausdruck gebracht. Lange ruht der Blitz in der Hand des Allmächtigen, um endlich um so sicherer zu treffen. Vor seinem Hauche sind Fürsten und Völker verweht wie Blätter im herbstlichen Walde. Darum ruft der Dichter der gallischen Nation zu:

[457]

„Nun Frankreich, Land der Leiden,
Dein Schwert häng’ an die Weiden,
Wie Juda einst!
Das Wetter legt sich, glaube!
Wenn du die Stirn im Staube,
Voll Reue weinst!“

Und als, von eitlen Schlagwörtern geblendet, sich das unglückliche Volk nach Sedan noch einmal aufrafft, als es voll trügerischer Hoffnung den ungleichen Krieg noch einmal aufnimmt, warnt der Dichter:

„Auf’s Knie, auf’s Knie, daß du die Wunde dir verbindest!
Von Stolz und eitlem Zorn laß ab,
Daß in der Wahrheit Licht du es gerechter findest,
Wenn Schläge dir das Schicksal gab!“

Der Dichter, welcher einen so innigen Antheil an Deutschlands Sache nahm, ist am 23. April 1877 aus dem Leben geschieden. Mitten in der Vollkraft seines wissenschaftlichen und poetischen Schaffens hat ihn ein unerwarteter, plötzlicher Tod aus einer an glänzenden Erfolgen reichen Amtsthätigkeit gerissen, die für Belgien an jedem Zweige der schönen Künste bleibende Spuren zurückgelassen hat. Die Prosaschriften van Soust’s sind meist kunstgeschichtlichen oder kunstkritischen Inhalts und lassen den Verfasser namentlich als einen gründlichen Kenner der Malerei erscheinen. Seine Bücher „Etudes sur l’ état présent de l’ art en Belgique“ (1858) und „L’ Ecole d’ Anvers“ (1859) sind freimüthige, auf gründlicher Fachkenntniß und tüchtiger philosophischer Durchbildung basirende Beurtheilungen der Zustände an den belgischen Kunstakademien sowie mancher verzogener Lieblinge der Nation, Schriften, welche einen lebhaften Zeitungskampf zwischen dem Verfasser und dem ihm vorgesetzten Minister hervorriefen. Aus diesem Streit, an welchem die namhaftesten belgischen und französischen Kunstkritiker sich betheiligten, ging Borckenfeldt unzweifelhaft als Sieger hervor, und das zum Heil für die belgische Kunst. Auf den größeren Ausstellungen zu London, Wien, Paris etc. vertrat er seine Regierung als Commissar; die Kataloge und Kritiken, welche er in Folge derselben schrieb, sind gleichsam die Wegweiser für die von der Malerei einzuschlagende Richtung gewesen.

Seine poetischen Werke gehören meist der Gattung des Episch-Lyrischen oder der Gedankenlyrik an. In dem Oratorium „Venise sauvée“ feiert er den durch den Sieg Preußens bei Sadowa ermöglichten Fortschritt zur Freiheit Italiens. Dieselbe Begeisterung für die Nationalitätsidee durchweht seine „Renovation flamande“, die durch die vlamische Bewegung angestrebte Wiedergeburt Flanderns. Der dem deutschen Dichter Klaus Groth gewidmete „Chant lyrique“ ist ein Preis der Macht des Gesanges im Stil der besten Erzeugnisse von Victor Hugo. Voll hohen Schwunges schildert er darin die Gedanken- und Gefühlsströmungen der wahren lyrischen Dichtung in der Weltliteratur. Nach dem Erscheinen der „Année sanglante“ hatte er an einer großartigen Ideendichtung gearbeitet, welche den Triumph Deutschlands über die vaterlandslosen dunklen Gewalten, die nationale Einigung Deutschlands und Italiens und deren rüstiges Voranschreiten im Kampfe für die Gewissensfreiheit in großen Zügen zur Darstellung bringen sollte.

Schon vor zwei Jahren hatte mir Borckenfeldt in traulichem Gespräch auf unseren Spaziergängen in und um Brüssel und auf unseren Ausflügen durch das grüne Flandern den großartig angelegten Plan dieser Dichtung mitgetheilt, welche eine natürliche Folge seiner „Année sanglante“ und seiner „Venise sauvée“ bilden und den Kreis gleichsam schließen sollte. Von Frau van Soust, seiner geistvollen und ihm congenialen Gemahlin, mit der Herausgabe dieses Werkes Borckenfeldt’s betraut, hoffe ich in der Kürze meinen Landsleuten das bedeutende Fragment zugänglich zu machen. Wenn man von der poetischen Hinterlassenschaft Borckenfeldt’s auf das nun unwiederbringlich Verlorene schließen darf, so ist es zu beklagen, daß es dem Dichter nicht vergönnt gewesen ist, diese reifste Frucht seines Denkens und Dichtens zu zeitigen. Welche Fülle von tiefsinnigen Ideen und poetischen Gedanken ist mit hinabgesenkt in die Gruft, welche die Koryphäen der Kunstwelt Belgiens, die Männer der vlamischen Bewegung, die Vertreter der Behörden in aufrichtiger Trauer umstanden! Die Einen haben einen unermüdlich fördernden Protector, Andere einen begeisterten charakterfesten Parteigenossen, Andere einen wohlwollenden Vorgesetzten und einen treuen Collegen in ihm verloren. Alle aber fühlten sich durch den Adel seiner Gesinnungen, durch die fesselnde Liebenswürdigkeit seines Wesens angezogen. Viele waren ihm zu Dank verpflichtet. Selbst seine politischen Gegner widmeten ihm in der belgische Presse Nachrufe, die von wahrer Achtung zeugten. Die besten und bedeutendsten Männer Belgiens verkehrten in seinem gastlichen Hause, dessen Wände den Blättern eines Albums gleichen, auf denen die ersten Meister der bildenden Kunst sich verewigt haben. Henric Conscience und Emanuel Hiel, wohl die bedeutendsten der jetzt lebenden Dichter der Vlamingen, verkehrten fast täglich in diesem Hause, und die Gesellschaftsabende, welche ich dort verlebt habe, waren wie attische Symposien voll edelster Anregung.

Als ich in den letzte Tage des Juli 1875 aus diesem schönen Kreise schied und den nun verewigten Freund auf dem Nordbahnhofe zu Brüssel zum letzten Mal umarmte, waren wir beide voll Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, und ich glaubte nicht, daß ich so bald die traurige Pflicht zu erfüllen haben würde, dem besten Freunde des deutschen Volkes unter den Dichtern des Auslandes ein Wort des Nachrufes zu widmen.

Möge sein Andenken gesegnet sein!