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Die magischen Küsse

Textdaten
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Autor: Ferdinand Röse
Illustrator: Carl Hermann Schmolze
Titel: Die magischen Küsse
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 16, S. 121-124 und Nr. 17, S. 129–132.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
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Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
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[121]

Die magischen Küsse.
Ein Märlein.


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Ich weiß nicht wo und ich weiß nicht wann, lebten einmal vier überaus glückliche Menschen unter Einem Dache, und dieses Dach war das eines alten Klosters, welches man hatte aussterben lassen, weil es so gar entfernt von allen menschlichen Wohnungen mitten in einem dichten Waldgebirge lag. Die jetzigen Bewohner waren: erstens Herr Florian, ein gewaltig großer Hexenmeister, welcher lange Zeit gleich Philadelphia, Bosco und Döbler vor allen hohen und niedern Potentaten zum Naserümpfen eines hohen Adels und zum größten Vergnügen des niedern, namentlich des jüngeren Publikums, seine Künste gezeigt hatte.

Jetzt hatte er, wie man sagt, sein Schäfchen im Trockenen, denn das schöne alte und noch wohlerhaltene Klostergebäude, die ausgedehnten Gärten und Fischteiche, und der Wald, soweit man die Abends von selbst läutende Klosterglocke hören konnte, alles das war mit schönen blanken Friedrichsd’ors bezahlt, und als das Geld dießmal nicht, wie sonst oft beim Herrn Florian, sich in Blumen oder Spinnen verwandelte, so übergaben die Administratoren richtig alles dem Hexenmeister. Dieser, den man sich als einen schönen großen alten Mann denken muß mit silberweißen Locken und Augenbraunen, in einem Schlafrocke von violettem echtem Sammet, mit echtem Hermelin gefüttert, mit seidenen Strümpfen, und Schuhen mit Steinschnallen, dieser Herr Florian lebte jetzt wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Er trank täglich zwanzig Tassen Kaffee und rauchte dazu ein Dutzend Pfeifen, zankte mit seinem alten, krummbeinigen Diener Martin, und lobte seine beiden fleißigen Zöglinge, den Franz und die Marie. Das waren nämlich ein paar Waisenkinder aus dem am wenigsten entfernten Dorfe, welche er zur großen Freude der Herren Gemeindevorsteher zu sich genommen hatte, um sie zu nähren, zu kleiden und zu unterrichten, aber nicht wie die gewissenlosen Herren Gemeindevorsteher geglaubt hatten, in der schwarzen und weißen Magie, sondern in guter, christkatholischer Gottesfurcht, in Rechnen, Schreiben und Lesen, in Geographie und Geschichte, im Bäume oculiren und Hanfbrechen, Feldbau und Weinzucht, kurz in Allem, was einst nöthig war, damit sie sich, wie er wünschte, später heirathen und nach seinem Tode in Haus und Hof wirthschaften könnten.

[122] Franz und Marie waren zwar noch Kinder und dachten daher eben so wenig an’s Heirathen, wie Herr Florian ihnen jetzt schon Etwas davon sagte. Ihre kindliche Zuneigung war aber so groß, daß Herr Florian hoffen durfte, sie würden künftig nichts gegen eine Verbindung einzuwenden haben, besonders auch deßhalb nicht, weil Marie keinen andern jungen Mann, als Franz und Franz kein anderes junges Mädchen als Marie bis zu ihrem Hochzeitstage zu sehen kriegen sollten. Man konnte daher sagen, über diesen letztern Punkt waren alle so einig, wie der krummbeinige Martin darüber, daß er sich jeden Tag einen Rausch trinken mußte, und es schien der Sache nichts in den Weg treten zu können, als sich auf einmal ein großes Unglück ereignete. Herrn Florians ganze Hexenmeisterei und Alles, was er an Hab und Gut durch dieselbe hervorgebracht hatte, ja sein Leben hing davon ab, daß er eine reine Judenseele in Spiritus hatte, und von dieser täglich einige Tropfen zu sich nahm.

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Martin, obschon er sonst das volle Vertrauen seines Herrn besaß, kannte dieses Geheimniß nicht, und daher wuchs die langen Jahre hindurch von Tag zu Tage seine Begierde, auch einmal von dem köstlichen Schnaps zu probiren, bis er endlich, obgleich sonst eine grundehrliche Haut, der Versuchung nicht länger widerstehen konnte, und einmal Nachts den Schrankschlüßel unter dem Kopfkissen seines Herrn wegstahl.

Im Nu war dann das Elixir in seinen Händen und aus Furcht, es möge nicht so bald wieder eine so gute Gelegenheit kommen, trank er die Flasche mit einem Zuge bis auf den letzten Tropfen aus. Etwas hätte nichts geschadet, jetzt aber erfolgte natürlich ein Donnerschlag, das Kloster war natürlich gleich wieder eine Ruine, Park und Wald wurden natürlich wieder zur Wildniß, das Geld, welches die Herren Administratoren in Händen hatten, war zu Unflath geworden, und als Martin voll Angst und Schrecken zu seinem Herrn hinüber eilte, lag dieser im Sterben und Franz und Marie knieten weinend an seinem Bette.


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„Lieber Martin,“ sagte der Exhexenmeister, „ich zürne Dir nicht; denn Du hast aus Dummheit gefehlt, und es ist Strafe genug für Dich, daß in meinem Keller kein Wein, Bier und Schnaps mehr für Dich liegt. – Ich muß Deine starke Natur bewundern, daß Dich das Elixier nicht verbrannt hat, es nützt aber nur dem, welcher ohne grobe Fehler ist; solltest Du Dir einmal das Trinken abgewöhnen können, so kannst Du noch mal ein großer Hexenmeister werden, ich glaube aber nicht, daß dieser Fall eintreten wird.“ Das Einzige, was ich noch für Euch thun kann, ist dieses. Darauf küßte er Franz auf die Augen, Marie auf den Mund, schenkte dem Martin seinen sammtnen Schlafrock, seine seidenen Hosen und Strümpfe und die Schuhe mit den Steinschnallen, und sagte: „hiemit habe ich jedem von Euch eine Gabe verliehen, deren Werth und Bedeutung Ihr erst späterhin einsehen werdet.“ – Er wollte noch weiter sprechen, da klopfte es ziemlich unhöflich an die Thüre, und als er herein! rief, traten zwei Teufel in die Stube, um ihn zu holen. Sie sahen aber nicht aus, wie man den Teufel sonst wohl abbildete mit Schweif und Pferdefuß, sondern sie waren nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, mit Glacé-Handschuhen und Lorgnetten und war nichts auffallend an ihnen, als daß sie etwas viel Bart im Gesichte, und einen etwas falschen Blick hatten.

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Herr Florian erkannte gleich in ihnen die Pächter der Spielbank im nächsten Badeorte wieder; es waren also keine jener dummen Teufel, wie sie einst so viel von guten und schlechten Christen geprellt wurden. –

„Herr von Florian,“ sagte der grimmigste der beiden Teufel, „wenn Sie Sich gefälligst ankleiden und mit uns kommen wollten; Ihre Hexereien waren so vortrefflich, daß sie nicht als gewöhnliche Taschenspielereien allerhöchsten Orts entschuldigt und nachgesehen werden konnten.“

Die Kinder fingen nun noch mehr an zu weinen, und wie die Weiber meist bei solchen Gelegenheiten zuerst wieder das Maul zu brauchen lernen, so rief auch hier Marie aus: „Aber mein Himmel, wie ist es möglich, daß Herr Florian, da er doch stets ein so braver Mann war, wegen des Bischen Hexens in die Hölle kommen sollte?“ „Mein Fräulein,“ sagte der Teufel (und Mariechen wurde über und über roth wegen dieses noch nie gehörten Ehrentitels und wegen der Grimmassen, die der Kerl dabei machte), „Herr von Florian kommen nicht in die Hölle, sondern nur so ein dreissig Millionen Jährchen in’s Fegefeuer, und dann zu oberst [123] in den Himmel. Aber wir müssen uns empfehlen, so leid uns ist, eine so angenehme Gesellschaft so bald wieder zu verlassen, wir können aber den ganzen Transport, welcher immer sehr zahlreich zu seyn pflegt, nicht auf uns warten lassen.“ Darauf nahmen Alle noch einmal zärtlich von einander Abschied, dann fuhren die Teufel mit dem Hexenmeister auf und davon; Martin, Franz und Marie weinten aber drei Tage lang und aßen und tranken nicht, darnach trösteten sie sich aber wieder und hielten am vierten Tage eine große Berathschlagung, wovon sie jetzt leben sollten, besonders wenn die Herren Administratoren sie aus dem Hause werfen sollten.

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„Das letztere hätte keine Gefahr,“ meinte Martin, „denn die Wege im Walde seien gar zu schlecht, und wenn die Herren Administratoren hier zu Mittag speisen wollten, so müßten sie sich Alles selbst mitbringen, und das wäre beschwerlich und kostspielig. Du Franz,“ fuhr er fort, „kannst ja so schön Figuren schnitzen und Marie kann stricken und sticken. Wenn dann ein Haufen Arbeiten beisammen ist so trage ich’s zum Verkauf in den nächsten Ort“ – „und versaufe das Geld!“ lachte Franz. „Gewiß nicht,“ versicherte Martin, „höchstens die Hälfte will ich vertrinken.“ Und so machten sie es nun auch in der That mit ihrem Unterhalte; aber gleich das Erstemal, das Martin zu Markte ging, unterhielt dieser sich am besten, denn er vertrank den ganzen Erlös mit Ausnahme der kleinen Summe, wofür er gleich Anfangs Lebensmittel und dergleichen eingekauft hatte. Hier zeigte sich nun aber zuerst die Eigenthümlichkeit der Gabe, welche Martin von Florian empfangen hatte. Jedesmal wenn er sich einen Rausch trank, wurden alle die geschenkten Kleidungsstücke in allen Richtungen enger und kürzer. Da sah es denn bald zu lustig aus, wenn der gute Martin schwer betrunken, mit Lebensmitteln bepackt, vom Jahrmarkt nach Hause wankte. Die Schuhe waren bald so eng, daß der treue Diener bei jedem Schritte Ach und Weh schrie, an die schwarzen Hosen und Strümpfe mußte Marie jedesmal einen Streifen weiter annähen, wie sie ihr beim Verfertigen von ihren eigenen Kleidern übrig geblieben waren, und der schöne Schlafrock konnte bald kaum noch für eine Jacke gelten: Martin besserte sich aber darum doch nicht.

So war Franz mit der Zeit ein Jüngling, Marie eine Jungfrau, und ihre Lage die drückendste von der Welt geworden, als sich folgendes höchst Merkwürdige ereignete.

An einem Frühlingsabende saßen Franz und Marie nach gethanener Arbeit vor dem Hause und warteten mit Sehnsucht auf Martins Rückkehr, denn sie hatten sich seit über acht Tage nicht satt essen können, und doch erschrecklich viel arbeiten müssen.

Nachdem sie eine Weile trüben Gedanken über ihre traurige Lage nachgehängt hatten, wurden sie Beide auf einmal sehr vergnügt. Zufälliger Weise sah nämlich Franz die Marie gerade in demselben Augenblicke an, als Marie den Franz ansah.

Das war nun zwar auch früher schon sehr oft geschehen, das Außerordentliche war aber, daß diesmal bei dieser Gelegenheit Franz dachte: was ist die Marie doch für ein hübsches Mädchen, und zugleich Marie dachte: was ist der Franz doch für ein sauberer Bursche! Nun griff Franz mit seiner Hand nach dem Herzen, weil es ihm auf einmal da ganz kurios war, wie er früher noch nie verspürt hatte, und Marie griff mit ihrer Hand nach ihrem Herzen, weil es ihr da eben so kurios war.

Den ganzen Abend sahen sie sich nun nicht wieder an, obgleich sie wußten, daß es ihnen viel Vergnügen machen würde und wo sie nur konnten, gingen sie sich aus dem Wege, obgleich dem einen, wie dem andern Theile sehr unlustig zu Muthe war, wenn er den andern nicht in der Nähe wußte. So sehr sie sich früher auf die Speisen gefreut hatten, welche Martin mitbrachte, so mußte er jetzt doch allein sein Nachtessen verspeisen, denn Marie hatte sich in ihre Kammer eingeschlossen und dachte, sie wußte selbst nicht woran, und Franz lief wie unsinnig bald lustig singend, bald weinend um den essenden und trinkenden alten Martin herum und quälte diesen, er solle ihm sagen, warum ihm so kurios zu Muthe wäre? Martin ließ sich nun aber unter allen Umständen nie von der guten Gewohnheit abbringen, daß er, wenn er aß und trank, kein Wort sprach. Als er aber damit fertig war und sich in’s Bett gelegt hatte, um seinen Rausch auszuschlafen und sich von dem Drucke seiner engen Kleider zu erholen, da brummte er noch zwischen Traum und Wachen: „ha Narr, was solls seyn, du bist eben verliebt!“ – Aus welcher Rede, gelegentlich bemerkt, hervorzugehen scheint, daß diese wahrhafte Geschichte nicht irgendwo, sondern im lieben Schwabenlande sich zugetragen hat.

„Verliebt! verliebt!“ das Wort regte in Franz ein Meer von unbestimmten Gedanken und Gefühlen aus, aber da half kein Rütteln und kein Schreien, der alte Trunkenbold war nicht wieder zu erwecken. In einer wundersam traurigfröhlichen Stimmung rannte Franz nun im Mondscheine [124] Treppe auf Treppe ab durch die weiten öden Gänge und Hallen des Klosters unermüdlich fort und fort. Es mochte wohl Mitternacht seyn, da bemerkte er auf einmal, daß er nach kurzer Frist sich immer wieder in dem Gange vor Mariens Kammerthüre fand. In wen bist du denn verliebt? fragte er sich innerlich. Nun natürlich in Marie, antwortete es in ihm. Hat sie dich aber auch wieder lieb? fragte es weiter? Ihn überlief’s heiß und kalt bei dem Gedanken, daß dieses nicht der Fall sein könnte. Obgleich ihm Marie nie ein böses Wort gegeben hatte, sondern vielmehr that, was sie ihm nur an den Augen absehen konnte, war sie darum verliebt in ihn? war sie seinetwegen in einer ähnlichen Stimmung, wie er jetzt? ach nein, sie lag gewiß ruhig und schlief und träumte von ihrer Katze oder von dem Essen, das Martin mitgebracht hätte. Franz gerieth bei diesem Gedanken in eine Wuth, daß er hätte Alles entzwei schlagen mögen, schon wollte er hinausstürzen aus dem Hause in den Park, wo er am dunkelsten wäre oder lieber gleich in den Fischteich hinein, denn wie sollte er leben, wenn Marie ihn nicht wieder lieb hatte? – Voll Ingrimm warf er noch einen Blick auf die Thüre des Mädchens, welche gerade in diesem Augenblicke durch den hinter einem Mauervorsprung hervortretenden Mond auf das hellste beschienen wurde, da erkannte er plötzlich, daß Mariens Träume sich, ähnlich dem Bilde einer Laterna magika, in einem Lichtkreise auf jener Thüre darstellten. Das mußte die Gabe seyn, welche ihm Herr Florian verliehen, als er ihn sterbend auf die Augen küßte. Und was zeigten jene Bilder? – Nur von ihm träumte Marie; bald herzte sie ihn, bald küßte sie ihn, bald saß sie als Hausfrau neben ihm! Franz konnte sich nicht satt sehen an den Bildern, aber der Mond trat wieder hinter eine Mauerzinne und Alles war verschwunden. Allein das betrübte ihn nicht, jetzt mußte er hinaus ins Freie und laut jubelnd lief er im Mondscheine Bergauf Bergab, durch Wald und Thal bis ihn die aufgehende Sonne und der Hunger nach dem Frühstücke, nach Hause trieben. In der Mitte des wohl schon seit mehr als einem Jahrhundert dach- und fensterlosen Refektoriums, hatte in dem von Schutt erhöhten Boden ein prächtiger Lindenbaum Wurzel gefaßt und passend für das Leben der jetzigen Bewohner mit seiner breiten Krone eine neue Decke über dem Saale gebildet. Schon bei Florians Lebzeiten war es im Sommer Gebrauch gewesen unter diesem Baume das Frühstück, Mittag- und Abendmahl einzunehmen. Die Ungeduld hatte Franz heute wohl eine Stunde zu früh hiehergeführt. Trotz seiner fieberhaften Aufregung still wie eine Bildsäule saß er da, und blickte unverwandt auf die hohe gothische Eingangsthüre, deren reiches Laubwerk und musizirende Engelsköpfe im rothen Morgenlichte glänzten.

[129] Jeden Augenblick meinte er, jetzt müsse Marie in dem blauen Hauskleide mit der weißen Schürze, die große Suppenschüssel in der Hand, durch diese Thüre eintreten. Aber viele Stunden waren nach dem Maßstabe seiner Ungeduld schon vergangen, und noch immer kam sie nicht; sie wird doch nicht krank sein! dachte er plötzlich. Ein Pruhsten und Schnauben und ungleichmäßiges Fußtappen zeigte an, daß der krummbeinige Martin, wie gewöhnlich, seine Promenade unter den Fenstern des Refektoriums mache, damit die Morgensonne, wie er sich auszudrücken pflegte, die bösen Nebel vom vorigen Tage zerstreuen möchte. „Heh Martin, Martin!“ schrie Franz, und ehe noch eine Antwort erfolgen konnte, war er gewandt durch’s Fenster an dem dichten Epheugeflechte, die, wegen des hohen Fundaments nicht unbeträchtliche Höhe, hinabgeklettert. Marie ist doch nicht krank? wollte er fragen, aber so wenig er sonst in dem Augenblicke zum Lachen aufgelegt war, der Anblick des guten Martin war gar zu komisch. Martins gestriger Rausch mußte tüchtig gewesen sein, denn die Kleider hatten den höchst möglichen Grad von Knappheit erreicht. Wie eine Ente wankte der Alte daher in den mehr als chinesisch engen Schuhen; die gleich Trico anschließenden Hosen zeigten die kreisförmige Bildung dieses charakteristischen Körpertheils Martins in seiner ganzen Schönheit, die Aermel endlich reichten kaum bis zum Ellenbogen und der schmale Streif, welcher vom Rückenstück übrig war, zog die Schultern des alten Knaben zurück, daß ein Rekrut, der reiten lernt, daran hätte ein Beispiel nehmen können.

„Ihr habt gut lachen in Euern bequemen Kleidern,“ sagte Martin unwirsch, „aber das wird schon aufhören, wenn der Martin nicht mehr zu Markte gehen und Speisen für Euch holen kann! in den Kleidern halt’s der Teufel aus, und gestern sind mir schon die Buben bis eine halbe Stunde von der Stadt nachgesprungen, so daß ich ihnen zuletzt in der Wuth ein Ei um’s andere an den Kopf warf.“

„Sei nur ruhig, Alterchen,“ tröstete ihn Franz, „ich schenke dir meine Sonntagskleider, denn ich komme ja doch nicht unter die Leute. Nur den Tag, wann ich mit der Marie zur Kirche gehe, um mich trauen zu lassen, mußt du mir sie wieder leihen. Aber sprich, weißt du nicht, was es mit der Marie ist, daß sie noch immer nicht herunter kommt von ihrer Schlafstube?“

„Na, was solls denn sein,“ brummte Martin, und machte wieder einen vergeblichen Versuch, sich etwas bequemer in seiner sammtnen Behausung einzurichten. „Schon seit zwei Stunden habe ich vor ihrem Gesinge nicht mehr schlafen können. Erst ein Morgenlied und dann ein Duzend Schelmenlieder, und das Blitzmädel hat eine so helle Stimme, daß weit und breit im Walde die Vögel antworteten. Für Euer Anerbieten mit den Kleidern danke ich, aber wißt Ihr denn nicht, daß wenn ich nur einen Tag andere Kleider als die ererbten [130] auf den Leib bringe, der ganze reine Judenseelen-Zauber vernichtet ist, und ich nie werde hexen können, wenn ich mir auch, wie ich wünsche und hoffe, in meinen alten Tagen das Trinken abgewöhnen sollte! Mit der Hochzeit, das schlagt euch aber aus dem Sinne. So seid ihr junges Volk, gestern verliebt und heute soll’s schon geheirathet sein. – Liebes Kind, Heirathen kostet Geld, viel, viel Geld! Da mußt du einen Tauf-, Pocken-, Confirmations-, Heimaths- und Militärfreiheits-Schein haben. Ferner, wenn du auch nie dieses Kloster verlassen hast, so muß doch der Herr Pfarrer an dreien Sonntagen dich von der Kanzel werfen, das heißt, er muß fragen, ob nicht ein anderes Mädchen Etwas gegen deine Heirath einzuwenden hat, weil du ihr schon früher die Ehe versprochen.

„Das thut der Herr Pfarrer wieder nicht umsonst; dann mußt du Bürger werden, mußt einen Ansässigmachungs-, Gewerbs und Ehe-Consens haben, und endlich für’s Trauen selbst verlangt der Herr Pfarrer wieder Geld und sein Küster dazu, und dann für die Hochzeit muß doch ein Braten, ein Kuchen, und viel, viel guter Wein daher, und selbst wenn du für all dieses mit der Zeit Geld auftreiben könntest, was gar nicht möglich ist, selbst wenn ich mir das Trinken noch einmal abgewöhnen sollte, was wiederum nicht sehr wahrscheinlich ist, so kommen am Ende Kinder, und Kinder, die wollen getauft, erzogen, confirmirt und ausgesteuert sein, was noch viel mehr Geld kostet, kurz du mußt dir die Sache wieder aus dem Kopfe schlagen.“

„Das kann ich nicht, das will ich nicht, das werd ich nicht!“ schrie Franz außer sich vor Wuth und packte den Alten so derb an, daß dessen so schon überspannte Kleider in allen Richtungen Risse bekamen; „ehe das geschieht, schmeiß ich dich und das Kloster und die ganze Welt zusammen. – „Franz!“ tönte hell und versöhnlich Mariens Stimme aus dem Refektorium herunter, „bist du dort unten? ich glaubte du triebst dich noch immer im Walde herum, und war schon recht besorgt und ungeduldig, weil du mich so lange warten ließest; komm doch herauf, die Suppe wird kalt.“ Und in der That, wie fröhlich war Marie aufgestanden, denn wenn sie auch nicht recht mehr gewußt hatte, wovon sie die Nacht geträumt, so hatte sie doch das Nachgefühl eines sehr schönen Traumes gehabt, und wußte sie anderer Seits auch seit gestern, ohne daß sie Jemand darum gefragt, wie lieb, wie recht von Herzen lieb sie den Franz hätte.

Aber hatte sie Franz auch wieder lieb? war er nicht gerade seit gestern so zerstreut und kurios, und gleich nach dem Essen war er fortgelaufen und die ganze Nacht ausgeblieben! Diese ersten, wenn auch noch sehr unklaren Anfänge von Eifersucht, hatten der Marie ihre Liebe zum Bewußtseyn gebracht, und die schönen Träume dieser Nacht, der helle Morgensonnenschein und ein vertrauungsvolles Gebet hatten auch dieses erste Mißtrauen Mariens gegen Franzens Treue schnell wieder entfernt; aber als er jetzt auch beim Frühstück auf sich warten ließ, und dann wieder so zufahrig und jähzornig den alten Martin prügeln wollte, ohne daß dieser etwas Ungewöhnliches gethan, das war gar nicht mehr ihr Franz von ehemals! Der alte Trunkenbold hatte ihn gewiß mit einem Mädchen drunten im Dorfe bekannt gemacht, und jetzt geht die Geschichte nicht wie sie soll, und dafür hat der Martin Schläge gekriegt, und das schadet ihm gar nichts und so weiter.


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Franz kam langsam durch die Thüre herein; er erwiederte Nichts auf Mariens kaum hörbaren guten Morgen, keins wagte das Andere anzusehen, sondern mit klopfendem Herzen, hochrothen Wangen und finsteren Blicken saßen sie einander gegenüber und rührten in der Suppe. Der alte Martin kam gar nicht herauf, sondern lief, doppelt so stark, als gewöhnlich, pruhstend, schnaubend und tappend unter dem Fenster auf und ab. Alles war anders, als sonst. Nach einer Weile stand Marie, ohne einen Bissen zu essen, auf, und trat an die Fensteröffnung. Franz blickte verstohlen nach ihr hinüber, er sah eine große, blitzende Thräne fallen; das hatte sie ihm verbergen wollen. Ach sie hatte ihn ja wieder so lieb, sie hatte ja so viel von ihm geträumt, und jetzt war er so verdrießlich und widerwärtig, wie wehe mußte ihr das thun! Unwillkührlich stand er auf und stellte sich, nur flüchtig sie anblickend, dicht neben ihr hin ans Fenster. Wenn er ihr auch nicht seine Liebe gestehen durfte, weil er sie nicht heirathen konnte, warum sollte er denn unfreundlich gegen sie sein? warum sollte er sie nicht trösten, es war ja nichts vorgefallen? warum sollte er nicht gegen sie sein ganz wie früher? – Erst einen Kuß; dann guten Morgen liebe Marie. Sei mir nicht böse, weil ich heut Morgen so widerwärtig bin, ich habe nicht gut geschlafen, es war so heiß, die Mucken haben so arg gebrummt in meinem Zimmer, sonst ist gar nichts vorgefallen. Komm laß uns unsere Suppe essen und dann lustig an die Arbeit. Dem alten Martin schenke ich meine Sonntagskleider, da ist er auch [131] wieder zufrieden. – Nein um Alles in der Welt konnte er so nicht thun und sprechen, und bei den Kleidern und bei dem Martin, da fiel ihm gleich wieder die Hochzeit ein. Was die Marie heut schön war, und wie schön müßte sie jetzt sein, wenn sie mal wieder, wie sonst, stets ein fröhliches Gesicht machen würde! Aber so traurig hatte sie selbst nicht beim Tode Florians ausgesehen; die Wangen bleich, die Augen starr und blicklos, und um Gottes willen, sie bog sich so weit zum Fenster hinaus, – er umfaßte sie kräftig, um sie zu halten, und im Nu ruhten Mund auf Mund zu einem langen warmen Kusse. Der günstige Leser wird entschuldigen, wenn es uns durchaus unmöglich ist, ihm zu sagen, ob Franz ihn zuerst gab oder Marie ihn zuerst in Empfang nahm. „Juhhe!“ schrie gerade unter ihnen der alte Martin, daß sie mit den Köpfen auseinander fuhren, als ob sie auf einem Diebstahl ertappt wären. „Wenn die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten,“ fuhr der Alte fort, „hab’s dem Herrn Florian immer gesagt, daß in dem alten Gemäuer hie und da Schätze versteckt seyn müßten, warum spielten sonst Nachts so oft die blauen Flämmchen um das Fundament?“


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„Die geistlichen Herren haben manches schöne Geschenk von frommen Wallfahrern erhalten, und können unmöglich verzehrt gehabt haben, was die schönen Güter einbrachten, als sie der Krieg vertrieb.“

Hier an dieser Stelle müßte man nachgraben, da würde man bald mehr finden, solche Vögel fliegen nicht allein, seht her, welch ein schöner blanker Dukaten, ein Ritter ist darauf“ – aber Franz und Marie hörten kein Wort von allem dem, sondern selig Aug’ in Auge hängend, erzählten sie sich stumm Alles, was sie seit gestern gefühlt und gedacht hatten, und dazwischen kam immer wieder ein Kuß, um die Betheuerungen zu besiegeln, und alles Unrecht, das sie sich gegenseitig gethan, abzubitten. – „Potz Mohren, Fetzen, Fandango, Seladon, Austerlitz, da wissen wir endlich auch, was für eine Gabe Herr Florian der Marie vermacht hat. Nur zugeküßt, schrie der Alte von unten, nur zugeküßt, da gibts desto eher eine Hochzeit! Aber einen Augenblick müßt ihr euch abmüssigen, um zu sehen, wie’s hier Dukaten regnet bei jedem Kuße, den ihr Euch gebt.“

„Der gute, gute Florian!“ rief Franz und wollte die nun sich sträubende Marie schon wieder küssen. „Kind, sträube dich nicht,“ sagte er, „es ist keine Sünde, so Geld zu machen; denn die Hälfte der Dukaten wollen wir täglich zu Seelenmessen verwenden, damit unser braver Florian früher aus dem Fegfeuer herauskommt. Aber schon nächsten Sonntag muß uns der Herr Pfarrer zum erstenmal von der Kanzel werfen. In drei Wochen können wir auf diese Weise mehr als genug Geld zusammen bringen, nicht wahr Martin?“ – „Freilich, freilich,“ sagte dieser, welcher jetzt, die Dukaten lustig in seiner Kappe herumrasselnd, zur Thüre hereingesprungen kam. „Jetzt kaufen wir den Herren Administratoren das Gut noch einmal mit gutem Golde ab, und dann müssen alle Keller voll Wein und Bier vom besten Gewächs – aber setzte er kleinlaut hinzu und kratzte sich hinter den Ohren, „der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Hab ich mir so eben erst noch fest vorgenommen, ich wollte mir das Trinken abgewöhnen, das heißt das zuviel, damit ich hexen und euch glücklich machen könnte! Aber ach was, ich will lieber hier lustig und arm leben und dann jenseits nicht erst dreißig Millionen Jährchen im Fegfeuer auf den Himmel warten. Hole der und jener die Hexerei, so lange ihr euch lieb habt und euch treu und aufrichtig küßt, gibts Dukaten die Hülle und Fülle, da werden auch einige für den alten Martin übrig seyn.“

„So ist’s recht,“ sagte Franz, „wir werden alle nicht dabei zu kurz kommen. Ich werde die Marie schon gerne küssen und sie wird mir auch nicht untreu werden, denn ich kann’s ja gleich an ihren Träumen sehen, wenn ich den Tag über nicht so ganz, ganz lieb gegen sie gewesen bin, und du Martin sollst morgen am Tage Kleider haben so weit, daß dir’s nicht zu enge wird, und wenn du auch zehn Schoppen über den Durst getrunken hast!“


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Vier Wochen darauf war richtig Hochzeit, und Franz ist ein reicher, reicher Guts-Herr geworden, und Marie Mutter von zehn Kindern, [132] und Martin blieb lustig und durstig bis an sein selig Ende.

Und was ist die Moral von dieser langen, verlegenen Geschichte? wird vielleicht der günstige Leser fragen, weil er wahrscheinlich weiß, daß es keine Dukaten bringt, wenn man die Mädchen küßt, und daß selbst bei den treuesten nicht ihre Träume auf die Kammerthüre geschrieben stehen, und daß Einem nicht die Kleider zu enge werden, wenn man sich einen Rausch trinkt – sonst wäre die löbliche Schneiderzunft noch übermüthiger, als sie jetzt schon ist. – – Wenn du auch Alles andere verschläfst und vergissest, lieber Leser, die Moral von der Geschichte merke dir, denn sie heißt: Fröhlich gelebt und selig gestorben, so wird dem Teufel die Rechnung verdorben. –


F. Röse.