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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1894
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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[757]

An Deutschlands Volksvertreter.

Nun steht der Reichspalast vollendet;
Die Kuppel blitzt im Sonnenlicht. –
Die ihr vom Volke ausgesendet,
Seid eingedenk nun eurer Pflicht!
Fest ist des Reiches Bau gezimmert,
Der volle Kranz der Ehre schimmert –
Und weh’ dem Feind, der uns bedroht!
Daß unsrer Zukunft Heil nicht fehle,
Steh’ obenan in jeder Seele:
Dem Reich getreu bis in den Tod!

Wie die Parteien auch geschieden,
Wie jeder auch im Kampf sich stellt,
Darin seid einig: keinen Frieden
Mit jedem, der zum Reich nicht hält!
Wer losgesagt sich von der Treue
Für seine Mutter, ohne Reue
Verletzt das heiligste Gebot,
Wer fest nicht steht zum Vaterlande,
Dem Buben Hohn und Schmach und Schande! –
Dem Reich getreu bis in den Tod!

Doch mit der Einheit steh’ im Bunde
Auch Volkesfreiheit wahr und echt.
Laßt niemals ab, zu keiner Stunde
Ein Haar breit vom beschwor’nen Recht!
Wenn schwere, düstre Tage kommen,
Wird Eines nur zum Segen frommen,
Ein Ende machen aller Not,
Nicht Dienst der Sklaven und Lakaien –
Wahr machen können’s nur die Freien:
Dem Reich getreu bis in den Tod!

So soll es sein, so sei’s gehalten,
Daß Deutschland stets in Ehren steht!
Es soll uns keine Meinung spalten,
Wenn’s um die höchsten Güter geht.
So mögt ihr denn zum Werke schreiten! –
Stolz rausch’ bis in die fernsten Zeiten
Das Banner schwarz und weiß und rot
Und weh’ ob einem freien Volke! –
Ob Sonnenschein, ob Sturm und Wolke,
Dem Reich getreu bis in den Tod!

 Emil Rittershaus.

[758]

Um fremde Schuld.

Roman von W. Heimburg.
     (9. Fortsetzung.)

Guten Morgen, Fräulein,“ sagte Herr Hübner, als er mich ins Zimmer der Base gebracht hatte, „wohl bekomm’ die kalte Fahrt! Ich hatt’ ja keine Ahnung, daß Sie zu unserer Base wollten. Hätt’ freilich auch nichts weiter thun können, als Sie daher bringen. Nur nicht gleich zu nahe an den Ofen,“ warnte er; dann ging er.

Und nun nahmen mich ein paar alte und doch so linde Hände in Empfong, die drückten mich auf das Sofa und zogen mir die Lederstiefel von den kalten Füßen und große Filzschuhe dafür an, ach so weich und warm! Und während ich schon halb wieder im Schlafe lag, wurde mir ein Kissen unter den Kopf geschoben und der Mantel ausgezogen, dann schluckte ich warme kräftige Brühe und dazwischen hörte ich die besorgte Stimme der Base und eine andere tröstende Stimme. „Ei, Kälte macht müde, Base, und sie ist die ganze Nacht gefahren.“

Dann sagte die Base: „Aber wie sie sich verändert hat! ’s ist gar nicht mehr das runde Kindergesicht.“

„Man kann nicht ewig ein Kind bleiben. Lassen Sie sie schlafen, Base, das Beste ist der Schlaf.“

Und ich schlief. Ich wachte erst auf, als es schon ganz dämmerig war; ach, und wie traut war das Erwachen! Der Feuerschein des Ofens spielte auf weißen, von dunklem Holzwerk durchquerten Dielen. durch die Fenster sahen hohe verschneite Tannen herein; an der weiß getünchten Wand über der geschweiften Kommode mit den blitzenden Messingschlössern tickte eine altmodische Uhr und im Lehnstuhl am Ofen saß die Base und spann. Ich rührte mich nicht, sondern ließ den wohligen Zauber voll über mich ergehen. Endlich trippelte sie durchs Zimmer, beugte sich zu mir nieder und lauschte, ob ich noch schlafe.

„Base,“ sagte ich, „ich bin ausgerissen! Sie haben mir ja erlaubt, zu kommen, und daß ich’s nur gleich gestehe, geborgt habe ich auch von Ihnen – zwanzig Mark, ich bringe nur achtzig mit aber, sehen Sie, ich konnte mir von niemand Geld geben lassen zu dieser Reise.“

„Ich weiß schon, ich weiß alles, Anneliese, wenn Sie nur nicht krank werden!“

„I Gott behüte! Aber woher wissen Sie denn, daß – –“

„Es ist eine Depesche gekommen.“

„Ich gehe nicht wieder zurück, Base!“ rief ich, mich mit einem Ruck aufrecht setzend.

„Nein, nein!“ beruhigte mich die alte Frau, „Sie sollen sogar vorläufig hier bleibeu, Fräulein Anneliese; da steht’s: ‚Meine Tochter wünscht für einige Zeit in Langenwalde zu bleiben. Bitte, ihr den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Koffer folgen. Wollmeyer.‘“

Ich starrte wortlos in das Gesicht der Base, das nur noch undeutlich zu erkennen war. Was wollte er nur? Sollte ich bleiben – oder nicht?

„Base,“ sagte ich endlich, „so geht es nicht; ich muß weiter, „ich kann nicht bleiben. Wissen Sie nicht eine Stelle für mich auf Gottes weiter Erde, wo ich Herrn Wollmeyer nicht wieder zu begegnen brauche? Ich bin hierher geflüchtet, aber nur um Rat von Ihnen zu holen und um eine vorläufige Hilfe – –“

„Was um Gotteswillen ist denn geschehen?“ fragte sie, und nun brauste das ganze Leid der letzten Tage über meine Lippen wie ein Sturzbach. Sie unterbrach mich nicht, sie stand regungslos vor mir und hörte zu.

„Ich habe mir das alles gedacht, Anneliese,“ war das einzige, was sie sagte, als ich geendet hatte.

„Und was soll ich thun, Base?“

„Bleiben Sie nur vorläufig ruhig hier, Anneliese, ganz ohne Bange und Furcht. Hier geschieht Ihnen nichts,“ sagte sie einfach. „Wir werden ja sehen, was weiter folgt. Seien Sie aber ganz ruhig; er thut vorläufig gar nichts, glauben Sie mir. Denken Sie doch: um der Mama willen dürfen Sie jetzt nicht fort in die Welt – das sehen Sie doch ein?“

„Und wenn er herkommt – mit Brankwitz!“

„Er kommt nicht!“ erklärte sie bestimmt. „Vorläufig bleiben Sie hier, und wir reden nicht von der Soche. Sie müssen erst wieber anders aussehen.“

„Ach, Base, wenn ich in solcher Ungewißheit lebe, da werde ich nicht gesünder.“

„Ungewißheit? Keine Spur! Sie meinen wohl, ich helfe Sie verheiraten an den? Nein, Anneliese, eher –“ und sie trat einen Schrizt näher zu mir und ihre Stimme bebte eigentümlich, „eher thue ich etwas, das . . . das –“ Sie brach ab. „Aber das wird nicht nötig sein,“ murmelte sie, „er überlegt sich’s!“

„Sehen Sie, Base,“ sprach ich weiter, „der Brankwitz, der liebt mich ja gar nicht, er sagt’s nur so, er hat irgend einen andern Grund, warum er mich heiraten will. Er denkt wahrscheinlich, ich bekäme dereinst Wollmeyers ganzes Geld.“

Sie schüttelte den Kopf. „Gott weiß, was er denkt, aber nebenbei haben Sie ihm auch gefallen. Wenn er hätt’ nach Geld freien wollen, da hätt’ er’s gewiß schon lange thun können. Es giebt genug Mädchen, die sein ,von‘ teuer bezahlen würden.“

„Base, ich bitte Sie!“ flüsterte ich, peinlich berührt.

„Was denn?“

„Base, ich muß Ihnen noch ’was erzählen – ich wäre sicher nicht davongelaufen, aber – ja, Sie können mir gewiß Näheres berichten: in welcher Beziehung steht denn nur Wollmeyer zu Herrn von Brankwitz?“

Die alte Frau seufzte. „Weshalb, Fräulein Anneliese?“

„Ich habe gehört, wie Frau Sellmann sagte, ihr Bruder solle ihm nur drohen mit – mit was, das weiß ich eben nicht – dann würde mein Stiefvater schon alles dransetzen, daß ich einwillige.“

Sie sah plötzlich totenblaß aus, die alte Frau, und ihre Lippen preßten sich fest aufeinander.

„O, es ist da irgend etwas, etwas Unheimliches, erzählen Sie mir’s, Base!“

„Es ist nichts,“ antwortete sie heiser.

„Ja, o ja! Ich bin kein Kind mehr – sagen Sie es mir!“

„Nein, Anneliese, ich kann nichts sagen, und wenn ich’s könnte, ich thät’s nicht verraten. Und sehen Sie, es giebt Sachen – Sachen – ach, Gott behüte und bewahre Sie davor und jeden andern Christenmenschen!“

„Sind denn Wollmeyers und Brankwitzens verwandt?“

„Nein, nein! Aber liebes Fräulein Anneliese, fragen Sie nicht weiter! Es kann eine Last schon sehr schwer sein, wenn einer sie trägt, tragen mehrere daran, so wird sie immer schwerer, immer schwerer, und was einer noch schleppt, darunter erliegen zwei. So ist’s hier. Lassen Sie mich’s allein weiter tragen, lieb Kind, Sie sind ja noch viel zu jung, Sie würden es auch gar nicht verstehen. Quälen Sie mich nicht, Annelieseken!“

„Base, ist’s denn etwas Schlechtes? Kann ich dadurch gezwungen werden. den schrecklichen Menschen zu heiraten?“

„Nein, nein, um fremder Schuld willen sollen Sie nicht leiden,“ sagte sie, „ich bin noch da, Annelieseken, und so lange ich lebe, da werden Sie nicht der Preis – der – ach, was schwatz’ ich denn, es ist ja gar nichts, nein, gewiß nicht! Seien Sie ruhig, Sie können hier so sicher sein wie in Abrahams Schoß!“

„Nein, das glaube ich Ihnen nicht!“

„Jawohl, das können Sie glauben. Alte Geldgeschichten werden sie gemeint haben, die Brmnkwitzens, zwischen Kaufleuten kommt so ’was vor, wissen Sie. Dem Brankwitz seinem Vater hat einmal die Mühle gehört, damals, als Wollmeyer verkaufen mußte, und dann hat Wollmeyer sie zurückgekauft und da hat’s etwas gegeben wegen Mein und Dein, was weiß ich! Kommen Sie, Anneliese, essen Sie, Sie werden hungrig sein!“ Und sie strich mir das wirre Haar aus der Stirn, redete von allem Möglichen, schraubte dabei die Lampe höher und trug mir ein Abendbrot herbei, so zierlich und nett, daß auch der gesättigtste Mensch Appetit bekommen hätte, und der Thee duftete aus der alten Zinnkanne, die so blank wie Silber gescheuert war. Dann brachte sie mich zu Bett wie ein kleines Kind; das Bett war ein Himmelbett und stand im Nebenraum, einem großen dreifenstrigen Zimmer mit altmodischen Fichtenmöbeln und getäfelter Decke, und die Wäsche roch ganz fein nach Lavendel, und ein Nachtlicht brannte, damit ich mich nicht fürchten sollte, und eine riesenhafte kupferne Wärmflasche war da in den schneeweißen Kissen, die ich gleich [759] hinauswarf, und ein Glöckchen auf dem Tisch am Bett, um die Base zu rufen.

„Ach,“ sagte ich schlaftrunken, „wie kann man nur in die Stadt ziehen, fort aus so herrlicher Gegend und einem so gemütlichen alten Hause? Da verstehe ich nun wohl, daß Frau Hannchen die Sehnsucht nicht los geworden ist.“

„Ja, es giebt mancherlei, was die Menschen wandern heißt,“ antwortete sie. Sie machte sich plötzlich in der Nebenstube zu schaffen; sie hatte wohl Angst, ich möchte aufs neue sie ausfragen.

„Base,“ rief ich nach einer Weile, aus dem ersten Hinüberdämmern auffahrend, „Base, kommen Sie rasch, ich muß Ihnen etwas erzählen!“

Sie kam auf ihren weichen Pantoffeln. „Schlafen Sie doch, liebes Annelieseken,“ bat sie.

„Nein. Base. Denken Sie nur, gestern war ich auf dem Kirchhof, und da stand jemand an Hannchens Grabe, ein großer schöner, schlanker junger Mensch, und mir ist, als hätte er Aehnlichkeit gehabt mit der Photographie von Robert Nordmann.“

Sie antwortete nicht; sie hielt den Atem an und ich fühlte, wie ihre Hand zitterte, die auf der meinen lag.

„Ja, und da dachte ich, ob’s nicht vielleicht Ihr Robert gewesen sein könnte,“ fuhr ich zögernd fort.

Sie blieb lange still, endlich sagte sie: „Weil da einer grad’ an ihrem Grabe gestanden ist? Ach, Annelieseken, ach, ich wollt’, Sie hätten’s mir nicht erzählt. Nun bildet man sich wieder ’was ein, und es wird ja doch nimmer wahr!“ Und sie ging leisen Schrittes hinaus, und im Nebenzimmer hörte ich sie weinen und mit sich selbst flüstern.

Dann erlosch plötzlich das Licht nebenan, und es ward still, ganz still, und nun kam der Schlummer.


Das Erwachen am andern Morgen war nicht ungetrübt. Ich hatte schwer und ängstlich von Mama geträumt, sie sei krank geworden und gestorben, und meine Schuld sei es gewesen, hatte sie mir im Sterben gesagt, und weil der alte thörichte Aberglaube mir in den Sinn kam, daß das, was man in der ersten Nacht an einem fremden Orte träume, unfehlbar wahr sei, stand ich zu allem andern noch unter dem Druck dieser Angst und konnte an nichts denken als an das blasse verzerrte Gesicht Mamas. Meine Phantasie malte mir unglaubliche Situationen aus. Ich überlegte mir Mamas ganzes Gebahren nochmals, ich erzählte auch der Base ausführlich, wie merkwürdig aufgeregt sie gewesen sei und wie es ihrem ganzen Charakter zuwiderlaufe, mich zu einer Verlobung zwingen zu wollen. Sie hatte doch früher immer gegen mich und gegen andere geäußert, nie werde sie sich in eine Herzensangelegenheit zu- oder abredend einmischen, und sei es auch bei ihrem eigenen Kinde; das müsse ein jedes mit sich selbst abmachen Die Base war auch recht niedergeschlagen und gab mir kaum eine Antwort. Sie versuchte dann im Laufe des Tages mich etwas aus meinem Hinbrüten aufzurütteln, indem sie mich in dem alten Herrenhause umherführte. Aber die meisten Stuben und Säle waren unmöbliert und die Kälte in den seit Jahren unbewohnten Räumen so eisig, daß sie wieder davon abstand. Ich stieg dann mit ihr die Treppe hinunter, sagte der Frau Inspektor Hübner Guten Tag – Hübners bewohnten das linke Erdgeschoß – und sah mir das halbjährige Kindchen an; die Geschwister waren in der Schule und einer gar schon drunten in Gotha auf dem Gymnasium. Die Base und Frau Hübner zeigten mir auch den Milchkeller, die Obst- und die Flachskammer, ja sogar in den Kuhstall locktnu sie mich, und die Augen der alten Frau bekamen einen feuchten Schimmer, als ich auf ihre Frage, ob es mir gefalle, antwortete: „Sehr, Base, es ist sehr schön hier!“

„Und schauen Sie, Fräulein Anneliese, dort über dem Bach drüben, das große Gebäude, das ist die Mühle, und dort hinter dem Lindengipfel die zwei Fenster im Giebel, da habe ich meine Jugend verlebt.“

Wir standen in dem offenen Hofthor des Herrenhauses, wie es genannt wird, und ich ließ meine Augen hinüberschweifen. Es war ein so trauliches Winterbild, dieses spitze verschneite Giebeldach der Mühle mit der riesigen Linde, dem gefrorenen Bache, und als Staffage der mit weißen Säcken beladene Frachtschlitten mit den kräftigen Pferden davor. Dahinter stiegen die Berge empor, und seitwärts dehnte sich das Thal mit dem Dörfchen, aus dessen Schornsteinen sich der bläuliche Rauch emporkräuselte. Das Kirchlein lag höher am Berge und blickte wie eine wachsame Mutter auf die Häuser und Hütten hinunter.

„Das ist Langenwalde,“ sagte die Base, „und das große Haus nicht weit von der Kirche ist die Schule, da bin ich oft gewesen, wie Nordmanns noch dort wohnten, kaum fünfundzwanzig Minuten ist’s von hier. Es ist lange her.“ Sie seufzte. „Auf der Landstraße dort kam er manch liebes Mal gelaufen, der Junge, und holte sich von der Pate einen Groschen oder ein Stückchen Kuchen – ich hab’ ihn nämlich über die Taufe gehalten, Annelieseken! Da kam er denn auch an dem schrecklichen Tage mit so todesbangen Augen zu mir: ,Base, die Mutter – sollst zur Mutter kommen! Die Mutter ist krank!‘ Und wie ich, das Kind an der Hand, atemlos ins Schulhaus trete, da hat sie schon keine Besinnung mehr, und sie hat sie auch nicht wieder bekommen. Ein Schlagfluß ist’s gewesen, und nach drei Tagen war sie tot – und dann ging’s so weiter ins Unglück hinein.“

„Ja, ja, Base, ich weiß, das waren die Streitigkeiten um Mein und Dein, die Du gestern angedeutet hast, und die Brankwitzens waren dabei.“

„Ja, der Vater hat dann die Mühle gekauft – das Gut hier gehörte ihm ja schon, Anneliese,“ sagte sie kurz. „Vorher hatte es ein adliger Herr aus Gotha, aber der scheint mehr Jäger als Landwirt gewesen zu sein – so heruntergewirtschaftet war’s . . . man konnte es um ein Billiges haben. Na, und als dann Wollmeyers wieder zu Gelde kamen, hat er die Mühle zurückgekauft und das Gut dazu – das ist alles. Und das wissen Sie ja auch schon!“

Ich schwieg, ich wußte, daß es nicht alles war, aber auch, daß ich jetzt nicht mehr davon erfahren würde. Mich fror und ich verlangte nach oben.

„Die Erkältung meldet sich,“ sagte die Base.

Und dann saß ich am Fenster und schaute in die Schneelandschaft und sah das Dörfchen liegen und die einsame Landstraße und sah, wie gegen drei Uhr schon die letzten Sonnenstrahlen die Berggipfel verließen. Die Base spann und schwieg, sie mochte eingesehen haben, daß es das Beste sei.

„Base“ sagte ich endlich, „ich halt’s nicht weiter so aus mit meinen Gedanken, ich muß etwas thun, ich muß fort!“

„Aber, Fräulein Anneliese, so warten Sie doch nur erst Briefe ab und Ihren Koffer, Ihre Bücher,“ tröstete sie. „Und was die Hübner ist, die leiht Ihnen auch ihr Pianino, wenn Sie’s wollen, sie hat’s schon gesagt.“

Ich ging im Zimmer auf und ab wie ein Gefangener in seiner Zelle. Einsamkeit ist ja wundervoll, aber dazu gehört das völlige Gleichgewicht der Seele.

„Wann kommt denn der Briefträger, Base?“

„Um sechs Uhr abends.“

„Noch zwei Stunden!“ seufzte ich.

Die Base ging fort, dann kam sie wieder und brachte einen kleinen Teckel. „Der ist lustig, Annelieseken, der ist, als hätt’ er Menschenverstand.“ Und wirklich, der kleine Geselle unterhielt mich dann so urkomisch, daß ich die Wartezeit leidlich überstand.

Richtig, ein Vrief von der Komtesse! Er war gestern nachmittag zwischen vier und sechs Uhr zur Post gegeben, konnte also das Neueste über die Wirkung meiner Flucht enthalten. Ich riß den Umschlag auf und las:

 „Meine liebe Anneliese!“

Das klang ja sehr feierlich!

„In meinem Leben mische ich mich nicht wieder in die Familienangelegenheiten anderer Leute, denn es ist nicht angenehm, wie Du Dir denken kannst, von Herrn Wollmeyer, sozusagen, darum gebeten zu werden, Dich fernerhin nicht mehr mit meinem Rat zu unterstützen. Du hast leider, mein liebes Kind, meinen Rat befolgt, Du bist ausgerissen. So habe ich das aber selbstverständlich nicht gemeint, ich wollte Dich nach Hamburg bringen wie Du weißt, dann hätte es Art gehabt. Was blieb mir übrig? Ich ging nach Empfang Deiner Zeilen zu Len’. Sie lag noch im Bett, und Dich hatte noch niemand vermißt, das Stubenmädchen war mit dem Thee zwar an Deiner Thür gewesen, hatte sich aber dann, in der Meinung, daß Du schliefest, wieder zurückgezogen. Ich befand mich demnach in der beneidenswerten Lage, die erste Ueberbringerin der Alarmnachricht zu sein. Ich setzte mich also ans Bett zu Len’ – Dein Stiefvater frühstückte mit seinen Gästen, [760] hatte man mir gesagt – und richtete Deine Bestellung aus. Len’, die sehr unruhig war, als ich kam, schien wunderlicherweise durch Deinen Geniestreich beschwichtigt zu werden; sie legte sich wie kraftlos in die Kissen zurück und faltete die Hände. Ich kann’s nicht beschwören, aber ich hab’ gehört, wie sie ,Gott sei Dank!‘ murmelte. Darum brauchst Du aber nicht zu denken, mein kleines Schaf, daß Du wirklich etwas Geniales ausgeführt hast! Len’ hatte sich wahrscheinlich nur vor der Scene gefürchtet, die unvermeidlich war, wärst Du geblieben. Ich sage auch, im Grunde hast Du recht, aber wie Sache hätte doch mehr comme il faut gemacht werden können! Mit Deinem Stiefvater, der plötzlich erschien, kam nun aber die Scene. Er war sehr aufgebracht, mein Kind. Ich habe schon viele zornige Männer in meinem Leben gesehen, aber ’s ist ein Unterschied; auch im Zorn kann man seine Haltung bewahren. Es giebt jedoch Menschen, die bei einer Kalamität sich benehmen wie die gereizten Stiere, brutal; sie trampeln nieder, was ihnen unter die Füße kommt, gleichviel, ob Freund oder Feind. Dein Stiefvater glaubte also, Deine Mutter habe Dir den Gedanken eingegeben, zur Base zu flüchten; Len’ that mir leid, und ich beeilte mich daher, das rote Tuch zu schwenken, nur seinen schnaubenden Zorn auf mich zu lenken. Ich sagte ganz kurz: ‚Sie irren sich, Len’ ist unschuldig, ich habe Anneliese zu der Reise veranlaßt!‘

Du weißt, Kind, ich fürchte mich nicht; Deiner Mutter halber will ich auch das Meiste nicht gehört haben, was er mir sagte, verstehst Du? Ich blieb ganz ruhig, denn zornigen Menschen gegenüber ist das Kühlbleiben stets ein Vorteil. Er kam auch sehr bald zu sich, fing an, um Entschuldigung zu bitten, mir die Hand zu küssen, sprach von ersterbender Verehrung für mich und seiner Sorge um Dich, da er doch Dein Vormund sei, und verfiel schließlich von selbst auf das einzig Richtige, nämlich Dich vorläufig in Gottesnamen in Deinem selbstgewählten Asyl zu belassen. Man wird hier also sagen, daß der Sanitätsrat Luftveränderung für Dich gewünscht habe. Als Wollmeyer gegangen war, um der Base zu telegraphieren, da packte mich Len’ am Mantelkragen und beschwor mich, Dich zu bitten, um Gotteswillen nichts zu unternehmen ohne ihr Wissen, bevor sie persönlich mit Dir gesprochen habe. Ich hoffe nun, daß Du keinerlei romantischen Gelüsten nachgiebst; es ist sehr bunt da draußen in der Welt, mein Kücken, und Du bist am wenigsten diejenige, die sich ohne weiteres zurechtfindet. Außerdem – hast Du Rücksichten auf die Gesundheit Deiner Mutter zu nehmen! Sie wird Dir übrigens schreiben. Wollmeyer wünschte den Grund Deiner Abneigung gegen Br. zu wissen. Ich sagte ihm nur, das sei doch schließlich nicht so unbegreiflich, übrigens ließen sich ja Sympathien und Antipathien nicht ergründen, kurz und gut, Du hättest erklärt, Du liebtest ihn nicht. Jedenfalls sah er das nicht ganz ein, denn er zuckte die Schultern. – So, nun hätte ich Dir nur noch zu sagen, mein liebes Kind, daß ich Dir wünsche, die Angelegenheit löse sich gut auf. Wenigstens ist ein Waffenstillstand erreicht.

Ich will sehr gern dann und wann Deine gute Mama besuchen, kann Dir aber nicht verhehlen, mein Kücken, daß ich mich um diese## Angelegenheit nicht mehr kümmern werde. Man soll nicht blasen, was einen nicht brennt, weißt Du. Josephine muß mir eben wieder Kamillenumschläge machen; Galle und Leber sind schlechte Bundesgenossen für ein Herz, das so geartet ist wie das meine, und dreiundsiebzig bin ich nun auch gewesen vor zwei Monaten. Ich gebe Dir den Rat, bleib’ Deinem Gefühle treu; bist zwar ein Tollkopf, hast aber richtige Gedanken. – Erkälte Dich nicht, da oben ist’s schon mehr Sibirien; hab’ mir ’mal auf einer Schlittenpartie in den Thüringer Bergen das rechte Ohr erfroren. Grüße die alte Base, sie soll gut aufpassen auf Dich. Es

umarmt Dich, meine liebe Anneliese,
Deine alte Freundin  
Henriette Komtesse von D.“ 

Der Brief brachte mir keinen Trost, konnte mir keinen bringen – im Gegenteil! Die Komtesse wollte nichts mehr von der Angelegenheit wissen, sie verließ mich; Wollmeyer hatte sie verletzt, die Sache aber nicht aufgegeben, sondern nur aufgeschoben. Was gab’s da anderes, als allmählich mich vorzubereiten auf eine Flucht, eine ganz weite, in die Fremde? Aber als was? Durch Mama war ich aus meinen Studien gerissen worden, die ich allerdings auch meiner Krankheit wegen hätte aufgeben müssen – – Ja, als was? Ich hatte kein Examen gemacht, ach, und Lehrerin werden ist so schwer! Ich schüttle mich bei dem Gedanken heute noch ebenso wie damals – aber was half es? Ich wollte Musik weiter treiben, Musik war mir das liebste unter allen meinen Studien gewesen. Wenn man nur nicht so gänzlich ohne Kenntnis des Lebens geblieben wäre! So ohne eine einzige Seele da draußen, die mir die helfende Hand hätte bieten können! Außer der alten ungebildeten treuherzigen Frau besaß ich niemand.

Es waren dumpfe, trübe Tage, die nun folgten. Mein Koffer war gekommen, mit Kleidern und Wäsche, aber die Bücher hatte man mir nicht mitgesandt, ebensowenig meine Noten. Ich schrieb darum, erhielt aber keine Antwort. Ich war gewöhnt, mich geistig zu beschäftigen, ich las immer viel – Papas Bibliothek stand mir zur freien Verfügung, ich spielte gern und oft Klavier und vermißte das alles nun bitterlich. Frau Hübner brachte mir ihre „Bibliothek“, es waren ein paar Jahrgäuge einer illustrierten Zeitung und eine Sammlung Kalender. Die Base riet mir, beim Pfarrer einen Besuch zu machen, es seien da sicher Noten, Bücher und auch junge Mädchen. Ich fand die Frau Pastorin und ihre Töchter – ich glaube fünf ober sechs – in eifriger Näharbeit bis über die Ohren, die Kleinen strickten um die Wette, und sie sangen dazu. „Es ist ein’ Ros’ entsprungen.“

Da packte mich ein wunderliches Gefühl inmitten dieses trauten Familienkreises. Mit einem wahren Heißhunger nach Glück und Liebe kehrte ich heim, setzte mich mit meinem Teckel aufs Sofa und schluchzte vor Sehnsucht nach Papa. „Base, wäre doch das Fest vorüber! Im vorigen Jahre war’s noch schön, obgleich ich krank lag. Ich weiß nicht, wie ich sie überstehen soll, diese Tage, wo man wie sonst nie ein Verlangen hat nach einer Heimat, nach einem Menschen, den man liebt. Wären sie doch vorüber, diese Tage, wär’ doch alles vorüber!“

Von Mama kamen ab und zu Briefe, sehr gehalten und voller Redewendungen, die ich sonst an ihr nicht gekannt hatte. Sie machten mir den Eindruck, als müßten sie bei Herrn Wollmeyer die Censur passieren, bevor sie abgesandt wurden. Von Brankwitz kein Wort, aber ich wußte ja, es war nur ein Waffenstillstand.

Die Base suchte mich durch allerlei kleine Arbeiten, um die sie mich bat, von meinem trostlosen Grübeln abzulenken, aber ich war nicht imstande, meine Gedanken zu bannen; unablässig sann ich auf einen Ausweg zu meiner Rettung. Wie konnte ich in meinem Kummer auch Interesse haben für Frau Hübners Butterfässer, für ihre neugeborenen Kälber, für die Apfelschnitze, die man abends auf lange Fäden reihte, um sie zum Trocknen an den Ofen zu hängen, wo sie aussahen wie Guirlanden. Die paar Bücher, die mir Pfarrers geborgt, waren auch bald ausgelesen; mir neue zu holen, dazu verspürte ich keine Lust. Das Einzige, was mich aufrecht hielt, waren die einsamen Spaziergänge in der herrlichen ernsten Winterpracht. Stundenlang, jeden Tag lief ich umher mit dem Teckel zur Seite – ja, das war schön, das wirkte groß auf das Herz, das gab Mut! Aber dann, dann kam wieder halbe Tage lang das Schnurren des Spinnrads der Base, kamen die endlosen Abende, und die alte Frau und ich wußten uns nichts zu sagen; wir hatten jede dieselbe Not und alle unsere Gespräche gingen auf ein Thema hinaus – wie wird’s werden?

So kam Weihnachten heran. Ob ich wohl Nachricht von der Komtesse erhalten würde? Ich hatte ihr einmal geschrieben und ihr gedankt; eine Antwort war nicht erfolgt. Aber zu Weihnachten würde sie doch gewiß schreiben! In Mamas Briefen wurden weder sie noch andere Westenberger erwähnt – ich lebte wie in der Verbannung, immer eines Ueberfalles gewärtig.

Der Heilige Abend erschien, ehe ich’s gedacht. Bei Hübners drunten war der Gymnasiast angekommen; Herr und Frau Hübner hatten ihn abgeholt, und die heimkehrenden Pferde keuchten vor dem hochbepackten Schlitten. So viel Weihnachtspakete habe ich nie wieder auf einer Stelle gesehen. Der Postbote hatte einen Mann bei sich, der allerlei Kistchen in einer Kiepe auf dem Rücken trug, und ihm selbst hingen noch, mit einem Strick zusammengebunden, drei bis vier Stück über die Schulter. Ich sah dies alles beim Spazierengehen; gleich nach dem Mittagbrot war ich fortgewandert. Draußen in der freien Natur fühlte ich am wenigsten den Druck auf meiner Seele.

(Fortsetzung folgt.)


[761]

Der Sitzungsaal des neuen Reichstagshauses.
Nach einer Originalzeichnung von Willy Stöwer.

[762]

Das neue Reichstagshaus.

Von Emil Peschkau. Mit Abbildungen von Willy Stöwer.


Der neue Reichstagsbau ist nunmehr für die Benutzung fertig – das Werk einer fast zehnjährigen Arbeit ist vollendet, daß nur ein kleiner Teil der künstlerischen Ausschmückung, insbesondere der malerischen, der Zukunft vorbehalten bleibt. Fast zehn Jahre lang war ein ganzes Heer von Arbeitern und eine stattliche Schar unserer besten Künstler damit beschäftigt, den Vertretern des deutschen Volkes im neuen Reich ein würdiges Heim zu schaffen. Dem Laien erscheint es in der Regel wunderlich, daß man an solch einem Hause zehn Jahre lang baut, aber der Sachverständige denkt an die Monumentalwerke früherer Zeiten, an denen oft länger als ein Menschenalter, ja nicht selten mehrere Generationen hindurch gearbeitet wurde. Und was unsere Tage betrifft, so brauchte man zum Justizpalast in Brüssel siebzehn, zur Pariser Großen Oper dreizehn, zu den modernen Wiener Prachtbauten durchschnittlich zwölf Jahre. Um solche Zahlen begreiflich zu finden, muß man sich eben auch die unendliche Fülle der Einzelheiten vorstellen, die bei einem derartigen Riesenbau zu bewältigen sind, man muß als genauer Beobachter die stolze Reihe dieser Hallen, diese Unzahl von prächtigen Sälen und anheimelnden Stuben durchwandern. Fast mit jedem Schritte begegnet man da Neuem, Eigenartigem, Ueberraschendem, und ist es zumeist auch nur scheinbar neu, hat man es mit einer Anlage zu thun, die schon da oder dort versucht worden, einem Motiv, das aus einem alten Bremer Kaufhause oder einem italienischen Palaste stammt, einer Steingattung, der schon die Venetianer im fünfzehnten Jahrhundert gar reizvolle Wirkungen abgewannen, oder einer solchen, die durch die prunkvollen Villenbauten in den Geländen am Main und Rhein „modern“ wurde – man wird endlich durch den Reichtum des Gebotenen des originell Verarbeiteten, durch den bunten Wechsel der Formen, Bildungen und Farbenspiele geradezu erdrückt. Und all das mußte geplant, durchdacht, durch Tausende von Arbeitern ausgeführt und endlich wieder feinsinnig zusammengestimmt sein – zusammengestimmt bis zu den Vorhängen, den Teppichen, den Möbeln, die mit dem Wand- und Deckenschmuck harmonieren müssen. Da verschwinden denn zehn Jahre schnell, man wird darüber alt und merkt es kaum. Und mit der Zeit verschwindet das Geld – einundzwanzig Millionen hat der Bau verschlungen (wobei der Wert des Platzes nicht mit gerechnet ist), und doch zeigen zahlreiche schön umrahmte weiße Wandflächen an, daß für die Maler nicht viel übrig geblieben. Diese einundzwanzig Millionen sind für den Laien eigentlich noch viel imponierender als die zehn Jahre Bauzeit, aber man begreift auch sie, wenn man das Gebäude näher kennengelernt hat. So wollen wir denn den Versuch unternehmen, es vor dem Leser in Worten aufzubauen, wobei uns die Bilder unseres Künstlers unterstützen werden. Die Hauptfassade, die dieser in seiner Anfangsvignette wiedergiebt, hat die „Gartenlaube“ übrigens bereits in größerem Maßstabe in Nr. 9 des letzten Jahrgangs gebracht, zugleich mit einem Bildnis und einem Lebensabriß von Paul Wallot, dem Schöpfer des großen Werkes.

Wenn man jetzt die Straße „Unter den Linden“ hinabschreitet und durchs Brandenburger Thor will, so wird das Auge sofort von den Wipfeln des Tiergartens durch die gewaltige helle Steinmasse abgezogen, die sich, anmutig gegliedert, zur Rechten erhebt. Wer der Kunst nicht ganz fremd gegenübersteht, ohne sich doch bis ins Einzelne mit ihr beschäftigt zu haben, dem steigt beim Anblick des gerade in Berlin besonders überraschenden Gebäudes sofort der frische Lebenshauch, die heitere Frühlingshelligkeit in der Seele empor, die man als das Charakteristische der frühen Renaissance bezeichnen könnte. Da griff man die Formen der Antike wieder auf und bildete sie fröhlich weiter, ohne sich an die strengen Gesetze zu binden, die später die Hochrenaissance ihren Werken zu Grunde legte. Treten wir nun dem neuen Reichstagshause näher, so bemerken wir bald, daß nur von dem Geist dieser Frührenaissance die Rede sein kann und daß der moderne Meister auch Motive aus der Zeit des Niederganges der Renaissance, aus dem Barock etc. aufgegriffen und fortgebildet hat. „In welchem Stil ist das Gebäude also durchgeführt?“ fragt der Laie, der gern sicher geht, und ich möchte am liebsten antworten: „Im modernen.“ Wir haben in der That einen modernen Baustil, der eben das Gute der Alten gerade so verwendet und den Zeitansprüchen gemäß entwickelt, wie es die Meister der Renaissance mit den Anregungen thaten, die ihnen aus der Antike zuströmten. Man kann einen neuen Stil nicht von heute auf morgen mit dem stolzen Wort „Ich will“ schaffen. Der Stil ist etwas, das wird, das sich entwickelt, und der moderne Stil, der sich jetzt noch des Eisens bemächtigt hat – über dem Reichstagshause erblicken wir eine mächtige Kuppel, gebildet aus vergoldeten Eisenrippen und Glas, von einer bildnerisch reichgeschmückten Laterne gekrönt – dieser moderne Stil hat seine Kinderjahre bereits hinter sich. Wallots Reichstagsgebäude ist ein wesentlicher Schritt weiter in der Entwicklung dieses neuen Stils, der die alten Motive so verschmilzt und verarbeitet, daß das ganze Werk uns [763] nicht mehr den Eindruck des Fremden, Nachgeahmten macht, daß es uns vertraut berührt wie etwas aus unseren eigenen Seelen Hervorgewachsenes. Ist so meines Erachtens das Wallotsche Werk auf der einen Seite als ein Markstein in der Geschichte unserer Baukunst zu bezeichnen, so möchte ich anderseits doch hinzufügen, daß der Gedanke, der in diesem Haus verkörpert ist, einen mächtigeren Ausdruck hätte finden können. Wenn man in Florenz die Via Tornabuoni hinaufgeht und plötzlich das ernste Gemäuer des Palazzo Strozzi erblickt, da bleibt man betroffen stehen und unwillkürlich drängt es sich auf die Lippen: „Donnerwetter – Was müssen da für Menschen gewohnt haben!“ In solch ein „Donnerwetter!“ nun wird kaum jemand ausbrechen, wenn er vor das neue Reichstagshaus tritt. Man sagt wohl: „Ah, wie schön!“ und vertieft sich dann mit Behagen in das reizvolle Linienspiel, aber man denkt kaum an das Reich, das mit Blut und Eisen zusammengeschweißt wurde. Trotzdem dürfen wir uns des Schönen und Guten freuen, das der schaffende Geist hier bietet, und wenn wir das riesige Haus betreten, werden wir vielleicht viel entdecken, was uns damit versöhnt, daß es nicht deutsche Kraft ist, die uns draußen mit starken Armen empfängt.

Haupteingang auf der Ostseite.

Man kann den Charakter der Räumlichkeiten des neuen Reichstagshauses kaum besser bezeichnen als mit dem Worte „anheimelnd“. Dieses Innere erscheint mir eigentümlicher, besonderer als das Aeußere. Ich weiß nicht, wie sich die Akustik des großen Saales, die Ventilation und so weiter bewähren wird, und ich bemerke gleich, daß die große Glaskuppel, die sich über dem Oberlicht des Sitzungssaales erhebt, ästhetisch nicht günstig wirkt. Was jedoch das Innere des kolossalen Gebäudes zu etwas ganz Einzigem macht, das ist der Geist deutscher Traulichkeit, der in diesen Räumen webt, und der in der Hauptsache dadurch bedingt wird, daß bei der inneren Ausstattung vorwiegend die Holzarchitektur zur Geltung kam. Sonst staunt man in derartigen Monumentalbauten wohl die Pracht und den Prunk an, aber man fühlt etwas wie Frost, man möchte nicht darin wohnen. Wie anders im neuen Reichstagshause! Der Herr Reichskanzler möge es mir verzeihen, aber ich habe mich vor seinen Arbeitstisch gesetzt und gedacht, wie hübsch sich hier eine Novelle schreiben ließe. Und in der Bibliothek war mir, als müßte jeden Augenblick ein blondes Evchen oder Gretchen die Wendeltreppe herabkommen mit Kaffeetassen und süßem altdeutschen Kuchen und jenem altdeutschen Herzenslächeln, das noch tausendmal süßer ist ...

Aber wir wollen nicht planlos von einem zum andern schweifen, sondern den Leser bedächtig führen – halb treuer Eckart und halb Bädeker. Wie schon der erwähnte Artikel der „Gartenlaube“ näher ausgeführt hat, ist das ganze Gebäude ein Rechteck mit vier, durch reichen bildnerischen Schmuck angenehm ins Auge fallenden Ecktürmen und vier Portalen nach Nord, Süd, Ost und West. Wir haben uns der Westseite genähert, der Hauptfassade, sind die mächtigen Granitstufen emporgestiegen und treten nun unter den breitausladenden, auf sechs schlanken Säulen ruhenden Flachgiebel, über dem uns die Germania von Reinhold Begas begrüßt hat. Wir öffnen die Mittelthür und sind sofort in dem Reich der Abgeordneten, das bis zu dem im Mittelpunkt des Hauses befindlichen Sitzungssaal geht. Die entgegengesetzte, nach Osten gewendete Seite ist das Heim der Regierung, des Bundesrats, des Präsidiums, und vor dem Portale dieser Fassade befindet sich eine „Unterfahrt“, die den „hohen,“ „höchsten“ und „allerhöchsten“ Herrschaften ein behagliches Verlassen ihrer Wagen gestattet. Einen Blick in die Vorhalle dieses Teils bietet das nebenstehende Bild.

Im Bücherspeicher.

Durch das Westportal gelangen wir zunächst in eine von einer Kuppel überwölbte Rotunde, an die sich nach links und rechts, fast der ganzen Länge des Baues entsprechend, zwei Hallen anschließen. Die Rotunde ist auf jeder Seite von ihnen nur durch je 2 Säulenpaare geschieden, so daß wir eigentlich ein großes Ganzes vor uns haben, die 96 Meter lange, 13 Meter breite und fast 18 Meter hohe „Wandelhalle“ in der sich die Volksvertreter in mehr oder weniger gemütlichem Gespräch ergehen werden. Einen Eindruck von dieser Halle gewährt das Bild auf Seite 764. Mit ihren Sandsteinsäulen und Pilastern, ihrem Marmorfußboden, ihrer hellen, nur durch Werke der Plastik geschmückten Architektur bildet sie den Uebergang vom Aeußern zum Innern, zu den intimeren Räumen des Hauses. Wenden wir uns links, so sehen wir hohe Flügelthüren, die nach dem Postbureau, nach dem Lese- und Schreibsaal der Abgeordneten führen. Die reizvolle Holzarchitektur, die in den zuletzt genannten Räumen zur Anwendung kam, zeigt unser Bild auf Seite 765, das eine Partie des Lesesaales vorführt. Rechts vom Eingang befindet sich, dem großen Lesesaal entsprechend, die Restauration und daran anschließend, gleich dem achteckigen Schreibsaal im Eckturme untergebracht, ein Kneipzimmer. Während Lese- und Schreibsaal reich gegliederte Holzdecken haben, sind Restauration und Kneipzimmer überwölbt. Zu dem Getäfel dieser Räume stimmt aufs [764] schönste das mächtige Büffett der Restauration, ein Prachtstück seiner Art, dessen Abbildung sich auf Seite 766 findet. Von den Raumverhältnissen mögen ein paar Angaben über den Teppich eine Anschauung geben, welcher den Boden des Lesezimmers bedeckt. Er ist fast 10 Meter breit und über 23 Meter lang. Sein Gewicht beträgt über 15 Zentner und er kostet die Kleinigkeit von 5400 Mark. Der Teppich wurde in Schmiedeberg im Riesengebirge gefertigt, wo neun Arbeiterinnen neun Wochen lang daran arbeiteten. Er enthält genau gerechnet - da die Stellen, wo Schränke zu stehen kommen, ausgespart sind – 4 575 825 Maschen.

Die Wandelhalle.

Kehren wir in die Rotunde der Wandelhalle zurück und gehen wir auf eine der drei Thüren zu, die sich gegenüber dem Hauptportal befinden! Durch dieselben gelangt man in den Gang, der den großen Sitzungssaal auf allen vier Seiten umgiebt und sein Licht von den beiden Höfen her erhält, die sich nördlich und südlich vom Saal befinden und ihre Zufahrten durch das Nordportal und ein an der Ostseite befindliches Nebenthor haben. Beide Höfe sind unter dem Sitzungssaal durch eine Durchfahrt verbunden, so daß einfahrende Wagen nicht zu wenden brauchen und der Verkehr zwischen den einzelnen Theilen des Gebäudes erleichtert wird. Wir werden übrigens dem Erdgeschoß, zu dem ja diese Durchfahrt gehört, später einen Besuch abstatten und begeben uns nun in den Mittelpunkt des Hauptgeschosses, in den großen Sitzungssaal.

Der Saal ist ganz in Eichenholz ausgeführt, der Eindruck ist überraschend behaglich. Ueber dem in ernsten Linien gegliederten Getäfel der Wände steigen an drei Seiten Pfeiler und Säulen empor, die nach oben durch Bogen verbunden sind – sie umrahmen nach dem Saale zu die Tribünen für das Publikum (mit 346 Sitzplätzen), für die Presse (mit 60 Pult- und 21 Sitzplätzen) und für die Behörden, die Logen für den Hof, den Bundesrat und die Diplomaten.

Der Kaiser-Salon.

Der obere Teil der vierten Seite des Saales zeigt keine Tribüne. Er ist den anderen Seiten des Saales entsprechend gegliedert, aber in der Umrahmung erblickt man nur Wandflächen, die einstweilen noch weiß sind – später werden hier malerische Darstellungen hervorragender geschichtlicher Ereignisse angebracht werden. Unser Bild (auf Seite 761) zeigt noch einen Teil dieser Wand, an der sich der Präsidententisch, die Plätze für die Regierung, den Bundesrat, die Stenographen etc. befinden, und dann die links anschließende Seite mit den Logen für Diplomatie und Hof. Der Saal ist 29 Meter breit, 21,56 Meter lang und 13,15 Meter hoch. Die vierhundert Sitze für die Abgeordneten sind amphitheatralisch angebracht, jeder Abgeordnete hat vor seinem Sitz ein Pult, bequeme Zwischengänge erleichtern den Verkehr. Für die Mitglieder des Bundesrates sind 48 Sessel links und rechte vom Präsidium angebracht. Wie weise überlegt der Plan des ganzen Hauses ist, geht auch aus einer Kleinigkeit hervor, die sich bis jetzt noch in keinem Gebäude verwandter Art vorfindet. Die Stenographen müssen von zehn zu zehn Minuten wechseln und sowohl im alten Hause wie im allen andern Parlamenten müssen sie dann durch den Saal schreiten, sich sogar oft durch die Abgeordunten drängen, wenn diese in dichten Gruppen den Redner umstehen. Hier nun führen unmittelbar hinter den beiden Stenographentischen zwei kleine Treppchen hinab ins Erdgeschoß, so daß die Herren wie aus einer Versenkung aufsteigen und wie in einer Versenkung verschwinden. Auf diesen Treppchen gelangen sie in die „Vorhalle der Stenographen“, an die sich einerseits unmittelbar bequem eingerichtete Schreibräume anschließen, während anderseits ein kurzer Verbindungsgang nach dem Nordportale des Hauses führt.

Die volle Höhe des Hauptgeschosses, die 10 Meter beträgt – der große Sitzungssaal überschreitet diese Höhe noch um 3,15 Meter – wird nur von den Hauptgemächern, wie Lesesaal, Schreibzimmer, Restauration, Bibliothek etc., ganz in Anspruch genommen Die kleineren Räume, wie die Gänge und die nördlich und südlich vom großen Sitzungssaal, an den Schmalseiten des Gebäudes liegenden Sprechzimmer und dergleichen haben nur eine Höhe von 5,30 Metern. So bleibt darüber noch für eine beschränkte Anzahl von „Zwischengeschoß“-Räumen eine Höhe von 4,70 Metern zur Verfügung. In diesem Zwischengeschoß befinden sich, außer Kanzleien und dergleichen die Tribünen und Logen und die Vorräume, von denen aus man diese betritt; insbesondere ein [765] Saal für die Presse mit einem Büffett, mit Arbeitskabinen, Telephonzellen und so weiter, und die Räume für den kaiserlichen Hof: ein Toilettenzimmer, eingerichtet mit mahagoniartigem Holz aus den Kolonien, ein großer Salon (siehe die Abbildung auf Seite 764) mit bunten Marmorwänden, Oberlicht und einem reichornamentierten Kamin aus weißem Laaser Marmor und ein kleinerer in Stuckmarmor durchgeführter Raum, der den Salon mit der Loge verbindet.

Verlassen wir nun das Zwischengeschoß mit den Tribünen und kehren wir in den großen Sitzungssaal zurück. Wir sind von der „Seite der Abgeordneten“ hereingetreten; gehen wir jetzt durch eine der drei Thüren auf der entgegengesetzten Seite hinter den Tischen für Präsidium und Regierung wieder hinaus, so gelangen wir in den nach Osten gelegenen Längsteil des Hauses, der – der Einteilung des großen Sitzungssaales entsprechend – dem Präsidium, der Regierung und dem Bundesrate gewidmet ist. Wir können von hier aus geradeaus gehen und die Treppe hinab steigen, durch das Ostportal das Haus verlassen, wir können uns nach rechts wenden und bei der Regierung Audienz nehmen oder wir können, nach links schreitend, dem Reichstagsvorstand unseren Besuch machen.

Der Sitzungssaal des Bundesrats.

Nehmen wir zunächst den Weg nach rechts, so kommen wir in eine Vorhalle, die mit dem marmorähnlichen hellen Marzanastein (aus Istrien) dekoriert ist; aus dieser Halle führen zunächst Thüren in die Räume des Reichskanzlers und des Reichskanzleramtes und dann weitere in die des Bundesrats. Den großen Eckturm füllt hier der Sitzungssaal des Bundesrats aus, und so kühl und steif die Worte „Sitzungssaal des Bundesrats“ klingen, so warm und behaglich ist es hier. Das obenstehende Bild giebt einen Ausschnitt davon, aber die ganze Wirkung, die der köstliche Raum in Natur erzielt, kann es natürlich nicht vergegenwärtigen. Die schön gezeichnete Holzdecke mit teilweise vergoldetem Gebälk, die goldiggrüne Seidentapete, das reichgeschnitzte Eichenholzgetäfel, in dessen Sims vergoldete Rosetten gewissermaßen den Uebergang zu der Decke vermitteln, die edel stilisierten Möbel, die neben dem braunen Holzton wieder das Grün der Seidentapete und die zarte Goldornamentik zeigen – das giebt ein ebenso vornehmes wie trauliches Zusammenspiel. Eine breite Fülle goldenen Lichtes strömt durch die gewaltigen Fenster herein, draußen schwanken die dichtbelaubten Aeste hoher Bäume, gedämpft nur wie ein leises Schnarchen des „großen Pan“ vernimmt man den Lärm des Weltstadttreibens....

Von neuen Steuern
Spürest Du
Kaum einen Hauch....

Im Lesesaal.

Aber wir wollen nicht so vermessen weiter träumen, sonst dementiert uns der Reichsanzeiger. Verlassen wir das Heim der Regierung und schwenken nach links ab, so finden wir in dem nordöstlichen Teil des Hauses ganz ähnliche Räume, nur mit anderer Bestimmung. Was drüben dem Reichskanzler gehörte, gehört hier dem Präsidenten des Reichstags, den Schriftführern, und was drüben Bundesratszimmer war, ist hier Direktorium, Amtsraum und Kasse. Der Saal des Eckturmes aber wird von der Bibliothek eingenommen, die ganz in Holzarchitektur durchgeführt ist und zu den Kleinodien des Gebäudes gehört.

Die „Bibliothek“, in der nur Nachschlagewerke aufgestellt sind, ist durch Aufzug und Telephon mit dem im Obergeschosse befindlichen „Bücherspeicher“ verbunden. Hier ist alles Eisenkonstruktion – die Büchergestelle (in vier Etagen), die Galerien, die Treppen, die zu diesen führen, die Decke – und es ergiebt sich so ein äußerst eigenartiger Anblick, der in unserem Bilde auf Seite 763 festgehalten ist. Im Obergeschoß, das eine Höhe von 5,50 Metern bis 6,50 Metern besitzt, befinden sich außer der Bücherei nur noch Sitzungssäle für die Fraktionen, Kommissionen etc., im ganzen zwölf.

Steigen wir nun zuletzt noch hinab in das Erdgeschoß. Wie wir gesehen haben, führt das Hauptportal, vor dem sich eine mächtige Rampe befindet, unmittelbar in das Hauptgeschoß. Das gegenüberliegende Ostportal ist für den kaiserlichen Hof und den Bundesrat bestimmt. Die Equipagen lenken in eine dem Vorbau der Fassade entsprechende „Unterfahrt“ und [766] die Herrschaften treten in die auf S. 763 abgebildete Vorhalle, aus der zwei von mehreren Steinballustraden begleitete Treppenarme in das Hauptgeschoß führen. Zwei weitere Portale an den beiden nach Nord und Süd gelegenen Schmalseiten vermitteln den übrigen Verkehr – man gelangt durch beide zunächst in das Erdgeschoß. Hier finden wir wieder mehrere Sitzungssäle, das Archiv, die Botenmeisterei, Garderoben, die Wohnungen des Hausmeisters und des Pförtners, die Durchfahrt zwischen den beiden Höfen, die Küche und Nebenräume der Restauration, die bereits erwähnten Gemächer der Stenographen, die Druckerei und endlich eine Wartehalle für das Publikum. Dieses tritt durch das Nordportal ein, und von der Wartehalle führt dann eine Treppe unmittelbar in den Vorraum der Tribüne.

Das Buffett in der Restauration.

Damit wäre unsere Wanderung zu Ende. Es konnte leider nur eine flüchtige Wanderung sein, die uns nicht einmal gestattete, bei allen Hauptpunkten des Riesenwerkes so lange zu verweilen, wie wir’s gern gethan hätten. Aber der Zweck dieser Zeilen war ja nur, dem Leser skizzenhafte Linien vorzuführen so ausgewählt, daß sich ihm in den Hauptzügen doch ein klares Bild dieses Monumentalbaues gestaltet, der das größte moderne deutsche Bauwerk ist. Im übrigen muß man eben unserer Versicherung glauben, daß wir von den interessanten Einzelheiten nur einen winzigen Teil vorbringen konnten. Man braucht in dem gewaltigen Hause nur irgendwohin seine Augen zu richten und man sieht gewiß etwas Bemerkenswertes. Da geht man eine Treppe hinauf und staunt über die allerliebste weiße Schnur, die die Geländersäulen in der halben Höhe miteinander verbindet. Aber die Knoten sind nicht geschlungen – die Schnur ist von Stein. Und da wieder sieht man eine Wandmalerei, in der ein Dürersches Motiv in reizender Weise verwertet ist, dort lockt ein origineller Kamin zum Verweilen. Und wie viel ließe sich über den plastischen Schmuck des Inneren und Aeußeren sagen, an dem Künstler beteiligt sind wie O. Lessing, R. Begas, R. Diez, Schaper, H. Voltz, Widemann, A. Brütt, Eberlein, Schierholz, Maison, S. Eberle, Behrens, Klein, Vogel und andere! Wie hübsch ließe sich noch über das Material plaudern, das aus fast allen „steinreichen“ deutschen Gauen zusammengeholt wurde – auch Elsaß-Lothringen hat das Seine zum Bau des deutschen Reichstagshauses beigetragen, ebenso wie unser Kolonialbesitz, der mit Holz für Thüren und Getäfel vertreten ist. Die Damen würde gewiß auch ein Blick in die Küche fesseln, in der nur mit Gas gekocht wird, und die Herren würde es freuen, des Näheren zu erfahren, wie Wallot einige Disharmonien der Dekoration vertrauensvoll dem Raucheifer der Herren Abgeordneten überläßt. „Wenn da erst einmal tüchtig gedampft worden ist,“ meinte er kürzlich, „dann wird es auch so gut zusammenstimmen wie in den alten Bauwerken.“ Endlich würden die Einrichtungen für das elektrische Licht – das Haus wird ausschließlich elektrisch beleuchtet – und die Heizungsanlage, die sich außerhalb des Gebäudes befindet und durch einen Tunnel, in dem die Rohre laufen, mit dem Keller verbunden ist, eine Besprechung verdienen. Aber unser Raum ist erschöpft; nur noch einem Wunsch sei Ausdruck gegeben: möge nunmehr das neue Reichstagshaus eine seiner würdige Umgebung erhalten, möge der „Königsplatz“, nach dem die Hauptfassade geht, einst einen Ausbau finden, wie ihn die unvergleichlichen Plätze der italienischen Städte gefunden haben. Dann erst wird auch das neue Reichshaus auch außen hin zu rechter Wirkung kommen.


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Der Winter in der Kinderstube.

Von meinen Fenstern blicke ich in einen Garten – nicht nur das Grün seiner Bäume und die bunten Farben seiner Blumen haben im Sommer mein Auge erfreut; ich habe in dem Garten auch liebe Bekannte und Freunde gefunden, deren Thun und Treiben ich oft zuschaute; hoch in den Kronen der Linden und Kastanien waren es lustige Vöglein und tief unten auf dem Rasenplatze und dem Sandhaufen die drei Kinder meines Gegenüber, ein Mädchen im Alter von zwei Jahren und zwei um je ein Jahr ältere Buben.

Nun ist es still und öde in dem Garten geworden; der Herbst geht zur Neige, gefallen ist das Laub von Zweig und Ast; Nachtfröste haben auch die Spätblumen getötet; verschwunden sind die Stare und still ist es auf Rasenplatz und Saudhaufen geworden. Vom trüben Himmel fallen die ersten Schneeflocken nieder; sie verkünden den Eintritt des rauhen Winters, der das Antlitz der Natur und die Lebensgewohnheiten der Menschen verändert und auch die kleinen Kinder, die sich in der schönen Jahreszeit so oft und lange im Freien umhergetummelt haben, zu Stubengefangenen macht. Ihr Reich, in dem sie jetzt weben und leben, ist die Kinderstube.

Unsere Nachbarinnen bedauern die armen Würmer, daß sie eine so ängstliche, übersorgsame Mutter besitzen. Die Nachbarinnen lassen noch ihre Kleinen in Hof und Straße umhertummeln; sie wollen kein verweichlichtes Geschlecht erziehen, aber ihre Kritik rührt nicht die Leute von gegenüber, und die alte Großmutter, die dort drüben trotz der hohen Jahre als feste Hausstütze mit Rat und That waltet, will nichts von der Abhärtung so kleiner Kinder im Winter wissen. Sie ist auf dem Lande groß geworden und erwidert mit dem Sprichwort: „Kinder und junge Puten muß man warm halten. Kommt Zeit, kommt Rat.“

Ganz und gar hält sie ihre Enkel nicht gefangen, die jungen Puten werden auch ausgeführt, aber vorher hat die Großmutter das Wetter geprüft und nach der Windfahne auf dem benachbarten Kirchturme geschaut. Eine originelle, wohl etwas eigensinnige alte Frau, meinen die jüngeren Mütter, gestern mußten die Kleinen zu Hause bleiben, obwohl der Himmel blaute und die Sonne hell niederstrahlte! Heute schneit es und die Kleinen von unserem Gegenüber gehen wirklich spazieren.

Da rollt ein Wagen durch unsere stille Straße; er hält vor dem Thore des Nachbarhauses; es ist der Wagen des Arztes. Wer ist wohl in dem Hause krank geworden? Dort oben im zweiten Stocke liegt einer der pausbäckigen Buben, die sich gestern an dem schönen klaren Tage im Freien umhertummelten, fiebernd im Bettchen. Betrübt steht die junge Mutter da, denn den lieben kleinen hat eine Lungenentzündung befallen. Er hat sich das schwere Leiden in dem schönen, aber trügerischen Winterwetter geholt.

„Kinder und junge Puten muß man warm halten!“ Wenn die Mütter über den Einfluß der kalten Luft auf die zarten Kinder besser unterrichtet wären, wie viel Kummer und Sorge, wie viel schlaflose Nächte würden ihnen erspart bleiben! Der Winter ist eine harte Jahreszeit und alljährlich rafft er zahlreiche Kinder dahin, die an Katarrhen und Entzündungen der Atmungsorgane zu Grunde gehen. Wie wir im Sommer die Kinder vor allem vor Darmkrankheiten beschützen müssen, sollten wir im Winter von ihnen alle Erkältungsursachen fern halten. Leider aber herrschen im Publikum vielfältig sehr unrichtige Vorstellungen über die Zuträglichkeit des Winterwetters für jüngere Kinder. Professor Brücke hat darüber etwa folgendes gesagt: Ist einmal die Temperatur unter [767] Null gesunken, so ist die Luft um so gefährlicher, je trockener und je kälter sie ist; es ist dabei ganz gleichgültig, ob der Sonnenschein die Haut erwärmt oder nicht. Die kalte trockene Luft wirkt unmittelbar als Reizmittel auf die Atmungsschleimhaut und ist geeignet, sie in katarrhalische Entzündung zu versetzen. Diese aber ist um so gefährlicher für das Kind, je kleiner es ist, wegen der Enge der Wege, welche die Luft zu passieren hat. Das sogenannte naßkalte Wetter, bei welchem die Temperatur der Luft noch oberhalb des Gefrierpunktes liegt, ist viel weniger zu fürchten; ob es regnet oder nicht, ist gleichgültig, wenn das Kind gegen den Regen geschützt ist; Nebel dagegen können nachteilig wirken, und zwar um so mehr, je niedriger die Lufttemperatur ist.

Ja, die erfahrene Großmutter drüben ist in dieser Hinsicht ebenso klug wie der Herr Professor; sie schaut nach dem Wetter, bevor sie die jüngeren Kinder ausführt, sie vermeidet den kalten und trockenen Ost- und Nordwind, wie verführerisch bei ihm auch die Sonne scheint, fürchtet aber nicht den milden Westwind, wenn er auch etwas Schneegestöber mit sich bringt. Und wenn man sie weiter fragt, so giebt sie den Rat, kleine Kinder, die noch nicht im schulpflichtigen Alter stehen, nur bei gelindem Frost von 2 bis 3° R auf kurze Zeit ins Freie zu führen. Wird der Frost stärker, so behält man sie lieber zu Hause, denn die Gefahr der Erkältung ist dann groß und der Nutzen, den ein kurzer Spaziergang in der frischen Luft bringen kann, verhältnismäßig gering. Muß aber das Kind bei solchem Wetter durchaus einen Weg machen, so sollte man wenigstens dafür sorgen, daß die Luft, die es auf dem Wege atmet, vorgewärmt wird, was dadurch erreicht wird, daß man dem Kinde ein Tuch lose vor den Mund bindet.

Möchten doch die Mütter in Stadt und Land diese Ratschläge befolgen! Möchten sie bedenken, daß der Schutz der kleinen Kinder vor Erkältung im Winter ebenso wichtig ist wie im Sommer die Behütung derselben vor Darmkrankheiten! Die früheste Kindheit ist nicht die Zeit, in welcher man mit Abhärtungsversuchen beginnen soll, und am allerwenigsten eignet sich dazu der Winter.

Unter diesen Umständen sind die Kinder allerdings während einer längeren Zeit auf Stubenaufenthalt angewiesen und die Hygieine der Kinderstube gewinnt gerade zur Winterszeit die größte Bedeutung. Der Genuß der frischen Luft und der Bewegung im Freien wird den Kleinen in hohem Maße entzogen; wir müssen deshalb alles daran setzen, ihnen einen Ersatz dafür zu bieten, damit sie während der rauhen und frostigen Wochen nicht stubensiech werden.

Da kommt zunächst die Luft in der Kinderstube in Betracht. Diese muß zwei Bedingungen erfüllen, sie muß genügend rein und entsprechend warm sein. Die Erfüllung dieser Bedingungen hängt vielfach von der wirtschaftlichen Lage der Familie ab. Verfügt dieselbe nur über eine einzige Stube, in der gekocht, gewohnt und geschlafen wird, dann wird trotz aller Lüftung die Luft in der Wohnung stets zu wünschen übrig lassen. Wohlhabende Familien, die über eine Flucht von Zimmern verfügen, werden ohne Schwierigkeit ihren Kindern gute Luft bieten können. Wir wollen jedoch mit solchen selteneren Fällen nicht rechnen, sondern breitere Volksschichten ins Auge fassen. Die meisten Hausfrauen können sich wohl so einrichten, daß ihre Kinder während des Winters mit genügend frischer Luft versorgt werden, selbst wenn die Familie ihnen keine besondere Kinderstube einräumen kann. Um zu diesem Ziele zu gelangen, bestimmt man die beiden größten und hellsten Zimmer der Wohnung zur Schlafstube und zum Wohnzimmer und heizt beide Räume ständig während des Winters. Früh morgens, während die Kinder noch schlafen, wird das Wohnzimmer aufgeräumt, geheizt und gründlich gelüftet.

Sind nun die Kinder aufgewacht, so bringt man sie ins Wohnzimmer, wo sie bis zu Mittag verbleiben. Während dieser Zeit wird das Schlafzimmer geordnet, gründlich gelüftet und eingeheizt. Das Mittagessen wird im Wohnzimmer eingenommen und nach diesem die Kinder wieder ins Schlafzimmer gebracht, während das Wohnzimmer gelüftet wird. Vor dem Abendbrot verlassen die Kinder wieder die Schlafstube und begeben sich in das Wohnzimmer. Während dieser Zeit wird die Schlafstube gelüftet, und nachdem man die Fenster wieder geschlossen hat und die Luft in dem Schlafzimmer sich erwärmt hat, bringt man die Kleinen zu Bett. Bei einer solchen Hausordnung wird in beiden Zünmern stets gute Luft sein, soweit sie nach der Lage des Hauses überhaupt zu beschaffen ist. Nur muß man dabei eine absichtliche Luftverderbnis vermeiden. Von seiten der Hausfrau geschieht dies dadurch, daß sie auf Kochen oder gar Waschen in den Wohn- oder Schlafräumen verzichtet, der Hausvater muß seinerseits auf das Rauchen in den beiden Stuben verzichten. Dies erscheint eigentlich selbstverständlich, die Erfahrung lehrt aber leider, daß sehr viele Väter in rücksichtslosester Weise in der Stube, die Frau und Kindern zum Aufenthalte dienen soll, ihre Pfeife oder Cigarre rauchen und die Luft verderben. Sie bilden sich dabei ein, daß der Tabaksrauch desinfizierend wirke, also nicht schaden könne; es sei ihnen darum gesagt, daß die desinfizierende Kraft des Tabaksqualmes, soweit etwa eine Verhütung von ansteckenden Krankheiten in Frage kommen sollte, gleich Null ist, während in ihm schlimme Gifte, wie Kohlenoxyd und Blausäure enthalten sind, welche die Gesundheit der Kinder zweifellos in ungünstigster Weise beeinflussen.

Was die Erwärmung der Luft anbelangt, so sollte dieselbe am Tage während des Aufenthalts der Kinder in den betreffenden Räumen etwa 16° R oder 20° C betragen und das Thermometer soll nicht zu hoch, sondern etwa in der Brusthöhe an der Wand angebracht sein. Wir müssen nämlich bedenken, daß das Leben und Spielen der Kinder sich zumeist in dem unteren Teile des Wohnraumes entwickelt, der stets kühler ist alS die oberen Teile. Während der Nacht kann in der Schlafstube von Kindern, die über das Säuglingsalter hinaus sind, die Temperatur auf +10° R oder +12 bis 13° C heruntergehen, ohne daß den Kindern daraus irgend welcher Schaden erwächst. Allerdings muß man Vorsichtsmaßregeln treffen, daß sie sich durch Aufdecken im Schlafe nicht erkälten. Dies wird nicht etwa durch Festbinden der Betten, sondern am zweckmäßigsten dadurch erreicht, daß man den Kleinen lange Nachtjacken aus Flanell anzieht.

Eine gar häufige Ursache der Erkältungen kleiner Kinder bildet ferner der kalte Fußboden der Kinderstube. Grundsätzlich sollten sich Kinder während des Winters nicht in Stuben aufhalten, die über freien ungeheizten Räumen, wie Thorwegen u. dergl., liegen; aber auch über geheizten Räumen ist die Diele im Winter kalt und ihr Einfluß auf die Kinder um so größer, je häufiger sich diese auf der Diele niedersetzen, auf ihr liegen und rutschen. Von jeher hat man darum Kinderstuben mit Teppichen, Decken oder Tierfellen ausgestattet, die in der That die Erkältung vielfach verhüten können. Neuerdings hat man den Teppichen in Wohnräumen den Krieg erklärt, da sie Staubfänger sind und darum unter Umständen auch Ansteckungsstoffe festhalten sollen. Man kann sich dieser Berurteilung der Teppiche nicht ohne weiteres anschließen. Die Ansteckungsstoffe müssen doch von außen in die Wohnung hineingebracht werden und auf die Teppiche wurden sie in der Regel mit dem Schmutz des Schuhwerks gelangen. Diese Art der Verbreitung der ansteckenden Krankheiten gehört aber zweifellos zu seltenen Ausnahmen; in der Regel geschieht sie durch Berührung zweier Personen, durch Benutzung fremden Spielzeuges, durch Kleidungsstücke u. dergl., und unter diesen Umständen ist es für das Zustandekommen der Ansteckung gleichgültig, ob auf den Dielen ein Teppich liegt oder diese blank sind. Verwerflich sind allerdings Teppiche, die nur alle Jahre oder vierteljährlich einmal geklopft werden, sonst aber an der Diele festgenagelt sind. Gegen kleinere Teppiche, die täglich oder zweimal die Woche im Freien geklopft werden können, kann ein besonders triftiger Einwand nicht erhoben werden. Im Gegenteil, man pflegt auf den Teppich mehr Rücksicht zu nehmen als auf die blanke Diele, man vermeidet, ihn zu beschmutzen, und so trägt er mittelbar zur Erhöhung der Reinlichkeit in der Stube bei. Bedenkt man endlich, daß Teppiche, Läufer und Decken wohl geeignet sind, Erkältungen zu verhüten, die gerade die Kinder zur Ansteckung empfänglich machen, so wird man sich wohl entschließen, in der kalten Jahreszeit den Teppich in der Kinderstube zu belassen. Natürlich muß er so gelegt sein, daß er keine Falten wirft und die Kinder nicht zum Fallen bringt.

Was nun die Hautpflege der kleinen Kinder während der Winterszeit anbelangt, so sind warme Reinigungsbäder, wöchentlich einmal bis höchstens zweimal, zu empfehlen. Dagegen sollte man in dieser Jahreszeit von den vielfach gebräuchlichen lauen Waschungen des Körpers zu Abhärtungszwecken lieber absehen. Schon Erwachsene vertragen kaltes Wasser während des Winters weniger gut und bei kleinen Kindern führen diese Abhärtungsversuche während der rauhen Witterung nur zu leicht Erkältungen herbei. Vor allem aber sind diese Waschungen bei schwächlichen blutarmen Kindern, die Wärme bedürfen, zu unterlassen.

Der Winter ist auch die Zeit, in welcher die Unglücksfälle in der Kinderstube häufiger werden. Beleuchtung und Heizung bringen Feuersgefahr mit sich und alljährlich erleidet eine große Zahl von Kindern Verbrennugen und Verbrühungen leichterer oder schlimmster Art. Auch gegen diese Gefahren müssen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, denn selbst bei der aufopferungsvollsten Pflege von seiten der Mutter giebt es doch unvorhergesehene Augenblicke, in welchen die Mutter durch andere Pflichten abgerufen wird und die Kleinen, wenn auch kurze Augenblicke, unbewacht sind. Es sollte darum in Stuben, die kleinen Kindern zum Aufenthalt dienen, die Feuerung der Oefen derart verwahrt sein, daß die Kinder nicht dazu können. Dies geschieht am besten durch eiserne Ofenschirme mit gebogenen glatten Rändern. Töpfe oder gar Eimer mit heißem Wasser sind in der Kinderstube niemals derart aufzustellen, daß Kinder in dieselben hineinstürzen, sie umwerfen oder vom Stuhl und Tisch herabzerren können. Darum ist auch die Küche nicht der Aufenthaltsort für die unerfahrenen Kleinen.

Unsere Hausbeleuchtung wird gegeuwärtig allgemein mit Petroleum besorgt; sie ist sicher zweckmäßig und hygieinisch, aber in der Kinderstube muß die Petroleunmlampe streng beaufsichtigt werden; denn Lampenexplosionen in Kinderstuben sind schon häufig vorgekammen. Man hat zwar Sicherheitslampen konstruiert, die beim Umfallen von selbst erlöschen, aber diese Neuerung fand im Publikum keinen Anklang. Darum muß man suchen, die gewöhnlichen Lampen in der Kinderstube weniger gefährlich zu machen, indem man sie den Kindern unzugänglich macht. Am zweckmäßigsten erweisen sich Hängelampen; wo man sich aber mit Stehlampen behilft, da sollte man diese wenigstens niemals auf schwankenden oder mit Decken versehenen Tischen aufstellen. Die Tischdecke gehört überhaupt nicht in die Stube der Kleinen, denn nur zu oft ziehen sie daran und zerren alles, was auf dem Tische steht, herunter; dann giebt es schlimme Verbrennungen durch Lampenexplosionen oder Verwundungen durch Scherben und Verbrühungen durch heißes Wasser.

Wie einfach und selbstverständlich diese Vorsichtsmaßregeln sein mögen, so lehrt doch die Erfahrung, daß sie häufig außer acht gelassen werden. Es möge darum zu Wintersanfang an dieselben erinnert werden.

Der lange Stubenaufenthalt während des Winters hat auch seine guten Seiten. Mutter und Kind stehen da im innigsten Wechselverkehr. Beim Spiel in der trauten, wenn auch nicht reich ausgestatteten Stube offenbaren sich der Mutter Herz und Seele ihres Lieblings.

Da hat sie vollauf Gelegenheit, kleine Neigungen zum Bösen zu entdecken und im Keim zu ersticken, und mit Freuden kann sie das wunderbar sich entfaltende kindliche Gemüt in edlen und guten Regungen bestärken. Glücklich, wer in der winterlichen Dämmerstunde als Kind auf der Mutter Schoß das Wahre und Gute zu lieben gelernt hat! Weihevoll ist ihm auch in späten Lebensjahren die Erinnerung an die Kinderstube. Darum laßt die jungen Mütter auch darüber wachen, daß die Kinderstube, die Pflanzschule des künftigen Geschlechles, sich auch in seelischer Beziehung als Pflegstätte der Gesundheit bewähre! J.     


[768]

Zeit bringt Rosen.

Novelle von Stefanie Keyser.

     (1. Fortsetzung.)

„Blau blüht ein Blümelein,
Das heißt Vergißnichtmein!“

Von weich tönenden Klarinetten geblasen, von anschmiegenden Geigen begleitet, zog die Melodie mit der warmen Sommerluft in die Stube, wo Hauptmann Holl in Broschüren und militärische Zeitschriften vergraben saß.

Also acht Uhr! Da begann das Frühkonzert der Badekapelle. Er selbst war um halb fünf Uhr aufgewacht, um sechs zum Baden angetreten, als außerdem nur die Gänseherde, ihre Gleichberechtigung mit den Sommerfrischlern auf der Promenade behauptend, ins Wasser schnatterte.

Ob jetzt Schubke, der Pferdebursche, wie ihm befohlen war, den Braunen ausritt? Ob der Premierlieutenant auch das Ausrücken zur Felddienstübung früh genug angesetzt hatte, damit die Mannschaften noch vor den heißesten Stunden ins Quartier kamen? Verdammt, daß gerade in dieser für einem Kompagniechef so wichtigen Zeit, wo man nur mit ärztlichem Attest Urlaub bekam, sein Arm den Dienst versagte! Aber was half’s? Das Uebel verschleppen, bis es sich festgesetzt hatte, lag einmal nicht in seiner Art. Gleich im Anfang mußte man es mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Er tauchte die Feder ein. „Das Rekognoszieren des Feindes durch Streifpatrouillen –“

„Guten Morgen, Lulu!“ schallte es draußen.

„Croquetpartie gut bekommen, liebe Lolo?“

„Bemühen Sie sich nicht, Fräulein Gretchen, ich trage meinen Shawl selbst.“

Unwillkürlich horchte er, als müsse noch ein Name kommen. Er hob den Kopf nach dem Fenster. Frau Kern, der weibliche Vergnügungskommissar, ging eben mit dem Chor der Mütter als Nachhut hinter den Töchtern drein.

Hol's der Fuchs – schon wieder zerstreut! In seiner Garnison wohnte er gegenüber dem Halteplatz einer Pferdebahn und hörte das Pfeifen nicht mehr, und hier störte ihn jeder Laut. Das beste war, er suchte einen einsamen Weg zum vorschriftsmäßigen Morgenspaziergang und legte sich dabei den Plan der Arbeit zurecht. Er schob die Papiere zusammen und stand auf. Ah, da saß ja Schersen auf der Veranda! Den Posten hatte er sicher nur bezogen, um unter der Vorspiegelung eifrigen Zeichnens drüben den Ausgang der Kastanienvilla bewachen zu können.

Während Holl seine Toilette beendete, warf er einen raschen Blick hinüber. Jetzt öffnete sich die Thür des Nachbarhauses – Fräulein Gabriele Raunthal trat heraus – den Namen hatte sein Reisegefährte gleich gestern abend erkundet. Das war so recht der gute Schersen, wie er da überrascht aus seiner künstlerischen Versunkenheit aufwachte, beflissen emporsprang, ehrerbietig sich verneigte. Ohne ein bißchen Salonkomödie that er es nicht. Und richtig, nun machte er auch mobil und schwenkte ab.

Holls Augen bestrichen wieder mit raschem Blick die Wohnung der Damen. Noch immer geschlossene Vorhänge an einem der Zimmer? Sie war ein Schlafratz, die hübsche Ilse Großheim – er nickte bestätigend vor sich hin – mit allen Unarten eines verwöhnten einzigen Töchterchens behaftet. Nicht eines einzigen „Kindes“. Sie hatte ihm selbst von den beiden Brüdern Otto und Paul erzählt, die später, wenn der Vater sich zur Ruhe setzte, die Konservenfabrik übernehmen sollten. Aber die Firma konnte ein Divisionsexempel vertragen. Gestern im Zelt auf dem Anger, wo er noch ein Seidel trank, spitzten alle die Ohren als der Name Großheim genannt wurde. Uebrigens, was ging’s ihn an? Er hatte noch nie nach einem Goldfisch geangelt, Annäherungen von solchen an sich abgleiten lassen, Heiratsvermittlern die Thür gewiesen. Allerdings, zur Begründung einer Familie gehörte ein Kapital, aber es mußte ja nicht jeder eine Familie gründen.

Mit diesem Gedanken marschierte er ab und wählte einen der Wege, die sich hinaus in die Berge verloren. Sämtliche Alleen waren voll Spaziergänger, also höher hinauf! Endlich ein stiller Pfad. Das war die rechte Promenade für ihn. Ringsum weiße Kalkfelsen, die in eine Schlucht hinabstürzten; ein Kegel schob sich abschließend vor den anderen; nur dürftiges Gestrüpp klammerte sich an den ausgedörrten Boden. Hierher würde sich kein Naturschwärmer verlieren. Er klomm den steinigen Weg weiter und ließ sich auf der Höhe im Schatten einer Kalkwand nieder. Die Aussicht in das weite Thal, aus dessen silberwogenden Saatfeldern Dörfer auftauchten mit blitzenden Kreuze auf den Kirchtürmen, wo, von üppigen Obstbäumen umgeben, Frankenhausen mit seinen freundlichen Häusern und altersgeschwärzten Salzwerken lag, rang ihm ein beifälliges Nicken ab – für das hier geplante Manöver. Nur weit drüben, wo der Nebelstreif der Morgensonne zerrann, würden die Pioniere zu thun bekommen. Dort ringelte sich die Unstrut hin über ihren tückischen Grund. Einen Blick noch schenkte er dem Frankenhaus zu seinen Füßen und der Sachsenburg, die wie ein Wächter drüben über den Bergeskamm lugte, einst zum Trutz gegeneinander erbaut, sonnten sie sich jetzt friedlich auf ihren Bergen wie zwei alte Wolfshunde, denen die Zähne ausgebrochen sind. Er maß die Luftlinie zwischen beiden ab. Dann vertiefte er sich in die Vorkehrungen, die man durch Patrouillendienst gegen feindliche Ueberfälle zu treffen hat.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er, das Taschenbuch voll wichtiger Notizen, den Heimweg durch die einsame graue Schlucht antrat. Doch nein, jetzt war sie beides nicht mehr. Mitten in der dürren Einöde stand der kleine Schlafratz. Aus duftigem blauen Gekräusel tauchte der Kopf leuchtend wie eine Blüte auf, die bunte Schärpe, die im Rücken zwei große Flügelschleifen hatte, umschloß eine zierliche Taille.

Sapperlot! murmelte er leise in sich hinein, ohne die Augen abzuwenden. Dann rief er laut hinab: „Guten Morgen, Fräulein Großheim!“ Schreckhaft war sie nicht. Ihr rosiges Gesicht wandte sich unter dem großen Schirm, der an den des Kaisers von China erinnerte, fröhlich zu ihm empor. „Mit dieser Toilette im wüsten Kalkthal? Welche Opferfreudigkeit!“ fuhr er fort, von der Höhe der Hügelkette zu ihr herniedersteigend.

„Wüstes Kalkthal? Das ist der rechte Name,“ erwiderte Ilse. „Schauderhaft!“

„Man findet überall etwas Hübsches,“ entgegnete Holl, dessen Auge mit sichtlichem Wohlgefallen auf ihr ruhten. „Aber wo bleibt Fräulein Raunthal? Sie sind doch nicht allein den einsamen Weg gegangen?“

„Warum nicht? Ich thu’ immer, was ich mag,“ antwortete sie selbstherrlich.

„Wie jung sind Sie noch, daß Sie das so kühn sagen!“ erwiderte er, immer einen Finger im Notizbuch, als sollten die Aufzeichnungen sogleich fortgesetzt werden.

Ueberhebend züngelten die schillernden Fühlhörnchen des Schmetterlingshutes gegen ihn. „Hätte ich nicht so gedacht, so würde mich Frankenhausen gar nicht zu sehen bekommen haben.“ Und sie wandte sich zum Weitergehen.

„Das wäre allerdings schade gewesen.“ Zögernd, als wollte er bald wieder umkehren, schloß er sich an. „Sind Sie vielleicht ein kleiner Durchgänger?“

„Nein, diesmal nicht. Das war ich nur in der Brüsseler Pension,“ erzählte sie. „Mundhalten, bis man beinahe erstickte, in sinnlose Formen eingeschnürt von früh bis spät, falsch freundliche Knixe, wo man lieber den Rücken gedreht hätte –“

„Ja, ja, diese Meinungsäußerung lassen Sie sich nicht verkürzen, wie ich gestern erfahre habe,“ fiel er ein und hob lächelnd den Finger. Sie fällte den Schirm gegen ihn, wie um sich zu schützen, und sagte unter den Spitzen hervor: „So etwas wie diese Pension, das paßt mir nicht; da steig’ ich aus und rutsche ab.“

„Ei, ei!“ Er schüttelte den Kopf.

„O, ich steig’ auch ein,“ trumpfte sie nun erst recht auf. „Gabriele habe ich mir dabei erobert. Ich schwärmte für sie schon als kleiner Backfisch, da mich die guten Großeltern zu sich genommen hatten, die in derselben Universitätsstadt wohnen wie Gabriele.“

Holl nickte. Natürlich, auch noch von Großeltern verzogen! Und doch versenkte er sein Notizbuch mit den wichtigen Bemerkungen in die Tasche seines Jacketts und hörte ihr mit so heiterer Teilnahme zu, als zwitschere neben ihm ein Vogel sein munteres Liedchen.

„Gabriele erschien mir damals immer wie ein höheres Wesen,“ plauderte Ilse zutraulich weiter. „Ich machte Gedichte an sie und schickte sie ihr anonym zu. Einmal als ich an dem Weingeländer hinter ihrem Haus in die Höhe geklettert war, um einen Strauß

[769]

Der Ungeratene.
Nach einem Gemälde von K. Dery.

[770] von Tuberosen und Lorbeer in ihre Stube zu befördern, erwischte sie mich und zog mich zu sich hinein. Mir war zu Mute wie in der Kirche in den ernsten Räumen, wo jedes Stück eine Beziehung zu Gabriele hat. Die Bücher – hauptsächlich über Entdeckungsreisen – die blasse Photographie unter den Palmenzweigen, die Gold- und Silberstufen, die bei ihr die Nippsachen ersetzen! Aber nun sind wir so befreundet, daß Gabriele mir sogar erlaubt hat, sie hierher zu begleiten,“ fügte sie ganz stolz hinzu. „Da dankte ich natürlich für die Reise nach dem Nordkap, auf die mich unsere Bekannten aus der Wollspinnerei mitnehmen wollten.“

Welch ein warmes unschuldiges Herz! dachte Holl – und welch ein kleiner Unband!

Die Schlucht öffnete sich nach einem Wiesenwege, und vor den beiden, die jetzt schweigend dahinschritten, zeigte sich ein kleines lebendes Bild: Schersen, der das Knie leicht vor Gabriele beugte und ihr ein Sträußchen Blumen bot, deren Farbe dem Tagesgestirn entlehnt schien, wie es für ihren Namen „Sonnengünsel“ geziemend ist. Holl konnte eine leichte Ironie im Ton nicht unterdrücken, als er sagte: „Da hat Schersen auch etwas Hübsches gefunden.“

„Das einzige Blümchen, das dem spröden Boden des Kalkthales entsprießt,“ setzte dieser hinzu, die Neuankommenden begrüßend.

„Und das so, von Künstlerhand geordnet, von dem bräunlichen Federgras überfüttert, zu einer zarten Schönheit wird,“ erwiderte Gabriele, wirklich erfreut, nach dem dargebotenen Strauß greifend.

„Nehmen Sie sich in acht,“ warnte Ilse lachend: „Bei uns gilt der Glaube, daß man mit Blumen, die in der Hand warm geworden sind, andere bezaubern könne.“

Gabriele schob zu Ilses großem Vergnügen das Sträußchen etwas eilig aus der Hand in ihren Gürtel. Unmerklich lächelnd befestigte Schersen eine Blüte, die er zurückbehalten hatte, an seinem Rock.

„Sind Sie es wirklich, Baron?“ tönte da eine fremde Stimme dazwischen. Vom Waldschlößchen, das am Waldessaum aus jungen Bäumen und blühenden Bosketten aufragte, kam ein Herr herab, dessen Anzug in der Breite an Heinrich VIII. von England, durch das Schuhwerk an Till Eulenspiegel, durch den Bart an Theodor Körner erinnerte, das heißt, der ganz modern war.

„Traute meinen Augen nicht, als ich den Namen ‚von Schersen‘ in der Badeliste fand. Vermutete Sie in Baden-Baden oder Ostende und finde Sie hier!“

Das herkömmliche „Ah!“ der Ueberraschung, mit dem Schersen antwortete, klang sehr gleichgültig. Dann vollzog er die übliche Vorstellung. „Erlauben die Damen: Herr Rittergutsbesitzer von Stöckei.“

Dieser spendete Grüße in allen Schattierungen vom vertraulichen Händedruck mit Schersen bis zum leichten Neigen des Kopfes zu Ilse hin, das kundthat, er betrachte sie als Nebensache. Dann schloß er sich der Gesellschaft an, die sich auf den Heimweg begab.

Während seine Augen von dem Sträußchen in Gabrieles Gürtel zu der Blume in Schersens Knopfloch glitten, hielt er diesen mit den leisen Worten zurück: „Wer ist die Dame? Raunthal? Von Raunthal? Die Schildpattgarnitur an Handschuh- und Chemisettenknöpfen, Haarnadeln und langstieliger Lorgnette – sehr distinguiert. Nur Raunthal? Na, in der Sommerfrische mimmt man’s nicht so genau!“

Schersen hob den Kopf und warf ihm einen Blick eiskalter Befremdung zu. Stöckeis Redestrom ging aber unbekümmert weiter. „Was gieb’s hier überhaupt für Gesellschaft? Damen mit zahllosen Hänschen und Fränzchen, junge Mädchen, die Eisserviettchen für ihre Ausstattung sticken und es höchstens zu einem Bonbonmann bringen! Ein Ingenieur, Vorläufer einer Kleinbahn, der den ganzen Tag mit den Staren um die Wette ausmißt, und sein Antipode, ein Operpostsekretär, der gewiß nur zur Kur hierher gegangen ist, weil hier noch die gelbe Postkutsche floriert. Dann der Bürgermeister von irgend einem Mottenburg, nervös wegen Kanalisation, für die er die Mittel nicht aufbringen kann, da macht er eine Badereise. Verblüffender Ausweg, he? Ein Referendar, direkter Abkömmling der alten Deutschen, die immer noch eins tranken. Endlich ein Musikdirektor, der Stimmung sucht zu seiner Oper ‚Barbarossas Erwachen‘, die natürlich einaktig sein muß und in deren Vorspiel natürlich ein Solo hinter dem Vorhang gesungen wird. Das Vorspiel soll das Sängerfest eröffnen, das nächstens auf dem Kyffhäuser stattfinden wird, zum Besten des Denkmals.“ Stöckei bemerkte endlich den geistesabwesenden Ausdruck in Schersens Gesicht und wechselte das Thema.

Mit dem Stock, der wie eine altdeutsche Keule geformt und hohl und leicht wie eine Attrape war, deutete er in die Weite. „Sehen Sie dort die Renaissancegiebel über die alten Parkbäume ragen? Das ist das Schlößchen des Barons, der damals mit Gemahlin in Ihrer Garnison, Dingsda, Ihren Kommandeur besuchte, den Grafen –“

Ehe er den Namen nennen konnte, fiel Schersen ein, fliegendes Rot auf den Wangen: „Und hier ist die Kastanienvilla unserer Damen.“ Er mochte den Namen nicht aussprechen hören, der auf Stöckeis Lippen schwebte.

Abgespannt, nervös wie alle fein angelegten Naturen, wenn sie das Geschwätz der Alltagsmenschen haben ertragen müssen, warf er sich nach dem Abschied von der kleinen Gesellschaft in seinem Zimmer auf die Chaiselongue.

Aber er fand keine Ruhe. Die Gestalt der Gräfin, an die er seit gestern unaufhörlich gemahnt wurde, tauchte wieder vor ihm auf. Er meinte die klugen grauen Augen forschend auf sich gerichtet zu sehen, das leise dunkle Lachen zu hören wie damals, da er, der Adjutant ihres Gemahls, täglich an ihrer Seite auf flüchtigem Pferd durch Wald und Feld jagte. Himmlische Zeit! Immer überfiel ihn eine Art Heimweh, wenn er jener Tage gedachte. Der Oberst, Graf Tölz, war ein älterer Herr von zu viel Geschmack, um Eifersucht zu zeigen, und von zu viel Menschenkenntnis, um nicht zu wissen, daß seine Gemahlin eine vollkommene Dame war, die über Barrieren nur mit ihrem arabischen Schimmel hinwegsetzte. Nein, Schersen hatte nichts auf dem Gewissen gegen den gütigen Mann, der ihm mehr väterlicher Freund als Vorgesetzter war. Nur – das Bewußtsein, daß sein Blick die Macht besaß, die großen grauen Augensterne im Theater, Konzertsaal über Hunderte von Menschen hinweg, auf sich zu ziehen; daß sie im Dahinfliegen, sei es im Tanz, sei es im wilden Ritt, beide den einen Gedanken hegten: so aller Bande ledig vereint in die Ewigkeit hinein – Seligkeit! Ein einziges Mal beging er eine Unbesonnenheit – bei jenem Whist. Da schlug die Stunde, in der die Geister verschwinden mußten, die keine Berechtigung zum Dasein hatten.

Seine weichen Züge schärften sich in der Pein dieser Erinnerung. Er hatte es gestern an Holls zur Schau getragener Unbefangenheit gemerkt, daß dieser den Vorgang damals richtig gedeutet hatte. Er war ja bei jenem Robber der Partner des Obersten gewesen gegen die Gräfin und ihn. Sie spielte wagehalsig ihre Coeurdame aus, er warf tollkühn statt einer nichtssagenden Karte den Buben der Dame zu Füßen. Er bereute es sofort. Eine kleine Pause entstand; Holl saß wie eine Bronzestatue, die nicht sieht und hört. Die Gräfin schien den Atem anzuhalten. Dann sagte der Oberst mit ruhigem Lächeln: „Aber, lieber Schersen, Sie wissen doch, daß der König noch da ist.“ Und er nahm mit demselben den Stich an sich. Weiter fiel kein Wort. Jedoch für Schersen verstand sich von selbst, daß er am andern Tag um Urlaub bat. Die Gräfin sah er nicht beim Abschiedsbesuch. Als er zurückkehrte, weilte sie auf dem Gut ihrer Eltern, um sich von der Wintersaison zu erholen. Im Herbst forderte der Oberst wegen eines Lungenleidens seinen Abschied, und siedelte nach Aegypten über. Dort war er gestorben, und seine Gemahlin war unter die Reisenden gegangen. In den Kreisen der Weltbummler kannte man die Gräfin Swanta Tölz. Mit dem einen hatte sie Kastanien in der heißen Asche des Vesuvs geröstet, der andere war ihr in der Wüste begegnet und durfte unter dem Zelt am niedrigen arabischen Tischchen den Mokka nehmen, den sie bereitete. Nach Deutschland kam sie nicht wieder.

Der Schleier, der immer über Schersens Züge gebreitet zu sein schien, sie so anziehend machte, enthüllte sich jetzt in der Einsamkeit als ein sonst streng verborgen gehaltener Leidenszug. Er hatte seitdem kein tieferes Interesse mehr für eine Frau zu fassen vermocht. All den späteren kleinen Episoden fehlte die wahre innere Zuneigung. Ein Zeitvertreib war ihm das leichte Liebesspiel wie andern die feine Cigarre, die Roulette.

Seine weiße Hand strich über die Stirn, als wollte sie alle Erinnerungen an diese Nichtigkeiten verwischen. Hier endlich vergönnte ihm einmal wieder das Geschick, aus dem Alltagstrott herauszukommen, sein Talent und Wesen an ein gleichgestimmtes dichterisches Frauengemüt anzuschließen. Gabriele! Er nannte sie für sich nur noch bei diesem Namen. Eine anders geartete, aber nicht minder edle Natur als jene, der seine erste Liebe gehörte! Und eine eigentümliche Schönheit. Wie fein war der Fuß, der über den mit Maßliebchen und Wegerich gepolsterten Wiesenpfad [771] zu schweben schien! Wie klar die Stirn, um die in schöner Linie das braune Haar sich legte! Wie schwermutsvoll das Profil, das er auf dem Heimweg manchmal zu erblicken vermochte! Warum schwermutsvoll? Hatte sie ein Grab getäuschter Liebe in der Seele?

Bei dem Gedanken umwölkte sich seine Stirn. Eher wollte er annehmen, daß sie es schmerzlich empfand, nie ein anderes gleichgestimmtes Wesen gefunden zu haben. Innere Einsamkeit macht immer melancholisch. Wie mußte es beseligend sein, diese leise Trauer zu besiegen!

„Kommen Sie mit zu Tisch?“ fragte Holls kräftige Stimme zur Thür herein. „Drüben in der Kastanienvilla rückt schon die ganze Besatzung ab.“

Schersen sprang auf – ein paar Bürstenstriche Über den aschblonden Scheitel, dann eilig den braunen Sammetrock übergestreift – in Civil liebte er den Künstlerstil – und mit seinem leichten federnden Schritt ging er davon.


Tack, tack! lockte es zärtlich von dem Jelängerjelieber her, der mit Tausenden kleiner grüner Sonnenschirme und rötlicher Füllhörner die Holzbogen an der Veranda des Hauses überspann, in dem die beiden Offiziere wohnten. Auf schwankender Ranke schaukelte sich eine Grasmücke. Trätsch, trätsch! zankte es aus einem der liederlichen Nestchen, wie sie dieses Sängervölkchen sich zu bauen pflegt.

„Tack, tack!“ ahmte eine Menschenstimme nach. Auf den Fußspitzen trippelte Ilse heran. „Ein Vogelnest!“ rief sie vergnügt.

„Jawohl, leider!“ antwortete Holl, und sein schwarzer Kopf bog sich von dem duftigen Luginsland zu ihr herab. „Ein so leichtsinnig gegründetes Hauswesen, daß es nächstens die Katzen werden gefressen haben. Das Ding hängt ganz schief. Ein Wunder, daß das unordentliche Weib samt seinen Eiern noch nicht herausgefallen ist.“

„Eier sind drin?“ unterbrach ihn Ilse, ganz Freude, ganz Neugier, und schlich näher. „Ich thu’ Deinen Kindern nichts,“ tröstete sie treuherzig den kleinen Vogelmann, der, ein dunkles Zornkämmchen auf dem gesträubten Kopf, hin und herflatterte.

Holls sonst so scharfer kühler Blick wurde warm. „Wollen Sie das Nest sehen, dann bitte ich, heraufzukommen.“

Sie sprang die Stufen empor. Aus der heißen hellen Sonne trat sie in das dichte Schattengeflecht, in dem eine grüne Dämmerung waltete. Sie waren allein; Stille umgab sie.

Er hob vorsichtig die Ranken auf; sie bog sich hinüber. „Sehen Sie?“ flüsterte er.

Tief in ihr so scharf getadeltes Nest gedrückt, saß die Vogelmutter; ein gesprenkeltes kleines Ei guckte allerdings durch das baufällige Gefüge der Grashalme. Ilse hielt den Atem an; immer näher kam das gespannte rosige Gesichtchen.

Da streifte die Spitze des schwarzen Schnurrbarts ihre Wange.

Sie fuhr zusammen, heiß errötend bis auf den runden Arm, der unter den Spitzen des Aermels sichtbar wurde, und ohne Abschiedsgruß rannte sie plötzlich davon.

Beklommen atmend ging Holl in sein Zimmer. Aber er griff nicht nach dem inzwischen angelangten Militärwochenblatt. Erregt über seine Verwirrung schritt er hin und her. Wenn er bisher Andere verliebte Thorheiten begehen sah, konnte er das Gefühl nie loswerden, daß er sich in ihre Seele hinein zu schämen habe; er verachtete die Männer, die sich von Weibern bestricken ließen. Und nun erlebte er, daß seine sonst unerschütterliche Selbstbeherrschung ihn zu verlassen drohte um eines rosigen Backfischchens willen. So ging’s nicht weiter! Jetzt hieß es: entweder den lebhaften Verkehr einstellen, den Badeaufenthalt abkürzen, oder – oder? Es lag eine unwiderstehliche Verlockung in diesem Oder. Warum auch nicht? Sie mußte freilich erst erzogen werden. Aber gerade bei dieser Aussicht richtete er sich unternehmungslustig auf. Er gehörte zu den preußischen Offizieren, denen von Friedrich Wilhelm dem Ersten her etwas vom Schulmeister anhaftet. Er hatte den Ruf eines guten Erziehers. Die jungen Fähnriche, die in seine Kompagnie eintraten, bildete er alle zu tüchtigen Offizieren heran. Und mit welcher Liebe hingen sie schließlich an ihm! Warum sollte er nicht auch bei dem netten Mädel Erfolg haben?

Mit einer Freude, die ihm die Gefahren des Weges, der zum Herzen führt, verhüllte, vertiefte er sich in seine erzieherische Aufgabe. Kein Gedanke kam ihm, daß seine strenge Lebensführung, die ihm nicht Zeit gelassen hatte, im Verkehr mit den Frauen Erfahrungen zu sammeln, ihm jetzt zur Klippe werden könnte. –

Drüben stand Ilse vor ihrem Toilettespiegel und strählte ihr Haar, daß es knisternd auseinanderstiebte wie ein leuchtender Kometenschweif. Sie sah ihr glühendes Gesicht nicht, ihre Gedanken waren noch bei dem eben Erlebten. Sie überhörte, daß Gabriele fragte, warum sie so erregt sei; ihr Herz klopfte, daß ihr das Blut in den Ohren sauste. Warum war sie denn nur so außer sich? Sie hatte sich geärgert darüber, daß „er“ sogar ein Vogelweibchen zur Arbeit kommandieren wollte; alles sollten die Frauen thun: kochen, sich beherrschen, selbst das Haus bauen! Ja, ja, sie hatte sich geärgert – das war’s!

Gabriele wiederholte die Frage nicht, als sie keine Antwort erhielt. Ihre eigenen Angelegenheiten nahmen sie mehr und mehr in Anspruch. Sogar über die Kleidung mußte sie sich den Kopf zerbrechen. Seit Schersen jenes gelbe Sträußchen zwischen sich und ihr geteilt hatte, trug er stets ihre Farbe wie der Diener die seiner Herrin. War sie weiß gekleidet, steckte eine Gardenie an seinem Rock; mit ihrem Veilchenhütchen korrespondierte bei ihm das Sträußchen der jetzt so seltenen Blumen. Als sie endlich schwarze Spitzen wählte, gelang es ihm, ein fast ebenso dunkles Stiefmütterchen aufzutreiben. Und wenn dann ihr Gruß und Wesen zurückhaltend wurde, schien er so unbefangen, der Plauderton, den er anschlug, so harmlos, daß sie meinte, sich lächerlich zu machen, wenn sie die kleine Huldigung, die dem Weltmann Gewohnheit war, wichtig nahm. Wo sollte sie auch Farben finden, die in der Blumenwelt nicht vertreten waren? Täglich erschlossen sich Tausende von Knospen. Unter den Buchen, die wie freundliche Krausköpfe von den Bergzügen grüßten und frischen Waldesatem bis in die verbautesten Gäßchen sandten, sproßten Maienglöckchen und bunter Frauenschuh auf. Blaue Vergißmeinnicht säumten das Flüßchen, das seine bräunlichen Wellen der Stadt so harmlos zutrieb, als sei nie von silbernen Flußbändern gesagt und gesungen worden. Die Gärten, welche die Landhäuser umgaben, wurden eng von den sich aufbauschenden Schneebällen, den gleich gelben Schleiern wehenden Blüten des Goldregens.

Nur die Rosen im Garten zeigten noch nicht die königliche Blüte, streckten dagegen gleich zierlichen Krallen die Dornen aus, dem Guerillakrieg entsprechend, der von Holl und Ilse zwischen ihren Hochstämmchen ausgefochten wurde. Er hatte ganz planmäßig seine Erziehung begonnen, und sie wehrte sich mit dem Trotz eines verwöhnten Kindes. Schon das erste Begegnen war immer ein Kampf, obgleich beide sichtlich danach strebten, es herbeizuführen. Spähenden Blickes streifte Ilse rastlos durch die Promenaden. Frau Kern, die täglich neue Vergnügungspläne entwickelte, seit sie in Ilse einen Magneten für die Herrenwelt entdeckt hatte, erhielt einsilbige oder verkehrte Antworten von ihr. Wenn jedoch Holls hohe Gestalt auftauchte, seine Augen schon von weitem über die Köpfe hinweg sie faßten, schien sie ihn gar nicht zu sehen, begann sie plötzlich die lebhafteste Unterhaltung, und sei es gleich mit Lolo und Lulu, die sie nicht leiden konnte. Währenddem wartete Holl, überlegen lächelnd, bis sie sich endlich ihm doch zuwenden mußte, verwirrt, erregt, atemlos, um seinen Gruß zu erwidern. Aber es kam auch vor, daß er Gleiches mit Gleichem vergalt, sie ebenfalls nicht bemerkte und nur Gabriele respektvoll grüßend davonging. Dann schlich Ilse verdrießlich nach Haus unter dem Vorwand, der schwüle Jasminduft habe ihr Kopfschmerzen verursacht.

Als sie bei einem Nachmittagskonzert ein Kleid von violett und orange schillernder Plüschgaze trug, das allerdings der Mode, aber nicht einem feinen Geschmack entsprach, sagte er, sich verbindlich verbeugend: „Ich bin sehr erfreut, daß Sie es sind, Fräulein Großheim. Ich fürchtete schon, das Regenbogenbanner des seligen Münzer spuke!“

„Von einem Regenbogen kann bei solcher Trockenheit nicht die Rede sein,“ versetzte Ilse schlagfertig.

Am nächsten Tag stürmte sie alle Blumenhandlungen, um eine Garnitur von frischen brennend roten Geranien zu bekommen, mit der sie die Ballonärmel, die zierlichen Einsätze ihres blaßroten Foulardkleides verzierte, das sie bei der allwöchentlich wiederkehrenden Tanzunterhaltung tragen wollte.

Fernher tönte bereits Musik.

Drüben trat Holl im Gesellschaftsanzug heraus, zog die Uhr, warf einen Blick herüber und ging dann stracks davon. Schersen folgte zögernd, knöpfte an den Handschuhen und sah sich immer wieder um.

(Fortsetzung folgt.)
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Blätter und Blüthen.


Julie Ludwig †. Das schöne Thüringer Land hat dem deutschen Volke schon manches Erzählertalent geschenkt. Eine Landsmännin von E. Marlitt und Stefanie Keyser war auch Julie Ludwig, die am 13. September d. J. zu Arnstadt gestorben ist. Ein Teil ihrer schriftstellerischen Thätigkeit war der Jugend gewidmet, die sie anzog durch innige Erfassung der Kindesseele. Zugleich hat sie für Erwachsene ausgezeichnete und vielgelesene Erzählungen geschaffen, von denen einige, wie „Waldemars Brautfahrt“ und die Weihnachtsgeschichte „Nach Jahren“, in der „Gartenlaube“ erschienen sind. Auch die patriotischen Lieder, die sie unter den Stürmen des großen Krieges von 1870 dichtete, haben warmen Anklang und weite Verbreitung gefunden.

Julie Ludwigs Schöpfungen sichern ihr ein dauerndes Gedächtnis. In das harmonische Zusammensein der drei kunstbegabten Geschwister – ihr Bruder Karl ist der hervorragende Berliner Landschaftsmaler und ihre Schwester Auguste hat sich als Genremalerin einen Namen gemacht – reißt ihr Tod eine schwere Lücke. Mit den beiden Zurückgebliebenen aber trauern viele Verwandte und Freunde um den schweren Verlust. Denn wer ihr nahte im Leben, der fühlte den erhebenden Einfluß eines wahren, guten Menschen.

Photographie im Verlag von Dr. E. Albert u. Cie. in München.
Der Feind naht!
Nach einem Gemälde von Minna Stocks.

Der Ungeratene. (Zu dem Bilde S. 769.) Es ist Winterszeit. Frau Erszebet und ihre Ziehtochter Maria hatten den großen Tisch näher zum Ofen gerückt, um nach eingenommenem Frühstück zur Nadel zu greifen, als sich die Thüre aufthut und ein hochgewachsener, kräftiger junger Mann in die Stube tritt, bei dessen Anblick sich in den Mienen der Frauen Freude und Unmut, Zärtlichkeit und Besorgnis in seltsamer Mischung malen. Es ist Ferencz, der Sohn des Hauses, der „Ungeratene“, wie ihn die Dorfleute nennen, vielleicht nur deshalb, weil er sie alle an Mut und Körperkraft überragt.

Dabei ist aber Ferencz im Grunde seiner Seele ein herzensguter Junge, der keinem Kind ein Leid zufügt und die alte Frau, mit welcher er im beständigen Kriege lebt, ebenso zärtlich liebt wie sie ihn. Beide haben eben heißes Blut in den Adern! So ist es gekommen, daß endlich nur ein einziges Menschenkind auf Seite des „Ungeratenen“ steht, ein Menschenkind allerdings, dessen Lieblichkeit und Herzensgüte ihm reichen Ersatz bietet für die Feindseligkeit der ganzen kleinen Dorfwelt.

Die schwesterliche Neigung, welche Maria von frühester Jugend für den älteren Spielgenossen, Freund und Beschützer empfand, ist mit der jungfräulichen Reife zu innigster Liebe erblüht, und so sehr sie das heftige Wesen des Jünglings bedauert, es kann ihre gute Meinung von ihm um so weniger beirren, als sich der ungeberdige Kraftmensch ihr gegenüber stets lammfromm und geduldig zeigt.

Aber gerade diese Liebe, die auch im Herzen des starken Mannes in hellen Flammen emporschlug, führte die Dinge zu schlimmer Wendung.

Natürlich erregte Marias blühende Schönheit auch anderer junger Leute Wohlgefallen; und eines Tages flog die Kunde durch das Dorf, Ferencz habe einen zudringlichen Freier seiner angebeteten Maria mit solcher Wucht zu Boden geschleudert, daß er „für tot“ vom Platze getragen worden sei.

Nun war geschehen, was man längst vorausgesehen, nun wurde der „Ungeratene“, der Meinung seiner Feinde nach, reif für den Galgen, an den sie ihn so oft, gewünscht. So arg kam es nun zwar nicht. Nachdem sich der Totgeglaubte von seinem Schrecken erholt, zeigte es sich, daß er außer einigen tüchtigen Beulen ganz und heil geblieben war, daher es denn auch, für den gewaltigen Helden. mit einigen Tagen Haft im städtischen Arrest sein Bewenden hatte. Allein auch diese „milde Strafe“ trug nicht zur Sänftigung des „Ungeratenen“ bei, noch weniger aber thut dies jetzt der erzürnten Frau Erszebet Bußpredigt, welche den vor wenigen Stunden in Freiheit Gesetzten daheim empfängt.

Es ist der Augenblick, den die Hand des Künstlers in unserem Bilde festgehalten hat. Keifend und scheltend steht Frau Erszebet vor dem unbußfertigen Sünder, vergebens bemüht, dessen Sinn durch den Gebrauch aller erdenklichen Kraftworte zu erweichen. Ferencz kennt sie längst und denkt, indem er leise vor sich hinpfeift: „Jsten, usce,, rede, was Du willst, kommt mir ein Zweiter ins Gehege, so geht es ihm nicht besser wie dem Ersten.“

Aber Maria, um deretwillen der wilde Pußtasohn gekämpft und gelitten, übernimmt mit dem feinen Takt und dem diplomatischen Geschick des liebenden Weibes die Vermittlerrolle zwischen Mütter und Sohn.

Der Erfolg ist um so weniger zweifelhaft, als die beiden Gegner nichts sehnlicher wünschen, denn versöhnt wieder friedlich miteinander weiter zu leben. Und wenn erst die liebliche Vermittlerin als junge Hausfrau ihre volle Macht über das Gemüt ihres „Ungeratenen“ entwickeln kann, dann wird ja wohl auch der häusliche Friede dauernd werden. F. Sch.     

Jung-Deutschland in Afrika. Der deutsche Kolonialbesitz in Afrika hat auf einem Gebiete, das ihm doch anscheinend ganz ferne liegt, eine eigenartige Verschiebung bewirkt, auf dem Gebiete der Jugendlitteratur. Führten uns, die wir heute im mittleren Lebensalter stehen, die Erzähler unserer Jugend nach Defoes und Coopers Vorbild in die Jagdgründe der Rothäute Amerikas, auf einsame Korallenriffe der Südsee, so liegt der Schauplatz der exotischen Heldenthaten, welche der heutigen deutschen Jugend vorgeführt werden, immer häufiger in Afrika, und zwar in den Teilen von Afrika, die unter des Deutschen Reiches Hoheit stehen. Und das ist auch ganz gut. Wenn die Verfasser solcher Jugendschriften ihre Aufgabe richtig verstehen, so können sie in das anmutige Gewand ihrer Geschichte viel Belehrung über die thatsächlichen Verhältnisse verweben und so dem Heranwachsenden Geschlechte einen Begriff von dem Leben und Treiben, der Natur und den Völkern Deutsch-Afrikas geben. Ein Schriftsteller, der sich ganz bewußt – und wir fügen hinzu, mit Glück – dieser Aufgabe unterzogen hat, ist der unsern Lesern wohlbekannte C. Falkenhorst. Seine Kenntnis von Land und Leuten im Schwarzen Erdteil hat er schon wiederholt in der Form von Erzählungen für die reifere Jugend nutzbar gemacht, wie in seinem „Ostafrikaner“, seinem „Afrikanischen Lederstrumpf“ u. ff., Erzählungen, die gerade um ihres kulturhistorischen und geographischen Inhalts willen auch manchem Erwachsenen eine anziehende und förderliche Lektüre boten. Jetzt ist Falkenhorst mit der Ausarbeitung einer neuen Reihe solcher „Erzählungen für jung und alt“ beschäftigt, die den Titel führt „Jung-Deutschland in Afrika“ und von der bereits drei Bändchen erschienen sind, von Maler R. Hellgrewe hübsch illustriert (Dresden–Leipzig, Alex. Köhler). Wir wünschen dem Unternehmen unseres Mitarbeiters einen guten Erfolg, den kleinen Bändchen recht viele Leser.



Inhalt: An Deutschlands Volksvertreter. Gedicht von Emil Rittershaus. S. 757. – Um fremde Schuld. Roman von W. Heimburg (9. Fortsetzung). S. 758. – Das neue Reichstagshaus. Von Emil Peschkau. S. 762. Mit Abbildungen S. 761, 762, 763, 764, 765 und 766. – Der Winter in der Kinderstube. S. 766. – Zeit bringt Rosen. Novelle von Stefanie Keyser (1. Fortsetzung). S. 768. – Der Ungeratene. Bild. S. 769. – Blätter und Blüten: Julie Ludwig †. S. 772. – Der Ungeratene. S. 772. (Zu dem Bilde S. 769.) – Jung-Deutschland in Afrika. S. 772. – Der Feind naht! Bild. S. 772.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.