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Textdaten
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Autor: Otto Neumann-Hofer
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Titel: Das neue Haus des deutschen Reichstages
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 139
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das neue Haus des deutschen Reichstages.

Vor dem geschichtlich und künstlerisch denkwürdigen Brandenburger Thore zu Berlin, etwas zur Seite liegend, breitet sich der größte und vornehmste Platz der Reichshauptstadt aus, der Königsplatz. Wundervoll ist seine Lage. Wald umgiebt ihn von zwei Seiten, die Häuserreihe der Stadt von einer dritten, und die vierte Seite öffnet sich breit auf einen Ausblick, in dem sich monumentale Bauten und Quais mit einer großartigen Brückenanlage zusammenschließen.

So bevorzugt die natürliche Lage dieses Platzes ist, so wenig hatte bis vor kurzem die Kunst gethan, ihn zu schmücken. Architektur, Bildnerei, Gartenbau waren wie geflissentlich an diesem herrlichen Stückchen Freiland mitten in der Häuserwüste der Großstadt vorübergegangen. Es war, als ob sie fürchteten, daß dieser Platz zu große Aufgaben an sie stellen könnte. Von alters her lag an der Westgrenze ein Theater- und Gartenanwesen von bescheidener Ausdehnung, ein Wahrzeichen des alten Berlins, das Krollsche Theater. Ehemals galt es als eine Zierde dieser entfernten Gegend, die braven Berliner pilgerten hinaus zu ihm, an Sonn- und Feiertagen, wie nach einem grün umhegten Bierdorf der Umgegend. Heute, da längst die Riesenstadt sich kilometerweit über diesen Punkt hinausgeschoben hat, steht das „Krollsche“ noch da in all seiner Kleinheit, seiner ehemals klassisch, heute ärmlich genannten Schlichtheit, erdrückt von den Bauten neben und hinter sich, erdrückt von den Bäumen, und auf dem großen Platz sich ausnehmend wie eine steingewordene Erinnerung an die Bescheidenheit vergangener Zeiten.

Dem Krollschen Theater gegenüber, an der Ostgrenze des Königsplatzes, stand ein Bau, der jenem völlig entsprach. Das war das Raczinskische Palais, das in den Fremdenführern immer mit einer gewissen Hochachtung genannt wurde, nicht wegen seiner dürftigen Architektur, sondern wegen der darin aufbewahrten recht ansehnlichen Gemäldesammlnug des Grafen Raczinski,

Nach dem siebziger Kriege fing man an, den Königsplatz mehr zu berücksichtigen. Aber die Versuche, ihn zu schmücken, fielen kläglich genug aus. Das Generalstabsgebäude, ein formloser Backsteinbau, der auf der Nordwestecke aufgestellt wurde, hob die westliche Einfassung um keine Linie über den seitherigen unkünstlerischen Eindruck. An der Nordseite erlaubte man, daß sich die Straßen mit ihren stillosen Privatbauten ungehindert bis in den Platz hineindrängten, und so ließ man es geschehen, daß für unabsehbare Zeit die einheitliche künstlerische Gestaltlmg des Ausblicks nach Norden verdorben wurde. Und das Schlimmste [140] des Schlimmen: in die Mitte des wundervollen Platzes pflanzte man jene berüchtigte Stracksche Säule mit der plumpen Drakeschen Viktoria und den Kränzen von Kanonenrohren, jenes Siegesdenkmal, das der Berliner Volkswitz gerecht und vernichtend den „Siegesschornstein“ nennt.

Wie aus Scham vor dieser künstlerischen Niederlage nach großen kriegerischen Siegen ließ man den Platz verwildern. Noch Ende der siebziger Jahre war er zum größeren Theile ein abscheuliches Sandfeld. Erst am Anfang des vorigen Jahrzehnts machte man nach einem einheitlichen Plane ziemlich gewöhnliche und reizlose gärtnerische Anlagen, stellte Büsten und Figuren hinein und legte Fahr- und Gehwege an, die nach Regenwetter beinahe unbenutzbar waren. Nur die Theile um die Siegessäule erhielten ein gutes Mosaikpflaster, wie es der Platz verdiente.

In diesem Zustande befindet sich der Platz noch heute.[1] Nur eines hat sich verändert: das kleine Raczinskische Palais ist verschwunden, und an seiner Stelle erheben sich die gewaltigen Glieder des neuen Reichstagsgebäudes.[2] Dieses Monumentalwerk ist endlich eine Anlage, die des Platzes würdig ist. Es gehört zum Platz und der Platz gehört zu ihm. Sie ergänzen sich in ihrer natürlichen Großartigkeit. Nirgends anderswo in Berlin durfte das Reichshaus hingestellt werden.

Noch umgeben mächtige Gerüste die Ecken und zum Theil auch die Mittelflächen der Fassaden, und insbesondere die Westfassade, die nach dem Königsplatz zu gelegen ist und die wir als die hauptsächlichste auf unserem Bilde Seite 144 und 145 zeigen, wie sie nach ihrer Vollendung sich darstellen soll, wird noch von dem Stangenwerk zum großen Theil verdeckt.

Dennoch kann man bereits einen Gesamteindruck von dem Bau gewinnen, die Hauptlinien zeichnen sich frei am Himmel ab, und stolz und blinkend erhebt sich in der Mitte die mächtige Kuppel, Glas zwischen goldschimmernden Rippen, darüber die gleichfalls goldglänzende Laterne, ein feingegliederter, mit Säulen umstellter Bau, und über ihr, als Abschluß des Ganzen, auf schlankem Träger im Sonnenlicht funkelnd, die goldene Kaiserkrone.

In den allgemeinsten Umrissen ist das neue Reichstagsgebäude ein Rechteck, an dessen vier Ecken Thurmbauten die Frontlinie überschreiten und die Dachlinie hoch überragen und dessen vier Fassaden je in der Mitte in einem gewaltigen säulengetragenen Thorbau ausladen. Ueber der Mitte des Ganzen steigt die schon erwähnte Kuppel auf.

Diese im Ganzen einfachen Linien umschließen eine unübersehbare Fülle architektonischer und bildnerischer Einzelwerke. Die Maße des Baus sind so gewaltig und der Aufriß ist in seinen Hauptzügen so sicher und ruhig, daß das Beiwerk nimmermehr überwuchern kann. Es begegnet uns bei jedem Blick in immer neuen Formen und doch fügt es sich wie selbstverständlich den Flächen ein, die zwar geschmückt erscheinen, aber nichts von ihrer vornehmen Ruhe einbüßen. Jedes Glied geht in der Harmonie des Ganzen auf, und darum erscheint es leicht und gefällig, obwohl es an sich, den Größenverhältnissen des Ganzen entsprechend, kolossal ist.

Ein Beispiel für viele: die Säulen, die der Leser auf unserem Bilde der Westfassade am Portal erblickt, übertreffen an Höhe die Mittelsäulen des Brandenburger Thores. Wer von diesem gewaltigen Denkmal her auf den Königsplatz kommt und die Portalsäulen des Reichstagsgebäudes erblickt, möchte das kaum glauben, so schlank, graziös und leicht erheben sich diese Säulen vom Fuß bis zu den aus reichem Blattwerk gebildeten Kapitälen. Und doch messen diese Säulen 16,7 Meter mit dem Sockelstein, während die Säulen des Brandenburger Thores nur 13,8 Meter hoch sind.

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Paul Wallot,
der Erbauer des neuen Reichstagsgebäudes.
Nach einer Photographie von Wilh. Fechner in Berlin.

Und da wir einmal bei den Zahlen sind, noch ein paar andere! Die bebaute Fläche beträgt rund 11638 Quadratmeter, das Produkt aus einer Länge von 131 und einer Breite von 88 Metern, das ist mehr als 4½ preußische Morgen. Zieht man aber um den ganzen Bau, von den äußersten Punkten zu den äußersten Punkten vier zu einem Rechteck sich zusammenschließende Linien, so mißt dieses Rechteck sogar rund 13300 Quadratmeter, das sind ruud 5¼ preußische Morgen. Um diese Fläche zu bebauen bis zu einer Durchschnittshöhe von 27 Metern, bedurfte es 15 Millionen Ziegel und 14000 Kubikmeter Sandstein. Diese 15 Millionen Ziegel, hintereinandergereiht, ergäbell einen gepflasterten Weg von 500 geographischen Meilen (etwa die Entfernung zwischen Bordeaux und Astrachan), und die 14000 Kubikmeter Sandstein nehmen ein Volumen ein, das gleich ist dem Volumen sämtlicher Bewohner einer Stadt etwa in der Größe von Dresden. Dafür kostet der Bau aber auch die runde Summe von 21 Millionen Mark, die bekanntlich seinerzeit aus der französischen Kriegsentschädigung für diesen Zweck zurückgelegt wurde.

Doch genug der Zahlen! Die gewaltigsten Maße würden nichts helfen, wenn der künstlerische Werth des Werkes gering wäre. Das ist aber glücklicherweise nicht der Fall. Meister Paul Wallot hat mit dem Reichstagsgebäude einen Bau geschaffen, der eine Zierde Berlins, ja Deutschlands sein wird. Er nimmt in der modernen Architektur Europas seinen bedeutsamen Platz ein, und es darf wohl ausgesprochen werden, daß er nach seiner Vollendung einen starken Einfluß auf die Baukunst der kommenden Jahre ausüben wird.

Das Reichstagsgebäude hat seinen eigenen Stil. Dieser Stil vereinigt die beruhigte Abgeschlossenheit des Renaissancebaues mit dem Aufstrebenden der Gothik, die Formefülle des Barock mit den großen Flächen moderner Nutzbauten. Die Eckthürme und Portale tragen reichen bildnerischen Schmuck, die Frontflächen dagegen sind schmuckloser und strenger, sie werden im Norden, Osten und Süden durch Pilaster, auf der Westfront dagegen durch gewaltige eingemauerte Säulen gegliedert.

Mit Hilfe unseres Bildes von dem Giebel und dem Eckthurm der Südfassade (S. 141) gewinnt man eine ungefähre Vorstellung von dem überaus reichen Schmuck, den diese vorzugsweise mit Bildnerei bedachten Theile des Baues tragen. Auf dem Eckthurm knabenhafte Genien, die jubelnd die Kaiserkrone in die Luft heben; darunter reich mit Ornamenten geschmückte Simse und Säulenstellungen. Auf einem weiteren Absatz vier gewaltige Figuren: Rechtspflege, Staatskunst, die Wehrkraft zu Lande, die Wehrkraft zu Wasser. Es ist eine glückliche Symbolik, daß diese Figuren fest dastehen auf den riesigen Säulen, sicher getragen von unerschütterlichem Fundament. Auch jeder der anderen Thürme trägt vier solcher Kolossalstatuen. Einer Großindustrie, Handel und Schiffahrt, Elektrizität, Hausindustrie, ein anderer Ackerbau, Viehzucht, Bier, Wein der letzte Erziehung, Kunst, Litteratur, Wissenschaft. Und wie reich nimmt sich der Giebel aus mit dem ungeheurer ruhenden Adler in seiner Mitte und überragt von den Flankenpilastern, die das Reichswappen trage unter der Hut der mit ausgebreiteten Schwingen sitzeden schlangevernichteden Reichsadler!

Natürlich ist den Portalen ein ganz besonders reicher Schmuck zugedacht. Sie werden außer Ornamenten, Abzeichen, sinnbildlichen Figureun mannigfacher Art große bildnerische Gruppen tragen. Im Giebelfelde des Hauptportals am Königsplatz wird eine figurenreiche Gruppe von Schaper prangen. Sie zeigt einen Norddeutschen und einen Süddeutschen (Preußen und Bayern), die gemeinsam das Reichswappenschild behüten und umgeben sind von idealen Gruppen, die Kunst und Wissenschaft, Handel und Industrie verkörpern. Als Hauptgruppe wird sich darüber, auf die große Freitreppe hinausschauend, Reinhold Begas’ reitede [141] Germania erheben, von zwei Genien geleitet. Unsere Leser finden auf S. 133 eine Abbildung dieser Gruppe.

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Giebel und Eckthurm der Südfassade am neuen Reichstagsgebäude zu Berlin.
Nach einer photographischen Aufnahme von Reg.-Baumeister Gräf in Berlin.

Der Schöpfer des Monumentalbaues, Paul Wallot, hat im vorigen Jahre seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Er steht im Höhepunkte seiner ungewöhnlichen künstlerischen Kraft. Er ist am 26. Juni 1841 zu Oppenheim am Rhein geboren. Schon früh erhielt er durch einen Oheim, einen Münchener Maler, die Richtung auf das Künstlerische. Als Fünfzehnjähriger bereits ergänzte er drei Chorfenster der altberühmten Katharinenkirche seiner Vaterstadt nach den im Dom zerstreuten Scherben. In Darmstadt erhielt Wallot auf Realschule und Polytechnikum seine weitere Ausbildung. Damals hing seine ganze Seele am Malerberuf. Erst als er 1859 zu weiterer Ausbildung das Polytechnikum zu Hannover bezog, entschied er sich für die Architektur. Karmarsch, Luer und Debo waren hier seine bevorzugten Meister. 1860 ging der junge Wallot nach Berlin. War er in Hannover in das Wesen der Gothik eingedrungen, so lernte er in Berlin den strengen Hellenismus Schinkelscher Schule kennen; in Gießen, wohin er ging, um das großherzoglich hessische Staatsexamen zu machen, erschloß ihm bald darauf Ritgen, der Erneuerer der Wartburg, den mittelalterlichen Burgenstil. 1864 wurde Wallot großherzoglich hessischer Beamter, 1865 jedoch wieder Besucher der Berliner Bauakademie und Schüler von Gropius, später von Lucae und Hitzig.[3] 1867 ging er nach Italien, wohin er in späteren Jahren mehrfach zurückkehrte und wo er in dem Studium der Paläste Palladios seine eigene künstlerische Seele entdeckte, die ihn zu Renaissanceformen hinzog. 1869 ließ sich Wallot als Privatarchitekt in Frankfurt a. M. nieder. Hier stieg sein Ruf schnell. Er gewann mehrere Preise, darunter auch den, der seinem Leben die entscheidende Wendung gab, den ersten Preis für das deutsche Reichstagsgebäude. 1882 siedelte er nach Berlin über, von welcher Zeit an er unausgesetzt an dem großen Werke arbeitete, das nun mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegengeht.

Wallots Prachtbau ist ein gewalliger Anfang, an welchen sich ein wahrhaft monumentaler Ausbau des Königsplatzes angliedern ließe. Zwar werden noch ganze Generationen dahinschwinden, bevor der Königsplatz das sein wird, wozu er bestimmt ist: eine architektonische Verkörperung des neuen Deutschen Reiches, gerade so wie die Linden vom Schloß bis zum Brandenburger Thor eine Verkörperung des alten Sonderstaates Preußen sind. Das, was der Eintrachtsplatz für Paris und Frankreich, das Forum Romanum für das alte Rom bedeutete, das könnte der Königsplatz für Berlin und Deutschland werden, wenn die kommenden Geschlechter diesen einzigen Platz ausgestalten in dem Geiste, aus welchem Wallots Reichshaus geboren wurde.

Otto Neumaun-Hofer.

[144]
Die Gartenlaube (1893) b 144.jpg

Die Hauptfassade des neuen Reichstagsgebäudes in Berlin.
Nach photographischen Originalaufnahme gezeichnet von H. Nisle

  1. WS: Fehlender Punkt ergänzt.
  2. WS: Fehlender Punkt ergänzt.
  3. WS: Fehlender Punkt ergänzt.