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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1881
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[221]

No. 14.   1881.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.


Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Bruderpflicht.
Erzählung von Levin Schücking.


1.

Durch die vom Bahnhof führende staubige Akazien-Allee kamen zwei Männer dahergeschritten. Ein barfüßiger Junge lief vor ihnen her; er trug einen großen, schweren, aber sehr abgeschabt aussehenden Reisesack in der Hand, welcher vermuthlich dem wettergebräunten älteren Manne gehörte, der, einen breitrandigen Filz auf der grauen Löwenmähne, in dunkelcarrirtem Anzuge auf seinen schweren Sohlen so wuchtig zuschritt, als ob er dem hartgetretenen Boden seine Fußstapfen einprägen wolle, wie der Herr, als er dem fliehenden Petrus begegnete, oder auch als ob er mit dem Bewußtsein Fiesco’s: „die Blinden in Genua kennen meinen Schritt“ seinen Einzug halte in die vor ihm liegende deutsche Residenz, die freilich kein Genua war, nicht einmal eine große Seestadt, sondern nur eine hübsche moderne Landeshauptstadt, recht mitten in einem waldreichen Hügellande gelegen.

Der jüngere Mann, der jedoch auch schon den Vierzigern nicht mehr ganz fern stehen mochte, war das gerade Widerspiel des älteren; er war sehr elegant gekleidet, hatte ein feines, ovales Gesicht mit einer stark ausgebildeten Stirn über lebhaft glänzenden, blaugrauen Augen, eine hohe, schlanke und doch männlich feste Gestalt und etwas Aristokratisches in seiner Haltung, wenn auch nicht in den Zügen, welche die Spuren eines ernsten und angestrengten Gedankenlebens trugen. Vielleicht jetzt gerade mochte dieser Ausdruck besonders lebhaft hervortreten; denn es ließ sich nicht verkennen, daß er in großer Erregung war; er sprach, er bewegte sich lebhafter, als es zu der aristokratischen Erscheinung paßte; er legte sogar von Zeit zu Zeit seine Hand im hellen Glacéhandschuh auf den staubigen Arm des Begleiters.

Ein älterer Officier, auch dem Abzeichen an der Uniform ein General, kam ihnen entgegen – mit einem Lächeln, einem freundlichen Kopfnicken reichte er dem jüngeren Manne die Hand.

„Sie kommen doch pünktlich heut – um vier? Ohne auf sich warten zu lassen?“ fragte er.

„Gewiß, ich werde pünktlich bei Ihnen sein, Excellenz.“

„Na,“ bemerkte unwillig der ältere Herr, als der General weiter geschritten, „ich muß gestehen, diese Species von verthierter Soldatesca geht gewaltig formlos mit Dir um, Aurel; ich würde mir eine solche Herablassung von Leuten seiner Art nicht gefallen lassen. Er bestellt Dich pünktlich – um vier Uhr – just wie man seinen Raseur bestellt! Nun, Du bist auch“ – der Alte lachte jetzt laut auf – „wohl etwas wie sein Raseur, führst einen Proceß für ihn und barbierst ihn dabei nach Advocatenmanier über den Löffel?“

„Das weniger, lieber Vater,“ entgegnete Aurel, „ich bin nicht sein Advocat, sondern gehöre einer kleinen Gesellschaft an, die sich wöchentlich einmal bei dem guten alten Herrn versammelt.“

„Du? Bei einem General? Ich bitte Dich! Wie kommt Saul unter die Propheten?“

„Unter die Propheten geräth man auch wohl als Weltkind und bleibt trotzdem, was man ist.“

„Hoffentlich – doch läßt man die Propheten nachher laufen. Uebrigens sehe ich hier links den Eingang zu einem höchst einladenden Biergarten; ich habe einen cannibalischen Durst und ich muß den Staub der Eisenbahn ein wenig hinunterspülen, ehe wir weiter gehen; also fallen wir ein – hinein in’s Vergnügen!“

„Du in diesen Biergarten, Vater?“ fragte erschrockenen Tones der Sohn – aber wenn in diesem Ton ein Protest gelegen hatte, so kam er damit zu spät: sein Begleiter war mit einer raschen Wendung schon jenseits des grünangestrichenen Gitterportales und schritt auf dem weichen Kies, der zwischen den rechts und links angebrachten Bänken auf die Holzveranda des Hauses zuführte. Seine Erscheinung mußte auf die einzelnen Gruppen der trinkenden und Cigarren rauchenden Gäste eigenthümlich imponirend wirken; denn wohin unter dem breiten Filz hervor seine allerdings sehr herrisch um sich schauenden Blicke fielen, da verschwanden wie durch einen Zauber die Cigarren; die Leute schnellten von ihren Sitzen empor und grüßten respectvoll.

„Da schau,“ sagte der alte Herr, „da schau einer die Bedientenhaftigkeit hier im alten Lande an! Wie ehrfürchtig das thut! Sie halten mich für einen geheimen Kanzleirath, oder gar für einen Hofrath, glaub’ ich.“

„Schwerlich, bester Papa,“ entgegnete sein Sohn. „Du mußt gestehen, daß Du nicht aussiehst, als ob Du zum ‚Tschin‘ gehörtest.“

„Aber es ist doch nicht möglich, daß sie mich wiedererkennen und den alten Kämpfer von 1848 an mir ehren wollen? Oder hast Du vielleicht dafür gesorgt, daß Eure Blätter meine Rückkehr angekündigt haben?“

„Keineswegs – ich setzte durchaus nicht voraus, daß das Dir angenehm sein würde.“

„Angenehm? Nun, weshalb nicht? Laß die Blätter immerhin reden - je mehr, desto besser! – Unsereins ist das gewohnt – kann auch Dir und Deiner Praxis, calculire ich, nicht schaden, wenn da gedruckt zu lesen ist, etwa: ‚Unser früherer Mitbürger, der Veterinärarzt Doctor Lanken, ist nach fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit in sein Vaterland zurückgekehrt; der bewährte Vorkämpfer [222] aus den Jahren 1848 und 1849 wird einer warmen Aufnahme bei allen denen gewiß sein dürfen, welche sich seiner ausgezeichneten Verdienste um die Sache des Volkes und der bürgerlichen Freiheit von damals erinnern. Herr Doctor Lanken, der sich durch seine Energie in den Vereinigten Staaten eine höchst geachtete Stellung geschaffen, hat diese doch aufgegeben, um den Rest seiner Tage in der alten Heimath bei seinem Sohne, unserm vielbeschäftigten und eminenten Rechtsanwalt Aurel Lanken, zu verleben.’ – Für so etwas oder dem Aehnliches könntest Du schon sorgen, denk ich, wenn“ – der alte Herr lachte plötzlich verachtungsvoll auf – „wenn Eure Censur es nicht streicht.“

„Wenn wir eine Censur hätten, bester Papa,“ entgegnete Aurel ziemlich trockenen Tones, „so würde sie Dir höchstens das – Doctor streichen, weil es Dir meines Wissens nicht zukommt – aber wir kennen keine Censur mehr. Ueberhaupt wirst Du Dich darauf gefaßt machen müssen, sehr viele Dinge hier völlig verändert zu finden und viele Voraussetzungen in Rauch aufgehen zu sehen, obwohl sie Dir vielleicht zu lieben Bedürfnissen geworden.“

„Glaubst Du, weiser Daniel? Na, wir werden ja sehen. Hoffenlich geht meine Voraussetzung, daß baierisches Bier hier zu Lande noch immer ein gutes Getränk sei, nicht durch den Stoff, den die Kellner dort herbeischleppen, in zuviel – Schaum auf!“

Sie hatten sich an einem der unbesetzten Tische niedergelassen – ein Kellner brachte mit großer Beflissenheit ein paar gefüllte Seidel und fragte dann mit tiefer Verbeugung, ob sonst noch etwas befohlen würde?

Da nichts befohlen wurde, schoß er davon.

„Befohlen’! Lakaienseele!“ sagte der alte Herr. „Kann der Mensch nicht mit aller Würde und dem Bewußtsein, daß seine Waare soviel Werth hat wie mein Geld, das Bier auf den Tisch stellen?“

„Ich zweifle nicht daran,“ versetzte Aurel, „obwohl ich nicht sicher bin, daß eine Zugabe von Kellnerwürde das Getränk schmackhafter machte.“

„Wär’ auch nicht nöthig,“ sagte der alte Herr, der eben einen tiefen Zug gethan und jetzt mit großen Aplomb das Glas auf den Tisch setzte. „Euer Bier ist gut – wahrhaftig es ist besser, als das drüben, jenseits des großen Teiches. Das räum’ ich Dir mit Vergnügen ein – aber Du trinkst nicht?“

„Nein – ich vertrage Bier nicht.“

„Ah – Du verträgst es nicht? Ein Volksmann, der … aber, Goddam, wenn ich Dich so ansehe, Aurel, machst Du mir überhaupt den Eindruck eines eingefleischten Aristokraten – siehst aus wie aus dem Ei geschält; auf Deinem Haupte leuchtet der Glanz eines Cylinders, der noch vorgestern der Stolz eines Hutmacherladens war; Dein Vollbart ist gestutzt und beschnitten, daß es eine wahre Freude für einen Friseur ist, es zu sehen –“

„Mein lieber Vater,“ unterbrach ihn Aurel mit einem halb spöttischen halb wehmüthigen Lächeln – „Du wirst Dich auch darein finden müssen, daß zu den Voraussetzungen, die Dir, wie ich sagte, in Rauch aufgehen werden, auch einige gehören, welche die Lage und die Verhältnisse Deines Sohnes nahe angehen. Es ist mir das freilich tief schmerzlich, und Gott weiß, daß ich nichts Besseres verlangte und keine größere Freude haben könnte, als wenn Du in Deinem einzigen Sohne völlig das fändest, was Du mit väterlichem Stolze in ihm zu finden erwartetest – einen treuen Erben Deiner Gesinnungen, einen schneidigen Anwalt Deiner Grundsätze – einen gefeierten Volksmann und Vorkämpfer für Alles, was den schönen Namen: ‚Fortschritt‘ trägt –“

„Und das werde ich nicht finden?“ fiel der alte Herr, ihn groß ansehend und das eben ergriffene Seidel auf dem halben Wege zwischen Tisch und Mund haltend, ein.

„Das wirst Du nicht finden: Deine politischen Ziele mögen auch die meinen sein, aber über die Wege zu diesen Zielen werden wir völlig verschieden denken. Ich bin auch nicht, wie Du meinst, Advocat, Parlamentarier, Oppositionsredner der äußersten Linken, Volksmann und dergleichen –“

„Aber ich bitte Dich – nicht mehr – Rechtsanwalt? Was denn anders? Wovon lebst Du denn und bezahlst den Friseur, der Dir so sauber den Bart beschneidet?“

„Das will ich Dir sagen, wenn ich Dir mit ein paar Worten erst den Weg angedeutet habe, den ich zurückgelegt habe und der mich ohne ehrgeiziges Streben meinerseits ganz wie von selber zu meiner jetzigen Stellung geführt hat. Ich habe Dir brieflich das nicht mittheilen wollen, weil ich wußte, ich würde doch nicht vermögen Deine Anschauungen so zu berichtigen und umzuwandeln, daß ich Dir keinen Verdruß mit der Wendung meines Schicksals bereitet hätte. Höre also! Als ich in der Kammer saß, vollzogen sich große Ereignisse hier in unseren deutschen Vaterlande, und diese waren es, die mich aus meiner tiefinnerlichsten Ueberzeugung heraus hinüberführten zu Denen, welchen wir Deutsche diese Wendung verdankten, zu den Männern –“

„Zu den Männern der Gewalt … zu den Leuten, denen das Volk und sein Wille nichts ist?“ fuhr der alte Herr auf; dann that er einen tiefen Trunk und setzte darauf sein Glas mit einem so pathetischen Nachdruck hin, als ob ihm durch diesen Schlag der Durst vergangen sei für alle Tage seines Lebens. – „Zu diesen Männern – Du – der Sohn –?“

Er wurde unterbrochen durch einen mit aufgeregter Miene herantretenden schwarzbefrackten Herrn, der eine große Verschwendung an weißer Wäsche zeigte und dem im respectvoller Entfernung ein Kellner folgte.

„Bitte um Entschuldigung, Excellenz!“ sagte der Mann sehr eifrig – „ bitte sehr um Entschuldigung, daß ich nicht eher mein Compliment machte! Höre eben erst, daß Excellenz mein Local beehren – wenn Excellenz geruhen wollten – ich habe sehr hübsche reservirte Zimmer oben – fürchte, daß es ein wenig sonnig ist hier vorn –“

„Sie sind der Eigenthümer des Gartens?“ sagte, mit einem herablassenden Kopfnicken die Verbeugungen des Herrn erwidernd, Aurel. „Es ist sehr hübsch bei Ihnen – ich danke Ihnen – dieser Platz convenirt uns – ich danke Ihnen.“

Er nickte wieder im derselben vornehmen Weise wie zur Entlassung, und der Wirth zog sich unter abermaligen Verbeugungen zurück.

„Excellenz? !“ rief jetzt der alte Herr. „Der Mensch wirft Dir eine Excellenz nach der anderen an den Kopf? Da steht mir denn doch der Verstand still. Was zum Teufel ist aus Dir geworden, Aurel? Eine Hofschranze? Ein Fürstenknecht? Ein Cärimonienmeister oder Kammerherr gar? Mich trifft der Schlag. Aurel Lanken, mein Junge, in der Taufe genannt nach dem großen Wahrheitsfreund und Philosophen Marc Aurel, ein Hofschranze!“

„Nicht ganz das, was Du darunter verstehst, lieber Vater – aber etwas im Deinen Augen Verwandtes. Ich bin der Minister unseres guten, aufgeklärten Fürsten – der Vorsitzende seines Ministeriums. Nicht mehr und nicht weniger! Darein mußt Du Dich nun einmal ergeben. ‚Das Unvermeindliche mit Würde tragen‘, Du weißt ja. Weshalb ich Dir nicht davon schrieb, so lange Du auf Deiner Farm hinten in Michigan lebtest, habe ich Dir eben angedeutet – für den Staat Michigan konnte es nicht von Erheblichkeit sein und für Deine persönlichen Gefühle nicht wohlthuend. Hättest Du mich früher von Deinem Plane, hierher zurückzukehren, unterrichtet, so würde ich es Dir natürlich mitgetheilt haben, aber Du schriebst mir erst, als Du bereits auf der Reise, bereits in New-York warst …“

„Verfluchter Querstreich! Excellenz, Minister! Was soll ich nun hier machen?“

„Ich denke nicht, daß darin etwas liegt, was Dir hier den Aufenthalt verbittern könnte.“

„Nicht? Denkst Du das?“

„Wenn Du nicht das Bedürfniß hast, gar zu arg über die Regierung zu räsonniren …“

Der alte Herr antwortete nicht. Er strich sich das Kinn und versank offenbar in tiefe Gedanken. Dann sagte er zerstreut und den Kops schüttelnd: „Ja, ja, ich fürchte, das Räsonnieren werde ich nicht lassen können. War immer meine Stärke, weißt Du.“

„Beobachte erst ein wenig den Lauf der Dinge hier – und halte an Dich! Gefallen Dir dann die Zustände nicht, so räsonnirst Du nachher nur desto ärger – ich will Dich nicht hindern.“

Der Alte schüttelte wieder trübselig den Kopf.

„Du ein Minister, ein Fürstenknecht!“ murmelte er, starr auf sein Glas blickend, und dann schien er vor dieser niederschmetternden Thatsache nur darin eine Rettung zu finden, daß er mit einer überflüssigen Energie den Zinndeckel seines Seidels klappen ließ, bis der heranstürzende Kellner es ihm genommen, um ihm ein neugefülltes zu bringen.

„Willst Du nicht anhören, wie ich dazu gekommen, ein Fürstendiener zu werden, lieber Vater, trotz aller republikanischen [223] Grundsätze und Gesinnungen, die ich, dank Deiner spartanischen Erziehung, mit der Muttermilch eingesogen?“

„Was brauch’ ich das anzuhören – kann mir’s ja denken,“ versetzte der alte Herr melancholisch, sein löwenmähniges Haupt auf den Arm stützend. „Sie haben Dir geschmeichelt, Dich gekirrt, Deinen Ehrgeiz geweckt, Dich bei der Eitelkeit gefaßt, Dir rothe Bänder mit allerlei Kindereien um den Hals gehangen – Geld natürlich wird auch seine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Weiber – Du liebe Zeit, so was kennt man ja – kenn’ ich ja von Anno dazumal her, ehe ich so gescheidt war, davon zu gehen über’s große Wasser. Was mich nur wurmt, ingrimmig wurmt, ist, daß ich beim ersten Schritt, den ich wieder – ich verdammter Narr – in’s alte Land setze, solch einen Abtrünnigen in meinem eigenen Sohne finden muß. Hätt’ ich Dich mit hinübergenommen damals!“ fuhr der alte Herr seufzend fort; „mit hinüber to the far west! Aber Deine Mutter wollt’s ja nicht – sie wollt’ es ja nicht, wie sie ja auch selber nicht mir folgen wollte – und diese Weiber haben nun einmal ihren Kopf.“

„Ihren Kopf, und wie Du nicht leugnen wirst, Vater, zuweilen wohl auch richtige Gedanken darin. Meine Mutter war eine schwache, leidende Frau, und ich damals ein Büblein von acht Jahren – was hätte aus uns werden sollen, wenn wir mit Dir so in’s Blaue hinrin, dem ganz ziellos Unbestimmten entgegen, in die weite Welt gezogen wären? Die Mutter wäre wohl auf der Reise schon gestorben, und ich hätte für die Ueberfahrt und alle Gefahren, die damit zusammenhängen, gewiß auch schwer büßen müssen – was,“ setzte Aurel lächelnd hinzu, „mich dann freilich vor meinem heutigen bitteren Schicksal, ein Minister sein zu müssen, bewahrt haben würde.“

Der alte Herr leerte schweigend sein zweites Seidel Bier und richtete dann seine Blicke mit dem Ausdrucke tiefer Wehmuth auf seinen mißrathenen Sohn.

„Du willst nicht die Erklärung anhören,“ hub dieser nach einer Pause wieder an, „wie ich, reisend an Alter und Erfahrungen, dazu gekommen bin, eine Stellung im Staatsdienst anzunehmen – Fürstenknecht zu werden, wie Du das nennst, und wie ich in diesem Staatsdienste gerade den Posten angenommen, von dem sich die Voraussetzung einer Dir verhaßten Gesinnung am wenigsten trennen läßt. Ich will Dich denn auch mit dieser Entwicklung nicht heimsuchen – sie brächte uns wohl in eine sehr lebhafte Debatte, und ich möchte nicht, daß wir unsern Aufenthalt in diesem Biergarten noch bedeutend verlängerten – aber eine Frage wirst Du mir doch wohl erlauben?“

„Frage!“

„Du bist ein Mann der allerentschiedensten Opposition. Du weißt, daß die Regierung den Staatswagen nach der einen Seite zieht, und hast Dich deshalb an die andere Seite gespannt. Dort ziehst Du – freilich siehst Du, daß unter solchen Umständen der Staatswagen nicht weiter rückt –“

„Sondern im Sumpf stecken bleibt – das ist richtig.“

„So kann Dir Niemand verdenken, daß Du die Zugkräfte da hinten, welche die Deinen und die Deiner Partei lähmen, mißbilligst. Nun aber hörst Du eines schönen Tages hinter Dir an der anderen Wagenseite ein ganz ungewöhnliches Klirren und Klappern, ein Geräusch, als ob Ketten fielen, ein Stampfen herankommender Rosse – Du siehst, daß diese Rosse an Deiner Seite, neben Dir, an den Staatswagen gehängt werden – daß sie, von einer mächtigen Hand gelenkt, mit hellem Wiehern muthig sich in’s Zeug legen – daß der Staatswagen aus dem jämmerlichen alten Sumpfe heraus vorwärts rollt – auf festem Boden triumphirend vorwärts – ganz in der Richtung, in welcher Du und die Deinen seit vielen, vielen Jahren zogen – was wirst Du nun thun, theurer ‚Governor‘, wie Ihr drüben, denk’ ich, sagt? Was wirst Du thun? Jubelnd über diese neue Wendung und treu Deinen alten Idealen, Deiner langjährigen Anschauung mitziehen am Staatswagen? Oder wirst Du die Treue gegen Dich selber darin suchen, daß Du Dir sagst: ‚ich bin einmal der Mann der Opposition und meine Bürgerpflicht gebietet mir, in der Opposition zu bleiben. Macht die Regierung den Staatswagen rollen – wohlan, ich bleibe fest auf der Höhe meiner staatsmännischen Mission und – werfe ihr Knüppel in die Räder‘?“

„Du willst doch nicht, daß ich glauben soll, Eure Regierungen hier ...“

„Ich will nichts, als daß Du Dich umschaust, prüfst, überlegst und dann erst urtheilst – als ein Mann ohne Vorurtheile. Seid Ihr nicht stolz darauf, Ihr drüben, keine Vorurtheile zu haben?“

„Ich denke, Dun wirst mir aber erlauben, so lange bei meinen Grundsätzen zu bleiben, bis ich herausfinde, daß sie Vorurtheile sind. Unterdeß will ich Dir den Gefallen thun und mit Dir aufbrechen, da es Deiner Excellenz doch nun einmal in diesem demokratischen Locale unbehaglich zu Muthe ist. Komm! Aber Eines sage ich Dir: In ein Ministerhotel bringen mich Deine umgespannten Regierungspferde, auch wenn sie alle zumal anziehen, nicht. Ich nehme Herberge bei meinem alten Freund Schallmeyer.“

„Aber, Vater,“ sagte Aurel erschrocken, „Deine Zimmer stehen in meinem Hause bereit – Du wirst doch bei Deinem Sohne wohnen?“

„Nimmermehr!“ versetzte der alte Herr bestimmt. „Soll ich mich da von Deinen Lakaien über die Achseln ansehen und von den Excellenzen, die Dich besuchen, durch ihre Pince-Rez beäugeln lassen, als wenn ich eine Rarität aus Barnum’s Museum wäre? Da kennst Du einen alten Republikaner schlecht. We live in a free country, Sir!

„Aber ich bitte Dich, es sähe aus, als ob ich den Vater verleugnete ... schon deshalb bitte ich Dich dringend ...“

„Nichts da, nichts da! Ich kann Dir nicht helfen, mein Sohn. Du wirst mir den Weg zu Schallmeyer zeigen.“

„Wenn Du es willst, aber Schallmeyer ist nicht Hotelbesitzer mehr; er ist heruntergekommen und hält nur noch ein kleines Hotel garni, so viel ich weiß – jedenfalls bist Du besser bei mir aufgenommen.“

„Kann’s mir denken, wirst ganz behaglich einquartiert sein – Du hast ja nur in den Staatssäckel zu greifen – würde mir da aber nicht recht schmecken – müßt’ an den Schweiß der armen Unterthanen denken; wenn Dein Champagner auch noch so gründlich in Eis gekühlt wäre, müßte doch an den Schweiß denken, der daran klebt – ich gehe lieber zu Schallmeyer. Er ist heruntergekommen, sagst Du? Desto besser – wird der rechte Mann für mich sein – war’s schon damals, 1848 – findiger Kopf – hatte Schneid, der rothe Schallmeyer!“

Dabei blieb der alte Herr, und nachdem die Excellenz bezahlt hatte, verließen Beide den Garten; der Junge mit dem Reisesack trabte wieder voraus und so zogen dieser, der alte Volksmann von 1848 und der Ministerpräsident von heute friedlich selbander in die Stadt ein und gelangten in die dem Thore nahe Gasse, wo der heruntergekommene Schallmeyer sein kleines Zimmervermiethungsgeschäft in einem mehr trist als gastlich dreinschauenden alterthümlichen Giebelhause betrieb.

Es sah in der That nicht sehr einladend aus. Die alten Quadern, aus denen es aufgebaut war, hatten eine wunderliche Farbe, als ob sie mit einem grünlichen Moder bedeckt seien, und das Ganze sah aus den braungestrichenen Fenstern mit den kleinen Scheiben mit einer unfreundlichen Lebensmüdigkeit darein. Die ausgetretenen Steinstufen, welche an die Hausthür führten, waren so weit vorgeschoben, als wollte das alte Haus boshafter Weise den in der Gasse Vorübergehenden damit ein Bein unterschlagen. Aurel sah ein wenig beklommen zu dem Bauwerk auf, während der Junge mit dem Reisesack die Klingel zog.

„Also wirklich – hier soll Dein Hauptquartier sein?“ fragte Aurel mit einem Seufzer.

„Hier soll es sein. Und Du thust mir einen Gefallen, Aurel, wenn Du mich nun mit dem alten Freunde allein lässest; ich mache das Weitere am liebsten mit ihm selbst ab und lege mich dann auf’s Ohr, die Reisestrapazen auszuschlafen.“

„Und wann kommst Du zu mir?“

„Morgen – in der Frühe morgen! Wir werden dann gründlich Alles durchsprechen. Alles! Habe Dir auch noch allerlei zu erzählen. Noch allerlei wunderliche Dinge. Mach’ Dich gefaßt darauf! Bis morgen also!“

Er reichte Aurel flüchtig die Hand und wandte sich dann, um durch die unterdeß geöffnete Thür zu treten, die sich hinter ihm und seinem Gepäckträger schloß. Aurel sah sich von seinem wunderlichen „Governor“ auffallend brüsk verabschiedet.




[224]

2.

Der alte Herr war unterdessen in das Haus eingetretenen; eine katzenhaft aussehende Frauensperson mit einer gefältelten Haube war ihm entgegengetreten und blinzelte nun, als ob ihr auf dem dunkeln Hausflur noch zu viel des Lichtes sei, fortwährend mit den kleinen müden Augen. Lanken fragte nach seinem alten Freunde, und die Sibylle ihm gegenüber rief nun nach dem rothen Schallmeyer.

Dieser erschien denn auch auf ihren fast wie ein Hülfeschrei ertönenden Ruf oben auf dem Treppenabsatz; seine Röthe – das sah Lanken auf den ersten Blick – war stark in’s Fahlgraue verschossen, das heißt da, wo ihm der Lauf der Jahre noch den Stoff zu solchem Farbenwechsel auf dem hohen dünnen Scheitel gelassen; daß er, wie seine Widersacher meinten, eine wenig Zutrauen erweckende Aehnlichkeit mit einem Fuchse habe, mußte dem alten Thierarzt nicht aufgehen.

„Schallmeyer! Altes Känguruh!“ rief er zu ihm hinauf. „Her mit Dir! Komm einmal herunter, einen alten Freund zu begrüßen! Wahrhaftig, er steigt die Treppe herab, so vorsichtig, wie eine Beutelratte von der Korkeiche. Kennst Du Lanken nicht mehr, Deinen alten Freund Lanken?“

„Sieh, sieh,“ sagte das Känguruh, das in Hemdsärmeln war und jetzt rascher niederstieg. „Du bist es. Hast Dich gut gehalten – merkwürdig gut! Ist das Dein ganzes Gepäck?“ fuhr er auf den Reisesack blickend fort.

„Imponirt es Dir nicht hinlänglich, um mir Zimmer in Deinem Hause zu überlassen?“

„Du kannst Zimmer bekommen, so viel leer stehen. Mit Deinem Gepäck brauchst Du nicht zu imponiren. Ihr Lanken seid ja jetzt große Leute hier im Lande geworden; mich wundert nur, daß Du vorlieb nehmen willst bei mir – Frau Förster, Nummer vier und fünf nach vorn heraus! – es sind unsere besten – kannst Deinen Sohn und das ganze Staatsministerum da empfangen – habe sie Dir gleich bestimmt, als Du uns angekündigt wurdest.“

„Angekündigt?“ fragte Lanken, lohnte den Träger ab und folgte nun seinem alten Freunde und dessen Hauskatze die Treppe hinauf auf Nummer vier und fünf.

Nummer vier war ein großes, sehr niedriges Zimmer, mit allerlei abgeschlissenen Möbeln, die augenscheinlich aus verschiedenen Entwickelungsperioden des deutschen Handwerkes stammten, aus jenen Zeiten, wo es den ehrgeizigen Gedanken des Kunsthandwerkes noch nicht gefaßt hatte.

„Daß, wenn ich hier das ganze Staatsministerum empfange, meine Bäume doch nicht in den Himmel wachsen – dafür ist gesorgt,“ sagte Lanken mit einem Blick zu der niederen Decke empor. „Wer bewohnt das Zimmer daneben?“ fragte er, auf eine fast quadratförmige braun gestrichene Flügelthür deutend, vor welche ein kleines mit schwarzem englischem Leder bezogenes Sopha gestellt war.

„Es wohnt die junge Dame da, die Dich uns angekündigt hat - sagte, sie kenne Dich von New-York her – eine stille junge Frau, die Dich nicht geniren wird – ist auch direct aus Amerika herübergekommen – weiß nicht, was sie eigentlich hierher führt – nennt sich Mistreß Brown –“

„Richtig, richtig,“ nickte der alte Herr. „Kannte ihre Eltern – nehme also das Zimmer für längere Zeit - und was die Dollars angeht, so wirst Du einen alten Freund nicht zu stark in die Kreide nehmen.“

„Darüber kannst Du beruhigt sein, alter Junge – Du bezahlst mich ja halb schon durch die Reclame, welche Du mir machst.“

„Der alte Lanken – aus Amerika zurückgekommen – ich glaub’s schon.“

„Ah bah,“ versetzte Schallmeyer, „aus Amerika ist Mancher zurückgekommen, aber der alte Lanken der Vater des Ministers – davon wird die ganze Stadt reden.“

„Hm – ist mein Geschmack just nicht, irgend Jemandes Schatten abzugeben, am wenigsten den meines eigenen Sprossen – was werd’ ich zahlen für die Zimmer?“

„Acht Thaler im Monat.“

„Wahrhaftig, ’s ist die Welt nicht,“ erwiderte Lanken, und, nachdem er noch einige Verabredungen in Betreff der weiteren Bedingungen mit dem alten Freunde getroffen, begann er, ihn über eine Anzahl von früheren Bekannten auszufragen. Schallmeyer antwortete ziemlich lakonisch und menschenfeindlich und nur dann mit einem Ton der Befriedigung, wenn er sagen konnte. „Der ist todt.

Lanken wusch sich während dieses Examens den Reisestaub ab, und als Beides, Examen und Wäsche, beendet war, ging Schallmeyer und ließ seinen Gast allein. Dieser trocknete sich Gesicht und Hände, öffnete die auf den Gang führende Thür, durch welche er eingetreten, und blickte vorsichtig hinaus. Dann schloß er diese Thür ab und ging zu der anderen, der Verbindungsthür, vor welche das kleine Sopha gerückt war, um in kurzen Pausen dreimal daran zu klopfen.


(Fortsetzung folgt.)




Skizzen aus deutschen Parlamentssälen.
3. Die nationalliberale Partei.

Keine Partei ist so eng mit der Geschichte unseres jungen deutschen Reiches verwachsen, wie die nationalliberale. Sie hat an dem Zustandekommen der Verfassung des norddeutschen Bundes, die im Wesentlichen auch die des neuen Reiches ist, einen entscheidenden Antheil, und ebenso an den zahlreichen und wichtigen Gesetzen, welche erst der norddeutsche, dann der gesammtdeutsche Reichstag mit den Regierungen vereinbarte. Ja, man kann mehr sagen: sie ist die Mutter des Gedankens gewesen, der in dem deutschen Reiche endlich seine Verkörperung fand, wenn es auch nicht ihr, sondern einem Andern beschieden war, diesen Gedanken in’s Leben zu führen.

Nach ihren Traditionen, nach dem Geiste der von ihr befolgten Politik, ja auch nach einem Theile, und nicht dem mindest bedeutenden, ihrer Mitglieder und Führer, ist die nationalliberale Partei dieselbe, die 1848 im Frankfurter Parlamente als „Erbkaiserpartei“, 1849 als Partei der sogenannten „Gothaner“, seit 1859 wiederum als „Nationalverein“ thätig und mit allen ihren Bestrebungen fortwährend auf das gleiche Ziel gerichtet war: auf eine kraftvolle Einigung Deutschlands in der Form eines monarchisch-constitutionellen Bundesstaates unter der Führung Preußens.

Zu der Entstehung der nationalliberalen Partei im Reichstage haben zwei Strömungen zusammengewirkt, die sich in ihr verschmolzen, nicht ohne daß jede derselben etwas Eigenartiges von ihrem Ursprunge beibehalten hätte. Für Preußen war das Geburtsjahr der gegenwärtigen nationalliberalen Parteigruppirung – erst im preußischen Abgeordnetenhause, dann in dem altpreußischen Theile der nationalliberalen Fraction im Reichstage – das Jahr 1866. Nationalgesinnte, vor Allem die Einheit des großen deutschen Vaterlandes erstrebende Männer hatte es unter den Liberalen Preußens lange gegeben. Nicht alle freilich waren dies: es fanden sich unter den preußischen Liberalen auch specifische Preußen, ferner solche, welche vor Allem nur den freieren Ausbau des inneren Staatslebens ihres preußischen Vaterlandes betrieben, endlich solche, welche zwar wohl das Ziel, ein kräftiges Gesammtdeutschland, wollten, aber ihre ideologischen Wünsche nach der freiheitlichen Seite hin so hoch spannten, daß sie dadurch jenes Ziel, statt näher, vielmehr in unabsehbare Ferne rückten. Waren es doch preußische Liberale, welche bei der ersten entscheidenden Abstimmung über das zu errichtende deutsche Kaiserreich im Parlament zu Frankfurt durch ihre verneinenden Stimmen die Bildung einer Majorität für dasselbe verhinderten.

Der Nationalverein, diese weitere Etappe in der Entwickelung einer nationalen deutschen Partei, war außerhalb Preußens entstanden und zählte auch unter seinen Mitgliedern und seinen Wortführern eben so viele Nichtpreußen wie Preußen. Jene gehörten großentheils den sogenannten altliberalen Parteien in den Kleinstaaten, die Preußen zumeist der Fortschrittspartei an. Das Hauptinteresse der Liberalen Preußens war indeß damals auf brennende innere Fragen gerichtet, erst auf die Frage der Heeresorganisation, dann auf die damals entsprungene Budget- und Verfassungsfrage. Vor diesen Ausgaben traten alle andern zurück.

Die deutsche Frage erschien ohnehin damals, und noch 1866, ziemlich hoffnungslos. Die Mittelstaaten und Oesterreich schmiedeten

[225]

v. Benda.
Miquél. Hobrecht. v. Bennigsen.

Die Führer der Nationalliberalen.
Nach Photographien auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

[226] ihre „Bundesreformpläne“, von denen man im Voraus wußte, daß sie entweder nicht ernst gemeint oder, wenn dieses, dann nur um so gefährlicher für die wahren Interessen sowohl der Freiheit, wie der Einheit waren. Preußen verhielt sich lediglich ablehnend, passiv: es hinderte Schlimmeres, aber es that selbst nichts, um das gewünschte Bessere herbeizuführen. Zumal als an die Spitze des preußischen Ministeriums ein Mann gestellt ward, der vom Erfurter Parlament (1850) her als ein Gegner der nationaldeutschen Bestrebungen, als ein Vertreter des specifischen Preußenthums, als ein warmer Verteidiger der Rechte Oesterreichs bekannnt war, Herr von Bismarck-Schönhausen, schien jede Hoffnung auf eine Verwirklichung des deutschen Gedankens durch Preußen auf unberechenbare Zeit vertagt, und nur das Eine blieb noch übrig: die verfassungsmäßige Freiheit im Innern Preußens gegen die von solcher Seite auch ihr, und ihr zunächst, drohenden Gefahren zu retten.

So schloß sich die schon zuvor, in Folge des sogenannten „Conflicts“, in Preußen entstandene „Fortschrittspartei“ immer enger zum rühmlichen und mannhaften Kampfe gegen das verfassungswidrige „budgetlose Regiment“ Bismarck's zusammen und wandte alle ihre Kräfte nach dieser Seite. Zwar hatte sie sich bei ihrem Entstehen „Deutsche Fortschrittspartei“ getauft, um damit zu bekunden, daß sie die Fühlung mit den großen gemeinsamen Angelegenheiten Deutschlands über ihren nach innen gerichteten Aufgaben keinesfalls aufgebe; allein die Umstände selbst rissen sie vorwiegend nach dieser innern Seite hin, und überdies konnte sie mit gutem Grunde sagen, sie bekämpfe in Bismarck zugleich den Feind des deutschen Gedankens und diene damit auch diesem letztern.

Da geschah plötzlich das Unerwartete, wohl kaum von irgend jemand Geahnte: derselbe Bismarck, den man bisher nur als einen specifisch preußischen Junker gekannt, nahm die deutsche Politik Preußens aus dem Jahre 1849, die er damals bekämpfte, wieder auf, aber nicht in der schwächlichen, schwankenden, unaufrichtigen Weise, wie sie das Ministerium Manteuffel gehandhabt, vielmehr mit einer rücksichtslosen, auch vor einer Lösung durch „Blut und Eisen“ nicht zurückschreckender Energie. und derselbe Bismarck, in dem man bisher nur den Anbeter des nacktesten Absolutismus erblickt hatte, der die Fesseln des constitutionellen Systems nur unwillig zu dulden schien, näherte sich jetzt den Liberalen, indem er einen Act der Selbstüberwindung beging, wie er in der Geschichte parlamentarischer Verfassungskämpfe gewiß selten, ja vielleicht ohne Gleichen ist. Statt nämlich den gewaltiger Umschwung in der Stimmung des Landes, den die glänzenden Kriegsthaten von 1866 hervorgebracht, zu benutzen, um durch Auflösung des ihm feindlichen Abgeordnetenhauses und Veranstaltung von Neuwahlen sich eine parlamentarische Mehrheit zu sichern, vielleicht sogar mit deren Hülfe einschneidende Veränderungen in der Verfassung vorzunehmen - statt diese Gewaltacte auszuüben, trat er vor die Volksvertretung mit dem Bekenntniß: „die Regierung habe allerdings in den letzten Jahren außerhalb der Formen der Verfassung sich bewegt, allein sie habe dies gethan aus höheren Rücksichten auf das Interesse Preußens und Deutschlands.“ Und auf Grund dieses Eingeständnisses forderte er eine sogenannte „Indemnität“, das heißt die nachträgliche Entlastung des Ministeriums von der dadurch auf sich genommenen Verantwortlichkeit durch ein Votum der Kammern.

Das war die Geburtsstunde der nationalliberalen Partei in Preußen. Damals trennte sich die preußische Fortschrittspartei in Solche, welche trotz alledem in ihrer Gegenstellung zu Bismarck verharrten und die von ihm den Liberalen gereichte Hand der Versöhnung zurückwiesen, und in Solche, welche diese Hand annahmen, weil ihnen dadurch die Möglichkeit geboten schien, an dem Ausbau des, wenn auch ohne ihr Zuthun zu Stande gebrachten preußisch – deutschen Bundesstaates mitzuarbeiten. Diese Letzteren schieden sich vom ihren bisherigen Kampfesgenossen in der Fortschrittspartei und bildeten fortan eine neue Parteigruppe , die „nationnalliberale“.

Von den beiden Gründern der „deutschen Fortschrittspartei“ trat der eine, Herr von Forckenbeck, auf die Seite der neuen Partei hinüber und ward einer ihrer vornehmsten Leiter und Vertreter, während der andere, Herr von Hoverbeck, an der Spitze der Fortschrittspartei verblieb. Auch einer der ältesten preußischen Parlamentarier, Herr von Unruh, in der kritischen Periode kurz vor der Auflösung der constituirenden Nationalversammlung 1848 deren Präsident, schloß sich der neuen Partei an, ebenso andere Abgeordnete von bekannten Namen und bewährtem Liberalismus. Auch ein Mann, der erst im Jahre vorher in's Abgeordnetenhaus eingetreten war, dort aber rasch eine hervorragende Stelle in der Fortschrittspartei eingenommen hatte, nachdem er zuvor als Schriftsteller mit nachdrücklicher Beredsamkeit für die Freiheiksrechte des Volkes eingetreten, Eduard Lasker, trennte sich jetzt von seinen bisherigen Genossen und bekannte sich zu der Fahne der neuen Vereinigung.

Dieser Kern der nationalliberalen Partei, der durch Ausscheidung aus der Fortschrittspartei sich gebildet, erhielt alsbald starken Zuwachs aus denn neu aufgenommenen preußischen Provinzen Hannover, Nassau, Hessen. Rudolph von Bennigsen und Johannes Miquél, beide die Führer der staatsrechtlichen Opposition in Hannover gegen das Ministerium von Borries, beide die Mitbegründer, Bennigsen der Vorsitzende des deutschen Nationalvereins, Friedrich Oetker, der unermüdliche Vorkämpfer der Kurhessen seit der schmachvollen Vergewaltigung dieses rechts- und verfassungstreuen Volkes durch den Rumpfbundestag im Jahre 1850, Karl Braun, der mehrjährige Präsident der nassauischen Volkskammer und permanente Vorsitzende des Congresses deutscher Volkswirthe - solche und ähnliche Männer brachten der neungebildeten Partei das Gewicht ihrer Namen und die Fülle vielseitiger, reicher Erfahrungen auf parlamentarischem, politischem, wirthschaftlichem und finanziellem Gebiete, zugleich auch eine Anzahl zum Theil gleich was bedeutender Kampfgenossen, die ihrem Vorgange folgten, als Morgengabe zu.

Im Reichstage sodann, erst im norddeutschen, später im gesamtdeutschen, verstärkte sich die nationalliberale Partei durch eine Reihe erprobter Kräfte und vielbekannnter Namen aus den übrigen Bundesstaaten. Die anerkannten Führer der vereinigten liberalen Partei in Baiern (dort „Fortschrittspartei“ genannt), Marquard Barth, Freiherr von Stauffenberg , Marquardsen und Völk, die der „deutschen Partei“ in Württemberg, Hölder, Römer, Weber, Elbin, die der nationalliberalen Partei in Sachsen, Biedermann, Stephani, Georgi, Gensel; ebenso aus Baden der ehemalige Minister Lamey, Kieser u. A., ferner der Präsident des weimarischen Landtages Fries, der Präsident der altenburgischen Landschaft Wagner, der Braunschweiger Bode, der alte Freiheitskämpfer Metz aus Darmstadt, der Verfechter zeitgenössischer Reformen in dem feudalen Mecklenburg, die beiden Pogge, Büsing, sowie der bekannte Theolog M. Baumgarten, die Hanseaten H. H. Meier und Wolfson und noch viele andere theils durch ihre politische Vergangenheit in denn Vertrauen weiter Bevölkerungskreise tiefgewurzelte, theils durch Berufs- und Lebenserfahrungen, durch Scharfsinn, Sachkenntniß, Beredsamkeit ausgezeichnete Männer traten der Partei bei und hielten, so lange sie im Reichstage saßen, an ihr fest. Auch der Präsident Simson, schon in Frankfurt ein Mitbegründer der Erbkaiserpartei, gehörte seiner politischen Denkart und Gesinnung nach ihr an, wem auch seine Stellung an der Spitze des Reichstags ihn verhinderte, als eigentliches Mitglied der Fraction zu figuriren.

Von den vier Männern, die wir als Repräsentanten der heutigen nationalliberalen Partei unseren Lesern im Bilde vorführen, sind zwei, von Bennigsen und von Benda, gleichzeitig Mitglieder des Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses von Bennigsen war von 1873 an bis zu der Katastrophe von 1879 erster Präsident des Abgeordnetenhauses, wie er früher im Norddeutschen Reichstage neben Simson, dem Manne der Wahl nicht einer einzelnen Partei, sondern des ganzen Hauses, als Vicepräsident seine Partei im Directorium vertreten hatte. Er ist seit der Secession der unbestritten maßgebende, ja der einzige die Partei nach außen vertretende Führer der nationalliberalen Fraction zugleich als „Landesdirector“ Hannovers ein wichtiger und einflußreicher Factor der Setbstverwaltung dieser Provinz; von Benda, Rittergutsbesitzer auf Kudow in der Altmark, ward zum Vicepräsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt, nachdem die Besetzung dieser Stelle durch ein Mitglied des Centrums, wie sie im vorigen preußischen Landtage stattgefunden, wegen des Verhaltens der Ultramontanen beim Kölner Dombaufeste selbst von einem Theile der Conservativen als nicht mehr statthaft befunden ward.

Miquél und Hobrecht sind lediglich Mitglieder des Abgeordnetenhauses. Miquél hat, zum großen Bedauern seiner Parteigenossen, seinem Reichstagsmandate entsagt, seitdem er in die allerdings ihn wohl sehr in Anspruch nehmende Oberbürgermeisterstelle in [227] Frankfurt a. M. aus der minder mühevollen gleichen Stellung zu Osnabrück übergetreten ist. Er war im Reichstag nächst Bennigsen der Hauptführer des sogenannten „rechten Flügels“ und mit seiner schneidigen Schärfe eine Art Ergänzung des mehr vermittelnden Bennigsen. Als unvergeßliches Verdienst begleitete ihn aus seiner reichstäglichen Wirksamkeit seine vortreffliche Führung des Vorsitzes in der Zwischencommission des Reichstages zur Vorberathung der großen Justizgesetze. Hobrecht ist, nachdem er als Oberbürgermeister, erst Breslaus, dann Berlins, sich als tüchtiger Verwaltungsmann bewährt, nach kurzer Wirksamkeit als preußischer Finanzminister in die Reihe der Volksvertreter eingetreten und hat bereits mehrmals in wichtigen Fragen die Sache der nationalliberalen Partei, der er sich angeschlossen, mit ruhigem Nachdruck erfolgreich verfochten.

Lange Zeit war die nationalliberale Partei nicht allein die zahlreichste Fraction des Reichstages – auf ihrem Höhepunkte zählte sie 150 Mitglieder von den im Ganzen ungefähr 400 der Versammlung – sondern auch wohl die an Talenten und an allgemein bekannten Namen hervorragendste. Besonders reich war sie auch an sogenannten Specialitäten: waren doch für Rechtsfragen Männer wie Gneist, Rönne, Beseler, R. von Mohl, Hinschius anerkannte wissenschaftliche Autoritäten, während Lasker, Miquel und Andere vom Standpunkte praktischer Rechtserfahrung ebenfalls wirksam eingriffen. In die verschiedenen Gebiete des wirthschaftlichen Lebens, die Zoll- und Steuer-, die Bank- und Währungsfrage und Aehnliches, theilten sich Braun, Bamberger, Unruh, Schauß, Michaelis (ehe dieser in den Reichsdienst übertrat) und Andere, und die großen Anliegen des Welt- und Seehandels vertraten die hanseatischen Mitglieder der Partei. Für eine gesunde Entwickelung der landwirthschaftlichen Interessen, aber nicht in einseitig agrarischem Sinne, wirkten von Benda, Sombert, Birnbaum, anährend in Fragen der hohen Politik von Bennigsen der regelmäßige Wortführer der Partei war.

Als Mittelpartei zwischen der Gruppe der Rechten und der Linken hatte die nationalliberale Fraction bei allen Fragen, wo es sich um einen Gegensatz dieser Richtungen handelte, die ausschlaggebende Entscheidung. Sie war es, die bei der Feststellung der Verfassung das so überaus wichtige Amt der Vermittelung zwischen den in der Regel sehr auseinandergehenden Anträgen und Forderungen der Rechten und der Linken übernahm. Ihr hauptsächlich war das Zustandekommen der Gewerbe-Ordnung, ihrem beharrlichen Andringen war die Durchsetzung der großen Justizgesetze selbst gegen den anfänglichen Widerspruch der Regierung in erster Linie zu verdanken. Im Allgemeinen kann man sagen, daß von den vielen wichtigen und dringenden Reformen, welche in den nunmehr vierzehn Jahren des Bestehens eines deutschen Bundesstaates durch Vereinbarung des Reichstages mit der Regierung in's Leben traten, keine ohne oder gegen sie, die allermeisten aber in Folge entweder ihrer Initiative oder doch ihres kräftigen Eintretens dafür zu Stande kamen. Das Gleiche gilt von der großen Verwaltungsreform und anderen wichtigen Gesetzen in Preußen.

Das Verhältniß der Partei zu dem leitenden Staatsmanne, Fürsten Bismarck, war ein derartiges, daß sie, bei voller Wahrung ihrer Unabhängigkeit als Partei und der Ueberzeugungen ihrer Mitglieder, ihn doch in allen wichtigen Fragen im Großen und Ganzen unterstützte, wogegen der Fürst wiederum ihr bei der Aus- und Durchführung seiner Absichten vielfach ein weitgehendes Entgegenkommen zeigte.

Diese Stellung der Nationalliberalen als einer Mittelpartei, welche zwar durch ihren Hinzutritt eine entscheidende Majorität zuwegebringen, für sich allein aber doch Nichts durchsetzen konnte, machte es nothwendig, daß sie, im Gegensatze zu der stets auf dem Standpunkte des Princips beharrenden „Fortschrittspartei“, öfter nach einer oder der andern Seite hin Vereinbarungen oder Verständigungen suchen, sogenannte „Compromisse“ eingehen mußte; sie behielt dadurch mit den gemäßigten Elementen der Rechten, besonders mit der ihr nicht allzu fern stehenden freiconservativen Partei, Fühlung.

In den ersten Jahren ihres Bestehens, bis nahe an das Ende ihres ersten Jahrzehnts, so lange der frische Schwung und Trieb des Lebens in den neuen großartigen Verhältnissen ungeschwächt wirksam blieb, hielt die nationalliberale Partei fest in sich zusammen – trotz der Schwierigkeiten, mit denen eine numerisch so starke Genossenschaft immer in Bezug auf die Wahrung einer einheitlichen Taktik und Disciplin zu kämpfen hat. Allmählich aber entstanden innere Conflicte und daraus hervorgehende Schwankungen der Partei. Schon bei dem Militärgesetz (1875) war eine solche Schwankung vorübergehend eingetreten; doch hatte die Partei damals noch im letzten Augenblicke sich auf ihren traditionellen Standpunkt, den einer streng nationalen, vor Allem die Sicherheit des Gesammtvaterlandes in’s Auge fassenden Politik zurückgezogen. Auch bei den großen Justizgesetzen hielt sie fest an der Maxime, um der Erreichung eines großen Ganzen willen im Einzelnen Opfer selbst an ihren liebsten Wünschen zu bringen. Sie ward um dieser ihrer Haltung willen nicht blos im Reichstage heftig bekämpft, sondern auch außerhalb desselben in der öffentlichen Meinung vielfach angegriffen und als unfreisinnig oder charakterlos hingestellt.

Die daraus erwachsende immer schärfere Trennung von der Fortschrittspartei fiel natürlich denen am schwersten, welche vordem selbst der letzteren angehört hatten, gewissermaßen Fleisch von deren Fleische gewesen waren und es mit einem Theile ihrer Sympathien noch waren. Es waren darunter mehrere gerade der talentvollsten und namentlich der beredtesten Mitglieder der nationalliberalen Partei, ja einzelne ihrer hervorragendsten Wortführer. So kam es, daß man allmählich nicht ganz mit Unrecht von einem „rechten“ und einem „linken“ Flügel der Partei sprechen konnte. Als Führer des ersteren galt Lasker, als der des letzteren von Bennigsen. Bezeichnend war, daß der erstere sich vorzugsweise aus den alten preußischen Provinzen recrutirte, während die Hannoveraner, die Hessen und der größere Theil der außerpreußischen Mitglieder meist zu Bennigsen hielten.

Im Jahre 1877 schien Fürst Bismarck engere Fühlung mit den Nationalliberalen nehmen zu wollen. Er hatte damals schon den Plan gefaßt, durch Vermehrung der indirecten Abgaben die Finanzen des Reichs zu stärken und das Reich in Bezug auf seine Einnahmen unabhängiger von den Einzelstaaten zu stellen. Für die Durchführung dieses Planes gedachte er eine große, compacte Regierungspartei zu bilden. Zu dem Ende wollte er die Nationalliberalen in der Person ihres Führers von Bennigsen sich an der Regierung selbst betheiligen lassen, wie er dies mit den Freiconservativen bereits gethan hatte; er wollte Herrn von Bennigsen einen Sitz im preußischen Ministerium geben.

Eine vertrauliche Unterredung zwischen beiden Männern fand zu Varzin, auf dem Gute des Fürsten Bismarck, statt, wohin auf dessen Einladung Herr von Bennigsen sich begeben hatte. Die Einzelheiten dieser Unterredung sind zur Zeit noch in das Dunkel des Geheimnisses gehüllt. Auch die Ursachen, wegen deren die versuchte Verständigung scheiterte, lassen sich mit völliger Sicherheit nicht erkennen; doch es ist wahrscheinlich, daß die Schwierigkeiten hauptsächlich von den dem linken Flügel angehörigen Freunden Bennigsen’s und Mitleitern der Partei ihren Ausgang nahmen und daß von dieser Seite her namentlich gewisse, an sich vollkommen berechtigte, constitutionelle Bedenken in Bezug auf die Verwendung der bei Mehreinnahmen des Reichs in Preußen flüssig werdenden Staatsgelder in einer Schärfe geltend gemacht wurden, welche zum Abbruch der Verhandlungen führten – Bedenken, deren Erledigung später, durch ein Uebereinkommen der preußischen Regierung mit ihrem Landtage, in Folge beiderseitigen Entgegenkommens ohne viel Mühe gelang.

Dieser Bruch der Nationalliberalen mit Bismarck hatte die Folge, daß der Fürst, der fest entschlossen war, seine Finanzpläne durchzusetzen, seine Bundesgenossen nun anderwärts suchte. Eben damals hatte, in Folge der andauernden Verkehrsstockung, welche auf die Ueberstürzungen der Gründerperiode gefolgt war, eine rückläufige Strömung auf handelspolitischem Gebiete in den Kreisen der Industriellen begonnen. Man forderte wirksameren Schutz der nationalen Arbeit. Die nationalliberale Partei hatte von jeher grundsätzlich die handelspolitischen Fragen von ihrem eigentlichen Parteiprogramm ausgeschlossen. Offenbar war es nicht wohlgethan, daß sie diese Fragen als somit gewissermaßen außerhalb ihres Bereiches stehend betrachtete und gegen die von daher drohende Gefahr die Augen verschloß. Die handelspolitischen Interessen sind heutzutage von einer so großen Bedeutung, daß eine politische Partei schwerlich, auf die Länge sich eine auch nur principielle Betheiligung daran versagen kann. Hätte die nationalliberale Partei jene Bewegung gleich in ihren Anfängen mehr beachtet, so hätte sie möglicher Weise mit einem mäßigen Zugeständniß an dieselbe deren weiteres Umsichgreifen verhindern können. Nun aber ergriff die Bewegung allmählich alle industriellen Kreise, [228] schließlich auch die der Landwirthe, und so bildete sich eine Macht, welcher die freihändlerische Richtung, in die der Zollverein seit dem Handelsverträge mit Frankreich eingelenkt hatte, mit der Zeit nicht widerstehen, konnte. Die Schutzzöllner und Agrarier boten bereitwillig dem Reichskanzler ihre Unterstützung für seine Finanzpläne an, wogegen sie die Aufnahme von Schutzzöllen auf Industrieproducte und auf Naturprodukte, also auch auf Lebensmittel, in die Reihe der zu erhöhenden Steuern verlangten.

So entstand, da auch das Centrum, theils aus Rücksicht auf seine großentheils industriellen Wählerschaften (in Rheinland, Westfalen, Schlesien), theils in der stillen Hoffnung auf Gegenconcessionen seitens des Reichskanzlers auf kirchenpolitischem Gebiete, in dieser Richtung mitging, eine Coalition zwischen diesem und den Conservativen für diesen bestimmten Zweck, eine vom höheren politischen Standpunkte aus allerdings unnatürliche Majorität, die aber doch, da eben augenblicklich die finanz- und handelspolitischen Fragen die Situation beherrschten, die nationalliberale Partei in die ihr ganz neue Lage einer Minoritätspartei versetzte.

Inzwischen war diese Lage der nationalliberalen Partei auch noch von anderer Seite her, wiederum nicht ohne deren Schuld, verschlimmert worden. Im Jahre 1878 fanden die beiden fluchwürdigen Attentate auf Kaiser Wilhelm statt. Sogleich nach dem ersten derselben legte die Regierung dem Reichstage ein Gesetz gegen die Socialdemokratie vor. Die Vorlage hatte große Mängel und konnte so, wie sie war, wohl kaum angenommen werden. Allein die Nationalliberalen, abweichend von ihrer vieljährigen Praxis, wonach sie immer unvollkommene Gesetze durch Verbesserung annehmbar zu machen wußten, verhielten sich diesmal rein ablehnend, und einzelne ihrer Redner, die man als Wortführer der Partei anzusehen gewohnt war, erklärten sich ziemlich entschieden überhaupt gegen jede Art von Ausnahmegesetzen in dieser Materie. Da erfolgte das zweite Attentat. Die Regierung, statt einen nochmaligen Versuch beim Reichstag zu machen, löste diesen auf und veranstaltete Neuwahlen.

Wie vorauszusehen, ergaben diese ein den Conservativen günstigeres Resultat, als früher; insbesondere erlitt der linke Flügel der Nationalliberalen starke Einbußen, aber auch die Partei im Ganzen sah sich in ihrem numerischen Bestände empfindlich geschwächt. Gleichzeitig dauerten die Schwankungen in ihrem Innern fort, da ein Theil ihrer Mitglieder mehr oder weniger schutzzöllnerischen Ansichten zuneigte, während der andere an den freihändlerischen Principien festhielt. Eine weitere Ursache des Conflictes bildete im preußischen Abgeordnetenhause die Kirchenfrage. Das sogenannte kirchenpolitische Gesetz, durch welches eine factische Milderung der Maigesetze in einzelnen Punkten – unter gewissen Bedingungen – ermöglicht werden sollte, fand bei der Schlußabstimmung die nationalliberale Partei in zwei nahezu gleiche Hälften getheilt. Schon vorher hatte bei Gelegenheit der Finanz- und Steuerfragen im Reichstage der Austritt einer Anzahl von Mitgliedern aus der nationalliberalen Partei nach rechtshin stattgefunden; unter ihnen befanden sich mehrere sehr namhafte Männer, wie Völk, Hölder, von Schauß, von Treitschke und Andere. Jetzt trat eine noch größere Zahl nach linkshin aus, die sogenannten „Secessionisten“ (siehe „Gartenlaube“, 1880, Nr. 48), sodaß die Zahl der Nationalliberalen nunmehr weniger als siebenzig beträgt, weit unter der Hälfte des Bestandes der Fraction in deren bester Zeit. Als ein Vortheil, den die Partei wahrscheinlich um den Preis dieser Trennung des „linken Flügels“ von: „rechten“ erlangt hat und der wenigstens in der letzten Session des preußischen Abgeordnetenhauses bereits sichtbar geworden ist, erscheint das festere Zusammenhalten der nicht mehr durch innere Spaltungen und Schwankungen hin- und hergeworfenen Partei.

Ob und wieweit die nächsten Neuwahlen zum Reichstage auch ihre numerische Stärke wieder erhöhen werden, bleibt abzuwarten. Das Programm, auf dem sie nach wie vor steht und das sie auch nicht fallen lassen darf, wenn sie nicht ihren Ursprung und ihre Vergangenheit verleugnen will, faßt sie dahin zusammen: trotz voller Unabhängigkeit doch die Regierung bei allen den Ausbau des Reiches und die zeitgemäße Entwickelung seiner Einrichtungen fördernden Maßregeln nach Kräften zu unterstützen, die Grundsätze wahrer Freiheit, wo solche in Frage gestellt sind, zu vertheidigen, aber, von planmäßiger Opposition fern, immer eine möglichst positive, praktische, schaffende Politik zu verfolgen.





Charles Darwin's neue Beobachtungen über das Bewegungsvermögen der Pflanzen.

Von Carus Sterne.

Die meisten unserer Leser werden einmal von dem sogenannten Barometz oder scythischen Lamm vernommen haben, welches der Sage nach ein Pflanzenthier sein sollte, das im Westen der Wolga aus einer Wurzel emporsprosse und dieselbe, am Stengel wie an einer Nabelschnur befestigt, immerwährend umkreise, um das Gras in ihrer Umgebung zu fressen, bis es, nachdem alles Erreichbare abgeweidet, vor Hunger dahinschwinde. Ein auf den Steppen des alten Scythenlandes vorkommendes Farnkraut, dessen Wurzelstock mit einem üppigen und allerdings herrlich anzuschauenden, seidenweichen und seidenglänzenden goldenen Vließe bedeckt ist, hatte den wundersüchtigen Reisenden des Mittelalters Anlaß zu diesem Mythus gegeben, der uns jetzt als ein poetisches Bild dienen kann von dem wirklichen Verhalten der Pflanzen, die uns Darwin als festgewachsene, aber gleich dem scythischen Lamm beständig um ihre Wurzel kreisende und mit den merkwürdigsten, wahrhaft thierisch erscheinenden Instinkten ausgerüstete Wesen schildert.

Schon längst war es bekannt, daß es eine Menge von Pflanzen giebt, die, als ob sie mit Sinnen und Gefühl begabt wären, bei jeder Berührung zusammenzucken, andere, die Fliegen und sonstige kleine Thiere waidgerecht mit Leimruthen und künstlichen Fallen fangen, und noch andere, die sich Tag und Nacht beständig bewegen, also Eigenthümlichkeiten zeigen, die man sonst für Vorrechte der thierischen Natur ansieht. Man wußte, daß sich die jungen Triebe der Schlingpflanzen, ganz ähnlich dem vorgeblichen scythischen Lamm, beständig wie der Zeiger einer Uhr im Kreise herumbewegen, bis sie eine Stütze finden, um die sie sich, zum freieren Luft- und Lichtgenuß, emporwinden können. Nachdem schon früher Hugo von Mohl und andere deutsche Botaniker Untersuchungen über die Bewegungen der Schlingpflanzen veröffentlicht hatten, wandte Charles Darwin im Anfange der sechsziger Jahre diesen merkwürdigen Erscheinungen seine Aufmerksamkeit zu und veröffentlichte im Jahre 1864 eine Arbeit über die Lebensgewohnheiten der kletternden Pflanzen, die uns mit zahlreichen neuen Thatsachen von großer Tragweite bekannt machte. Er zeigte darin, daß die überhängenden jungen Triebe der windenden Pflanzen sich mit ihrer Spitze unaufhörlich und mehr oder weniger schnell im Kreise nach allen Himmelsrichtungen wenden, und zwar je nach der Eigenart der Pflanze, entweder dem Laufe der Sonne folgend, oder in entgegengesetzter Richtung, also ganz gegen die sonstigen Gewohnheiten der Pflanzen von dem augenblicklichen Stande der Sonne wenig oder gar nicht beeinflußt. Bei einer zu den Asklepiadeen gehörigen Schlingpflanze, Ceropegia Gardneri, beschrieb die Spitze des Schößlings eines auf dem Arbeitstische Darwin’s aufgestellten Exemplares in fünf bis sechs Stunden, dem Sonnenlaufe entgegen fortrückend, einen Kreis von über sechszehn Fuß im Umfange, und es war ein interessantes Schauspiel, den langen Schoß zu beobachten, wie er,in der Stunde einen Raum von mehr als dreißig Zoll durchmessend, Tag und Nacht sich durch diesen großen Kreis schwang, vergeblich nach eurem Gegenstände suchend, um den er sich hätte emporwinden können.

Nach diesem Beispiele genügt es zu sagen, daß die Schößlinge anderer Schlingpflanzen sich je nach ihrer Eigenart in engern oder weitern Kreisen, schneller oder langsamer bewegen, um sich, wenn sie auf ihrem Wege einen nicht zu dicken Baumstamm oder eine andere Stütze finden, um dieselbe emporzuwinden, in demselben Sinne etwa, wie sich eine im Kreise geschwungene Peitschenschnur um einen Stamm windet.

Bei den rankentragenden Kletterpflanzen werden diese suchenden, im Kreise herumneigenden Bewegungen, welche Darwin der Kürze wegen mit dem bezeichnenden Fremdworte der Circumnutation bezeichnet, in ihrer die Stützen ergreifenden Thätigkeit noch wirksamer durch die Empfindlichkeit der Ranken gegen die Berührung harter Körper unterstützt, sofern dieselben sofort beginnen [229] sich spiralig zusammen zu rollen, wenn sie einen harten Körper erfaßt haben, oder mit einem solchen gerieben werden, wodurch sie den betreffenden Pflanzenast näher an die gewonnene Stütze heranziehen und erhärtend wie Spiralfedern wirken, welche der Ranke im Winde die erforderliche Elasticität verleihen.

„Es ist oft,“ sagte Darwin am Schlusse seiner Untersuchungen über die kletternden Pflanzen (deutsche Ausgabe, Stuttgart, 1876. S. 157), „in unbestimmter Allgemeinheit behauptet worden, daß Pflanzen dadurch von den Thieren unterschieden wären, daß sie das Bewegungsvermögen nicht besitzen. Man sollte vielmehr sagen, daß Pflanzen dieses Vermögen nur dann erlangen und ausüben, wenn es für sie von irgend welchem Vortheil ist, dies tritt aber verhältnißmäßig selten ein, da sie an den Boden geheftet sind und ihnen Nahrung durch die Luft und den Regen zugeführt wird.“

Man ersieht hieraus, wie Darwin schon von der Betrachtung der Kletterpflanzen zur Voraussetzung einer allgemeinen Befähigung der Pflanzen, ihnen nützliche Bewegungen auszuführen, geleitet wurde; sie bewegen sich nur deshalb für gewöhnlich nicht auffälliger, weil sie bei ihrer Festwurzelung keinen Vortheil davon haben. In der That führten ihn neuerdings genauere, mit der höchsten Sorgfalt an sehr zahlreichen Pflanzen aus den verschiedensten Abtheilungen des Gewächsreiches angestellte Beobachtungen zu der in seinem neuen Buche[1] ausgeführten Erkenntniß, daß jenes vorausgesetzte Bewegungsvermögen nicht nur stets vorhanden ist, sondern auch immerwährend bethätigt wird, indem alle jüngeren, noch im Wachsthum begriffenen Theile der Pflanzen ununterbrochen ähnliche kreisende Bewegungen, wenn auch in schwächerem Maßstabe, als windende Pflanzen vollführen. Mittelst eines sinnreichen, die Bewegungen verfolgbar machenden Verfahrens, dessen genaue Beschreibung der Leser in dem neuen Buche findet, wurden diese Bewegungen in Hunderten von Zeichnungen fixirt, welche den Beweis vor Augen führen, daß alle Endtheile der Pflanzen, Wurzel- und Stengelspitzen, Seitenwurzeln und Seitenäste, Ranken und Ausläufer, Keimblätter und wirkliche Blätter, in ihrem Wachsthum, und in vielen Fällen über dasselbe hinaus, beständig ringsumherneigen, wobei sie im Lause des Tages ein oder mehrere Umläufe vollenden.

Ihre äußersten Spitzen beschreiben dabei elliptische Curven, oder, sofern sie langsam dabei weiterwachsen, elliptische Schraubenlinien, die insofern unregelmäßig ausfallen, als die großen Achsen dieser Ellipsen bald nach diesen, bald nach jenen Richtungen zeigen, während die Bewegung, abgesehen von kleinen Unregelmäßigkeiten, Rückfällen und Zickzackspringen, im Großen und Ganzen immer dieselbe Drehungstendenz beibehält. Eine Pflanze ist also keineswegs das bewegungslos im Boden wurzelnde Wesen, für welches wir es gewöhnlich halten, vielmehr sind alle ihre äußersten Verzweigungen in unaufhörlich kreisender Bewegung begriffen, und es giebt ein wundersames Traumbild, wenn wir uns im.Geiste ausmalen, wie an einem großen Akazien- oder Mimosenbaume alle die vielen Tausende und Millionen Fiederblättchen und Triebe, Wurzeln und Nebenwurzeln, kurz alle Endungen des Gewächses, gleichzeitig und ruhelos Curven beschreiben, die keineswegs mikroskopisch klein genannt werden können, sodaß der Baum, abgesehen von seinem Weiterwachsthume, nur in solchem Sinne ruhend erscheint, wie etwa eine kleine Taschenuhr, deren Zeigerumdrehung wir ebenfalls nicht unmittelbar wahrnehmen, stillzustehen scheint.

Das beständige Ringsumherneigen der wachsenden Theile ist also eine bisher in ihrer Allgemeinheit übersehene Grundeigenschaft der Pflanzen, deren Erkenntniß dadurch von tiefgreifender Bedeutung wird, weil wir uns daraus die Hervorbildung der anderen, bestimmten Lebensbedürfnissen dienenden, augenfälligeren Bewegungen der Pflanzen, wie das Winden der Schlingpflanzen, das Vorwärtsdrängen der Ausläufer durch Dickicht und Gestrüpp, das Umherkriechen der Wurzel im Boden, die Schlafbewegungen der Blätter und viele andere als nützlich erwiesene Abänderungen und Erweiterungen jener Grundbewegung ableiten können. Um nun auf diesem weiten und wichtigen Forschungsgebiete zu einiger Klarheit zu gelangen, müssen wir uns zunächst fragen, durch welche Ursachen und Kräfte diese Grundbewegung, d. h. das fortwährende Umherbeugen der Pflanzenorgane überhaupt zu Stande kommt. Bis vor Kurzem glaubte man, daß die Ursache aller solcher Beugebewegungen der Pflanzenorgane in dem nicht gleichmäßigen, sondern einseitigen, und von der einen Seite der Organe auf die andere übergehenden Wachsthum der Pflanzenzellen zu suchen sei, wodurch bewirkt werde, daß sich jeder Theil immer nach seiner augenblicklich weniger wachsenden Seite hinüberneigen müsse. Das heißt mit andern Worten, die Ringsumherneigung des Sprößlings z. B. der Schlingpflanze werde durch ein in Kreisen oder Spirallinien herumgehendes Weiterwachsthum der Zellen desselben bewirkt. Dem wirklichen Wachsthume der Zellen geht aber ein Anschwellen, ein saftstrotzender Zustand (Turgor) der Zellen voraus, und daß dieser die eigentliche Veranlassung der Ringsumbeugung ist, wird schon dadurch wahrscheinlich gemacht, daß auch zahlreiche, nicht mehr wachsende Pflanzenorgane durch bloße vorübergehende Zellenanschwellungen ähnliche Bewegungen vollführen. Wir sehen viele Pflanzen, namentlich in der großen Familie der Hülsenpflanzen, zu welcher die Klee-, Linsen-, Wicken-, Bohnen- und Erbsenarten, aber auch die Akazien und Mimosen gehören, sowie in anderen Familien, namentlich denen mit gefiederten Blättern, die letzteren zeitlebens und nicht blos in ihrer Wachsthumsperiode des Nachts sich zusammenfalten und am Tage wieder ausbreiten. Um dies ausführen zu können, besitzen die einzelnen Blättchen am Grunde ihres Stieles eine kleine Anschwellung, ein sogenanntes Blattkissen oder Polster, welches zu einem großen Theile aus kleineren, blassen Zellen besteht, die auf einer frühen Wachsthumsstufe stehen geblieben sind, aber nur die Fähigkeit zum Weiterwachsthum, nicht aber diejenige periodischer An- und Abschwellung eingebüßt haben. Indem diese Anschwellung der kleinen Polsterzellen nun abwechselnd von der einen Seite des Polsters auf die andere im Bogen herum fortschreitet, beschreiben diese nicht mehr wachsenden Blätter elliptische Curven, gerade wie die weiter wachsenden Pflanzentheile. Man darf also dem Anscheine nicht glauben, daß es sich bei dem fälschlich sogenannten „Pflanzenschlaf“ nur um ein einfaches Heben und Senken der Blättchen handle; die Blättchen beschreiben dabei vielmehr, wie alle circumnutirenden Pflanzentheile, langgezogene Ellipsen und wenden und drehen sich dabei oftmals in einer Weise, die der betreffenden Pflanze, wie wir weiter unten sehen werden, vom höchsten Nutzen ist.

Verfolgen wir jetzt einmal den gesammten Lebensgang einer Pflanze, von ihrem ersten Auskeimen an, im Lichte der neugewonnenen Erkenntniß, so werden wir leicht die Wichtigkeit der neuen Untersuchungen des jetzt in seinem dreiundsiebenzigsten Jahre stehenden britischen Forschers verstehen, die, wie auf so vielen anderen Gebieten, auch hier als grundlegende anzusehen sind. So viel ihm auch andere, namentlich deutsche Botaniker auf diesem Gebiete vorgearbeitet hatten, es fehlte jene universale, den Dingen auf den Grund gehende und die Einzelnbeobachtungen verbindende Betrachtungsweise der Natur, die alle seine Arbeiten so sehr vor den meisten ähnlichen auszeichnet. Wenn das Keimwürzelchen aus der Samenhülle getreten ist, so folgt es alsbald, wie der englische Botaniker Knight im Beginn unseres Jahrhunderts gezeigt hat, der Richtung der Schwerkraft, das heißt, es wendet sich in den gewöhnlichen Fällen dem Erdmittelpunkte zu; auf dem Umfange eines bewegten Rades aber wächst es in der Richtung der Centrifugalkraft, während der Stengel centripetal wachsen würde. Durch höchst interessante Versuche hat nun Darwin die schon früher von Ciesielski erkannte Thatsache, daß das Vermögen, von der Schwerkraft beeinflußt und geleitet zu werden, nicht in der gesammten Hauptwurzel, sondern nur in ihrer untersten Spitze liegt, bestätigt und verallgemeinert. Wenn dem Würzelchen in feuchter Luft gekeimter Samen die für die Schwerkraft empfängliche Spitze amputirt wurde, so wendete sich das wagerecht gestellte Würzelchen nicht mehr, wie sonst, nach wenigen Stunden dem Schwerpunkte der Erde zu, sondern dies geschah erst nach Verlauf mehrerer Tage, nachdem sich eben eine neue Wurzelspitze gebildet hatte.

Dieses durch die Schwerkraft geleitete Hinabstreben des Würzelchen geschieht aber nicht unentwegt in gerader Linie nach dem Schwerpunkte der Erde zu, sondern der vorausgehende Theil der Wurzel circumnutirt (man wolle der Kürze halber dieses ebenso bequeme, als bezeichnende Fremdwort gestatten) dabei ebenso, wie es die in freier Luft befindlichen, oberirdischen Pflanzentheile thun. Darwin hat dies nicht nur in zahlreichen Fällen an den Würzelchen in feuchter Luft gekeimter und frei befestigter Samen direct beobachtet, [230] sondern das Würzelchen seine Bewegung auch selbst aufzeichnen lassen, indem er die Keimwurzeln verschiedener Pflanzenarten veranlaßte, an geneigt gestellten berußten Glastafeln hinabzuwachsen, sodaß die nach unten strebenden Spitzen beständig gegen die Tafeln drückten. Sie zeichneten auf denselben geschlängelte Wachsthumsspuren, deren Windungen abwechselnd stärker und schwächer ausgeprägt waren, je nachdem sich die Wurzelspitze in ihrer Drehung gegen die Tafel wendete und stärker drückte oder abwandte, wo dann die Spur in einzelnen Fällen stückweise ganz unterbrochen war.

Man kann kaum daran zweifeln, daß diese in einem kleinen Kreise umhertastende Bewegung der Wurzel dazu beitragen muß, sie den leichtesten Weg zum tieferen Eindringen in den Boden finden zu lassen. Während der obere Theil des Keimlings durch die ihn bedeckende Erde und namentlich durch die feinen, sich an Erde und Steinen festkittenden Wurzelhaare festen Halt gewinnt und der ältere Theil der dicht über der Spitze weiter wachsenden Wurzel durch sein Dickenwachsthum wie ein unwiderstehlich wirkender und selbst Steine und Felsen zersprengender Keil sich Platz schafft, sucht die Wurzelspitze vermöge ihrer kreisenden Bewegung beständig nach einer Linie des geringsten Widerstandes in der Erde; sie findet auf diese Weise Spalten und Risse, Gänge von Insectenlarven und Regenwürmern, lockere Stellen, an denen abgestorbene Wurzeln verwest sind, und gleitet dort hinab. Von Darwin angestellte Versuche zeigten, daß eine Puffbohnenwurzel, indem sie durch ihr Dickenwachsthum wie ein eindringender Keil wirkte, eine durch Federkraft zusammengehaltene Holzzwinge mit einer Kraft aus einander zwängte, die sich gleich dem Drucke von acht Pfunden erwies.

Um nun zu sehen, wie sich die Wurzelspitze verhalten würde, wenn sie bei ihrem Eindringen in die Erde auf Steine und andere harte Körper trifft, wurden Samen von Erbsen, Bohnen, Mais und anderen Pflanzen mittelst Nadeln an der Unterseite von Korken weithalsiger, halb mit Wasser gefüllter Gläser befestigt und die in der feuchten Luft hervorgekeimten Würzelchen auf der einen Seite dicht über der Wurzelspitze andauernd gereizt, sei es durch fortgesetzte Berührung mit einem harten Körper, oder durch trockene Aetzung mit Höllenstein, oder durch Wegschneiden eines schmalen Streifchens.

Ablenkung senkrecht herabgewachsener Erbsenwürzelchen durch an der Spitze einseitig angeklebte Cartonquadrate in 24 Stunden.

Am bequemsten wurde diese Reizung durch Ankitten eines winzigen Stückchens Sandpapier mittelst eines Tröpfchens dicker Schellacklösung erzielt. In diesen oft wiederholten Versuchen bog sich, wie man in beistehender Figur sieht, der über der gereizten Wurzelspitze liegende Theil jedesmal von dem drückenden oder sonst Reizung verursachenden Körper hinweg, sodaß, weil in diesen Fällen der Reiz fortdauerte und oder Wurzelspitze in ihren Bewegungen folgte, zuletzt förmliche Kreiswindungen und Schlingen entstanden, bis die Wurzelspitze sich an den Reiz gewöhnt hatte und, der Schwerkraft allein folgend, wiederum die gerade Richtung nach dem Erdmittelpunkte einschlug. Diese Empfindlichkeit der Wurzelspitze, welche sich also nach einem darüberliegenden Theile der Wurzel fortpflanzt und dort Wachsthumskrümmungen veranlaßt, geht so weit, daß sie dabei zwischen harten und noch härteren Körpern zu unterscheiden im Stande ist. Wenn Darwin die entgegengesetzte Seite einer einseitig mit bloßem weichem Papier beklebten und dadurch von ihrem senkrechten Wachsthum weggedrückten Wurzelspitze nun mit einem Stückchen harten Carton oder Sandpapier beklebte, so bog sich die Wurzel jetzt umgekehrt nach der Seite des weicheren Papiers. Man begreift leicht, wie vortheilhaft diese Feinfühligkeit der Wurzelspitze werden muß, um sie alsbald von einem auf ihrem Wege angetroffenen Steine oder sonstigen Hinderniß abzulenken, und diese nützliche Eigenschaft wird noch durch ein ganz entgegengesetztes Verhalten des über der Spitze liegenden Wurzeltheils unterstützt. Kommt dieser höher gelegene Theil der Wurzel nämlich mit einem harten Körper in Berührung, so biegt er sich umgekehrt nach dem berührenden Gegenstände hin, und zwar ganz plötzlich und nicht in einem Bogen, wie bei der in Folge einseitiger Reizung der Wurzelspitze bewirkten Ablenkung.

Diese Eigenschaft bewirkt, daß das Würzelchen, sobald es die Kante eines auf seinem Wege liegenden Steines oder sonstigen Hindernisses mit seiner Abwärtskrümmung erreicht hat, sich sofort um die Kante herumbiegt und, indem es um das Hinderniß im Bogen herumwächst, auf kürzestem Wege wieder seine gerade Richtung zum Erdmittelpunkte erlangt. „Ein Würzelchen,“ sagt Darwin, „kann mit einem grabenden Thiere, wie beispielsweise einem Maulwurfe, verglichen werden, welches wünscht, senkrecht in den Boden hinabzudringen. Durch beständige Bewegung seines Kopfes von einer Seite zur andern oder durch Circumnutiren wird es jeden Stein oder jedes andere Hinderniß im Boden, ebenso wie jede Verschiedenheit in der Härte des Bodens fühlen und wird sich von dieser Seite wegwenden. Wenn die Erde auf einer Seite feuchter ist als auf der andern, wird es sich dahin als nach einem besseren Jagdgrunde wenden. Trotzdem wird es nach jeder Unterbrechung durch das Gefühl der Schwerkraft im Stande sein, seinen Lauf abwärts wieder aufzunehmen, und sich in eine größere Tiefe einzugraben.“

Wie wir eben erfuhren, ist in der Wurzelspitze auch ein feines Gefühl für die Bodenfeuchtigkeit entwickelt, und sie wendet sich daher, so weit dies mit den andern auf sie wirkenden Einflüssen verträglich ist, nach der feuchteren Stelle hin; sie wendet sich andererseits von einem sie treffenden Lichtreize, z. B. wenn sie die Seitenoberfläche einer steilen Felswand erreicht hat, sogleich ab, und alle diese die Wurzelspitze treffenden Reize werden von dieser sogleich nach einem höher gelegenen Theil übertragen, woselbst sie die der Reizquelle ab- oder zugewandten Bewegungen der Wurzel veranlassen, welche dem Gedeihen des Gewächses in hohem Grade förderlich sind. Alle diese verschiedenen, durch die Empfindlichkeit der Wurzelspitze angeregten Bewegungen Hütten sich aber schwerlich herausbilden und durch ihren Werth für das Leben der Pflanze befestigen können, wenn nicht dem Würzelchen von vorn herein, wie allen andern Pflanzentheilen, die circumnutirende Grundbewegung eingewohnt hätte.

In Bezug auf diese Empfindlichkeit der Wurzelspitze, die ja einen Haupttheil der Nahrung im Boden zu suchen, und der Pflanze Halt zu geben hat, bemerkt Darwin am Schlusse seines Werkes: „Es ist kaum eine Uebertreibung, zu sagen, daß die Wurzelspitze, in dieser Weise begabt und mit dem Vermögen, die angrenzenden Theile zu lenken, wie das Gehirn eines niederen Thieres wirkt.“ In der That ist die Wurzelspitze, mit ihrer vielseitigen Empfindlichkeit, namentlich in der Jugendzeit des Keimlings, durchaus dem vorauschreitenden und die verschiedenen Bewegungen lenkenden Kopfe des Thieres zu vergleichen.

(Schluß folgt in Nr. 16.) 




Noch einmal „Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“.

Ein Mahnruf an das deutsche Volk.
Vom Contre-Admiral a. D. Reinhold Werner.


„Gedenket eurer Brüder zur See!“

Im Sinne dieser Worte erließ die „Gartenlaube“ vor fünfzehn Jahren (vergl. 1866; Nr. 22) einen Mahnruf an ihre Leser.

Er galt dem Aufbau eines Werkes, das, auf dem Fundament echter Humanität ruhend, unter seinem schirmenden Dache alle wahren Menschenfreunde des Gesammtvaterlandes vereinigen und sie mit einem schönen geistigen Bande umschlingen sollte. Die Mahnung verhallte nicht ungehört; sie fand vielfach fruchtbaren [231] Boden in den Gemüthern in Nord und Süd, in allen Confessionen, in allen Ständen, bei Reich und Arm. Das humane Werk erstand, und mit ihm vollzog sich eine Einigung unseres Volkes auf ethischem Gebiete, wie sie würdiger der so lange und heiß ersehnten politischen Einigung nicht vorangehen konnte.

Am 29. Mai 1865 wurde in Kiel „Die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ gegründet. Nahe an hundert patriotische Männer aus den verschiedenen Landestheilen waren dort zusammengetreten, um über die geeigneten Mittel zu berathen, wie auf wirksame Weise den Unglücklichen Hülfe gebracht werden könne, deren Schiffe durch Sturm und Wogendrang an die deutschen Küsten geschleudert wurden und die ohne solche Hülfsmittel einen sichern und meistens qualvollen Tod in den Fluthen finden mußten. Alle jene Männer waren von dem Gefühle beseelt, daß das bisherige Fehlen solcher Hülfsmittel in schreiendem Gegensatze zu der gerühmten deutschen Civilisation stehe, und daß eine unentschuldbare und schwerwiegende Versäumniß der Nation gut zu machen sei, wollte diese sich nicht dem berechtigten Vorwürfe der Herzlosigkeit aussetzen.

England hatte schon seit Ende des vorigen Jahrhunderts sich von einem solchen Vorwürfe freizumachen gesucht. Es ging in dieser Richtung allen übrigen Nationen mit gutem Beispiele voran. Bereits 1790 wurde dort das erste Rettungsboot gebaut, und sein Erfinder, Lukin, setzte sich damit im Herzen der Menschenfreunde für alle Zeiten ein ehrendes Denkmal. Auch bildeten sich dort freie Vereine zur Rettung Schiffbrüchiger, und wenn dieselben bezüglich ihrer Wirksamkeit bis zum Jahre 1850 wechselnde Phasen durchzumachen hatten und nicht immer die nöthige Unterstützung fanden, so wurden durch sie dennoch 25,000 Menschen vor sicherem Tode bewahrt. Da vollzog sich in jenem Jahre unter der Aegide des Herzogs von Northumberland eine durchgreifende Reorganisation dieser Vereine; sie vereinigten sich zu einem alle britischen Küsten umfassenden Ganzen, das den Namen „Royal National Lifeboat Institution“, annahm, und seitdem von den wärmsten und thatkräftigsten Sympathien des englischen Volkes getragen wird.

Heute verfügt der Verein über mehr als dreihundert Rettungsstationen; ihre muthvollen Leistungen haben seinen Ruhm aller Welt verkündet, und seit den dreißig Jahren seines Bestehens danken ihm ebenso viele Tausende Schiffbrüchiger das Leben. Langsam folgten die übrigen Staaten dem Beispiele, Deutschland so beschämend dieses Eingeständnis; ist – zuletzt.

Zwar beschaffte Preußen seit 1850 für seine Küsten einige Stationen, aber nur in geringer Zahl, und es ist nicht bekannt geworden, daß sie irgend welche Erfolge gehabt haben. So befremdend dies klingen mag, ist es doch nur in der menschlichen Natur begründet: Menschenliebe läßt sich von Seiten des Staates nicht befehlen. Wo es sich darum handelt, Andere mit Einsatz des eigenen Lebens zu retten, vermögen äußerliche vom Staate durch Anstellung und Gehalt auferlegte Pflichten nicht das leitende Motiv zu werden, und solche Pflichten werden dann stets nur in den geringst zulässigen Grenzen erfüllt. Soll dies in vollem Maße geschehen, so müssen innere Impulse dazu anspornen, Nächstenliebe und selbstlose Aufopferungsfähigkeit – diese aber kann nicht gleißendes Gold, sondern nur der Gemeinsinn und die Unterstützung der öffentlichen Meinung wecken und wach halten, wenn das gesammte Volk an dem Rettungswesen thätigen Antheil nimmt, wenn es die erforderlichen Mittel zur Aufstellung und Erhaltung der besten Apparate an den gefährlichen Küstenpunkten beschafft und wenn es die Thaten der Rettungsmannschaften nicht nur mit Geld belohnt, sondern ihnen auf geeignete Weise ein dauerndes und ehrendes Andenken im Herzen der Nation sichert. Dadurch nur und durch das Bewußtsein, im Auftrage und im Namen des ganzen Deutschlands zu handeln, werden auch die Strandbewohner bewogen werden, den Schiffbrüchigen aus eigenem Antriebe zu Hülfe zu kommen und den damit verbundenen Gefahren kühn und muthig entgegen zu treten.

Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, sagten sich die hundert Männer in Kiel, daß das zu gründende Werk, wenn es die daran geknüpften Hoffnungen erfüllen solle, ein nationales, unsere gesammten Küsten umfassendes werden müsse, ein Werk, an dessen Aufrichtung und Unterhaltung das ganze deutsche Volk Theil zu nehmen habe.

In diesem Sinne hielten jene einmüthig zusammen, und auf dem wiedergewonnenen deutschen Boden Schleswigs gewannen wir hierdurch ein neues Pfand für unsere nationale Einigung. Es wurde dort eine edle deutsche Geistesthat geboren, die dem gemeinsamen Vaterlande Ehre gebracht hat und ihm fortan hoffentlich immer mehr zur Ehre und zum Rühme gereichen wird.

Die schon früher in den Jahren 1861 bis 1864 aus der Initiative einzelner Küstenstädte hervorgegangenen Einzelvereine gaben im Interesse der guten Sache ihre bisherige Selbstständigkeit auf und ordneten sich dem großen Ganzen unter. In ihrer Zahl befand sich auch der Emdener Verein, welcher dank der energischen Leitung des um das deutsche Seerettungswesen hochverdienten Steuerraths Breusing sich besonders ausgezeichnet und in drei Jahren an den Küsten der friesischen Inseln 87 Menschen gerettet hatte.

Die heroischen Thaten jener friesischen Rettungsboote hatten bewiesen, daß den Bestrebungen der neugegründeten „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ die nothwendige Grundlage für ein gedeihliches Wirken nicht mehr fehlte; sie waren ein redender Beweis dafür, daß in den Gemüthern der deutschen Küstenbewohner sich in den letzten drei Jahrzehnten eine Wandelung vollzogen hatte, ohne welche jedes Opfer binnenländischer Menschenfreunde vergeblich gewesen wäre.

Jene Thaten hatten gezeigt, daß der finstere Geist mittelalterlicher Barbarei, der noch so traurig lange auf unserer Strandbevölkerung gelastet, endlich gewichen sei. Wenn noch im Jahre 1827 König Friedrich Wilhelm der Dritte auf der Insel Rügen das Kirchengebet untersagen mußte, welches die grausame Bitte um einen gesegneten Strand einschloß, so war seitdem ein heller Strahl in das Dunkel der Herzen gefallen und hatte die Küstenbewohner mit edlen Gefühlen beseelt, sodaß sie in den Strandungen nicht mehr eine willkommene Beute, sondern ein furchtbares Unglück, und in den Schiffbrüchigen nur noch um Mitleid flehende Mitmenschen erblickten, denen Hülfe gebracht werden müsse.

Das erste glänzende Resultat dieser glücklichen Wandelung war die Rettung jener siebenundachtzig Menschen auf den friesischen Inseln gewesen. Gar oft waren die Bootsfahrten der Küstenretter mit grausiger Gefahr verbunden; gar oft drohte die kochende Brandung ihr winziges Fahrzeug zu verschlingen, aber unentwegt, voll kühnen Muthes und Gottvertrauens gehorchten sie der inneren Stimme ihres Herzens und fuhren hinaus durch Sturm und Nacht, um ihren Brüdern zu helfen, denen aus dem nassen Grabe zu ihren Füßen der Tod entgegengrinste.

Auf solcher Grundlage fußend, durfte die „Deutsche Gesellschaft“ mit Zuversicht freudigen Erfolgen ihres humanen Strebens entgegensehen, und sie sind nicht ausgeblieben.

Werfen wir einen Blick auf die materiellen Leistungen der Gesellschaft in den fünfzehn Jahren ihres Bestehens, so zeigt uns dieselbe nur Erfreuliches. Es wurden in dieser Zeit von Memel bis Emden neunundachtzig Rettungsstationen errichtet, unter ihnen dreißig Doppelstationen, die mit Rettungsboot und Raketenapparat ausgerüstet sind; ferner neununddreißig Boots-, eine Mörser- und neunzehn Raketenstationen. An der Nordsee befinden sich von den Rettungsstationen zwei, von den Bootsstationen zweiunddreißig, von den Raketenstationen drei; die übrigen sind an der Ostseeküste vertheilt. –

Die Kosten der Errichtung und Unterhaltung dieser Stationen, werden lediglich aus freiwilligen Beiträgen bestritten, welche die ordentlichen oder außerordentlichen Mitglieder der Gesellschaft jährlich oder einmalig beisteuern. Ordentliche Mitglieder sind solche, welche sich zu einem fortlaufenden jährlichen Beitrage, dessen Minimalsatz 1,50 Mark ist, verpflichten, außerordentliche Mitglieder oder Stifter solche, welche dem Verein eine einmalige Gabe von mindestens 75 Mark zuwenden. Die Gesellschaft begann ihre Thätigkeit 1865 mit rund 3900 ordentlichen Mitgliedern; bis zum 1. Januar 1881 hatte sich diese Zahl auf 34,300 mit jährlich rund 112,000 Mark Beiträgen erhöht, während 1364 außerordentliche Mitglieder einmalige Schenkungen in der Höhe von zusammen 425,000 Mark gemacht hatten. Die Gesammteinnahme seit der Begründung betrug 2,000,000, die Ausgabe 1.600,000 Mark, von denen 650,000 auf die Errichtung und 500,000 Mark auf die Unterhaltung der Stationen verwendet, während nahe an 400,000 Mark einem Reservefonds zugeführt worden sind, welchen die Gesellschaft möglichst zu vergrößern bestrebt ist, um die erfolgreiche Thätigkeit ihrer Anstalten gegen alle Schicksale sicher zu stellen.

Die Organisation des Vereins ist eine sehr einfache. Sein Sitz ist Bremen und sein Vorsitzender der dortige Großkaufmann

[232]

Seesturm an der Küste.
Nach dem Oelgemälde von Professor Jordan.

[233] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [234] Consul H. H. Meyer, der dieses Ehrenamt bereits seit 1865 bekleidet. Unter ihm fungiren als Mitglieder des Vorstandes ein besoldeter General-Secretär und ein Inspector. Die Gesellschaft gliedert sich bis jetzt in 48 Bezirksvereine und 154 Vertreterschaften, deren wesentlicher Unterschied in der Zahl ihrer Mitglieder besteht. Von den Bezirksvereinen sind 21 Küstenbezirke, die übrigen binnenländische. Ersteren sind die verschiedenen Stationen unterstellt, und wird ihnen mit Bezug auf deren Wirksamkeit größtmögliche Selbstständigkeit gelassen. Am jedesmaligen Stiftungstage der Gesellschaft (29. Mai) wird eine Jahresversammlung abgehalten, vom Präsidium über den Stand und die Thätigkeit des Vereins Bericht erstattet und über die eingegangenen Beiträge und Neuerrichtungen, Verbesserungen etc. von Stationen oder über andere wichtige Angelegenheiten Beschluß gefaßt. Die beschließende Versammlung besteht aus Delegirten der Bezirksvereine und solcher Vertreterschaften, die über 200 Mitglieder zählen. Die Vorstände der Bezirksvertreterschaften fungiren sämmtlich ehrenamtlich.

Für den eigentlichen Rettungsdienst sind an Bootsmannschaften und für die Bedienung der Raketenapparate ungefähr 500 Personen engagirt, von denen jedoch nur die Vorleute der Stationen für die stete Beaufsichtigung und Instandhaltung des Materials eine feste, wenn auch nur geringe Besoldung beziehen. Die Uebrigen erhalten bei Uebungen und wirklichen Rettungen eine entsprechende Vergütung für die versäumte Zeit und außerdem für jeden aus wirklicher Seegefahr geretteten Kopf eine Prämie von 20 Mark, die in außerordentlichen Fällen bis auf 40 Mark erhöht werden kann. Eine Prämie von 5 Mark erhält derjenige, welcher einer Rettungsstation die erste Nachricht von einer Strandung überbringt. Jene Prämien werden auch an Besatzungen fremder Schiffe gezahlt, die durch actives Eingreifen deutsche Seeleute an deutschen Küsten retten, während an außerdeutsche Rettungsstationen, welche Mannschaften deutscher Schiffe geborgen, oder an deutsche Schiffe, welche in außerdeutschen Gewässern Rettungen vollführt haben, Diplome und Medaillen verliehen werden. Bis jetzt sind von der Gesellschaft 40,000 Mark an Prämien gezahlt, 8 goldene, 52 silberne Medaillen und 10 Ehrendiplome vertheilt worden.

Um den Rettungsmannschaften die Sicherheit zu geben, daß im Falle eines ihnen zustoßenden Unglücks ihre des Ernährers beraubten Familien nicht hülflos zurückbleiben, ist das Leben eines Mannes von der Gesellschaft für 2500 Mark versichert und außerdem dafür Sorge getragen worden, daß die Hinterbliebenen vor Noth geschützt werden. Glücklicher Weise sind solche Unfälle, obwohl sie sehr häufig erwartet werden müssen, seither erst zweimal eingetreten, und Gott mag sie ferner verhüten!

Eine wesentliche Bedingung für die Leistungen der Stationen ist neben der seemännischen Tüchtigkeit und Unerschrockenheit des Personals natürlich die gute und möglichst vollkommene Beschaffenheit des Materials, da hiervon nicht nur die wirksame Hülfeleistung, sondern auch häufig das Leben der Retter selbst abhängt.

Jeder, der einmal an einer Seeküste einen schweren Sturm erlebt hat, wird kaum begreifen können, daß Menschenkraft es vermag, vom Strande aus in einem gebrechlichen Boote sich einen Weg durch die tobende Brandung und den heulenden Sturm zu erkämpfen, deren vereinte Gewalt allen Anstrengungen Hohn zu sprechen scheint. Und dennoch leistet gerade unter solchen Umständen das Rettungsboot seine vorzüglichsten Dienste und feiert seine schönsten Triumphe.

Furchtlos, mit kühnem Muthe, eisernen Kräften und seemännischem Geschicke rollt seine Besatzung das Fahrzeug vom Ufer in die empörte Fluth, schwingt sich hinein und treibt es, lediglich mit seiner Hände Macht, oft stundenweit durch die brausenden Wogen, bis es sein Ziel erreicht hat. Die braven Ruderer achten nicht des Grabes, das stets neben ihnen gähnt. Zoll für Zoll kämpfen sie ihren Weg den empörten Elementen ab, bald hoch auf der Spitze des donnernd überbrechenden Wogenkammes schwebend, bald jäh hinabschießend in das Wellenthal und von dampfendem Gischte übersprüht. Wie oft ihr Boot auch von der Gewalt der anstürmenden Fluthen zurückgeworfen wird, immer wieder und unermüdlich tauchen die Ruder ein. „Vorwärts! vorwärts! Dort auf dem Wrack sind Menschen zu retten“ – das ist die Losung der Braven, und sie kämpfen muthig weiter, bis sie den Sieg errungen. Wahrlich! es giebt keine heroischere, keine glänzendere That, als das von reiner Nächstenliebe dictirte Werk eines solchen Rettungsbootes; es verdient eine Bürgerkrone und die Bewunderung und regste Theilnahme aller Menschen.

Natürlich muß ein Boot, welches bestimmt ist, eine solche Arbeit zu verrichten, besonders construirt sein, um nicht beim ersten Anprall der schweren Brandung der Sarg seiner eigenen Besatzung zu werden. Neben der Fähigkeit, auch bei hoher See und wildem Sturm mit Rudern vorwärts zu kommen, muß es unversinkbar sein, sich selbst entleeren, wenn es vollschlägt, sich von selbst wieder aufrichten, wenn es, trotz großer Stabilität, von der Gewalt der Wogen umgeworfen wird. Der Technik wurden damit schwierige Aufgaben gestellt, und es dauerte volle sechszig Jahre, ehe sie dieselben lösen konnte. Seit zwei Jahrzehnten sind sie in dem englischen Normalrettungsboote wirklich gelöst worden.

Feine Linien, ein richtiges Verhältniß der Länge zur Breite, nicht zu hohe Lage über Wasser und ein bestimmtes Trägheitsmoment vermitteln die Manövrirfahigkeit. Die Unversinkbarkeit ist das Resultat von Luftkasten an den Seiten und Enden des Bootes, deren Auftrieb das Gewicht des Bootes übersteigt. Die Selbstentleerung wird durch einen doppelten, luftdichten Boden veranlaßt, dessen obere Fläche zehn bis zwölf Centimeter über der Wasserlinie liegt und der von sechs offenen Röhren vertical durchzogen wird. Durch sie muß das hereinschlagende Wasser dem Gesetze der Schwere gemäß ablaufen, da der Auftrieb der Luftkasten einem Niederdrücken des Bootes durch das Gewicht des hineingeschlagenen Wassers entgegenwirkt. Die Wiederaufrichtung endlich erfolgt durch das Zusammenwirken dreier Factoren: der vorderen und hinteren Luftkasten, der concav gekrümmten Form der oberen Bootsfläche und des sechs bis sieben Centner schweren eisernen Kieles, mit dem das Boot ausgerüstet ist und der außerdem letzterem große Stabilität verleiht, sowie er gleichzeitig den Ballast erspart. Schlägt das in der Mitte hohle Boot um, so ruht es auf den beiden Endluftkasten, und sein Schwerpunkt, der eiserne Kiel, befindet sich oben in der Luft. Die naturgesetzliche Folge ist aber, daß es bei der nächsten Wellenbewegung wieder zurückschlagen und sich auf seinen Kiel legen muß. Ein solches Umschlagen passirt zwar wegen der großen Stabilität selten, aber dennoch ist es vorgekommen, daß ein Boot auf derselben Rettungsfahrt zweimal umgeschlagen ist. Die mit Korkjacken ausgerüsteten Mannschaften kletterten beide Male trotz schwerer Beschädigungen wieder in’s Boot und retteten die Schiffbrüchigen. Ehre diesen Braven!

Während jedoch diese Normalboote überall an den englischen Küsten eingeführt sind und mit ihnen die großartigsten Rettungsthaten vollführt werden, können sie wegen ihres Gewichtes von fünfundvierzig Centner bei uns leider nur an einzelnen günstigen Punkten Verwendung finden. In England besteht die Küste fast überall aus festem Boden; sie hat eine dichte Bevölkerung und gebahnte Straßen. Deshalb lassen sich dort die Boote trotz ihrer Schwere verhältnißmäßig bequem längs des Strandes transportiren, und zwar selbst größere Strecken weit.

Unser Strand ist dagegen zum größten Theil aus losen Sanddünen gebildet, seine Bevölkerung so dünn gesäet, daß man oft meilenweit kein Dorf oder Haus findet, und an gebahnten Wegen fehlt es fast überall. Unter diesen Umständen ist es ganz unmöglich, mit einem Normalboote, dessen Gewicht sich durch seinen Transportwagen verdoppelt, durch den Sand zu gelangen, und unsere Stationen haben deshalb bis auf einen kleinen Bruchtheil mit anderen Modellen, den nach ihrem amerikanischen Erfinder also benannten Francisbooten, versehen werden müssen, welche, aus cannellirtem Eisenblech gefertigt, nur halb so viel wie die Normalboote wiegen. Freilich entbehren sie leider der Fähigkeit, sich selbst zu entleeren und wieder aufzurichten, sind aber sonst vorzügliche Seeboote und haben schon Großes geleistet.

Natürlich richtet die Gesellschaft ihr Augenmerk darauf, auch diese Boote stets zu verbessern, und gelingt dies allmählich immer mehr. Eine gewiß sehr große Anerkennung dieser Bestrebungen sowie überhaupt des gesammten deutschen Küstenrettungswesens liegt darin, daß die Gesellschaft nicht nur auf den Weltausstellungen in Paris, Wien und Brüssel, welche sie mit ihren Rettungsgeräthen beschickte, die höchste Auszeichnung erhielt, sondern kürzlich auch der französischen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger für Port Mardyck zwischen Dünkirchen und Gravelingen ein Rettungsboot nebst Transportwagen zu liefern hatte.

Nicht minder befriedigend sind die Leistungen der deutschen Raketenstationen; von ihnen wird bis auf vierhundertfünfzig Meter Entfernung mittelst einer Acht-Centimeter-Rakete eine an diese befestigte dünne Leine über das gestrandete Schiff geschossen und mit [235] ihrer Hülfe dann durch dickere Taue eine Brücke hergestellt, auf der die Schiffbrüchiger in einem Rettungskorbe an das Land befördert werden. Die im Spandauer Laboratorium gefertigter Raketen sind die bisher vollkommensten ihrer Art. Aber auch auf andere Weise, und zwar auf literarischem Gebiete, ist die Gesellschaft beständig bemüht, ihre segensreiche Thätigkeit zu erweitern.

Es ist leider häufig vorgekommen, daß Schiffsmannschaften, die sehr wohl gerettet werden konnten, lediglich aus dem Grunde umgekommen sind, weil sie – man sollte wohl sagen unbegreiflicher Weise – absolut nichts mit der ihnen vom Lande zugebrachten Hülfe anzufangen wußten und keine Kenntniß davon hatten, was sie z. B mit der über das Schiff geschossenen Raketenleine beginnen sollten. Um der Wiederkehr solcher und ähnlicher betrübender Fälle vorzubeugen, hat die Gesellschaft seit mehreren Jahren ein Büchlein zusammenstellen lassen, betitelt. „Seemann in Noth“, das gratis an alle deutsche Schiffe vertheilt wird. Dasselbe enthält in Kürze das Wissenswerthe über Rettungsgeräthe und die Rettung Ertrinkender, ferner ein Verzeichniß der deutschen Rettungstationen, sowie weitere Anweisungen über zweckmäßige Maßregeln in Fällen von Seenoth. Die in fünfter verbesserter Auflage erschienene Schrift ging in 20,000 Exemplaren in die Welt, und es kann nicht fehlen, daß ihre Verbreitung die besten Früchte tragen wird. Ebenso versendet der Verein in vierteljährlichen Lieferungen sein Organ „Von den Küsten und aus der See“, in dem alles auf das Rettungswesen Bezügliche behandelt wird, soweit es das große Publicum interessiren kann. Diese Hefte sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen und kosten jährlich l Mark 50 Pfennig.

Somit darf man sagen, daß die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger seit der Zeit ihres Bestehens unermüdlich und mit Erfolg bestrebt gewesen ist, dem schönen und hohen Ziele, das sie sich gesteckt, immer näher zu kommen Die von ihr geretteten 1200 Menschen sind ein sprechender Beweis dafür. Wohl ist der Gedanke an die Resultate erhebend, und wohl gebührt tausendfacher Dank Allen, welche ihr Scherflein dazu beigetragen haben, die Stationen in’s Leben zu rufen, aber noch ist lange nicht genug geschehen. Noch sind unsere deutschen Küsten nicht soweit mit Hülfsmitteln ausgerüstet, daß sie keiner weiteren bedürften; noch sind die vorhandenen nicht soweit vervollkommnet, wie dies möglich ist; noch stehen im Rettungswesen andere Länder uns voran – und das ist die Ursache, daß noch so mancher Schiffbrüchige, der gerettet werden konnte, sein Grab in der Tiefe fand.

Die 34.000 Mitglieder der Gesellschaft repräsentiren noch nicht den tausendsten Theil unserer Nation. Wäre die Betheiligung auch nur die doppelte, so würde sie hinreichen, in wenigen Jahren unser Rettungswesen auf die Stufe möglichster Vollkommenheit zu heben. Das menschenfreundliche Werk bedarf deshalb noch regerer Unterstützung als bisher. Das Interesse für dasselbe muß in immer weitere Kreise getragen und in ihnen lebendig erhalten werden – es muß eine wahrhaft volksthümliche, von allen Deutschen gehegte und gepflegte Institution werden.

Glücklicher Weise ist nicht Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit der Binnnenländer daran schuld, daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger noch nicht in dem gewünschten Sinne eine Sache des gesammten deutschen Volkes geworden, wohl aber ist vielfach die Unbekannntschaft mit den einschlägigen Verhältnissen die Ursache dieses Mangels an allgemeiner Betheiligung an den Aufgaben der Gesellschaft, und die Presse erfüllt deshalb nur eine Pflicht, wenn sie die Kenntniß der letzteren zu verbreiten strebt. So sei auch heute, wie schon zu verschiedenen Malen in diesem Blatte[2], die Aufmerksamkeit der Leser auf eine der edelsten Errungenschaften gelenkt, welche das geeinte Deutschland aufzuweisen hat. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, dem humanen Werke neue und werkthätige Sympathien zu erwecken die es in so hohem Grade verdient.

Wenn der Orkan durch die Gassen heult und die Gebäude in ihren Grundfesten erschüttert, wenn die Wolken am düstern Himmel dahinjagen und Regen und Schloßen herniederpeitschen - dann fühlt sich der Landbewohner behaglich und glücklich im warmen Zimmer und empfindet wohlthuend den Gegensatz zwischen dem Sturme da draußen und dem Frieden des Hauses. Möge er dann nicht vergessen, wie der Orkan die Meereswogen zu gigantischer Höhe thürmt, Schiffe entmastet und sie steuerlos der Küste zutreibt, über deren Riffe die Brandung sich brüllend wälzt und ihren Gischt himmelan sprüht! Möge er sich dann erinnern, für wie Viele seiner Mitmenschen sich in solchen Stürmen ein nasses Grab öffnet! Möge er aus dem Brausen des Windes stets die Mahnung heraus hören. „Gedenket Eurer Brüder zur See!“




Alexander der Zweite, der „Czar-Befreier“.

Das furchtbare Ereigniß der Ermordung des Kaisers von Rußland, Alexander’s des Zweiten, am 13. März d. J. hat in dem ganzen civilisirten Europa einen Schrei des Entsetzens und des Abscheus hervorgerufen. Alles, mit einziger Ausnahme jener Partei, welche die Anwendung von Gift und Dolch, von Petroleum und Dynamitbomben zu den unveräußerlichen Menschenrechten zählt und daher jede That der Zerstörung, wenn sie gelingt, verherrlicht, Alles wendet sich schaudernd ab von einer Denk- und Handlungsweise, deren verbrecherische Verruchtheit den ganzen Bestand der Gesellschaft untergräbt und nur von ihrer widerlichen, im Dunkel schleichenden Feigheit überboten wird.

Durch Meuchelmord ist noch niemals ein Volk wirklich frei, groß oder glücklich geworden. Die Dolchstöße, die Cäsar's Brust durchbohrten, haben die Freiheit Roms nicht gerettet. Der berühmte Tellschuß in die Brust des Tyrannen Geßler[3] hat die Waldstädte nicht von dem Joche der Vögte erlöst. das that das Rütli, das mannhafte Zusammenstehen einer ganzen Bevölkerung für ihre Freiheit; das thaten die Kämpfe bei Morgarten und Sempach und Arnold von Winkelried's opfermuthiger Heldentod. Sands blutige Verirrung hat an Deutschland, des Herzogs von Berry Ermordung durch Louvel’s Dolch an Frankreich der Reaction unschätzbare Dienste geleistet. Die Sache der Freiheit war in Italien 1848 von dem Augenblicke an verloren, wo der päpstliche Minister Rossi auf der Freitreppe des Palastes Cancellaria meuchlings getroffen hinsank.

Die Erhebung eines ganzen Volkes oder doch des größeren Theiles eines solchen, selbst wo sie zur gewaltsamen Revolution ausschlägt und „zum letzten Mittel, zum Schwerte“, greift, wird immer auf bestimmte Ziele gerichtet sein, über deren Berechtigung, auch wenn man das Mittel verwirft, sich mindestens streiten läßt: bei dem politischen Meuchelmorde ist in der Regel der Zweck ebenso verwerflich wie das Mittel, oft ist es ein Einzelner, höchstens ist es eine kleine Minorität, die ihren schlechten Leidenschaften, der Rache, dem Fanatismus oder einer maßlosen Verblendung, auf diesem Wege Befriedigung schaffen will.

Eine gute und gerechte Sache wendet sich an die öffentliche Meinung und sucht diese für sich zur gewinnen um so, wenn auch langsam, zu siegen eine schlechte flieht in das Dunkel des Geheimnisses, des Complots und greift zum Dolch oder zur Orsinibombe. Neben einzelnen politischen Meuchelmorden die im mißverstandenen Interesse der Freiheit vollzogen wurden, zählt die Geschichte ebenso viele oder noch mehrere auf, wo der Dolch des Mörders nicht blos gegen die Moral, sondern auch gegen den Fortschritt des Menschengeschlechts und der Cultur sich richtete. Der edle Befreier der Niederlande, Wilhelm von Oranien, fiel durch die Kugel eines fanatischen Mönchs; der gute und freisinnige Körnig Heinrich der Vierte vorn Frankreich verblutete unter Ravaillac’s Dolch, denn die Jesuiten geschliffen; Gustav der Dritte von Schweden ward das Opfer einer Verschwörung des Adels, dessen Uebermacht und Uebermuth er im Interesse des Landes gebrochen hatte.

Und Alexander der Zweite? Es heißt, er sei von den Nihilisten. ermordet worden, weil er seinem Reiche eine Verfassung vorenthalten. Aber war es wohl für ihn eine Ermuthigung, in seinem mit Eifer begonnenen Reformwerk fortzufahren, wenn eine der freisinnigsten und – in Anbetracht des Bildungsstandes Rußlands – vielleicht kühnsten seiner Reformen, die Einrichtung öffentlicher Gerichte mit Geschworenen, unter dem Drucke des Nihilismus zu solchen Ergebnissen führte, wie die Freisprechung der ihrer That offen geständigen Meuchelmörderin Sassulitsch?

[236] Nein! So wenig die Proclamirung der Republik in Frankreich im Jahre 1870 mit ihren doch wahrhaftig hinlänglich ausgedehnten Freiheiten die Gräuel der Commune von 1871 und die noch immer fortdauernde Existenz einer auf den Umsturz der ganzen dortigen Gesellschaftsordnung speculirenden Partei hat hindern können, ebenso wenig und noch viel weniger würde die Einführung einer Reichsverfassung und parlamentarischer Einrichtungen in dem halbeuropäischen und halbasiatischen Rußland mit einem Schlage die geheimen Verschwörungen hinweggebannt und aus den Nihilisten gute Staatsbürger, aus den Verschwörern Männer einer gedeihlichen, parlamentarischen und politischen Thätigkeit gemacht haben. Daß also Alexander der Zweite durch Verleihung einer Verfassung die Nihilisten hätte versöhnen oder doch unschädlich machen können, das erscheint uns als eine optimistische Auffassung der Sachlage. Eine andere Frage ist: ob er nicht, trotz der Nihilisten, einen solchen Schritt hätte thun sollen. Ob dazu der rechte Zeitpunkt gekommen, ob der Geist des russischen Volkes dafür reif und vorbereitet genug war, um gedeihliche Wirkungen von der Einführung einer den westeuropäischen ähnlichen Verfassung hoffen zu lassen – darüber enthalten wir uns eines Urteils; denn ein solches kann nur abgeben, wer die russischen Zustände genau kennt.[4]

Daß Kaiser Alexander der Zweite schon zu Anfang der sechsziger Jahre den Gedanken einer Verfassung und Vertretung für das große russische Reich ernstlich in Erwägung gezogen, dafür liegen ganz bestimmte Anzeichen vor.[5] Leider wurde er nur zu bald davon abgelenkt, zuerst durch den Polen-Aufstand, dann durch die mehr und mehr, zuerst in den planmäßigen Brandstiftungen in den großen Städten, hervortretenden Symptome jener im russischen Volke weitverbreiteten revolutionären Strömung. Doch hat er im letzten Jahrzehnt seiner Regierung sich dem Gedanken einer Verfassung insofern wieder genähert, als er Vertretungen der einzelnen Gouvernements einrichtete, zunächst allerdings mehr für die Zwecke der wirthschaftlichen Selbstverwaltung, aber doch wohl auch im Hinblick auf eine daraus später zu bildende gemeinsame Vertretung. Allein die beklagenswerte Theilnahmlosigkeit, welche dieser Einrichtung gegenüber der wichtigste Stand im Reiche, der Adel, zeigte, konnte ihn leider kaum ermuthigen, auf diesem rühmlichen Wege weiter zu gehen. Und so blieb der Gedanke einer Krönung der anderen von Alexander dem Zweiten vollzogenen politischen und socialen Reformen unausgeführt. Noch dringender und wirksamer übrigens, wenn auch wohl nicht minder schwierig, als die Einführung moderner Repräsentativformen, wäre – nach den eigentümlichen Verhältnissen Rußlands – eine durchgreifende Reform der tief schadhaften Verwaltungszustände des Reichs gewesen. Wenn man an Friedrich’s des Großen „aufgeklärten Despotismus“ erinnert hat, der sich darin so segensreich erwiesen, daß des Königs überallhin reichender scharfer Blick und starker Arm die Ausschreitungen des Beamtenthums, Bestechlichkeit, Ausbeutung des Volks, Ungerechtigkeit, Parteilichkeit, Willkür, so erfolgreich zu verhüten gewußt, so ist freilich zu bedenken, daß, was in einem Staate von 5 bis 7 Millionen Einwohnern und auch da vielleicht nur einem Friedrich dem Großen möglich war (selbst ein Joseph der Zweite scheiterte an dem gleichen Beginnen), in einem so ungeheuren Reiche wie Rußland mit einer Bevölkerung von 70 bis 80 Millionen und einer an Sitten und Bildung so ungleichartigen Gesellschaft ganz andern Schwierigkeiten begegnen mußte. „Der Himmel ist hoch und der Czar weit“ heißt ein altes russisches Sprüchwort. Das Auge des Selbstherrschers in Petersburg reicht nicht so leicht in alle die weiten Räume seines Reichs, und selbst der kräftigste Wille des scheinbar Allmächtigen mag erlahmen in dem Versuche, seine noch so wohlmeinenden Absichten (und gewiß waren dies die des ermordeten Kaisers) auch den vielen tausend höheren und niederen Vollziehern seiner Befehle einzuhauchen. Möglich, daß die hierhin zielenden, so dringend nöthigen Reformversuche Kaiser Alexander’s des Zweiten nicht energisch genug unternommen wurden, oder daß er durch die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen in dieser Richtung muthlos geworden ist – doch überlassen wir die nähere Ausführung dieser Frage den Organen der Tagespresse! Wenden wir uns hier greifbaren und durch die Geschichte anerkannten Erfolgen der Regierungsthätigkeit Alexander’s des Zweiten zu, die recht eigentlich im Bereiche der Aufgabe dieses Blattes liegen, weil sie einen vorzugsweise humanitären und culturellen Charakter hatten: seinen unvergänglichen Verdiensten um die Befreiung eines mannhaften Theils seiner Untertanen von einer erdrückenden und entwürdigenden Knechtschaft, seinen Verdiensten um die Aufhebung der Leibeigenschaft! „Czar-Befreier“ – so nannte der niedere Theil der Bevölkerung, das eigentliche „Volk“ in Rußland, bei Lebzeiten den Kaiser Alexander den Zweiten; dem „Czar-Befreier“ weinte es bei dessen gewaltsamem Tode in aufrichtigem Schmerze nach. Und dieser Schmerz war gerechtfertigte denn eine große, wahrhaft weltgeschichtliche That war es, welche Alexander der Zweite mit kluger Ueberlegung plante, mit großer Einsicht durchführte. Was Alexander der Erste nicht gewagt, woran selbst der eiserne Nikolaus nur zaghaft Hand angelegt, das vollführte der viel weichere, aber in diesem Punkte unnachgiebige Alexander der Zweite.

Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, daß fast genau zu derselben Zeit die große Republik jenseits des Oceans und das ungeheure Despotenreich Rußland sich von einem Krebsschaden befreiten, der an ihrem innersten Marke zehrte, einen moralisch-politischen Makel austilgten, der so lange auf ihnen gelastet. Aber drüben, in dem freien, in aller sonstigen Cultur so weit fortgeschrittenen Nordamerika bedurfte es eines vierjährigen blutigen Krieges, um mit der Sclaverei zu brechen, und wenig fehlte, so wäre die glorreiche Union darüber aus einander gefallen; in dem noch halbwilden Rußland vermochte der Wille eines Einzigen die auch hier nicht wenig starken und nicht wenig zähen Kräfte des Widerstandes zu überwinden und ohne eine Erschütterung des Staatswesens im Ganzen, wenn auch nicht ohne manche krampfhafte Bewegungen im Einzelnen, eine so tiefeinschneidende Maßregel, wie die Aufhebung der Leibeigenschaft, durchzuführen.

Um die ganze Größe dieses Unternehmens zu ermessen, muß man sich vergegenwärtigen daß die gesammte bäuerliche Bevölkerung Rußlands zur Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft über dreißig Millionen Köpfe betrug, von denen ungefähr ein Dritttheil aus sogenannten Kronbauern, das heißt Bauern auf kaiserlichen Domänen die andern zwei Dritttheile aus solchen auf Bauern- und Privatgütern des Adels bestanden. Freie Bauern gab es im eigentlichen Rußland nur wenig. Die Lage der Kronbauern war schon längst eine bessere. Sie waren in Gemeinden vereinigt, die nach altslavischem Recht den gesammten Grund und Boden gemeinschaftlich besaßen, und wenn dieser Besitz auch kein ganz freies Eigenthum war, so stand der Gemeinde doch ein erbliches und ewiges Nutznießungsrecht an dem Boden zu, wofür sie der Regierung ein jährliches Pachtgeld (Obrok) zahlte. Der Pacht, auf die einzelnen Köpfe vertheilt, betrug auf den Kopf zwischen zwei und drei Rubel Silber, und daneben ward noch eine Kopfsteuer von nicht ganz einem Rubel von jedem männlichen Individuum erhoben während die Gemeinde natürlich das Land an die einzelnen Familienväter, ebenfalls nur zur Nutznießung, vertheilte. Der einzelne Kronbauer war somit, wenn auch kein eigentlich freier Grundeigenthümer, so doch weder persönlich unfrei wie der Leibeigene, noch auch einer willkürlichen Entziehung seines Bodenbesitzes seitens des Herrn ausgesetzt; auch bestand ferner eine gewisse Selbstverwaltung dieser Bauerngemeinden, lediglich unter Aufsicht der kaiserlichen Behörden. Die Kronbauern durften ihren Aufenthaltsort wechseln, in die Städte ziehen, Handel und Gewerbe treiben etc. Wenigstens von [237] Seiten der Regierung ward ihnen dies nicht gewehrt, und nur die Gemeinde konnte Einspruch dagegen erheben. Genug, der Kronbauer war schon früher – social betrachtet – nicht ein Leibeigner, Höriger, sondern ein persönlich freier Erbpächter von Grund und Boden, keiner Willkür eines gebietenden Grundherrn unterworfen, aber das allgemeine Schicksal russischer Unterthanen, unter dem Druck einer oft despotischen Beamtenherrschaft sein Leben zu fristen, blieb freilich auch ihm nicht erspart.

Ungleich härter war das Loos der Bauern auf adeligen Gütern; diese waren ihren Gutsherren Gehorsam schuldig – „innerhalb der Grenzen der allgemeinen Reichsgesetze“, fügte die unter Nikolaus dem Ersten erschienene Gesetzsammlung (das sogenannte Swod) hinzu, aber was wollte das besagen hinsichtlich des Zinses, der Arbeiten und Leistungen jeder Art? Unerlaubte Klagen gegen ihren Gutsherrn sollten streng bestraft, Denunciationen gegen denselben nicht einmal angenommen werden, wenn sie nicht entweder auf Hochverrath und Versuch gegen das Leben des Monarchen oder auf Steuerhinterziehungen gerichtet wären. Das Entlaufen eines Leibeigenen von seinem Herrn wurde streng bestraft, aber die persönlichen Leistungen, welche der Herr von seinen Leibeigenen verlangen konnte, waren ihrer Gattung nach ungemessen, also in das Belieben des Herrn gestellt. Zwar schränkte das Gesetz die Zahl der Frohntage ein, damit dem Bauer noch Zeit, für sich selbst zu arbeiten, bliebe; auch diese Gesetzesbestimmung wurde jedoch öfters umgangen, indem die Grundherren ihren Leibeigenen, wenn solche nicht mehr als die gesetzliche Zahl der Tage arbeiten wollten, ein Stück des ihnen, den Leibeigenen, zum eigenen Nießbrauch überlassenen Landes einzogen. Als Inhaber und Verwalter der Polizeigerichtsbarkeit konnte der Herr Correctionsmittel und Strafen jeder Art über seine Leibeigenen verhängen; nur körperliche Verstümmelung oder Gefährdung des Lebens derselben war ihm untersagt; für Vergehungen gegen den Herrn und dessen Rechte wurden sie, auf seine Bitte, von der Regierung entweder einer Polizeistrafe unterzogen oder in Zucht- und Arbeitshäuser gebracht. Der Verkauf von Leibeigenen war durch das Gesetz zwar eingeschränkt, aber nicht verboten, kam daher nicht selten vor. Die Kinder eines leibeigenen Vaters waren, auch wenn die Mutter eine Freie, wieder Leibeigene. Unbewegliches Vermögen konnte ein Leibeigener nicht erwerben; selbst wenn ihm solches durch Erbschaft zufiel, wurde es verkauft und ihm der Erlös zugestellt, oder es fiel der Krone gegen eine Entschädigung zu. Die Leibeigenen konnten mit Genehmigung ihres Herrn Handarbeit treiben, einen Handel anfangen, Fabriken anlegen etc., aber sie blieben nichtsdestoweniger Leibeigene, und die ertheilte Genehmigung konnte daher auch zurückgenommen werden. Die Leistungen des Leibeigenen den Herren gegenüber waren entweder Naturalleistungen – Frohnen und Dienste jeder Art – oder sie bestanden in Geld, dem sogenannten Obrok, welcher bei den Leibeigenen der Adeligen durchschnittlich 10 Rubel Silber auf das männliche Individuum, also fünfmal so viel, als bei den Kronbauern betrug. Diejenigen, welche statt des Landbaues einen Erwerb außerhalb suchten, zahlten je nach dem Ertrage dieses Erwerbes einen höheren, oft bedeutend höheren Obrok.

Nach alledem waren die Leibeigenen auf den adeligen Gütern zwar nicht völlig rechtlos, aber doch in einem sehr ungünstigen und namentlich einem sehr unsicheren Rechtszustande; denn das Gesetz zog höchstens gewisse äußerste Grenzen, über welche hinaus die Willkür des Gutsherrn nicht gehen durfte; innerhalb dieser Grenzen mochte sie um so fesselloser schalten und walten, da ja selbst Ueberschreitungen des gesteckten Maßes weder gehindert noch bestraft wurden, weil der Gutsherr zugleich der Gerichts-Herr seines Leibeigenen und eine Klage des Letzteren gegen seinen Herrn (bei der Staatsbehörde) ausdrücklich untersagt, ja mit Strafe bedroht wurde.

Dies waren die bäuerlichen Zustände in Rußland, welche Alexander der Zweite vorfand. Die leibeigenen Bauern auf den adeligen Gütern machten mit ihren Familien nahezu den dritten Theil der Gesammtbevölkerung des Reiches aus. Eine so ungeheuere Masse von Menschen befand sich also in einen, nahezu rechtlosen Zustande, der Willkür, den Launen, den Leidenschaften ihrer oft sehr rohen Herren preisgegeben, mit Leistungen überlastet, politisch und social in eine unfreie, kaum menschenwürdige Stellung herabgedrückt. Alle diese Unglücklichen galten als bloße „Seelen“ (wie das Gesetz sie nannte), das heißt als Ziffern in den großen Steuerregistern des Staates, der von ihnen nicht weiter Notiz nahm, als indem er sie (neben ihren Abgaben an den Grundherrn) besteuerte.

Fast unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, im März 1855, sprach Kaiser Alexander der Zweite gegenüber einer Anzahl hervorragender Adeliger in Moskau seinen festen Entschluß aus, die Leibeigenschaft abzuschaffen. Doch setzte er hinzu, er werde nur allmählich damit vorgehen. Nach Beendigung des Krieges mit den Westmächten durch den Pariser Frieden zu Anfang des Jahres 1856 bildete Kaiser Alexander ein geheimes Comité in Petersburg, das unter seinem persönlichen Vorsitze die Angelegenheit berieth, Es ward beschlossen, die Sache mit Zuziehung des Adels selbst zu ordnen, und zu diesem Zwecke wurden den Landesmarschällen in den verschiedenen Gouvernements die Grundsätze mitgetheilt, welche der Kaiser bei der Regelung der Frage in’s Auge gefasst hatte; die Landesmarschälle wurden angewiesen, über diese Grundsätze sich mit dem Adel ihres Gouvernements zu berathen und das Resultat der Besprechungen einzusenden. Drei Jahre lang dauerten diese Vorarbeiten. Wie umfänglich dieselben waren und wie genau es damit genommen wurde, geht daraus hervor, daß die Resultate derselben mehr als vierundzwanzig Foliobände füllen.

Nachdem endlich sämmtliche Beschlüsse der für diesen Zweck besonders gebildeten Gouvernementcomités adliger Grundbesitzer dem Kaiser zur Kenntnißnahme vorgelegt und von ebenfalls dazu ausdrücklich bestellten Centralbehörden sorgfältig geprüft worden waren, ordnete der Kaiser die Ausarbeitung der darauf zu gründenden socialen Gesetze an. An, 10. Februar 1861 erschien sodann ein kaiserliches Manifest nebst einer allgemeinen und einer ganzen Anzahl besonderer Verordnungen, wodurch die ganze ländliche Verfassung Rußlands neu geordnet ward. Das Manifest ist charakteristisch für die Denk- und Sinnesweise seines Urhebers, des nun dahingeschiedenen Kaisers. Es beginnt:

„Durch die göttliche Vorsehung und das heilige Gesetz der Thronfolge“ auf den angestammten Thron aller Reußen berufen, haben Wir, diesem Berufe gemäß, in Unserem Herzen des Gelübde treuen Unterthanen jeglichen Berufs und Standes zu umfassen – von dem, der für die Vertheidigung des Vaterlandes edel das Schwert führt, bis zu dem herab, der bescheiden mit dem Handwerkszeug arbeitet, von dem, der im höchsten Staatsdienste steht, bis zu dem, der mit der Pflugschar das Feld durchfurcht. Bei genauerem Eindringen in die Lage der Stände und Classen Unseres Kaiserreichs haben Wir wahrgenommen, daß die Reichsgesetzgebung, während sie die hohen und mittleren Stände thätigst organisirt, deren Pflichten, Rechte und Prärogative regelt, eine gleiche Thätigkeit nicht erreicht hat in Bezug auf die Leibeigenen. Die Rechte der Gutsherren hatten bisher eine weite Ausdehnung und waren nicht gesetzlich genau normirt. Die Stelle des Gesetzes vertraten Ueberlieferung, Herkommen und der gute Wille des Gutsherrn. In den besten Fällen ging daraus ein gutes patriarchalisches Verhältniß aufrichtiger und redlicher Fürsorge und Wohlthätigkeit seitens des Gutsherrn und gutmüthigen Gehorsams seitens der Bauern hervor. Aber vielfach lockerte sich dieses gute Verhältniß, und es wurde einer für die Bauern drückenden, deren Wohlfahrt ungünstigen Willkür der Weg geöffnet, welchem Zustande seitens der Bauern Unbeweglichkeit in Bezug auf Verbesserungen in ihren eigenen Lebens-Verhältnissen entsprach.“

Schon seine Vorgänger – fährt der Kaiser fort – hätten dies erkannt und daran, Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Bauern ergriffen. Allein diese Maßregeln seien nur in sehr beschränktem Maße zur Ausführung gebracht worden. So sei er, der Kaiser, zu der Ueberzeugung gelangt, daß das Werk einer Verbesserung des Zustandes der Leibeigenen für ihn ein Vermächtniß seiner Vorgänger und eine durch den Gang der Ereignisse ihm zugetheilte Mission sei. Er habe das Werk begonnen mit einem Act des Vertrauens gegenüber dem russischen Adel; er habe den, Adel, auf dessen eigenes Anerbieten, überlassen, Vorschläge über eine neue Organisation der Bauernverhältnisse zu machen. Dieses Vertrauen sei gerechtfertigt worden. Der Adel habe den Rechten an die Person des Leibeigenen freiwillig entsagt. Ueber die künftigen Beziehungen der jetzigen Leibeigenen zu ihren Gutsherren seien Vorschläge gemacht und diese zu einer förmlichen Gesetzgebung über die agrarischen Verhältnisse verarbeitet worden.

Die Grundzüge der neuen Gesetzgebung, durch welche eine [238] allmähliche Hinüberführung der Leibeigenen in einen Zustand völliger Freiheit angebahnt ward, sind folgende:

Die bisherigen Leibeigenen erhalten zunächst von ihren Gutsherren gegen bestimmte Leistungen ihr Gehöftareal und ein Stück Landes zur festen Nutznießung. In diesem Stadium heißen sie „zeitweilig verpflichtete Bauern“. Sie erhalten das Recht, ihr Gehöftareal abzulösen (das heißt zu freiem Eigenthum zu erwerben): mit Einwilligung des Gutsherrn können sie sodann auch die zum Nießbrauch ihnen überlassenen Ländereien ihm abkaufen. Dadurch werden sie aller Verpflichtungen gegen den Gutsherrn ledig und treten endgültig in den Stand der „freien bäuerlichen Grundbesitzer“ über. Wegen derjenigen Leibeigenen, die bisher nicht das Land bebauten, sondern als Hofgesinde dienten oder anderwärts arbeiteten, sind besondere Bestimmungen getroffen, welche aber auch darauf hinauslaufen, alle diese Personen in den Stand der persönlichen Freiheit, des freien Selbstbestimmens über ihre Thätigkeit und der Erwerbung festen Eigenthums hinüberzuführen.

Für die Regelung der Verhältnisse zwischen Gutsherrn und Bauern während dieser Zeit des Ueberganges traf das Gesetz ebenfalls Fürsorge. Die Bauern wurden in Gemeinden vereinigt (ähnlich wie die Kronbauern); diese Gemeinden sollten vor der Hand unter der Leitung des bisherigen Gutsherrn stehen; es sollten Flurbücher angelegt werden, um die Uebertragung von Grund und Boden an die Bauern genau zu controliren; auch wurden besondere Beamte – Friedensrichter oder Friedensvermittler (aus den angesehensten Grundeigenthümern jedes Gouvernements) – zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Gutsherren und Bauern bestellt; es wurden gemeinschaftliche Sessionen der Friedensrichter eines Kreises angeordnet und endlich als oberste Instanz in solchen Angelegenheiten besondere Gouvernementsbehörden in Bauernsachen bestellt. Nach Feststellung dieser Maßregeln sagt das Manifest:

„Sie (die Leibeigenen) werden einsehen, daß, indem sie eine festere Grundlage des Eigenthums und eine größere Freiheit, über ihr Hauswesen zu disponiren, erlangen, sie dadurch vor der Gesellschaft und vor sich selbst verpflichtet werden, die Wohlthat des neuen Gesetzes durch treuen, wohlgesinnten und thätigen Gebrauch der ihnen verliehenen Rechte zu vervollständigen. Das wohlthätigste Gesetz kann die Menschen nicht glücklich machen, wenn sie sich nicht selbst bemühen, ihre Wohlfahrt unter dem Schutze des Gesetzes zu begründen. Wohlstand wird nicht anders erworben und gewahrt, als durch unablässige Arbeit, vernünftigen Gebrauch der Kräfte und Mittel, strenge Sparsamkeit und überhaupt durch ein rechtschaffenes Leben.“

Die Wirkungen dieser Gesetzgebung, die eine so ungeheure Umgestaltung in den socialen und wirthschaftlichen Verhältnissen Rußlands hervorbrachte, sind – so weit bestimmte Nachrichten vorliegen – überwiegend günstige insofern gewesen, als die früheren Leibeigenen oder doch ein großer Theil derselben durch Fleiß und Sparsamkeit sich der ihnen gebotenen Freiheit fähig und würdig gezeigt haben. Schon vier Jahre nach dem Erlaß der Gesetze über die Leibeigenschaft – 1865 – hatte etwa die Hälfte der „zeitweilig verpflichteten Bauern“ sich in „freie Grundbesitzer“ verwandelt, das heißt, sie hatte ihren früheren Gutsherren den nach dem Gesetz ihnen zum Nießbrauch überlassenen Grund und Boden abgekauft. Die Regierung hatte sie dabei durch Geldvorschüsse unterstützt. Ausnahmen von dieser vernünftigen Haltung der ehemals Leibeigenen sind sicher vorgekommen, aber im Großen und Ganzen kann nach dem Zeugniß eines genauen Beobachters dieser Vorgänge, des Baron von Haxthausen (in seinem Buche „Die ländliche Verfassung Rußlands“. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1866) das kühne Experiment Alexander’s des Zweiten, was die Befreiung der Bauern betrifft, als gelungen angesehen werden.

Wie aber steht es mit den Wirkungen der fraglichen Gesetzgebung nach Seiten der bisher Privilegirten? Daß der Adel durch die Aufhebung der Leibeigenschaft empfindliche Verluste erlitt, ist unbestreitbar, weniger noch eigentlich ökonomische (denn er konnte, wenn er nur wollte, mit dem Gelde, welches er von seinen bisherigen Leibeigenen für Abtretung von Land erhielt, den Grundstock seines Gutes verbessern und so dessen Ertrag steigern), als politische und sociale. Er hörte auf, der Gebieter von Millionen Untergebener zu sein, die ihm sclavisch gehuldigt hatten.

Wenn der Adel sein wahres Interesse verstand, so mußte er nach dieser ungeheuren Umwälzung aller wirthschaftlichen und socialen Verhältnisse neue Ziele verfolgen: er mußte durch eine der neuen Lage angepaßte Bewirthschaftung seiner Güter den Nachtheil, den er nach der einen Seite erlitt, in einen Vortheil nach der andern verwandeln, und für die verlorene Macht und Autorität als Zwingherr einer Anzahl von „Seelen“ durfte er auch einen Ersatz finden in der Erlangung einer der heutigen Zeit besser entsprechenden, gesetzlich autoritativen Stellung unter Freien. Er mußte der bisher unter dem russischen Adel nur allzuverbreiteten Sitte der Abwesenheit von seinen Gütern, des kostspieligen Lebens in den Reichshauptstädten oder im Auslande entsagen, sich auf seine Güter zurückziehen und ihrer Bewirthschaftung seine persönliche Sorgfalt widmen. Er mußte eine ähnliche sociale und politische Stellung zu gewinnen suchen, wie sie der Grundbesitzadel in England, die sogenannte gentry, zum Theil auch in Deutschland hat. Dazu war freilich erforderlich, daß die Regierung ein solches Streben förderte und ermunterte, indem sie dem Adel Gelegenheit bot, inmitten seiner natürlichen Umgebungen auf dem Lande amtliche Functionen auszuüben und so, neben dem ganz hierarchisch gegliederten Beamtenthum, eine Classe von Organen der Selbstregierung zu bilden, die zwar vom Kaiser ernannt, aber in der Ausübung ihrer Aemter möglichst unabhängig, auf die eigene Verantwortlichkeit und das Vertrauen ihrer Amtsuntergebenen gestellt wären. Die Einsetzung von Friedensrichtern aus der Mitte des Grundbesitzadels war dazu ein erster und, wie es scheint, wohlgelungener Schritt. Ob die Regierung Kaiser Alexander’s des Zweiten diesen Weg weiter verfolgt hat, oder nicht, und mit welchem Erfolge oder Mißerfolge, ist uns nicht bekannt. Eine durchgreifende Aenderung des ganzen Verwaltungssystems nach dieser Seite hin hat jedenfalls leider nicht stattgefunden.

Es scheint aber auch, daß der Adel selbst in seiner Mehrzahl dazu wenig Lust gezeigt hat. Nach wie vor mag er überwiegend an seiner früheren Lebensgewohnheit festgehalten, den Aufenthalt auf seinen Gütern verschmäht und entweder den Grand Seigneur in Petersburg oder Paris gespielt, oder, wenn ihm dazu die Mittel fehlten, in dem großen Heer der Civil- und Militärbeamten des Reichs ein Unterkommen gesucht haben. Daß bei solcher Lebensweise und Denkart der Verlust der Leibeigenen, die oft für ihn eine Quelle der Bereicherung waren, eine fühlbare Lücke in seinen Finanzen geschaffen und daß die sociale Degradirung vom gebietenden Gutsherrn zum einfachen Besitzer eines Grundstücks einen Stachel der Erbitterung in seiner Brust zurückgelassen hat, begreift sich. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn neben manchen anderen in den Sitten des Volkes und den staatlichen Einrichtungen Rußlands liegenden Ursachen auch die von der Aufhebung der Leibeigenschaft her in einem Theile des Adels zurückgebliebene Verbitterung dem nihilistischen Treiben so manche geheime Anhänger zugeführt hat. Jedenfalls scheint uns das Wohl glaubhaft, was nach der furchtbaren Katastrophe vom 13. März ein Petersburger Correspondent (anscheinend aus den höheren Gesellschaftskreisen) einem angesehenen Berliner Blatte schrieb: „Die socialen Folgen der Emancipation der Leibeigenen haben sich gegen Alexander den Zweiten gekehrt. Eine Menge catilinarischer Existenzen führen ihren Zusammenbruch auf jene Maßregel zurück. Drohnen, die früher von den Arbeitsbienen, den Leibeigenen, zehrten, haben nun angefangen, ihren Stachel zu gebrauchen.

Wir machten auf die bedeutsame Gleichzeitigkeit der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland und der Abschaffung der Sclaverei in den Vereinigten Staaten aufmerksam. Beide weltgeschichtliche Ereignisse sollten auch ein, wenn nicht gleichzeitiges, doch gleichartiges hochtragisches Nachspiel haben. Der edle Präsident Lincoln, dessen zäher Beharrlichkeit die siegreiche Bekämpfung der Secession und der mit ihr verschwisterten Sclavereiwirthschaft wesentlich zu danken war, ward von einem Meuchelmörder, Booth, erschossen, den man für ein Werkzeug südländischer Sclavenbarone hielt. Wer die intellectuellen Urheber des an dem „Czar-Befreier“ verübten Mordes sind, ist noch nicht ermittelt, wird vielleicht auch nicht ermittelt werden, daß aber die letzten Wurzeln der nihilistischen Gesinnungen, deren giftiger Auswuchs dieses abscheuliche Verbrechen war, theilweise auch in ähnliche Gesellschaftsregionen hineinreichen, darin dürfte jener Kenner russischer Zustände, den wir soeben citirten, wohl nicht Unrecht haben.



[239]

HEISTERBACH.

Album der Poesien.

Der Mönch von Heisterbach.


     Ein junger Mönch im Kloster Heisterbach
Lustwandelt an des Gartens fernstem Ort;
Der Ewigkeit sinnt still und tief er nach
Und forscht dabei in Gottes heil’gem Wort.

     Er liest, was Petrus, der Apostel, sprach:
„Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr’,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag,“ –
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.

[240]

     Und er verliert sich zweifelnd in den Wald;
Was um ihn vorgeht, hört und sieht er nicht; –
Erst wie die fromme Vesperglocke schallt,
Gemahnt es ihn der ernsten Klosterpflicht.

     Im Lauf erreichet er den Garten schnell;
Ein Unbekannter öffnet ihm das Thor.
Er stutzt, – doch sieh, schon glänzt die Kirche hell,
Und draus ertönt der Brüder heil’ger Chor.

     Nach seinem Stuhle eilend, tritt er ein, –
Doch wunderbar – ein Andrer sitzet dort;
Er überblickt der Mönche lange Reih’n –,
Nur Unbekannte findet er am Ort.

     Der Staunende wird angestaunt ringsum;
Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr;
Er sagt’s – dann murmelt man durch’s Heiligthum:
Dreihundert Jahre hieß so Niemand mehr.“

     „Der Letzte dieses Namens,“ tönt es dann,
„Er war ein Zweifler und verschwand im Wald;
Man gab den Namen Keinem mehr fortan!“
Er hört das Wort; es überläuft ihn kalt.

     Er nennet nun den Abt und nennt das Jahr;
Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand;
Da wird ein großes Gotteswunder klar:
Er ist’s, der drei Jahrhunderte verschwand.

     Ha, welche Lösung! Plötzlich graut sein Haar;
Er sinkt dahin und ist dem Tod geweiht,
Und sterbend mahnt er seiner Brüder Schaar:
„Gott ist erhaben über Ort und Zeit.

     Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar –
Drum grübelt nicht, denkt meinem Schicksal nach!
Ich weiß: ihm ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.“

Wolfgang Müller von Königswinter.




Blätter und Blüthen.

„Die kaiserliche Wachtparade in der Michaels-Manège zu St. Petersburg“ – unter diesem Titel ging uns wenige Tage vor dem verabscheuungswürdigen Attentate, dem Kaiser Alexander der Zweite von Rußland zum Opfer fiel, die nachfolgende Mittheilung unseres St. Petersburger Correspondenten zu. Diese authentische Schilderung des farbenprächtigen soldatischen Schauspiels, das sich vor dem Kaiser so oft – und noch in seiner letzten Lebensstunde, unmittelbar vor dem verhängnißvollen Attentate vom 13. März – entfaltete, dürfte unseren Lesern heute von besonderem Interesse sein.

„Wer in Petersburger Officierskreisen bekannt ist,“ schreibt unser Berichterstatter unter dem 9. März d. J., „dem kann durch besondere Vergünstigung Gelegenheit werden, einem so eigenartigen militärischen Acte beizuwohnen, wie er sich in keiner anderen europäischen Armee wiederfindet. Es ist dies die große Wachtparade vor dem Kaiser. Dieselbe findet nur bei Anwesenheit des Monarchen in Petersburg statt und zwar in einem geschlossenen Raume, dem größten Exercirhause der Welt, der sogenannten Michaels-Manège. Die ungeheure Halle, welche so groß ist, daß ein kriegsstarkes Bataillon bequem jederlei Exercitien in ihr vornehmen kann, wird zum Zwecke der Parade durch sechszehn riesige Oefen behaglich geheizt.

Um die zahlreichen Wachen Petersburgs, das heißt nur der inneren Stadt, zu besetzen, bedarf es täglich fast zweier Bataillone, und die hiesigen Garderegimenter rechnen es sich zur höchsten Ehre, wenn der Kaiser persönlich das Aufziehen der Wache leitet.

Sonntags um elf Uhr Vormittags nehmen die Truppen in vollem Parade-Anzuge in der Manège Aufstellung und werden durch ihre entsprechenden Vorgesetzten, zu welchen auch die beiden ältesten Söhne des Kaisers, der Thronfolger Alexander und Großfürst Wladimir gehören, auf das Genaueste besichtigt. Wehe dem unglücklichen Soldaten, an dessen Kleidung etwas nicht in Ordnung ist! Er zieht nicht nur sich selbst, sondern meistens auch seinem Compagniechef und oft sogar dem Bataillonscommandeur mehr oder minder kürzeren Arrest zu.

Gegenüber den auf Wache ziehenden Truppen nimmt die gesammte Generalität und das Officiercorps der Garde Aufstellung. Man sieht hier einen Reichthum von Uniformen, wie er sich wohl so leicht nicht anderswo dem Auge darbietet: da sind die Garde-Infanterie-Officiere mit ihren fast überladen in Gold gestickten Kragen und Aufschlägen, auf dem grünen Rocke die sehr in’s Auge fallende rothe Rabatte; da sind die Chevaliers-Garde und Garde à Cheval, ähnlich den preußischen Gardes du Corps; da sind die Garde-Husaren in ihrer prachtvollen rothen, reich in Gold gestickten Uniform mit weißem Dolman – jenem Dolman, den mit dem kostbarsten Pelzwerke zu besetzen in diesem wohl vornehmsten Cavallerieregimente der Welt als besondere Ehrensache gilt. Man findet hier das kostbarste Pelzwerk Sibiriens vertreten und Dolmans zum Preise von drei- bis viertausend Rubel.

Ganz besonders aber fesseln die Trachten des kaiserlichen Leib-Convois, der kaukasischen Bergvölker, die oftmals an längst vergangene Jahrhunderte erinnern. Da zeigen sich uns die Gorzen in ihren langen, fast schlafrockähnlichen Röcken aus carmoisinrothem Sammet, reich mit Pelz besetzt, in dem bunten Gürtel ein wahres Waffenarsenal von kostbaren Pistolen und Dolchen; ferner die Lesghier, eines der wildesten Völker des Kaukasus, die sich damit rühmen, im Gefechte niemals Pardon zu geben, in ihrer fast an die Zeit der Kreuzritter erinnernden Kleidung, einem stählernen Schuppenpanzer, welcher Unterleib, Brust, Hals und Kopf völlig bedeckt und nur Augen und Nase erkennen läßt; endlich die Mohammedaner in ihren weißen mit Gold gestickten Sammetröcken etc. Die Anführer dieser Truppe sind zum größten Theil tscherkessische Fürsten, von denen so mancher noch unter Schamyl gegen dasselbe Rußland gefochten, dessen Kaiser sie heute als nächster Schutz dienen.

Punkt ein Uhr öffnen sich die großen Flügelthüren des Exercirhauses, und ein Kosakenofficier verkündet laut die Ankunft des Kaisers. Derselbe erscheint denn auch sogleich, gefolgt von einer glänzenden Suite, zu welcher in erster Linie sämmtliche Botschafter in ihren Parade-Uniformen sowie die Militärbevollmächtigten sämmtlicher Länder gehören. Die Musik spielt die Nationalhymne; die Truppen präsentiren, und der Kaiser begrüßt dieselben mit einem lauten ‚Guten Morgen, Kinder!‘, dem einstimmig die vorgeschriebene Antwort ‚Gesundheit wünschen wir Euer Majestät,‘ folgt. Darauf reitet er die Front der Truppen ab, redet wohl ab und zu einen ihm bekannten Officier an, bemerkt aber auch den geringsten Fehler in der Kleidung oder Haltung der Soldaten. Darauf begiebt er sich in die Mitte der Manège, und die Musik beginnt einen ganz eigenthümlichen, halb traurigen, nur zu diesem Zweck bestimmten Marsch zu spielen, unter dessen Klängen sich die zahlreichen Officiere und Unterchargen nahen, deren Meldung der Kaiser entgegennimmt. Den Anfang machen sämmtliche Regimentsadjutanten der Petersburger Garde, welche den Reiterrapport ihres Truppentheils überreichen; dann folgen die Feldwebel und Wachtmeister sämmtlicher Leibcompagnien und Leibschwadronen, deren Chef der Kaiser ist, sechszehn an der Zahl, meist alte ergraute Krieger mit unzähligen Medaillen auf der Brust. Der Kaiser kennt jeden persönlich und begrüßt ihn unter Nennung seines Namens. Demnächst melden sich die dreißig täglich im Nachtdienst befindlichen Officiere, und endlich begiebt sich der Kaiser an das äußerste Ende der Manège.

Dies ist das Zeichen für die zum Ordonnanzdienst bestimmten Officiere und Mannschaften der Gardecavallerie. Auf einen Wink des Herrschers brausen sie in voller Carrière auf ihn zu und müssen dabei ihre Pferde so in der Gewalt haben, daß sie dieselben dicht vor ihm pariren können, um ihre Meldung abzustatten. Eine Ungeschicklichkeit, gar ein Anreiten des Kaisers würde schwere Strafe zur Folge haben.

Hierauf findet der Parademarsch der wachegebenden Truppen und sämmtlicher hiesiger militärischer Lehranstalten statt. Ist der Kaiser mit diesem zufrieden, so dankt er mit einem ‚Gut, Kinder!‘ dem sofort das einstimmige ‚Wir sind froh uns bemüht zu haben‘ folgt.

Sowie der Parademarsch vorbei, sprengen die zum Ordonnanzdienst bestimmten tscherkessischen Reiter in die Manège und führen nun allerlei Kunststücke zu Pferde aus, wie sie diesen wilden Bergvölkern angeboren sind. So schießen sie z. B. in voller Carrière mit ihren Pistolen nach kleinen auf der Erde befindlichen Scheiben und verfehlen fast niemals ihr Ziel; andere werfen sich, wenn sie bei diesen Scheiben vorbeikommen, fast vom Pferde, versetzen dem Papier einen Dolchstich und schwingen sich dann wieder in den Sattel. Bei den fremden Zuschauern erregen diese charakteristischen Leistungen immer die meiste Bewunderung.

Nach Beendigung derselben versammelt der Kaiser die Botschafter um sich und spricht mit jedem einige Worte in der entsprechenden Landessprache, mit Ausnahme des türkischen, den er französisch anredet.

Nach dieser Unterhaltung verläßt der Kaiser das Exercirhaus, und die Wachtparade hat ihr Ende erreicht.

Leon Alexandrowitsch.“ 




Das ehemalige Cistercienserkloster Heisterbach, an welches sich die in unserem heutigen „Album der Poesien“ mitgetheilte Sage knüpft, liegt im Siebengebirge, nahe bei Königswinter in einer Thalmulde, dem sogenannten Heisterbacher Mantel. Das Kloster wurde 1202 bis 1233 erbaut; von der Abtei sind nur die Oekonomiegebäude noch übrig. Die Ruine (Chorabside) der ehemaligen romanischen Kirche, welche wir den Lesern in unserem heutigen Bilde (Seite 239) vorführen, zeigt nur spärliche Reste des ehedem prachtvollen Gotteshauses, die indessen malerisch von bedeutsamstem Eindruck sind.



Kleiner Briefkasten.

J. B. in Deutz. Wir bedauern, von Ihrer freundlichen Offerte keinen Gebrauch machen zu können. Besten Dank!

N. W. Smith in New-York. Derlei Familiennachrichten gehören nicht in den Briefkasten der „Gartenlaube“; geben Sie Ihre Adresse an!

Alte Leserinnen in Colberg. Die von Ihnen Verehrte lebt noch und schafft rüstig weiter.

E. L. in Berlin. Unbrauchbar und deshalb vernichtet.

Alter Abonnent in Frankfurt am Main. Im Jahrg. 1872, S. 667 unserer Zeitschrift finden Sie die bildliche Darstellung und ausführliche Beschreibung Ihres „Lutherringes“.

Abonnent T. in Oppeln. Das betreffende Blatt, ein Ersatz für die „Gartenlaube“ während ihres Verbotes in Preußen, ist 1866 eingegangen, nachdem das Verbot von der Regierung aufgehoben worden.

E. Th. in Wien. Der Name des Autors ist Redactionsgeheimniß.

H. von J. in Tammerfors. Wenn wir Ihnen gefällig sein können, mit dem größten Vergnügen!

Eine niederländische Abonnentin. Sie finden das Gesuchte in Nr. 52 des Jahrgangs 1880.

M. D. in Berlin. Zuerst „Goldelse“.

F. Sch. in Neuhaldensleben. Nein, nur in deutscher Sprache!



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die Thatsachen und Abbildungen dieses Artikels sind dem neuen, in Gemeinschaft mit seinem Sohne Francis herausgegebenen Werke Darwin’s entnommen, dessen deutsche Ausgabe, von Professor Victor Carus übersetzt, soeben unter dem Titel „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ (mit 196 Holzschnitten) im Verlage der E. Schweizerbart’schen Verlagsbuchhandlung (Eduard Koch) in Stuttgart erscheint.
  2. In Nr. 51 von 1861, Nr. 23 von 1865, Nr. 22 von 1866, Nr. 17 von 1867, Nr. 4 von 1880.
  3. Vergleiche jedoch „Gartenlaube“, Jahrg. 1872 , Nr. 49.
  4. Die von dem Herrn Verfasser hier offen gelassene Frage glauben wir von unserem etwas abweichenden Standpunkte aus auf das Entschiedenste mit: Ja! beantworten zu müssen. Rußlands einziges Heil liegt unseres Ermessens in dem längst gebotenen Einlenken in jene Bahnen, welche der Geist des modernen politischen und intellectuellen Fortschrittes den Nationen der Gegenwart vorschreibt. Was Alexander der Zweite – verhängnisvoll genug – versäumt hat, das wird der Erbe seines Thrones gut zu machen, er wird zur Beglückung seines Volkes das bureaukratische Willkürreich des Czaren endlich in ein constitutionelles Staatswesen zu verwandeln haben.
    D. Red.
  5. Die Großfürstin Helene, eine württembergische Prinzessin und Gemahlin des Großfürsten Michael Paulowitsch, bekanntlich eine freisinnige und gerade nach dieser Seite hin ihrem kaiserlichen Neffen, Alexander dem Zweiten, nahestehende Fürstin, hatte bereits 1863, in Voraussicht des bevorstehenden Erlasses einer Verfassung für Rußland, durch einen Vertrauten, den Baron von Haxthausen, eine Schrift herausgeben lassen („Das constitutionelle Princip.“ Leipzig, bei F. A. Brockhaus), deren Zweck war, wie Haxthausen in der Vorrede dazu es ausdrückte, „den gebildeten Russen, den Staats- und Geschäftsmännern eine richtige und klare Einsicht über das Wesen und die Principien des constitutionellen Systems, seine Geschichte und seine Wirkungen zu verschaffen“. Die Schrift enthielt in ihrem ersten Theile eine Geschichte der Repräsentativverfassungen mit Volkswahlen (von Professor Biedermann), im zweiten eine Reihe theoretischer Aufsätze über einzelne Hauptpunkte des Verfassungsrechtes (von den Professoren Gneist, Held, Waitz und Kosegarten); sie wurde, ebenfalls im Auftrage der Großfürstin auch in’s Französische übersetzt.