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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[41]
Gebunden.
Erzählung von Ernst Wichert.
(Fortsetzung.)


4.

Irmgard war mit ihrer Skizze unzufrieden gewesen. In der Umrißzeichnung sah das Haus so gewöhnlich aus, es fehlte ihm das, was es ihr beim ersten Besuche so interessant gemacht hatte, und was wohl mehr mit der Stimmung, als mit dem Auge zu erfassen war. Diese Stimmung fehlte heute. Sie hatte nach einigen vergeblichen Versuchen durch Andeutungen von Licht und Schatten eine mehr charakteristische Wirkung hervorzubringen, das Blatt in die Mappe geworfen und war nach der Villa gegangen. Da sie den Eingang zum Atelier kannte, hatte sie nicht Bedenken getragen, die Thür zu öffnen. Da standen –

Ein furchtbarer Schreck lähmte ihr im Augenblicke die Besinnung. Sie hatte etwas gesehen, wofür es in ihrem Fassungsvermögen gar keine Stelle gab: Ihre Mutter in den Armen eines fremden Mannes –! Dieses Mannes –! ihre Mutter! Wie von einem Schlage vor die Stirn getroffen, trat sie zurück und zog die Thür zu, daß sie geräuschvoll in’s Schloß fiel. Einer Ohnmacht nahe, stand sie eine Weile im Flure, hastig athmend, bald bleich, bald roth. Wachte sie wirklich? War das eine gespenstische Vision gewesen? Sie fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust – ein Stechen und Nagen. Es war ihr ein Leid geschehen – das Herz wußte es.

Ihr Blick heftete sich noch immer auf die Thür. Da hinein durfte sie nicht. Die Phantasie malte ihr noch einmal das Bild, das sie so tödtlich erschreckt hatte. Der Kopf schwindelte ihr; sie schwankte seitwärts und sank mit der Schulter gegen die Wand. Aber es war ihr, als ob Jemand hinter ihr rief: fort - fort! keine Secunde länger in diesem Hause! – Sie raffte sich mit aller Kraft auf und eilte über die Wiese hin. Ohne umzuschauen lief sie bergab, bis sie die Landstraße erreichte. Ihre Brust keuchte, aber ohne Aufenthalt setzte sie ihren Weg fort. Wer sie sah, mußte sie auf der Flucht glauben. Erst in der Stadt mäßigte sie ein wenig den Schritt.

In ihrer Wohnung angelangt, eilte sie sofort auf ihr Zimmer und schloß hinter sich die Thür. Der heftige Weinkrampf, der sie befiel, brachte nur Erschöpfung, nicht aber Erleichterung.

Als ihre Mutter nach Hause kam und an der Thür horchte, hörte sie ihr leises Schluchzen. Sie wollte zu ihr, konnte jedoch nicht öffnen. Sie klopfte an, erhielt aber keine Antwort.

Werner wartete im Pavillon. Elise bat ihn, sich für heute zu verabschieden. Irmgard scheine sehr unwohl zu sein; sie würde doch nicht Ruhe haben, außer in der nächsten Nähe des Kindes. Es sei auch besser, sie erführe erst von ihr, was vorgegangen, oder wenigstens die näheren Umstände. „Ich fürchte, sie hat vorzeitig entdeckt,“ setzte sie hinzu, „was sich ihr nur nach gehöriger Vorbereitung hätte enthüllen sollen.“ Er konnte nicht begreifen, was dabei zu fürchten sei. Man brauche doch nur ein Wort zu sprechen. Er hätte am liebsten mit Elise ein kleines Boot bestiegen und sich mit ihr auf den See hinausrudern mögen. Mit ihr allein in stiller Mondnacht auf dem Wasser! Das hatte er immer in Gedanken gehabt beim Gange am Ufer entlang und wohl auch ausgesprochen. Nun mußte er sich gleich vom ersten Tage seines jungen Lebensglückes einen Abzug gefallen lassen. „Ich habe Pflichten,“ sagte sie, als er zögerte; „wenn ich Dir gehören soll, mußt Du sie mit übernehmen.“

„Ich will ihr ja auch der zärtlichste Vater sein,“ entgegnete er. „Aber warum kann sie nicht froh sein mit den Fröhlichen? Sage ihr –“

„Gute Nacht, Liebster, und komm morgen früh. Ich hoffe, es ist dann Alles gut.“

„Was könnte denn nicht gut sein?“

„Geh’ nur! Du begreifst es doch nicht.“

Sie geleitete ihn durch den Garten, drückte seine Hand und rief ihm noch von der Treppe her ein leises Lebewohl nach.

Elise verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Sie hatte wieder und wieder bei Irmgard angeklopft – vergeblich. Die Thür wurde nicht geöffnet. Sie gab es nun auf, ihre Tochter diesen Abend noch zu sprechen, aber sie beschloß wach zu bleiben, wie bei einer Kranken. Immer wieder von Zeit zu Zeit horchte sie an der Thür, das Ohr am Schlüsselloche. Lange noch ließ sich das leise Schluchzen vernehmen. Dann wurde es still innen. Aber gegen Morgen, vielleicht nach kurzem Schlafe, wurde wieder der klagende Laut deutlich hörbar. Die beängstigte Mutter glaubte nun nicht länger zögern zu dürfen. Sie verlangte Einlaß. Als auch darauf keine Antwort erfolgte, drohte sie, die Thür öffnen zu lassen. Nun vernahm sie schleppende Schritte; der Schlüssel wurde umgedreht. Als sie eintrat, wendete sich Irmgard mit einem Schrei ab, warf sich wieder auf das Bett und drückte das Gesicht in die Kissen. Die besorgte Frau ging zu ihr, setzte sich auf die Leiste des Bettgestelles und berührte ihre Schulter leise mit der Hand. „Was ist Dir geschehen, Kind?“ fragte sie.

[42] Das Weinen wurde heftiger.

„Sage mir Alles, Kind, was Dich so ungewöhnlich bewegt hat – gewiß wird Dir dann leichter werden.“

Irmgard schwieg beharrlich.

„Hast Du kein Vertrauen zu mir – Deiner Mutter?“

„Habe ich denn noch eine Mutter?“ fragte das Mädchen schluchzend und mit schmerzlichstem Ausdrucke.

„Weshalb zweifelst Du daran?“

Wieder blieb die Antwort aus.

„Wenn Du Dich verletzt glaubst, Kind – ist es nicht besser, sich offen auszusprechen, als sich so unvernünftig dem Kummer hinzugeben? Worüber hast Du Dich zu beschweren?“

„Ach! es läßt sich ja gar nicht sagen … nicht einmal zu Ende denken.“

Elise suchte sie aufzurichten. „Sieh’ mich an!“ sagte sie. „War ich Dir nicht immer eine gute und treue Mutter? Kannst Du das nun so plötzlich vergessen haben?“

Irmgard hielt die Hände auf die Augen gedrückt; zwischen den feinen Fingerchen quollen die Thränen hervor. „Ich kann Dich nicht ansehen,“ rief sie, „ich sehe immer Einen neben Dir …“ Sie schüttelte sich wie im Fieberfrost. Nicht ohne Widerstreben ließ sie den Kopf an die mütterliche Brust lehnen.

„Ich vermuthete das Richtige,“ nahm nach kurzem Schweigen die Mutter wieder das Wort. „Es hat Dich gestern erschreckt, mich und den Maler Werner – so nahe verbunden zu sehen. Ich bin meiner Tochter eine Erklärung schuldig. Freilich sollte sie kaum noch nöthig sein. Es war wenige Minuten vor Deinem Eintreten zu einer Aussprache zwischen uns gekommen – wir waren ein Verlöbniß eingegangen.“

„Und - was soll daraus werden?“

„Du fragst sonderbar, Kind.“

„Ich frage nur, damit Du siehst – daß es – ganz unmöglich ist.“

„Was wäre unmöglich?“

„Mutter! Und mein Vater?“

„Werner wird Dich lieben wie ein zweiter Vater.“

Irmgard machte sich mit einer leidenschaftlich heftigen Bewegung los und richtete sich auf. „Ich will aber keinen zweiten Vater haben,“ rief sie, „ich kann keinen zweiten Vater haben – er soll mich nicht lieben, denn ich – ich – ich hasse ihn. O mein Gott, mein Gott!“

„Du wirst ruhiger und verständiger darüber denken lernen.“

„Nie, nie, nie! Mutter – wenn das geschieht … ich hoffe, ich würde es nicht erleben. Aber wenn Gott nicht so barmherzig sein wollte, mir einen raschen Tod zu schenken – ich müßte mich von Dir trennen und ihn irgendwo in der Fremde erwarten. Ich – könnte Dich nicht mehr wie meine Mutter ehren und lieben.“

Frau von der Wehr sah finster vor sich hin. „Das sind recht unkluge Aeußerungen, Kind,“ sagte sie. „Mit Kummer bemerke ich, daß Du Deine Empfindungen überspannst und Dir dadurch die Versöhnung mit einem Ereignisse erschwerst, das Dir wohl in freundlicherem Lichte erscheinen könnte, wenn Du – nicht nur an Dich selbst denken möchtest. Deiner Mutter Glück –“

„Denke ich an mich selbst?“ fiel das Mädchen schluchzend ein. „Nein, nein, nein! Gott weiß es, der in unsere Herzen sieht und dem sich nichts verbirgt. An meinen Vater denke ich – an meinen Vater! Und an den solltest auch Du denken, Mutter. Dein Glück! – Kannst Du glücklich sein, wenn Du den Platz, den er in Deinem Herzen hat, einem anderen Manne einräumst? Kannst Du glücklich sein, wenn Du sein Andenken nicht treu bewahrst? Weißt Du denn nicht, daß der Tod die Menschen nicht scheidet – daß er im Himmel lebt und Deiner in Liebe harrt? Mutter – Mutter! Wie willst Du einmal ihm drüben begegnen?“

Elise lächelte. „Er ist ein seliger Geist und ganz in Gott, mein liebes, frommes Kind. Der Erde Freude und Leid kümmert ihn nicht mehr, und wenn wir zu ihm kommen werden, werden auch wir alles Irdischen ledig sein. Mann und Weib, Vater und Kind – das gilt drüben nicht. Geist im Geiste sein, Licht im Lichte – das ist unsere Hoffnung.“

Irmgard schüttelte ablehnend den Kopf. „Nein, so fasse ich’s nicht,“ antwortete sie. „Lebt er nicht in uns? Beglücken wir ihn nicht durch unsere Liebe? Betrüben wir ihn nicht durch jeden Gedanken, der unser Herz von ihm ablenkt? Kannst Du ihn in Dir sterben lassen, Mutter?“

Sie warf sich ungestüm an der Mutter Brust und hielt sie krampfhaft mit den Armen umschlungen, als könnte sie so ihre Flucht hindern. Frau von der Wehr erwiderte ihre Liebkosungen, aber nicht in derselben leidenschaftlichen Weise; sie wollte nur beschwichtigen, beruhigen. „Du weißt nicht Alles,“ sagte sie. „Max Werner war mir schon lange mehr, viel mehr, als Du ahnen konntest.“

Irmgard hob den Kopf und sah sie mit ganz verstörten Augen an. „Wie? Lange schon? Du hast ihn ja doch nicht gesehen seit meines Vaters Tode bis zu dem Tage, als ihn meine Unvorsichtigkeit hierher lockte. Wie kannst Du sagen –“

„Nicht seitdem, Kind, aber lange bevor ich Deinen Vater –“

„Wie? Du hättest diesen Mann, der Dein Lehrer war –“ Sie drückte die Hand auf die Stirn. „Ich verstehe Dich wohl nicht recht. Ich bin ganz verwirrt – o, mein armer Kopf! Du liebtest meinen Vater, deshalb wurdest Du seine Frau. Wie hat Dir ein Anderer vorher etwas sein können, was er Dir jetzt noch sein soll?“

„Und doch!“

„Aber dann wäre ja Alles Lüge, Mutter, dann … Nein, um Gotteswillen, nein! Laß Dich erbitten, Mutter – thu’s nicht!“

Elise preßte die Lippen gegen die Zähne. „Irmgard,“ begann sie nach einer Weile ernst, „ich hätte Dich gern bei dieser Angelegenheit mehr wie eine Freundin behandelt, der ich ein herzliches Vertrauen schenke, als wie ein Kind, dem ich meine Entschlüsse ankündige und von dem ich Gehorsam erwarte. Aber ich sehe ein, daß ich Dich für reifer und verständiger hielt, als Du bist. Aus Vernunftgrunde willst Du nicht hören; aus der Traumwelt hinauszutreten, in der Du befangen bist, und die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind, lehnst Du ab; mit maßloser Leidenschaftlichkeit ergiebst Du Dich Deinem Kummer – zum Richter über Deine Mutter wirfst Du Dich auf. Wie kannst Du erwarten, daß ich mich Deiner Unvernunft, Deinem kindischen Trotze füge? Was ich lange, lange gelitten habe, das weißt Du nicht. Und nun mein Schicksal sich freundlich wendet, willst Du Dich drohend mir in den Weg stellen und mich in’s Leid zurückscheuchen? Das wird Dir nicht gelingen. Ich habe nicht unbedacht gehandelt, und so nimm denn das Geschehene als etwas Unwiderrufliches! Sei mein gutes Kind – füge Dich mit mildem Sinne in das, was Dein trotziges Widerstreben vergebens zu wenden versuchen würde!“

Irmgard rang die Hände. „Wenn ich’s könnte, Mutter!“ rief sie, „aber ich weiß es: Dein Hochzeitstag wird mein Todestag sein.“

Frau von der Wehr stand auf und ging nach ihrem Zimmer zurück, sich noch einige Stunden Ruhe zu gönnen. Sie fühlte, daß die Fortsetzung des Gesprächs jetzt ganz nutzlos sein müßte, nur das Gemüth des armen Kindes noch mehr erbittern könne. Ihr Gram mußte sich erschöpfen; da er sich so heftig äußerte, war Hoffnung, daß er bald der ruhigeren Ueberlegung Raum lassen werde. Sie bereitete sich aus dem Sopha eine Lagerstätte und schlief ein, als sie Irmgard nicht mehr weinen hörte.

Sie wurde durch die Meldung geweckt, daß Herr Max Werner im Pavillon warte. Er schickte ihr einen Strauß frischer Feldblumen, die er am Morgen gepflückt hatte, nachdem er das Boot verlassen. Sie drückte das Gesicht tief hinein und labte sich an dem würzigen Geruche. Irmgard lag ganz still auf dem Bett. Sie trat zu ihr und beobachtete die Schlafende, die zum Erschrecken bleich war; die Augenlider schienen nur unvollkommen zu schließen und wie durchsichtig über den dunklen Sternen zu flimmern. Die Adern an den Schläfen pulsirten sichtbar; die Lippen und die Hände zuckten mitunter, als ob sie durch eine schmerzliche Berührung aufgeschreckt würde. Die Mutter nickte traurig: „Mein armes, armes Kind! Was mich so unnennbar glücklich macht, ist Dir das schwerste Leid.“

Wernner fand sie zu seiner Ueberraschung ernst und bekümmert. Er erfuhr, was vorgegangen war, und wurde nun selbst einen Augenblick nachdenklich, meinte dann aber, man müsse eine so innerliche Natur sich selbst überlassen, ruhig seinen Weg weitergehen und auf den Anschluß warten. „So eine junge Seele hat ihre Ideale,“ sagte er, „und meint, das Leben danach [43] formen zu können. Wenn nun das Leben sich nicht fügen will, scheint es plötzlich allen Werth verloren zu haben. Das richtige Verhältnis findet sich mit der Zeit von selbst.“

Elise ließ sich gern überreden. Nach einigen glücklichen Stunden, in denen mehr von der Zukunft als von der Vergangenheit gesprochen wurde, ging sie hinaus, nach Irmgard zu sehen, und Werner begleitete sie. „Stellen wir uns nur gleich so vor,“ rieth er, „wie sie uns nun immer vor Augen haben soll: als ein Paar, das untrennbar zusammengehört. Jedes vorsichtige Ausweichen kann einzig und allein die Aussöhuung erschweren und zu neuen Kämpfen ermuthigen. Was überwunden werden muß, überwindet sich am leichtesten durch eine einzige kräftige Anstrengung, die durch die Umstände gefordert wird. Man muß sie schnell herbeiführen.“

Aber er täuschte sich. Kaum vernahm Irmgard, die aufgestanden war, seine Stimme im Vorzimmer, als sie wie ein gescheuchtes Reh floh und nach wenigen Schritten mit einem gellenden Aufschrei zu Boden stürzte. Ihre Stirn blutete. Durch Umschläge von kaltem Wasser aus der Ohnmacht erweckt, fiel sie in ein nervöses Zittern, das von den Händen ausging und sich bald dem ganzen Körper mittheilte. Sie hielt die Augen fest geschlossen. Werner suchte sie durch freundliche Vorstellungen zu beruhigen. „Fort – fort – fort!“ waren die einzigen Worte, die sie sprach und die sie immer wiederholte.

Elise zog ihn sanft hinaus. „Wir werden sie tödten,“ sagte sie dumpf.

Gegen Abend stellte sich ein heftiges Fieber ein mit Erscheinungen, die zu den schwersten Besorgnissen veranlassen mußten. Sie verlor minutenlang die Besinnung und phantasirte. Der Arzt wurde gerufen, er kam vor Nacht noch einmal und brachte einen Collegen mit. Sie schienen die Krankheit sehr ernst zu nehmen. Kein Zweifel: ein schweres Nervenfieber war im Anzuge.

Schon am nächsten Tage verhehlten die Aerzte nicht, daß Gefahr für das Leben sei. Sie steigerte sich von Stunde zu Stunde. Fortwährend sprach Irmgard mit ihrem Vater; sie gab ihm die zärtlichsten Namen und bewegte die Lippen, als ob sie ihn küßte. Ihre Mutter nannte sie nicht. Die letzten Ereignisse schienen ganz aus ihrem Gedächtnisse entschwunden, aber manchmal putzte sie sich, wie zu einem Fest, mit Bändern und Blumen – und dann war’s ein Todtenfest. „Sei nicht traurig!“ sagte sie oft, „sei nicht traurig! Ich wache bald wieder auf und bin dann immer bei Dir. Aber Du mußt mich nicht vergessen.“

Die Mutter sorgte mit übermenschlicher Anstrengung Tag und Nacht an ihrem Bette. Es war ihr ein furchtbarer Gedanke, daß ihr einziges Kind sterben könne, ein Opfer ihrer Liebe. Sündlich erschien ihr diese Liebe, wenn sie ein solches Opfer fordern könnte. Dieses junge aufknospende Leben für ein schon halbverwelktes Dasein! Wie war der Gedanke zu ertragen? Und wenn ihr Irmgard erhalten blieb – was dann?

Manchmal, wenn sie so in sich hineingrübelte, glaubte sie wahnsinnig werden zu müssen. Ihr Werk war’s ja, daß Irmgard empfand, wie sie empfand, daß sich ihr die häßliche Wahrheit verschlossen hatte und ein freundliches Trugbild den Schein der Wirklichkeit erhielt. Sie selbst hatte ja diese Täuschung, daß sie eine glückliche Frau gewesen, eingeleitet, genährt, zu einer Macht anwachsen lassen. Wie bitter war die Fracht zu kosten! Hieß das eine gerechte Vergeltung? Durfte sich so eine gute That strafen? Und doch! Sie hatte den Mann nicht geliebt, dem sie zum Bunde für’s Leben die Hand reichte. Nun rächte ihn sein Kind. –

Die Krankheit nahm nach der Krisis unerwartet einen günstigen Verlauf. Diese schwächlichen Constitutionen, meinten die Aerzte, ertragen eine solche Revolution im Nervensystem mitunter viel leichter, als die starknervigsten Menschen, aber um sich nicht früh zu verbrauchen, bedürfen sie der Beruhigung, der Schonung und Kräftigung. So ungefähr äußerten sich die Aerzte, ohne zu ahnen, welche Pflicht sie der Mutter auferlegten.

Das erste Wort, das Irmgard wieder bei voller Besinnung sprach, schnitt ihr tief in’s Herz. „Nicht wahr, liebe Mutter,“ sagte sie, mit schwacher Kraft, ihre Hand an die Lippen ziehend, „es war nur ein böser Traum?“

„Es war ein Traum,“ antwortete die arme Frau resignirt. Ihre Augen wurden feucht, aber sie drängte die Thränen zurück. Irmgard dufte sie nicht leiden sehen.

Und einige Tage später, als die Besserung rasche Fortschritte gemacht hatte: „Reisen wir bald von hier ab, Mutter?“

„Sobald Dein Zustand es erlauben wird.“

„O, ich werde mich recht beeilen, gesund zu werden, wenn ich weiß, daß ich damit unsere Abreise beschleunigen kann.“

„Warum strebst Du aber so eifrig fort?“

Sie senkte die Augen und lächelte. „Es ist eine recht kindische Furcht,“ antwortete sie, „aber ich kann sie nicht los werden. Ich fürchte immer, der Mann, der da oben in dem einsamen Hause wohnt, hat Macht über uns und kann von Neuem unsern Frieden stören. Wir müssen recht weit fort von ihm, damit wir ihm nie mehr begegnen.“

„Wenn Du ihn aber kennen wolltest, wie er ist – so gut und treu –“

In den Augen des kranken Mädchens flammten gleich wieder jene unruhigen Lichter auf, die ihre Beängstigung verriethen. „Nein, das sage nicht,“ entgegnete sie; „er hat uns vom Herzen des Vaters reißen wollen, und er zürnt uns gewiß, daß es ihm nicht gelungen ist. Laß uns bald zurück in die Heimath – recht bald!“

Dann, an einem Morgen, als Irmgard erwachte, sah sie ihre Mutter auf dem Stuhle an ihrem Bette sitzen und weinen. Sie richtete sich auf, legte den Arm um ihren Hals und sagte: „Warum weinst Da, Mutter? Hättest Du vielleicht doch glücklicher sein können, wenn ich gestorben wäre? Weshalb hat mich der liebe Gott denn leben lassen?“

„Nein, nein!“ rief Elise überrascht, „das sind nicht gute, fromme Gedanken, liebes Kind. Was Gott that, das ist wohlgethan, und ich will ihm danken. Es ist uns nur manchmal traurig um’s Herz, wenn wir an überwundenes Leid denken – und dann fließen die Thränen unaufhaltsam. Sie trocknen auch wieder.“

Irmgard küßte ihre Augen. Sie war nun nach der Krankheit viel milder in ihrem ganzen Wesen, viel zärtlicher und anschmiegender geworden. „Ja, wir haben viel Leid erfahren,“ sagte sie, „aber es soll uns Freude daraus erwachsen, wenn es uns ein Band wird, das uns unzertrennlich eint. Weißt Du, wie ich mir’s ausgedacht habe? Wir bleiben immer zusammen – Mutter und Tochter – lebenslang. Ich habe mir ein Gelübde gethan, daß ich mich nicht von Dir trenne, daß ich keinem Menschen angehören will, als Dir. Das werde ich halten.“

Die Mutter wollte antworten, aber Irmgard schloß ihr den Mund mit Küssen.

„Nein, sage mir nichts dagegen,“ bat sie, „es macht mich so glücklich, Dir beweisen zu können, wie wenig mir alles Andere ist und wie lieb ich Dich habe. Du bleibst bei mir, und ich bleibe bei Dir. Was zwei Menschen einander sein können, das bemühen wir uns, einander zeitlebens zu sein. Wir werden zusammen alt und grau, und vielleicht legt der gütige Gott der frommen Wittwe die Jahre zum Leben zu, die sie vor dem alten Jüngferchen voraus hat, und wir schließen zu gleicher Zeit die Augen. Bis dahin aber wollen wir thätig sein zum Wohle der Menschen. Man nennt uns reich. Um so besser, wenn wir’s wirklich sind; wir werden dann weniger beschränkt sein in unseren Wünschen für Andere und täglich unsere Freuden vermehren können. Wenn wir ein großes Krankenhaus gründen und es den Diakonissen anvertrauen, werden nicht Tausende, die darin Linderung ihrer Schmerzen oder Heilung finden, uns segnen? Wenn wir dann thätig sind mit den treuen Pflegerinnen und mit der Zeit selbst würdig befunden werden, ihren Namen zu theilen und uns ihre Schwestern zu nennen, was können wir dann vermissen, Mutter? Sage mir: so soll es sein! und ich bin bald ganz gesund.“

Elise streichelte ihr blondes, seidenweiches Haar, indem sie den Kopf an ihre Brust drückte und so verhinderte, daß Irmgard zu ihr aufschauen konnte. Auf dem Gesichte der Mutter lag ein Zug von Herbigkeit und Strenge, der ihm etwas Schreckhaftes gab. Die großen Augen blickten gerade aus in’s Weite; die Stirn hatte sich gefurcht, und um die Lippen zuckte ein bitteres Lächeln. „Es soll so sein,“ antwortete sie langsam und feierlich. „Daß Du nie bereuen mögest, Dich mir gelobt zu haben! Bedenke wohl: Wenn hinter mir jetzt die Pforte zufällt, so schließt sie sich für immer, und Du wirst ausharren müssen bei mir, wie [44] Du Dich auch nach der Freiheit sehnst, denn Dir selbst wirst Du Wort halten wollen. Heute fühlst Du so, und morgen vielleicht –“

„Nie, nie anders!“ versicherte Irmgard mit schwärmerischem Eifer. „Ich wünschte, es wäre ein Opfer, das ich Dir zu bringen hätte, dann würde ich glauben, Deine Liebe verdienen zu können. Jetzt empfange ich nur, was mich für’s ganze Leben glücklich macht. Glaube mir!“

„Es soll so sein,“ wiederholte die Mutter, sog mit der Lippe die Thräne ein, die sich von der Wimper löste und über die Wange tropfte, kleidete Irmgard an und führte sie im Zimmer auf und ab. Sie brauche nun schon nicht mehr fremde Hülfe, meinte dieselbe; so gekräftigt fühle sie sich.

Aus den Fenstern hatte man keine Aussicht nach dem Garten. Werner, wenn er dort oft viele Stunden auf die Geliebte wartete, durfte also nicht befürchten, von Irmgard gesehen zu werden. Er tröstete sich damit, daß die Krankheit „alle die ungesunden Säfte heraustreiben“ werde, die jetzt „den Hang des lieben Kindes zu schwermüthiger Schwärmerei nährten“. So lange Gefahr für das Leben war, bekümmerte auch er sich in seiner unruhigen Weise um die Kranke und trat gern gegen sie bei Elise zurück. Je mehr aber die Besserung vorschritt, desto ungeduldiger verlangte seine Liebe nun auch ihr Recht. Er richtete sich nach und nach im Pavillon ganz häuslich ein, stellte dort eine Staffelei auf und malte, um „die Stunden zwischen den Minuten auszufüllen“, die Elise ihm schenkte. Es war ihm ganz unerklärlich, daß sie von Tag zu Tag, statt heiterer, immer trübsinniger wurde und seinen dringenden Fragen, wie sich die nächste Zukunft gestalten solle, geflissentlich auswich. Dann erschreckte sie ihn hin und wieder durch ein Wort über Irmgard, das eine Ausöhnung mit dem „unverständigen Kinde“ fast hoffnungslos erscheinen ließ. Jetzt erst fing er an bedenklich zu werden, ob sein Glück Bestand haben könne.

Elise pflegte die späte Abendstunde zu benutzen, um mit ihm im Garten zu promeniren oder bei der Lampe im Pavillon zu sitzen. An einem Abend forderte sie ihn zu seiner Ueberraschung auf, mit ihr einen Spaziergang in’s Freie hinaus zu machen.

„Ich möchte eine Stunde mit Dir allein sein,“ sagte sie, als sie auf die Straße getreten waren und sie ihren Arm in den seinigen gelegt hatte, „und dort im Garten, glaube ich, beobachtet man uns aus den Fenstern der Wirthsleute.“

„Mir kann’s nichts Lieberes geben,“ antwortete er, ihre Hand drückend. „Wohin gehen wir?“

Sie schwieg ein paar Secunden lang und setzte den Weg nach dem Flusse zu fort. „Möchtest Du auf den See hinaus, Max?“ fragte sie dann, mit hellen Augen zu ihm umblickend.

„Das wäre mir das Allerliebste,“ rief er. „Ich habe nur nicht gewagt es vorzuschlagen, weil Du’s bis jetzt immer abgelehnt hast.“

„Ich wollte mich nicht so weit von Hause entfernen,“ sagte sie; „nun aber hat’s keine Gefahr mehr. Meine Kranke wird morgen in den Garten gehen.“

„Ah! Das ist ein großer Fortschritt. Es ist rasch gegangen in den letzten Tagen.“

„Gott sei Dank!“

„Also morgen in den Garten. Dann werde ich sie doch endlich begrüßen dürfen?“

Elise schwieg darauf.

„Sie weiß doch, daß ich jetzt mein Atelier im Pavillon habe?“ fragte er nach einer Weile.

Sie sah zur Erde. „Ich glaube nicht, daß davon gesprochen ist.“

„Dann ist’s wohl besser, sie sieht eher meine Malerei als mich?“

„Ich denke so.“

Sie kamen an den Halteplatz der Böte. Werner war wählerisch. Er fand endlich ein hübsches, schmales Fahrzeug, blau und weiß angestrichen, nach seinem Geschmack.

„Doch ohne Fährmann?“ flüsterte er dem geliebten Weibe zu.

„Wie Du willst,“ antwortete sie, „heute ganz wie Du willst.“

Er drückte ihre Hand, während er sie hinein hob. Sie nahm auf der mittleren Bank Platz, während er sich ihr auf der anderen gegenüber setzte.

Pfeilschnell ging’s auf’s Wasser hinaus. Er schien nicht schnell genug die Menschen am Lande und die Häuser und das Ufer aus dem Gesicht bekommen zu können.

Sie stützte den Ellenbogen auf’s Knie und das Kinn in die Hand und sah ihn freundlich an, oder an ihm vorüber auf die fernen, schon von der Nacht umdämmerten Berge.

Als sie so eine weite Strecke gefahren waren und auch kein Boot sich mehr in der Nähe zeigte, zog er die Ruder ein, beugte sich vor, faßte ihre Hände und küßte sie auf die Stirn. Er legte den Arm um ihre Schulter, hob mit der Hand den Kopf und drückte einen langen, langen Kuß auf ihren Mund. „Haben wir nicht Raum neben einander?“ fragte er, rückte zur Seite und zog sie vorsichtig, damit das Boot nicht ängstlich schwankte, neben sich auf den Sitz. Er hielt sie dabei immer umfaßt und legte die freie Hand auf ihre glühende Wange und lehnte ihren Kopf an seine Schulter und suchte wieder ihre Lippen zu seligen Küssen.

„So habe ich mir’s geträumt in jener ersten Nacht,“ raunte er ihr zu, „die ich hier auf dem See verwachte. Aber kein Traum ist so herrlich, wie diese Wirklichkeit.“

Sie zog seine Hand an ihren Mund. „Auch mir erfüllt sich ein schöner Traum,“ sagte sie, „aber es sind viele, viele Jahre vergangen, seit ich ihn träumte, und so – kühn war er nicht.“

Er wollte wissen, was sie geträumt hatte.

„Wir fuhren ganz allein auf einem weiten Wasser,“ erzählte sie, „wie heut. Und ich wußte nicht was ich Dir war. Da legtest Du leise Deine Hand auf meine Hand, und ich fühlte das Klopfen Deines Herzens. So fuhren wir schweigend weiter und weiter und endlos weiter, bis ich erwachte, und mein erster Gedanke war: er liebt dich. Heut wird’s mein letzter Gedanke sein, bevor ich die Augen schließe: er liebt dich. Und sollte dann auch ein böser Traum –“

„Wie sollte nach dieser glückseligsten Stunde –?“ mahnte er.

„Nicht wahr? Sie gehört uns?“ sagte sie, „sie wird uns bleiben. Und alles Widrige, was uns darnach treffen könnte, wird nun nichts als ein Traum sein, der uns wohl kurze Zeit ängstigen kann, aus dem wir aber erwachen müssen zu einem Tage, dessen Sonne nicht untergeht.“

Er verstand sie nicht und antwortete: „Gewiß – gewiß!“ Er meinte, sie könne nichts sprechen, als was ihre Liebe bestätigte.

Endlich erinnerte sie an die Heimfahrt. Von den Bergen her fing es kühl zu wehen an, und unter dem Boot plätscherten die Wellen. Er legte wieder die Ruder ein.

Sie stiegen aus und befestigten das Boot. Der Fährmann lag auf einer Bank und schlief fest. Sie gingen Arm in Arm durch die menschenleeren Straßen.

„Wenn’s hier endete,“ sagte Elise, als das Haus nicht mehr weit war, „wär’s nicht genug des Glückes gewesen?“

Er schwieg und drückte ihre Hand.

„Komm morgen nicht,“ bat sie an der Thür.

Er glaubte zu wissen weshalb, und nickte zustimmend. „Es wird mir sehr, sehr schwer werden – aber ich werde morgen viel Zeit haben, darüber nachzudenken.“

Sie umschloß ihn noch einmal mit ihren Armen und küßte seinen Mund. „Lebe wohl – lebe wohl, mein Theuerster!“ rief sie ihm zu und verschwand. – –

Den nächsten Tag packte Frau von der Wehr die Koffer und ordnete alle ihre Angelegenheiten im Hause.

„Reisen wir denn wirklich, liebste Mutter?“ fragte Irmgard überglücklich.

„In kleinen Touren der Heimath zu,“ war die Antwort; „morgen mit dem Frühesten.“

Sie schrieb bis spät in die Nacht hinein.

Als Werner am Vormittag eintraf, fand er die Wohnung geräumt. Man übergab ihm einen Brief, den die fremden Herrschaften für ihn zurückgelassen.

Er öffnete ihn im Pavillon, aber nachdem er die ersten Zeilen gelesen hatte, entfiel er seiner zitternden Hand. „So war’s gemeint,“ bebten seine entfärbten Lippen, „das war für’s ganze Leben!“

(Fortsetzung folgt.)
[45]
Die Mutter des großen Doctor Martin.

Wenn ich des Reformationsfestes gedenke, ersteht auch jedesmal vor mir das Bild meiner lieben Vaterstadt Weimar; mir ist, als sei es erst gestern gewesen, daß ich mit einer ganzen Schaar von Schulkindern hinzog nach dem sogenannten Luthergäßchen, wo die Currendschüler unser herrliches Hohelied: „Eine feste Burg ist unser Gott!“ sangen, zum Andenken daran, daß Luther bei seinem Aufenthalte in Weimar von seiner Wohnung im Vorwerke durch dies Gäßchen in die Stadtkirche gegangen, um zu predigen, und daß er selber einst in Eisenach ein armer Currendschüler gewesen sei. Jetzt ist das Alles anders geworden; die heute sogenannte Luthergasse entspricht nicht eigentlich unserem Luthergäßchen von damals, und der alte Brauch, am 31. October dort das Lutherlied zu singen, hat auch schon seit einer Reihe von Jahren aufgehört. Damals aber, im Anfange der vierziger Jahre, zogen wir großen und kleinen Mädchen in später Abendstunde, ich meine, es wäre um acht Uhr gewesen, zusammen in’s Luthergäßchen. Und wenn wir dann wieder nach Hause kamen und uns im traulichen Stübchen erwärmt hatten, dann holte der Vater ein altes Erbstück hervor, ein ganz vergriffenes Buch; ich weiß nicht einmal, ob es lateinisch oder deutsch geschrieben war; ich erinnere mich aber sehr gut und werde es nie vergessen, so lange ich selbst noch den Reformationstag auf Erden mitfeiere, wie er dann mit seiner armen, kranken Stimme vorlas: „Irmensula Lutheri oder Irmensäule zum Ehrengedächtniß des großen Lutheri“.

Margaretha Lutherin,
eine geborene Lindemännin aus Eisenach.

Und dann folgte, ein Jahr wie das andere, die ausführliche Beschreibung, wie dasjenige Haus, darin Luther zu Eisleben geboren worden, von dem Rathe daselbst auferbaut und am 31. October 1693 zu einem Almosenhause, auch Schreib- und Rechenschule eingeweiht worden, welches der Schreiber des Buches, Herr Gottfried Vogler, Stadtvoigt zu Eisleben, der ganzen evangelischen Kirche durch sein Schriftlein wollte kund machen. Und dann erzähle uns der Vater mehr als er las, obgleich er das Buch immerfort in Händen hielt, ausführlich, wie Luther’s Mutter Margaretha, geborene Lindemann, am 10. November 1483, Abends elf Uhr, in diesem Hause ihr Söhnlein Martin geboren, der dann später durch Gottes weisen Rathschluß der große Reformator geworden sei. Und wir beklagten gar sehr die arme Frau und das kleine Kind, das fast wie unser liebes Jesulein, ohne Vorbereitung auf der Welt empfangen worden war; denn seine Mutter war nur von Mansfeld nach Eisleben zum Jahrmarkte gegangen, und da wurde unerwartet das Söhnchen [46] geboren, in dem Hause, das vor Jahren die „Gartenlaube“ schon zur Anschauung gebracht hat. Und als der damals ungebeten gekommene Erdengast längst von der Welt geschieden, ist das Häuschen „zu mehreren Malen in großer Feuersgefahr gewesen, aber immer wunderbarlich daraus gerettet worden“. Zum Exempel Anno 1653, wo fast zweihundert Häuser und Scheunen rund um genanntes Häuslein im Feuer darauf gegangen, ist dasselbe auch durch göttliche Schickung erhalten geblieben. Aber Anno 1689 ist es doch durch das grausame Element zerstört worden, und da hat sich denn der gottesfürchtige Rath zu Eisleben entschlossen, unter Mithülfe anderer Städte (wir besitzen noch den Rathsbrief, unterzeichnet von dem Stadtvoigt, den Richtern und dem Rathe, an die Stadt Rostock in dieser Angelegenheit), „solches Haus als ein ewiges Gedächtniß nicht allein zu conserviren, sondern auch eine Schule für die gar kleine Jugend darinnen anzurichten.“

Das damals erbaute Haus wurde eine Freischule für arme Waisen, die freilich im Lauf der Zeiten nur nothdürftig ihr Leben fristete, bis Friedrich Wilhelm der Dritte die Schule in seinen Schutz nahm und sie zur Luther-Freischule erhob. Jetzt steht ein gar stattliches Gebäude, das Lehrer-Seminar, hinter dem alten Lutherhause.

Das las unser Vater uns jeden Luthertag vor, das wurde für uns die lebendige Irmensula Lutheri. Die einfache Erzählung wurde die Grundlage für unsere Kenntniß der Reformationsgeschichte, sie umhegte unsern Katechismus wie ein immergrüner Zaun, an dem wir zu jeder Zeit Blüthen und Früchte pflücken konnten. War die Lectüre beendet, dann öffnete der Vater die graue Mappe, die wir Alle kannten, darin lag, sorgfältig zwischen Seidenpapier verwahrt, das Bild der Mutter unseres Luther, das mein Vater schon von seinem Großvater ererbt hatte und das nun in meinen Besitz übergegangen ist. Damals hatte ich keine Idee, daß es mir eines Tages leid sein würde, die vergriffenen Enden und Ränder des Bildes durch Abschneiden des ausgefranzten Papieres „ordentlich“ gemacht zu haben: der Name des Malers und des Kupferstechers sind dadurch verloren gegangen. Es mag wohl aus einem Druckwerke stammen; denn es war im 18. Jahrhundert gebräuchlich, schöne werthvolle Stiche aus den Büchern herauszuschneiden und sie zum Zimmerschmuck zu verwenden. So sind aus dem mir von der königlichen Bibliothek in Berlin wohlwollend übersandten Werke: „Das Leben Hans Luther’s und seiner Ehefrau Margarethe Lindemännin etc.“ (herausgegeben von Friedrich Sigmund Keil, Rev. Min. Cand. Leipzig, verlegt von Michael Blochberger, Buchhändler, 1752), dessen Titelblatt ausdrücklich sagt: nebst ihren Bildnissen, und in dem von der Universitätsbibliothek in Bonn freundlich zur Benutzung überlassenen „Leben, Meinungen und Schicksale des Martin Luther, mit Kupfern von Joh. Friedr. Wilh. Motz“ (Halle, Joh. Jac. Gebauer 1796), die Bildnisse herausgeschnitten. In keines der beiden genannten Bücher paßt jedoch das Format des Bildes, das ich hiermit der Veröffentlichung übergebe. Vielleicht gehörte es zu dem Erinnerungsblatt, das in Nürnberg im Verlage des Balthasar Caymex von Ludwig Lochner auf einem Regalbogen gedruckt und „zu unseres Luther’s Eltern allerseligem Gedächtniß“ herausgegeben wurde; leider kann ich nicht vermelden, in welchem Jahre solches geschehen. Vielleicht weiß einer der gelehrten Herren Kupferstichsammler, woher unser in der Schabmanier oder Schwarzkunst gearbeitetes Bild eigentlich stammt.

Bei jeder künftigen Wiederkehr des Reformationsfestes aber und des Geburtstages Luther’s sollte eine Erinnerung an die Mutter des großen Mannes eine bescheidene „Irmensul Lutheri“ werden, als Festzugabe für jene Tage.

Zwischen Salzungen und Eisenach liegt das kleine Dorf Möhra. Dort lebte in dürftigen Verhältnissen ein rechtschaffener Bergmann und Schieferhauer, Hans Luther, unseres Martin’s Vater. Er stammte aus einer gar ansehnlichen Familie; schon in einer vom Kaiser Rothbart gestifteten Kirche in Ingingen in Kärnthen ist eine der in Stein gehauenen Figuren mit dem Namen Lutherus bezeichnet. Das will freilich nicht viel sagen, da man ja auf diese Weise auch des frommen Ludwig Sohn Lothar, im 9. Jahrhundert, als den Ahnherrn des Reformators ansehen müßte. Sicherer ist, daß seine Familie mit dem alten Siegel Derer von Luther siegelte , welche durch Kaiser Sigismund im 14. Jahrhundert Adel und Wappen erhalten hatten, ja, daß selbst unser Martin sich dieses Siegels bediente, bis er in seines Herzens tiefer Noth, als alle Welt ihm nach Leib und Leben gestanden, sich eines neuen Siegels bediente, das symbolisch sein Vertrauen und seine Gläubigkeit ausdrückte: die aus des Vaters Siegel beibehaltene Rose im himmelblauen Felde, „mit einem grünen Kränzlein umgeben, und mitten in der Rose ein Herz, und auf dem Herz ein golden Kreuz, dazu geschrieben stand: des Christen Herz auf Rosen geht, wenn’s mitten unter Dornen steht.“ – Vermeine übrigens, der Martinus Luther wird’s mit den Ahnen gehalten haben, wie der Kaiser Napoleon, der seinen mühsam von schmeichlerischer Hand zusammengestellten Stammbaum in Stücken zerriß, weil mit ihm selbst ein neues Geschlecht beginne.

Wie der Vater unseres Luther die Bekanntschaft seiner späteren Eheliebsten gemacht, wird uns nirgends berichtet. Wir wissen nur, daß er zur Führung seiner Haushaltung zu seiner Gehülfin Jungfer Margarethen, aus dem alten Geschlecht der Lindemänner zu Eisenach erwählte und sich mit derselben ehelich trauen ließ. Jahr, Monat und Tag, wann solches geschehen, können wir ebenfalls nicht mehr genau angeben; es mag um 1479 gewesen sein. Wie alt sie war, als sie in den Ehestand trat, ist auch nicht in Erfahrung zu bringen gewesen. Wohl aber wissen wir, daß ihre Eltern sie zu aller Gottesfurcht, Haushaltung und anderen Tugenden erzogen, sodaß, „obgleich sie ebenfalls kein großes Vermögen besessen, Hans Luther doch seine eheliche Liebe auf sie warf“. Abweichend von anderen Berichterstattern erzählt Magister Nicolaus Rebhahn in seiner Kirchenhistorie, daß sie bei Luther’s Geburt bereits von Möhra nach Mansfeld gezogen waren. Sie waren recht arm, Hans und Margarethe; „Gott hatte ihnen aber Beiden einen festen Körper gegeben, sodaß sie ihren Beruf sorgfältig und unverdrossen in Acht nehmen konnten.“ Der Vater arbeitete unermüdlich im Bergwerk, die Mutter trug ihr Holz auf dem Rücken heim; ihr großer Sohn berichtet uns selbst, daß sie „sich’s haben blutsauer werden lassen, wie es zu seiner Zeit fürwahr die Leute nimmer thäten“. Und wie sie hart und streng gegen sich selbst sein mußten, so waren sie’s auch gegen ihre Kinder, deren sie eine große Zahl hatten, denn gegen die gewöhnliche Annahme von sechs Kindern spricht Luther selbst in seinen Briefen, indem er neun Schwäger, die Männer seiner Schwestern, erwähnt.

Die uns mit Namen bekannten Kinder sind, außer zwei an der Pest verstorbenen Söhnen: unser Martin, Jacob, Barbara, Dorothea, Maria, Katharina. Die Mutter mag wohl ein hart Stück Arbeit bei der Erziehung der vielen Kinder gehabt haben, da der Vater viel aus dem Hause sein mußte, und unser Luther preist noch in späten Jahren der Eltern große Strenge an ihm, wenn er auch nicht verkennt, daß, obgleich sie es gut meinten, sie doch nicht die Charaktere zu unterscheiden wußten, nach welchen Strafen einzurichten. Er wurde gar hart gehalten, die Mutter stäupte ihn einst wegen einer geringen Nuß bis auf’s Blut. Und als sie ihn in die Schule brachten, er war damals so klein, daß der Vater ihn auf den Armen dahin tragen mußte, da wurde er auch nur der Strenge, nicht der Nachsicht des Lehrers empfohlen, und der gebrauchte das ihm verliehene Recht in vollem Maße; fünfzehnmal hat er den armen Martin in einem Vormittag „gestrichen“. Er wurde schüchtern, der arme Knabe, und bekennt selbst, daß ihn die übergroße Strenge später in’s Kloster getrieben habe.

Aber der große Sohn hielt die Eltern doch bis an’s Ende ihrer Tage hoch und werth, denn er wußte eben, sie meinten es herzlich gut, auch als sie ihm anfänglich die Erlaubniß zum Eintritt in’s Kloster verweigerten und später nur halbe Einwilligung zur Verheirathung mit seiner lieben Käthe gaben.

Was hatten die Eltern nicht um ihn zu leiden gehabt! Als Luther’s Lehre den alten bösen Feind mit Macht und viel List gegen ihn in die Waffen rief, da griff Unverstand und böser Wille auch die Ehre der Mutter an. Man lebte ja in der Zeit des Dr. Faust, der da in Verbindung mit dem Bösen seine Werke vollbrachte, wie das Volksbuch jener Tage uns berichtet, und der Böse, so glaubte die Menge, zog um unter jeglicher Gestalt und verführte die Herzen thörichter Jungfrauen, sodaß sie der teuflischen Buhlschaft sich hingaben, und dies Entsetzliche dichtete der Aberglaube ober vielmehr der böse Wille auch der Mutter Luther’s an. Vor ihrer Verheirathung, so habe sie selbst einer Freundin berichtet, sei ihr der Böse als ein junger Gesell in rothen Kleidern erschienen, und sie sei die Seine geworden, und [47] Luther so des Bösen Kind. (Petrus Sylvius nach P. Kreutz.) Und die arme Frau erfuhr solche gemeine Reden nur zu bald, aber sie ertrug Lästerung und Schmach, Spott und Verachtung um ihres Sohnes willen mit geduldigem Gemüth. War ja doch ihr Eheherr ihr eine feste Stütze in diesem schweren Leid! Und die Achtung des Sohnes, und der mit ihm zugleich am großen Werke arbeitenden Männer, eines Melanchthon und Anderer, mag sie getröstet haben über den Unverstand der Menge, der sie anfänglich wohl tiefer getroffen hat, als man jetzt glauben möchte. Sie war ja auch ein Kind ihrer Zeit und nicht frei von dem Aberglauben derselben, wie Luther uns in seinen Tischreden erzählt, daß seine Mutter viel von ihrer Nachbarin, einer Zauberin, geplagt worden sei, und wie sie dieselbe auf’s allerfreundlichste und herrlichste habe halten müssen, damit sie ihr nicht die Kinder verhexe. Vielleicht wurde sie erst durch die traurige Erfahrung, die sie machen mußte, und durch welche sie die Verblendung des Aberglaubens recht deutlich einsah, die Frau, als welche Melanchthon sie rühmt, „auf die alle anderen ehrlichen Weiber als auf ein Exempel und Vorbild der Tugend sehen konnten.“ Und als im Jahre 1520, am 25. November, Melanchthon sich ein Ehegemahl nahm, da durfte die einfache Frau, die einst das Holz auf ihrem Rücken in’s Haus getragen hatte, um den Ihren die einfache Mahlzeit bereiten zu können, mit ihrem lieben Hans nicht an der Tafel fehlen, ja, Beide saßen unter den Ehrengästen.

Ihre Kinder, und vor Allem ihr herrlicher Sohn Martin, hielten sie sehr hoch und werth; ebenso die Schwiegertochter Käthe und deren Kinderschaar. Wie der Reformator schon früher sein Buch von der Klosterzucht seinem Vater gewidmet hatte, so hat er beider Eltern Andenken dadurch zu verewigen gesucht, „daß er ihre Namen in sein Traubüchlein unter der Formel: ‚Hans, willst Du Grethchen zum ehelichen Gemahl haben?‘ zusammengesetzt und hierdurch seine Dankbarkeit für alle ihre Wohlthaten öffentlich annoch bei ihrem Leben an den Tag gelegt“. Margarethe Luther hatte noch das unsägliche Glück, alle ihre Kinder wohl versorgt und sich und ihren Hans selbst in recht guten Umständen zu sehen. Der Gatte wurde schon wenige Jahre nach ihrer Uebersiedelung nach Mansfeld wegen seiner allgemein bekannten Rechtlichkeit in den Rath des Städtchens gewählt; der Gewinn seiner Arbeit war so beträchtlich gewesen, daß er angefangen hatte, sich ein hübsches Vermögen zu sammeln. Grethe trug nicht mehr das Holz auf dem Rücken aus dem Walde heim, sondern saß ruhig in ihrer blüthenweißen Faltenhaube in ihrem hübschen Häuschen, Kinder und Enkel umgaben sie, und Freude war der tägliche Gast im Hause der alten Leute. Da traf das treue Herz der Gattin der schwerste Schlag; sie verlor am 29. Mai 1530 den wackeren Lebensgefährten, und von der Zeit an neigte sich auch ihre Lebenskraft dem Ende zu. Martinus Luther hatte den Tod des Vaters vorausgeahnt. Ihm träumte nämlich, ein großer Zahn sei ihm ausgefallen, und das deutet in Sachsen der Aberglaube noch bis auf den heutigen Tag auf einen nahen Todesfall in der Familie. Wie Luther sich den Tod des Vaters zu Herzen nahm, berichtet uns Magister Veit Dietrich: seine fürsorgliche Käthe sandte ihm, um ihn zu trösten, auf die Veste Coburg, woselbst er sich während des Augsburgischen Reichstags aufhalten mußte, das Bild seines lieben Töchterchens Lenichen, das er ja auch früh durch den Tod verlieren sollte. Wie sich die alte Frau Margarethe gegrämt, erzählt uns kein Chronist; aber wir wissen, sie starb an ihrer Trauer; ein Jahr nach dem Tode ihres Hans, am 30. Juni 1531, segnete auch sie das Zeitliche. Ihr großer Sohn war in ihrer Scheidestunde von der Erde ihr fern; seine größeren Pflichten gestatteten ihm nicht die weite Reise zur geliebten Mutter. Aber „seine kindliche Pflicht hatte er doch insonderheit in Acht genommen. Als sie von Gott auf das Krankenbett geleget ward, und als er vermuthete, daß dieses ihr letztes Lager sein dürfte, wollte er der kranken Mutter mit Trost beistehen, weil er selbst nicht gegenwärtig sein konnte“. Und so schrieb er ihr den schönen Brief, der uns in seinen gesammelten Schriften aufbewahrt ist, und dessen Anfang und Ende lautet:

„Meine herzliebe Mutter! Ich habe die Schrift meines Bruders Jacob von Eurer Krankheit empfangen, und ist mir ja herzlich leid, daß ich nicht kann leiblich bei Euch sein, wie ich wohl gerne wäre. – Der Vater und Gott alles Trostes verleihe Euch durch sein heiliges Wort und Geist einen festen, fröhlichen und dankbaren Glauben, damit Ihr diese und alle Noth mögt seliglich überwinden, und endlich schmecken und erfahren, daß es die Wahrheit sei, da er selbst spricht: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Und befehle hiermit Euer Leib und Seele in seine Barmherzigkeit. Amen. Es bitten für Euch alle Eure Kinder und meine Käthe; etliche weinen, etliche essen und sagen: die Großmutter ist sehr krank. Gottes Gnade sei mit Euch und mit uns Allen. Amen. Sonnabend nach Himmelfahrt, 1531.

Euer lieber Sohn
Dr.Martin Luther.“

Und im festen Glauben an diese göttliche Barmherzigkeit, in deren Hände sie der ferne Sohn befohlen, ist sie verschieden. Derselbe Geistliche, M. Coelius zu Eisleben, der von den erbleichenden Lippen der Eltern das Bekenntniß ihres Glaubens gehört, der Margarethen und ihrem geschiedenen Eheherrn den letzten Segen nachgesprochen, hörte auch von dem sterbenden Reformator, „dem lieben Mann Gottes“, fünfzehn Jahre später die letzte Anrufung des göttlichen Namens.

Die allbekannten Züge Luther’s finden sich in dem Gesicht der Mutter treulich wieder. Es liegt etwas Festes, Entschlossenes um diese Lippen, ein klares und verständiges Ausschauen in diesen Augen; Strenge, ja wohl Eigensinn in dem breitauslaufenden Nasenrücken; behäbige Lust am Leben in dem weichgerundeten Kinn. Und so mögen diese Zeilen ihr Angedenken unter den deutschen Frauen wieder lebendig machen, damit die Frau, die uns den starken Glaubenshelden, den großen Dichter erzogen, nicht vergessen werde. Möchten diese Worte zu ihrer Erinnerung ebenfalls sein eine bescheidene Irmensul Lutheri!

L. Schneider.





Boarische Wirthshäusl.[1]
Zwei Gedichte in oberbairischer Mundart von Carl Stieler.

Der alte Wirth is voller Gift
Und arbeit’ rum und schreit:
„Jetzt is heunt wieder ’s ganze Haus
Ganz voll von fremde Leut!

5
Die Tröpf! I bin der alte Wirth

Und hab mi’ g’ärgert gnua.
I trink mei’ Bier schon selber aus,
Und na will i mein Ruah!

Wirthshäuser gibts ja g’nua im Dorf –

10
Es is zum Teufelholen,

Daß all’ die Tröpf, die fremden Leut
Grad da zu mir ’rein wollen!“






A Herrschaft hat im Wirthshaus g’wohnt
Da drunt am Zellergraben.
Jetzt wird der Herr am Abend krank
Und möcht a Suppen haben.

5
Sei’ Frau geht selm in d’Kuchl ’na‘[2]

Und bitt’ an Wirth halt nacha:[3]
Ob’s nit a Suppen kriegen kunnt
Und daß s’ ihr oane macha.

„Ja,“ sagt der Wirth, „die is schon da,

10
Jawohl, Sie krieg’n schon oane,

Aber dös sag i Ihna schon –
G’macht hätt i Ihna koane.“

[48]
Aus dem Herzensleben einer geistvollen Frau.

Die Jägerstraße in Berlin hat noch heute inmitten des brausenden, hastigen Treibens der Geschäftsgegenden der großen Stadt einen überwiegend friedlich-heiteren Charakter. Am Ausgang des vorigen Jahrhunderts konnte man sie einsam und vornehm nennen. Eins ihrer behäbig erbauten Häuser wurde damals von der reichen jüdischen Familie Levin bewohnt, und seit Jahren schon war es fast Tag um Tag, an einzelnen Abenden in der Woche besonders, das Ziel meist vornehmer Besucher. Und noch Jahre lang später sollte es in dieser Weise sich ausgezeichnet sehen. Equipagen rollten vor mit männlichen und weiblichen Angehörigen der aristokratischen und diplomatischen Kreise; in den Zimmern der Familienwohnung fanden sich des Abends immer wechselnde Gruppen aus der Welt des geistigen Adels ein. Unzählige Berühmtheiten, die man heute nicht mehr nennt, wie solche, deren Namen die Zeit noch nicht verwischen konnte – ein Humboldt, Schleiermacher, Prinz Louis Ferdinand, Schlegel, Gentz, Varnhagen, Tieck, Fouqué – sind dort ein- und ausgegangen; ausgezeichnete Fremde aus allen Ländern haben sich fort und fort daselbst Stelldichein gegeben. Kein zweites Haus in Berlin war so lange und so ausgesprochen ein Mittelpunkt vornehmer Geister und Menschen, wie dieses.

Und wie oft stiegen die enger Befreundeten aus diesen weitgezogenen Kreisen in die Dachzimmer hinauf, wo in einer dieser „Mansarden“ in aller bürgerlichen Einfachheit Diejenige wohnte, welche einzig und allein die Anziehungskraft des so vielbesuchten Hauses bildete – die Tochter, Fräulein Rahel Levin, immer nur einfach Rahel genannt, und als solche von den Hervorragendsten unter ihren Zeitgenossen gekannt und verehrt.

Die Ursache einer so großen und andauernden, einer so außergewöhnlichen Wirkung dieses Weibes auf Alle, die ihm nahe kamen, lag nicht etwa in einem begehrenswerten Reichthum desselben; denn Rahel hielt mit einem ihr ausgesetzten Jahreseinkommen von nur zwölfhundert Thalern diesen glänzenden Hof, und in dem Hause gab es keinerlei Feste des materiellen Wohllebens. Sie war auch nicht schön, selbst nicht in den Blüthenjahren ihrer Jugend. Sie selber schildert sich einmal allzu abfällig in ihrer Erscheinung: „Ich habe keine Grazie. Das denk’ ich schon sehr lange. … Doch es ist ausgemacht, daß ich eklig bin … ich bin unansehnlicher als häßlich.“ Dennoch, wenn man ihre Büste anschaut, wie sie in ihrem fünfundzwanzigsten Jahre der Meißel Friedrich Tieck’s in marmornen Relief darstellte und wie sie in photographischer Abnahme eine neueste Sammlung ihres Briefwechsels[4] schmückt, so wird man frappirt sein von der classischen Pracht dieses Kopfes mit einem Antlitze, durchleuchtet von Geist.

Nichts als ihr Geist war denn auch der Magnet, der so zauberhaft wirkte und sie zu einer Hohenpriesterin inmitten einer stets sich erneuenden Gesellschaft machte, wo das Schöne und Edle in der Menschennatur seinen weihevollen, fast enthusiastischen Cultus fand. Dies allein machte sie von ihrer Jugend bis zur sechszigjährigen Frau zum „Salz und Quirl“ eines glorreichen Geisterkreises. „Ueberall,“ so suchte ihr späterer Gatte Varnhagen das Geheimniß ihres wunderbaren Einflusses zu enträthseln, „Natur und Geist in frischem Wechselhauche, überall organisches Gebild, zuckende Faser, mitlebender Zusammenhang für die ganze Natur, überall originelle und naive Geistes- und Sinnesäußerungen, großartig durch Unschuld und durch Klugheit, und dabei in Worten wie in Handlungen die rascheste, gewandteste, zutreffendste Gegenwart. Dies Alles war durchwärmt von der reinsten Güte, der schönsten, stets regen und thätigen Menschenliebe, der lebhaftesten Theilnahme für fremdes Wohl und Wehe. Die Vorzüge menschlicher Erscheinung, die mir bisher einzeln begegnet waren, fand ich hier beisammen: Geist und Witz, Tiefsinn und Wahrheitsliebe, Einbildungskunst und Laune, verbunden zu einer Folge von raschen, leisen, graziösen Lebensbewegungen, welche, gleich Goethe’s Werken, ganz dicht an der Sache sich halten, ja diese selber sind, und mit der ganzen Macht ihres tiefsten Gehaltes augenblicklich wirken;, neben allem Großen und Scharfen quoll aber auch immerfort die weibliche Milde und Anmuth hervor, welche besonders den Augen und dem edlen Munde den lieblichsten Ausdruck gab, ohne den starken der gewaltigsten Leidenschaft und des heftigsten Aufwallens zu verhindern.“

Stürmische Leidenschaften in Männerherzen, wie die innigsten verehrungsvollen Neigungen haben sie in jungen Mädchenjahren und lange darüber hinaus umworben; in stürmischen Leidenschaften und in seelenvoller Hingebung hat Rahel darüber ihre reiche Herzenswelt bis in alle geheimsten Tiefen aufgerührt gefühlt. Als Muster wollen wir diese Wechsel gewaltiger Herzensstürme nicht aufstellen. Aber Genialitäten, wie die Rahel’s, bilden eben Ausnahmen, und man darf sie nicht mit dem Maßstab der Durchschnitts–Philisterhaftigkeit messen wollen; in der Vergeistigung ihres ganzen Wesens, wie sie ihr eigenthümlich gewesen, gingen alle Empfindungen Rahel’s über das Maß des Alltäglichen hinaus, in’s Dämonische, in nervöseste Schwingungen, in einen Kampf mit sich selbst und mit der Wirklichkeit der Dinge, in dem sich wie selten die Wahrheit und das Geheimnißvolle einer zu reifster und höchster Entfaltung gekommenen weiblichen Natur offenbart.

Im Jahre 1796 kam in das Levin’sche Haus in der Jägerstraße auch der junge Graf Karl von Finckenstein, der Sohn des damaligen preußischen Staatsministers. Er war vierundzwanzig Jahre alt, ein schöner, junger Mann von gewinnender Liebenswürdigkeit, von Gemüth und Bildung. Hellblonde Haare umlockten sein Antlitz und fielen nach der Pariser Mode jener Tage nach hinten auf die Schultern, nach vorn in die Stirn herab. Mit blauen Augen, fein geformter Nase, einem anmuthigen Kinn, erschien sein Gesicht, bartlos wie es war, fast mädchenhaft anmuthig. Rahel war im fünfundzwanzigsten Jahre und noch hatte sie nicht geliebt. Aus ihrem so reichen, schon vom sechszehnten Lebensjahre her gesammelten und so außerordentlich geständnißreichen Briefwechsel verräth nichts eine ernstere Neigung vor der Bekanntschaft mit Graf Finckenstein. Um so mächtiger erfaßte sie jetzt die Gluth der Leidenschaft zu diesem, der sie durch sein Bewerben aufgerufen hatte. Er erkor sie zu seiner Braut, zum Trotz seiner Familie, die in eine solche ihr unebenbürtig scheinende Verbindung nicht willigen wollte; er huldigte ihr wie dem Ideal seines Lebens, von dem keine Macht der Erde ihn trennen könne, und sie, nachdem das aus dem Schlummer geweckte Verlangen nach Liebe sie mit aller Leidenschaft erfüllte, ging in derselben mit ihren ganzen Wesen auf, Sein oder Nichtsein in der Weihe dieser höchsten Empfindung suchend. Zwei Jahre lang tauschten sie sich die Sehnsucht und die Hoffnung ihrer Herzen aus; die süßesten Geständnisse der Liebe legte Finckenstein derjenigen zu Füßen, die ihm das Höchste im Leben bedeutete; die innersten Falten ihrer Seele enthüllte ihm Rahel unter der Wonne und Qual, die ihr eine Leidenschaft bereitete, deren unglücklichen Ausgang sie schon ahnte. Während dieser Zeit war der junge Graf zu diplomatischem Dienst nach Rastatt auf den Congreß geschickt worden. Er hatte die Briefe Mirabeau’s an Sophie gelesen, und bewundernd schrieb er darüber an Rahel: „Diese Wahrheit, diese Tausendseitigkeit, diese Klarheit, diese Energie der Empfindung fand ich im Leben nur bei Dir, mein geliebter, einziger Engel; auf jeder Seite habe ich an Dich gedacht, alles erinnerte mich an Dich und an das, was Du für mich sagtest und dachtest und empfindest und thatst, was wie mit Feuer in meine Seele geschrieben steht.“ Ihre geistige Ueberlegentheit war ihm längst Ueberzeugung und bildete seinen Stolz. „Wäre ich nicht ein elender, nichtswürdiger Mensch, wenn mir das Glück eines Wesens nicht am Herzen läge, das für mich Alles that, was ein Mensch nur für den andern thun kann?“ „Wer mit Dir gelebt hat, wie ich, kann den Eindruck Deines Wesens nie verlieren, nichts in der Welt kann ihm das ersetzen, was er bei Dir hatte; Du hast meine Bildung vollendet und mußtest sie vollenden; Du hast meinem Wesen Charakter, Gestalt gegeben, indem Du Allem, was noch so todt und unbewegt in ihm lag, Leben und Bewegung gabst und es mit dem Bilde Deines Wesens ausprägtest.“

Ueberschwänglich, wie sie fühlte, rief sie in ihren Briefen nach ihm mit verzehrender Sehnsucht. Aber die Zaghaftigkeit und Leichtfertigkeit seines Wesens marterte und empörte sie doch [49] auch; sie wußte schon, daß Finckenstein dem Willen seiner Familie sich fügen und sie trotz seiner Schwüre verlassen werde, daß ihr Verhältniß mit ihm ein „abgetragenes“ sei. „Wenn Du mich in Verzweiflung siehst, hast Du Mitleid mit mir; sage nichts.“ Sie gab ihn frei, sie gab ihm sein Wort zurück und er nahm es mit der Beschämung eines als schwächlich erkannten Charakters. In ihrem edlen Stolze und in der hohen Meinung, die sie von sich hegte, entsagte sie ihm, weil sie kein gemachtes, falsches Glück wollte. Noch bis Anfang 1800 ertrug sie sein unnützes Klagen, daß er sie verlieren solle; dann gab sie ihn für immer auf.

Doch sie begrub diese Liebe nicht zu den Todten; ihre davon erfüllte Natur entlud sich in Schmerz und Ungestüm und begehrte einen anderen, ihrer würdigen Gegenstand zu umfassen. „Liebe thut wohl,“ schrieb sie sich in ihr Tagebuch. „Man merkt es gleich, wenn sie Einem entzogen wird. Wir leben gleichsam in einer allgemeinen Kälte, wir wissen es oft nicht, wer in unserer Nähe uns vor der kalten Luft schützt, bis er sich entfernt und uns ihr aussetzt, wie in einem wirklich kalten Zimmer, wenn einer, der neben uns saß, den Platz verläßt.“ In der gewonnenen Erkenntniß ihres Herzensreichthums, mit dem sie zu lieben vermochte, klagte sie den Schmerz darüber aus, sich mit all dieser Liebesfülle doch nicht das Glück ihres Lebens verschaffen zu können.

„Lieben muß ich,“ gestand sie sich, „und es ist ja echt menschlich, daß nach dem Zusammenbruche einer Hoffnung des Herzens dasselbe um so sehnsüchtiger nach einer anderen verlangt, die öde Leere, nun so fühlbar, wieder auszufüllen.“ Nach dem Bruche mit Finckenstein erkrankte Rahel schwer, und unternahm, als sie wieder genesen, eine Erholungsreise nach Paris. Es war Anfangs des Jahres 1801. In den gesellschaftlichen Cirkeln, die sich ihr dort eröffneten, lernte sie einen jungen Hamburger kennen, einen Kaufmann Bokelmann, aus angesehener Familie seiner Vaterstadt. Die Verehrung, welche er ihr entgegentrug, bildete für Rahel den Trost, den sie suchte; die Liebe, welche Finckenstein getäuscht, rankte sich an diesem hübschen, jungen und gebildeten Manne schnell wieder zu neuer Hoffnung empor. Die Leidenschaft, wie sie zuerst emporgelodert, stolz und mächtig ihre Flammen geworfen, die war wohl dahin; doch unter der Asche lag noch die Gluth. In solch ruhiger Innigkeit ging ihre Liebe zu Bokelmann auf und beglückte sie, weil er sie erwiderte. Aus einer „Gruft von Glück“ erhob sie sich, um nochmals auf das Glück des Lebens zu vertrauen. Sie wünschte, sie hoffte auf seinen Besitz und, wie immer, machte sie aus ihren Empfindungen und Gedanken kein Hehl. Bokelmann war nach Spanien gereist, und Rahel, noch immer in Paris, drückte ihm in solcher Offenherzigkeit ihre Sehnsucht nach ihm aus: „Wundern Sie sich nicht; ich kann dem Strome in mir nicht widerstehen. Was ich auffasse, umfasse ich in dem ganzen Umfange, der für mich da ist, und in meiner ganzen Tiefe, gleich, sehr geschwind.“ Bei alledem aber auch gegen ihn der weibliche Stolz, den sie dem Grafen Finckenstein bezeigte; auch an Bokelmann schreibt sie: „Ich fordere Nichts von Ihnen, nichts, auch im tiefsten Innern nichts – als daß Sie glücklich sein sollen, frei, frei nach allen Seiten hin.“

Aber das gehoffte Wiedersehen mit dem neuen Freunde, der in Cadix blieb, fand nicht statt, Rahel ahnte, daß auch diesmal nur eine Täuschung ihrer Liebe ihr beschieden war; sie wollte wenigstens Bokelmann’s Freundschaft behalten. „Werd’ ich Ihnen in jedem lebendigen Spiel im Leben immer gegenwärtig sein, oder muß ich meinen Freund verlieren?“ – Dennoch erklärte sie, „sogar des lieblichsten Genusses Glück zu entsagen“, ihn nicht wieder sehen zu wollen. „Nur verändern Sie sich nicht, verstehen Sie mich immer, daß ich Ihnen Alles sagen darf; haben Sie keine Vorurtheile, bleiben Sie in jedem Sinne des Wortes frei. Dies ist mein Wunsch, meine Angst, mein Schmerz für dieses Leben; das Gegentheil – mein Stolz, mein Glück.“ Nur nichts weis machen, bat sie ihn, nur nicht lügen!

Dazu war Bokelmann zu ehrenhaften Charakters; aber er verhehlte ihr doch nicht, daß sie auf eine Ehe mit ihm nicht rechnen möge, oder doch auf längere Zeit nicht. So entsagte Rahel nach einer zweijährigen Bekanntschaft mit diesem Manne wieder einer Hoffnung, und blieb auch noch ein Rest derselben in ihrem Herzen, ihr Verstand hatte bereits die Lage wieder beherrscht, das bezeugt ihr letzter Brief an Bokelmann. „Ich erschrecke nicht, daß Sie mir sagen, Sie werden so lange wegbleiben; ich dachte es mir nie anders und halte unsere Trennung überall einmal als eine Trennung. Ich weiß nicht, was gut wäre, da die Dinge einmal sind. – Jetzt ist es auch mir lieb, Sie nicht wiedergesehen zu haben, und ich betrog willig bei Ihrer Abreise mein schmerzensreiches Herz. (Es läßt sich doch betrügen.) Jetzt ist Alles wieder ohne Wunden und ohne Thränen; schon lange. Ich bin auch etwas grausam geworden; Ihr Schmerz scheint mir kein rechter. Und dann scheinen Sie mir so glücklich gegen mich. Und, wenn Sie wollen, kommen Sie wieder. Es wird Ihnen und mir noch viel Leben indessen zukommen; seien wir immer vergnügt, vielleicht wär’s hübscher nur häßlicher. Davon bin ich ganz durchdrungen; so muß ich jetzt denken.“

Bokelmann wurde in Cadix dänischer Consul, kam dann 1806 nach seiner deutschen Heimath zurück und erhielt das dänische Generalconsulat in Hamburg. Erst im Jahre 1820 verheirathete er sich mit einer Amsterdamer Banquiertochter.

Inzwischen, kaum daß sie ihrer Hoffnung auf Bokelmann entsagt, wurde Rahel dennoch von einer neuen Liebesleidenschaft ergriffen, so gewaltig, so ihr ganzes Wesen erfüllend und verzehrend, daß man in der That hier vor einem psychologischen Räthsel steht. Aber es löst sich, wenn man die Rahel’sche Natur in einer so hochwogenden Bewegung sich vorstellt, daß ihr die Sammlung noch nicht möglich geworden. Ihr aufgerufenes Bedürfniß nach Liebe, zweimal getäuscht, erhob sich nun ein letztes Mal mit der Gewaltsamkeit, ja Großartigkeit der Verzweiflung. Ein fieberhafter Liebeswahnsinn kam über sie, dem sie immer wieder, noch nach Jahren, beim Anblick und beim Gedanken an den Geliebten verfiel, wie sehr ihre Vernunft und selbst ihr weiblicher Stolz sich auch dagegen wehren mußte. Bis zur Aufdringlichkeit und Wegwerfung ihrer Würde vermochte diese Leidenschaft sie hinzureißen. Es wäre besser gewesen, man hätte diese Briefe nicht abgedruckt. Rahel hatte zuerst geliebt mit geistiger Ueberlegenheit; dann, um sich mit einem ebenbürtigen Geist in Harmonie zu setzen. Jetzt liebte sie einen geistig ihr Untergeordneten, um sich von ihm quälen und willenlos förmlich mißhandeln zu lassen. Begreife, wer es begreifen kann, aber eine Verirrung weiblicher Liebesbedürftigkeit war und blieb es jedenfalls, daß eine Rahel von einem Phantom des Glückes mit diesem Menschen träumte.

Der Geliebte, der einen so wunderbaren Zauber auf sie übte, war Don Raphael d’Urquijo, ein junger, heißblütiger Spanier, der als Legationssecretär 1802 nach Berlin kam und in den Rahel’schen Salon eingeführt wurde. Er war schön, und seine Schönheit vor Allem war es, die Rahel’s Herz und Sinne in Fesseln schlug. „Ich liebte ihn bis zur Tollheit,“ gestand sie sich nach Jahren selber; „denn er, sein Anblick, war mir das Jetzt und das Künftige.“ Und so spricht es auch aus ihren Briefen an ihn; es sind Hymnen weiblichster Liebe, Bloßlegungen eines verstörten, sehnsuchtsvollen, von Leidenschaft überwältigten Herzens, wie die deutsche Literatur kaum noch ähnliche besitzt und die in dem Geheimsten eines weiblicher Gemüthes zu lesen verstatten. „Süßer Liebling!“ schreibt sie ihm. „Nein, Du weißt doch nicht, wie Du mir gefällst, wie ich Dich liebe! Die tiefste Seele ist mir bei Deinem Anblick erregt, und immer neu, immer eben so heftig. Dies macht mein Glück. Du sprichst zu meinem Herzen. Deine Gestalt, Deine Miene rührt es, und es irrte sich nicht; es erkannte einen Engel, den meine ganze Seele liebt. Ein ewiges süßes Schmeicheln, einen ununterbrochenen Zauber gewährt Dein bloßer Anblick meinen Sinnen. Du gefällst mir immer, Du! O, lieblicher Freund, kenntest Du auch dieses Glück. Die Hälfte besitzest Du, Geliebter; Du liebst mich ja, und vertraust mir nun. Nun wirst Du meine Seele erst sehen: meine reine innige Liebe!“

Urquijo liebte sie indessen sicherlich nur in flüchtiger Neigung und folterte sie mit seiner Eifersucht, weil sie diese für den Beweis seiner Liebe hielt. So beugte er das stolze Weib, daß es sich sclavisch allen seinen Launen unterwarf. Nichts erschütterte die fatalistische Zuversicht in ihr; nicht, daß Urquijo sie beleidigte durch Mißachtung; nicht, daß er mit leichten Damen Verbindungen hatte und neu anknüpfte; nicht, daß er schließlich aus seiner diplomatischen Laufbahn geworfen wurde und ihr aus dem Wege zu gehen suchte. „Ich kann keine Frau beneiden, mit der er in Verbindung wäre,“ schrieb sie noch 1806 in ihr Tagebuch; „ich kann mir ihn auch gegen eine Andere nicht liebend [50] denken, und liebte er auch Eine bis zum Wahnsinn, ich würde sie mir doch nicht glücklich vorstellen, denn dieses Liebesfieber, diese völlige Befriedigung im Anschauen seiner Person kann Keine wieder haben. Zweimal giebt es nichts.“ Sie erklärte offen in einem Briefe vom Jahre 1808, daß man „so erniedrigend sich auch in der größten Leidenschaft nicht vom Schmerze auseinander zerren und herumschleppen lassen dürfe“; und doch, als sie vier Jahre später zum ersten Male wieder Urquijo’s Briefe an sie las, empfand sie noch immer „den festen Zauber des Verliebtseins“ und „daß Alles, was von ihm kommt, ihr ewig, einzig wichtig bleiben wird und ist.“ Ein paar Tage darauf sah sie ihn gealtert, halb verkommen, noch einmal wieder in ihrer Wohnung. Sie fragte ihn, ob er wirklich, als er sich von ihr getrennt, des Glaubens gewesen, daß sie ihn getäuscht hätte. „Gott bewahre!“ rief er. Und da erst, als er sich in solcher Art förmlich lustig über ihre früheren Qualen machte, sah sie in den Abgrund der Verachtung, in den nun diese Liebe sank. „Und dieser Mensch, dieses Geschöpf,“ rang es sich ihr ab, „hat den größten Zauber über mich geübt. Als er aus dem Zimmer war, fiel ich laut schreiend, das Herz gegen die Rippen gesprengt, hin und frug Gott, ob man ein Herz veräußern könnte, er wüßte ja, daß man ohne Herz nicht weiter leben kann!“

Ein Jahr zuvor, im Mai 1811, kurz vor seinem frühen Tode, hatte Rahel auch Finckenstein noch einmal bei sich gesehen und in einem ähnlichen Aufschrei der Liebe zu ihm noch ein letztes, wildes, verzweiflungsvolles Lebewohl nachgerufen. „Dein Mörder, dacht’ ich, und blieb sitzen. Thränen kamen mir in den Hals und zu den Augen, da ich ihn ganz ruhig, ganz beruhigt über mich, sitzen sah. Wie eine ihm zugestandene Creatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen. Er, mich! Gott soll es ihm verzeihen, er soll es sich verzeihen – dies Gelübde halt’ ich gewiß; rächen will ich mich auch nie! Ich kann es ihm nicht verzeihen! Wenn ich nicht ein ganz neues Herz kriege, mit diesem nie!“

In einem solchen sechszehnjährigen Liebessturme war ihre Seele heimgesucht worden. Dann war es Varnhagen’s treue, verehrungsvolle Liebe, die sie seit Jahren trostreich und stärkend auf sich wirken gefühlt, welche sie 1813 in den Hafen der Ehe führte – eine geistig gegenseitig beglückende Ehe, der ihre letzte Liebe gehörte. In heiterer Ruhe nach dem Sturme schrieb sie 1818 ihrem Bruder: „Nicht unsere erste, wie das Sprüchwort heißt, sondern unsere letzte Liebe ist die wahre: die nämlich, welche alle Kräfte dazu nimmt.“

Schmidt-Weißenfels.



Die Blumenzucht in der Urwelt.
Von Carus Sterne.

Wozu die Pracht der Blumen? So hat seit Plotin, dem Platoniker, schon Mancher gefragt.

„Ei, Verehrtester, um die Herrlichkeit des Schöpfers zu verkünden und des Menschen Herz zu erfreuen!“ hat dann meist und beinahe vorwurfsvoll einer jener guten, alten Leute erwidert, die freiwillig oder von Amtswegen auf alle unsere Fragen und Zweifel Bescheid zu geben wissen.

„Aber die schönsten Blumen,“ wirft der unverbesserliche Rationalist ein, „blühen in Urwäldern und unzugänglichen Alpenstrichen, wo nur selten der Fuß eines Menschen hingelangt. Und überdem – soll denn der Mensch sich freuen? Sonst sagt Ihr, der Mensch soll den irdischen und vergänglichen Freuden entsagen, sich kasteien, enthalten und fasten, aber nicht sich freuen. Weil der Wein des Menschen Herz erfreut, hat ihn Muhamed seinen Gläubigen verboten. Verfuhren da nicht jene Aebte und Aebtissinnen des Mittelalters, welche die Nachtigallen aus den Klostergärten exorcirten, consequenter, indem sie in ihnen Teufel witterten, welche nur kämen, den Mönchen und Nonnen Frühlingsgefühle in’s Herz zu singen, die sie nicht haben sollten? Möchte es nicht mit Rosen und Myrten am Ende dieselbe verzwickte Geschichte sein? Sind Blumen nicht die irdischsten und vergänglichsten aller Freuden?“

„Aber, behüte alter Freund, was mengt Ihr da zusammen? Die Blumenliebhaberei ist die unschuldigste aller Freuden dieser Erde: mit Recht lieben alle gute Menschen die Blumen, und die Frauen, ihrer Herzensgüte entsprechend, ganz besonders.“

„Wohl gesprochen, Pfarrer, ich hoffe auch, man wird lange suchen müssen, ehe man unter ihnen ein so schönheitsvergessenes Kind fände, daß es seine holden Schwestern aus der Pflanzenwelt nicht hegen und pflegen, geschweige denn sie gar verachten sollte. Die Frauen sind geborene Blumengärtnerinnen und ich denke mir, wenn Adam auf die Jagd gegangen ist, wird Eva einstweilen die Blumen im Paradiese begossen und gepflegt haben.“

So oder ähnlich möchte vor Zeiten ein Gespräch zwischen einem Gläubigen und einem Zweifler über die Blumen verlaufen sein. Heute ist uns die Ahnung aufgegangen, daß die Blumen nicht umsonst und nicht für Andere schön sind, sondern um ihres eigenen Vortheils und Besten willen, und daß die geborenen Blumenpflegerinnen, von denen wir eben hörten, seit früher Urzeit Vorgängerinnen gehabt haben, daß die Blumengärtnerei viel älter als die Gemüsezucht, ja beinahe so alt sein mag, wie die Viehzucht, welche den Darwin auf so besondere Gedanken gebracht hat. Die Untersuchung der „abgelegten Kleider der Natur“, das heißt der Erdschichten, zeigt uns in unwidersprechlicher Weise, daß es Zeiten gegeben hat, in denen unser Planet noch gar nicht mit Pflanzen geschmückt war, daß darauf solche folgten, in denen blumenlose Pflanzen, sogenannte Kryptogamen, das heißt verborgenblühende Gewächse, ihn mit einfarbigen ununterbrochen grünen Wiesen und Wäldern bekleideten.

Eine solche blumenlose Zeit war noch diejenige, in welcher sich die Steinkohlen ablagerten, und der Dichter, der uns sagt, daß die aus dem Steinkohlentheer gewonnenen Anilinfarben die auferweckten Farben der Blumen des Steinkohlenwaldes seien, hat sich eine kleine poetische Licenz erlaubt. Auf diese Urpflanzen, denen eigentliche Blumen ganz fehlten, folgten solche mit kleinen, unscheinbaren, meist graugrünen Blüthen, wie sie heute noch die meisten unserer Waldbäume, die Nesseln, Gräser etc. zeigen. Ehe wir aber weiter zusehen, wie die emsigsten aller Züchter aus diesen unscheinbaren Blüthen die stolzen Zierden der Tropenwälder und der Alpen erzogen haben, müssen wir uns eine kleine, sonderbare Frage vorlegen, nämlich die Frage, was denn so eigentlich eine Blume vorstellt?

Karl Linné, der große Reformator der Botanik, hat in einer hübschen, 1729 erschienenen Jugendarbeit, die den poetischen Titel führt: „Ueber die Hochzeit der Pflanzen“, zuerst eine richtige Deutung der Blume gegeben, indem er sie für das geschmückte Hochzeitshaus der Pflanze erklärte. Zwar waren schon vor ihm Ideen über Geschlechtsverschiedenheiten der Pflanzen ausgesprochen worden, aber erst von da ab brachen sich richtigere Vorstellungen über die Fortpflanzung der Gewächse, Frucht- und Samenbildung Bahn. Es zeigte sich, daß die wesentlichen Theile der Blüthe nicht diejenigen sind, welche durch bunte Farben und aromatische Düfte unsere Sinne erfreuen, sondern vielmehr einerseits jener rundliche Hohlkörper, welcher die Mitte der meisten Blüthen einnimmt und später zur Frucht auswächst, und andererseits die denselben meist in der Mehrzahl umgebenden Fädchen, welche an ihrer knopfförmig verdickten Spitze den allbekanten, meist gelben Blumenstaub aussondern, der, wenn wir unsere Nasen in gewisse Blumenkelche stecken, dieselben gelb färbt. Schon die Alten wußten, daß es, um die Pflanzen fruchttragend zu machen, darauf ankömmt, diesen Staub auf die mit dem Namen „Narbe“ bezeichnete, oft äußerst zierlich gebildete Eingangsöffnung des erwähnten Fruchtknotens zu bringen. Seit undenklichen Zeiten holen die Bewohner der Länder, in denen die Dattelpalme das hauptsächlichste Culturgewächs ist, Büschel der stauberzeugenden Blüthen, die hier und in ähnlichen Ausnahmfällen öfters nur auf besonderen männlichen Bäumen entstehen, und hängen sie in die Wipfel der weiblichen Bäume, um sich eine reichliche Fruchternte zu sichern.

Was in diesem Falle die Hand des Menschen bewirkt, errichtet in der Natur namentlich für diejenigen Pflanzen, bei denen die Geschlechter wie bei der Dattelpalme auf zwei Individuen vertheilt sind, meistens der Wind, indem er ganze Wolken jenes [51] leichten Blumenstaubes davonführt und den Narben der weiblichen Pflanzen zuträgt, welche, um ihn sicher zu fangen, oft wie eine Feder vielseitig zerfasert sind, wie wir sehr schön an den Blüthen unserer Getreidearten sehen können. Es ist leicht einzusehen, daß, um die Samenerzeugung dieser ältesten, durch den Wind befruchteten Samenpflanzen, zu denen unsere Nadelhölzer und manche andere Waldbäume, sowie die Gräser, Seggen, Wegebreitarten und andere gehören, zu sichern, eine ungeheure Menge Blumenstaub erzeugt und verschwendet werden muß, wie wir daran erkennen, daß durch einen Platzregen mitunter eine große Masse desselben als sogenannter „Schwefelregen“ niedergeschlagen wird. Es kann also auf diesem Wege die Fortpflanzung der Art nur mit einer ungeheuren Stoffvergeudung und mit großen Opfern an Kraft erkauft werden. Alle diese Pflanzen nun, welche der bei keiner Schönheit verweilende Wind befruchtet, haben unscheinbare Blüthen, denn die Natur putzt sich nicht umsonst und für den Wind.

Bei denjenigen farbenprangenden Blüthen, welche die deutsche Sprache in feinfühliger Weise als „Blumen“ unterscheidet, sehen wir die Staubfäden mit der Fruchtanlage meist in demselben Hochzeitshause vereinigt und man hatte lange stillschweigend angenommen, daß bei ihnen die Fruchtbildung einfach dadurch veranlaßt werde, daß die Staubfäden ihren Staub auf die in ihrer Mitte befindlichen Narbe ausschütten. Einige aufmerksame und liebevolle Blumenbeobachter des vorigen Jahrhunderts, die deutschen Naturforscher Kölreuter und Sprengel, bemerkten indessen zu ihrem nicht geringen Erstaunen, daß die Sache in der Mehrzahl der Fälle keineswegs so einfach verläuft, und daß namentlich alle die Blumen, welche sich durch lebhafte Farben, schöne Zeichnungen, durch starken Duft, Größe und durch absonderliche Formen auszeichnen, also namentlich die Blumen, denen wir unsere besondere Theilnahme zuwenden, geradezu eine Selbstbestäubung auf verschiedene Weise vereiteln und vielmehr durch Darbietung von Honig und Blumenstaubnahrung Insecten aller Art anzulocken suchen, um durch ihre Vermittelung mit fremdem Blumenstaube versehen zu werden. Sprengel wurde nicht müde, die oft sehr sinnreichen Veranlassungen zu beobachten und zu beschreiben, durch welche diese Blumennarben vor der Berührung mit eigenem Staube geschützt, und für die Zuführung des fremden vorgerichtet sind. An den bekannten Glockenblumen (Campanula) unserer Felder und Gärten hatte Sprengel beobachtet, daß die Staubfäden regelmäßig verstäuben und vertrocknen, ehe die Narbe derselben Blume so weit entwickelt ist, um ihren Staub aufnehmen zu können, und daß die Blumen durch ihre hängende Stellung den Honig, der sich im Grunde der Glocke absondert, vor der Auswaschung durch Regen schützen, um ihn ja und unverkürzt zur Anlockung von Insecten bereit zu halten, welche bei ihrer Gewohnheit, von einer Blume zu einer anderen derselben Art zu fliegen, den Blumenstaub später entwickelter Blumen mitbringen. In ähnlicher Weise deutete Sprengel 1787 den Nutzen gewisser Härchen in den aufrechtstehenden Blüthen des Wiesenstorchschnabels, sofern sie ebenfalls den Honig vor dem Ausgewaschenwerden durch Regen schützen, und erkannte immer deutlicher, daß den Blumen doch außerordentlich viel daran gelegen sein müsse, Insecten anzulocken und durch sie mit fremdem Blumenstaube versehen zu werden. Im darauf folgenden Jahre erkannte er, daß der schöngelbe Ring im Teller des himmelblauen Vergißmeinnicht unserer Wiesen zu nichts anderem da sein möchte, als um den Insecten als Wegweiser zur Honiggrube zu dienen, und fand so die Erklärung der Blumenzeichnungen und der sogenannten Saftmale, welche (wovon man sich besonders leicht an Lilien, Orchideen, Nelken etc. überzeugen kann) stets sicher zur Honiggrube geleiten.

Sprengel entdeckte ferner eine Menge der merkwürdigsten Specialeinrichtungen verschiedener Blumen, die alle, wenn auch in ungleichster Gestalt, darauf abzielen, die besuchenden Insecten theils mit den Blumenstaubträgern, theils mit der Narbe in Berührung zu bringen, z. B. diejenige des Garten- und Feldsalbey, deren Staubfäden einem beweglichen Pumpenschwengel gleichen, dessen Griff die eindringenden Insecten nothwendig bewegen müssen, um dadurch sofort eine Douche von Blumenstaub auf sich herabzupumpen, den sie dann den Nachbarblüthen zutragen. Eine ähnliche Einrichtung fand er bei vielen mit sogenannter Schmetterlingsblüthe versehenen Gewächsen, zu denen Bohnen, Wicken, Klee, Ginster etc. gehören. Wenn nämlich Insecten auf diese Blumen fliegen und sich auf dem natürlichen Landungsplatze derselben, den „Flügeln“, niederlassen, so drücken sie das bisher in dem „Schiffchen“ eingeschlossene Staubfädenbündel mitsammt der Narbe heraus und gegen ihren Unterkörper, wobei einzelne Blüthen ihren Staub explosionsartig entleeren. Sprengel veröffentlichte im Jahre 1793 sein Werk über „Das neuentdeckte Geheimniß der Natur im Baue und in der Befruchtung der Blumen“, in welchem er seine Ansicht dahin äußerte, daß der Blumenschöpfer die Blumen darum so reich mit allerlei Anziehungsmitteln ausgestattet habe, damit sie den Insecten eine „anziehende Erscheinung“ sein sollten, sofern sie nämlich deren Mithülfe bedürften, um Samen zu erzeugen.

Die Annahme, daß die Blumen nicht für den Menschen, sondern für die Insecten mit lebhaften Farben, Zeichnungen, Düften ausgestattet seien, war der erste Schritt zu einer Deutung des Blumenräthsels. Aber dieser auf sorgfältigste Studien gebauten Theorie fehlte der Schlußstein, nämlich die Antwort auf die Frage, warum sich die Blumen nicht allgemein, wie es einzelne von ihnen thun, des selbstproducirten Blumenstaubes bedienen, um die jungen Samenanlagen zu befruchten? Diese offenbare Lücke in der Schlußfolge verurtheilte das Sprengel’sche Werk, obwohl es einen wahren Schatz der köstlichsten Beobachtungen enthält, zu einer mehr als sechszigjährigen Unfruchtbarkeit. Nun sprach zwar bald darnach der englische Naturforscher Andrew Knight das erlösende Wort, indem er zeigte, daß die durch Fremdbestäubung oder Kreuzung der Blumen hervorgehende Nachkommenschaft kräftiger ist, als die durch Selbstbestäubung entstandene, allein dem so abgerundeten Gedankensproß fehlte vorerst die richtige Luft, um gedeihen und Frucht tragen zu können.

Dieses günstige Klima für das Fruchttragen der Sprengel’schen Arbeiten brachte erst die Weltanschauung des großen britischen Naturforschers, nach welcher im weiten Naturhaushalte alle Mittel gelten, um sich im allgemeinen Kampfe um’s Dasein zu behaupten, und am meisten die, welche eine vortheilhafte Abänderung mit sich bringen. Es erhob sich alsbald die Frage: kann die Schönheit gewisser Blumen denselben auch einen besondern Vortheil im Existenzkampfe eintragen? Sogar im Menschenleben bezweifelt Niemand, daß die Schönheit nützlich sei. Man pflegt von einem wohlgebildeten Menschenkinde zu sagen, ihm sei damit ein großes Geschenk mit auf seinen Lebensweg gegeben worden. Freilich hat die Sache auch ihre Kehr- und Schattenseite. Schöne Menschen werden durch Verhätschelung, Aufmerksamkeiten, allseitiges Entgegenkommen, Huldigungen etc. sehr häufig moralisch verdorben, und der Vortheil der Schönheit wird durch ihre Nachtheile häufig aufgehoben. Bei den Blumen sind diese Nachtheile nicht zu fürchten. Je auffallender schön eine Blume ist, desto sicherer zieht sie ihre Insecten an, desto bestimmter wird ihre kräftigere Nachkommenschaft in insectenarmen Jahren diejenige der weniger schönen Collegin mit gleichen Lebensansprüchen aus dem Felde schlagen können. Die Blume ist also weder für den Menschen, noch für die Insecten, sondern nur um ihrer selbst willen schön. So lautet diese Lösung eines der größten Naturräthsel.

Darwin wendete seine Aufmerksamkeit bald nach der Veröffentlichung seiner Theorie (1859) den Wechselbeziehungen zwischen Blumen und Insecten zu, und nachdem er eine bestimmte Blumenfamilie (die Orchideen) zum Gegenstande seines Specialstudiums gemacht, wies er in seinem Buche über dieselben (1862) im Einzelnen nach, wie diese durch das Bizarre ihrer Formen ausgezeichneten Blumen immer so gebaut sind, daß die Insecten, welche ihrem Honig nachgehen, sich den Blumenstaub, der zwei Kölbchen bildet, stets wie ein Geweih auf den Kopf befestigen müssen, um ihn der nächsten Blume zuzutragen. Die Lücken der Einzelbeobachtung, welche Sprengel und Darwin auf diesem ungeheuren Arbeitsfelde gelassen, sind seitdem durch deutsche, italienische, schwedische und englische Forscher, von denen wir Hildebrandt, Hermann Mueller, Delpino, Axell und Lubbock nennen wollen, in reichsten Maße ausgefüllt worden, wobei die wunderbarsten gegenseitigen Anpassungen entdeckt wurden, sodaß man jetzt zu schließen berechtigt ist, daß Blumen und honig- oder blumenstaubsuchende Insecten Organismen sind, die sich gegenseitig angepaßt haben und darum bis in’s Einzelne ergänzen. [52] Diese Wechselbeziehungen sind besonders durch den Oberlehrer Dr. Hermann Mueller in Lippstadt nachgewiesen worden, der in seinem Buche über „Die Befruchtung der Blumen durch Insecten“ (Leipzig 1873), einem Werke echtdeutschen Fleißes, die Ergebnisse unermeßlicher Beobachtungsreihen niedergelegt hat. Hermann Mueller wendete seine Aufmerksamkeit namentlich auch dem Baue des Insectenkörpers zu, indem er zeigte, wie dieser sich, nachdem in früheren Erdperioden der erste Versuch gemacht worden war, von Blumennahrung zu leben, diesem besonderen Nahrungszweige immer mehr angepaßt hat, bei Bienen und Schmetterlingen endlich lange Rüssel erlangte, um den Honig aus den längsten Blumenröhren, wie z. B. Nelken, Jelänger Jelieber etc. herauszuholen. Die Fortbildung der Blumen ist also mit derjenigen der Insecten Schritt um Schritt gegangen, es giebt nicht nur, allgemein gesprochen, Blumeninsecten und Insectenblumen, sondern nicht wenige Insecten und Blumen gehören ganz speciell zu einander, wie der Deckel auf das Töpfchen.

Indem die Insecten nun bei ihren Besuchen solche Blumen bevorzugten, die durch den natürlichen Abänderungstrieb der Naturdinge schöner oder sagen wir auffälliger geworden waren, als andere, verführen sie ganz wie ein Gärtner, der nur die schönsten Exemplare seiner Beete zur Samenzucht auswählt, die weniger schönen aber verwirft. Wir können uns durch diesen Zuchtproceß ganz wohl vorstellen, wie die schöneren Blumen durch allmähliche Abänderung aus den unscheinbareren hervorgegangen sind, indem die Insecten häuptsächlich die ersteren bevorzugten, die letzteren dagegen vernachlässigten. Dr. Hermann Mueller hat gezeigt, daß diese Schlußfolge sich sogar aus der Jetztwelt beweisen läßt. Er verglich unter Andern die Blüthen vier verschiedener Storchschnabelarten, nach ihrer Größe sowohl wie nach ihrem Insectenbesuche und fand, daß der Besuch ziemlich genau der Größe proportional ist: die größtblumige Art (Geranium pratense) wird am meisten, die mittlere seltener, die kleinstblumige Art (Geranium pusillum) niemals von Insecten besucht. Dasselbe kann man an unserem bekannten, durch sein Abänderungsvermögen ausgezeichneten Feldstiefmütterchen sehen, welches, zuweilen aus derselben Wurzel, ganz kleine gelbliche und viel größere blaue oder violette Blumen treibt. Die ersteren werden niemals, die letzteren stets von Insecten bestäubt. Man hat sogar die besondere Größe und Farbenschönheit der Alpenblumen durch denselben Grundsatz zu erklären gesucht, sofern nämlich auf den hochgelegenen Standorten der eigentlich in Betracht kommenden Alpenpflanzen sowohl die Zahl der Insecten als der sonnigen Tage, in denen erstere fliegen, viel geringer ist, als in der Ebene, sodaß eben nur die allerschönsten Arten Aussicht hätten, von Insecten bestäubt zu werden und Nachkommenschaft zu hinterlassen. Der eben erwähnte, unermüdliche Naturforscher bringt bereits seit einer Reihe von Jahren seine Ferienwochen allsommerlich in den Hochalpen zu, um die hier waltenden Naturgesetze zu ergründen.

Ganz die nämliche Bewandtniß, welche es mit der Farbenschönheit und sonstigen Augenweide der Blumen hat (sofern sie ihnen selbst im hohen Grade nützlich wurde, und eben deshalb so ausgezeichnete Stufen erreichen konnte), scheint es auch mit dem Dufte der Blumen zu haben, denn auch dieser dient augenscheinlich dazu, Insecten anzulocken. Bekanntlich duften die meisten Pflanzen am Abend, wenn die Farben nicht mehr recht wirken können, am stärksten, ja der Duft kann die Farbe überflüssig machen, und besonders stark duftende Nachtblumen, die auf die Anlockung von Nachtschmetterlingen eingerichtet sind, haben oft sehr unscheinbare trübe Farben, oder halten ihren Kelch tagüber wohl gar völlig geschlossen, um unützen Honigdieben den Zugang zu wehren. Auch die Ausbildung dieser Annehmlichkeit verdanken wir also allem Anscheine nach den Blumenzüchtern der Urzeit, den Insecten, wobei es ein glücklicher Umstand ist, daß ihr Geschmack im Allgemeinen mit dem menschlichen übereinstimmte. Freilich haben uns die Aasfliegen dabei den schlechten Streich gespielt, auch einige Pflanzen, welche aasähnliche Gerüche entwickelten, der Nachwelt zu erhalten, aber sie bekommen ihre Strafe selbst dafür, denn der Instinct ist auch nicht unfehlbar, und ihre auf solche Blumen abgesetzte Eierbrut geht elendiglich zu Grunde.

Alles, was wir bis hierher über die Naturzüchtung schönfarbiger, großer und duftender Blumen gesagt haben, beruht auf der Voraussetzung, daß die Kreuzbefruchtung den Pflanzen nützlich sei, aber diese Voraussetzung war bisher, obwohl durchaus wahrscheinlich, doch nur durch sehr vereinzelte Versuche gestützt worden. Der bewunderungswürdigen Ausdauer und Arbeitskraft Charles Darwin’s haben wir nunmehr auch den Nachweis zu danken, daß das angedeutete Fundament der Blumentheorie wohl gegründet war. In seinem vor ungefähr Jahresfrist erschienenen Buche über die Wirkungen der „Kreuz- und Selbstbefruchtung im Pflanzenreiche“[5] hat Darwin die Resultate elfjähriger, an Tausenden von Pflanzen angestellter praktischer Versuche dargelegt, aus denen unzweifelhaft erhellt, daß im Allgemeinen die Selbstbestäubung der Pflanzen eine schwächliche Nachkommenschaft zur Folge hat, während die Kreuzbefruchtung, wie sie die Insecten verrichten, eine stärkere und kräftigere Nachkommenschaft liefert. Die Beschreibung dieser mit unendlicher Geduld und Sorgfalt angestellten Versuche können, wie alle Werke Darwin’s, Jedem, der daran zweifeln möchte, den Beweis liefern, auf wie soliden Grundlagen die Weltanschauung dieses großen Naturforschers aufgebaut worden ist. Die Leser der Gartenlaube aber wollen wir hiermit auf ein Beobachtungsfeld hingewiesen haben, welches, kaum von dem Streite der Tagesmeinungen berührt, einem Jeden die lebhafteste Befriedigung und die reichste Ausbeute verspricht. Als einführendes Werk, welches auf die obengenannten drei Hauptwerke über diesen Gegenstand vorbereitet, wollen wir nicht unterlassen zum Schlusse auf das kleine vortreffliche Buch von Sir John Lubbock „Blumen und Insecten in ihrer Wechselbeziehung“ (Berlin, Gebr. Bornträger 1876) hinzuweisen.


Auf Waltersburg.
Novelle von J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)

Der Rentmeister reiste unverzüglich in die Hauptstadt der Provinz ab, hatte hier zunächst eine Besprechung mit dem Rittmeister Ottokar von Waltershausen, dessen Regiment zu der Garnison der Stadt gehörte, und fand ihn zu der Expedition bereit. Er brachte seine Anträge bei dem Oberpräsidenten der Provinz vor und erhielt deren Genehmigung in allen ihren Theilen. Mit dieser Nachricht war er in der Nacht wieder auf der Waltersburg. Hier hatte der brave Mann, der Vertraute aller Geheimnisse des Schlosses, zunächst eine schwere Aufgabe zu erfüllen. Er sah noch Licht in dem Zimmer der Baronin, ließ sich durch ihre alte Kammerfrau sofort bei ihr melden und wurde angenommen. Sie erwartete ihn mit bleichem Gesicht.

„Ich komme aus der Stadt, gnädige Frau.“

„Ich weiß es.“

„Sie wußten es?“

„Ich errieth es.“

Ein Seufzer, ein trauriges Lächeln begleiteten ihre Worte.

„Sie wollten,“ fuhr sie fort, „uns Hülfe holen gegen einen Ueberfall der Bauern. Sie erhielten sie?“

„Ich erhielt sie.“

„Und Sie wollen mir Nachricht bringen – über den Officier, der das Commando führt?“

„Der Herr Baron Ottokar.“

„Ich hatte es erwartet. Wann wird mein Schwager eintreffen?“

„Morgen gegen Abend.“

„Haben Sie meinem Manne schon die Meldung gemacht?“

„Bei dem gnädigen Herrn sah ich kein Licht mehr.“

„Und bei mir sahen Sie es noch? Ich danke Ihnen. Haben Sie noch eine besondere Mittheilung für mich?“

„Nein, gnädige Frau.“

„So habe ich einne Bitte an Sie.“

„Befehlen Euer Gnaden!“

[53]

La Mandolinata.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von Ferdinand Wagner in München.

[54] „Ich hätte mit meinem Schwager, bevor er sich im Schlosse vorgestellt hat, wenige Worte zu sprechen. Geheim! Niemand darf davon erfahren. Werden Sie es vermitteln?“

„Gnädige Frau,“ sagte der Beamte, „Sie kennen meine Treue, meine Verschwiegenheit. Befehlen Sie über mich!“

„Wohlan! Machen Sie meinem Manne Ihre Meldung! Beordern Sie dann einen reitenden Boten, der sich bereit halte, in der nächsten Viertelstunde auf dem Wege zur Stadt zu sein, und kehren Sie darauf zu mir zurück!“

„Zu Befehl, Euer Gnaden!“

Der Rentmeister ging kopfschüttelnd zu dem Baron, den er, nach dem früher erhaltenen Befehle, sofort mußte wecken lassen.

„Aber sie ist eine brave Frau,“ sagte er sich und war doch nicht beruhigt.

Er ließ den Baron wecken und theilte ihm den Erfolg seiner Sendung mit. Der Baron rieb sich vergnügt die Hände.

„Das ist ja reizend, mein lieber Heimann. Jetzt mögen die Bauern kommen! Treffen Sie alle Anstalten für die Aufnahme der Husaren – die Appartements für meinen Bruder stehen doch bereit?“

„Zu Befehl, gnädiger Herr!“

Der Baron schlief weiter. Der Rentmeister bestellte den reitenden Boten, kehrte zu der Baronin zurück und empfing von ihr ein versiegeltes Billet ohne Aufschrift.

„Legen Sie es in ein Couvert, das von Ihrer Hand die Adresse meines Schwagers trägt!“

Nach einer Viertelstunde war der Bote mit dem Billet auf dem Wege zu der Hauptstadt der Provinz. Es war Mitternacht vorüber, als er abritt.

Nachdem an dem Tage, welcher dieser Mitternacht folgte, die Mittagstafel im Schlosse beendigt worden war und die Schloßherrschaft eine Stunde später ihre gewöhnliche Nachmittagspromenade antreten wollte, war die Schloßherrin nicht zu finden und es hieß, sie sei in den Park gegangen, wahrscheinlich um mit dem Haushofmeister Bannhart irgend etwas anzuordnen.

Im Parke war sie, und der Herr Bannhart war auch da, aber nur zufällig hatte er sie hier getroffen und zwar nicht sie allein, sie hatte ihn nicht gesehen, und er war nach langem Kampfe mit sich zum Schlosse zurückgekehrt. Das war der Moment gewesen, wo der Baron Adalbert und der Baron Kurt ihm auf dem Rückwege begegnet waren, wo er sie vergebens zurückzuhalten gesucht, sich zum grauen Pavillon zu begeben, denn dorthin hatte die Schloßherrin den Rittmeister geführt.

Die Beiden gingen Arm in Arm, fest umschlungen, in dem stillen weiten Walde, in dem sie sich allein glaubten, in dem sie die Nähe eines Menschen nicht ahnen konnten. Die Herzen, die an einander schlugen, hatten sich geöffnet. Sie hatten sich seit einer Reihe von Jahren nicht gesehen, in keiner unmittelbaren Verbindung mit einander gestanden; nur durch Dritte hatte Eins von dem Andern Nachricht erhalten, auch Grüße, kalte Grüße durch Dritte. Und ihre Herzen schlugen so heiß für einander, und sie konnten es sich nicht sagen. Heute endlich konnten sie es. Aber durften sie es?

„Das Schicksal war grausam gegen uns Beide,“ hatte er gesagt.

„Es ist noch so,“ erwiderte sie.

„Auch heute, Emma?“

„Immer! Es muß so bleiben.“

„Nein, nein, Emma! Du beschiedest mich hierher, und Du liebst mich, wie ich Dich liebe. Wir haben uns wiedergefunden, und nichts kann, nichts soll uns mehr von einander trennen. Keine Macht! Wir gehören nur uns an. Nur uns! Sage auch Du es mir!“

Seine Augen leuchteten in dunkler Gluth, und er umschlang sie mit seinen Armen, preßte sie an sein Herz. Ihre Wangen erglühten – sie zitterte.

„Du gehörst mir, Emma. O, sage es, sage es!“

„Mein Ottokar!“ flüsterte sie leidenschaftlich.

Dann bedeckte Leichenblässe ihr Gesicht; sie zitterte nicht mehr; – sie riß sich von ihm los und stieß ihn zurück. Ein lauter Schrei entfuhr ihren Lippen.

„Ich bin eine ehrliche Frau, ich will es bleiben.“ Ein Strom von Thränen entstürzte ihren Augen.

Einen Moment war der Rittmeister, der kräftige Mann, der tapfere Soldat, wie erstarrt, wie von einem schweren Schlage zerschmettert. Dann raffte er sich auf.

„Emma, verzeihe mir!“

„Nie!“ rief sie. „Nicht Dir, nicht mir!“

„Emma, meine geliebte, theuerste Emma!“

„Ottokar,“ unterbrach sie ihn. Sie war ruhig geworden; ihr Gesicht war noch mit Leichenblässe bedeckt, aber es zeigte Festigkeit und Klarheit, und fest und klar fuhr sie fort: „Wir haben eine schwere Minute hinter uns, wir haben sie überwunden, und sie soll wie eine ewige Scheidewand zwischen uns stehen. Gieb mir Deine Hand darauf!“

Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er legte die seinige hinein; er konnte es nur zögernd thun. Sie blickte ihn fest mit klaren Augen an, und er mußte scheu seinen Blick zur Seite wenden. Sie zog ruhig ihre Hand aus der seinigen zurück.

„Gehen wir zum Schlosse!“ sagte sie.

Sie schlugen den Weg dahin ein. Ihr Gesicht blieb leichenblaß, und dunkle Röthe bedeckte das seinige. Sie sprachen kein Wort mit einander. Es war ein seltsamer Anblick, dieses schöne Paar; stumm und kalt gingen sie neben einander her, keinen Blick wechselnd, zweien Menschen gleich, die sich völlig fremd sind. Und die Liebe zu einander brannte in ihren Herzen. Das Roß des Officiers folgte ihnen, from wie ein Lamm, mit klugen Augen, als ob es Alles wisse.


2. Eine Bauernversammlung.

Im Kruge von Waltershausen war fast die gesammte erwachsene männliche Einwohnerschaft des Dorfes versammelt. Die geräumige Gaststube hatte kaum die Hälfte der Zuströmenden aufnehmen können; man hatte sich daher zu der Kegelbahn begeben, die unmittelbar hinter dem Hause lag. Die Bauern Waltershausens gehörten zu den wohlhabendsten der Gegend; denn die Fluren des Dorfes lieferten reiche Erträge an Getreide jeglicher Art, und der vortreffliche Stand der Waldungen sicherte ihnen einen Handel mit Brenn- und Nutzholz, der bis über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit erlangt hatte. Die Abgaben der Bauern waren gering. Außer den allgemeinen Staatsabgaben, hatten sie nur an die Gutsherrschaft aus der Waltersburg einen mäßigen Zins und an den Pfarrer geringe Kalenden sowie für seine besonderen Amtshandlungen Gebühren nach dem Belieben eines Jeden zu entrichten. So hatten sie seit Menschengedenken gute Tage gehabt, und sie hatten es dankbar anerkannt, waren zufrieden gewesen, hatten sich nicht überhoben, weder gegen die Gutsherrschaft noch gegen den Pfarrer. Zu Unzufriedenheit gegen diesen wie gegen jene hätten sie auch sonst keine Veranlassung gehabt. Der alte General von Waltershausen war zwar ein rauher Soldat, der manchmal aufbrausen konnte, aber er war auch ein Mann von strengem Rechtssinn und frommen und mildem Gemüth, der keinem Menschen Unrecht thun, keinen bedrücken konnte. Sein Sohn Abalbert hatte bei aller Apathie und Beschränktheit das mildeste Herz von der Welt, was aber den Pfarrer des Dorfes betraf, so war er der Vater der Armen, der Tröster der Unglücklichen, der Stifter und Erhalter des Friedens in der ganzen Gemeinde. „Wir würden für unsern Pfarrer Reif durch’s Feuer gehen,“ sagten die Leute laut, und für seine blasse, unglückliche Tochter hatten sie eine stille Verehrung, wie für eine Heilige, wenn sie auch den Grund ihres Unglücks nicht kannten, vielleicht gerade weil sie ihn nicht kannten.

Die guten Tage, wenigstens die zufriedenen Tage der Bauern in Waltershausen sollten mit einem Male ein Ende nehmen.

Ein revolutionärer Geist hatte das deutsche Volk erfaßt. Jahrhunderte lang hatte es den Druck erduldet, die Fesseln getragen, durch welche die politische Unmündigkeit aufrecht erhalten werden sollte. Jetzt gelangte es zu dem Bewußtsein seiner Mündigkeit, und wälzte den Druck von sich, zersprengte die Fesseln. Wenn ein Strom, lange eingedämmt und in seinem Laufe gewaltsam eingehalten, seine Dämme endlich durchbricht, zersprengt und zerwühlt, so stürzt er unaufhaltsam weiter; seine Fluthen reißen nieder, was ihnen im Wege ist, zerstören Aecker, Wiesen und Weiden, Wälder, Dörfer und Städte. Sie können nicht anders; es muß so sein – es ist ein Naturgesetz.

Der Bauernstand war viele und lange Jahre der gedrückte Stand auch in deutschen Landen und zwar wohl ganz besonders [55] in deutschen Landen. Bauernkrieg, Bauernaufruhr, Bauernunruhen sind vielfache Episoden in der deutschen Geschichte; sie bilden die grausamsten, die zerstörendsten, die traurigsten Phasen dieser Geschichte. Wie konnte es auch anders sein? Hatten doch die reichen Klöster von ihren „eigenbehörigen“ Bauern das lateinische Sprüchwort: „Rustica gens optima flens, pessima ridens“. Wir werden bald eine deutsche Uebersetzung der Worte kennen lernen. Und eine wie unendlich bessere Lage hatte der Klosterbauer gegenüber dem „eigenbehörigen“ Amts- oder Gutsbauer!

Die Bauernunruhen gingen in der Zeit, aus der wir erzählen – sie liegt kaum zwei Generationen hinter uns – wie eine entsetzliche Epidemie durch deutsche Lande; sie verbreiteten sich von Dorf zu Dorf, von Kreis zu Kreis, von Provinz zu Provinz. Sie waren in erster Linie gegen die Gutsherren gerichtet, in zweiter Linie gegen die Pfarrer.

Das Dorf Waltershausen war lange von ihnen verschont geblieben. Da eilte eines Tages durch das Dorf die Nachricht, der Bauernadvocat sei da, sei im Kruge; er bringe eine neue Lehre mit, das Bauernvolk frei, reich und glücklich zu machen. Er wolle die Lehre auch den Bauern in Waltershausen, seinen Landsleuten, verkünden; wer sie hören und frei, reich und glücklich werden wolle, brauche nur zu ihm in den Krug zu kommen. Wer wäre da nicht gekommen?!

Doch! Es gab in dem Dorfe manche, besonders ältere Leute, die an dem Spruche festhielten: „Neue Lehr’, Irrlehr’!“ und die von dem neuen Propheten um so weniger etwas wissen wollten, als sie auch einen anderen Satz anerkannten: „Daß der Prophet in seinem Vaterlande nicht gelte.“ Aber die älteren Leute sind überall die wenigeren, und der Verständigen sind noch weniger.

Georg Hausmann, ein früh verlebter, früh verkommener Mensch, mit einem grauen, aufgedunsenen Gesicht, mit frechen, falschblickenden Augen, halb städtisch halb bäuerisch gekleidet, war ein Kind des Dorfes. Schon als Knabe trotzig und aufsässig in der Schule, dann ebenso als Bursch in der Kinderlehre beim Pfarrer, hatte er später noch weniger gut gethan, als Faulenzer und Zecher in den Kneipen herumgelungert, betrogen und gestohlen und der Bestrafung sich endlich durch die Flucht entziehen müssen. Lange hatte man dann nichts von ihm gehört, bis man erfuhr, er habe in der Fremde sein Glück gemacht; er sei Schreiber bei einem Advocaten geworden, dessen rechte Hand er sei. Freilich kamen dann wieder andere Nachrichten über ihn; es hieß, der berühmte Advocat sei ein berüchtigter Rabulist; Georg Hausmann habe ihm bei seinen schlechten Streichen geholfen, dann ihn selbst betrogen und bestohlen, wie seine früheren Herren, diesmal habe er aber seiner Strafe sich nicht entziehen können; er sitze im Zuchthause. Dann hörte man wieder nichts von ihm, bis er plötzlich im Dorfe erschien und den Bauern sich selbst als Advocat vorstellte, der ihnen in Ausführung ihrer Rechte gegen die Bedrückungen der Gutsherrschaft behülflich sein wolle. Die Bauern in Waltershausen wollten nichts von ihm wissen. Er mußte seinen Wanderstab weiter setzen, und man vernahm, daß der Bauernadvocat – so nannte man ihn jetzt – in einer anderen Gemeinde sein Glück gemacht habe. Da brachen die Unruhen im Lande aus. Georg Hausmann erschien wieder im Dorfe und wurde jetzt der Prophet seiner Heimath.

Er war nicht allein gekommen. Ein junger, feiner, bildschöner fremder Herr sei in seiner Begleitung, hieß es. Gesehen hatte Niemand den Begleiter. Allein an demselben Abend, an dem der Bauernadvocat eintraf, war noch spät im Kruge ein Fremder erschienen, der ein Nachtquartier und Nachtessen bestellt, sich sogleich in sein Zimmer verfügt und dieses nicht wieder verlassen hatte. Nur die aufwartende Magd wollte seiner einen Augenblick ansichtig geworden sein; sie versicherte, daß er sehr vornehm, aber auch sehr blaß aussehe.

Zum Kruge hatte Georg Hausmann die Bauern auf den Tag nach seiner Ankunft eingeladen; er habe ihnen eine Ansprache zu halten, und sie über ihre Menschenrechte zu belehren. Er hatte noch alte Bekannte im Dorfe, die zu seinen Diensten waren. Wo fände ein verkommener Aufwiegler nicht solche verkommene Genossen? So hatte denn mehr als das halbe Dorf im Kruge sich eingefunden; die Neugierde hatte dazu beigetragen; denn Alles wollte zugleich den geheimnißvollen, vornehmen Fremden sehen. Die Meisten waren wohl zugleich mit Mißtrauen erschienen, aber sie waren doch da. Und Georg Hausmann, wenn er sie auch allein, ohne seinen geheimnißvollen Begleiter empfing, hatte sogleich Worte für sie, die sie noch nicht gehört hatten.

„Meine theueren und geehrten Landsleute, der Bauer ist lange ein Sclave gewesen, der Knecht Anderer, der Pflug und der Dreschflegel für Andere, für Blutsauger, die er mästen mußte, während er selbst hungert und darbt. Das muß anders werden. Auch der Bauer soll ein Mensch werden und Menschenrechte haben. Er soll nicht mehr der Diener hochmüthiger Edelleute, habsüchtiger heuchlerischer Pfaffen sein. Fort mit solchem Gezücht! Fort, fort!“

Jedes Wort Hausmann’s war ein Blitz, der einschlug und zündete, und er hätte sicher damit sein Spiel zu gewinnen vermocht, denn die Menge ist leicht zu verführen, aber er wollte noch ein besonderes Spiel; er wollte ein Schauspiel aufführen.

„Von Eurer Schloßherrschaft hier, von Eurem geistlichen Herrn soll Euch ein Anderer sprechen. – Ah, da ist er. Da kommt er gerade zur rechten Zeit – mein hochverehrter Reisegefährte und Freund.“

Ein Fremder war in dem Augenblicke in die Versammlung eingetreten, ein feiner, bildschöner junger Mann, wie man ihn schon geschildert hatte. Sein vornehm geschnittenes Gesicht war bleich und trug das Gepräge tiefer Melancholie. Seine Haltung war eine edle, seine Kleidung eine gewählte. Er war still eingetreten, als ob er nicht bemerkt sein, nicht die geringste Störung verursachen wollte. Als Georg Hausmann auf ihn aufmerksam machte, erröthete er und schlug die Augen nieder; die Blicke aller Anwesenden richteten sich auf ihn. Um so interessanter war seine Erscheinung den Bauern, und ihre Mienen teilten es einander mit. Er ließ sich in einem Winkel nieder.

Georg Hausmann fuhr in seiner Anrede sort: „Mein hochverehrter Freund! Der Freund jedes Armen, Unterdrückten, Mißhandelten, der selbst so viele Mißhandlungen erdulden mußte! Laßt Euch von ihm erzählen! Doch nein! Das Herz würde ihm brechen. Höret von mir seine Schicksale, seine Leiden! Er ist der Sohn eines hohen, angesehenen Beamten. Auch ihn, den studirten Mann, erwartete eine ausgezeichnete Laufbahn im Staatsdienste. Da machte er die Bekanntschaft einer Dame, die jung und schön war, vielen Verstand hatte und ein gutes Herz zeigte, das aber in Wahrheit voll Tücke, Bosheit und Hinterlist war. Sie fing den arglosen jungen Mann in ihren Netzen, heuchelte ihm Liebe, entzündete sein Herz, bethörte seinen Verstand, das Alles, damit er ihr zum Deckmantel diene für ein lasterhaftes Leben, das sie mit einem andern Manne führte. Ihr, meine verehrten Landsleute, kennet die Dame, kennet den Mann. Ich nenne sie Euch hier nicht öffentlich; Zorn und Wuth, die ich nicht in Euch heraufbeschwören will, würden Euch ergreifen. Aber mein Freund – nein, auch er soll sie Euch nicht nennen; es wäre seiner unwürdig, als Denunciant vor Euch aufzutreten. Und doch müssen Euch Beweise erbracht werden. Erwählt daher aus Eurer Mitte zwei Männer, die ältesten und verständigsten, zu denen Ihr das meiste Zutrauen habt! Sendet sie zu mir, und sie sollen die Namen von mir erfahren, Namen, über die sie, über die Alle erschrecken werden, welche sie hören. Das aber nachher. Jetzt berathen wir zunächst über Euch, über Eure Lage, über den Druck, unter dem Ihr gehalten werdet, und über die Mittel, Euch ein anderes Leben zu verschaffen, Euch die Freiheit, ein würdiges Dasein wieder zu geben. Zwei Feinde hat der Bauer, den Gutsherrn, dem sein Leib eigen ist, und den geistlichen Herrn, der ihm die Seele unterjocht, vergiftet. Wißt Ihr, wie sie über den Bauer denken? Sie haben ein Sprüchwort, welches heißt: ‚Wenn der Bauer lacht, er seinen Herrn veracht’; wenn er weint, ist er unser Freund.‘ Wenn Euch wohl zu Muthe ist, wenn Ihr Freude im und am Leben habt, dann sieht der Edelmann und der Pfaff Euch als seine Feinde an, wenn es Euch aber schlecht geht, wenn Ihr ihnen zinsen und schaarwerken und selbst mit Weib und Kindern darben und hungern müßt, dann seid Ihr ihre lieben Freunde. Soll das ferner so bleiben? Wollt Ihr das noch immer geduldig auf Euch nehmen, wie Ihr es schon so lange gethan habt? Es hängt nun von Euch ab, freie Menschen zu werden. Es ist so leicht. Ihr habt nur zu thun, wie es Hunderte, wie es Tausende von Gemeinden im deutschen Vaterlande schon gethan haben. Ziehet auf das Schloß zu Eurem Gutsherrn, leget ihm eine Urkunde zum Unterschreiben [56] vor, worin er feierlich, für alle Zeiten, für sich und seine Nachkommen, verspricht, daß Ihr freie Leute sein sollt, keine Abgaben mehr an ihn zu entrichten und ihm keine Dienste mehr zu leisten habt! Und will er nicht unterschreiben, nun, so greift zu Eurer letzten Kraft!“

„Und unsere letzte Kraft ist?“ fragten die Bauern, die mit offenem Munde und leuchtenden Augen zugehört hatten.

„Wißt Ihr, was der rothe Hahn ist?“

Die Bauern wußten es und sahen sich doch unter einander erschrocken an. Der Bauernadvocat aber fuhr ruhig fort:

„Und was Euren Geistlichen betrifft, so habt Ihr mit dem noch kürzeren Proceß zu machen. Euer Gutsherr hat ihn eingesetzt, als der Patron der Pfarre. Ist der Edelmann Euer Gutsherr nicht mehr, so ist er auch nicht mehr der Patron der Pfarre. Die Gemeinde, Ihr Bauern selbst, seid der Patron, und also ist der Pfarrer hier kein Pfarrer mehr. Ihr schickt ihn einfach fort und setzet einen neuen ein. Das ist Euer Recht, ein Recht, das schon hundert Gemeinden ebenfalls ausgeübt haben. Und auch Ihr müßt es ausüben, schon um zu zeigen, daß Ihr den Muth habt, für Euer Recht einzustehen. Der Feige hat kein Recht. Jetzt habe ich Euch gesagt, was ich Euch zu sagen hatte. Daß ich es gut mit Euch meine, daran werdet Ihr nicht zweifeln können. Was Ihr beschließen und thun werdet, ist Eure Sache. Berathet Euch darüber als freie Männer – und jetzt verlasse ich Euch mit meinem Freunde. Niemand darf sagen, daß wir auf Euren Entschluß eingewirkt hätten. Der Ruhm muß der Eure bleiben, wenn Ihr keinen Muth habt, freilich auch – die Schande. Vergeßt nicht, die beiden Vertrauten zu mir zu senden! Sie finden mich in meiner Wohnung, die Ihr kennt.“

Hiermit endete der Bauernadvocat seine Ansprache und verließ die Versammlung mit seinem Freunde. Er hatte bei einem alten Ohm im Dorfe Quartier genommen. Dorthin gingen er und sein Freund.

Die Bauern sandten ihm die beiden Vertrauten nach, und er machte diesen seine geheime Mittheilung, welche die Männer mit Schrecken entgegen nahmen. Das hatte sich begeben am Abend vor dem Tage, von dem wir einzelne Scenen aus dem Schloßleben der Waltersburg mittheilten und an dem Rittmeister Ottokar von Waltershausen auf dem Sitze seiner Ahnen eintraf.

An diesem Tage ereignete sich dann auf dem Schlosse und im Dorfe Weiteres. Schon in der Nacht war im Dorfe Manches vorgefallen, aber es war im eigentlichen Sinne des Wortes hinter den Gardinen geblieben. Die Bauern waren am Abend mit der Ueberzeugung nach Hause gekommen, daß der Bauernadvocat ein guter Advocat sei und in Allem Recht habe; sie waren daher auch entschlossen, am andern Tage in Allem ihm zu folgen, dem Gutsherrn, wenn er ihnen nicht nachgebe, den rothen Hahn auf das Dach zu setzen, den Pfarrer aber mit den Seinigen, besonders mit der schlechten, falschen Tochter, ohne weitere Umstände die Thür zu weisen. Aber sie mußten am Abend nach Hause, und da kamen über Nacht andere Gedanken über sie; die Entschlüsse der Menschen sind veränderlich. Veränderlich freilich wie das Wetter, das an einem Tage drei- bis viermal umschlagen kann. Das wußte auch der Bauernadvocat Georg Hausmann, und er war gefaßt darauf, daß am andern Morgen Niemand zu ihm in den Krug kommen werde. Kommt der Berg nicht zu Mohammed, so kommt Mohammed zu dem Berge, dachte auch er als guter Prophet und suchte seine Bauern auf, die er kannte. Er fragte sie, ob sie alte Weiber und ihre Weiber die Männer seien, erinnerte sie an die gute alte Bauernregel, daß Buchweizensaat und Weiberrath alle sieben Jahre nur einmal gedeihen, und ehe im Dorfe die Mittagsglocke läutete, hatten die Bauern in einer neuen Versammlung in der Kegelbahn des Kruges sich feierlich wieder zu den Entschlüssen des vorigen Abends bekannt, die Ausführung auf den Abend festgesetzt und den Advocaten beauftragt, den Pfarrer zur gutwilligen Räumung der Pfarre aufzufordern, den Ueberfall des Schlosses aber heimlich vorzubereiten. Der Pfarrer konnte keinen Widerstand leisten; im Schlosse sollte man sich zu einem Widerstande nicht vorbereiten können.

Als die Mittagsstunde vorüber war, begab Georg Hausmann sich zur Pfarre, in Begleitung seines hochverehrten Reisegefährten und Freundes. Als die Beiden in der Pfarre ankamen, war die Pfarrersfamilie soeben von dem Mittagstische aufgestanden.

„Sie haben die Henkersmahlzeit gehalten,“ sagte lachend der Bauernadvocat zu seinem Begleiter.

Emil Brunn – denn dies war sein Name – erwiderte nichts darauf, wie er überhaupt eine ernste, stille und schweigsame Natur war oder spielte.

Der Pfarrer Reif war Wittwer. Er lebte in der Pfarre mit seinen vier Kindern, seiner ältesten Tochter Regina, zwei Knaben von vierzehn und zehn Jahren und einem Mädchen von drei Jahren. Die Geburt dieses jüngsten Kindes hatte der Mutter den Tod gebracht. Bald nachher war Regina zur Führung der väterlichen Wirthschaft aus der Hauptstadt zurückgekehrt, wo sie beim Tode der Mutter noch ihrer weiteren Ausbildung obgelegen. Die drei anderen Kinder unterrichtete der Pfarrer selbst, den ältesten Knaben, Johannes, der mit Gottes Hülfe dereinst sein Nachfolger werden sollte, auch im Lateinischen und Griechischen.

Der Pfarrer zog sich nach Beendigung des Mittagsmahles in seine Studirstube zurück. Die drei jüngeren Kinder waren in der Wohnstube geblieben, während Regine, nach dem Abtragen des Tisches durch die alte Magd Lisbeth, mit einem Buche sich in den Garten hinter dem Hause begeben hatte. Es war so die Gewohnheit des Hauses, und es mußte eine alte Gewohnheit sein. Auch Georg Hausmann kannte sie, theilte sie seinem Freunde mit und setzte hinzu:

„Ich gehe jetzt zu dem Pfarrer hinauf, suche Du Deine Schöne im Garten auf! Wahrscheinlich findest Du sie in der reizenden, verschwiegenen Laube von Jasmin.“

Sie trennten sich.

Emil Brunn schritt durch ein unverschlossenes Pförtchen in den Pfarrgarten, in welchem die Stille der Mittagszeit herrschte. Niemand war darin zu sehen. Aber die Jasminlaube war da, von der Georg Hausmann gesprochen hatte und zu ihr nahm er seinen Weg. Er ging langsam, ohne Geräusch, wie es seiner wahren oder angenommenen Natur angemessen war. Jemand, der in der Laube in ein Buch oder in seine Gedanken verlieft war, konnte sein Nahen nicht wahrnehmen. Er trat in die Laube – eine junge Dame saß darin. Bei seinem Eintreten blickte sie auf. Ihr Gesicht wurde weiß wie frischgefallener Schnee und sie schrie laut auf:

„Unglücklicher! Elender!“

Sie wollte aufspringen und die Laube verlassen. Er hielt sie.

„Nicht von der Stelle!“

Sie sank gehorsam auf die Bank zurück, von der sie aufspringen wollte.

Regine, die älteste Tochter des Pfarrers in Waltershausen, war eine schöne junge Dame. Sie mochte ein- oder zweiundzwanzig Jahre zählen. Auch Emil Brunn war ein schöner junger Mann und in diesem Augenblicke schöner als sie. Sein vornehmes Gesicht war zwar bleich, aber es trug nicht jene Kreidefarbe, und es war nicht durchfurcht von Schreck und Angst wie das seines Gegenüber; es wohnte eine stille Melancholie darin. Neben der Bank stand ein Gartenstuhl, den der junge Mann nahm, er setzte sich Reginen gegenüber. Dann sah er lange schweigend in ihr Gesicht, in ihre Augen, die sie nicht aufzuschlagen wagte.

„Mein Fräulein,“ sprach er darauf, „wir sahen uns zuletzt unter anderen Umständen, in einer anderen Lage, als heute.“

Sie blickte nicht auf, sie hatte keine Antwort.

„Die Erinnerung daran,“ fuhr er fort, „wird Ihnen keine angenehme sein, ich muß mir dennoch die Erlaubniß nehmen, sie in Ihrem Gedächtnisse aufzufrischen. Nicht zu einer Genugthuung, die für mich eine berechtigte wäre, aber um Sie auf eine Katastrophe vorzubereiten, die unvermeidlich ist, und um Ihnen zugleich die Ueberzeugung Ihrer Mitschuld, vielleicht gar Ihrer ausschließlichen Schuld an dieser Katastrophe zu verschaffen. Hierin könnte nun freilich auch eine Genugthuung für mich zu finden sein. Indessen Sie werden sie mir ja nicht mißgönnen.“

Er sprach mit einer so entsetzlichen Kälte und Ruhe, daß man sie eine teuflische hätte nennen können, wenn das bleiche Leidensgesicht nicht einen solchen Gedanken hätte zurückweisen müssen. Die junge Dame wand sich unter der Wucht seiner Worte, als ob sie sich unter den Krallen eines Ungethüms fühle.

Der junge Mann sprach weiter, kalt und ruhig wie vorher:

[57]

„Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen! Sie ist noch nicht alt; erst wenige Jahre sind verflossen, seit sie sich zutrug; die Wunden, die sie schlug, sind noch nicht vernarbt, werden nie vernarben. Der Sohn einer der angesehensten Beamtenfamilien der Provinz, der einzige Sohn, die Hoffnung einer Wittwe, hielt sich in der Hauptstadt der Provinz auf, um nach Beendigung seiner Studien für seine weitere Carrière bei einer höheren Behörde sich vorzubereiten und gleichzeitig seiner Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger nachzukommen. Er war bei dem in der Stadt garnisonirenden Husarenregiment eingetreten, und seine Familienverhältnisse, seine Stellung verschafften ihm Aufnahme in den ersten Häusern der Stadt. Seine persönlichen Eigenschaften mochten wohl dazu beitragen, wenn diese Aufnahme eine freundliche und zuvorkommende war. In einem dieser Häuser traf er mit einer liebenswürdigen jungen Dame voll Geist und Anmuth zusammen, die sich zu ihrer Ausbildung in der Stadt aufhielt. Ihre Mutter war eine Jugendfreundin der Hausfrau. Die junge Dame verstand auch ein edles, treues, für alles Schöne und Gute warm schlagendes Herz zu zeigen, aber sie war eine herzlose Heuchlerin und Intrigantin. In dem Hause verkehrte die beste Gesellschaft, unter dieser befand sich der Freiherr Ottokar Stein von Waltershausen, Officier in dem Husarenregimente, unmittelbarer Vorgesetzter des einjährig-freiwilligen Husaren. Der Freiherr war ein schöner Mann, ein nobler Mann, aber er war unglücklich – den Grund seines Unglücks kannte Niemand, mit Ausnahme der jungen Dame, die seine Landsmännin war. So fand sie doppelt leichte Gelegenheit, sich dem jungen Officier zu nähern, sich ihm interessant zu machen, dann die Vertraute seiner Leidenschaft und zuletzt die Nebenbuhlerin seiner Liebe zu werden. Aber sie hatte auch eine heftige Leidenschaft in dem Herzen des jungen Freiwilligen zu entzünden gewußt. Dem gewagten Spiel, das sie spielte, war sie doch nicht ganz gewachsen; sie verlor es. Geliebt hatte sie nicht den Einen, nicht den Andern; denn Gefallsucht, Eitelkeit, Ränkesucht sind keine Liebe, lassen in dem verdorbenen Herzen keine Liebe zu. Der Officier hatte Briefe aus der Heimath erhalten. Ein alter Verwalter oder sonstiger Beamter der Waltersburg hatte Geschäfte in der Stadt, nahm die Gelegenheit wahr, den Bruder seiner Gutsherrschaft zu sehen, hatte dabei Allerlei aus dem Schlosse erzählt, und – von diesem Tage an erschien der Officier seltener in dem Hause, in dem die junge Dame sich befand, wurde gegen diese kälter, zog sich von ihr zurück. Das Haus ganz zu meiden, erlaubte ihm seine Stellung nicht. Sein Benehmen reizte die Dame, verletzte ihre Eitelkeit, forderte ihren Trotz heraus; sie legte endlich ihr Herz zu seinen Füßen. Sie liebte ihn mit jener Gluth des Wahnsinns, deren nur die verschmähte Liebe eines weiblichen Herzens fähig ist. Und der junge Freiwillige? Er sah diese Liebe; er mußte sie sehen. Er sah sich betrogen, und auch er wurde vom Wahnsinne ergriffen – von dem der Eifersucht. Sein Wahnsinn forderte ein Opfer, wandte sich gegen den vermeintlichen Nebenbuhler. Er suchte diesen auf, mißhandelte ihn, und das war ein schweres Verbrechen gegen die militärische Subordination. Der Verbrecher wurde zum Tode verurtheilt. Auf Verwendung seiner Familie und in Anbetracht seiner Jugend wurde die Todesstrafe in lebenslängliche Festungsgefangenschaft verwandelt. Eine Amnestie, die in dieser sonderbaren ernsten Zeit der Revolutionen erlassen wurde, gab ihm die Freiheit zurück, aber nicht seine vernichtete Existenz. Meine kleine Geschichte ist zu Ende,“ schloß Emil Brunn.
(Fortsetzung folgt.)



Blätter und Blüthen.


Ludwig Spohr als Capellmeister in Kassel. (Von einem alten Musiker.) Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich hier den Einfluß Ludwig Spohr’s auf die deutsche Musik schildern, den hohen und ernsten Geist seiner Muse, wie er sich in seinen Werken offenbart, das Edle, Gediegene und Maßvolle, dem er als Virtuos huldigte. Ebenso wenig will ich der von ihm verfaßten, im Jahre 1862 erschienenen Selbstbiographie irgend welche äußere Daten zufügen. Wohl aber bin ich in der Lage, das Bild des Meisters durch einige charakteristische Züge zu illustriren, welche vorzugsweise seine Wirksamkeit als Capellmeister betreffen und mehr als lange kritische Auseinandersetzungen zeigen dürften, mit welchem Ernste, mit welcher Weihe und mit welchem eisernen Fleiße Spohr dieser seiner Wirksamkeit sich hingab.

Hunderte von Proben, die er abhielt, Hunderte von Vorstellungen, die er leitete, habe ich mit dem mir befreundet gewesenen Meister besucht, und ich zögere keinen Augenblick die Behauptung auszusprechen, daß er einer der bedeutendsten Dirigenten war, welche je ein musikalisches Werk einstudirten und führten.

Noch immer sehe ich ihn mit seiner hohen und imposanten Figur, angethan mit kurzem, grünfarbigem Fracke, die grüne, kugelförmig gestaltete Mütze mit breitem Schirme auf dem Kopfe, über die Königsstraße dem Theatergebäude zuschreiten, gewöhnlich in freundlicher Unterhaltung mit seinem kleinen und beweglichen Lieblingsschüler, dem Violinvirtuosen und Capellmeister Jean Bott. Wer den breitschulterigen, starkknochigen und in seinen Bewegungen etwas linkischen Mann erblickte, der konnte sich kaum dem Gedanken hingeben, daß die Seele in diesem Körper ein Quell tiefsinniger Gefühle und zartester Harmonien sei. Nur die großen blauen Augen glänzten beinahe rundlich milde, und auf die gewölbte Stirn hatte sich der Schimmer geistiger Hoheit gelagert.

Sobald der Meister in den Orchesterraum des Theaters eingetreten war und, Alle überragend, vor dem Dirigentenpulte Platz genommen hatte, nahmen seine Züge den Ausdruck strengsten Ernstes an, vor welchem sofort jeder profane Lärm von selbst verstummte. In dem Augenblicke, wo seine Hand den Tactstock faßte und hob, ward er zum gebietenden Feldherrn, der, seine Aufgabe vollständig beherrschend, sicher und bestimmt seine Befehle ertheilt, ohne einen Widerspruch zu dulden. Und hätte die Erde gezittert, die Tactschläge wären nicht einen Augenblick unsicher oder verworren gefallen, die Tempi wären nicht um eine Schwingung von der ursprünglich gefaßten Idee abgewichen. Dabei meisterten seine Augen jedes Einzelnen Instrument und jeden Ton des Sängers, bald hierhin, bald dorthin die nöthigen Winke ertheilend. Und nicht der geringste Fehler entging seinem scharfen Ohre und wurde von ihm ungerügt gelassen. Freundlich, aber gemessen, forderte er Verbesserung und Wiederholung der betreffenden Stelle so lange, bis ihm Alles genügend erschien. Durch seine eminente Ausdauer stellte Spohr dabei die Geduld der Sänger und Sängerinnen nicht selten auf eine harte Probe. Riß aber auch ihm der Geduldsfaden, entweder, weil man seinen Intentionen nicht folgen konnte, oder weil er auf bösen Willen zu stoßen glaubte, so gerieth er in jenen Zustand der Erregung, welcher ihm bei dem Opernpersonale den Beinamen „der grobe Seesener“ verschaffte. (Als Seesener wurde er bezeichnet, weil sein Vater bald nach seiner Geburt von Braunschweig als Physicus nach dem braunschweigischen Städtchen Seesen versetzt ward.) Freilich waren dann seine Ausdrücke und seine in echt braunschweigischem Dialecte hervorgestoßenen Worte nicht immer sehr gewählt.

Noch heute erinnere ich mich einer Probe, in welcher die damalige erste dramatische Sängerin, Fräulein P. …, mit einer Rolle von etwa zehn Tacten nicht recht fertig werden konnte. Spohr ließ die Rolle zehnmal, zwölfmal wiederholen und fuhr die Sängerin, als sie verdrießlich zu werden begann, mit den Worten an: „Fräulein P. …, Sie singen wie ein Swein – Sweinerei kann ich auf der Bühne nicht gebrauchen.“ Ein anderes Mal schlug er nach vielfachen Bemühungen und Instructionen die Partitur mit den Worten zu: „Daß ich die Oper dirigiren kann, weiß Jeder, man soll aber auch wissen, daß das Kasseler Opernpersonal die Oper nicht singen kann. Studiren Sie! Später sprechen wir uns wieder.“ – Niemand hätte aber gewagt, ernstlich zu opponiren, mit einer heiligen Scheu und mit unbegrenzter Hochachtung blickte Jeder zu dem Meister auf, und das Resultat solcher Proben war, daß jede einmal einstudirte Oper unerschütterlich fest stand und zu jeder Zeit plötzlich, oft ohne jede Repetition in das Repertoire eingefügt werden konnte.

Um den bösen Willen, oder etwaige Launen, wo er solche vermuthete, zu brechen und zu strafen, wandte er zuweilen ein eigenthümliches Mittel an. Er verließ dann in der Probe, nachdem alle Erinnerungen nichts gefruchtet hatten, seinen Dirigentenplatz, ohne weiter ein Wort zu sagen. Bei der Vorstellung aber legte er, sobald diese Stelle kam, den Tactstock nieder, kreuzte die Arme und blickte den Vortragenden mit einer gewissen Schadenfreude fest an. Wie oft hat ein solches Opfer Angstschweiß vergossen bis zu dem Augenblicke, wo der Meister, das grausame Spiel endend, dem neben ihm sitzenden trefflichen Cellisten Hasemann einen Wink gab und dieser, fest und sicher die Melodie intonirend, Alles in das gehörige Gleis brachte, ohne daß das Publicum etwas bemerkte. Hasemann war überhaupt Spohr’s rechte Hand im Orchester. Er hatte als Trompeter die Schlacht von Waterloo mitgemacht und war ein Original in jeder Beziehung. Alt und Jung kannten ihn, wenn er die Straßen durchschritt, den grauen, rothgefütterten Mantel nachlässig umgeworfen.

Daß Spohr wegen seiner liberalen Gesinnungen dem Kronprinzen-Mitregenten und nachherigen Kurfürsten verhaßt war, ist allgemein bekannt. Ebenso sicher ist es aber auch, daß sich der Meister durch diesen Haß viel weniger alteriren ließ, als durch die Rücksichtslosigkeit des Kurfürsten, während der Vorstellungen in der Oper mit seiner Theetasse zu klappern. Im Jahre 1857 wurde er in den Ruhestand versetzt, nachdem der Zwiespalt mit dem Kurfürsten durch einen Vorfall gesteigert worden war, welcher einen schlagenden Beweis dafür liefert, wie hoch Spohr seine Kunst stellte und wie er nicht die geringste Entweihung derselben zu dulden vermochte. Für den Abend war Beethovens „Fidelio“ angesetzt. Mittags ward der Meister benachrichtigt, daß aus Veranlassung der Ankunft eines fremden Prinzen „auf höchsten Befehl“ zwischen den beiden Acten der Oper ein Ballet zur Aufführung gelangen solle. Spohr widersetzte sich mit größter Entschiedenheit und mit dem Bemerken, daß er unter solchen Umständen nicht dirigiren werde. Dem Kurfürsten blieb Nichts übrig, als nachzugeben und das

[58] Ballet nach Beendigung der Oper in Scene gehen zu lassen, nachdem Spohr den Tactstock niedergelegt hatte. Hatte der Kurfürst schon früher gewöhnlich jede Spohr’sche Oper von dem ihm vorgelegten Repertoire gestrichen, so that er solches nunmehr grundsätzlich fortwährend, und es hatte daher auch das Publicum Kassels keine dieser Compositionen, nicht einmal die „Jessonda“ zu hören bekommen.

Auch das Auftreten Spohr’s als Violinvirtuos in den Concerten des Hoftheaters unterblieb fortan gänzlich, und den Musikfreunden wurde damit einer der schönsten und edelsten Genüsse entzogen. Mit welcher Andacht, mit welcher Spannung hatte man früher gelauscht, wenn der Meister nach einer kurzen und schroffen Verbeugung die Geige ansetzte, welche fast zu klein schien für den Körper ihres Herrn, und wenn dann jene weichen und vollen Töne unter dem bekannten Bogenstriche hervorquollen, dessen Kraft das Instrument zu brechen schien! Noch mehr trat die grandiose Eigenthümlichkeit der Spohr’schen Spielweise hervor, wenn der Meister, was zuweilen geschah, mit dem Concertmeister Wiehle Duetten executirte, da Letzterer, eine kleine, lebendige und elegante Erscheinung, in der französischen Schule gebildet war. Spohr’s Spiel war von so überwältigender Wirkung, daß einer seiner talentvollsten Schüler, ein Ungar, eines Abends, nachdem er einem Concertvortrage seines Lehrers beigewohnt hatte, nach Hause eilte, seine Geige zum Fenster hinauswarf und abreiste, verzweifelnd, je etwas Aehnliches leisten zu können. Einer nur ist im Stande gewesen, des Meisters Erbschaft anzutreten, das ist Joachim in Berlin.

Achtzehn Jahre sind dahingegangen, seitdem sich die Kunde von Spohr’s Tode verbreitete. Einmal noch habe ich ihn nach seiner Versetzung in den Ruhestand begrüßen können, im Geiste aber sehe ich ihn immer noch als einen wirklichen Heros vor dem Dirigentenpulte, im Geiste stehe ich heute noch an lauen Sommerabenden vor seinem Garten am Kölnischen Thore zu Kassel und lausche den Zaubertönen, welche er, allein phantasirend, seinem Instrumente entlockte.

Jetzt soll ihm ein Denkmal gesetzt werden, ein Denkmal, das schon längst hätte vollendet sein müssen, wenn man sich dessen erinnert hätte, was Spohr als Componist, Virtuos und Dirigent war. Hoffentlich kommt es in glänzender Weise zu Stande! Aber auch ohne dasselbe wird der Name Ludwig Spohr im Tempel der Kunst in glänzenden Lettern an derjenigen Stelle prangen, wo die Namen der hohen und edelsten Meister verzeichnet sind! –





Die türkischen Gefangenen in Bukarest. Man schreibt uns aus der Hauptstadt Rumäniens. Täglich treffen jetzt Züge mit türkischen Kriegsgefangenen in Bukarest ein und werden in den verschiedenen Casernen untergebracht. Der Eindruck, welchen sie machen, ist sehr verschieden, obgleich es durchweg kräftige Menschen sind. Einige sind gut gekleidet und mit Mänteln und Stiefeln versehen, andere haben nichts als einen dünnen, fadenscheinigen Waffenrock und zerrissene Schuhe an und klappern vor Frost. Viele haben Geld, größtentheils Kaimes, selten Gold. Das Papiergeld wechseln sie bei den ambulanten Wechslern an den Straßenecken. Sie werden dabei nicht übermäßig über das Ohr gehauen, denn die Wechsler sind größtenteils rumänische Israeliten, welche Mitleid mit den armen Gefangenen haben. In mehreren Gewölben, in welchen die Türken sich Strümpfe, Wäsche und andere dringende Bedürfnisse einkauften, habe ich selbst beobachtet, daß die israelitischen Verkäufer von den Türken zwar aus Furcht vor ihren rumänischen Kunden, Geld annahmen, ihnen dasselbe aber mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke und mit nassem Auge heimlich wieder in die Hand drückten. Andere Gefangene haben zwar kein Geld, sind aber im Besitze von Schmuck und Kostbarkeiten, an welche sich möglicher Weise eine schreckliche Geschichte von Raub, Mord und Plünderung knüpft. Derartiger Schmuck wird von ihnen an den Straßenecken zum Verkaufe angeboten. In aller Geschwindigkeit ist unter zehn oder zwölf Personen eine Versteigerung arrangirt. Ich sah auf solcher Straßenecken-Auction einen Baschibozuk eine antike Brosche, welche gewiß einige hundert Franken werth sein mochte, um dreizehn Franken fortgeben. Manche von den Gefangenen haben indessen weder Gold, noch Papier, noch Schmuck, den sie verkaufen konnten, um dafür warme Kleider oder etwas Warmes in den Magen zu erhandeln. Solch ein Trupp von hungernden und feiernden Unglücklichen stand gestern vor der Thür eines Kirtschmar (Gasthaus für die ärmeren Volksclassen), ohne – im Bewußtsein der leeren Taschen – hineingehen zu können. Da kommt ein junger ungarischer Handwerker, er mochte kaum zwanzig Jahre zählen, des Weges, um in demselben Kirtschmar sein Mittagsmahl zu halten. Er spricht die türkischen Gefangenen mitleidsvoll auf ungarisch an und – o Freude – sie verstehen ihn, aber er versteht auch sie und erfährt, daß sie frieren und Hunger haben. Ohne Bedenken nimmt er sie alle fünf mit in das Wirtshaus, aber erst als sie hier sind, fällt ihm ein, daß auch seine Tasche nur einen einzigen Franken enthält, mit welchem er sein frugales Mittagsessen bezahlen wollte. Dieser Gedanke stört ihn indessen nicht einen Augenblick in seinen großherzigen Entschlüssen. Er zieht seine Uhr aus der Tasche und fragt den Wirth, wieviel er ihm darauf leihen wolle. Er erhält zehn Franken und mit diesem Gelde tritt er zu seinen Schützlingen und fragt sie, ob er ihnen dasselbe geben solle, damit sie sich etwas nach eigenem Wunsche und Willen kaufen können, oder ob sie für das Geld mit ihm speisen wollen. Sie ziehen das letztere vor und nun beginnt das Banket der Armen und Unglücklichen.

Die Bevölkerung der Hauptstadt verhält sich gegen die Gefangenen im Allgemeinen sehr rücksichtsvoll und selbst teilnehmend. Ausnahmen kommen indessen auch vor und führen mitunter zu Conflicten, die keineswegs immer zum Nachtheile der Gefangenen enden. So begegnet ein Karutzasch (Karrenführer) einigen Türken und fühlt das Bedürfnis, denselben klar zu machen, welch eine großherzige und edelmüthige Nation die Rumänen sind. Er wendet sich in rumänischer Sprache an einen jungen Türken mit edlen, gebräunten Zügen und setzt ihm auseinander, daß, obgleich die Moslem Barbaren und gefangen sind, sie dennoch von der großherzigen rumänischen Nation gut behandelt und weder geköpft noch gespießt würden, was jedenfalls Anerkennung verdiene. Hätte der Sohn Mohammed’s, wie so viele seiner Glaubensgenossen aus Bulgarien, das Rumänische verstanden, so würde die Beredsamkeit des Bukarester Karutzasch gewiß nicht verfehlt haben, auf ihn Eindruck zu machen, aber unglücklicher Weise steckte in der Rizamuniform ein Araber, welcher nicht einmal türkisch, viel weniger rumänisch verstand. Er begnügte sich deshalb, den Lobredner der rumänischen Civilisation mit Erstaunen und Verwunderung zu betrachten, ohne zu antworten. Letzterer aber hatte sich einmal vorgenommen, von dem jungen Türken eine Anerkennung seiner Ueberlegenheit zu erzwingen, und da dies mit Worten durchaus nicht gelingen wollte, so ging er zu Thaten über, indem er dem hübschen, langen Mohammedaner einen leisen Nasenstüber versetzte, aber wer beschreibt den Schrecken des Karutzasch, als der gleichgültig blickende Sohn der Wüste sich plötzlich wie mit einem Zauberschlage verwandelt. Das Auge sprüht Blitze, jeder Nerv spannt sich, ein einziger Griff nach der Brust des armen Karrenführers, der bald hoch in der Luft zappelt und seine Sinne erst in einem tiefen, zehn Schritte entfernten Schneehaufen wieder findet. Hochaufgerichtet steht der junge Araber mit aufgehobenem, wenn auch waffenlosen Arme, sein Mund ist stumm; aber sein flammendes Auge fordert ein ganzes Volk, eine ganze Welt in die Schranken. Er ganz allein und ohne Waffen gegen das Universum. – Es spricht gewiß für die rumänische Bevölkerung, daß nicht der geringste Versuch gemacht wurde, dem jungen Wüstenlöwen die Macht der Ueberzahl begreiflich zu machen, und daß der Karutzasch, welcher sich seine Kniee rieb, sonst aber keinen Schaden gelitten hatte, weidlich ausgelacht wurde. Nur eine erschreckte junge Frau that die Aeußerung: Es sei doch unrecht von der Polizei, solche wilden Thiere ohne Käfig und ohne Kette frei herumlaufen zu lassen.

Noch ein zweites Beispiel von dem nicht zu beugenden Selbstbewußtsein der Osmanen und von der furchtbaren Kraft ihrer Muskeln wurde an demselben Tage aus dem Constantin Boda-Platze von einem alten Türken mit bereits ergrautem Barte gegeben. Hier war der Gegner ein russischer Soldat, der dem Moslem begreiflich zu machen suchte, daß nach seiner – des Russen – Meinung die Türken doch nur schwach, und daß Osman Pascha kein guter General sei. Der Alte packte den Russen an der Kapuze seines Mantes, drehte ihn fünf- bis sechsmal um sich selbst in der Luft herum und bemerkte dazu auf rumänisch: „Osman großer Pascha, Türken nicht schwach,“ was der Russe jetzt unter lautem Gelächter der Umstehenden zugab.





Theerpillen als Heilmittel. Den mehrfachen Anfragen über den Nutzen oder Schaden der Theerpillen Folgendes zur Erwiderung. – Wir fordern von Demjenigen, welcher der Reclame zum Opfer gefallen ist, nichts weiter, als daß er eine der Pillen vor dem Hinunterschlucken im Munde zerbeißt. Wenn er dann noch seinen Magen und Geldbeutel dem Schwindel preisgiebt, so verdient er nichts Besseres. Die Pillen enthalten reinen flüssigen Theer; besäße der Magen Geschmacksnerven, was leider nicht der Fall, so würde es schon des abscheulichen Geschmackes wegen Niemandem einfallen, sich auf diese Weise ohne Nutzen zu maltraitiren. Nimmt man die Pillen wegen eines kurzen acuten Katarrhs, der unter geeigneter Vorsicht von selbst vergeht (die Pillen haben selbstverständlich geholfen) nur wenige Male, so rufen sie meist keinen Schaden hervor. Ihr Fortgebrauch längere Zeit hindurch muß dagegen schließlich von den ernstesten Folgen begleitet sein. Der erste Reiz trifft den Magen. Ist dessen zarte Schleimhaut durch reichlichen Alkoholgenuß abgehärtet, so dürfte ihn allerdings dieses moderne Theerauspichen wenig berühren, eine gesunde Magenschleimhaut jedoch wird schließlich so gereizt, daß katarrhalische Entzündungen des Verdauungsapparates entstehen. Ferner erkranken die Nieren und die sich anschließenden Organe häufig nach innerem Theergenuß, selbst Hautausschläge und Erregung des Nervensystems kommen nicht zu selten darnach zur Beobachtung. Aeußerlich gegen Flechten in den verschiedensten Formen angewendet, entfaltet der Theer seine bekannte segensreiche Wirkung, doch können hierbei schon, wenn unvorsichtig zu große Mengen eingerieben werden, durch Aufsaugung nach innen, gefährliche Darm- und Nierenkatarrhe, sowie Nervenzufälle zum Vorschein kommen, ein Beweis für die Richtigkeit unserer obigen Behauptung. Schon lange hat die Medicin dieses Medicament für den innerlichen Gebrauch (weil hinreichende Ersatzmittel vorhanden) aus ihrem Arzneischatze gestrichen, hoffentlich wird nun auch der Laie binnen kurzem diesem guten Beispiele folgen.

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Die schöne Venetianerin. (Mit Abbildung S. 53) Unserm trefflichen Historiennmaler Ferdinand Wagner in München verdanken wir dieses Idealbild weiblicher Schönheit aus der Blütezeit des venetianischen Macht- und Prachtlebens, ein Seitenstück zu desselben Meisters „Grethchen“, welches die deutsche Schönheit im gleichen Zeitalter darstellt. Das Bild, das der Künstler uns „La Mandolinata“ bezeichnete, erklärt sich selbst, weshalb wir lieber ein wenig vom Meister reden wollen. Nach dem Seubert’schen Künstlerlexicon ist Ferdinand Wagner zu Schwabmünchen 1820 geboren. Anfangs zum Kürschnerhandwerk bestimmt, zeigte er bald seine Kunstbegabung, sodaß man den fünfzehnjährigen Jüngling nach München schickte, wo er an der Akademie Cornelius’ und Schnorr’s Schüler war. Sein erstes großes Werk war ein „Jüngstes Gericht“ am Plafond der Kirche seines Heimathsortes; ihm folgte ein Frescogemälde in der Kirche zu Königsbrunn auf dem Lechfelde, daß dem Fürsten Fugger die Veranlassung gab, demselben die Ausschmückung des Augsburger allbekannten Fuggerhauses mit fünf großen Fresken zu übertragen. Ebenso berühmt wurden seine großen, auch von der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1866) wiedergegebenen historischen Fresken an der Stadtkanzlei in Constanz, welchen ähnliche Wandmalereien in Breslau, Monaco, Meiningen etc. folgten. Der ebenso geistvolle wie bescheidene Künstler erfreut sich des Ehrenbürgerrechts von Augsburg.


  1. Wir theilen die Dialektdichter in Käfig- und Waldvögel ein, von denen erster Eingelerntes, die letzteren aber so singen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und das der Waldvogel nur singt, so lange er gesund ist, so singt er auch nur Gesundes, und das ist zugleich das Hauptkennzeichen des wahren Volksliedes. Carl Stieler ist ein solcher freier, frischer Vogel, von dem das lustige Schnaderhüpfl preist: „Meine Vögel im Wald singen Alles vom Blatt!“ Er ist Meister der genauen Kenntniß des Volksgesichtskreises und der Volkslogik, die man nicht in Büchern studiren kann. Daß er den richtigen Ton anschlägt, der zum Herzen des Volkes dringt, davon zeugt die Theilnahme, die es seinen Gedichten zuwendet. Von seinen beiden ersten Sammlungen, den „Bergbleamln“ (München, Braun und Schneider) und dem „Weil’s mi’ freut“ (Stuttgart, Meyer und Zeller), sind bereits mehrere Auflagen nöthig geworden, und sein jüngstes Büchlein, das mit dem trotzigen Titel „Habt’s a Schneid!?“ auftritt, lacht dabei viel zu fröhlich in die Welt, um lange auf Lager zu bleiben. An so einem Gesellen kann der alte Meister Franz von Kobell seine Freude haben.
    F. H.
  2. in die Küche hinab.
  3. nachher.
  4. „Aus Rahel’s Herzensleben“. Briefe und Tagebuchblätter, herausgegeben von Ludmilla Assing. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1877.
  5. Deutsch von V. Carus. Stuttgart, Schweizerbart (E. Koch).