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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1878) 387.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[387]

Karl August.
Ein Kranz zum vierzehnten Juni.

Fünfzig Jahre schon begraben –
Fünfzig Jahr’, und welche Zeit!
Hörtest Du, wie von den Raben
Der Kyffhäuser ward befreit?

5
Ward nicht Goethe’s Sarg lebendig?

Grollte nicht im Todtenhaus
Friedrich Schiller’s Ruf unbändig:
„Auf! Jetzt eilen wir hinaus!“

Schlummert fort! Es strahlt in’s Leben

10
Hell doch Eurer Tage Zier,

Und wo Männer sich erheben,
Ihre Führer seid nur Ihr.
Eure Worte, Eure Thaten –
Trotz der Zeiten neuem Lauf –

15
Immer geh’n sie noch wie Saaten

Aus der Götter Händen auf.

Deutscher Fürst, dem Dienst des Schönen
Hast Du diese Saat geweiht,
Würdig Deutschlands größten Söhnen,

20
Selber groß, Dich angereiht.

Ob Du Höheren Dich beugtest,
Sahst zu ihrem Geist hinan:
In des Herzens Hoheit leuchtest
Du dem Volk als erster Mann.

25
Warst der Erste auf dem Throne,

Treu dem Wort und dem Beruf,
Der dem Volk zum Siegeslohne
Eine Burg des Rechtes schuf.
Selbst befreit vom Zwang der Schranken,

30
Die der Hof um Fürsten hegt,

Hast die Hand Du ohne Wanken
In des Bürgers Hand gelegt.

Größter Herzog Du der Sachsen,
Der an seines „Freundes“ Hand

35
Einst „so herrlich ist gewachsen“ –

Grüß’ Dich heut’ das Vaterland!
Kleines Land und große Geister –
Mög’ es eine Mahnung sein!
Werde nie der Spruch uns Meister:

40
Groß das Land, die Geister klein!


     Friedrich Hofmann.



Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Wenn irgend Jemand Veranlassung hatte, über das seltsame Spiel des Zufalls Betrachtungen anzustellen, so war es sicher der Hofrath Moser, denn gegen ihn hatte sich der Zufall eine Malice erlaubt, wie sie ärger gar nicht gedacht werden konnte. Er, der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains, der Inbegriff aller Loyalität, der geschworene Feind aller revolutionären und demagogischen Elemente, er mußte es jetzt erleben, daß unter seinem Dache, in seiner Wohnung der Sohn eines Hoch- und Staatsverräthers gepflegt wurde, und was das Schlimmste war, die Unvorsichtigkeit und Uebereilung der eigenen Tochter hatte dieses Schicksal über das Haupt ihres Vaters gebracht.

Es war nicht zu leugnen, daß Agnes Moser allein die Schuld daran trug, wenn sie dabei auch zweifellos von den frömmsten Motiven geleitet wurde. Agnes hatte von jeher die kurze Zeit, die sie noch im Hause ihres Vaters zubringen sollte, ehe sie der selbstgewählten Bestimmung folgte, als eine Vorbereitung für diese betrachtet. Die kranke Frau des Copisten war nicht die Einzige, die sich ihrer Sorgfalt erfreute. Wo es im Schlosse oder in der näheren Umgebung nur irgend etwas zu trösten oder zu pflegen gab, erschien das junge Mädchen, das sonst niemals zum Vorschein kam, um seine stille, aufopfernde Thätigkeit zu beginnen, und was bei einer Andern befremdlich erschienen wäre, galt hier als selbstverständlich. Man wußte ja allgemein, daß die Tochter des Hofraths den Schleier nehmen werde; man sah in ihr bereits die künftige Nonne, und dies im Verein mit ihrer Bereitwilligkeit, überall zu helfen, wo Hülfe nothwendig war, verschaffte ihr bei sämmtlichen Bewohnern des Schlosses einen Respect, der sonst siebenzehnjährigen jungen Mädchen selten zu Theil wird. Man fand es daher sehr natürlich,

[388] daß an jenem Abende, als die Verwundeten in das Schloß gebracht wurden, auch Fräulein Moser sich an den Hülfeleistungen betheiligte, und kam ihr auf das Bereitwilligste entgegen, als sie den Vorschlag machte, den am schwersten Verletzten, den Doctor Brunnow, in die Wohnung ihres Vaters zu bringen, wo sie ihn selbst pflegen werde. Der Gouverneur hatte befohlen, auf’s Beste für die Verwundeten zu sorgen, besonders für den jungen Arzt, dem die Ausübung seiner Pflicht beinahe das Leben gekostet hatte; einer besseren Pflege aber konnte man diesen gar nicht anvertrauen. Er mußte seines bedenklichen Zustandes wegen vorläufig im Schlosse bleiben, während die beiden Sicherheitsbeamten, die leichtere Wunden davongetragen hatten, am nächsten Tage nach der Stadt gebracht werden konnten. Der Haushofmeister war sehr erfreut, den Befehlen seines Herrn so pünktlich nachkommen zu können; er unterstützte das Fräulein nach Kräften in ihrem von der christlichen Barmherzigkeit eingegebenen Vorhaben und hatte die Genugthuung, zu sehen, daß der Freiherr, dem er diese Wendung der Sache meldete, außerordentlich zufrieden damit war.

Um so weniger zufrieden aber war der Hofrath. Er gerieth förmlich außer sich, als er bei der Rückkehr diesen „staatsgefährlichen“ Patienten in seiner Wohnung fand, und verlangte entschieden die Entfernung desselben, stieß aber hier auf einen ebenso entschiedenen Widerstand. Die sanfte, stille Agnes zeigte zum ersten Male in ihrem Leben Festigkeit und Energie, als sie sich weigerte, dem Vater zu gehorchen, und da sich auch die resolute Frau Christine auf die Seite ihres Fräuleins schlug, so wurde Moser überstimmt. Man machte ihm begreiflich, daß man den Schwerkranken nicht wieder fortschaffen könnte, ohne sein Leben zu gefährden und sich geradezu zu seinem Mörder zu machen. Der Hofrath sah das schließlich ein, aber es minderte nicht seine Verzweiflung; er lief gleich am nächsten Morgen zu seinem Chef, um ihm die Schreckenskunde zu überbringen und sich feierlichst gegen jede Mitschuld zu verwahren, aber er erhielt statt des gehofften Machtwortes, das ihn von dem aufgedrungenen Gaste befreien sollte, den Rath, sich dem eigenmächtigen Verfahren seiner Tochter zu fügen, das der Freiherr im höchsten Grade zu billigen schien. Doch er verhieß, dafür zu sorgen, daß der Vorfall zu keinem Zweifel an der Loyalität des Hofrathes Veranlassung gebe, und erklärte sogar, seinen eigenen Hausarzt senden zu wollen. Man sei durchaus verpflichtet, sich des jungen Arztes anzunehmen, der sich so aufopfernd bewiesen habe. Dieser Autorität fügte sich der Hofrath denn endlich, aber es geschah mit schwerem Herzen. Er konnte es seiner Tochter nicht verzeihen, daß sie die Barmherzigkeit gegen ihre leidenden Mitmenschen so in’s Extrem trieb, und wenn er auch an der vollendeten Thatsache nichts ändern konnte, so betrachtete er sie doch täglich mit neuem Entsetzen und neuer Entrüstung. –

Es war am dritten Tage nach der Verwundung Max Brunnow’s. Der Arzt, welcher ihn behandelte, hatte soeben die Moser’sche Wohnung betreten. Es war ein kleiner schmächtiger Herr mit hellblondem Haar, milden Augen und einer sehr sanften Stimme; er sprach mit dem Hofrath, der sich eben in seine Kanzlei begeben wollte.

„Nein, Herr Hofrath, ich habe wenig oder eigentlich gar keine Hoffnung mehr, den Patienten zu retten. Es steht schlecht mit ihm, sehr schlecht; wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“

„Sie haben ihn heute noch nicht gesehen,“ sagte der Hofrath. „Meine Tochter sagte mir, er habe die ganze Nacht ruhig geschlafen.“

Der kleine Herr zuckte die Achseln. „Das ist Schwäche, Betäubung. Der Blutverlust war sehr stark, und nach diesem heftigen Wundfieber mußte nothgedrungen eine um so größere Erschöpfung eintreten. Ich sage Ihnen, es ist vorbei – ganz vorbei!“

„Das thut mir leid,“ entgegnete der Hofrath. Im Angesichte des Todes wich denn doch sein Groll und machte dem Mitleid Platz. „Und auch meiner Tochter wird es leid thun. Sie hat sich mit so großem Eifer der Pflege angenommen und ist fast nicht von dem Krankenbette gewichen. Ich fürchte, Agnes überanstrengt sich dabei, denn ich habe sie noch nie so blaß gesehen wie jetzt. Heute Morgen mußte ich sie beinahe zwingen, einige Stunden zu ruhen, nachdem sie die ganze Nacht gewacht hatte.“

„Ja, Fräulein Moser widmet sich mit einer wahren Leidenschaft der Krankenpflege,“ meinte der Arzt bewundernd. „Sie bringt eine unendliche Hingebung für ihren künftigen Beruf mit und wird sehr segensreich darin wirken. Hier freilich wird ihre Thätigkeit bald zu Ende sein. Ich fürchte, die Stunden des Armen sind gezählt; er wird kaum den Abend erleben.“

Er schüttelte melancholisch den Kopf und verabschiedete sich, um zu dem Kranken zu gehen. Der Hofrath blieb zurück, gleichfalls sehr melancholisch, aber aus anderen Gründen. Das fehlte noch. Nun gar ein Todesfall im Hause, nachdem man zwei Tage lang all die Angst und Sorge durchgemacht hatte! Und wie schrecklich, wenn in den Zeitungen zu lesen stand: „Der Sohn des aus der Revolutionszeit hinreichend bekannten Doctor Brunnow ist in R. im Hause des Hofrath Moser gestorben, nachdem er bei einem Straßenauflauf schwer verwundet worden war.“ Diese rücksichtslosen Zeitungen pflegten solche Nachrichten ja immer nur ganz kurz und trocken zu bringen, ohne Erklärungen und Auseinandersetzungen. Der Hofrath sandte einen anklagenden Blick zum Himmel. Er, der pflichttreueste, gewissenhafteste Beamte, mußte einem solchen Schicksal verfallen; er senkte den Kopf tief auf die weiße Halsbinde nieder, als er endlich den Weg nach seiner Kanzlei antrat.

Der Arzt hatte sich inzwischen in das Krankenzimmer begeben. Er trat sehr leise, sehr vorsichtig ein, wie man das bei Sterbenden zu thun pflegt. Frau Christine, die auf kurze Zeit ihr Fräulein in der Pflege abgelöst hatte, saß am Bette. Der Doctor tauschte flüsternd einige Worte mit ihr aus und sandte sie dann fort, um neue Compressen zu holen. Er selbst trat an das Bett und beugte sich über den Kranken, der jetzt erwachte und, wie es schien, mit voller Besinnung die Augen aufschlug.

„Wie befinden Sie sich?“ fragte der kleine Arzt in sehr sanftem Tone den Patienten.

„Ich danke, ganz leidlich,“ erwiderte dieser, dessen Augen irgend etwas zu suchen schienen. „Was ist denn eigentlich mit mir vorgegangen?“

„Sie sind sehr schwer verwundet, aber beruhigen Sie sich! Ich werde mein Möglichstes thun. Sie sind in den besten Händen.“

Max, dessen Blick mittlerweile das ganze Zimmer durchforscht hatte, ohne zu finden, was er suchte, begann jetzt den Redenden zu mustern.

„Vermuthlich ein Herr College?“ sagte er. „Mit wem habe ich denn die Ehre –?“

„Mein Name ist Berndt,“ versetzte der Herr College. „Seine Excellenz der Gouverneur, der große Theilnahme bei Ihrer Verwundung zeigte, wollte Ihnen seinen eigenen Hausarzt senden. Der Herr Medicinalrath ist aber leider erkrankt, und so habe ich, sein Assistent, die Behandlung übernommen. – Aber Sie dürfen nicht reden, sich überhaupt nicht regen. Beantworten Sie meine Fragen durch Zeichen, wenn Ihnen das Sprechen schwer fällt! Sie sind so unendlich matt und angegriffen und bedürfen der äußersten –“

Er hielt erschrocken inne, denn der dem Tode Geweihte richtete sich urplötzlich mit einem kräftigen Rucke empor und setzte sich aufrecht, während er mit einer nichts weniger als matten Stimme fragte:

„Wo ist denn meine Pflegerin geblieben? Sie war doch sonst immer an meiner Seite.“

„Fräulein Moser, meinen Sie? Sie ruht ein wenig, nachdem sie die ganze Nacht an Ihrem Krankenbette gewacht hat. Sie haben eine sehr aufopfernde Pflegerin gefunden; das Fräulein ist ein Engel der Barmherzigkeit.“

„Barmherzigkeit?“ wiederholte Max in gedehntem Tone. „Ja freilich, die intime Bekanntschaft mit den Pflastersteinen Ihrer liebenswürdigen Stadt hat mich auf die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen. Es ist eine ganz verwünschte Benutzung des Straßenpflasters, wenn man es den Leuten an die Köpfe wirft.“

„Regen Sie sich nicht auf, bester Herr College!“ bat Doctor Berndt sanft. „Nur ja keine Aufregung! Nur Ruhe, Stille, Schonung! Aber da Sie doch wieder bei klarer Besinnung sind, möchte ich fragen, ob Sie noch irgend einen Wunsch, irgend ein Verlangen haben.“

[389] Der Ausdruck seines Gesichtes zeigte deutlich, daß er nichts Geringeres, als eine letztmalige Verfügung erwartete. Statt dessen erwiderte der Patient mit der größten Seelenruhe:

„Gewiß, ich habe ein sehr dringendes Verlangen etwas zu essen.“

„Zu essen?“ fragte der Doctor, auf’s Höchste betroffen. „Nun, wenn Sie es wünschen, können wir ein wenig Bouillon versuchen.“

„Ein wenig genügt nicht,“ erklärte Max. „Es muß sehr viel sein. Ueberhaupt bedarf ich etwas Consistenteres, als bloße Bouillon. Ein Beafsteak – ich würde deren auch zwei essen.“

„Um Gotteswillen!“ rief Doctor Berndt entsetzt und griff wieder nach dem Puls, da er der Meinung war, der Kranke phantasire, dieser aber zog ärgerlich die Hand zurück.

„So machen Sie doch nicht so viel Aufhebens von dem Loch in meinem Kopfe! Das heilt in acht Tagen. Ich kenne meine Natur.“

Der kleine Arzt blickte mit kummervollem Ausdruck auf den Ahnungslosen. „Sie täuschen sich vollständig über Ihren Zustand, Herr College. Sie sind schwer krank, trotz dieses Aufflackerns Ihrer Lebenskraft. Sie lagen zwei Tage lang im heftigsten Wundfieber.“

„Das ist kein Grund, daß ich mich nicht am dritten Tage, wenn das Fieber vorbei ist, ganz wohl befinden sollte. – Aufflackern der Lebenskraft? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich in Lebensgefahr schwebe?“

„Das bilde ich mir nicht blos ein – das ist Thatsache,“ sagte Doctor Berndt etwas pikirt. „Ich fürchte im vollen Ernste –“

„Fürchten Sie gar nichts!“ unterbrach ihn Max. „Ich habe noch nicht die mindeste Lust, nach dem Jenseits abzureisen. Jetzt aber haben Sie die Güte, mir zu sagen, wie ich eigentlich behandelt worden bin!“

Die so unzweideutig kund gegebene Lebenslust seines Patienten, dem er das Leben mit solcher Entschiedenheit abgesprochen hatte, schien den Doctor völlig aus der Fassung gebracht zu haben. Er schwieg und sah ganz verdutzt aus; erst als die Frage mit hörbarer Ungeduld wiederholt wurde, ließ er sich zu der gewünschten Auseinandersetzung herbei und zählte mit großem Selbstgefühl sämmtliche Maßregeln auf, die er ergriffen hatte, um den Kranken dem Tode zu entreißen.

Max hörte mit geringschätziger Miene zu. „Verehrtester Herr College, da hätten Sie etwas Besseres thun können,“ sagte er in seiner rücksichtslosen Weise. „Ich bin gar nicht für solche Gewaltmittel; ich pflege sie niemals bei leichten Fällen anzuwenden und lasse dort hauptsächlich die Natur walten, um sie dann nach Kräften zu unterstützen.“

„Es war aber kein leichter Fall,“ rief der kleine Arzt, der trotz seiner Sanftmuth jetzt gereizt zu werden begann. „Ich sage Ihnen, Ihr Zustand war äußerst gefährlich; er ist es noch, und Sie werden das bald genug erfahren, wenn die augenblickliche Erregung vorüber ist.“

„Und ich sage Ihnen, daß ich mich ganz wohl befinde,“ rief Max noch lauter, „und daß von Lebensgefahr überhaupt gar nicht die Rede ist. Ich bin ein entschiedener Gegner dieser Behandlungsart; ich halte sie für nutzlos, ja für schädlich. Sie können Gott danken, daß meine kräftige Natur diese Experimente ausgehalten hat, sonst hätten Sie den Tod eines Collegen auf dem Gewissen.“

Doctor Berndt wurde purpurroth vor Entrüstung. „Es ist die Behandlungsart des Herrn Medicinalraths, die ich anwende. Der Herr Medicinalrath ist eine Autorität allerersten Ranges; er nimmt die bedeutendste Stellung an der hiesigen Universität ein und hat die großartigsten Erfolge.“ Dabei erhob der kleine Arzt seine sanfte Stimme so laut und schrill, wie er nur konnte, aber es war vergebens, denn Max mit seiner kräftigen Lunge überschrie ihn.

„Der Herr Medicinalrath geht mich gar nichts an. Wir haben an unserer Universität in Z. noch viel bedeutendere Autoritäten und viel großartigere Erfolge. Aber wir stecken nicht mehr in der Tradition, wie die Herren hier in dem patriarchalischen R. –“

Die beiden Mediciner geriethen in einen Berufsstreit, der so heftig wurde, daß Frau Christine erschrocken aus dem Nebenzimmer herbeistürzte, aber sie blieb starr vor Verwunderung auf der Schwelle stehen bei dem Anblicke, der sich ihr darbot. Doctor Brunnow, der von Rechtswegen auf dem Sterbebette liegen sollte, saß aufrecht im Bette und überschüttete in höchst energischer Ausdrucksweise seinen Collegen mit einer wahren Fluth von medicinischen Behauptungen, Gründen und Beweisführungen. Der Herr College aber, der vor kaum zehn Minuten förmlich in das Zimmer geschwebt war, um den Todtkranken nicht zu stören, stand in höchster Aufgeregtheit vor demselben und focht mit beiden Armen in der Luft herum, während er vergebens versuchte, zu Worte zu kommen. Als ihm dies durchaus nicht gelingen wollte, ergriff er endlich seinen Hut und rief wüthend:

„Wenn Sie denn doch Alles besser wissen, Herr College, so behandeln Sie sich gefälligst selbst! Ich soll dem Gouverneur Nachricht von Ihrem Befinden bringen; ich werde Seiner Excellenz aber sagen, daß mir solch ein Patient noch nicht vorgekommen ist, der gestern noch für todt daliegt und heute mir und der ganzen hiesigen Facultät die größten Grobheiten an den Kopf wirft. Sie haben ganz Recht, eine Natur wie die Ihrige existirt nicht zum zweiten Male. Sie machen ja jede Diagnose zu Schanden – ich empfehle mich Ihnen!“

Damit verließ er das Zimmer. Frau Christine, die nicht ein Wort von der ganzen Sache begriff, sah ihm verwundert nach und näherte sich dann dem Kranken.

„Aber was ist denn vorgefallen? Der Herr Doctor läuft in voller Wuth fort und Sie –?“

„Lassen Sie ihn nur laufen!“ sagte Max, sich ruhig zurücklehnend. „Dieser Mensch und College will durchaus einen Todescandidaten aus mir machen und hätte mich beinahe umgebracht mit seinen unsinnigen Anordnungen. Jetzt werde ich meine Behandlung in die Hand nehmen und gleich damit den Anfang machen. – Beste Frau Christine, ich bitte Sie dringend und freundschaftlichst, bringen Sie mir irgend etwas zu essen!“ –

Es mochte eine Stunde später sein, als Agnes Moser nach einer kurzen und nur allzu nothwendigen Ruhe sich anschickte, ihren Platz am Krankenbette, von dem sie während der letzten Tage kaum gewichen war, wieder einzunehmen. Doctor Brunnow war inzwischen seiner ersten eigenen Verordnung mit einer Pünktlichkeit nachgekommen, die nichts zu wünschen übrig ließ, zur großen Freude der Frau Christine, welche fand, daß der Doctor sich ganz ausgezeichnet behandle. Sie redete ihm indeß vergebens zu, jetzt wieder zu schlafen; Max behauptete, daß dies gar nicht nöthig sei, und unterhielt sich ausschließlich damit, die Thür anzusehen, durch welche Agnes eintreten mußte. Er gab dabei sehr unzweideutige Zeichen von Ungeduld, und als er sich beikommen ließ, in einer Viertelstunde drei Mal zu fragen, wo denn seine Pflegerin eigentlich bleibe, wurde auch Christine ungeduldig. Sie faßte den Patienten scharf in’s Auge und fragte ohne alle Umschweife:

„Herr Doctor, was ist das eigentlich mit Ihnen und Fräulein Agnes? Die Sache ist nicht richtig – das habe ich längst gemerkt.“

Max zog es vor, gar keine Antwort zu geben, aber das half ihm wenig; die Sprechende fuhr in ihrer derben Weise fort:

„Geben Sie sich nur keine Mühe, mir etwas weiß zu machen! Ich bin nicht umsonst hier im Krankenzimmer ab- und zugegangen und habe es mit angesehen, wie das arme Kind sich fast zu Tode ängstigte, und wie Sie sich benahmen, sobald Agnes nur in Ihre Nähe kam. Ich weiß Bescheid, ganz genau Bescheid – das versichere ich Ihnen.“

„Frau Christine, Sie sind eine äußerst kluge Frau,“ sagte der junge Arzt. „Sie erzählen mir da Dinge, von denen ich selbst bis vor drei Tagen noch nicht das Geringste wußte und Fräulein Agnes ebenso wenig. Aber Sie haben leider Recht; die Nemesis hat mich ereilt – ich bin hoffnungslos verliebt.“

Christine nickte. „Das habe ich längst gewußt. Aber was denn nun? Ich habe bisher noch nicht viel über die Sache nachgedacht, da Doctor Berndt Ihnen so entschieden das Leben abgesprochen hatte. Dann wäre ja doch Alles zu Ende gewesen. Da aber, wie es jetzt scheint, vom Sterben vorläufig noch keine Rede ist –“

„Gar keine Rede!“ schaltete der Patient ein.

[390] „So möchte ich Sie doch fragen, was denn nun eigentlich aus Ihnen und dem Fräulein werden soll?“

„Ein Ehepaar!“ versetzte Max lakonisch. „Was denn sonst?“

Wider Erwarten entsetzte sich Frau Christine gar nicht über diese Antwort. Sie war, wie der Hofrath ihr oft genug vorwarf, ein Freigeist. Obgleich selbst Katholikin, war sie doch die Wittwe eines Protestanten und hatte im Laufe ihrer Ehe verschiedene ketzerische Grundsätze eingesogen, wozu unter Anderem auch eine entschiedene Abneigung gegen das Klosterleben gehörte. Sie hatte jenen Entschluß des jungen Mädchens nie mit günstigen Augen betrachtet und zog es unbedingt vor, ihr Fräulein im Myrthenkranze statt im Nonnenschleier zu sehen. Das Vorhaben des Doctor Brunnow, der ihr vom Anfang an gefallen hatte, erfreute sich also durchaus ihres Beifalls, dennoch schüttelte sie bedenklich den Kopf.

„Aber das geht nun und nimmermehr. Vergessen Sie denn ganz, daß Fräulein Agnes in’s Kloster gehen will?“

„Daraus wird nichts,“ entschied Max. „Sie ist noch nicht drinnen, und ich werde schon dafür sorgen, daß sie nicht hinein kommt. Vor allen Dingen sagen Sie dem Fräulein noch nicht, daß ich mich besser befinde, und verschweigen Sie ihr auch den Streit mit meinem Herrn Collegen und den vortrefflichen Appetit, den ich vorhin entwickelt habe! Ich werde ihr das selbst erzählen.“

Christine stutzte ein wenig bei dieser Weisung.

„Herr Doctor, Sie werden doch nicht so gewissenlos sein, und denn armen Kinde eine Komödie vorspielen?“ fragte sie.

„Ich bin in solchen Dingen schrecklich gewissenlos,“ erklärte der Herr Doctor mit Seelenruhe. „Uebrigens verlange ich Ihr Schweigen nur so lange, bis ich Fräulein Agnes selbst gesprochen habe, dann wird sich das Weitere schon finden.“

Das geforderte Versprechen konnte nicht mehr gegeben werden, denn Agnes trat in diesem Augenblicke ein. Sie sah in der That sehr blaß aus, und der trübe fragende Blick, den sie auf Christine richtete, verrieth ihre ganze Hoffnungslosigkeit. Mit leisem Schritt trat sie an das Bett des Kranken, beugte sich über ihn und fragte mit bebender Stimme, wie er sich befinde.

Herr Doctor Brunnow hütete sich wohlweislich, die frischen Lebensgeister zu zeigen, die sich vorhin bei dem medicinischen Streite in ebenso überraschender, wie erfreulicher Weise geregt hatten. Er fand für gut, statt aller Antwort dem jungen Mädchen nur mit einer matten Bewegung die Hand entgegen zu strecken. Max wußte sehr genau, welchen mächtigen Bundesgenossen er in der vermeintlichen Todesgefahr hatte, und da er seinem eigenen Geständnisse nach „schrecklich gewissenlos“ war, so besann er sich keinen Augenblick, die Situation praktisch auszunützen.

Frau Christine fand allerdings, daß der Doctor ein ganz abscheulicher Mensch sei, aber sie war viel zu sehr mit dem Endzwecke dieser Abscheulichkeit einverstanden, um sich dagegen aufzulehnen. Sie berichtete daher nur, daß der Arzt dagewesen sei, aber keine neuen Verordnungen getroffen habe, und ergriff dann die erste Gelegenheit, das junge Paar allein zu lassen.

Agnes hatte ihr Amt am Krankenbette wieder angetreten.

„Nehmen Sie die Arznei!“ bat sie. „Doctor Berndt hat mir die größte Pünktlichkeit darin anempfohlen; er hat erst gestern diese neue Verordnung getroffen.“

„Doctor Berndt giebt mich ja doch so wie so auf,“ entgegnete Max. „Also ist es ganz unnöthig, daß ich seine Arznei nehme.“

„Nein, nein, gewiß nicht!“ beschwichtigte Agnes, deren angstvolle Züge freilich ihre Worte Lügen straften. „Er sprach nur von einer Gefahr, die möglicher Weise eintreten könnte –“

„Ich habe ihn heute Morgen selbst gesprochen,“ unterbrach sie der junge Arzt, „und aus seinem eigenen Munde sein Urtheil gehört. Er hält meine Wunde für tödtlich.“


(Fortsetzung folgt.)



Der Vater der deutschen Schauspielkunst.

In der Geschichte der deutschen Bühne trägt der 16. Juni für alle Zeiten einen Trauerrand. Er gilt dem Andenken eines Mannes, der vor nun gerade einem Jahrhundert sein inhaltreiches Leben beschloß, eines Künstlers von bahnbrechendem Genie, den schon seine Zeitgenossen den „deutschen Roscius“, den „deutschen Garrick“, den „Vater der deutschen Schauspielkunst“ nannten – dem Andenken Conrad Eckhof’s.

Unser Künstler wurde als Sohn eines Stadtsoldaten am 12. August 1720 zu Hamburg geboren. Nach Verlauf der Schuljahre finden wir ihn als Schreiber bei dem schwedischen Postcommissar zu Hamburg, aber seines Bleibens war dort nicht lange, und die Veranlassung seines Weggangs war komisch genug. Sein Herr verlangte, daß der junge Schreiber zugleich Lakaiendienste versehen und auch, auf dem Trittbret des Wagens stehend, die Frau Postcommissarin zur Kirche begleiten sollte. Hiergegen sträubte sich das Selbstgefühl des jungen Mannes; er protestirte, und als er sich gleichwohl dem Befehle fügen und einem Dienst, der ihm unwürdig erschien, wirklich erfüllen mußte, verließ er Tags darauf diese Stellung und suchte außerhalb seiner Vaterstadt als Schreiber sein Brod. Er fand es und mehr als Brod bei einem Anwalt in Schwerin. Sein dortiger Principal, ein Freund der Musen, besaß eine ansehnliche Bibliothek, darunter namentlich viel belletristische und theatralische Schriften. Der junge Eckhof benutzte die Gelegenheit zur Lectüre auf das Eifrigste. Namentlich war es die Bühnendichtung, die ihn mächtig anzog. Die Dramen, welche er las, erschlossen ihm eine neue Welt, und schon damals kam ihm der Gedanke, der Entschluß, Schauspieler zu werden.

Aber wie erbärmlich waren die damaligen Bühnenzustände! Wie die dramatische Dichtung, so stand auch die Bühne auf niedriger Stufe. Noch gab es auf den deutschen Schaubühnen eine Art Heldentrauerspiele, in kalten, steifen, gereimten Versen geschrieben, welche mit großer Gemessenheit in Schritt und Tritt, mit kaltem, leerem Schwulst, mit eingestemmtem oder weit hinaussegelndem Arme vorgetragen werden mußten. Es gehörte zur Kunst, den Mund so voll zu nehmen, daß kein Wort, kein Laut herauskommen konnte wie bei anderen Menschen; die Blicke stets in den Wolken, die Worte lang gezogen, gewisse Sätze einem fern herziehenden Donnerwetter mit Blitz und Einschlag ähnlich — das nannte man eine „Staatsaction“, und obgleich nach dem Jahre 1730 allmählich bessere Stücke für die deutsche Bühne erschienen, mußte bekanntlich noch Friederike Karoline Neuber mit ihrer Schaupielertruppe oft genug zu den Haupt- und Staatsactionen ihre Zuflucht nehmen. Daneben machte sich, wenn auch nicht mehr in Gestalt des Hanswurstes, welchen, wie man weiß, die Neuber zu Leipzig 1737 vom Theater verbannt hatte, doch in anderer bunter Jacke platte Possenreißerei breit. Die Erscheinung bürgerlicher Trauerspiele, welche Menschen aus dem Volke, aus dem Leben schilderten und dargestellt verlangten, setzte jene Schauspieler in die größte Verlegenheit, und alle Versuche, den Schwulst zu bannen, scheiterten. Hier und da machte zwar ein Bühnenkünstler den schüchternen Versuch, die Sprache des Herzens und die Sitte des guten geselligen Lebens in diesen neuen Schauspielen auf die Bretter zu bringen, aber im Allgemeinen herrschte dort nur Unwahrheit und Unnatur. Zugleich waren die Theater nicht öffentliche, feste Anstalten, sondern Privattruppen, welche in buntem Wanderleben ihre weltbedeutenden Bretter bald hier, bald dort aufschlugen, und manche ihrer Mitglieder pflegten auf diesen Wanderzügen ein wenig geregeltes Privatleben zu führen. Hatte man diese herumziehenden Schauspielergesellschaften in früherer Zeit als Vagabunden und zusammengelaufenes Lumpengesindel behandelt, so litten auch noch im Jahre 1740, in Folge des alten Vorurtheils und der eben geschilderten Zustände, die „Komödianten“ unter der Mißachtung des Volkes, die Schauspielkunst galt noch für ein mehr als leichtfertiges Gewerbe, ja man hielt es für zweifelhaft, ob die, welche sich mit ihm befaßten, der Seligkeit theilhaftig werden könnten.

Aber all diese Mißstände konnten unsern Eckhof nicht abhalten, dem innern Rufe, der ihn immer dringender mahnte, zu folgen. Ihn drängte es, wahre Menschen wahr darzustellen, dem wirklichen lebendigen Leben, dem wahren und warmen Gefühl

[391]
Die Gartenlaube (1878) b 391.jpg

Conrad Eckhof.
Nach A. Graff’schem Original auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

auf der Bühne Ausdruck zu geben, Natur an die Stelle der Unnatur zu setzen. Entschlossen folgte er seinem Genius.

In Schwerin machte er die Bekanntschaft des Schauspielers Johann Friedrich Schönemann aus Hannover, eines tüchtigen Darstellers, der früher der Neuber’schen Truppe angehört hatte und jetzt selbst als „Principal“ eine Gesellschaft bildete. Mit viel Glück und Umsicht wußte Schönemann eine Anzahl talentvoller Schauspieler und Schauspielerinnen , wie z. B. Conrad Uckermann, Frau Schröder, nachher Uckermann, Frau Spiegelberg (die ehemals selbst Principalin gewesen) und deren Tochter, Uhlich und Demoiselle Rudolphi, um sich zu vereinen, die vorzüglichste Kraft aber, die er gewann, war Eckhof. Am 14. Januar 1740 eröffnete Schönemann sein Theater in Lüneburg mit dem Witter’schen „Mithridates“, und der neunzehnjährige Eckhof debütirte. Er blieb bei dieser Gesellschaft viele Jahre und theilte ihre Wanderungen nach Leipzig, Göttingen, Halle, Magdeburg, Schwerin, Hamburg etc., ihre Kreuz- und Querzüge durch Deutschland.

Mit eisernem Fleiße vervollständigte er seine Kenntnisse, seine Bildung; mit unermüdlich eifrigem Studium strebte er in seiner Kunst vorwärts. Für sein Künstlerideal unter den damaligen Schauspielern ohne Vorbild, mußte er Alles durch und aus sich selbst werden. So wurden seine Leistungen – die größten wie die kleinsten – im eigentlichen Sinne Schöpfungen, voll Originalität und Naturwahrheit. Er spielte tragische wie komische Rollen, und mit seinem Talente, gleich beim ersten Anblicke den wahren Charakter einer Rolle ganz und bis auf die feinsten Züge zu durchdringen, mit seiner genauen Kenntniß des menschlichen Herzens, seiner tiefen Einsicht in die Natur des Menschen, seiner Bekanntschaft mit den Sitten der verschiedenen Stände und seinem richtigen Geschmacke und Tacte wußte er jede Rolle charakteristisch, doch ohne Uebertreibung, treu, natürlich und wahr zu gestalten.

Die Natur hatte ihm keine vortheilhafte Gestalt auf den Lebensweg mitgegeben. Seine fast kleine Figur, die hohen Schultern, die dicken Knöchel, die einwärts gekehrten Füße, die anstoßende Zunge und der Mangel eines treuen Gedächtnisses schienen für seine Kunst unüberwindliche Hindernisse, aber sein Genie ließ ihn auf der Bühne alle diese Hindernisse überwinden und seine körperliche Bildung im Charakter jeder einzelnen Rolle bis zur Unkenntlichkeit umschaffen. Er, der außer dem Theater fast nachlässig einherging, erschien auf der Bühne in unübertrefflicher edler Haltung und von imposanter Gestalt. Sein blaues Auge war nicht groß, aber weit hinaus glänzend und des heftigsten wie des sanftesten Ausdrucks durchaus Meister. Sein Organ hat an donnernder Macht, an Zartheit und Wohllaut bis zu den Zeiten Iffland’s, wie dieser bezeugt, seines Gleichen auf der deutschen Bühne nicht wieder gefunden; die Gewalt und Harmonie desselben setzte in Erstaunen [392] und Entzücken, der stärkste wie der leiseste Ausdruck stand ihm zu Gebote. Schröder, der Hamburger Theaterdirector, der die Sprache fast aller bedeutenden Schauspieler bis zur Verwechselung nachzuahmen verstand, wagte es hinsichtlich Eckhof’s nicht, denn dazu, meinte er, müsse man erst Eckhof’s unnachahmliches Organ haben. Und mit jener Haltung, jenem Auge und diesem Organe verband er eine noch jetzt seltene Erregbarkeit des Gefühls, die in dem Feuer der Declamation und den aus den inneren Empfindungen mit Nothwendigkeit folgenden Geberden ihren Ausdruck fand. Seinen Zeitgenossen erschien die Wahrheit seines Vortrages, besonders wenn es sich um Verse handelte, und der Reichthum seiner Pantomimen unübertrefflich. Nach Nicolai’s Zeugniß wirkte sein Spiel auf die Zuschauer geradezu packend, erschütternd, hinreißend.

Die meiste Bewunderung verdiente und fand er in allen denjenigen Rollen, denen eine gewisse feierliche Würde innewohnt. Es war ihm hierzu reiche Gelegenheit geboten, da allmählich, namentlich von 1750 an, keine anderen als die damals besten Stücke des In- und Auslandes: eine „Miß Sara Sampson“, „Zayre“, ein „Cinna“, „Cid“, „Triumph der guten Frauen“ etc. auf der Schönemann’schen Bühne aufgeführt wurden. Aber auch feinkomische Charakterrollen, später namentlich in Moliere’schen und Goldoni’schen Stücken, wußte Eckhof mit Laune und gefälliger Wahrheit zu geben. Die „Gelernte Liebe“ von Rost, das erste deutsche Schäferspiel, welches Schönemann auf die Bühne brachte, wurde durch den Reiz und die Anmuth, womit Eckhof und Demoiselle Rudolphi ihre Rollen spielten, so sehr zum Lieblingsstücke des Publicums, daß jeder Theaterdichter sich nun auf das Schäferspielschreiben legte. Wie überaus frappant oft das Spiel Eckhof’s wirkte, davon noch ein drolliges Zeugniß. Als Eckhof einst in Lüneburg den Bauer in dem von ihm selbst übersetzten Lustspiele „Wucherer ein Edelmann“ spielte, richtete ein Bauer, der eben in der „Komödie“ war und die einfache und wahre liebe Natur in Eckhof’s Spiel sah, an seinen Nachbar die treuherzige Frage: „Wu in alle Welt hebben die Lüde den Buren hernahmen?“

Und wie er auf die Bühne für sich den Ton der Natur und Wahrheit einführte, so übte er in dieser Beziehung auch auf die Kunstgenossen den wesentlichsten Einfluß. Man verdankt ihm die Bildung vieler guter Schauspieler. An bestimmten Tagen der Woche pflegten die Mitglieder der Schönemann’schen Truppe zusammenzukommen, über ihre Kunst zu verhandeln und Regeln festzusetzen, die Jeder zu üben bestrebt war; daher die Harmonie im Ensemble, die ein Vorzug dieser Gesellschaft war. Zu Eckhof’s Schülerinnen gehörte namentlich die talentvolle jüngste Tochter des ehemaligen „Principals“ Johann Spiegelberg, welche wir oben unter den Mitgliedern der Schönemann’schen Truppe fanden. Sie spielte Soubrettenrollen und besonders vortrefflich diejenigen, welche ihr Eckhof einstudirt hatte. Im Jahre 1746 wurde sie seine Gattin.

An seiner literarischen und künstlerischen Ausbildung arbeitete er unablässig weiter, und er bethätigte diese auch durch schriftstellerische Arbeiten. Im Jahre 1753 schrieb er „Die Mutterschule“, ein Lustspiel nach dem Französischen, welcher Arbeit noch die Uebersetzungen der Lustspiele: „Der galante Laufer“, „Mensch auf gut Glück“, „Wucherer ein Edelmann“ u. a. m., sowie im Jahre 1763 das Originallustspiel „Die wüste Insel“ folgten. Neben seiner schauspielerischen und schriftstellerischen Thätigkeit zeichnete er sich ferner bei mehrfachen Gelegenheiten als talentvoller Redner aus. Bei aller Lebhaftigkeit des Geistes wußte er über sich Herrschaft zu üben; er war, durch Sittlichkeit und Anspruchslosigkeit vielen voranleuchtend, auch als Mensch hochgeachtet.

So hatte Eckhof, in wahrhaft seltener Treue, über siebenzehn Jahre der Schönemann’schen Gesellschaft als deren eigentlicher Träger angehört, als er im Jahre 1757 über Entlassung verdienter Mitglieder mit Schönemann in Zwist gerieth und seinen Abschied nahm. Er ging nach Danzig zu Franz Schuch, dem unstäten Principale, aber er blieb dort nur kurze Zeit. Als sich Schönemann genöthigt sah, noch in demselben Jahre in Hamburg seine Direction aufzugeben, eilte Eckhof zu der entlassenen Gesellschaft nach Hamburg zurück und ging mit ihr, von Hamburger Kaufleuten unterstützt, nach Kiel, wo sie Beifall und klingende Münze ernteten. Da es aber an einem guten Theater, an einer vollständigen Garderobe etc. fehlte, luden sie den Schauspieldirector Koch von Leipzig ein, ihr Führer zu werden. Er kam mit seiner Garderobe nach Lübeck und übernahm die Truppe. Bei ihm, bald in Lübeck, bald in Hamburg, blieb Eckhof bis 1764, wo er von Lübeck zur Ackermann’schen Gesellschaft nach Hamburg ging und bei dieser, wie nachher bei der sogenannten Hamburgischen Entreprise (Eröffnung der Bühne am 22. April 1767) bis 1769 mitwirkte. Dieses von kunstsinnigen Hamburger Kaufleuten in das Leben gerufene Unternehmen, bei welchem ein Lessing das Amt des Dramaturgen inne hatte, bezeichnet unstreitig eine der glänzendsten Epochen des deutschen Schauspiels; daß dies der Fall, war im Wesentlichen und vor Allem das Verdienst der bedeutendsten mitwirkenden Kraft, des genialen Eckhof.

„Es mag dieser Mann“ – schreibt Lessing über Eckhof – „eine Rolle machen, welche er will, man erkennt ihn in der kleinsten noch immer für den ersten Acteur, und bedauert, auch nicht zugleich alle übrigen Rollen von ihm sehen zu können. – – – Welcher Reichthum von malenden Gesten, durch die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper giebt und seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt! Welcher fortreißende Ton der Ueberzeugung!“

So war selbst ein Lessing von Bewunderung, von Begeisterung über Eckhof’s Spiel erfüllt. So wurde in seiner Vaterstadt der arme Soldatensohn Eckhof – nur seiner Kunst lebend und Tag für Tag mehr und mehr als Musterbild, als Lehrer der Bühnenkünstler anerkannt – der Neubegründer, der Vater der deutschen Schauspielkunst.

Jene Anerkennung war ihm der Lohn für sein unermüdliches Streben, und zugleich der Trost bei dem schweren häuslichen Kummer, den er zu tragen hatte. Seine Gattin war schon seit 1765 so leidend geworden, daß sie dem Theater völlig entsagen mußte, und diese Krankheit wurde zu dauerndem Blödsinn. Liebevoll pflegte er die Arme, und nur die Kunst ließ ihn auf Augenblicke das Leid und die Entsagungen vergessen, welche sein Leben sorgenvoll verdüsterten.

Im Jahre 1769 endete das Hamburger Unternehmen. Ackermann übernahm die Gesellschaft wieder, zu derselben Zeit aber erhielt Abel Seyler das Patent als königlicher Hofschauspieler zu Hannover, und Eckhof und mehrere andere Mitglieder der Ackermann’schen Truppe schlossen sich ihm an. Diese Seyler-Eckhof’sche Gesellschaft, die erste, die (in der Person von Michaelis) einen eigenen Theaterdichter und (in der Person Schweitzer’s) einen vortrefflichen Componisten und Musikdirector hatte, war mit ihren vorzüglichen Schauspiel- und Gesangkräften zu ihrer Zeit unstreitig die beste Bühnengesellschaft in ganz Deutschland. Nachdem sie abwechselnd in Hannover, Lüneburg, Celle, Lübeck, Hamburg, Hildesheim und Wetzlar gespielt hatte, wurde sie im Jahre 1771 von der kunstsinnigen Herzogin Anna Amalia von Weimar nach ihrer Residenzstadt an der Ilm berufen, um auf dem fürstlichen Schloßtheater Vorstellungen zu geben. Am 7. October 1771 eröffnete Seyler im Weimarischen Schlosse seine Vorstellungen mit der „Eugenie“ und spielte dort unter allgemeinster Anerkennung bis zum Mai 1774. Die höchste Zierde seiner Bühne war und blieb der nun auf der Höhe seiner künstlerischen Ausbildung stehende, durch ganz Deutschland und darüber hinaus berühmte Eckhof.

Als Glanzrolle des im Tragischen wie im Komischen gleich starken Künstlers galt jetzt allgemein die des Odoardo in „Emilia Galotti“.

Nicolai sah ihn im Mai 1773 in dieser Rolle zu Weimar, und noch nach dreißig Jahren erinnerte er sich „sehr lebhaft der wunderbaren Wirkung dieses Spiels und des unbeschreiblichen Eindrucks, welchen Eckhof’s Vorstellung des Odoardo auf ihn gemacht hatte“. Auf Nicolai’s Bitte versprach damals Eckhof, auf seinem Zimmer ihm und dem Märchendichter Musäus einige Scenen aus einem Trauerspiele und einem Lustspiele zu lesen. Sie fanden den guten Eckhof in Schlafrock und Nachtmütze, unter welcher seine nicht ganz kurz abgeschnittenen Haare, so wie er sie unter der Perrücke trug, etwas struppig herabhingen, und sein hageres, kummervolles Gesicht machte den Contrast noch auffallender, wenn man sich hier den großen berühmten Schauspieler vorstellen sollte, nach Lessing den einzigen Mann in seiner Art. Bei seiner Vorlesung des Monologs Medon’s aus Cronegk’s Trauerspiele „Codrus“ glaubte man aber den edlen jungen Prinzen selbst zu hören und sah Brille, Nachtmütze und [393] Schlafrock nicht. Bei der Vorlesung der berühmten Scene Lusignan’s mit seinen beiden Kindern aus Voltaire’s „Zayre“ waren anstatt der Kinder ein paar alte Stühle gesetzt, zu denen er sich neigen mußte und die er auch zu umarmen hatte und gleichwohl waren Nicolai und Musäus so gerührt, daß ihnen während Eckhof’s effectvollen Lesens die hellen Thränen über die Wangen liefen. Sobald aber die Scene geendigt war, sprang Eckhof vom Stuhle auf, wie ein junger Bursche, schnalzte mit den Fingern beider Hände, warf seinen Schlafrock auf die Erde und recitirte aus dem plattdeutschen Stücke: „Der Bauer mit der Erbschaft“ eine Scene so originell drollig, daß Nicolai und seine Begleiter ein Mal über das andere laut auflachen mußten. Es war gar nichts mehr an ihm von der vorigen Würde und von der vorigen innigen Empfindung; bis auf die ausgebogenen Kniee, bis auf die heraufgezogenen Schultern, bis auf jeden Muskel des Gesichts war der Bauer da; bis auf die geringste Bewegung der Hand war Alles komisch.

Der bittere Kummer über sein langjähriges häusliches Elend hatte Eckhof’s Gesicht durchfurcht, seine körperlichen Kräfte geschwächt; er zeigte eine Art Scheu und Furchtsamkeit, wenn er sich nicht unter sehr bekannten Freunden befand. Von alle dem war aber auch nicht eine Spur zu erkennen, sobald er die Bühne betrat.

Leider sollte das Spiel der Seyler’schen Gesellschaft in Weimar nur bis zum Mai 1774 währen. Der dortige Schloßbrand vom 5. bis 6. Mai 1774 legte mit dem Schlosse auch das darin befindliche Theater in Schutt und Asche. Herzogin Amalie mußte die Seyler’sche Gesellschaft entlassen, und dieselbe wandte sich auf Rath der Gothaer Freunde Reichard und Gotter und mit Empfehlung der Herzogin Amalie nach Gotha, wo der Herzog Ernst sie freundlich aufnahm. Schon am 8. Juni eröffnete sie dort die Bühne mit Weiße’s Trauerspiel „Richard der Dritte“ und der unvergleichlich wahren und charakteristischen Darstellung der Titelrolle durch Eckhof. Auch hier war der Beifall allgemein. Im Herbst 1774 wurde von Seyler in Leipzig während der Messe gespielt, und hier war es, wo sich eine andere ergötzliche Scene zutrug, die uns Fr. Nicolai schildert. Engel (später Verfasser der „Ideen zu einer Mimik“) hatte gegen Nicolai trotz dessen Vorstellungen bezweifelt, daß Emilia Galotti je eine große Wirkung erzielen könnte, selbst durch Eckhof’s Spiel, den er noch nie auf der Bühne gesehen hatte. Er sah nun dort Lessing’s Stück und Eckhof als Odoardo. Nach Schluß der Vorstellung war eine Gesellschaft der vorzüglichsten Gelehrten Leipzigs zusammengebeten, und Eckhof dazu. Engel kam etwas spät und ging gerade auf Nicolai zu.

„Ich möchte mich todt ärgern,“ rief er, „daß Sie Recht haben! Um die Emilia ganz zu fassen, muß man Eckhof spielen sehen. Das ist ein Teufelskerl. Er hat mein ganzes Blut in Aufruhr gebracht; alle Adern sind mir geschwollen.“

Er hatte nicht gleich bemerkt, daß der bescheidene Eckhof neben ihm stand, und umarmte ihn nun herzlich, trat aber den Augenblick darauf vier Schritte zurück, maß Eckhof von oben bis unten mit den Augen und rief, beide Hände erhebend:

„Das Männchen da ist nimmermehr Odoardo; der war acht Zoll größer, stark und stämmig,“ und nun folgte eine zweite herzliche Umarmung, denn Engel war trunken vor Freude über die unbeschreiblich vortreffliche Darstellung des Odoardo. Beim Mahle äußerte Eckhof: „Die meisten Autoren schwimmen auf der Oberfläche des dramatischen Meeres, weil sie oft Luft schöpfen müssen, aber Lessing taucht tief unter, also muß ihm schon der Schauspieler nach, wenn er ihn einigermaßen erreichen will,“ und Engel unterbrach ihn: „Sie nur können das; wenn Andere es Ihnen nachmachen wollten, würden sie ersaufen wie die Ratzen.“

Von Leipzig kehrte Seyler im November 1774 mit seiner Gesellschaft nach Gotha zurück. Im nächsten Jahre entstand dort das Hoftheater, und Eckhof erhielt neben Reichard die Leitung desselben. Er führte sie mit Festigkeit, Umsicht und Strenge. Man hat seine Direktion pedantisch genannt, und wohl mag es vorgekommen sein, daß er in seinem Alter und seiner Kränklichkeit bisweilen etwas mürrisch und verdrießlich war, aber seine strenge Sorge für alle, auch die scheinbar unbedeutendsten Angelegenheiten der Bühne war nur der Ausfluß der Berufsanschauung, des Berufsernstes, wie er sie durch seine Verse „in das Stammbuch eines Theologen“ kundgab:

Freund! Du und ich wir lehren
Zwar an verschied’nen Orten,
Doch folget unsern Worten
Bei denen, die uns hören,
Nur stets erwünschter Segen, –
Was ist am Ort gelegen!?

In der That sagte man ihm nach, ihm sei alles, was auf das Theater und die Pünktlichkeit der Vorstellungen Bezug hatte, so heilig gewesen wie eine Kirche, und die Probe wie eine Sacristei. Iffland hat uns die ergötzliche Schilderung bewahrt, wie Eckhof in der Probe jungen Schauspielern mit vielen Wiederholungen lehrte, durch ein Zimmer, in welchem der König sitzt, zu gehen und ihn stumm zu begrüßen. Es erinnert dies an die Proben der „Saalnixe“, in welchen Goethe den jungen Choristinnen als Nixen das reine, wohllautende Lachen lehrte. Wahrheit war eben, wie J. J. Engel in den „Ideen zu einer Mimik“ sagt, bei Eckhof, wie sie soll, das erste, – Schönheit das untergeordnete Gesetz; er declamirte und spielte die Rollen, wie sie auch hätten dialogirt sein sollen, nicht nach einem festgesetzten allgemeinen Begriff der Gattung, sondern nach der besonderen Beschaffenheit ihres Inhalts, ohne sich je von Wahrheit und Natur zu entfernen. In demselben edeln Sinne strebte ihm ein Schüler nach, der am Gothaer Theater sich bildete, Eckhof’s bedeutendster, talentvollster Schüler: der später so berühmte Iffland.

So lebte und wirkte der alte Meister in Gotha, von Hoch und Niedrig als Künstler, als Bürger, als Mensch geschätzt und geehrt, zugleich der angesehene Stifter der Gothaer Freimaurerloge. Seine Rechtschaffenheit war so ausgemacht, so erwiesen, daß ein Geistlicher sie als die beste Widerlegung des alten Vorurtheils wider die Schauspieler anführte. Aber leider war durch die langjährigen Aufregungen und Leiden seine Gesundheit untergraben. Acht Monate vor seinem Tode spielte er noch die lebhafte, heftige Rolle des Hieronymus Billerbeck in dem Lustspiel „Geschwind, und ehe es Jemand erfährt“, und er verjüngte sich selbst in dieser Erscheinung. Das Entzücken der Zuhörer unterbrach ihn oft überlaut, aber die Brustschmerzen, die er den ganzen Abend mit Jünglingskraft unterdrückt hatte, drohten ihn am Schluß der Vorstellung zu überwältigen.

Noch aber fiel in die Zeit seines Alters und seiner Kränklichkeit ein heller Sonnenblick. Unter den englischen Schauspielen hatte Cumberland’s „Westindier“ in der Bode’schen Uebersetzung auf den deutschen Bühnen besonderes Glück gemacht. Auch der junge Goethe in Weimar wünschte dieses Drama dort auf dem fürstlichen Liebhabertheater aufzuführen, und Eckhof wurde eingeladen, als Gast die Rolle des Stockwell zu übernehmen. Er kam denn auch am 7. Januar 1778 nach Weimar. Am 11. Januar war er Goethe’s Tischgast in dessen Gartenhaus am Parke. Dort saßen sie beisammen, der geniale Schöpfer deutscher Bühnenkunst und der geniale dramatische Dichter. Eckhof erzählte ihm (wie sich Goethe in das Tagebuch bemerkte) die Geschichte seines Lebens, und dem alten Weine, welchen die gute Frau Rath in Frankfurt ihrem geliebten Wolfgang gesandt hatte, wurde weidlich zugesprochen. „Der Herr Geheime Legations-Rath“ – schrieb am 14. Januar Philipp Seidel, der vertraute Schreiber und Diener Goethe’s, an Frau Rath Goethe – „ersucht die Frau Räthin, ihm doch auf’s Frühjahr wieder einige Bouteillen oder Krüge ganz alten Wein in seinen Keller zu schaffen. Er hat am Sonntag den alten Eckhof zu Gaste gehabt und mit dem alten Weine regalirt, und da hat sich gefunden, daß er bis auf einige Schoppen zu Ende ist.“ Am 13. Januar wurde der „Westindier“ gespielt, mit Goethe als Belcour, Eckhof als Stockwell, Herzog Karl August als O’Flaherty, Prinz Constantin als Karl etc., und Philipp Seidel konnte nach Frankfurt berichten: „Alle sind vortrefflich (darf man sagen) gespielt worden. Der Herr Geheime Legations-Rath in einem weißen Frack, blauseidener Weste und Beinkleide (NB. von dem Futter des weißen Kleides mit silbernen Knöpfen) mit falschen silbernen Tressen und hübsch roth geschminkt, sah so schmuck aus und flink, daß die bloße Figur die Rolle schon spielte. Der alte Eckhof war eben der Vater des schönen Belcour, und der Herzog war Major O’Flaherty.“ Am Abend zog Karl August den großen Künstler mit dem Freunde Goethe an seine Tafel.

Dies war aber auch der letzte Sonnenblick in Eckhof’s Leben. Seine Schwäche nahm immer mehr zu und bemeisterte sich sogar einige Zeit seines Geistes. Seine letzte Rolle war am [394] 11. Februar 1778 der Geist in Hamlet. Mit dem Rufe: „Gedenke mein!“ sank er hinab. Er erkrankte schwer; suchte dann in Remstädt Ruhe und Erholung, mußte aber wegen zunehmender Krankheit wieder nach Gotha ziehen. Reichard sah die Flamme seines Genius erlöschen, wie das Licht einer Lampe abstirbt. Er war Zeuge der großen Geistesschwäche, die in den letzten Tagen den Kranken beherrschte. In Sorge um sein unglückliches Weib (welche ihn noch zwölf Jahre überlebte, ohne aus ihrem Irrsinn zu erwachen) und beschäftigt mit seiner Lieblingsidee, eine allgemeine Pensions-Anstalt für alte Schauspieler zu gründen, schied der große Künstler am 16. Juni 1778 aus dem Leben. Er starb so arm, daß die Freimaurerloge die Kosten der Beerdigung ihres Redners tragen mußte. Feierlich war das Begräbniß, ergreifend die Trauerfeier, welche das Hoftheater auf schwarz behangener Bühne veranstaltete. Im Jahre 1782 ließ ein Unbekannter (es war Reichard) auf die Ruhestätte Eckhof’s einen Stein mit der einfach großen Aufschrift: „Hier ruht Eckhof“ legen.

„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,“ lautet der oft citirte und für die darstellenden Künstler so trostlose Spruch. O nein, er trifft beim Meister Eckhof nimmer zu. „Gedenke mein!“ war sein letztes Wort auf der Bühne; hundert Jahre sind seit seinem Tode verstrichen, und das Vaterland gedenkt noch sein, gedenkt des Mannes, der, als der eigentliche Schöpfer der deutschen Bühnenkunst, ihr erst Natur und Wahrheit gegeben, ihr Werth und Ansehen verliehen, der den Grund gelegt hat, auf welchem ein Schröder, ein Iffland weiter bauen und ein Goethe-Schiller-Theater entstehen konnte; das Vaterland wird sein gedenken, so lang es noch ein deutsches Theater giebt. In Dankbarkeit legt es an der hundertjährigen Gedächtnißfeier auf das Grab des Altmeisters den Lorbeerkranz.

R. K.



Die Offenbarungen eines präparirten Kohlenstückchens.

Wenn man in früheren Zeiten den außergewöhnlichen Scharfsinn oder die Schlauheit eines Menschen besonders hervorheben wollte, so pflegte man wohl zu sagen „der hört das Gras wachsen.“ Bis jetzt ist das, so weit bekannt, noch Niemandem gelungen, obwohl der spanische Jesuit und Botaniker Cavanilles vor bald hundert Jahren bereits die Idee, das Gras wachsen zu sehen, mit dem besten Erfolge verwirklicht hat. Es giebt nämlich Gräser, die es mit ihrem Wachsthume sehr eilig haben, wie z. B. das Bambusgras, dessen Schößlinge ihre zwölf bis sechszehn Centimeter in einem Tage emporschießen. Indem nun Cavanilles das Fadenkreuz eines stark vergrößernden Fernrohres auf die Spitze eines solchen Schößlings einstellte, konnte er dieselbe beständig wie den Secundenzeiger einer Taschenuhr vorrücken sehen. Ebenso ließ sich mit den Augen ganz wohl das schnelle Wachsthum des Blüthenschaftes der amerikanischen Aloë oder Agave verfolgen. Sollten etwa die Saftströme, die dieses Wachsthum vermitteln, einiges Geräusch verursachen, so haben wir die beste Aussicht, künftig auch zu hören, wie das Gras wächst, denn der amerikanische Physiker Professor David Eduard Hughes, der Erfinder des Buchstabendrucktelegraphen, hat vor wenigen Wochen eine Vorrichtung erfunden, mit deren Hülfe man die leisesten Geräusche vernimmt, z. B. wenn eine Fliege in Entfernung von zehn Meilen auf dem Apparate herumtrampelt oder sich die Beinchen putzt und dergleichen. Diese hochwichtige Entdeckung verspricht dem menschlichen Ohre die bisher in Schweigen versunkene Welt des Kleinsten zu eröffnen, wie solche durch das Mikroskop dem Auge erschlossen worden ist, weshalb ein entsprechender Name: „Mikrophon“ für dieses Ohrmikroskop – wenn man so sagen dürfte – passend erschien.

Gleich dem Phonographen, über den wir neulich (Nr. 10 dieses Jahrgangs) den Lesern der „Gartenlaube“ berichtet haben, ist auch dieser neue Triumph der Naturwissenschaft aus der Telephon-Erfindung hervorgewachsen, sodaß man hier recht klar sieht, daß der Segen der guten That nicht weniger fruchtbar ist, als der Fluch der bösen. Nur mittelst des Telephones war es möglich, diese Entdeckung zu machen, und in der That bildet ein solches den Horchapparat der von dem Mikrophon in elektrische Ströme übersetzten leisesten Töne. Schon früher (Jahrgang 1877, Seite 798[WS 1]) haben wir von der außerordentlichen Empfindlichkeit des Telephons berichtet, und es wird zweckmäßig für das Verständniß des Nachfolgenden sein, wenn wir auf diesen Punkt zunächst noch etwas näher eingehen. Es wurde dort erwähnt, daß man die Telephonleitung nicht mit derjenigen gewöhnlicher Telegraphen auf denselben Stangen befestigen dürfe, weil man sonst in den Telephonen die aus kurzen oder längeren Strömen (= Punkten und Strichen) bestehenden Depeschen der Parallelleitungen mit hört. Jene Ströme erzeugen nämlich in den Parallel-Drähten durch sogenannte Induction in ihrer Folge genau entsprechende Nebenströme, und obwohl diese letzteren um so schwächer aussfallen, je weiter der Telephondraht von dem Telegraphendraht entfernt läuft, zeigen sie sich für dieses höchst empfindliche Instrument doch stark genug, um die ganze Depesche mit hören zu lassen, selbst wenn der Telephondraht zwei bis drei Fuß von dem Telegraphendraht entfernt verläuft. Man ersieht hieraus, daß, im Interesse der Geheimhaltung amtlicher Depeschen, in keinem Falle die Anbringung einer privaten Zwecken dienenden Telephonleitung an denselben Stangen gestattet werden darf.

Aber die Empfindlichkeit des Telephones geht noch viel weiter. In der französischen Stadt Clermont hatte man einerseits das Observatorium mit dem fünfzehn Kilometer entfernten Gipfel des Puy de Dôme und andererseits die dortige Artillerie-Schule mit dem vierzehn Kilometer entfernten Schießplatze telephonisch verbunden, und beide Leitungen wurden eine Strecke hindurch von denselben Stangen getragen. Obwohl nun beim Telephoniren viel schwächere Ströme Verwendung finden, als beim Telegraphiren, und obwohl beide Leitungen auf der Strecke ihres gemeinschaftlichen Weges circa drei Fuß von einander entfernt lagen, konnte man, wenn vom Gipfel des Puy de Dôme nach dem Observatorium gesprochen wurde, in der Artillerie-Schule, bei sonstiger Stille, jedes Wort verstehen, ja die Stimme des Sprechenden erkennen, und zwar in sieben verschiedenen Telephonen zugleich.

Diese fast unglaubliche Empfindlichkeit des Telephons für die allerschwächsten elektrischen Ströme und ihre Schwankungen hatte die englischen Physiker Forbes und Tait vor mehreren Monaten veranlaßt, dasselbe als ein Mittel zu empfehlen, elektrische Ströme zu entdecken, welche mittelst der empfindlichsten Meßwerkzeuge der Physiker nicht mehr erkannt werden können. Man hat nur nöthig, die vermutheten, sich jeder sonstigen Wahrnehmung entziehenden Ströme in ganz schneller Unterbrechung, z. B. durch die Rauhigkeiten einer bewegten Feile, in den Draht des Telephons zu leiten, um dieses sogleich zu einem ihr Dasein verrathenden Erklingen zu bringen. Natürlich müssen rhythmische Veränderungen des Widerstandes, den ein elektrischer Strom in seiner Leitung erfährt, denselben Erfolg hervorbringen, und dies ist der Punkt, an welchen die Beobachtungen und Entdeckungen von Hughes anknüpften.

Vor wenigen Jahren haben wir mit Erstaunen erfahren, daß das Licht die Fähigkeit einzelner Stoffe, den elektrischen Strom fortzuleiten, beeinflußt, daß eine Selen-Schicht in dem Augenblicke, in welchem ein Sonnenstrahl darüber hingleitet, den elektrischen Strom leichter durchläßt, als vorher und nachher. (Siehe „Gartenlaube“ 1876. S. 780.). Mittelst des hier zunächst nur als Stromprüfer in Anwendung gebrachten Telephons entdeckte nun Professor Hughes, daß die Tonschwingungen ebenfalls und zwar auf sehr verschiedene Körper derartig einwirken, daß ihr Leitungswiderstand mit jeder Schwingung verändert wird. Diese Beobachtung war schon von rein wissenschaftlicher Seite, wegen des darin sichtbaren Zusammenhanges der einzelnen Naturkräfte unter einander, so interessant, daß der Entdecker sie mit aller Sorgfalt verfolgte. Er verfuhr dabei so, daß der auf seine elektrische Schallempfindlichkeit zu untersuchende Körper in den Draht eines in einem anderen Raume befindlichen Telephons eingefügt wurde, während durch diesen Draht ein beständiger elektrischer Strom circulirte. Je deutlicher die Töne, welche Hughes auf den zu untersuchenden Körper wirken ließ, im fernen Telephone wieder erklangen, je vollkommener der Körper, mit anderen [395] Worten, als Aufnahme-Telephon wirkte, um so empfindlicher erwies er sich dadurch für die Schallschwingungen, die auf ihn wirkten. Hughes fand zunächst, daß lose zusammenhängende Metallmassen, z. B. in eine Glasröhre eingeschlossene Metallfeilspähne oder Schrotkörner u. dergl., so lange ihre Oberfläche ohne Rost war, sehr empfänglich waren; sie konnten vermöge ihrer Fähigkeit, mit den Tonschwingungen ihr Leitungsvermögen zu ändern, recht gut als Aufnahms-Telephone dienen, und man ersieht daraus, daß die äußeren Bewegungen der Telephon-Platte jedenfalls nur einen Theil der Gesammtwirkung ausmachen.

Noch vorzüglicher als die feinzertheilten Metalle erwies sich poröse Kohle, welche obendrein den Vorzug besitzt, nicht durch Rosten ihre Leitungsfähigkeit einzubüßen, aber die merkwürdigsten Resultate erhielt der Entdecker bei einer Verbindung von Kohlen- und Metalltheilchen. Er nahm ein Stückchen Weidenholzkohle, wie es die Künstler zum Entwerfen ihrer Kohlenskizzen brauchen, erhitzte es allmählich bis zur Weißgluth und tauchte es dann plötzlich in Quecksilber ein. Die durch die plötzliche Abkühlung entstehenden luftleeren Räume in den Poren der Holzkohle füllen sich hierbei mit zahllosen mikroskopisch kleinen Quecksilberkügelchen und stellen dann einen im höchsten Grade schallempfindlichen Elektricitätsleiter dar. In ähnlicher Weise konnten Stückchen von Weiden- oder Fichtenholzkohle, die an sich den elektrischen Strom nicht leiten, dadurch, daß sie mit Eisen- oder Zinkdämpfen imprägnirt wurden, oder durch chemische Niederschlagungen von metallischem Platin auf ihre Porenwandungen in äußerst schallempfindliche Leiter verwandelt werden.

Eine Anzahl solcher metallisirten Stücken von Holz- oder Gaskohle werden mit schrägen Berührungsflächen an einander gepreßt, sodaß sie einen länglichen Stab bilden, dessen beide Enden mit breit aufliegenden Metallbeschlägen versehen werden, auf denen man die beiden Leitungsdraht-Enden befestigt. Dies ist der wesentliche Theil des mithin höchst einfachen, von einer Glasröhre umschlossenen Mikrophons. Ein der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu London vorgelegter Apparat dieser Art, welcher sehr erstaunliche Wirkungen ergab, bestand aus sechs derartigen Kohlenstückchen, welche in einer Glasröhre von zwei Zoll Länge und einem viertel Zoll Durchmesser an einander gepreßt waren. „Es war ein Anblick,“ erzählt ein Augenzeuge, „schon allein des Sehens werth, als der berühmte Professor „Huxley“ dieses Röhrchen in die Hand nahm und feierlich eine Ansprache an dasselbe richtete, die an einem damit verbundenen anderwärts aufgestellten Telephone deutlich verstanden wurde.“ Damit erklärt sich auch, daß man Empfangs-Telephone wirksam fand, deren Schallplatten so dick genommen waren, daß sie kaum merklich schwingen konnten, und die in dem früheren Artikel erwähnte Wirksamkeit der Graphitmasse, die als eine metallisirte Kohle betrachtet werden kann. Die durch das Mitschwingen der Masse veranlaßten inneren Bewegungen der kleinsten Theile, welche man sich als wellenförmige Verdichtungen und Dehnungen vorstellen kann, ändern eben mit jeder Schwingung die Durchlassungsfähigkeit für den elektrischen Strom, sodaß dessen Stärke genau in gleichem Verhältnisse an- und abschwellen muß, und also auch den Ton im entfernten Telephone wiedererzeugen kann.

Da man hierbei an Stelle der äußerst schwachen magnet-elektrischen Ströme des Bell’schen Telephons starke Batterieströme anwenden kann, so darf die Leitung viel weiter ausgedehnt werden, als bei jenem, und so kann man, wie Professor Hughes sagt, mittelst seines Mikrophons leicht auf eine Entfernung von hundert Meilen das Ticken einer kleinen Taschenuhr oder das Fallen einer Stecknadel hören. Aber sogar Töne, die zu schwach sind, um überhaupt unmittelbar auf unser Ohr zu wirken, sind im Stande, die Leitungsfähigkeit der metallisirten Kohle derartig zu beeinflussen, daß jene Töne im Telephone erheblich verstärkt wiederklingen, und an diesen Umstand knüpft sich eben das höhere Interesse der vorliegenden Entdeckung. Wir haben schon erwähnt, daß man den Spazierschritt einer Fliege auf einer Glasfläche auf ähnlich große Entfernungen deutlich in dem Telephone vernimmt. Wenn man mit einem feinen Kameelhaarpinsel über eine glatte Holzfläche, die mit dem Apparate in Berührung war, hinfuhr, so erregte dieses dem Ohre unmittelbar nicht vernehmbare Geräusch in dem verbundenen Telephone ein so heftiges Geknister, daß es dem daran gehaltenen Ohre geradezu empfindlich wurde.

Wenn solche Ergebnisse mit einem erst vor wenigen Wochen erfundenen Apparate erzielt werden, so hat man wohl ein Recht, von einer noch weiter getriebenen Empfindlichkeit derselben das Außerordentlichste zu erwarten. Thiere, die bisher stumm schienen, weil unser Gehör nicht empfindlich genug für ihre Laute ist, wie jene Bienenameisen, von denen früher in der „Gartenlaube“ (1875, S. 789) berichtet wurde, werden künftig vielleicht nicht mehr blos zu unserem Auge, welches die leisen Bewegungen der Stimmwerkzeuge wahrnimmt, sondern auch zum Ohre sprechen. Und wer weiß, ob nicht auch die Pflanzen ihre Stimme erheben werden, ob wir nicht in ihnen ebenso den Lebenspuls vernehmen können, wie in den menschlichen Adern, und ob das Mikrophon uns nicht Auskunft geben kann über krankhafte Bildungen in unserem eigenen Körper, hinsichtlich deren die Horchinstrumente der Aerzte bisher nicht ausreichten. Der Herzschlag einer Person läßt sich mit Leichtigkeit mittelst des Mikrophons aus beliebiger Ferne belauschen, und ebenso ohne Zweifel auch die Ader- und Lungengeräusche, sodaß hier die Möglichkeit einer ärztlichen Untersuchung aus weiter Ferne gegeben wäre.

Ja, es dürfte nicht undenkbar erscheinen, daß für das Mikrophon auch die Steine und Krystalle ihr bisheriges Stummsein aufgeben, wenn ihre kleinsten Theile langsamere Bewegungen vollführen, z. B. bei chemischen Einwirkungen, vergleichbar jenen schon dem unbewaffneten Ohr vernehmbaren Tönen des Eisenstabes beim Magnetisiren, von denen in dem Telephon-Artikel die Rede war. Freilich dürfen wir unsere Erwartungen nicht zu hoch spannen und etwa verlangen, in Zukunft auch die Wärme- oder Lichtschwingungen zu hören, den es handelt sich hier nur um die Verstärkung von Geräuschen, nicht aber um die Erhöhung der Empfindlichkeit unseres Ohres, die eine sehr begrenzte ist, wie wir vor Kurzem an den Experimente mit den singenden Flammen („Gartenlaube“ 1877, S. 732.) erfahren haben.

Schwingungen, die durch ihre allzu große Geschwindigkeit die obere Empfänglichkeitsgrenze unseres Gehörs übersteigen, werden wir auch mittelst des Mikrophons nicht hörbar machen, und deshalb werden wir auch von den Thierstimmen nur die leisen, nicht die für ihr eigenes Ohr sehr lauten, aber für uns zu hoch liegenden Töne vernehmen. Immerhin bleibt für das neue Erweiterungsmittel unserer sinnlichen Wahrnehmung ein weites Feld der Wirksamkeit, und die Bedeutung dieser Entdeckung für Theorie und Praxis ist vorläufig gar nicht zu übersehen.

Carus Sterne.


Zwei Lehrer der Freiheit und der Menschenrechte.
1. Voltaire.
(Schluß.)


Zu der in der letzten Nummer geschilderten Höhe und Bedeutung, die in mancher Hinsicht als wirkliche Größe bezeichnet werden kann, hatte die Kraft Voltaire’s nach seiner Rückkehr aus England in einem zunächst sehr unstäten und umhergehetzten Flüchtlingsleben sich aufgeschwungen. Wenn ihn der französische Hof auch später hin und wieder auszeichnete, ihm die einträglichen Ehrentitel eines Kammerherrn und eines Historiographen von Frankreich verlieh, so ließ doch diese Gunst lange auf sich warten und konnte auch nur eine vorübergehende sein. Vorherrschend blieb vielmehr in den höchsten Kreisen eine erbitterte Stimmung gegen ihn, die ihn Paris selbst dann meiden ließ, wenn er nicht durch directe Ausweisungsbefehle zu einem Fernbleiben gezwungen war. In der genannten Zeit lebte er bald in Rouen, bald in Holland, bald öffneten sich ihm die Landsitze und Schlösser seiner aristokratischen Freunde und Freundinnen als behagliche Asyle. Verschiedene Herzensbeziehungen seiner Jugend [396] hatten nicht zu einem Bündniß geführt, er war ehelos geblieben und empfand nachgerade schmerzlich den Mangel einer sturmloseren und fester umfriedeten Existenz. Aus Briefen, die er damals an Freunde schrieb, klingen elegische Töne einer tiefen Sehnsucht nach stiller Sammlung und idyllischer Zurückgezogenheit.

In solcher Stimmung befand er sich, als ihm die siebenundzwanzigjährige Marquise von Chatelet begegnete, eine schöne, hochelegante Welt- und Hofdame, die vortrefflich sang, als Darstellerin auf den Liebhabertheatern glänzte, aber neben einem starken Hange zu stürmischem Lebensgenuß auch durch ihren ungewöhnlichen Eifer für ernste wissenschaftliche Studien die Aufmerksamkeit erregte. Sie kannte nicht blos die griechischen und römischen Classiker, sondern betrieb auch Mathematik und Metaphysik in so gründlicher Weise, daß sie Leibnitz’sche Werke, sowie Newton’s „Principien der Naturphilosophie“ durch ihre Uebersetzungen und Bearbeitungen in Frankreich einführen konnte. Diese eigenthümliche Mischung brillanter Eigenschaften übte auf den damals neununddreißigjährigen Schriftsteller einen unwiderstehlichen Zauber, und er war glücklich, als er seine leidenschaftliche Bewerbung nicht zurückgewiesen sah. Der Umstand, daß die Marquise verheiratet war und zwei Kinder hatte, bildete leider in jener Zeit der gelockerten Sitten kein Hinderniß einer solchen Beziehung. Der Marquis war Officier, lag in seiner Garnison den noblen Passionen ob und kümmerte sich nicht um seine längst zerfallene Ehe. Ohne Bedenken machten daher beide Liebende ihren Plan für eine gemeinsame Zukunft. Es wurde (1735) das ländliche Schloß Cirey an der lothringischen Grenze gekauft und von Voltaire mit allen Einrichtungen des damaligen eleganten Comfort ausgestattet. Vierzehn Jahre hindurch führte er hier an der Seite seiner Freundin ein arbeitsvolles, schöpferisch den höchsten Idealen zugewendetes, freilich nicht selten auch durch längere Vergnügungsreisen unterbrochenes Stillleben. Wer möchte das Verhältniß von unseren heutigen Anschauungen aus nicht anstößig finden? In der That endigte es auch traurig genug; die Marquise starb vorzeitig (1750) und die Ursache ihres Todes war ein unverzeihlicher Fehltritt. Trotzdem war Voltaire untröstlich über diesen Verlust und empfand ihn als den härtesten Schlag seines bisherigen Lebens. Wochen hindurch machte er seinen Kummer in den schmerzlichsten Klagen Luft, und bis in das späteste Alter hat er mit Gefühlen zärtlichster Liebe seiner „göttlichen Emilie“ gedacht.

Fünfundfünfzig Jahre war er alt, als ihn diese Wendung seines Geschickes von Neuem auf die Wanderschaft trieb. Die Stätte seines Glückes war ihm verleidet, sofort ließ er aufpacken und begab sich nach Paris, wo er mehrere Nächte hindurch schlaflos in den Zimmern umherirrte, dann aber von seinen Freunden überredet wurde, sich häuslich einzurichten. Er erwarb einen Palast, nahm seine Nichte, eine verwittwete Madame Denis zu sich, errichtete ein Theater im Hause und sah bei seinen Vorstellungen und Soupers die vornehmste Gesellschaft um sich versammelt. Dennoch war seines Bleibens nicht in der Stadt, der er nicht blos durch seine Geburt, sondern durch das ganze Gepräge seines Wesens angehörte. Dauernde Ungunst des Hofes, Neid und Intrigue literarischer und dichterischer Gegner verbitterten ihn dieses Mal den Aufenthalt in einem Grade, daß er mit Freuden die Gelegenheit zu einem ehrenvollem Abgange ergriff. Schon im ersten Jahre seiner Abwesenheit in Cirey hatte der Kronprinz Friedrich von Preußen ihm von Rheinsberg einen Brief voll enthusiastischer Bewunderung und Verehrung geschrieben und dadurch jene merkwürdige und lebhafte Correspondenz mit ihm eröffnet, die bekanntlich, einige Unterbrechungen abgerechnet, bis zum Tode Voltaire’s gedauert hat.

Wiederholt hatte derselbe seinen fürstlichen Freund auch besucht. Friedrich aber genügte das nicht, und nach seiner Thronbesteigung hörte er nicht auf, ihn mit der Bitte zu bestürmen, daß er zu ihm kommen und dauernd als sein Gesellschafter und literarischer Gehülfe bei im weilen möge. Erst der Tod der Marquise machte jedoch eine solche Uebersiedelung möglich, und Voltaire gab nach, als sein Versuch einer Niederlassung in Paris gescheitert war. Schon im Juli 1750 kam er in Sanssouci an, nachdem Friedrich alle seine hohen Bedingungen bewilligt hatte. Der Boden des Hoflebens war aber, für den Neuangekommenen ein schlüpfriger, und nach dem ersten Rausche der Flitterwochen gestaltete sich sein Aufenthalt in der Nähe des großen Königs so außerordentlich widerwärtig, daß diese Periode unbedingt als die glanzloseste und jedenfalls unerquicklichste seines Lebens bezeichnet werden muß. Durch eigene Schuld, sowie durch die ganze Art der Umgebungen, des aus concurrirenden Franzosen bestehenden literarischen Hofstaats, kamen hier alle persönlichen Schwächen und üblen Leidenschaften Voltaire’s zu scandalöser Bethätigung: seine Geldliebe auf der einen, seine zu bissigstem Hohn gesteigerte, von eitler Ehrgier angestachelte, immer gegen Personen gerichtete Spottsucht auf der anderen Seite. Im Uebrigen hat aber auch Friedrich in diesen Reibungen und Streitigkeiten nicht den Charakter des Philosophen bewahrt und bei seinem Zorne gegen den einzelnen Privatmann die Machtmittel benutzt, über welche er als autokratischer Monarch zu verfügen hatte, wie er z. B. eine ihm mißfällige Spottschrift Voltaire’s wider Maupertuis auf allen öffentlichen Plätzen Berlins durch Henkershand verbrennen ließ. Ein solches Verhältniß konnte nicht halten; es führte zu einem vollständigen Risse, den der König erst nach Jahren durch versöhnliches Entgegenkonnmen auszugleichen suchte.

Glücklicher Weise dauerte der Aufenthalt Voltaire’s in Berlin und Potsdam kaum drei Jahre und bildet nur ein Zwischenspiel in seinem Leben, das so oft besprochen und so oft umständlich geschildert ist, daß wir auf eine Vorführung der meist nicht zu seinem Lobe sprechenden Einzelnheiten hier verzichten können. Nachdem er plötzlich seiner Stellung entsagt und Berlin verlassen hatte, irrte er wiederum mehrere Jahre ohne festen Wohnsitz umher, immer arbeitend und mit der Ausführung neuer schriftstellerischer Pläne beschäftigt. Abwechselnd fand er damals auch an verschiedenen deutschen Höfen, in Gotha, Mannheim und Bayreuth ehrenvolle Aufnahme, bis er auf einer Reise in die Schweiz von der erhabenen Schönheit dieses republikanischen Landes angezogen wurde und den Beschluß faßte, sich hier an einem Punkte niederzulassen, wo er vor der Gewaltsamkeit der Monarchen und dem Zorne der Bischöfe fortan gesichert sei. Aus seinem väterlichen Erbe und dem Ertrage seiner Schriften, durch einen bedeutenden Lotteriegewinn und fortwährende glückliche Geldspeculationen war Voltaire ein großes Vermögen erwachsen. Zins- und Finanzgeschäfte hatte er gewohnheitsmäßig von Jugend an betrieben, und sie waren vielfach nicht sauberer Art. Da Geiz im Ausgeben nicht zu seinen Untugenden gehörte, da alle seine Umgebungen und näheren Bekannten vielmehr stets seine noble Freigebigkeit und Wohltätigkeit gerühmt haben, konnte diese oft so anstößig hervortretende Habsucht recht wohl in einem Vorsatze, einer nahe liegenden Ueberlegung begründet sein. Sein Reichthum wurde ihm eine Grundlage, ein wesentlicher Stützpunkt seines geistigen Wirkens und gab ihm auch die Mittel, sich einen ganz seinen Bedürfnissen und Neigungen entsprechenden Wohnsitz zu gründen, als er des herd- und heimathslosen Umherwanderns müde geworden war. In dem noch zu Frankreich gehörigen, aber in der Nähe von Genf gelegenen Ländchen Gex erwarb er 1758 die Herrschaften Tournay und Ferney und wählte den letzteren mit hohem landschaftlichen Reiz und einem herrlichen Blicke auf Genf und den Montblanc ausgestatteten Ort zu seinem dauernden Aufenthalt.

Acht Jahre waren verflossen, seitdem ihn der Tod der Marquise wieder in die Unruhe der Welt geführt hatte; er war inzwischen vierundsechszig Jahre alt geworden und in seiner äußeren Erscheinung bereits ein schwacher und kränklicher Greis. Trotzdem zeigte sich erst nach der Niederlassung in Ferney das wunderbare Feuer, die erstaunlich zähe Beweglichkeit dieses Geistes, der nun erst, aller Leiden einer gebrechlichen Hülle, alles Schmerzes bitterer Erfahrungen spottend, zu einer Macht des Wirkens, dem Glanze eines Schaffens sich erhob, wie es beispiellos dasteht in der Geschichte menschlichen Fortschrittsstrebens. In einem Alter, wo viele Andere schon ermattend das Haupt zu neigen beginnen, eröffnete sich dem schöpferischen Ringen des Mannes noch eine zwanzigjährige Epoche, die jeder unbefangenen Würdigung als die nichtigste und eigentlich großartige seines Lebens erscheinen muß. Die bisherigen Schlacken fielen so ziemlich ab und ungetrübt, kühner und jugendfrischer als in seiner Jünglings- und Manneszeit strahlte das Licht des Propheten von der Seele des Hochbetagten aus. Wo es in Europa gebildete und aufgeklärte Kreise gab, da lauschten sie jetzt ehrfurchtsvoll seinen Worten und Thaten, da waren ihre Blicke aufmerksamer nach dem Geisteshofe von Ferney gerichtet, als nach den Höfen [397] der Kaiser und Könige. Schon die Stätte selber wurde bald durch ihr sichtliches Aufblühen ein Gegenstand lebhafter Bewunderung. Durch die Verwaltung seiner ungefähr eine Quadratmeile umfassenden, bis dahin vernachlässigten Güter fand der neue Besitzer Gelegenheit, seine rationellen wirthschaftlichen Ansichten und philanthropischen Grundsätze sich bewähren zu lassen. Ferney, das er als einen kleinen und verfallenen Flecken überkommen hatte, wurde durch Hereinziehung von Industrie, namentlich der Uhrmacherei, binnen Kurzem ein bevölkertes, rührig-betriebsames und wohlhabendes Städtchen. Seine Bauern vergötterten ihn, da ihnen seine Sorge um ihr Wohl bald sich fühlbar machte. In der Oekonomie kümmerte er sich eifrig um alle Einzelnheiten jedes Zweiges, arbeitete selbst in Feld und Garten und betrieb Ackerbau, Gartenbau, Weinbau und Pferdezucht mit Geschick und steigendem Erfolg, sodaß sich der regelmäßige Jahresertrag der Güter auf hundertdreißigtausend Franken belief. Dieses für die damalige Zeit außerordentlich bedeutende Einkommen wurde von ihm auch verbraucht, zu allen jenen idealen Zwecke verwendet, die Ferney in der Geschichte des 18. Jahrhunderts zu einem so einzigen Punkt gemacht.

Neben einer großen Bibliothek, den Park- und Gartenanlagen und sonstigen eleganten Einrichtungen im Zeitgeschmacke, durfte natürlich auch in Ferney wiederum die kostspielige Herstellung und Unterhaltung eines wohlausgestatteten Haustheaters nicht fehlen, auf dessen Brettern der Schloßherr selber noch zuweilen eine Rolle ausführte, oft aber auch die gefeiertsten Darsteller aus Paris einem geladenen Publicum sich präsentirten. Mit Paris hatte er auch früher stets die lebhafteste Beziehungen unterhalten, in Ferney aber stellte neben den schriftlichen Mittheilungen auch die Personen sich ein, wie es überhaupt im Schlosse nicht leer wurde von Besuchen hervorragender und berühmter Leute verschiedenster Art und Nationalität. Nicht mit Unrecht nannte sich damals Voltaire scherzhaft in Briefen den „Hotelier von Europa“. Zuweilen stieg die Zahl der männlichen und weiblichen Fremden auf beinahe fünfzig. Durch alle diese Beweglichkeit an seiner Nähe aber ließ sich der greise Hausherr nicht zu einem müßigen Genußleben verlocken. Nur am Abend erschien er als liebenswürdiger Wirth unter seinen Gästen und gab sich allen Reizen einer geistvollen Geselligkeit hin, die Tage jedoch verlebte er einsam in seinem Arbeitszimmer, sie gehörten seinen Studien, seinen schriftstellerischen Arbeiten, dem angestrengten Kampfe für seine Ideen. Unsere bereits gegebene Charakteristik seiner gesammten Wirksamkeit bezieht sich auch auf die Leistungen dieser Periode. Dieselbe zeigt aber in dem oben von uns schon erwähnten Aufschwung ein so verstärktes und gesteigertes Hervortreten der Absichten und Zwecke, daß ihrer doch noch besonders gedacht werden muß. Was der Jüngling und Mann Voltaire immerhin nur schüchtern und verschleiert gegen die Mißbräuche und Verbrechen der herrschenden Willkürgewalten zu Tage gefördert hatte, das wurde ihnen jetzt von dem berühmten „Patriarchen von Ferney“ fort und fort als unumwundene Forderung, als unzweideutige Anklage und offene Kriegserklärung vor den Augen der Welt in’s Antlitz geschleudert.

Wer diese Arbeiten und Werke seines hohen Alters unbefangen ansieht, in denen er meistens seine Religion der Humanität mit einschneidendster Rücksichtslosigkeit gegen den kirchlichen Wunderglauben, gegen den Glauben an eine göttliche Abfassung und Autorität der biblische Bücher und namentlich wider den tyrannischen Hochmuth der Priesterherrschaft vertheidigt hat, der wird erkennen, daß sie nicht blos Producte eines für jene Zeit außerordentlichen Wissens, sondern auch einer gewaltigen Energie innerster Ueberzeugung und sittlichen Wollens sind. Je älter er wurde, desto heißer loderte aus seinen Ueberzeugungen in dieser Hinsicht die Gluth eines Zornes empor, der den bündigsten und deutlichsten Ausdruck in jenem Écrasons l’infâme gefunden hatte, das er als Wahrspruch und Schlachtruf in den entbrannte, aber doch erst zaghaft beginnenden Kampf des Jahrhunderts warf. Diese oft von ihm gebrauchte Parole ist von seinen Gegnern vielfach zu seiner Anschwärzung benutzt worden, und es gehört in der That zu ihrer richtigen Deutung eine genauere Kenntniß seines Standpunktes. Karl Rosenkranz, einer der gründlichsten Kenner Voltaire’s, sagt darüber: „Das Wort hat nicht beschränkten Sinn einer Vernichtung des Christenthums, sondern den allgemeinen der Vernichtung des Aberglaubens und der dadurch bedingten Pfaffenherrschaft. Den liebevollen, sich aufopfernden Menschen Jesus von Nazareth ehrte Voltaire, aber den dogmatischen Christus verwarf er als monströse Verbindung einer geschichtlichen Thatsache mit abstracten Philosophemen!“ Brauchen wir zu bemerken, daß dieser Streit leider noch heute nicht beendigt ist, wenn heute auch dem Pfaffenthum nicht mehr die früheren Gewaltmittel zur Durchsetzung des erwünschten Glaubenszwanges zu Gebote stehen?

Aber nicht blos sein schriftstellerisches Schaffen, nicht blos sein nützliches Wirken in seinen Umgebungen und die anmuthige Gestaltung seiner häuslichen Verhältnisse hoben den Lebensabend Voltaire’s so hoch über das Mittelmaß der Alltäglichkeit hinaus. Es kamen auch gewichtvolle Thaten hinzu, welche das Ringen seines ganzen Daseins als probekräftig besiegelten und um das Haupt dieses Greises den Lorbeer des Siegers wanden. Die alte Weltanschauung, welche die Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrzahl durch eine bevorrechtete Minderzahl geheiligt hatte, lag als solche freilich im Sterben, aber sie war doch noch im Vollbesitze ihrer überkommenen Macht und eröffnete einen trotzigen Verzweiflungskampf gegen die offene und stille Auflehnung. Der Wächter von Ferney aber verfolgte alle diese grausamen Gewaltthätigkeiten mit schärfster Aufmerksamkeit.

In Toulouse war 1762 ein beinahe siebenzigjähriger Protestant Namens Calas in Folge richterlichen Urtheils von unten auf gerädert worden, weil er seinen Sohn erdrosselt habe sollte, um den Uebertritt desselben zur römischen Kirche zu verhindern. Alle Umstände bezeugten den Selbstmord und die völlige Unschuld des Vaters; die Hinrichtung war ein Verbrechen. Als Voltaire davon hörte, schrieb er zunächst in tiefer Ergriffenheit und Empörung seine gewaltige Schrift „Von der Toleranz“, dieses unsterbliche Manifest wider den Fluch der Unduldsamkeit und für das vollste Recht der freien Ueberzeugung. Der Funke zündete in den Gemüthern. Die Welt ergriff gleichfalls Partei, und durch hartnäckigste Betreibung der Sache brachte er es dahin, daß endlich der Toulouser Urtheilspruch amtlich umgestoßen und der verübte Justizmord eingestanden werden mußte. Drei Jahre seines Lebes hat Voltaire an diesen Kampf gesetzt, und seine Umgebungen bestätigten, daß er wahr gesprochen, als er sagte: „Kein Lächeln ist während dieser Zeit über meine Lippen gezogen!“ Aber bei diesem einen Vorgange blieb es nicht, es kam gleichzeitig eine ganze Reihe von ähnlichen Processen, die er gleichfalls vor die Oeffentlichkeit brachte, in die er mit derselben Willenszähigkeit und Aufopferungskraft hineingriff. Einige Male gelang es ihm auch, den unschuldigen Opfern einer fanatisirten Justiz noch Leben und Ehre zu retten. Wie hätten solche offenkundige Thaten nicht die fürchterlichen Schäden des Staats- und Gesellschaftslebens der allgemeinen Beachtung nahe legen und weithin die dankbarste Bewunderung erwecken sollen? In Frankreich und weit über dasselbe hinaus fing der gewaltthätige Fanatismus an, den unerbittlichen Richter von Ferney zu fürchten, der auch persönlich der Bedrängten und Verfolgten sich annahm, sie zu sich lud, ihnen Zuflucht, Rath und Unterstützung bot. Ueberhaupt ist der letzte Abschnitt seines Lebens durch schöne Züge von Wohlthätigkeit ausgezeichnet. Als er z. B. vernahm, daß eine Nichte des großen Corneille im Elend lebe, nahm er das sechszehnjährige Mädchen wie eine Pflegetochter zu sich, sorgte für ihre gute Ausbildung, bestimmte den Ertrag seiner neuen Ausgabe der Werke Corneille’s zu ihrem Brautschatz und begründete weiterhin auch ihr häusliches Glück. Fräulein Corneille verheiratete sich, und das junge Paar entlieh von Voltaire 15,000 Livres. Nach der Geburt des ersten Kindes machte er der jungen Frau einen Besuch und hinterließ eine prächtige silberne Vase, in der sich die Quittung über das entliehene Capital befand.

Durch alle jene ablenkenden und hier nur im Allgemeinen bezeichnete Stürme aber, denen er im Interesse des Gemeinwohles und der unterdrückten Gerechtigkeit sich aussetzte, wurde die schriftstellerische Thätigkeit des Mannes, der Fortgang seiner Werke, nicht unterbrochen. Er dichtete sogar noch Dramen, und eine derartige Schöpfung, seine letzte Tragödie „Irene“, war es auch, die ihn seinem stillen Landleben endlich wieder entriß und einen großartigen und hochdramatischen Schlußact seines Daseins herbeiführte. Um der Aufführung des neuen Stückes beizuwohnen, entschloß er sich, mit seiner Nichte nach Paris zu reisen. Der [398] Abschied von Ferney war traurig, die Bauern weinten, aber die Reise ging fröhlich von Statten und glich einem Triumphzuge. Ueberall unterwegs, wo die Leute Voltaire erkannten, brachen sie in Jubelrufe aus. Nach viertägiger Fahrt langte der altmodische Wagen mit seinen Insassen (am 10. Februar 1778) in Paris an, dessen Bevölkerung in eine eigenthümliche Bewegung gerieth, als die Kunde von dem Eintreffen dieses Besuches sich verbreitete. Seit achtundzwanzig Jahren war Voltaire nicht in der Hauptstadt gewesen; seitdem hatten die Gewohnheiten, die Sitten und Trachten sich vielfach verändert. Schon die hohe und hagere Gestalt des Vierundachtzigjährigen, schon sein bleiches, ungemein abgezehrtes Gesicht mit den dünnen Lippen, der spitzen Nase und den großen funkelnden Augen machten den Eindruck des Ungewöhnlichen. Denkt man sich einen scharlachrothen Hermelinpelz hinzu, Schuhe und hohe seidene Strümpfe, in der Hand ein Stöckchen, auf der majestätischen schwarzen Allongeperücke eine viereckige rothe Mütze, die in eine goldbordirte Krone auslief, so läßt es sich begreifen, daß dieser große Landsmann plötzlich vor seinen Parisern auftauchte wie ein erhabenes Bild aus längst entschwundenen Tagen. Durch seine Gedanken aber war er hier mit Unzähligen lebendig verwachsen, Unzähligen nahe vertraut und verwandt, und zu ihren Seelen sprach aus dieser verwitterten Hülle der warme und jugendfrische Geist der Gegenwart. Vom Tage seiner Ankunft an belagerten dichte Schaaren das Haus, in dem er wohnte. Erst am 31. März aber sollte die ganze Fülle seines Ruhmes sich über ihn ergießen. An diesem Tage hielt die Akademie ihm zu Ehren eine Festsitzung, und gegen allen früheren Brauch gingen ihm bei seinem Eintritte die Mitglieder bis an die Thür des ersten Saales feierlich entgegen und übertrugen ihm den Vorsitz. Diese stille Ehrfurchtsbezeigung der Wissenschaft war aber nur ein Vorspiel dessen, was noch folgen sollte. Von der Akademie ging es in’s Theater, wo „Irene“ und sein Drama „Nanine“ aufgeführt wurden. Durch Hunderttausende, die in betäubendes Freudengeschrei ausbrachen, mußte in den Straßen der Wagen sich langsam vorwärts bewegen. So wie derselbe hielt, kletterte Alles auf die Decke und auf die Räder, um den Gefeierten in der Nähe zu sehen. Im Theater harrte Kopf an Kopf ein glänzendes und festlich geschmücktes Publicum, und den ganzen Abend hindurch erbrauste das Haus von den Stürmen begeisterungsvoller und ergreifender Huldigungen, wie kein König und Herrscher, kein Dichter und Schriftsteller sie jemals an solcher Stelle erlebt hat. Als Voltaire, fast erliegend unter der Bürde der Jahre und der Lorbeeren, den Schauplatz dieses beispiellosen Triumphes verließ, empfing ihn unten wiederum das Jauchzen der Volksmassen. Tausende von Händen streckten sich ihm entgegen; Tausende von Stimmen riefen seinen Namen, und bis tief in die Nacht hörte man in den Straßen den Ruf: Es lebe Voltaire! Der Hof war allen diesen Feierlichkeiten fern geblieben, und in der Akademie hatten die bischöflichen Mitglieder sich nicht eingefunden. Es war das erste Mal, daß die Gesinnung und die öffentliche Meinung Frankreichs in einer deutlich sprechenden Kundgebung zu einem gänzlich unabhängigen Ausdruck durchgebrochen war. Das war das Bedeutsame und Denkwürdige an diesen erhebenden Momenten.

Nach dem Geräusche dieses Tages zog Voltaire sich zurück, um an seinem neuen Wörterbuche der französischen Sprache zu arbeiten. Aber die außerordentlichen Aufregungen hatten doch endlich seine Lebenskräfte aufgerieben. Er erkrankte, mußte das Bett hüten und fühlte nach einigen Wochen, daß sein Ende nahe sei. „Adieu, mon cher Morin! Je me meurs!“ sagte er am 30. Mai Nachts gegen elf Uhr zu seinem Kammerdiener, und wenige Augenblicke darauf war er sanft und ruhig verschieden. Die Geistlichkeit hatte es natürlich in den letzten Tagen an ihren hergebrachten Zudringlichkeiten nicht fehlen lassen; er hatte ihre Abgesandten auch freundlich empfangen, ihr Glaubensexamen aber mit der Bitte beantwortet: „Lassen Sie mich doch in Frieden sterben!“ Alle anderen Erzählungen über diesen Vorgang sind erlogen, was schon aus dem Umstande ersichtlich ist, daß ihm das kirchliche Begräbniß verweigert wurde, daß die öffentlichen Blätter von seinem Tode nicht sprechen durften und seine Leiche nach dem Landgut eines Verwandten geschafft werden mußte. Bis zum heutigen Tage verfolgt die große Pfaffenpartei des Priesterthums sein Andenken mit der Gluth eines Hasses, von dem sich nur sagen läßt, daß er ihn redlich und im Schweiße seines Angesichts durch Thaten verdient hat, welche die Gewalt eines finsteren Kirchenwesens zum Segen der Menschheit erheblich geschwächt und erschüttert haben.

Elf Jahre nach seinem Hinscheiden brach die weltumwälzende Bewegung aus, die er nicht gewollt, zu der er aber einen beträchtlichen Theil des Samens ausgestreut und deren Aufkeimen bei der blinden Hartnäckigkeit der Regierung und der herrschenden Classen auch allgemein seinem scharfen Blicke nicht entgangen war. „Alles was ich rings um mich geschehen sehe,“ so schrieb er bereits 1764 an den Abbé Chauvelin „wirft den Keim zu einer Revolution aus, die unfehlbar eintritt, von welcher ich aber nicht mehr Zeuge sein werde. Das Licht hat sich immer allgemeiner verbreitet; bei der ersten Gelegenheit kommt es zum Ausbruch und dann wird ein höllischer Lärm entstehen. Wer jung ist, ist glücklich; er wird schöne Dinge erleben.“

Das Wort war ein prophetisches und ist unvergessen geblieben. Was Voltaire für die Heraufführung eines neuen Bewußtseins, für die Erlösung des Denkens und Fühlens aus den Fesseln eines ertödtenden Despotismus gethan hat, das ist später von der modernen deutschen Wissenschaft und Literatur, seit Lessing und Kant, viel gründlicher, viel durchgreifender und endgültiger auf gänzlich anderen und neuen Wegen vollführt worden. Aber die ersten mächtigen Anstöße der Befreiung sind in einer Zeit tiefster Umnachtung von ihm ausgegangen, und mit vollem Rechte sagt der englische Historiker Carlyle von ihm: „Wäre Voltaire und wäre seine Thätigkeit in der Geschichte des 18. Jahrhunderts nicht gewesen, so würde dadurch ein größerer Unterschied in der jetzigen Lage der Dinge bedingt sein, als von irgend einem anderen Menschen der vergangenen Jahrhunderte gesagt werden kann.“ Treffender noch wird eine Hauptseite der Bedeutung Voltaire’s von seinem Biographen Condorcet in dem Satze zusammengefaßt: „In ganz Europa hatte er einen Bund gestiftet, dessen Seele er war. Das Feldgeschrei dieses Bundes lautetet Vernunft und Toleranz. Wurde irgendwo eine große Ungerechtigkeit verübt, vernahm man von einer That blutiger Verfolgungssucht, wurde die Menschenwürde verletzt, da stellte eine Schrift Voltaire’s die Schuldigen vor ganz Europa an den Pranger.“ Diesen seinen großen Zorn gegen Unterdrückung, Gewaltthat und Unmenschlichkeit hat er mindestens sechszig Jahre hindurch in den Herzen seiner Zeit entzündet, und dieser Zorn ist eine heilsame und bestimmende Macht geblieben in allen weiteren Geschicken der Menschheit.

A. Fr.




Alwine.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Paul Wislicenus.
(Schluß.)


Der Sturm war mit furchtbarer Gewalt losgebrochen. Krachend schmetterten die Wogen an unseren unthätigen Radkasten. Das schwankende Schiff stieg hoch auf die Schaumkämme hinauf und stürzte geneigt und donnernd in die Abgründe, um nach wenigen Minuten wieder, in allen seinen Fugen stöhnend, emporzuschweben. Kurz und fest gerefft waren die Segel, sichtlich bogen sich die Masten, kreischend und knarrend, als wenn sie brechen wollten. Plötzlich brach ein Stück der hinteren Raa ab und das Segel flatterte mit dem splitternden Bruchstücke wie rasend im Winde. Wir waren dem Hafen von Halifax ziemlich nahe, allein wir durften es nicht mehr wagen, in denselben einzulaufen.

Kein Schiff, kein Lootsenboot war zu sehen in diesem Getobe des wogendes Elementes. Es gischte und prasselte, es donnerte und spritzte. Man konnte auf Deck nicht sein, ohne sich krampfhaft festzuhalten, und auch da noch schlug man gelegentlich einmal hin. Jay Robinson auf der Commandobrücke beschwor mich, hinunter zu gehen, und betäubt und durchnäßt,

[399]
Die Gartenlaube (1878) b 399.jpg

Das Heil der Menschheit.
Originalzeichnung von K. Kögler.

[400] wie ich war, gehorchte ich endlich. In der Kajüte Verwirrung und Aufregung – die Passagiere hielten sich fest umschlungen, sie stemmten sich auf dem Sopha mit den Füßen gegen die Wand, sie zitterten unter dem Rasen der Elemente.

Es kam die grauenvollste Nacht meines Lebens.

Ich saß neben Alwine in der Kajüte; fest und eng hatte sie sich an mich geschmiegt, fest wie ein Ertrinkender hielt ich sie umklammert. Da – großer Gott, was war das! Unter einzelnen Schreien der Schiffsmannschaft legte das Schiff sich auf die Seite, immer stärker, Alles rutschte vom Tische herunter, wir klammerten uns an, um nicht zu fallen, die Frauen schrieen laut, die Männer riefen durch einander. Jetzt richtete das Schiff sich wieder auf, dann legte, hob und neigte es sich von Neuem, tiefer als vorher, immer tiefer. „Wir kentern!“ durchzuckte es mich. Und die kalten Lippen auf einander gepreßt, den Todesschweiß auf der Stirn, schob, trug, führte ich die Geliebte durch den Saal und zur Thür hinaus. In der Finsterniß suchte ich mit den Augen nach den Booten – da winkte Jay von der Commandobrücke herab, wir sollten heraufkommen. Wir schleppten uns hin, mit seiner Hülfe kamen wir oben an. Er zeigte uns die Segel und den betrunkenen Capitain, der sie alle hatte aufsetzen lassen. Er zeigte uns die Lichter am Strande von Amerika, auf dessen Felsenbarrieren der wüthende Südoststurm uns zutrieb. Er zeigte uns die zerschlagenen Rettungsboote. „Der Capitain hat Recht,“ schrie er mir in’s Ohr, „alle Segel, oder wir sind verloren! Der Sturm treibt uns auf die Küste zu, wir müssen stechen und gegen den Wind segeln. Aber – wir – können – kentern.“ Und wieder neigte sich das Schiff, tiefer und immer tiefer, als wenn es unfehlbar umstürzen müßte.

Der betrunkene Capitain kam auf Deck. Er befahl, vor Allem die Segel des Hintermasts zu zerschneiden, damit das Schiff wenigstens etwas erleichtert würde. Matrosen stachen aus den Körben des Hintermastes ihre Messer hinein, und mit einem furchtbaren Rucke krachte ein Segel aus einander, dann wieder eins und dann ein drittes. Lautes Jammergeschrei im Speisesalon kündigte uns an, daß die armen Passagiere der Meinung seien, wir wären auf eine Klippe gerathen.

Wirr flatterten die Segelfetzen des Hintermastes in die rasend gewordene Finsterniß hinaus, und noch immer stöhnte und neigte sich der Mittelmast und mit ihm das Schiff, das, da der Sturm mit erneuerter Wuth wie zu einer letzten Anstrengung losgebrochen war, von Neuem immer gefährlichere Versuche machte, zu kentern. Schon rauschten die Wellen auf das Deck; schon tauchte das unterste Segel in’s Wasser, das man, um nicht ganz von Segeln entblößt zu sein, unversehrt gelassen hatte.

Da, im Augenblicke höchster Gefahr stieg Jay Robinson in die Strickleiter. Er warf uns einen Handkuß zu, gleichsam als wenn er sagen wollte, für welches Menschenleben er das seine wagte. Ich schrie nach ihm; ich winkte ihm heftig mit der Hand. Er hielt in einiger Höhe inne und klammerte sich an. Erwartend blickte er nach uns hinüber.

Alwine regte sich nicht, sie war starr vor Schrecken. Ich war außer mir. „Winke ihm, herabzukommen!“ rief ich. Noch immer sah sie aus wie ein Marmorbild. Nur leise, wie krampfhaft, zuckten ihre Lippen. Dann rang sich aus ihrer Brust die Bitte hervor: „Winke Du!“

Ich winkte wieder; allein Jay Robison achtete nicht auf mich, sondern schickte sich an, weiter hinauf zu steigen. Da brach Alwine in Thränen aus. Sich krampfhaft an dem Geländer der Commandobrücke anklammernd, riß sie ihr Taschentuch aus der Tasche und winkte mit demselben, während sie in flehendem Tone rief: „Kommen Sie doch herab!“ Der Sturm überbrauste ihre Worte, entriß ihr das Tuch und trug es in’s Meer, und Jay Robinson, der von der Scene kein Auge verwendet hatte, kletterte triumphirend in den Mastkorb hinauf. Sie weinte – weinte um seinetwillen: das war ihm genug. Jetzt wollte er für sie sterben.

Jay war oben. Mit der schrecklichsten Spannung meines Lebens verfolgte ich mit den Augen jede seiner Bewegungen. Krampfhaft sich an den Mast klammernd, versuchte er vom Mastkorbe aus, das Segel loszuschneiden – vergebens; er wollte es zerschneiden – es war ihm ganz unmöglich, es zu erreichen. Und schon neigte sich das Schiff tiefer und tiefer, als wollte es uns Alle hinabschütten in die See.

Jetzt griff Jay Robinson nach seinem Gürtel, zog ein Beil hervor und, frei stehend, hieb er mit wuchtigen Schlägen an der Windseite in den Mast hinein, um ihn zum Abbrechen zu bringen. Immer kräftiger holte er aus, immer wuchtiger fuhr die Axt in die splitternden Spähne – die Mastspitze krachte und senkte sich – ein Aufschrei, und die Axt entglitt Robinson’s Händen, er strauchelte und stürzte über den Rand des Mastkorbes jählings auf’s Deck hinab. Ihm folgte mit furchtbarem Krache der Mast, den der Sturm über Bord riß und die nächste Welle hinwegschwemmte.

Schwer athmend wurde Jay aufgehoben; gelähmt hingen die kühnen Glieder an seinem Körper herab; Blut quoll ihm aus dem bleichen Munde. Er ward in sein Bett gebracht, und der Arzt untersuchte ihn und schüttelte den Kopf.

Auf den Wellen trieb ein verstümmeltes, wrackähnliches Schiff umher; der Wind ließ endlich nach, die Wellen sanken mehr und mehr. Als der Morgen graute, sah er in ein kleines Gemach, in dem drei unglückliche Menschen sich befanden. Ein schwer Athmender lag darnieder, – ein Mann mit schmerzlichem Gesicht pflegte ihn und legte ihm kalte Umschläge auf Stirn und Brust. An dem Bette aber knieete ein Mädchen, auf dem Stuhle das Haupt in den Armen bergend, fast ohne sich zu regen.




„Geliebter, ich kann die Deine nicht werden; wir müssen uns trennen. Wie könnten wir jemals jene Nacht vergessen, wo er zum Krüppel ward? Wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich Deiner unwürdig fühle! Wenn Du es mit empfändest, wie öde mein Herz geworden ist, – wie traurig! Glaube es mir, oder glaube es nicht, – ich habe mich erkannt, damals als ich an seinem Bett knieete und Du um mich gingst und die Hände regtest, um ihn zu retten, und als ich mich fragte: ‚Weshalb hilfst du nicht auch?‘ O Liebster, ich bin es, die ihn unglücklich gemacht hat!“

Ich las diese Zeilen in meiner Wohnung in New-York, und ich starrte wie betäubt auf die zierliche Unterschrift und auf das „Boston“ mit dem Datum daneben. Warum gab es keine Möglichkeit, sofort noch Boston zu gelangen, um ihr die krankhaft unglückselige Idee auszureden! Das also war der Grund, warum sie so scheu, so ängstlich sich aus meinem Arme wand, wenn ich nach dem Sturze Jay Robinson’s einmal die beglückende Gewißheit genießen wollte, daß sie mir und daß ich ihr gehöre! Das war der Gedanke, der sie bis in den innersten Nerv ihres Lebens erschütterte, – sie habe ihn unglücklich gemacht, durch ein frevelhaftes Spiel, das sie mit seinem Herzen getrieben, und darum hatte sie ihm das große Opfer gebracht, das uns in Boston getrennt hatte! Deutlich sah ich die Scene vor meinen Augen. Da saß er, kaum zur Hälfte genesen, in Decken gehüllt, auf dem zerbrochenen Radkasten, als das Schiff in Boston an der Rhede lag und wir das unglückliche Fahrzeug verließen. Und da summte er herzerschütternd jene englische Ballade, welche Alwine zuweilen gesungen:

„Und soll ich denn begraben sein,
Legt mich nicht ins dunkle Grab hinein,
Legt mich am Wasser auf feuchten Sand,
Laßt mich schlafen am wilden Meeresstrand.“

Alwine war leichenblaß geworden; sie zitterte an meinem Arme, blieb stehen und hielt mich zurück, und ihre Lippen zuckten als sie mich bat: „Gehe zum Bahnhof, – schiebe Deine Reise nicht auf, denn Du kannst es nicht länger; aber laß mich hier, laß mich zurückbleiben, – ich muß ihn pflegen, ich muß, – bis er todt oder gesund ist.“




Ich habe ihr geschrieben, wieder und wieder, und immer kam dieselbe Antwort: „Quäle mich nicht; es ist unmöglich.“ Nur aus einem der Briefe blitzte ein Hoffnungsstrahl. „Vielleicht spricht mein Gefühl anders, wenn Robinson genesen wird,“ lautete ein Postscriptum, „denn der Arzt hat Hoffnung.“ Und es gab ein paar Tage, wo ich zwischen Himmel und Abgrund schwankte, wie einst unser armes Schiff vor der Rhede von Boston.

Sie haben ihn nach einem Monat doch in das dunkle Grab hineingesenkt, und ich – ich habe ihn sterben sehen. Als es mit ihm zu Ende ging, rief Alwine mich brieflich an sein Schmerzenslager – er wollte mich noch einmal sehen. Seine rechte Hand in der meinen, die linke in derjenigen des schönen [401] Weibes, das ihm in seinen Leiden treu zu Seite gestanden hatte, entschlief er.

Bei seiner Beerdigung folgten seinem Sarge der Capitain und der größte Theil der Mannschaft, welche wegen der nöthigen Ausbesserung des Schiffes sich noch in Boston befanden. Vierzehn Tage darauf stach der Dampfer, glücklicher als sein Retter, schmuck und fröhlich in die See.

Alwine folgte mir nach New-York und trat in Staten-Island ihre Stelle an. Als ich von ihr Abschied nahm, um nach Europa zurückzukehren, sagte ich ihr, daß ich nie eine Andere freien würde, als sie. Mit Thränen in den Augen hörte sie mich an und ich sah, wie sie mit bebendem Munde nach dem Wort der Erlösung rang; aber sie biß sich auf die Lippen und wandte den Kopf.

Ich nahm Passage auf einem deutschen Fahrzeuge. Als unser Dampfer durch den engen Ausgang des New-Yorker Hafens an den Bergen Staten-Islands vorüber nach dem Meere hinausglitt, winkte mir von hoch oben ein weißes Tuch. –

Alwine hatte den Schmerz, der sie so tief erfaßt hatte, noch nicht überwunden. Ich gab mir das Wort, ihre Empfindungen zu ehren. Nicht eher wollte ich sie die Meine nennen, als bis sie selbst gern und willig mir für immer die Hand reichte. Kaum nach Europa zurückgekehrt, schrieb ich an sie, und ich hatte von G. aus vor Kurzem einen zweiten Brief an sie abgesandt, allein keine Antwort erhalten.




Und nun – da saß ich, lauschend, vor dem Kaffee, in meinem Hôtelzimmer, in der fröstelnden Morgenfrühe, starr wie eine Bildsäule, und doch rieselte es mir durch alle Nerven und ich hörte mein Herz pochen: das mußte sie sein, hier neben mir und ich faltete die Hände und sagte: „Gott der Liebe, gieb, daß sie es ist!“

Und dann überfiel mich wieder Zagen und Bangen, während ich mit zitternden Händen mich ankleidete. Weshalb – da sie doch meine Adresse in G. kannte – weshalb hatte sie nicht an mich geschrieben und mir ihre Ankunft gemeldet? Und was meine schmerzliche Sorge vermehrte: weshalb sang sie noch immer jenes Lied, dessen Melodie von der Erinnerung an den Tag unseres Scheidens in Boston unzertrennlich war und aus dessen Tönen ich – und gewiß auch sie – immer nur die Stimme des armen Jay Robinson heraushörte? Daß sie in demselben Hôtel mit mir wohnte, mußte Zufall sein, denn ich hielt mich nur vorübergehend in B. und in diesem Hôtel auf; hatte sie den armen Jay Robinson noch nicht vergessen, und wollte sie mich überhaupt in G. aufsuchen?

Kaum war ich mit meinem Anzug fertig, so eilte ich, ohne zu wissen, was ich thun wollte, vor die Thür. Auf dem Corridor angelangt, zögerte ich einen Augenblick und ging dann die Treppe hinunter. Ich begab mich zum Portier und fragte nach Fräulein Bodinus. Er kannte sie nicht. Doch zeigte er mir die Fremdentafel und theilte mir mit, daß die beiden neben dem meinen gelegenen Zimmer von Herrn und Frau Ehrenberg besetzt, daß die Herrschaften aus New-York und daß sie erst gestern Abend kurz vor zwölf Uhr eingetroffen seien.

Diese Mittheilung erfüllte mich mit einem jähen Schrecken. Alwine hatte sich verheirathet – sie war für mich verloren. Sie hatte Jay Robinson geliebt, und zwar mehr geliebt als mich, und sie hatte mich über seinen Tod vergessen. Mir kam es oft so vor, als wenn das, was ich da dächte, Alles Unsinn sei; allein ich wankte die Treppe hinauf wie Einer, der seine beste Lebenshoffnung vernichtet sieht.

Oben stand Jemand vor meiner Thür und klopfte. Es war ein Mann, der offenbar mich zu sprechen wünschte, und als ich näher kam, erkannte ich den Briefträger. Er brachte mir einen geschäftlichen Werthbrief, dessen Empfang ich ihm bescheinigen mußte. Ich führte ihn in mein Zimmer, suchte Tinte und Feder zusammen und wechselte während der ganzen Zeit mehrmals Worte mit ihm. Endlich nannte er auch einmal mit lauter Stimme meinen Namen. Kurz darauf hörte ich rasche Schritte nebenan nach der unsere Zimmer verbindenden Thür, und es war mir, als lauschte Alwine hinter derselben. Ich gab dem Briefträger die Quittung, bezahlte und entließ ihn. Als ich die Thür hinter ihm schloß, schlug mir das Herz.

Und als ich mich jetzt umwendete, wurde die verbindende Thür plötzlich aufgeschlossen, und auf ihrer Schwelle stand die Geliebte und streckte mir zitternd vor Freude die Hände entgegen.

Sie war bleich, aber freundlich strahlend sahen mich ihre Augen an, ihre lieben Augen, die ich so lange entbehrt hatte. Und dann bewegten sich bebend ihre frischen rothen Lippen, und sie flüsterte: „Du hier – Du – – und ich habe Dich gefunden.“ – –

Wiedersehen! Wer beschreibt ein Wiedersehen, das er selbst so ersehnt, so wenig erwartet und so empfunden, wie ich dieses! Man vergißt die Welt um sich her; man schwelgt in Freude und Thränen. Man sieht glückstrahlende Augen hinter feuchten Thauperlen, die über schöne, bleiche Wangen rollen; ein liebes Gesicht schmiegt sich an unsere Brust, und eine leise Stimme flüstert von „nie wieder scheiden“ und ewigem Glück. Und dann küßt man zwei weiße Hände und zieht eine liebe Gestalt neben sich auf das Sopha nieder.

Da hört man denn so Mancherlei, was während der Trennungszeit sich ereignet hat. In Staten-Island war es im Anfang gut gegangen. Die Kinder des luxuriösen Hauses waren hübsch, wild und zutraulich und, obwohl im Anfang ein wenig fremd und scheu, hatten sie sich doch bald an die neue Erzieherin, die freundliche Pflegerin gewöhnt. Und so fand sie ein gewisses Genügen in ihrem Beruf. Es war ihr so neu, Kinder zu erziehen, die Kleinen zu warten, die zarten Wesen zu pflegen. Es machte sie ernst und heiter zugleich, und es gab ihr vor Allem das Gleichmaß ihres Wesens zurück. Allein es war doch beschlossen, daß sie nicht lange bleiben sollte: das Heimweh überfiel sie. In New-York geschah es, wohin sie eines Tages gefahren, um Freunde zu besuchen, eine Familie Ehrenberg. Sie fand diese im Begriffe, mit dem nächsten Schiffe nach Deutschland zu reisen. Da kommt die Sehnsucht über sie wie ein gewappneter Mann. Sie kehrt gar nicht erst nach Staten-Island zurück, die Freunde übernehmen es, ihre Freigebung zu vermitteln und ihre Sachen nach New-York zu befördern; und zwei Tage später schwimmen sie mit ihr auf der weiten See.

So gelangt sie in ruhiger Fahrt nach Hamburg, und weiter nach B., mit der Absicht, nach kurzer Rast mich aufzusuchen.

Zum Abend stellte Alwine mir das liebenswürdige Paar vor. Morgen schon fahren wir nach Darmstadt zu Onkel und Tante meiner Braut; unsere Hochzeitsreise aber denken wir nach Boston und New-York zu machen.

– – – – – – – – –

Das ist die Erzählung meines Freundes, die ich frisch, wie ich sie empfangen, niederschreibe. Zwei Glückliche mehr auf der Welt!



Blätter und Blüthen.


Ein Zweig der Kriegsindustrie. Die Kriegsfurie rastet auf der Balkanhalbinsel, aber wir, die wir als bloße Zuschauer die Blicke nach dem Kriegstheater im Süden richten, wir befürchten, daß sie nur Athem schöpfe, um das grauenvolle Zerstörungswerk von Neuem zu beginnen und ihr Ziel doch endlich zu erreichen. Rußland gleicht einem jungen Riesen, welcher verschmachtet, wenn er kein offenes Meer hat. Darum hämmert er seit Peter’s des Großen Zeiten gegen die morsch gewordene hohe Pforte, welche ihm den Zugang zum mittelländischen Meere verschließt. England, dessen Industrie und Handel in hohem Grade von den indischen Colonien abhängig sind, fürchtet das Wachsthum der nordischen Macht und will um jeden Preis verhüten, daß man den Suezcanal, seine wichtigste Handelsstraße, gefährde. So stehen sich jetzt wieder die beiden großen Nationen feindselig gegenüber. Auch der zweite Congreß kann wieder mit einem Kriege schließen, und der russische Koloß hat sich darauf vorbereitet.

Dieser Kriegsvorbereitung danken wir in Deutschland das Auftauchen einer ganz eigenartigen Industrie. Es ist eine Gelegenheitsindustrie; sie kommt gleich der regenschweren Wolke am heißen Tage, tränkt das durstige Land und verschwindet wieder. Ich spreche von der Anfertigung von Kriegszelten für die russische Armee. Wenn ich den freundlichen Leser bitte, dieser vorübergehenden Erscheinung eine nähere Betrachtung zu schenken, so geschieht es, weil erstens diese Industrie eine ganz eigenartige ist; zweitens, weil dieselbe für wenige Monate etwa dreitausend unbeschäftigten Arbeitern in Berlin Brod verschafft und zum Mindesten ebenso vielen Webern in Schlesien, Westfalen und am Rhein, und endlich, weil dieselbe ein rühmliches Zeugniß für die Leistungsfähigkeit unserer Textilindustrie ablegt.

[402] Die russische Regierung hatte vor einigen Monaten, als England zu rüsten begann, eine Bestellung aus vierhunderttausend Kriegszelte, oder besser Zeltteile zu vergeben, und da die einheimischen Industriellen diese Lieferung bis Mitte Juni nicht auszuführen vermochten, so schloß sie mit zwei Berliner Firmen ab. Von diesen fällt den Herren Frankenstein und Mannheim der Löwenantheil des Auftrags zu. Dieselben machten sich verbindlich, bis zum 16. Juni zweihundertfünfundfünfzigtausend Zelttheile für die Gemeinen und zehntausend Officierszelte zu liefern, wozu etwa eine Million Meter Leinwand verbraucht werden. Die Firma wandte sich sofort an die Weber Schlesiens und des Rheinlands, und ihre Aufträge wurden in der arbeitslosen Zeit überall mit Freuden begrüßt, namentlich aber von den Webern des Zillerthals. In Berlin schlug sie ihre Werkstätten in der Beuthstraße auf. Die Zelttheile zu nähen übernahm Singer’s Manufacturing Company, die Zufuhr der Leinwand sowie die Verschickung der fertigen Zelttheile das Speditionsgeschäft von E. Jacob und Valentin in Berlin.

Hier wollen wir vorausschicken, daß die russischen Lagerzelte, wie sie in der Beuthstraße gearbeitet werden, dem französischen System angehören. Die Franzosen kannten vor der Eroberung Algiers so wenig wie wir in Deutschland den Comfort eines Zeltes für den im Felde stehenden Soldaten. Als aber die Franzosen nach Algier kamen und in den baumlosen Ebenen die versengende Gluth der Sonne spürten, sah die Militärverwaltung ein, daß der Soldat so gut sein Lagerzelt haben müsse wie der Beduine. So wurde das Sommerzelt erfunden. Das französische Zelt besteht aus sechs Theilen in quadratischer Form. Jedes dieser Leinwandstücke mißt hundertfünfundsechszig Centimeter in der Länge und der Breite, hat einen starken Rand, und in diesem Rande in haarscharf abgemessenen Zwischenräumen starke Oesen. Jeder Soldat trägt ein solches Leinwandstück, das sechstel eines ganzen Zeltes, in seinem Tornister, ferner einen Zeltstock, der, um ihn bequem transportiren zu können, in zwei Theile getheilt ist und vermittelst einer Messinghülse wieder verbunden wird. Treten nun sechs Soldaten zu einem Consortium zusammen, so sind sie in der Lage, ein gemeinsames Zelt aufzuschlagen, denn die Oesen der verschiedenen Zelttheile passen genau auf einander und werden durch dünne Stricke wie durch eine grobe Naht mit einander verbunden. Man rammt nun zwei Zeltstöcke in die Erde und verbindet diese an den oberen Spitzen durch horizontalliegende Stäbe. Mit Hülfe dieser Stütze richtet man vier zusammengefügte Leinwandflächen zu einem Schutzdache auf, das an den unteren Enden durch Holzpflöcke an der Erde festgehalten wird. Die beiden noch übrig bleibenden Zelttheile verwendet man, um die zwei offenen Seiten des Zeltes zu bedecken.

Die Zelttheile haben ein geringes Gewicht und sind leicht unterzubringen. Legt man sie einfach zusammen, so geben sie die denkbar bequemste Tragbahre ab zum Fortschaffen der Verwundeten. Außerdem gewährt die wasserdichte Leinwand dem Soldaten eine trockene und weiche Unterlage, wenn er sich auf feuchtem Boden auszustrecken gedenkt. Die Officierszelte, welche mit dem Bagagewagen transportirt werden, sind einundeinfünftelmal größer, als jene der gemeinen Soldaten; im Uebrigen werden sie gleich einfach construirt.

Was nun die Anfertigung der Zelte betrifft, so werden hier durch die Arbeitsteilung überraschende Resultate erzielt. Treten wir in den großen Arbeitssaal, in welchem dreihundert Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt sind, so erhalten wir ein erstaunlich lebendiges Bild hastiger Geschäftigkeit.

Bei Tagesanbruch senden die Spediteure schon ihre Geschirre an die verschiedenen Bahnhöfe, um die einlaufende Leinwand der Fabrik zuzuführen. Hier in den Arbeitssälen werden die Ballen ausgepackt und jedes Stück vermittelst einer Rolle aufgewickelt und über einen Meßtisch geführt. Auf dem Meßtisch wird das Stück Leinwand in zwanzig Zelttheile zerschnitten. Diese zwanzig Theile werden nach dem Ausgebetisch getragen, wo bereits die Näherinnen stehen, welche dieselben in Empfang nehmen, um die Bahnen an einander zu nähen und den Saum mit der Singermaschine aufzusetzen; jede von ihnen besitzt einen Maßstab, welcher genau die Länge und Breite angiebt. An einem anderen Tische werden die fertig genähten Stücke zurückempfangen. Diese wandern dann zuerst in die Hände flinker Arbeiterinnen, welche mit blauem Stift die Stelle markiren, welche durchlocht werden soll. Eine Anzahl kräftiger Männer schlägt mit der Stanze die Löcher ein, dann gehen die Zelttheile in die Hände der Arbeiterinnen über, welche jene Messing-Oesen aufzuschlagen haben, durch die der Rand des kreisförmigen Loches vor dem Aufschlitzen bewahrt wird. Ist das Zelttheil fertig, so macht es den Weg nach den Abnahmetischen. Drei russische Agenten sind mit dem Geschäft der Abnahme der Lieferung betraut. Jeder von diesen steht mit zwei Gehülfen vor einem Meßtisch, welcher genau dieselbe Quadratfläche hat, die das Zelt besitzen soll. Man breitet nun das letztere auf dem Tische aus, und decken sich seine Ränder genau mit jenen des Tisches, so wird es angenommen und zur Erde geschoben, wo es Arbeiter aufraffen und zur Packkammer tragen. Die Abnahme geschieht gleichfalls in großer Eile, denn es werden täglich etwa fünftausend Zelttheile angefertigt, und alle müssen über jene drei Meßtische wandern. In der Packkammer werden je hundert Zelte zu einem Ballen verpackt und durch die Firma Jacob und Valentin nach Petersburg befördert.

So werden in wenigen Wochen hier Zelte genug angefertigt, um ein ganzes deutsches Fürstenthum oder eine Provinz damit zu beschatten. Diese transitorische Erscheinung auf dem industriellen Gebiet hat unserer notleidenden Arbeiterbevölkerung großen Segen gebracht.

Was nun die Annehmlichkeiten des Zeltes für den Soldaten betrifft, so darf man sich keinen ausschweifenden Vorstellungen hingeben. So viel ich in den Feldzügen des letzten amerikanischen Bürgerkrieges erfahren habe, bietet das Zelt gegen Hitze und Kälte beinahe gar keinen Schutz. Es ist wahr, daß es in heißen Länderstrichen etwas die sengende Gluth der Sonnenstrahlen abschwächt, allein es raubt uns dafür auch manchen frischen, erquickenden Luftzug. Ist die Luft im Zelte einmal heiß geworden, so dauert es immer eine Zeit lang, bis die schwüle Atmosphäre durch den kühlen Abendwind wieder verdrängt wird. Dann hat das Zelt den Nachteil, daß sich Mosquitos und anderes Geschmeiß mit Vorliebe in seinem Bereich aufhält. Haben sich diese Blutsauger einmal in’s Zelt verirrt, so kann man die Quälgeister nur dadurch los werden, daß man sie ausräuchert. Der arme Soldat muß aber dann selber sein hartes Lager aufgeben und sich eine Zeit lang im Freien ergehen.

Den größten Dienst leistet uns das Zelt dadurch, daß es den kalten und höchst gesundheitsgefährlichen Nachtthau abhält. Und gerade aus dieser Rücksicht ist es für die russische Armee von hohem Werth, denn auf der Balkanhalbinsel erzeugt der stark fallende Nachtthau bekanntlich sehr bald Fieberkrankheiten der schlimmsten Art. Auch als Schutz gegen Regengüsse ist das Zelt wirksam, wenn seine Bewohner es mit guten Wassergräben umziehen. Bei heftigen Gewittern freilich hat man mit dem leinenen Schutzdach seine liebe Noth. Noch sind mir die Sommermonate vor Bicksburg lebhaft im Gedächtniß, in denen wir unterm Zeltdach Scenen der tragikomischsten Art erlebten.

Bei alledem kann der an das Lagerleben gewöhnte Soldat das Zelt lieb gewinnen, und es verwebt sich eng mit seinen Vorstellungen. Der geniale Feldherr der amerikanischen Südstaaten, Stonewall Jackson, liefert den besten Beweis dafür, denn er starb mit den Worten: „Laßt uns über den Strom setzen und unsere Zelte im Schatten aufschlagen!“

R. Elcho.



Das Heil der Menschheit. (Mit Abbildung, Seite 399.) Die „Saison“ beginnt; in Sommerfrischen und Bädern wurde gerüstet, und erwartungsvoll blicken Direktionen, Badeärzte, Hausbesitzer, Wirthe und was sonst von sommerlichem Fremdenbesuch Nutzen und Nahrung zieht, den Wanderflügen der erholungsbedürftigen Menschheit entgegen. Und wer von uns modernen, fieberhaft arbeitenden, viel sitzenden, in den Dunstkreis großer Städte zusammengeschnürten Menschenkindern wäre nicht erholungsbedürftig? Wo – fragen wir – lebt heute der glückliche Mann, der von sich rühmen könnte: Ich bin kerngesund! Gesetzt auch, daß er an keinem anderen Uebel litte, vielleicht quält ihn doch das Leiden so vieler Männer – eine kranke Gattin. Wahrlich, wenn das wirthschaftliche Gesetz, daß die Nachfrage das Angebot steigert, allgemeine Geltung hat, so ist der Beleg dafür, wie schlimm es heute mit dem Ebenbilde Gottes bestellt ist, nicht schwer zu liefern; die wachsenden Cur-Anpreisungen in den Zeitungen allein genügen als Gradmesser für das steigende Heilbedürfniß. Der liebenswürdige Humor unseres geschickten Zeichners hat sie zu stattlichem Tableau gruppirt, die Hoffnungsanker, welche sich der leidenden Menschheit darbieten, und es giebt ihrer noch mehr, als er unterzubringen vermochte, sie alle fordern Vertrauen und finden Vertrauen, von der ernsten Wissenschaft bis hinab zum frechsten Schwindel, und eben daß die Charlatanerie im Umsehen ihre Vertreter bereichert, darin liegt das betrübende Zeugniß dafür, wie häufig selbst die solidesten jener Hoffnungsanker sich doch nur als – Strohhalme erweisen.

Das Heil der Menschheit! Wie mancher Unglückliche, welcher die allopathische und die homöopathische Apotheke, die Curbrunnen und die Wasser- und Naturheilkunde aus Erfahrung kennt und gleichwohl noch immer seufzend sein Leiden trägt, wird dem Künstler im Geiste die Hand drücken und, wenn anders er sich die Freiheit des Geistes bewahrt hat, mit melancholisch-spöttischem Lächeln auf dem Schlußbildchen ausruhen, in welchem Freund Hein, der große Erlöser, auf Arbeit wartet. Es ist ein feiner Humor, der hier den Stift geführt hat, aber es ist doch – Galgenhumor.


Ein Denkmal für Corona Schröter. In Guben, der Vaterstadt der berühmten Tragödin und Freundin Goethe’s Corona Schröter (Gartenlaube 1875, Nr. 41), sind Verehrer derselben zu einem Comité zusammengetreten, um ihr, „der ersten deutschen Iphigenia“, auf dem schönen Platze vor dem dortigen Theater ein würdiges Denkmal zu setzen. Indem wir dem sinnigen Unternehmen besten Fortgang wünschen, laden wir alle Freunde und Verehrer deutscher Kunst ein, durch Beiträge an das Comité (Adresse: Herr Albert König zu Guben) die Verwirklichung der beachtenswerthen Idee zu fördern.



Kleiner Briefkasten.

Volkmar in K. Die Schwierigkeit der Beschaffung von Löffeln aus reinem Banka-Zinn wundert uns durchaus nicht. In dem betreffenden Artikel (Nr. 44, 1877) wird ja ausdrücklich darauf hingewiesen, daß eben dieses früher häufig im Gebrauche befindlich gewesene Fahrikat von den bleihaltigen verzinnten Eisen-Löffeln und denjenigen aus Compositionsmetall verdrängt worden sei. Uebrigens ist reines (nicht blei- und zinkhaltiges) sogenanntes Britanniametall, eine Legirung aus Zinn mit einer Beimischung von Kupfer, für die Gesundheit durchaus nicht nachtheilig. – Im weiteren Verlaufe Ihres Briefes stellen Sie die Behauptung auf, daß es für eiserne emaillirte Kochgeschirre keine Untersuchungsmittel gäbe. Dieser Bemerkung zu entgegnen halten wir für überflüssig, besonders nachdem in mehreren Nummern der „Gartenlaube“ Fabriken eiserner Kochgeschirre von uns namhaft gemacht wurden, deren eingesandte Fabrikate durch unseren ärztlichen Mitarbeiter chemisch untersucht und bleifrei befunden worden sind. Wer die Kenntnisse nicht besitzt, derartige Fabrikate selbst zu untersuchen, muß eben die Angaben Sachverständiger als bindend erachten oder sich auf dem Privatwege an einen Chemiker wenden, um sich so noch eine Specialberuhigung zu verschaffen.

Erbschaft in Brasilien. Frau Professorin Beltz, die sich in Elberfeld, Wiesbaden oder Homburg aufhalten soll, die Mutter eines Hugo Beltz, welcher in Buenos Ayres gestorben ist, bitten wir behufs wichtiger Mittheilungen um ihre Adresse.

[403]
Der zweite Juni in Berlin.

Ein Volk in Waffen mag erhebender sein: das Ergreifendste, was ich im Leben sah, es ist ein Volk in Thränen. Wer den 2. Juni 1878 in Berlin miterlebt hat, für den ist dieses Wort keine Uebertreibung. Selbst dann, wenn es der Kunst der Aerzte, wie Europa hofft, gelingen wird, die Gesundheit des Kaisers wieder herzustellen, selbst dann wird der 2. Juni 1878 ein Trauertag bleiben für die deutsche Nation. Nach dem bübischen Schurkenstreiche vom 11. Mai hatte Kaiser Wilhelm mit großmüthigem Vertrauen die Schuld selbst von seinem Volke gewälzt, hatte das Verbrechen zur Unthat eines Einzelnen gestempelt und legte sein geweihtes Haupt lächelnd wieder nieder, von der Liebe der Nation allein bewacht. Mit Rührung nahmen die Berliner es wahr, daß ihr greiser Fürst nach wie vor seine Spazierfahrten unternahm und zur bestimmten Stunde in seinem schlichten Wagen unbeschützt an der Stelle vorüberfuhr, an welcher Hödel’s mörderische Hand nach ihm gezielt hatte. Und die Berliner grüßten mit verdoppelter Liebe, und der Kaiser dankte mit mildem Lächeln. Und wieder knallen die Schüsse, diesmal aber sinkt der Kaiser halb ohnmächtig zurück. Er ist verwundet.

Es war die zweite Nachmittagsstunde des Sonntags. Ich befand mich eben im Bureau des „Montagsblattes“, um einen Artikel zu corrigiren, der – ja, wer weiß noch, was er unmittelbar vor der Schreckensnachricht that – da stürzt ein alter Mann herein. Schweiß trieft von seiner Stirn, und aus seinen Augen fließen Thränen. Er kann nicht sprechen. Auf dem Sopha bricht er zusammen und blickt auf uns, als wollte er sagen: „Ihr Glücklichen, Ihr wißt es noch nicht!“

Wir waren seit einigen Stunden durch manchen traurigen Anblick abgestumpft; die Verwandten der Mannschaft des „Großen Kurfürsten“, welche von der Zeitung Gewißheit über das Loos ihrer Lieben verlangten, hatten uns die Qualen des Menschenherzens schmecken lassen. Aber solche Verzweiflung hatten wir noch nicht gesehen. Da rang es sich los von den Lippen des alten Mannes: „Kaiser …. geschossen.“ Und wieder sank er schluchzend zurück. Wir waren entsetzt, aber wir glaubten es nicht. Da öffnet sich die Thür und ein Freund tritt herein, der uns stets durch seinen Gleichmuth in Erstaunen setzt. Sein Auge ist trocken, aber seine Kniee schwanken. Er hat von Augenzeugen gehört, daß ein zweites Attentat auf den Kaiser verübt worden sei. Er halte es nicht für möglich, sagt er, aber aus seinem Antlitze ist der letzte Blutstropfen gewichen. Und neue Boten kommen. Unten sammeln sich Leute. Sie haben Mühe, ein Kind zu beruhigen, das entsetzlich weint, weil man, wie es sich ausdrückt, dem Kaiser weh gethan hat. Sie sagen zu dem Kinde, wie zu sich selber: „Es ist nicht wahr!“ Aber ihre Mienen sind verstört.

Die letzte Hoffnung dahin. Ein Augenzeuge ist da. Von heftigen Frostanfällen unterbrochen, erzählt der junge Mann bruchstückweise, was er sah. Seine Finger zittern. Bald flüstert er kaum hörbar; bald schreit er auf, wie in einem wüsten Traume. Er war der Nächste beim Kaiser, als die That erfolgte. Er war in den Wagen gesprungen, um den Kaiser zu unterstützen. Und der Kaiser hatte ihm – ihm noch gedankt und befohlen, nach Hause zu fahren. Da entdecken wir Blut an der Hand und an der Manschette des Erzählers. „Sind Sie auch getroffen?“

– „Das Blut des Kaisers,“ stammelt der junge Mann. Wir weichen erschüttert zurück. –

Unten wird der Volkshaufen immer dichter. Lärmend verlangen sie Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Man vertröstet sie auf das Extrablatt, das demnächst erscheinen soll. Da kehrt ein Mitarbeiter auf raschem Wagen aus dem kaiserlichen Palais zurück, wohin er entsendet worden war, um Erkundigungen einzuziehen. Schon ist er vom Volke umdrängt. „Wie geht’s dem Kaiser?“ „Dem Kaiser?“ Der Arme ringt nach Worten. Man sieht es ihm an, seine Nachrichten sind tröstlich. Endlich beginnt er: „Der Kaiser leidet große Schmerzen …“ Ein Weinkrampf macht seinem Bericht ein Ende. Und Alle, die ihn hören, weinen mit ihm.

„Der Kaiser leidet große Schmerzen.“

Endlich beginnt die Maschine zu arbeiten. Binnen wenigen Minuten verlassen ganze Stöße von den leichten Blättern der Extranummer das Haus und tragen das Entsetzen in den fernsten Winkel von Berlin. Und zugleich spielt der Telegraph nach allen Richtungen und verkündet das Hallunkenstück. Und überall auf Erden, wo Deutsche wohnen, da fühlen sie, daß Deutschland geschändet ist, und überall, wo Menschen wohnen, da antwortet man ihnen, daß die Menschheit geschändet ist.

Es ist der Nachmittag eines Sonntags. Die Berliner haben die freie Natur oder doch die grünen Plätze vor der Stadt aufgesucht. Noch ahnen sie nicht, was hinter ihnen geschah. Da kommt auch zu ihnen das Gerücht, immer bestimmter und zuverlässiger, bis sie es glauben müssen. Da brechen sie auf und kehren in die Stadt zurück. Wie auf Verabredung leeren sich alle Vergnügungslocale im Umkreise Berlins. Die Pferdebahnwagen, die Omnibusse, sie fahren leer aus der Stadt hinaus – an einem Sonntagnachmittag! – und kehren überfüllt zurück. Am mächtigsten ist der Eindruck im Zoologischen Garten. Es ist der erste Sonntag im Monat, der sogenannte „Fünfundzwanzigpfennigtag“. Wohl an fünfzigtausend Menschen treiben sich in den reizenden Anlagen umher, bewundern die seltenen Thiere und freuen sich der schönen Musik. Da plötzlich bemächtigt sich eine unerhörte Aufregung der Menge. Schon theilt der Director von der Tribüne herab die Schreckensthat mit. Die Musikcapelle verstummt; das Publicum flieht aus dem Garten, als hätte jeder Einzelne die Nachricht, sein Liebstes läge krank daheim und verlange nach ihm.

Was die Leute mit einander reden, läßt sich mit Worten nicht wiedergeben. Sie lechzen nach dem Blute des Mörders. Wenn er jetzt unter sie träte, Niemand könnte ihn vor dem Zerrissenwerden schützen. – Die Todesstrafe sei zu gering für ihn; neue Martern müsse man erfinden. Und wie die Phantasie nach neuen unerhörten Qualen sucht, mit denen das unerhörte Verbrechen zu ahnden wäre, so sucht der Mund nach einem Namen für den Schuft, der das deutsche Volk vor dem Auslande in so unauslöschlicher Weise gedemüthigt hat. Man schaudert, wenn man die Schmähreden hört, aber man beneidet die urwüchsigen Leute um die Freiheit ihrer Sprache. Wie gern würde auch die gebildete Feder dieses Geschöpf so benennen, wie es verdient – den Hund!

Plötzlich ein Schrei! Ein Arbeiter hat den Mörder mit der allgemeinen Noth zu entschuldigen versucht. Sofort wird Lynchjustiz geübt, und das energische Einschreiten Besonnener kann ihm kaum das nackte Leben retten.

Endlich ist die heranfluthende Schaar vor dem Palais des Kaisers angelangt. Welch ein Bild!

Als am 11. Mai der hohe Herr, unberührt von Hödel’s Kugeln, in seinen Palast zurückkehrte, war das ein Jubeln! „Es ist ein Tag wie nach Sedan,“ sagten die Berliner. Fahnen flatterten von allen Dächern. Ununterbrochen, stundenlang standen hunderttausend Männer und Frauen aus allen Ständen da und winkten mit den Tüchern und riefen Hurrah, bis der Kaiser auf dem Balcon erschien und ihnen dankte. Heute stehen ihrer wieder Hunderttausend vor dem Palais, aber kein Laut wird hörbar, keine Fahne wird sichtbar. „Der Kaiser braucht Ruhe,“ flüstern sie einander zu und ziehen sich auf viele hundert Schritte vom Hause des Kranken zurück. Kaum braucht es des Winkes eines der zahlreichen Schutzleute. „Heute krakehlen wir nicht,“ sagt ein graubärtiger Maurer und wischt sich die Augen.

Der Unterschied von Hoch und Niedrig ist verschwunden. Ein General tritt aus dem Palais; sofort ist er vom Volke umringt und wird nicht eher frei gelassen, als bis er erzählt hat, was er Neues vom Befinden des wunden Kaisers weiß. Mit militärischer Klarheit beschreibt er den zuhörenden Dienstmädchen den Weg, den das Schrot genommen. Dort erzählt mit mühsam zurückgehaltener Stimme ein Dienstmann zum fünfzigsten Male, wie er den Mörder gepackt hat, und Geheimräthe horchen auf seine Worte.

Spät Nachts ist es geworden. Noch immer rufen die Jungen mit heiserer Stimme die neuesten Extrablätter aus, doch man kann sie nicht mehr lesen. „Der Kaiser schläft,“ ist der neueste Bericht. „So gehen wir nach Hause!“ Ruhig zerstreut sich die Menge. Ein Wunsch beseelt sie Alle: „Möge der Kaiser von seinen Wunden genesen!“

„Aber der Mörder auch!“ Und die Fäuste ballen sich.

F. M.     

[404]

An den Kaiser.

Wir kommen durch ein stumm Gewühl,
Durch Grimm und bange Schauer,
Mein Kaiser auf dem Leidenspfühl,
Wir kommen mit Zorn und Trauer,

5
Und was wir reden mit heißem Mund

Vor Dir, Du Held in Schmerzen,
Das reden auf weitem Erdenrund
Jetzt alle deutschen Herzen.

Mein Kaiser, der uns groß gemacht,

10
Zum Wunder und zum Neide,

Wir hatten Dich lieb in Fürstenpracht
Und schlichtem Bürgerkleide:
Wir wollten Deiner Jahre Schluß
Mit Liebe kränzen und stützen,

15
Und konnten doch vor dem Mörderschuß

Dein greises Haupt nicht schützen!

Wir haben gejauchzt, als Dich der Tod
Verfehlt vor wenig Wochen:
Die Natter, die umsonst gedroht,

20
Nun hat sie Dich doch gestochen;

Sie hat mit ihrem Haß durchtränkt,
Vergiftet Deine Wunden –
Mein Kaiser, den uns Gott geschenkt:
Ach, lasse Dich Gott gesunden!

25
Mein Fürst, kein Deutscher vergoß Dein Blut –

Wir schütteln von uns die Schande –
Die heimathlose, die Natternbrut,
Die that es im deutschen Lande.
Ob sie mit deutschem Brod gespeist,

30
Gelehrt aus deutschem Buche:

Sie sind nicht Erben an unsrem Geist,
Noch wir an ihrem Fluche.

Mein Kaiser wund und schmerzensvoll –
Daß Dir’s Dein Weh versüße:

35
Wir bringen Dir Deutschlands Gram und Groll,

Wir bringen Dir Deutschlands Grüße.
Die Glocken schallen von dort und hier –
Jetzt wollen wir für Dich beten,
– Und rettet Dich Gott, dann helfen wir

40
Der Schlange den Kopf zertreten.
Victor Blüthgen.




„Nationales Unglück!“

So nennen alle öffentlichen Stimmen, so nennt jeder ehrliche Deutsche Das, was drei Tage des Mai und der entsetzliche zweite Juni über uns verhängt haben. Wohin ist es mit Deutschland gekommen! Welchem Redlichen unter uns zittert jetzt nicht das Herz im überwältigenden Gefühle der soeben vor aller Welt erlebten unermeßlichen Schmach und Schande, wenn er zurückdenkt an die Zeiten unbefleckter Volksehre, wo das ganze Volk noch mit Begeisterung singen konnte:

„O Deutschland, heiliges Vaterland,
Du Vaterland der Treue!“

Am elften Mai richtet ein verkommener und verführter Bube auf deutschem Boden das Mordgewehr gegen das greise Haupt des Reichs; am sechsundzwanzigsten Mai tobt in London eine deutsche Rotte von demselben Menschenwerthe im Vereine mit ebenbürtigen Franzosen und Engländern, das Gastrecht besudelnd, vor der Wohnung des deutschen Kronprinzen, und am zweiten Juni vergießt ein Mensch, den deutsche Wissenschaft genährt, vergiftet von demselben Geiste, das theure Blut des Kaisers. – Wohin wir auch den Blick über unsere Grenzen richten, in Scham und Schande müssen wir ihn senken vor Dem, was bei uns, im Lande der besten Schulen, der höchsten Bildung, möglich geworden ist.

Ja, es ist weit mit uns gekommen! Wir wandeln auf einem Vulcan. Wir leben in einem Reiche, in welchem der greise Mann und Held, der es Millionen zu Dank schuf, nicht mehr seines Lebens sicher ist. Er, der für uns so oft vor dem Tode gestanden, darf sich kaum an das Fenster seines Hauses wagen, so bedrohen ihn die Kugeln deutscher Meuchelmörder. –

Wenn das Furchtbare geschähe, wenn der geplante Mord wirklich der ausgefeimten Bosheit gelänge – keine Sühne wäre groß genug, um den Schandfleck aus der deutschen Geschichte auszutilgen: in Deutschland ist der Kaiser, der erste deutsche Kaiser ermordet worden! Verewigen würden diese Schmach die Weltgeschichtsbücher aller Nationen. Und vor der Gefahr dieser ewigen Schande stehen wir jeden Tag; jeder Tag droht uns mit einer solchen Entehrung unserer Geschichte, der Geschichte unserer Gegenwart.

Und was rettet uns aus diesem Elende? Nicht ein Schutzgesetz, das nur vorübergehend schreckt und von Neuem die Kräfte lähmt, sondern allein die von eisernem Willen unternommene Gegenarbeit Aller, welche ihr Vaterland noch lieben und das Recht und den gerechten Anspruch Aller auf bürgerliche Sicherheit wahren und achten wollen.

Es wäre trostlos, in dieser Zeit zu leben, wenn nicht Eines, eine erhebende Erscheinung, uns das Vertrauen aufrecht hielte auf das deutsche Volk: das ist die allgemeine Entrüstung, die laut aufbrausende Empörung über die Schandthaten und das nationale Unglück dieser Tage. Ja, es giebt noch eine deutsche Nation, die das deutsche Herz rein erhalten und die deutsche Ehre rein waschen will von den Flecken, mit denen sie ein ruchloser Wahn beschmutzt hat. Die Aeußerungen der Liebe wie des Hasses haben abermals bewiesen, daß die Nation zu der Größe, welche sie 1870 gezeigt, noch heute fähig ist. Ihre Liebe und ihr Haß offenbart die edle Natur des Löwen, während die schmutzigen Hyänen in den Winkeln lauern.

Möge uns diese Hoffnung nicht täuschen! Möge der schweren Heimsuchung die Ermannung entsprechen und deutsche Thatkraft aller Welt beweisen, daß sie gegen jede Vergewaltigung, komme sie von unten oder oben, auf der Wacht ist!




Und daß bei uns kein großes Unglück allein stehe, so muß noch ein dritter Maitag ein kaum errungenes nationales Gut und den Frieden und die Freude vieler Familien zugleich mit dem härtesten Schlage treffen. Zur Schlag auf Schlag wachsenden Schmach kommt die tiefe Trauer über das Schicksal unserer jungen Kriegsflotte am letzten Tage dieses verhängnißvollen Mai: der Untergang unserer Panzerfregatte „Der große Kurfürst“.

Wir brauchen unseren Lesern den Hergang dieses furchtbaren Ereignisses nicht zu erzählen; sie kennen ihn, soweit er überhaupt bekannt geworden, aus den Blättern der Tagespresse. Aber anschließen wollen wir uns an diejenigen Redactionen, welche bereits in ganz Deutschland zu Sammlungen für die Hinterbliebenen der mit dem Schiffe Untergegangenen aufgefordert haben.

Nach dem Berichte des Admirals Batsch sind von vierhunderteinundneunzig Mann Besatzung nur zweihundertsiebenzehn gerettet; vermißt werden zweihundertvierundsiebenzig. Wie viel Wittwen und Waisen, Eltern und Geschwister stürzte der jähe Tod so viel frischesten, blühendsten Lebens in unsäglichen Jammer und in Noth! Da gilt es, daß wir unsrer langen Klage und Sehnsucht nach einer „deutschen Flotte“ gedenken und keinen Augenblick vergessen, daß auch diese unsere Kämpfer zur See im Dienste des Vaterlandes gestorben sind.

Bedarf es, den Lesern der „Gartenlaube“ gegenüber, noch irgend eines Wortes der Bitte? – Nein! Wir sind nach zahlreichen Erfahrungen auf diesem Felde opferfreudigen Gemeinsinns der altbewährten Bethätigung ihrer Vaterlands- und Menschenliebe sicher. Ueber alle Gaben, welche bei uns eingehen, werden wir in unserm Blatte gewissenhaft quittiren.

Die Redaction der „Gartenlaube“.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Jahrgang 1876